Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       #393#
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       Der dänisch-preußische Waffenstillstand [307]
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 99 vom 10. September 1848]
       ** Köln, 9. September. Wir kommen nochmals auf den dänischen Waf-
       fenstillstand zurück - die Gründlichkeit der Nationalversammlung,
       die, statt  rasch und  energisch zu beschließen und neue Minister
       zu   e r z w i n g e n,   die Ausschüsse  in aller Gemächlichkeit
       beraten läßt und die Beendigung der Ministerkrise dem lieben Gott
       überläßt -,  diese Gründlichkeit, die "den mangelnden Mut von un-
       sern lieben  Bekannten" [310] nur schlecht verhüllt, gibt uns die
       Zeit dazu.
       Der Krieg in Italien 1981 war bei der demokratischen Partei stets
       unpopulär und  ist selbst bei den Wiener Demokraten seit geraumer
       Zeit unpopulär  geworden. Die  preußische Regierung vermochte den
       Sturm des  öffentlichen Unwillens  über den  posenschen  Vernich-
       tungskrieg [52]  durch Fälschungen und Lügen nur um wenige Wochen
       zurückzuhalten. Der  Prager Straßenkampf 1*) erregte, trotz aller
       Bemühungen der  nationalen Presse, im Volk Sympathien nur für die
       Besiegten, nicht  aber für  die Sieger. Aber der Krieg in Schles-
       wig-Holstein [40]  ist von Anfang auch im  V o l k  populär gewe-
       sen. Woher kommt dies?
       Während die Deutschen in Italien, in Posen, in Prag die  R e v o-
       l u t i o n    b e k ä m p f t e n,    haben  sie  in  Schleswig-
       Holstein  d i e  R e v o l u t i o n  u n t e r s t ü t z t.  Der
       dänische Krieg  ist der  erste   R e v o l u t i o n s k r i e g,
       den Deutschland  führt. Und  darum haben  wir uns, ohne dem meer-
       umschlungenen  bürgerlichen  Schoppenenthusiasmus  die  geringste
       Stammverwandtschaft zu bezeigen, von Anfang an  f ü r  energische
       Führung des dänischen Kriegs erklärt.
       Schlimm genug  für Deutschland, wenn sein erster Revolutionskrieg
       der komischste Krieg ist, der je geführt wurde!
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 80-82 und 108/109
       
       #394# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Zur Sache.  Die Dänen sind ein Volk, das in der unbeschränktesten
       kommerziellen, industriellen,  politischen und  literarischen Ab-
       hängigkeit von  Deutschland steht. Es ist bekannt, daß die fakti-
       sche Hauptstadt  von Dänemark  nicht Kopenhagen,  sondern Hamburg
       ist, daß  die dänische Regierung alle Vereinigte-Landtags-Experi-
       mente der  in den Barrikaden entschlafenen preußischen ein ganzes
       Jahr lang  nachmachte, daß  Dänemark alle seine literarischen Le-
       bensmittel, ebensogut wie seine materiellen, über Deutschland be-
       zieht und  daß die  dänische Literatur  - mit Ausnahme Holbergs -
       ein matter Abklatsch der deutschen ist.
       So ohnmächtig Deutschland auch von jeher war, es hat die Genugtu-
       ung, daß die skandinavischen Nationen und namentlich Dänemark un-
       ter seine Botmäßigkeit geraten sind, daß es  i h n e n  gegenüber
       sogar noch revolutionär und progressiv ist.
       Wollt ihr  Beweise? Lest die Polemik der skandinavischen Nationen
       untereinander, seit  die Idee des Skandinavismus aufgetaucht ist.
       Der Skandinavismus  besteht in  der Begeisterung für die brutale,
       schmutzige, seeräuberische,  altnordische Nationalität,  für jene
       tiefe Innerlichkeit,  die ihre überschwenglichen Gedanken und Ge-
       fühle nicht in Worte bringen kann, wohl aber in Taten, nämlich in
       Roheit gegen  Frauenzimmer, permanente Betrunkenheit und mit trä-
       nenreicher Sentimentalität abwechselnde Berserkerwut.
       Der Skandinavismus  und die  meerumschlungene schleswig-holstein-
       sche Stammverwandtschaft  [216] tauchten  zugleich in den Ländern
       des Königs von Dänemark auf. Sie gehören zusammen; sie haben sich
       gegenseitig hervorgerufen,  bekämpft und  dadurch am Leben erhal-
       ten.
       Der Skandinavismus  war die  Form, in der die Dänen an die Unter-
       stützung der  Schweden und Norweger appellierten. Aber wie es der
       christlich-germanischen Nation  immer geht:  Sogleich erhob  sich
       der Streit,  wer der echte Christlichgermane, der wahre Skandina-
       vier sei.  Der Schwede  erklärte den  Dänen für "verdeutscht" und
       entartet, der  Norweger den  Schweden und den Dänen, der Isländer
       alle drei.  Natürlich, je roher eine Nation, je näher ihre Sitten
       und Lebensart der altnordischen, desto "skandinavischer" war sie.
       Vor uns  liegt das  "Morgenbladet" [311]  von Christiania vom 18.
       November 1846.  Dies anmutige  Blättchen enthält in einem Artikel
       über Skandinavismus folgende heitere Stellen:
       Nachdem es den ganzen Skandinavismus als einen bloß von den Dänen
       in ihrem  Interesse hervorgerufenen Bewegungsversuch geschildert,
       sagt es von den Dänen:
       
