Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Die "Zeitungs-Halle" über die Rheinprovinz
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 87 vom 27. August 1848]
       ** Köln,  26. August. Die "Berliner Zeitungs-Halle" [112] enthält
       folgenden Artikel:
       
       "Wir hatten  neulich Gelegenheit,  davon zu  reden, daß eine Zeit
       gekommen ist,  in welcher  aus den  alten Staatenkörpern mehr und
       mehr der  Geist entweicht, der sie so lange zusammengehalten hat.
       In betreff  Österreichs möchte  wohl niemand daran zweifeln; aber
       auch in  Preußen treten von Tage zu Tage immer merklicher Zeichen
       der Zeit hervor, welche unsere Bemerkung bestätigen und gegen die
       wir uns  nicht blind  machen dürfen. Es gibt jetzt nur ein Inter-
       esse, welches noch die Provinzen des Staates an den Staat Preußen
       zu fesseln vermag, das ist das Interesse an der Entwicklung frei-
       sinniger Staatseinrichtungen,  das Interesse  an der  gemeinsamen
       Begründung und  wechselseitigen Förderung  einer neuen und freien
       Gestaltung der  gesellschaftlichen Verhältnisse. Das auf dem Wege
       des politischen und sozialischen Fortschrittes rüstig weiterstre-
       bende Schlesien wird sich schwerlich in Preußen wohl fühlen, wenn
       nicht Preußen  als Staat diesem Interesse vollständig genügt. Von
       der Provinz  Sachsen ist  es nur  zu bekannt, daß sie dem preußi-
       schen Staat  stets, seitdem sie ihm einverleibt worden, im Herzen
       gegrollt hat.  Und was  die Rheinprovinz  anbetrifft, so  wird es
       wohl noch  in aller  Angedenken sein, mit welchen Drohungen Depu-
       tierte derselben  vor dem  18. März  hier auftraten  und den  Um-
       schwung der  Dinge  beschleunigten.  Der  Geist  der  Entfremdung
       wächst in  dieser Provinz. Ein Flugblatt ohne Angabe des Druckor-
       tes und  Druckers, welches jetzt viel verbreitet wird, gibt davon
       ein neues Zeugnis."
       
       Das Flugblatt, wovon die "Zeitungs-Halle" spricht, wird allen un-
       sern Lesern bekannt sein.
       Was uns  freuen muß, ist die Einsicht, die endlich unter den Ber-
       linern wenigstens   e i n e n   Repräsentanten findet, daß Berlin
       weder für  Deutschland noch  speziell für das Rheinland ein Paris
       ist. Berlin  beginnt einzusehn, daß es uns nicht regieren, daß es
       sich nicht die Autorität verschaffen kann, die einer Zentralstadt
       zukommt. Berlin  hat seine  Inkompetenz in der halben Märzrevolu-
       tion,
       
