Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       #405#
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       Die Freiheit der Beratungen in Berlin
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 105 vom 17. September 1848]
       ** Köln, 16. September. Es ist in der kontrerevolutionären Presse
       seit dem  Eintritt der  Krisis fortwährend  behauptet worden, die
       Berliner Versammlung  berate nicht frei. Namentlich hat der wohl-
       bekannte G-Korrespondent  der "Kölnischen  Zeitung", der sein Amt
       ebenfalls nur noch "interimistisch bis zur Ernennung seines Nach-
       folgers" [317]  verwaltet, mit unverkennbarer Angst auf die "8000
       bis 10000  Klubfäuste" hingewiesen, die im Kastanien-Wäldchen 1*)
       ihre  Freunde  von  der  Linken  "moralisch"  unterstützten.  Die
       "Vossische" [318],  "Speyersche" [319] und andere Zeitungen haben
       ähnliches Klagegeschrei  erhoben, und Herr Reichensperger hat so-
       gar am 7. d. [Mts.] direkt darauf angetragen, die Versammlung von
       Berlin (nach Charlottenburg etwa?) zu verlegen.
       Die "Berliner  Zeitungs-Halle" [112] bringt einen langen Artikel,
       worin sie  diese Anschuldigung  zu widerlegen sucht. Sie erklärt,
       die große  Majorität für  die Linke  sei gegenüber  der  früheren
       schwankenden Haltung der Versammlung durchaus keine Inkonsequenz.
       Es lasse sich nachweisen,
       
       "daß die  Abstimmung vom 7. auch seitens derer, welche früher im-
       mer mit  den Ministern  gestimmt hatten,    o h n e    W i d e r-
       s p r u c h   gegen ihr früheres Verhalten stattfinden konnte, ja
       daß sie,  vom Standpunkte  jener Mitglieder betrachtet, mit ihrem
       früheren Verhalten in vollkommener Harmonie steht..." Die von den
       Zentren Übergegangenen  "hatten in  einer Täuschung  gelebt;  sie
       hatten sich  die Sache  so   v o r g e s t e l l t,   als ob  die
       Minister Vollstrecker  des  Volkswillens  wären;  sie  hatten  im
       Bestreben der  Minister, Ruhe  und  Ordnung  herzustellen,  einen
       Ausdruck ihres,  der Majoritätsmitglieder, eigenen Willens gefun-
       den und  waren nicht   i n n e g e w o r d e n,  daß die Minister
       nur da  den Volkswillen  zulassen könnten, wo derselbe dem Willen
       der Krone  nicht widerspricht,  nicht aber  da, wo er diesem sich
       entgegensetzt."
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       1*) Die im  Kastanienwäldchen gelegene  Singakademie war  der Ta-
       gungsort der Berliner Nationalversammlung
       
       #406# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       So "erklärt"  die "Z[eitungs]-H[alle]"  das auf fallende Phänomen
       von dem  plötzlichen Umschlagen so vieler Mitglieder aus den Vor-
       stellungen und  Täuschungen dieser Mitglieder. Man kann die Sache
       nicht unschuldiger darstellen.
       Sie gibt  indes zu,  daß Einschüchterungen  stattgefunden  haben.
       Aber, meint sie,
       
       "wenn die  Einflüsse von  außen etwas  gewirkt haben,  so war  es
       dies, daß  sie den  Einflüssen der ministeriellen Vorspiegelungen
       und Verleitungskünste  einigermaßen die  Waage hielten und so den
       vielen schwachen und unselbständigen Mitgliedern es möglich mach-
       ten, dem  n a t ü r l i c h e n  L e b e n s i n s t i n k t  ...
       zu folgen".
       
