Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Programme der radikal-demokratischen Partei
       und der Linken zu Frankfurt
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 7 vom 7. Juni 1848]
       ** Köln, 6. Juni. Wir haben unsern Lesern gestern das "motivierte
       Manifest der  radikal-demokratischen Partei in der konstituieren-
       den Nationalversammlung  zu Frankfurt  am Main" mitgeteilt. Unter
       der Rubrik  Frankfurt finden  sie heute  das Manifest  der Linken
       [46]. Beide Manifeste scheinen sich auf den ersten Blick kaum an-
       ders zu  unterscheiden als  formell, indem die radikal-demokrati-
       sche Partei  einen unbeholfenen und die Linke einen gewandten Re-
       dakteur besitzt.  Bei genauerer  Ansicht heben  sich indes einige
       wesentliche Unterscheidungspunkte  hervor. Das  radikale Manifest
       verlangt eine   "o h n e   Z e n s u s   und durch  d i r e k t e
       W a h l e n",  das der Linken eine durch die  "f r e i e  W a h l
       a l l e r"   hervorgebrachte Nationalversammlung.  Die  f r e i e
       W a h l   a l l e r  schließt den Zensus aus, keineswegs aber die
       i n d i r e k t e   Methode.  Und  wozu  überhaupt  dieser  unbe-
       stimmte, vieldeutige Ausdruck?
       Wir begegnen noch einmal dieser größern Weite und Biegsamkeit der
       Forderungen der Linken, im Gegensatz zu den Forderungen der radi-
       kalen Partei.  Die Linke  verlangt "eine  vollziehende Zentralge-
       walt,   v o n der  Nationalversammlung auf  Zeit gewählt, und ihr
       verantwortlich". Sie  läßt unentschieden,  ob diese Zentralgewalt
       a u s   d e r   M i t t e   d e r  N a t i o n a l v e r s a m m-
       l u n g   hervorgehen müsse,  wie das radikale Manifest ausdrück-
       lich bestimmt.
       Das Manifest  der Linken  fordert endlich sofortige Feststellung,
       Verkündigung und  Sicherstellung der  Grundrechte  des  deutschen
       Volks allen möglichen Eingriffen der Einzelregierungen gegenüber.
       Das radikale Manifest begnügt sich nicht hiermit. Es erklärt,
       
       "die Versammlung vereinige jetzt noch alle Staatsgewalten des Ge-
       samtstaates in sich und habe die verschiedenen Gewalten und poli-
       tischen Lebensformen,  die sie  zu beschließen  berufen sei, auch
       s o f o r t   in Wirksamkeit  zu setzen und die innere und äußere
       Politik des Gesamtstaates zu handhaben".
       
       #40# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Beide   Manifeste    stimmen   darin   überein,   daß   sie   die
       "Konstituierung der Verfassung Deutschlands einzig und allein der
       Nationalversammlung" überlassen  haben wollen  und die Mitwirkung
       der Regierungen  ausschließen. Beide  stimmen darin  überein, daß
       sie, "unbeschadet  der von  der Nationalversammlung zu proklamie-
       renden Volksrechte",  den Einzelstaaten  die Wahl  der Verfassung
       freigeben, sei es der konstitutionellen Monarchie, sei es der Re-
       publik. Beide  stimmen endlich darin überein, daß sie Deutschland
       in einen Bundes- oder Föderativstaat Verwandeln wollen.
       Das radikale  Manifest spricht wenigstens die  r e v o l u t i o-
       n ä r e   Natur der  Nationalversammlung aus.  Es nimmt die ange-
       messene revolutionäre  Tätigkeit in  Anspruch. Das  bloße Bestehn
       einer   k o n s t i t u i e r e n d e n  Nationalversammlung, be-
       weist es  nicht, daß keine Verfassung mehr  b e s t e h t?   Wenn
       aber keine Verfassung mehr besteht, besteht keine Regierung mehr.
       Wenn keine  Regierung mehr  besteht, muß  die Nationalversammlung
       selbst regieren.  Ihr erstes  Lebenszeichen mußte  ein Dekret  in
       sechs Worten sein:  "D e r  B u n d e s t a g  [41]  i s t  f ü r
       i m m e r  a u f g e l ö s t."
       Eine  konstituierende  Nationalversammlung  muß  vor  allem  eine
       a k t i v e,   revolutionär-aktive Versammlung sein. Die Versamm-
       lung in  Frankfurt macht  parlamentarische Schulübungen  und läßt
       die Regierungen  handeln. Gesetzt,  es gelänge  diesem  gelehrten
       Konzil nach  allerreifster Überlegung, die beste Tagesordnung und
       die beste  Verfassung auszuklügeln, was nutzt die beste Tagesord-
       nung und  die beste Verfassung, wenn die Regierungen unterdes die
       Bajonette auf die Tagesordnung gesetzt?
       Die deutsche  Nationalversammlung, abgesehen  davon, daß  sie aus
       i n d i r e k t e r   Wahl hervorgegangen, leidet an einer eigen-
       tümlich germanischen  Krankheit. Sie  residiert in  Frankfurt  am
       Main, und  Frankfurt am Main ist nur ein idealer Mittelpunkt, wie
       er  der   bisherigen  idealen,  d.h.  nur  eingebildeten  Einheit
       Deutschlands entsprach.  Frankfurt am  Main ist  auch keine große
       Stadt mit einer großen revolutionären Bevölkerung, die hinter der
       Nationalversammlung steht,  teils schützend, teils vorwärts trei-
       bend. Zum erstenmal in der Weltgeschichte residiert die konstitu-
       ierende Versammlung  einer großen  Nation m  einer kleinen Stadt.
       Die bisherige  deutsche Entwickelung  brachte dies mit sich. Wäh-
       rend französische  und englische  Nationalversammlungen auf einem
       feuerspeienden Boden  standen -  Paris und  London -,  mußte  die
       deutsche  Nationalversammlung   sich  glücklich  schätzen,  einen
       n e u t r a l e n  Boden zu finden, einen neutralen Boden, wo sie
       in aller  behaglichen Stille des Gemüts über die beste Verfassung
       und die  beste Tagesordnung  nachdenken kann. Dennoch bot ihr der
       augenblickliche Zustand Deutschlands Gelegenheit, ihre unglückli-
       che materielle Situation zu überwinden.
       
