Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Die Ratifikation des Waffenstillstandes [307]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 107 vom 20. September 1848]
** Köln, 19. September. Die deutsche Nationalversammlung [7] hat
den Waffenstillstand ratifiziert. Wir hatten uns nicht getäuscht
1*): "Die Ehre Deutschlands hegt in schlechten Händen."
Unter dem Zudrange von Fremden, Diplomaten etc. zu den Bänken der
Abgeordneten, im Tumult und bei gänzlicher Dunkelheit ging die
Abstimmung vor sich. Eine Majorität von Zweien zwang die Versamm-
lung, über zwei ganz verschiedene Punkte zugleich abzustimmen.
Mit einer Majorität von 21 Stimmen Wurde der Waffenstillstand an-
genommen, Schleswig-Holstein geopfert, die "Ehre Deutschlands"
mit Füßen getreten und das A u f g e h e n D e u t s c h-
l a n d s i n P r e u ß e n beschlossen.
In keiner Frage hatte sich die Volksstimme so entschieden ausge-
sprochen. In keiner Frage hatten die Herren von der Rechten so
offen eingestanden, daß sie für eine Sache aufträten, die sich
n i c h t v e r t e i d i g e n l a s s e. In keiner Frage Wa-
ren die Interessen Deutschlands so unzweifelhaft, so deutlich wie
in dieser. Die Nationalversammlung hat entschieden: Sie hat sich
und der von ihr geschaffenen sogenannten Zentralgewalt das
T o d e s u r t e i l gesprochen. Hätte Deutschland einen Crom-
well, er würde bald genug kommen: "Ihr seid kein Parlament! Im
Namen Gottes, hebt Euch von hinnen!" [320]
Man spricht davon, die Linke werde austreten. Wenn sie Mut hätte,
diese arme, verspottete, von der Majorität mit Fäusten angegrif-
fene und dafür vom edlen Gagern obendrein zur Ordnung gerufene
Linke! Noch nie ist eine Minorität mit einer solchen Unverschämt-
heit und Konsequenz gemißhandelt worden wie die Frankfurter Linke
vom edlen Gagern und seinen 250 Majoritätshelden. Aber wenn sie
nur Mut hätte!
An dem Mangel an Mut geht die ganze deutsche Bewegung zugrunde.
Der Kontrerevolution fehlt der Mut zu entscheidenden Schlägen
ebensosehr wie
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1*) Siehe vorl. Band, S. 397
#409# Die Ratifikation des Waffenstillstandes
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der revolutionären Partei. Ganz Deutschland, mag es rechts oder
links halten, Weiß jetzt, daß die gegenwärtige Bewegung zu
furchtbaren Kollisionen, zu blutigen Kämpfen führen muß, sei es,
um sie zu unterdrücken, sei es, um sie durchzuführen. Und statt
diesen unvermeidlichen Kämpfen mutig entgegenzusehen, statt sie
mit ein paar raschen, entscheidenden Schlägen ihrem Ende entge-
genzuführen, schließen die beiden Parteien, die der Kontrerevo-
luüon und die der Bewegung, ein förmliches Komplott, um sie mög-
lichst lange zu vertagen. Und gerade diese ewigen kleinen Aus-
kunftsmittelchen, diese Konzessiönchen und Palliative, diese Ver-
mittlungsversuche sind schuld daran, daß überall Unerträglichkeit
und Ungewißheit der politischen Lage zu zahllosen Einzelaufstän-
den geführt hat, die nur mit Blut und mit Schmälerung der errun-
genen Rechte zu beseitigen sind. Gerade diese Furcht vor dem
Kampf ruft Tausende von kleinen Kämpfen herbei, gibt dem Jahr
1848 seinen unerhört blutigen Charakter und verwickelt die ganze
Stellung der kämpfenden Parteien so, daß der endliche Kampf nur
um so heftiger, um so verheerender Werden muß. Aber "der man-
gelnde Mut von unsern heben Bekannten"! [310]
Dieser entscheidende Kampf um die Zentralisation und demokrati-
sche Organisierung Deutschlands ist nun einmal nicht zu vermei-
den. Trotz aller Vertuschungen und Vermittlungen rückt er täglich
näher. Die Verwicklungen in Wien, in Berlin, in Frankfurt selbst
drängen zu einer Entscheidung; und Wenn a l l e s an der deut-
schen Zaghaftigkeit und Unentschiedenheit scheitern sollte, dann
wird uns Frankreich retten. In Paris reifen jetzt die Früchte des
Junisieges: Cavaignac und seine "reinen Republikaner" werden in
der Nationalversammlung, in der Presse, in den Klubs überflügelt
von den Royalisten; der legitimistische Süden droht [mit] einem
allgemeinen Aufstand; Cavaignac muß zu dem revolutionären Mittel
Ledru-Rollins, zu Departemental-Kommissaren mit außerordentlicher
Vollmacht seine Zuflucht nehmen; nur mit der größten Not schlug
er sich und seine Regierung am Samstag in der Kammer durch. Noch
eine solche Abstimmung, und Thiers, Barrot und Konsorten, die
Leute, in deren Interesse der Junisieg errungen, haben die Majo-
rität, Cavaignac wird der roten Republik in die Arme geworfen,
und der Kampf um die Existenz der Republik bricht los.
Wenn Deutschland in seiner Unentschiedenheit beharrt, so wird
diese neue Phase der französischen Revolution zugleich das Signal
zum Wiederausbruch des offenen Kampfes in Deutschland sein, eines
Kampfes, der uns hoffentlich etwas weiterführen und Deutschland
wenigstens von den traditionellen Fesseln der Vergangenheit
befreien wird.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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