Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Der Aufstand in Frankfurt [321]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 107 vom 20. September 1848,
Beilage]
** Köln, 19. September, abends 7 Uhr. Der deutsch-dänische Waf-
fenstillstand hat den Sturm beschworen. Der blutigste Aufstand
ist in Frankfurt losgebrochen; die Ehre Deutschlands, von der Na-
tionalversammlung an ein mit Schimpf und Schande abgedanktes
preußisches Ministerium verraten, wird von den Arbeitern Frank-
furts, Offenbachs und Hanaus, von den Bauern der Umgegend mit dem
Leben verteidigt. [307]
Noch schwankt der Kampf. Die Soldaten scheinen bis gestern abend
wenig Fortschritte gemacht zu haben. Artillerie ist in Frankfurt
mit Ausnahme der Zeil und allenfalls einiger ändern Straßen und
Plätze wenig anzuwenden, Kavallerie fast gar nicht. Von dieser
Seite stehen die Chancen günstig fürs Volk. Die Hanauer, aus dem
gestürmten Zeughaus bewaffnet, sind zur Hülfe hinzugezogen. Des-
gleichen die Bauern aus zahllosen Ortschaften der Umgegend. Das
Militär mochte bis gestern abend gegen 10 000 Mann, mit wenig Ar-
tillerie, stark sein. Der Zuzug von Bauern während der Nacht muß
sehr groß, der von Soldaten schon geringer gewesen sein; die
nächste Umgegend war entblößt von Truppen. Die revolutionäre Ge-
sinnung der odenwälder, nassauischen und kurhessischen Bauern er-
laubte keine weitern Absendungen; die Kommunikationen werden un-
terbrochen sein. Hat sich der Aufstand nur noch heute gehalten,
so steht der ganze Odenwald, Nassau, Kurhessen und Rheinhessen,
so steht zwischen Fulda, Koblenz, Mannheim und Aschaffenburg die
ganze Bevölkerung unter den Waffen, und die Truppen fehlen, den
Aufstand zu unterdrücken. Und wer steht für Mainz, Mannheim, Mar-
burg, Kassel, Wiesbaden - lauter Städte, in denen der Haß gegen
die Soldateska durch blutige Exzesse der sog. "Reichstruppen" auf
den höchsten Grad gestiegen ist? Wer steht für die Bauern am
Rhein, die mit Leichtigkeit Truppensendungen zu Wasser verhindern
können?
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Und dennoch, wir gestehen es, wir haben wenig Hoffnung für den
Sieg der braven Insurgenten. Frankfurt ist eine zu kleine Stadt,
die unverhältnismäßige Stärke der Truppen und die bekannten
kontrerevolutionären Sympathien der Frankfurter Spießbürger sind
zu überwiegend, als daß wir uns übergroße Hoffnungen machen könn-
ten.
Selbst wenn die Insurgenten unterließen, so ist noch nichts ent-
schieden. Die Kontrerevolution wird übermütig werden, wird uns
mit Belagerungszustand, Unterdrückung der Preßfreiheit, der Klubs
und der Volksversammlungen einen Augenblick knechten; aber nicht
lange und das Krähen des gallischen Hahns [322] wird die Stunde
der Befreiung, die Stunde der Vergeltung verkünden.
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 108 vom 21. September 1848]
** Köln, 20. September. Die Nachrichten aus Frankfurt fangen an,
unsere gestrigen Befürchtungen allmählich zu bestätigen. Es
scheint gewiß zu sein, daß die Insurgenten aus Frankfurt heraus-
geschlagen sind und nur noch Sachsenhausen besetzt halten, wo sie
stark verschanzt sein sollen. Frankfurt ist in Belagerungsstand
erklärt; wer mit den Waffen in der Hand oder im Widerstande gegen
die "Reichsmacht" ergriffen wird, soll vor ein Kriegsgericht ge-
stellt werden.
Die Herren in der Paulskirche sind jetzt also ihren Kollegen in
Paris ebenbürtig; sie können in aller Ruhe und unter der Herr-
schaft des Belagerungsstandes die Grundrechte des deutschen Vol-
kes auf ein "Minimum" reduzieren.
Die Eisenbahn nach Mainz ist an vielen Stellen aufgerissen, und
die Posten treffen zu spät oder gar nicht ein.
Die Artillerie scheint den Kampf in den breiteren Straßen ent-
schieden und dem Militär einen Weg in den Rücken der Barrikaden-
kämpfer eröffnet zu haben. Der Eifer, womit die Frankfurter
Spießbürgerschaft den Soldaten ihre Häuser öffnete und ihnen da-
mit alle Vorteile des Straßenkampfes in die Hände gab, die Über-
macht der mit den Eisenbahnen rasch hineingezogenen Truppen ge-
genüber den langsamen, zu Fuß ankommenden Zuzügen der Bauern tat
das übrige.
