Quelle: MEW 5 März - November 1848
zurück
#419#
-----
Die "Kölnische Revolution"
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 115 vom 13. Oktober 1848]
** Köln, 12. Oktober. Die "Kölnische Revolution" vom 25. Septem-
ber war ein Fastnachtsspiel, erzählt uns die "Kölnische Zeitung"
[104], und die "Kölnische Zeitung" hat recht. Die "Kölnische Kom-
mandantur" führt am 26. September den Cavaignac auf. Und die
"Kölnische Zeitung" bewundert die Weisheit und Mäßigung der
"Kölnischen Kommandantur". Wer aber ist der Komischste - die Ar-
beiter, die am 25. September sich im Barrikadenbauen übten, oder
der Cavaignac, der am 26. September in heiligstem Ernst den Bela-
gerungszustand aussprach, Journale suspendierte, die Bürgerwehr
entwaffnete, die Assoziationen untersagte?
Arme "Kölnische Zeitung"! Der Cavaignac der "Kölnischen Revolu-
tion" kann keinen Zoll größer sein als die "Kölnische Revolution"
selbst. Arme "Kölnische Zeitung"! Die "Revolution" muß sie im
Scherz und den "Cavaignac" dieser lustigen Revolution im Ernst
nehmen. Verdrießliches, undankbares, widerspruchvolles Thema!
Über die Berechtigung der Kommandantur verlieren wir kein Wort.
D'Ester hat diesen Gegenstand erschöpft. [331] Wir betrachten üb-
rigens die Kommandantur als untergeordnetes Werkzeug. Die eigent-
lichen Dichter dieser sonderbaren Tragödie waren die "gutge-
sinnten Bürger", die Dumonts und Konsorten. Kein Wunder also, daß
Herr Dumont mit seinen Zeitungen die Adresse gegen d'Ester,
Borchardt und Kyll kolportieren ließ. [332] Was sie zu ver-
teidigen hatten, diese "Gutgesinnten", es War nicht die Tat der
Kommandantur, es war ihre eigene Tat.
Das kölnische Ereignis wanderte durch die Saharawüste der deut-
schen Presse in der Form, die ihm das kölnische "Journal des De-
bats" gegeben. Hinreichender Grund, um darauf zurückzukommen.
Moll, einer der beliebtesten Führer des Arbeitervereins [333],
sollte verhaftet
#420# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
-----
werden. Schapper und Becker waren schon verhaftet. Man hatte zur
Ausführung dieser Maßregeln einen M o n t a g gewählt, einen
Tag, an dem bekanntlich der größte Teil der Arbeiter unbeschäf-
tigt ist. Man mußte also vorher wissen, daß die Verhaftungen
große Gärung unter den Arbeitern hervorrufen und selbst zu ge-
walttätigem Widerstand die Veranlassung bieten konnten. Sonderba-
rer Zufall, der diese Verhaftungen gerade auf einen Montag fallen
ließ! Die Aufregung war um so leichter vorherzusehen, als bei Ge-
legenheit des Steinschen Armeebefehls [308], nach Wrangels Pro-
klamation [334] und Pfuels Ernennung zum Ministerpräsidenten
[323] jeden Augenblick ein entscheidender, kontrerevolutionärer
Schlag, also eine Revolution von Berlin aus erwartet wurde. Die
Arbeiter mußten daher die Verhaftungen nicht als gerichtliche,
sondern als p o l i t i s c h e Maßregeln betrachten. In der
Prokuratur sahen sie nur noch eine kontrerevolutionäre Behörde.
Sie glaubten, daß man sie am Vorabende wichtiger Ereignisse ihrer
Führer berauben wolle. Sie beschlossen, Moll um jeden Preis der
Verhaftung zu entziehen. Und sie verließen erst den Kampfplatz,
nachdem sie ihren Zweck erreicht hatten. Die Barrikaden wurden
erst gebaut, als die auf dem Altenmarkt versammelten Arbeiter
erfuhren, daß von allen Seiten das Militär zum Angriff anrücke.
Sie wurden nicht angegriffen; sie hatten sich also auch nicht zu
verteidigen. Zudem war ihnen bekannt geworden, daß aus Berlin
durchaus keine gewichtigen Nachrichten eingetroffen. Sie zogen
sich also zurück, nachdem sie einen großen Teil der Nacht hin-
durch vergebens einen Feind erwartet hatten.
