Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Thiers' Rede über eine allgemeine Hypothekenbank mit Zwangskurs
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 116 vom 14. Oktober 1848]
* Herr Thiers publiziert in dem "Constitutionnel" eine Broschüre
über das "Eigentum" . [339] Wir werden auf diese klassisch ge-
schriebene Trivialität näher eingehen, sobald die Publikation
vollständig erschienen ist. Herr Thiers hat sie plötzlich abge-
brochen. Uns genügt einstweilen zu bemerken, daß die "großen"
b e l g i s c h e n Blätter, der "Ofeserüatar"[175] und die
"Indépendance" [125], schwärmen für die Schrift des Herrn Thiers.
Heute verfolgen wir einen Augenblick die am 10. Oktober von Herrn
Thiers in der französischen Nationalversammlung gehaltene Rede
über die Hypothekenbons [340], eine Rede, die nach der belgischen
"Indépendance" dem Papiergeld den "Todesstoß" versetzt hat. Aber
Herr Thiers ist auch, wie "Indépendance" sagt, ein Redner, der
mit gleicher Überlegenheit die politischen Fragen behandelt, die
finanziellen, die sozialen.
Diese Rede interessiert uns nur, weil sie die Taktik der Ritter
der alten Zustände zeigt, eine Taktik, die sie mit Recht den Don
Quixoten der neuen entgegenhalten.
Verlangt eine teilweise Reform in den industriellen und kommer-
ziellen Zuständen, wie Herr Turck 1*), dem Thiers antwortet, und
sie halten euch die Verkettung und die Wechselwirkung der Gesamt-
organisation entgegen. Verlangt die Umwälzung der Gesamtorganisa-
tion, und ihr seid destruktiv, revolutionär, gewissenlos, utopi-
stisch und überseht die p a r t i e l l e n Reformen. Also Re-
sultat: Laßt alles beim Alten.
Herr Turck z. B. will den Bauern die Verwertung ihres Grundeigen-
tums durch offizielle Hypothekenbanken erleichtern. Er will ihr
Eigentum in Zirkulation bringen, ohne daß es durch die Hände des
Wuchers hindurchpassieren
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1*) In der "Neuen Rheinischen Zeitung" immer irrtümlich: Türk
#424# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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muß. In Frankreich nämlich, wie in den Ländern überhaupt, wo die
Parzellierung herrscht, hat sich die Herrschaft der Feudalherrn
in die Herrschaft der Kapitalisten, haben sich die feudalen Lei-
stungen des Bauern in bürgerliche Hypothekenverpflichtungen ver-
wandelt.
Was antwortet Herr Thiers zunächst?
Wollt ihr den Bauern durch öffentliche Kreditanstalten helfen, so
beeinträchtigt ihr den kleinen Handelsmann. Ihr könnt dem einen
nicht helfen, ohne dem ändern zu schaden.
Also müssen wir das g a n z e K r e d i t s y s t e m umwan-
deln?
Beileibe nicht! Das ist eine Utopie. Also ist Herr Turck abgefer-
tigt.
Der kleine Handelsmann, für welchen Herr Thiers so zärtlich
sorgt, ist die g r o ß e Bank von Frankreich.
Die Konkurrenz von Papierscheinen für zwei Milliarden Hypotheken
würde ihr das Monopol und die Dividenden und vielleicht noch
something more 1*) ruinieren. Hinter dem Argument des Herrn
Thiers steht also im Hintergrund - Rothschild.
Kommen wir zu einem ändern Argument des Herrn Thiers. Der Vor-
schlag der Hypotheken, sagt Herr Thiers, geht d i e A g r i-
k u l t u r selbst eigentlich gar nichts an.
Daß das Grundeigentum nur unter erschwerenden Umständen in Zirku-
lation gesetzt wird, daß es sich nur mühsam verwertet, daß die
Kapitalien es sozusagen fliehen, das alles, bemerkt Herr Thiers,
liegt in der "Natur". Es werfe nämlich nur kleinen Profit ab.