       #41# Programme der radikal-demokr. Partei und der Linken
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       Sie brauchte  nur überall den reaktionären Übergriffen überlebter
       Regierungen diktatorisch  entgegenzutreten, und sie eroberte sich
       eine Macht  in der Volksmeinung, an der alle Bajonette und Kolben
       zersplittert wären.  Statt dessen  überläßt sie unter ihren Augen
       Mainz der Willkür der Soldateska und deutsche Ausländer den Schi-
       kanen Frankfurter  Pfahlbürger. 1*)  Sie langweilt  das  deutsche
       Volk, statt es mit sich fortzureißen oder von ihm fortgerissen zu
       werden. Es  existiert für  sie zwar  ein   P u b l i k u m,   das
       einstweilen noch  mit gutmütigem  Humor den  burlesken Bewegungen
       des wiedererwachten  heiligen römischen  deutschen  Reichstagsge-
       spenstes zusieht,  aber es  existiert für sie kein  V o l k,  das
       in ihrem  Leben sein eignes Leben wiederfände. Weit entfernt, das
       Zentralorgan der  revolutionären Bewegung zu sein, war sie bisher
       nicht einmal ihr Echo.
       Bildet  die  Nationalversammlung  eine  Zentralgewalt  aus  ihrem
       Schöße, so ist bei ihrer jetzigen Zusammensetzung und nachdem sie
       den günstigen Augenblick unbenutzt hat vorübergehen lassen, wenig
       Erquickliches von  dieser provisorischen  Regierung zu  erwarten.
       Bildet sie  keine Zentralgewalt,  so hat sie ihre eigne Abdankung
       unterschrieben und  wird bei dem schwächsten revolutionären Luft-
       zug nach allen Seiten hin auseinanderstieben.
       Das Programm  der Linken,  wie der  radikalen Seite, hat das Ver-
       dienst, diese  Notwendigkeit begriffen  zu haben. Beide Programme
       rufen auch mit Heine aus:
       
       "Bedenk" ich die Sache ganz genau,
       So brauchen wir gar keinen Kaiser" [47],
       
       und die Schwierigkeit,  "w e r  der Kaiser sein soll", die vielen
       guten Gründe,  die für  einen Wahlkaiser  und  die  ebenso  guten
       Gründe, die für einen Erbkaiser sprechen, werden auch die konser-
       vative Majorität  der Versammlung  zwingen, den gordischen Knoten
       [48] zu  durchhauen, indem  sie   g a r  k e i n e n  K a i s e r
       wählt.
       Unbegreiflich ist  es, wie  die sogenannte  radikal-demokratische
       Partei eine   F ö d e r a t i o n   von  konstitutionellen Monar-
       chien, Fürstentümchen  und Republikchen, einen aus so heterogenen
       Elementen zusammengesetzten  Bundesstaat mit  einer  republikani-
       schen Regierung an der Spitze - denn weiter ist doch wohl der von
       der Linken  akzeptierte Zentralausschuß nichts - als schließliche
       Verfassung Deutschlands hat proklamieren können.
       Kein Zweifel.  Zunächst muß  die von  der Nationalversammlung ge-
       wählte Zentralregierung  Deutschlands   n e b e n   den  faktisch
       noch bestehenden  Regierungen sich  erheben. Aber  mit ihrer Exi-
       stenz beginnt  schon ihr  Kampf mit den Einzelregierungen, und in
       diesem Kampfe geht die Gesamtregierung mit
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 14-17
       
