Quelle: MEW 5 März - November 1848
zurück
#386#
-----
Der dänische Waffenstillstand [307]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 97 vom 8. September 1848]
** Köln, 7. September.
"Was soll aus Deutschland werden, wenn Preußen nicht mehr an sei-
ner Spitze steht, wenn Preußens Heere nicht mehr Deutschlands
Ehre schirmen, wenn Preußens Macht und Einfluß als Großmacht un-
tergegangen sind in der phantastischen Macht einer imaginären
deutschen Zentralgewalt!"
So prahlt die preußische Partei, die Partei der Helden mit Gott
für König und Vaterland [267], die kontrerevolutionäre Ritter-
schaft Hinterpommerns und der Uckermark.
Nun - Preußen h a t an der Spitze gestanden, Preußen hat die
Ehre Deutschlands geschirmt - in Schleswig-Holstein. [40]
Und was war das Resultat? Nach einer Reihe von leichten, ruhmlo-
sen Siegen über einen schwachen Feind, nach einer durch die feig-
ste Diplomatie gelähmten Kriegführung, nach den schimpflichsten
Rückzügen vor einer g e s c h l a g e n e n Armee, endlich -
ein Waffenstillstand, so entehrend für Deutschland, daß selbst
ein p r e u ß i s c h e r General einen Grund fand, ihn nicht
zu unterzeichnen. [213]
Die Feindseligkeiten und die Unterhandlungen begannen von neuem.
Der Reichsverweser gab der preußischen Regierung eine Vollmacht
zum Abschluß des Waffenstillstands; diese Vollmacht war von
k e i n e m d e r R e i c h s m i n i s t e r k o n t r a s i-
g n i e r t und hatte also g a r k e i n e G ü l t i g-
k e i t. Sie erkannte den ersten Waffenstillstand an, jedoch mit
folgenden Modifikationen: 1. Die Mitglieder der neuen Regierung
von Schleswig-Holstein sollten noch vor Abschluß des Waffen-
stillstandes "in solcher Art vereinbart werden, daß hierdurch der
Bestand und die gedeihliche Wirksamkeit der neuen Regierung
verbürgt erscheinen"; 2. alle bis zum Abschluß des Waffen-
stillstandes erlassenen Gesetze und Verordnungen der proviso-
rischen Regierung sollten
#387# Der dänische Waffenstillstand
-----
volle Gültigkeit behalten; 3. die in Schleswig-Holstein zurück-
bleibenden Truppen sollten sämtlich unter den Befehlen des deut-
schen Oberbefehlshabers bleiben.
Vergleicht man diese Instruktion mit den Stipulationen des ersten
preußisch-dänischen Projekts, so ist ihr Zweck sehr deutlich. Sie
sichern bei weitem nicht alles, was das siegreiche Deutschland
fordern konnte; aber indem sie in der Form manches nachgeben,
retten sie manches der Sache nach.
Die erste Bedingung sollte dafür garantieren, daß in der neuen
Regierung die schleswig-holsteinische (deutsche) Richtung das
Übergewicht über die dänische habe. Was tut Preußen? Es willigt
ein, daß der C h e f d e r d ä n i s c h e n P a r t e i in
Schleswig-Holstein, Karl Moltke, Chef der neuen Regierung wird,
daß Dänemark d r e i Stimmen gegen z w e i schleswig-holstei-
nische in der Regierung bekommt.
Die zweite Bedingung sollte die Anerkennung, Wenn auch nicht der
provisorischen, vom Bundestage anerkannten Regierung selbst, doch
ihrer bisherigen Wirksamkeit durchsetzen. Ihre Beschlüsse sollten
aufrechterhalten werden. Was tut Preußen? Unter dem Vorwand, daß
auch Dänemark die illusorischen, von Kopenhagen aus für die Her-
zogtümer erlassenen Beschlüsse fallen läßt - Beschlüsse, die nie
einen Schatten von Gesetzeskraft erhielten, außer auf der Insel
Alsen -, unter diesem Vorwand willigt das kontrerevolutionierte
Preußen ein, alle Beschlüsse der provisorischen Regierung zu ver-
nichten.