Aber von der ändern Seite kann Herr Thiers nicht leugnen, daß es
in der "Natur" der modernen industriellen Organisation liegt, daß
alle Industrien, also auch die Agrikultur, nur gedeihen, Wenn
ihre Produkte und ihre Instrumente leicht verwertet, in Umtausch
gesetzt, mobilisiert werden können. Bei dem Grund und Boden ist
das nicht der Fall. A l s o wäre der Schluß: Innerhalb der be-
stehenden zivilisierten Zustände kann die A g r i k u l t u r
nicht gedeihen. Man muß daher die bestehenden Zustände ändern und
ein kleiner, wenn auch inkonsequenter Anlauf zu einer solchen
Veränderung ist der Vorschlag des Herrn Turck. Keineswegs! ruft
Thiers aus. Die "Natur", d.h. die jetzigen sozialen Verhältnisse
verdammen die Agrikultur zu ihrem jetzigen Zustande. Die jetzigen
sozialen Verhältnisse sind "Natur", d.h. unabänderlich. Die Be-
hauptung ihrer Unveränderlichkeit ist natürlich der schlagendste
Beweis gegen den Vorschlag jeder Veränderung. Wenn die
"Monarchie" Natur ist, ist jeder republikanische Versuch eine
Auflehnung gegen die Natur. Nach Herrn Thiers ist es auch
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1*) einiges mehr
#425# Thiers' Rede über Hypothekenbank
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einleuchtend, daß das Grundeigentum immer n a t u r g e m ä ß
dieselben kleinen Profite abwirft, sei es, daß der Staat dem
Grundeigentümer die Kapitalien zu 3 oder der Wucherer zu 10 Pro-
zent vorschießt. Es ist dies einmal "Natur".
Indem aber Herr Thiers den industriellen Profit und die Rente,
Welche die Agrikultur abwirft, miteinander identifiziert, stellt
er geradezu auch eine den jetzigen sozialen Verhältnissen, dem,
Was er "Natur" nennt, widersprechende Behauptung auf.
Während der industrielle Profit im allgemeinen beständig fällt,
steigt beständig die Grundrente, d.h. der Wert des Bodens. Herr
Thiers hatte also das Phänomen zu erklären, daß der Bauer trotz-
dem beständig verarmt. Er läßt sich natürlich auf dies Gebiet
nicht ein.
Von wirklich merkwürdiger Oberflächlichkeit ist ferner, was
Thiers über den U n t e r s c h i e d der französischen und
englischen Agrikultur sagt.
Der ganze Unterschied, belehrt uns Thiers, besteht in der
G r u n d s t e u e r. Wir zahlen sehr hohe Grundsteuer, die
Engländer gar keine. Abgesehen von der Unrichtigkeit der letztern
Behauptung, weiß Herr Thiers sicher, daß in England die Ar-
mensteuer und eine Masse anderer in Frankreich nicht existieren-
der Steuern auf die Agrikultur fallen. Das Argument des Herrn
Thiers wird in umgekehrtem Sinn von englischen Anhängern der
kleinern Agrikultur angewandt. Wißt ihr, sagen sie, warum das
englische Getreide kostspieliger ist als das französische? Weil
wir G r u n d r e n t e zahlen und hohe Grundrente, was die
Franzosen nicht tun, da sie im Durchschnitt nicht Pächter, son-
dern kleine Eigentümer sind. Es lebe daher das kleine Eigentum!
Es gehört die ganze unverschämte Trivialität von Thiers dazu, um
die englische Konzentration des Arbeitsinstruments, des Bodens,
wodurch Anwendung der Maschinerie und der Teilung der Arbeit im
großen auf die Agrikultur möglich gemacht wird, die Wechselwir-
kung der englischen Industrie und des englischen Handels auf die
Agrikultur, um alle diese vielverzweigten Verhältnisse in die
eine nichtssagende Phrase aufzulösen, die Engländer zahlen
k e i n e G r u n d s t e u e r.
