Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Die "Kölnische Zeitung" über Italien
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 87 vom 27. August 1848]
       ** Köln,  26. August.  Wir waren  gestern dazu  verurteilt, einen
       Belletristen, den  Herrn Wilhelm  Jordan von  Berlin, vom weltge-
       schichtlichen Standpunkt  herab politisch  kannegießern zu hören.
       1*) Das  Schicksal verfolgt  uns unerbittlich.  Ein ähnliches Los
       trifft uns heute: Die Haupterrungenschaft des März besteht darin,
       daß die Belletristen die Politik gepachtet haben.
       Herr Levin  Schücking von  Münster, das vierte oder fünfte Rad am
       Annoncenwagen des  Herrn Dumont,  hat in der "Kölnischen Zeitung"
       [104] einen Artikel über "unsere Politik in Italien" erlassen.
       Und was sagt "mein Freund Levin mit den Gespensteraugen"? [296]
       
       "Es ist  kein    g l ü c k l i c h e r e r    Augenblick  je  für
       Deutschland dagewesen  als der  jetzige, um seine Politik Italien
       gegenüber auf  eine gesunde,  für Jahrhunderte  Dauer verheißende
       Unterlage zu  stellen. Wir  haben glorreich"  (! durch den Verrat
       Karl Alberts)  "den Schimpf  abgewaschen, womit unsere Fahnen von
       einem im Glück leicht übermütigen Volke beschmutzt wurden: An der
       Spitze eines  unübertrefflichen, im Siege und Kampf nicht allein,
       sondern auch  im Dulden und Ausharren bewunderungswürdigen Heeres
       hat die  barba bianca,  der  W e i ß b a r t,  Deutschlands glor-
       reichen (!?) Doppelaar auf die Zinnen der  e m p ö r t e n  Stadt
       gepflanzt, wo  vor mehr  als sechshundert  Jahren der kaiserliche
       R o t b a r t   diesselbe Banner  fliegen ließ  als   S y m b o l
       v o n   D e u t s c h l a n d s   H o h e i t   ü b e r    I t a-
       l i e n.  D i e s e  H o h e i t  g e h ö r t  n o c h  h e u t e
       u n s."
       
       So spricht Herr Levin Schücking von der "Kölnischen Zeitung".
       Damals, als  die Kroaten  und Panduren  [97] Radetzkys  von einem
       waffenlosen Volk  nach fünftägigem  Kampf aus  Mailand  herausge-
       schlagen wurden '96', damals, als das "bewunderungswürdige Heer",
       bei Goito  gesprengt, sich nach Verona zurückzog - damals schwieg
       die politische Leier "meines Freundes
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 341-346
       
       #370# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Levin mit  den  Gespensteraugen"!  Aber  seitdem  die  verstärkte
       österreichische Armee  durch den  ebenso feigen wie ungeschickten
       Verrat Karl  Alberts -  einen Verrat, den wir unzählige Male vor-
       hergesagt -  zu einem  unverdienten Siege  gekommen, seitdem  er-
       scheinen die  benachbarten  Publizisten  wieder  auf  dem  Platz,
       seitdem trompeten  sie von  "abgewaschenem Schimpf", seitdem ris-
       kieren sie  Parallelen zwischen Friedrich Barbarossa und Radetzky
       Barbabianca, seitdem  ist das heldenmütige Mailand, das die ruhm-
       vollste Revolution  von ganz 1848 gemacht, nur noch eine "empörte
       Stadt", seitdem  gehört uns  Deutschen,  denen  sonst  nie  etwas
       gehört, die "Hoheit über Italien"!
       "Unsere Fahnen!" Die schwarzgelben Lappen der Metternichschen Re-
       aktion, die man in Wien mit Füßen tritt - das sind die Fahnen des
       Herrn Schücking von der "Kölnischen Zeitung"!
       "Deutschlands glorreicher  Doppelaar!" Dasselbe heraldische Unge-
       heuer, dem  bei Jemappes, bei Fleurus, bei Millesimo, bei Rivoli,
       bei Neuwied,  bei Marengo,  bei Hohenlinden, bei Ulm, bei Auster-
       litz, bei  Wagram [297] die bewaffnete Revolution die Federn aus-
       rupfte -  das ist  der "glorreiche"  Cerberus des Herrn Schücking
       von der "Kölnischen Zeitung"!
       Als die  Österreicher geschlagen  wurden, waren  die Österreicher
       Sonderbündler [298], ja fast Vaterlandsverräter; seit Karl Albert
       in die  Falle gegangen  ist, seit sie an den Ticino gerückt sind,
       sind sie  "Deutsche", sind "Wir" es, die das alles vollbracht ha-
       ben. Wir  haben nichts  dagegen, daß  die "Kölnische Zeitung" die
       Siege von  Volta und  Custozza erfochten  und Mailand erobert hat
       [299]; aber  sie übernimmt  dann auch  die Verantwortlichkeit für
       die ihr  sehr wohl  bekannten Brutalitäten und Infamien jenes "im
       Dulden und  Ausharren bewundernswerten"  Barbarenheeres -  gerade
       wie sie  seiner Zeit  die Verantwortlichkeit  für die galizischen
       Schlächtereien ebenfalls übernommen hat.
       