       "Was hat  dies muntere,  lebensfrohe Volk  mit der alten, düstern
       und wehmutsvollen  Kämpenwelt (med den gamle, alvorhge og vemods-
       fulde Kjämpeverden) zu
       
       #395# Der dänisch-preußische Waffenstillstand
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       schaffen? Wie  kann diese  Nation mit  ihrer -  wie ein dänischer
       Schriftsteller selbst  zugibt -  lenksamen und  sanftmütigen Wil-
       lensbeschaffenheit glauben,  in Geistesverwandtschaft  zu  stehen
       mit der  alten Vorzeit  derben, kraftvollen  und energischen Män-
       nern? Und  wie können diese Menschen mit der südlich-weichen Aus-
       sprache sich einbilden, eine nordische Zunge zu sprechen? Und ob-
       wohl es ein Hauptzug unserer und der schwedischen Nation wie auch
       der alten  Nordbewohner ist,  daß die Gefühle sich mehr ins  I n-
       n e r s t e     der  Seele   zurückziehen,  ohne  sich  näher  im
       Ä u ß e r n   zu zeigen,  so glauben  doch diese gefühlvollen und
       herzlichen Menschen,  die so leicht zu verwundern, zu bewegen, zu
       bestimmen sind,  deren Geistesbewegungen  sich so rasch und deut-
       lich in  ihrem Äußern abdrücken, daß sie in einer nordischen Form
       gegossen, daß sie von verwandter Natur sind mit den beiden ändern
       skandinavischen Nationen!"
       
       Das "Morgenbladet" erklärt nun diese Entartung aus der Verbindung
       mit Deutschland und der Verbreitung deutschen Wesens in Dänemark.
       Die Deutschen hätten zwar
       
       "ihr heiligstes  Eigentum, ihr  nationales Gepräge verloren; aber
       so kraftlos  und matt die deutsche Nationalität auch ist, so gibt
       es doch  eine in  der Welt,  die noch  kraftloser und matter ist,
       nämlich die  dänische. Während  die deutsche  Sprache  im  Elsaß,
       Waadt und  an der  slawischen Grenze zurückgedrängt wird" (!! da-
       mals blieben die Verdienste der Netzbrüder noch im stillen), "hat
       sie gegen die dänische Grenze reißende Fortschritte gemacht."
       