Der Ansicht des Herrn Thiers, daß die jetzige Hypothekenwirt-
schaft in Frankreich gleichgültig für die Agrikultur ist, setzen
wir die Ansicht des größten französischen agronomischen Chemikers
entgegen. Dombasle hat ausführlich bewiesen, daß, wenn das jet-
zige Hypothekenwesen sich "der Natur" gemäß in Frankreich for-
tentwickelt, die französische Agrikultur zu einer Unmöglichkeit
werden wird. [341]
Welche freche Flachheit gehört überhaupt dazu, zu behaupten, der
Agrikultur seien die Grundeigentumsverhältnisse gleichgültig, mit
andern Worten,
#426# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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der Produktion seien die gesellschaftlichen Verhältnisse gleich-
gültig, innerhalb deren produziert wird?
Es bedarf übrigens keiner weitern Auseinandersetzung, daß Herr
Thiers, der den Kredit der großen Kapitalisten erhalten will, den
kleinen keinen Kredit geben darf. Der Kredit der großen Kapitali-
sten ist eben die Kreditlosigkeit der kleinen. Wir leugnen aller-
dings, daß es möglich ist, den kleinen Grundeigentümern innerhalb
des jetzigen Systems durch irgendein finanzielles Kunststück auf-
zuhelfen. Aber Thiers mußte dies behaupten, da er die jetzige
Welt für die beste der Welten ansieht.
In bezug auf diesen Teil von Thiers' Rede bemerken wir daher nur
noch eins: Indem er gegen die Mobilisation des Grundeigentums
spricht und andererseits die englischen Verhältnisse preist, ver-
gißt er, daß die Agrikultur in England gerade im höchsten Grade
d e n Vorzug besitzt, daß sie fabrikmäßig betrieben wird und daß
die Grundrente, d.h. das Grundeigentum ein mobiles, übertragbares
Börsenpapier wie jedes andere ist. Fabrikmäßige Agrikultur, d.h.
Betreibung der Agrikultur in der Weise der großen Industrie be-
dingt ihrerseits Mobilisation, kaufmännisch-leichte Austauschbar-
keit des Grundeigentums.
Der zweite Teil der Rede des Herrn Thiers besteht in Angriffen
auf das P a p i e r g e l d im allgemeinen. Er nennt die Aus-
gabe von Papiergeld überhaupt F a l s c h m ü n z e r e i. Er
erzählt uns die große Wahrheit, daß, wenn man eine zu große Masse
Zirkulationsmittel, d.h. Geld auf den Markt wirft, man das Geld
selbst entwertet, also doppelt betrügt, die Privaten und den
Staat. Dies sei bei den Hypothekenbanken besonders der Fall.
Alles dies sind Entdeckungen, die man in den schlechtesten Kate-
chismen der politischen Ökonomie findet.
Unterscheiden wir. Es ist klar, daß Wir die Produktion, also den
wirklichen Reichtum nicht vermehren, indem wir das Geld, sei es
Papier- oder Metallgeld, willkürlich vermehren. So verdoppeln wir
im Kartenspiel unsere Stiche nicht, wenn wir die Spielmarken ver-
doppeln.
Andererseits ist ebenso klar, daß, wenn die Produktion durch Man-
gel an Spielmarken, an Austauschmitteln, an Geld gehemmt wird,
sich zu entwickeln, jede Vermehrung der Austauschmittel, jede
Verminderung der Schwierigkeit, sich Austauschmittel zu verschaf-
fen, zugleich eine V e r m e h r u n g d e r P r o d u k-
t i o n ist. Diesem Produktionsbedürfnisse verdanken Wechsel,
Banken usw. ihren Ursprung. In dieser Weise kann die Agrikultur
durch Hypothekenbanken gehoben werden.
Wofür Herr Thiers aber eigentlich kämpft, ist nicht das Metall-
geld gegen das Papiergeld. Er selbst hat zu viel auf der Börse
gespielt, um in den Vorurteilen
#427# Thiers' Rede über Hypothekenbank
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der alten Merkantilisten befangen zu sein. Was er bekämpft, ist
die Regelung des Kredits durch die im Staat repräsentierte Ge-
sellschaft gegen die Regelung des Kredits durch das Monopol. Der
Ansatz zu einer Regelung des Kredits im allgemeinen gesellschaft-
lichen Interesse war eben der Turckesche Vorschlag einer allge-
meinen Hypothekenbank, deren Scheine Zwangskurs hätten, so wenig
dieser Vorschlag in seiner Isolierung bedeutet.
Geschrieben von Karl Marx.
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