Aber selbst wenn der Kampf in Frankfurt selbst sich nicht wieder
erneuert hat, ist damit der Aufstand keineswegs unterdrückt. Die
wütenden Bauern werden die Waffen nicht so ohne weiteres nieder-
legen. Können sie die Nationalversammlung nicht sprengen, so ha-
ben sie zu Hause immer noch genug wegzuräumen. Der Sturm, von der
Paulskirche abgeschlagen, kann sich
#412# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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auf sechs bis acht Residenzchen, auf Hunderte von Rittersitzen
verteilen; der Bauernkrieg von diesem Frühjahre hat sein Ende so-
lange noch nicht erreicht, bis er sein Resultat, die Befreiung
der Bauern vom Feudalismus, herbeigeführt haben wird.
Woher der fortwährende Sieg der "Ordnung" auf allen Punkten Euro-
pas, Woher die Reihe der zahllosen, sich stets wiederholenden
Niederlagen der revolutionären Partei von Neapel, Prag, Paris bis
Mailand, Wien und Frankfurt?
Weil alle Parteien wissen, daß der Kampf, der sich in allen zivi-
lisierten Ländern vorbereitet, ein ganz anderer, ein unendlich
bedeutenderer ist als alle bisherigen Revolutionen; weil es sich
in Wien wie in Paris, in Berlin wie in Frankfurt, in London wie
in Mailand um den S t u r z d e r p o l i t i s c h e n
H e r r s c h a f t d e r B o u r g e o i s i e handelt, um
eine Umwälzung, deren nächste Konsequenzen schon alle behäbigen
und spekulierenden Bürger mit Entsetzen erfüllen.
Gibt es noch ein revolutionäres Zentrum in der Welt, wo nicht von
den Barrikaden der letzten fünf Monate die rote Fahne, das
Kampfeszeichen des verbrüderten europäischen Proletariats, geweht
hat?
Auch in Frankfurt ist das Parlament der vereinigten Junker und
Bourgeois unter der roten Fahne bekämpft worden.
Daher, weil die Bourgeoisie direkt in ihrer politischen und indi-
rekt in ihrer gesellschaftlichen Existenz durch jeden Aufstand
bedroht ist, der jetzt losbricht, daher alle diese Niederlagen.
Das meist waffenlose Volk hat zu kämpfen nicht nur gegen die von
der Bourgeoisie übernommene Macht des organisierten Beamten- und
Militärstaats, es hat auch zu kämpfen gegen die bewaffnete Bour-
geoisie selbst. Dem nicht organisierten und schlecht bewaffneten
Volk stehen sämtliche übrigen Klassen der Gesellschaft wohlorga-
nisiert und Wohlgerüstet gegenüber. Und daher kommt es, daß bis-
her das Volk erlegen [ist], daß es erliegen wird, bis seine Geg-
ner - sei es durch Beschäftigung der Truppen im Krieg, sei es
durch eine Spaltung unter sich - geschwächt werden oder bis ir-
gendein großes Ereignis das Volk zu einem verzweifelten Kampfe
treibt und seine Gegner demoralisiert.
Und solch ein großes Ereignis bereitet sich in Frankreich vor.
Darum brauchen wir nicht zu verzweifeln, wenn seit vier Monaten
die Kartätschen auf allen Punkten über die Barrikaden gesiegt ha-
ben. Im Gegenteil - jeder Sieg unserer Gegner War zugleich eine
Niederlage für sie; er spaltete sie, er verschaffte nicht der
siegreichen Partei der Februar- und März-Konservativen, er ver-
schaffte jedesmal schließlich d e r Partei die Herrschaft, die
im Februar und März g e s t ü r z t wurde. Der Junisieg in Pa-
ris hat nur für den Anfang die Herrschaft der kleinen Bour-
geoisie, der r e i n e n Republikaner hergestellt; noch nicht
drei Monate sind verflossen, und die große Bourgeoisie,
#413# Der Aufstand in Frankfurt
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die konstitutionelle Partei droht Cavaignac zu stürzen und die
"Reinen" den "Roten" in die Arme zu Werfen. So wird's auch in
Frankfurt gehen: Der Sieg wird nicht den biedern Zentren, er wird
der Rechten zugute kommen; die Bourgeoisie wird den Herren vom
Militär-, Beamten- und Junkerstaat den Vorrang gewähren und bald
genug die bittern Früchte ihres Sieges kosten müssen.
Mögen sie ihr wohl bekommen! Wir inzwischen wollen des Augen-
blicks warten, wo in Paris die Befreiungsstunde für Europa
schlägt.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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