       Die Dänen  hätten nun  den Deutschen  eine Nationalität entgegen-
       stellen müssen  und hätten zu diesem Zweck den Skandinavismus er-
       funden; die dänische Nationalität sei widerstandslos gewesen,
       
       "denn die  dänische Nation  war, wie gesagt, obwohl sie die deut-
       sche Sprache  nicht angenommen, doch  w e s e n t l i c h  v e r-
       d e u t s c h t.   Der Verfasser  hat selbst  in einem  dänischen
       Blatte anerkannt  gesehen, daß die  d ä n i s c h e  Nationalität
       v o n   d e r   d e u t s c h e n  n i c h t  w e s e n t l i c h
       v e r s c h i e d e n  s e i."
       
       Soweit "Morgenbladet".
       Allerdings, es  läßt sich nicht leugnen, daß die Dänen eine halb-
       weg zivilisierte Nation sind. Unglückliche Dänen!
       Mit demselben  Recht, mit  dem die Franzosen Flandern, Lothringen
       und Elsaß  genommen haben  und Belgien  früher oder später nehmen
       Werden, mit  demselben Recht nimmt Deutschland Schleswig: mit dem
       Recht der Zivilisation gegen die Barbarei, des Fortschritts gegen
       die Stabilität. Und selbst Wenn die Verträge für Dänemark wären -
       Was noch  sehr zweifelhaft  ist -,  dies Recht gilt mehr als alle
       Verträge, weil es das Recht der geschichtlichen Entwickelung ist.
       Solange die schleswig-holsteinsche Bewegung eine rein bürgerlich-
       friedliche, gesetzliche Philisteragitation blieb, erregte sie nur
       die Begeisterung
       
       #396# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       wohlmeinender Kleinbürger.  Als daher  vor der  Februarrevolution
       der jetzige  Dänenkönig bei  seiner Thronbesteigung für seine Ge-
       samtstaaten eine  freisinnige Verfassung  mit gleicher Zahl Abge-
       ordneter für  die Herzogtümer  wie für Dänemark versprach und die
       Herzogtümer dagegen  opponierten, trat  der kleinbürgerliche  Lo-
       kalcharakter der schleswig-holsteinschen Bewegung unangenehm her-
       vor. Es  handelte sich  damals nicht so sehr um einen Anschluß an
       Deutschland -  wo war  damals ein  Deutschland? - als um Trennung
       von Dänemark  und Konstituierung  eines kleinen selbständigen Lo-
       kalstaats.
       Aber die  Revolution brach  herein und gab der Bewegung einen än-
       dern Charakter.  Die schleswig-holsteinsche Partei mußte entweder
       zugrunde gehen  oder selbst  eine Revolution wagen. Sie wagte die
       Revolution, und  sie hatte  recht: Die dänischen Zusagen, vor der
       Revolution sehr  günstig, waren  nach der  Revolution ungenügend;
       der Anschluß  an Deutschland,  früher eine  Phrase, konnte  jetzt
       eine Bedeutung  erhalten; Deutschland  hatte eine Revolution, und
       Dänemark machte sie, wie immer, auf kleinstädtischem Fuße nach.
       Die schleswig-holsteinsche  Revolution und  die aus ihr hervorge-
       gangene provisorische  Regierung hatte  anfangs selbst noch einen
       sehr spießbürgerlichen  Charakter. Aber  der Krieg zwang sie bald
       auf demokratische  Bahnen. Schleswig-Holstein hat durch diese Re-
       gierung, in  der lauter  altliberale Biedermänner, ehemalige Gei-
       stesverwandte von  Welcker, Gagern, Camphausen sitzen, demokrati-
       schere Gesetze  erhalten als  irgendein anderer  deutscher Staat.
       Von allen  deutschen Versammlungen  ist die Kieler Landesversamm-
       lung die  einzige, die nicht nur auf allgemeinem Stimmrecht, son-
       dern auch  auf direkter  Wahl beruht.  Der ihr  von der Regierung
       vorgelegte Verfassungsentwurf  ist der demokratischste, der je in
       deutscher Sprache abgefaßt worden. Schleswig-Holstein, bisher po-
       litisch von  Deutschland ins  Schlepptau genommen,  ist durch den
       Revolutionskrieg plötzlich  zu fortgeschritteneren  Institutionen
       gekommen als das ganze übrige Deutschland.
       Der Krieg,  den wir  in Schleswig-Holstein  führen, ist  also ein
       wirklicher Revolutionskrieg.
       Und wer  ist von  Anfang an auf Seite Dänemarks gewesen? Die drei
       kontrerevolutionärsten Mächte    E u r o p a s:    R u ß l a n d,
       E n g l a n d   und die   p r e u ß i s c h e  R e g i e r u n g.
       Die preußische  Regierung hat,  solange sie  konnte, einen bloßen
       Scheinkrieg geführt  - man  denke an  Wildenbruchs Note [181], an
       die Bereitwilligkeit,  mit der  sie auf  englisch-russische  Vor-
       stellungen hin den Rückzug aus Jütland befahl, und schließlich an
       den zweimaligen  Waffenstillstand! Preußen,  England und  Rußland
       sind die  drei Mächte, die die deutsche Revolution und ihre erste
       Folge, die  deutsche Einheit, am meisten zu fürchten haben: Preu-
       ßen, weil es dadurch aufhört zu existieren, England, weil der
       