Die dritte Bedingung endlich sollte die Einheit der Herzogtümer
und ihre Einverleibung in Deutschland zur vorläufigen Anerkennung
bringen; sie sollte den Versuch der Dänen vereiteln, die im däni-
schen Heer dienenden Schleswiger wieder nach Schleswig hineinzu-
schmuggeln, indem alle in Schleswig und Holstein bleibenden Trup-
pen dem deutschen Oberbefehlshaber untergeordnet wurden. Und
Preußen? Preußen willigt ein, die schleswigschen Truppen von den
holsteinischen zu trennen, dem Oberbefehl des deutschen Feldherrn
zu entziehen und einfach der zu 3/5 dänischen neuen Regierung zur
Verfügung zu stellen.
Außerdem war Preußen nur zum Abschluß eines dreimonatlichen Waf-
fenstillstandes bevollmächtigt (Art. 1 des ursprünglichen Ent-
wurfs) und schloß ihn aus eigner Machtvollkommenheit auf sieben
Monate ab; d.h. es bewilligte den Dänen Waffenruhe während der
Wintermonate, wo die Hauptwaffe der Dänen, die Flotte, zur
Blockade der deutschen und schleswigschen Küsten nutzlos wurde
und wo der Frost den Deutschen erlaubte, über das Eis des Kleinen
Belt zu rücken, Fünen zu erobern und Dänemark auf Seeland zu be-
schränken.
#388# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
-----
Kurz, Preußen hat in allen drei Punkten seine Vollmacht mit Füßen
getreten. Warum auch nicht? Sie war ja n i c h t k o n t r a-
s i g n i e r t! Und hat Herr Camphausen, der preußische Gesand-
te bei der Zentralgewalt, in seinem Schreiten vom 2. September
1*) an Herrn Heckscher "Exzellenz" (!!) nicht geradezu gesagt,
die preußische Regierung habe sich "auf Grund jener Vollmacht zum
A b s c h l ü s s e o h n e V o r b e h a l t für ermächtigt
erklärt"?
Damit nicht genug. Der Reichsverweser schickt "Seinen" Unter-
staatssekretär Max Gagern nach Berlin und von da nach Schleswig,
um die Unterhandlungen zu überwachen. Er gibt ihm eine Vollmacht
mit, Welche abermals n i c h t k o n t r a s i g n i e r t
ist. Herr Gagern - wie er in Berlin behandelt worden, wissen wir
nicht - kommt in den Herzogtümern an. Die preußischen Unterhänd-
ler sind in Malmö. Er erfährt nichts. In Lübeck werden die Rati-
fikationen ausgewechselt. Man zeigt Herrn Gagern an, daß dies er-
folgt sei und daß er jetzt ruhig wieder nach Hause gehen könne.
Der unglückliche Gagern samt seiner nicht kontrasignierten Voll-
macht kann natürlich nichts anderes tun als nach Frankfurt zu-
rückkehren und über die schäbige Rolle klagen, die er gespielt
hat.
So ist der glorreiche Waffenstillstand geboren worden, der den
Deutschen während der besten Kriegszeit die Hände bindet, der
Schleswig-Holsteins revolutionäre Regierung und demokratische
konstituierende Versammlung auflöst, alle Dekrete dieser vom Bun-
destage anerkannten Regierung vernichtet, der die Herzogtümer ei-
ner dänischen Regierung unter Anführung des verhaßten Moltke
überliefert, der die schleswigschen Truppen aus ihren Regimentern
reißt, dem deutschen Oberbefehl entzieht und der dänischen Regie-
rung überliefert, von der sie nach Gutdünken aufgelöst werden
können; der die deutschen Truppen zum Rückzuge von der Königsau
bis nach Hannover und Mecklenburg zwingt und der Lauenburg der
alten reaktionären dänischen Regierung in die Hände liefert. *)
Nicht nur Schleswig-Holstein, ganz Deutschland mit Ausnahme von
Urpreußen ist entrüstet über diesen schmählichen Waffenstill-
stand. Und das Reichsministerium, dem er von Herrn Camphausen
mitgeteilt, zitterte zwar anfangs, nahm ihn aber schließlich doch
auf sich. Was war auch zu machen? Herr Camphausen scheint gedroht
zu haben, und für das feige, kontrerevolutionäre Reichsministe-
rium ist das offizielle Preußen immer noch eine Macht.