       #374# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       im Zeughaussturm [76], in der letzten Emeute [301] zur Genüge be-
       wiesen. Zu  der Unentschiedenheit, mit der das Berliner Volk auf-
       tritt, gesellt  sich noch  der gänzliche Mangel an Kapazitäten in
       allen Parteien.  In der  ganzen Bewegung  seit dem Februar ist in
       Berlin kein einziger aufgestanden, der imstande war, seine Partei
       zu leiten. Der Geist in dieser Zentralstadt des "Geistes" ist äu-
       ßerst willig,  aber ebenso  schwach wie das Fleisch. Selbst ihren
       Hansemann, ihren Camphausen, ihren Milde mußten sich die Berliner
       vom Rhein  oder von  Schlesien holen.  Berlin, weit  entfernt ein
       deutsches Paris  zu sein,  ist nicht einmal ein preußisches Wien.
       Es ist keine Hauptstadt, es ist eine "Residenz".
       Es ist  immer anerkennenswert,  daß man  selbst in  Berlin zu der
       Einsicht kommt,  die hier  am Rhein  längst allgemein  verbreitet
       ist, daß   n u r  a u s  d e m  Z e r f a l l  der deutschen sog.
       Großmächte die  deutsche Einheit  hervorgehen kann. Wir haben un-
       sere Ansicht  hierüber nie  verheimlicht. Wir schwärmen weder für
       den vergangnen  noch für den gegenwärtigen Ruhm Deutschlands, we-
       der für  die Freiheitskriege  noch für die "glorreichen Siege der
       deutschen Waffen" in der Lombardei und in Schleswig. Aber wenn je
       aus Deutschland irgend etwas werden soll, so muß Deutschland sich
       konzentrieren, es  muß nicht nur der Phrase, sondern der Tat nach
       e i n  Reich werden. Und dazu ist es vorher allerdings nötig, daß
       es "kein Österreich, kein Preußen mehr" [302] gibt.
       "Der Geist"  übrigens, der uns mit Altpreußen "so lange zusammen-
       gehalten hat",  war ein  sehr handgreiflicher,  plumper Geist; es
       war der  Geist von  15 000  Bajonetten und  soundso viel Kanonen.
       Nicht umsonst  legte man  hier am  Rhein eine Soldatenkolonie von
       Wasserpolacken [284]  und Kassuben  an. Nicht umsonst steckte man
       unsre Jugend  in die Berliner Garde. Es geschah nicht, um uns mit
       den übrigen  Provinzen zu  versöhnen, es  geschah, um Provinz auf
       Provinz zu  hetzen, um den Nationalhaß der Deutschen und der Sla-
       wen, um  den Lokalhaß  jedes kleinen deutschen Provinzchens gegen
       seine sämtlichen  Nachbarprovinzen im  Interesse der  patriarcha-
       lisch-feudalen Despotie zu exploitieren. Divide et impera! 1*)
       In der  Tat, es  ist Zeit, daß die fingierte Rolle, die "die Pro-
       vinzen", d.h.  die uckermärkische  und  hinterpommersche  Junker-
       schaft durch ihre angstschlotternden Adressen den Berlinern über-
       tragen und  die die  Berliner eiligst  übernommen haben,  endlich
       einmal aufhöre. Berlin ist nicht und wird nie werden der Sitz der
       Revolution, die Hauptstadt der Demokratie. Nur die vor Bankerott,
       Schuldarrest und Laternenpfahl bebende Phantasie der märkischen
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       1*) Teile und herrsche!
       
       #375# Die "Zeitungs-Halle" über die Rheinprovinz
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       Ritterschaft konnte  ihm diese  Rolle  übertragen,  nur  die  ko-
       kettierende Eitelkeit  des Berliners  konnte darin  die Provinzen
       repräsentiert sehn.  Wir erkennen die Märzrevolution an, aber für
       das, was sie wirklich war, und nicht für mehr. Ihr größter Mangel
       ist, daß sie die  B e r l i n e r  nicht revolutioniert hat.
       Die  "Zeitungs-Halle"  glaubt,  durch  freisinnige  Institutionen
       lasse sich  der zerfallende  preußische Staatskörper zusammenkit-
       ten. Im  Gegenteil.  Je  freisinniger  die  Institutionen,  desto
       freier Werden  sich die heterogenen Elemente auseinanderscheiden,
       desto mehr  wird sich  zeigen, wie  notwendiger die Trennung ist,
       desto mehr wird die Unfähigkeit der Berliner Politiker aller Par-
       teien an den Tag kommen.
       Wir wiederholen: Innerhalb  D e u t s c h l a n d s  mit den alt-
       preußischen Provinzen  zusammenzubleiben, dagegen  hat die Rhein-
       provinz nichts  einzuwenden; aber sie zwingen wollen, ewig inner-
       halb Preußens,  gleichviel ob  eines absolutistischen, eines kon-
       stitutionellen oder eines demokratischen Preußens zu bleiben, das
       hieße Deutschlands Einheit unmöglich machen, das hieße vielleicht
       sogar -  wir sprechen die allgemeine Stimmung des Volks aus - ein
       großes, schönes  Gebiet für  Deutschland verloren machen, während
       man es für Preußen erhalten will.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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