       #397# Der dänisch-preußische Waffenstillstand
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       deutsche Markt  dadurch seiner  Exploitation entzogen  wird, Ruß-
       land, weil die Demokratie dadurch nicht nur an die Weichsel, son-
       dern selbst  bis an  die Düna und den Dnjepr vorrücken muß. Preu-
       ßen, England  und Rußland haben komplettiert gegen Schleswig-Hol-
       stein, gegen Deutschland und gegen die Revolution.
       Der Krieg, der möglicherweise jetzt aus den Beschlüssen in Frank-
       furt entstehen  kann, würde ein Krieg Deutschlands gegen Preußen,
       England und Rußland sein. Und gerade solch ein Krieg tut der ein-
       schlummernden deutschen  Bewegung not  - ein Krieg gegen die drei
       Großmächte  der  Kontrerevolution,  ein  Krieg,  der  Preußen  in
       Deutschland   w i r k l i c h  aufgehn, der die Allianz mit Polen
       zum unumgänglichsten  Bedürfnis macht, der die Freilassung Itali-
       ens sofort  herbeiführt, der gerade gegen die alten kontrerevolu-
       tionären Alliierten Deutschlands von 1792 bis 1815 gerichtet ist,
       ein Krieg,  der "das  Vaterland in  Gefahr" bringt und gerade da-
       durch rettet,  indem er  den Sieg   D e u t s c h l a n d s   vom
       Siege der Demokratie abhängig macht.
       Die Bourgeois und Junker in Frankfurt mögen sich keine Illusionen
       darüber machen:  Beschließen sie, den Waffenstillstand zu verwer-
       fen, so  beschließen sie ihren eigenen Sturz, geradesogut wie die
       Girondins in der ersten Revolution, die am 10. August tätig waren
       und für  den Tod des Exkönigs stimmten, damit ihren eigenen Sturz
       am 31.  Mai vorbereiteten  [312]. Nehmen  sie dagegen den Waffen-
       stillstand an,  so beschließen sie ebenfalls ihren eigenen Sturz,
       so begeben  sie sich unter die Botmäßigkeit von Preußen und haben
       gar nichts mehr zu sagen. Sie mögen wählen.
       Wahrscheinlich ist  die Nachricht  vom Sturz  Hansemanns noch vor
       der Abstimmung  nach Frankfurt  gekommen. Vielleicht wird sie be-
       deutend auf  die Abstimmung influieren, besonders weil das erwar-
       tete Ministerium Waldeck und Rodbertus bekanntlich die Souveräni-
       tät der Nationalversammlung anerkennt.
       Wir werden  sehen. Aber wir wiederholen es 1*): Die Ehre Deutsch-
       lands ist in schlechten Händen!
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 389

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