Nichts lächerlicher daher als der Vorwurf der Feigheit, den man
den kölnischen Arbeitern gemacht hat.
Aber noch andere Vorwürfe hat man ihnen gemacht, um den Belage-
rungszustand zu rechtfertigen und das Kölner Ereignis zu einer
kleinen Junirevolution zuzustutzen. Ihr eigentlicher Plan sei die
Plünderung der guten Stadt Köln gewesen. Diese Anklage beruht auf
der angeblichen Plünderung e i n e s Tuchladens. Als wenn nicht
jede Stadt ihr Kontingent Diebe hätte, die natürlich Tage öffent-
licher Aufregung benutzen. Oder versteht man unter der Plünderung
die Plünderung von Waffenläden? So schicke man das kölnische Par-
quet nach Berlin, damit es den Prozeß gegen die Märzrevolution
instruiere. Ohne die geplünderten Waffenläden hätten wir viel-
leicht nie die Genugtuung erlebt, Herrn Hansemann in einen Bank-
direktor und Herrn Müller in einen Staatssekretär verwandelt zu
sehen.
Genug von den Arbeitern Kölns. Kommen wir zu den sogenannten
D e m o k r a t e n. Was wirft ihnen die "Kölnische Zeitung"
vor, die "Deutsche Zeitung", die "Augsburger Allgemeine Zeitung"
und wie die ändern "gutgesinnten" Blätter heißen mögen?
#421# Die "Kölnische Revolution"
-----
Die heroischen Brüggemanns, Bassermanns usw. verlangten Blut, und
die weichherzigen Demokraten, aus F e i g h e i t haben sie
kein Blut fließen lassen.
Der Tatbestand ist einfach dieser: Die Demokraten erklärten im
Kranz (auf dem Altenmarkt), im Eiserschen Saale und auf den Bar-
rikaden den Arbeitern, daß sie unter keiner Bedingung einen
"Putsch" wollten. In diesem Augenblicke aber, wo keine große
Frage die Gesamtbevölkerung in den Kampf treibe und jede Erneute
daher scheitern müsse, sei sie um so sinnloser, als in wenigen
Tagen gewaltige Ereignisse eintreffen könnten und man sich daher
v o r dem Tage der Entscheidung kampfunfähig mache. Wenn das Mi-
nisterium in Berlin eine Kontrerevolution wage, dann sei der Tag
für das Volk gekommen, eine Revolution zu wagen. Die gerichtliche
Untersuchung wird unsere Angabe bestätigen. Die Herrn von der
"Kölnischen Zeitung" hätten besser getan, statt im "nächtlichen
Dunkel" mit "verschränkten Armen und finstern Blicken" vor den
Barrikaden zu stehen und über "die Zukunft ihres Volkes nach-
zusinnen" [335], vielmehr die verblendete Masse mit ihren Worten
der Weisheit von den Barrikaden herab zu harangieren. Was nutzt
die Weisheit post festum 1*)?
Am schlimmsten ist bei Gelegenheit der kölnischen Ereignisse der
Bürgerwehr von der guten Presse aufgespielt worden. Unterscheiden
wir. Daß die Bürgerwehr sich weigerte, zum willenlosen Diener der
Polizei herabzusinken - es war ihre Pflicht. Daß sie die Waffen
freiwillig ablieferte, es ist nur durch eine Tatsache zu ent-
schuldigen: Der liberale Teil derselben wußte, daß der illiberale
Teil die Gelegenheit mit Jubel ergriff, um sich der Waffen zu
entledigen. Der partielle Widerstand aber wäre nutzlos gewesen.
Die "Kölnische Revolution" hat ein Resultat gehabt. Sie hat das
Dasein einer Phalanx von mehr als 2000 Heiligen enthüllt, deren
"s a t t e Tugend und zahlungsfähige Moral" [199] nur im Belage-
rungszustand ein "freies Leben" führt. Vielleicht findet sich
einmal Veranlassung, "Acta Sanctorum" [336] - Biographien dieser
Heiligen - zu schreiben. Unsere Leser werden dann erfahren, wie
die "Schätze" erworben Werden, die weder "Motten noch Rost" fres-
sen, sie werden lernen, auf welche Weise der ökonomische Hinter-
grund der "guten Gesinnung" erobert wird.
Geschrieben von Karl Marx.
-----
1*) hinterher
zurück