---
*) Dieser Kunstgriff wurde folgendermaßen vollbracht: Die alte
Regierung wurde aufgelöst; darauf wählte für die neue Dänemark
eins, Preußen das zweite, beide zusammen das dritte Mitglied die-
ser alten Regierung wieder.
-----
1*) Das Schreiben Camphausens wurde am 3. September 1848 ausge-
fertigt
#389# Der dänische Waffenstillstand
-----
Aber nun kam die Nationalversammlung. [7] Ihre Genehmigung war
nötig, und so erbaulich diese Versammlung auch ist, so schämte
sich Herr Heckscher "Exzellenz" doch, mit diesem Aktenstück her
vorzurücken. Unter tausend Bücklingen, mit den demütigsten Bitten
um Ruhe und Mäßigung, las er es vor. Ein allgemeiner Sturm
folgte. Selbst das rechte Zentrum, ja ein Teil der Rechten, Herr
D a h l m a n n selbst, gerieten in den heftigsten Zorn. Man be-
fahl den Ausschüssen, binnen 24 Stunden zu berichten. Man be-
schloß, auf diesen Bericht hin den Rückmarsch der Truppen sofort
zu sistieren. Der Beschluß über den Waffenstillstand selbst ist
noch nicht gefaßt.
Die Nationalversammlung hat endlich einmal einen energischen Be-
schluß gefaßt, obwohl das Ministerium erklärte, es werde abtre-
ten, wenn der Beschluß durchgehe. Dieser Beschluß ist nicht die
Aufhebung, er ist ein B r u c h des Waffenstillstandes. Er wird
in den Herzogtümern nicht nur Aufregung, er wird offenen Wider-
stand gegen die Ausführung des Waffenstillstandes, gegen die neue
Regierung hervorrufen und neue Verwickelungen herbeiführen.
Wir haben indes wenig Hoffnung, daß die Versammlung den Waffen-
stillstand selbst verwirft. Herr Radowitz braucht nur neun Stim-
men aus dem Zentrum herüberzuziehen, und er hat die Majorität.
Und das sollte ihm während der paar Tage, wo die Sache ruht,
nicht gelingen?
Beschließt die Versammlung, den Waffenstillstand aufrechtzuerhal-
ten, so haben wir Proklamation der Republik und Bürgerkrieg in
Schleswig-Holstein, Unterjochung der Zentralgewalt unter Preußen,
allgemeine Verachtung von ganz Europa gegen die Zentralgewalt und
die Versammlung und doch gerade soviel Verwickelungen als hinrei-
chen, um jedes zukünftige Reichsmimsterium unter unlösbaren
Schwierigkeiten zu erdrücken.
Beschließt sie, den Waffenstillstand fallenzulassen, so haben wir
einen europäischen Krieg, Bruch zwischen Preußen und Deutschland,
neue Revolutionen, den Zerfall Preußens und die w i r k l i-
c h e E i n h e i t D e u t s c h l a n d s. Die Versammlung
möge sich nicht einschüchtern lassen: zwei Drittel mindestens von
Preußen halten zu Deutschland.
Aber werden die Repräsentanten der Bourgeoisie in Frankfurt nicht
lieber jeden Schimpf einstecken, werden sie nicht lieber unter
Preußens Knechtschaft sich begeben, als daß sie einen europäi-
schen revolutionären Krieg wagen, als daß sie sich neuen Stürmen
aussetzen, die ihre eigene Klassenherrschaft in Deutschland ge-
fährden?
Wir glauben es. Die feige Bourgeoisnatur ist zu mächtig. Wir ha-
ben zu der Frankfurter Versammlung n i c h t das Vertrauen, daß
sie die schon in Polen preisgegebene Ehre Deutschlands in Schles-
wig-Holstein auslösen werde.
Geschrieben von Friedrich Engels.
zurück