       "Diese Hoheit gehört noch heute uns. Italien und Deutschland sind
       Nationen, um  welche die  Natur und die Geschichte nun einmal ein
       Band geschlungen  hat,  die  providentiell  zusammengehören,  die
       verwandt sind  wie Wissenschaft  und Kunst,  wie Gedanke  und Ge-
       fühl."
       
       Wie Herr Brüggemann und Herr Schücking!
       Und gerade  deswegen haben  die Deutschen  und die Italiener seit
       2000 Jahren  sich beständig  bekämpft, gerade  deswegen haben die
       Italiener die  deutsche Unterdrückung immer wieder abgeschüttelt,
       gerade deswegen hat deutsches Blut so oft die Straßen von Mailand
       gerötet,  um   zu   beweisen,   daß   Deutschland   und   Italien
       "providentiell zusammengehören"!
       
       #371# Die "Kölnische Zeitung" über Italien
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       Eben weil Italien und Deutschland "verwandt sind", haben Radetzky
       und Weiden alle venetianischen Städte in Brand schießen und plün-
       dern lassen!
       Mein Freund  Levin mit den Gespensteraugen verlangt nun, wir sol-
       len die  Lombardei bis an die Etsch aufgeben, denn das Volk wolle
       uns nicht,  wenn auch  einige arme  "Cittadini" (so  sagt der ge-
       lehrte Herr  Schücking für  Contadini, Bauern)  die  Österreicher
       jubelnd empfingen.  Aber wenn wir uns als "freies Volk" benehmen,
       "dann wird  es uns  gern die  Hand bieten,  um sich  v o n  u n s
       auf dem  Wege, den  es allein  nicht gehen kann, auf dem Wege zur
       Freiheit, leiten zu lassen".
       In der Tat! Italien, das sich Preßfreiheit, Geschworne, Konstitu-
       tion eroberte,  ehe denn  Deutschland aus dem faulsten Schlaf er-
       wachte; Italien,  das in Palermo die erste Revolution dieses Jah-
       res durchkämpfte; Italien, das in Mailand die "unübertrefflichen"
       Österreicher ohne  Waffen besiegte  - Italien  kann den  Weg  der
       Freiheit nicht  gehen, ohne  von Deutschland, das heißt von einem
       Radetzky, geleitet  zu werden!  Freilich, wenn  eine  Frankfurter
       Versammlung, eine  nichtssagende Zentralmacht, 39 Sonderbünde und
       die "Kölnische  Zeitung" dazu  gehören, den  Weg zur  Freiheit zu
       wandeln...
       Genug. Damit  die Italiener  sich ja von den Deutschen "zur Frei-
       heit leiten  lassen", behält  Herr Schücking Welsch-Tirol und das
       Venetianische, um  damit einen  österreichischen Erzherzog zu be-
       lehnen, und  schickt "2000  Mann süddeutscher  Reichstruppen nach
       Rom, um  dem Statthalter  Christi in  seinem eignen Hause Ruhe zu
       schaffen".
       Aber leider!
       
       Franzosen und Russen gehört das Land,
       Das Meer gehört den Briten;
       Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
       Die Herrschaft unbestritten.
       
       Dort üben wir die Hegemonie,
       Dort sind wir unzerstückelt;
       Die andern Völker haben sich
       Auf platter Erde entwickelt. [300]
       
       Und dort  oben, im Luftreich des Traums, gehört uns auch "die Ho-
       heit über  Italien". Das  weiß niemand besser als Herr Schücking.
       Nachdem er  zu Nutz und Frommen des deutschen Reiches diese brave
       Hoheitspolitik entwickelt hat, schließt er seufzend:
       
       "Eine Politik,  welche groß,  hochherzig, welche  einer Macht wie
       der des  deutschen Reiches  würdig, hat ja leider seit je bei uns
       für phantastisch  gegolten,   u n d   s o   w i r d  e s  a u c h
       w o h l  n o c h  l a n g e  b l e i b e n!"
       
       #372# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Wir empfehlen  Herrn Schücking  zum Portier  und Grenzwächter der
       deutschen Ehre  auf der  Höhe des  Stilfser Jochs. Von dort herab
       wird das geharnischte Feuilleton der "Kölnischen Zeitung" Italien
       überschauen und  wachen, daß  von "Deutschlands  Hoheit über Ita-
       lien" kein Titelchen verlorengeht, und erst dann kann Deutschland
       ruhig schlafen.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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