Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Die Kriegskomödie [40]
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 5 vom 5. Juni 1848]
       * Schleswig-Holstein.  In der  Tat, die  Annalen der  ganzen  Ge-
       schichte haben  keinen solchen  Feldzug, kein so frappantes Wech-
       selspiel zwischen  Waffengewalt und  Diplomatie auf  zuweisen wie
       jetzt unser  einheitlich-deutschnationaler Krieg  mit dem kleinen
       Dänemark darbietet! Die Großtaten der alten Reichsarmee mit ihren
       sechshundert Anführern, Generalstäben und Kriegsräten, die gegen-
       seitigen Schikanen  der Anführer  der Koalition von 1792, die Or-
       dres und  Kontreordres des  seligen k.k. Hofkriegsrats, alles das
       ist ernsthaft, ergreifend und tragisch gegen die kriegerische Ko-
       mödie, welche  die neue  deutsche Bundesarmee [41] dermalen unter
       dem schallenden  Gelächter von  ganz Europa in Schleswig-Holstein
       aufführt.
       Verfolgen wir kurz die Intrige dieser Komödie.
       Die Dänen  rücken von  Jütland vor  und landen  Truppen in  Nord-
       schleswig. Die  Preußen und  Hannoveraner besetzen  Rendsburg und
       die Eiderlinie.  Die Dänen,  trotz aller deutschen Renommagen ein
       rasches, mutiges  Volk, greifen schnell an und werfen die schles-
       wig-holsteinsche Armee  durch   e i n e  Schlacht auf die Preußen
       zurück. Diese sehen ruhig zu.
       Endlich kommt  von Berlin der Befehl zum Vorrücken. Die vereinig-
       ten deutschen  Truppen greifen die Dänen an und erdrücken sie bei
       Schleswig durch die Übermacht. Der Sieg wird namentlich entschie-
       den durch  die Geschicklichkeit,  mit der  die pommerschen Gardi-
       sten, wie  weiland bei  Großbeeren und Dennewitz [42], den Kolben
       handhaben. Schleswig  ist wieder  erobert und  Deutschland ist im
       Jubel über die Heldentat seiner Armee.
       Inzwischen bringt die dänische Flotte - nicht zwanzig Schiffe von
       Bedeutung im ganzen zählend - die deutschen Kauffahrer auf, bloc-
       kiert alle deutschen Häfen und deckt die Übergänge zu den Inseln,
       wohin sich  die Armee  zurückzieht. Jütland wird preisgegeben und
       teilweise von  den Preußen  besetzt, die  eine Kontribution von 2
       Millionen Spezies ausschreiben.
       
       #35# Die Kriegskomödie
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       Ehe aber  noch ein  Taler von der Kontribution eingegangen, macht
       England Vermittlungsvorschläge  auf der Basis eines Rückzuges und
       der Neutralität  Schleswigs, schickt Rußland drohende Noten. Herr
       Camphausen geht  richtig in  die Schlinge,  und auf seinen Befehl
       ziehen die  siegestrunkenen Preußen  von Veile nach der Königsau,
       nach Hadersleben,  nach Apenrade, nach Flensburg zurück. Sogleich
       sind die bisher verschwundenen Dänen wieder da; sie verfolgen die
       Preußen Tag  und Nacht,  sie bringen  Unordnung in ihren Rückzug,
       sie landen  an allen  Ecken, schlagen  die Truppen  des 10.  Bun-
       deskorps bei  Sundewitt und weichen nur der Überzahl. Bei dem Ge-
       fecht vom  30. Mai  entschieden wieder  die Kolben,  diesmal  ge-
       schwungen von  den rechtschaffenen Fäusten der Mecklenburger. Die
       deutschen Einwohner  flüchten mit den Preußen, ganz Nordschleswig
       ist der  Verwüstung und  Plünderung preisgegeben,  in Hadersleben
       und Apenrade  weht wieder  der Dänebrog  1*). Man  sieht, daß die
       preußischen Soldaten  aller Grade in Schleswig so gut wie in Ber-
       lin Ordre parieren.
       Auf einmal  kommt Befehl  von Berlin:  die Preußen  sollen wieder
       vorrücken. Jetzt  geht's wieder lustig vorwärts nach Norden. Aber
       die Komödie ist noch lange nicht zu Ende. Wir wollen abwarten, wo
       die Preußen diesmal den Befehl zum Rückzuge erhalten werden.
       Kurz, es  ist ein  wahrer Kontretanz,  ein kriegerisches Ballett,
       welches das  Ministerium Camphausen  zu seinem  eigenen Vergnügen
       und zum Ruhm der deutschen Nation aufführen läßt.
       Vergessen wir nur nicht, daß die Beleuchtung der Schaubühne durch
       brennende schleswigsche  Dörfer und der Chorus durch das Rachege-
       schrei dänischer Marodeurs und Freischärler gebildet wird.
       Das Ministerium  Camphausen hat  bei dieser  Angelegenheit seinen
       hohen Beruf  bekundet, Deutschland  nach außen  zu vertreten. Das
       durch seine  Schuld zweimal  der dänischen Invasion preisgegebene
       Schleswig  wird   das  erste   diplomatische  Experiment   unsrer
       "verantwortlichen" Minister in dankbarem Angedenken behalten.
       Vertrauen wir  der Weisheit und Energie des Ministeriums Camphau-
       sen!
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.
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       1*) Dänische Staatsflagge

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