       #42# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       der Einheit Deutschlands unter oder die Einzelregierungen mit ih-
       ren konstitutionellen Fürsten oder Winkelrepublikchen.
       Wir stellen  nicht das  utopistische Verlangen,  daß a priori 1*)
       eine  e i n i g e  u n t e i l b a r e  d e u t s c h e  R e p u-
       b l i k   proklamiert werde,  aber wir  verlangen von  der  soge-
       nannten  radikal-demokratischen  Partei,  den  Ausgangspunkt  des
       Kampfes und der revolutionären Bewegung nicht mit ihrem Zielpunkt
       zu verwechseln. Die deutsche Einheit, wie die deutsche Verfassung
       können nur  als Resultat  aus einer  Bewegung hervorgehen,  worin
       ebensosehr die  inneren Konflikte als der Krieg mit dem Osten zur
       Entscheidung treiben  werden. Die  definitive Konstituierung kann
       nicht   d e k r e t i e r t   werden; sie  fällt zusammen mit der
       Bewegung, die  wir zu  durchlaufen haben.  Es handelt  sich daher
       auch nicht  um die Verwirklichung dieser oder jener Meinung, die-
       ser oder  jener politischen Idee; es handelt sich um die Einsicht
       in den  Gang der Entwicklung. Die Nationalversammlung hat nur die
       zunächst praktisch möglichen Schritte zu tun.
       Nichts konfuser als der Einfall des Redakteurs des demokratischen
       Manifestes, so  sehr er  uns versichert,  "jeder Mensch ist froh,
       seine Konfusion  loszuwerden", als  an  dem    n o r d a m e r i-
       k a n i s c h e n   F ö d e r a t i v s t a a t  sich das Maß der
       deutschen Verfassung nehmen zu wollen!
       Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, abgesehen davon, daß sie
       alle gleichartig  konstituiert sind,  erstrecken sich  über  eine
       Fläche  so  groß  wie  das  zivilisierte  Europa.  Nur  in  einer
       e u r o p ä i s c h e n   Föderation könnten  sie  eine  Analogie
       finden. Und  damit Deutschland sich mit ändern Ländern föderiert,
       muß es  vor allem   e i n   Land  werden. In  Deutschland ist der
       Kampf der  Zentralisation mit  dem Föderativwesen  der Kampf zwi-
       schen der  modernen Kultur  und dem Feudalismus. Deutschland ver-
       fiel in  ein verbürgerlichtes  Feudalwesen  in  demselben  Augen-
       blicke, wo sich die großen Monarchien im Westen bildeten, aber es
       wurde auch  von dem  Weltmarkt ausgeschlossen in demselben Augen-
       blicke, wo  dieser sich  dem westlichen Europa eröffnete. Es ver-
       armte, während  sie sich bereicherten. Es verbauerte, während sie
       großstädtisch  wurden.  Klopfte  nicht  Rußland  an  die  Pforten
       Deutschlands an,  die  nationalökonomischen  Verhältnisse  allein
       würden es  zur straffesten Zentralisation zwingen. Selbst nur vom
       bürgerlichen Standpunkt betrachtet, ist die widerspruchslose Ein-
       heit Deutschlands  die erste  Bedingung, um es aus der bisherigen
       Misere zu  erretten und  den Nationalreichtum  zu erschaffen. Und
       wie nun  gar die modernen sozialen Aufgaben lösen auf einem in 39
       Ländchen zersplitterten Terrain?
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       1*) von vornherein
       
       #43# Programme der radikal-demokr. Partei und der Linken
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       Der Redakteur des demokratischen Programms hat übrigens nicht nö-
       tig, auf  untergeordnete materielle ökonomische Verhältnisse ein-
       zugehen. Er  hält sich in seiner Motivierung an den Begriff Föde-
       ration. Die  F ö d e r a t i o n  ist eine  V e r e i n i g u n g
        F r e i e r  und  G l e i c h e r.  A l s o  muß Deutschland ein
       F ö d e r a t i v s t a a t   sein.  Können  sich  die  Deutschen
       nicht auch zu  e i n e m  großen Staat föderieren, ohne gegen den
       Begriff von einer Vereinigung Freier und Gleicher zu sündigen?

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