       Die Gründe,  welche die "Zeitungs-Halle" veranlassen, die wanken-
       den Mitglieder der Zentren in dieser Weise vor dem Publikum mora-
       lisch zu rechtfertigen, liegen auf der Hand: Der Artikel ist mehr
       für diese  Herren der  Zentren selbst,  als für  das Publikum ge-
       schrieben. Für  uns, die  wir nun  einmal das  Privilegium haben,
       rückhaltlos zu  sprechen, und  die wir die Vertreter einer Partei
       nur solange  und soweit unterstützen, als sie  r e v o l u t i o-
       n ä r  auftreten - für uns existieren diese Gründe nicht.
       Warum sollen  Wir es nicht sagen? Die Zentren haben sich am 7. d.
       [Mts.] allerdings durch die Volksmassen einschüchtern lassen 1*);
       ob ihre Furcht begründet War oder nicht, lassen wir dahingestellt
       sein.
       Das Recht  der demokratischen Volksmassen, durch ihre Anwesenheit
       auf die  Haltung konstituierender  Versammlungen moralisch einzu-
       wirken, ist  ein altes  revolutionäres Volksrecht,  das seit  der
       englischen und  französischen Revolution  in  keiner  stürmischen
       Zeit entbehrt werden konnte. Diesem Recht verdankt die Geschichte
       fast alle  energischen Schritte  solcher Versammlungen.  Wenn die
       Ansässigen des  "Rechtsbodens", wenn  die  furchtsamen  und  phi-
       liströsen Freunde  der "Freiheit der Beratungen" dagegen jammern,
       so hat  dies keinen ändern Grund als den, daß sie überhaupt keine
       energischen Beschlüsse wollen.
       "Freiheit der  Beratungen!" Es  gibt  keine  hohlere  Phrase  als
       diese. Die  "Freiheit der  Beratungen" wird  beeinträchtigt durch
       die Freiheit  der Presse,  durch die Freiheit der Versammlung und
       der Rede,  durch das  Recht der  Volksbewaffnung  auf  der  einen
       Seite. Sie  wird beeinträchtigt  durch die bestehende öffentliche
       Macht, die  in den  Händen der  Krone und  ihrer Minister beruht:
       durch die  Armee, die  Polizei, die sog. unabhängigen, in der Tat
       aber von  jeder Beförderung und jeder politischen Veränderung ab-
       hängigen Richter.
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 390-392
       
       #407# Die Freiheit der Beratungen in Berlin
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       Die Freiheit  der Beratungen  ist zu  jeder Zeit eine Phrase, die
       weiter nichts sagen will als Unabhängigkeit von allen nicht durch
       das Gesetz  anerkannten Einflüssen.  Diese anerkannten Einflüsse,
       Bestechung, Beförderung, Privat-Interessen, Furcht vor einer Kam-
       merauflösung usw.  machen ja erst die Beratungen Wahrhaft "frei".
       Aber in  Revolutionszeiten ist  diese Phrase vollends sinnlos. Wo
       zwei Mächte,  zwei Parteien sich gerüstet gegenüberstehen, wo der
       Kampf jeden  Augenblick losbrechen kann, da haben die Deputierten
       nur die Wahl:
       Entweder sie  stellen sich   u n t e r  d e n  S c h u t z  d e s
       V o l k e s und lassen sich dann auch von Zeit zu Zeit eine klei-
       ne Lektion gefallen;
       Oder sie  stellen sich   u n t e r   d e n   S c h u t z    d e r
       K r o n e,   ziehen in irgendeine kleine Stadt, beraten unter dem
       Schutz der  Bajonette und Kanonen oder gar des Belagerungszustan-
       des -  und dann  werden sie  nichts dagegen haben, wenn die Krone
       und die Bajonette ihnen ihre Beschlüsse vorschreiben.
       Einschüchterung durch  das unbewaffnete Volk oder Einschüchterung
       durch die bewaffnete Soldateska - die Versammlung möge wählen.
       Die französische  Konstituante zog  von Versailles nach Paris. Es
       gehört eigentlich ihrem ganzen Charakter nach zur deutschen Revo-
       lution, daß die Vereinbarungsversammlung von Berlin nach Charlot-
       tenburg zieht.

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