Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Berliner Vereinbarungsdebatten [49]
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 7 vom 7. Juni 1848]
       ** Köln,  6.Juni. Die   V e r h a n d l u n g e n   z u r  V e r-
       e i n b a r u n g   etc. [25] nehmen in Berlin den erfreulichsten
       Fortgang. Anträge über Anträge werden gestellt, die meisten sogar
       fünf- bis  sechsmal, damit  sie ja  nicht verlorengehen  auf  dem
       weiten Wege  durch die  Abteilungen und  Kommissionen. Vorfragen,
       Nebenfragen, Zwischenfragen,  Nachfragen und  Hauptfragen  werden
       bei jeder  Gelegenheit in reichlichster Anzahl erhoben. Bei jeder
       dieser großen  und kleinen  Fragen entspinnt sich regelmäßig eine
       zwanglose Konversation "vom Platze aus " mit dem Präsidenten, den
       Mimstern usw.  und bildet  zwischen der  angreifenden Arbeit  der
       "großen  Debatten"  den  erwünschten  Ruhepunkt.  Besonders  jene
       namenlosen  Vereinbarer,  die  der  Stenograph  als  "Stimme"  zu
       bezeichnen pflegt,  lieben es, in solchen gemütlichen Besprechun-
       gen ihre  Meinung zu  äußern. Diese  "Stimmen" sind  übrigens  so
       stolz auf  ihr Stimmrecht,  daß sie, wie es am 2. Juni geschehen,
       zuweilen   "f ü r   J a  u n d  a u c h  f ü r  N e i n  s t i m-
       m e n".   Neben dieser Idylle aber erhebt sich dann in der ganzen
       Erhabenheit der Tragödie der Kampf der großen Debatte, ein Kampf,
       der nicht  nur von  der Tribüne  aus  mit  Worten  geführt  wird,
       sondern an  dem auch  der Chor der Vereinbarer Anteil nimmt durch
       Trommeln, Murren,  Durchemanderschreien usw. Das Drama endigt na-
       türlich jedesmal  mit dem Siege der tugendhaften Rechten und wird
       fast immer  durch den Ruf der konservativen Armee nach Abstimmung
       entschieden.
       In der  Sitzung vom 2. Juni stellte Herr Jung eine Interpellation
       an den  Minister des  Auswärtigen wegen  des Kartellvertrages mit
       Rußland. Man  weiß, daß  schon 1842  die öffentliche  Meinung die
       Aufhebung des  Kartells erzwang, daß dies aber unter der Reaktion
       von 1844 wiederhergestellt wurde. Man weiß, wie die russische Re-
       gierung die  Ausgelieferten totknuten  oder nach Sibirien wandern
       läßt. Man weiß, welchen erwünschten Vorwand die bedungene
       
       #45# Berliner Vereinbarungsdebatten
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       Auslieferung gemeiner  Verbrecher und  Vagabunden bietet,  um den
       Russen politische Flüchtlinge in die Hände zu liefern.
       Herr  A r n i m,  Minister des Auswärtigen, erwiderte:
       
       "Es wird  gewiß niemand  etwas dagegen einzuwenden haben, daß De-
       serteurs ausgeliefert werden, indem es ganz in der Regel ist, daß
       befreundete Staaten sich dieselben gegenseitig ausliefern."
       
       Wir nehmen Akt davon, daß nach der Meinung unseres Ministers Ruß-
       land und Deutschland "befreundete Staaten" sind. Allerdings haben
       die Heeresmassen,  die Rußland  am Bug  und Njemen zusammenzieht,
       keine andere  Absicht, als das "befreundete" Deutschland baldmög-
       lichst von den Schrecken der Revolution zu befreien.
       
       "Die Entscheidung über die Auslieferung von Verbrechern liegt üb-
       rigens in der Hand der Gerichte, so daß alle Bürgschaft geleistet
       ist, daß  die Angeklagten  nicht vor dem Beschluß der Kriminalun-
       tersuchung ausgeliefert werden."
       
       Herr Arnim  sucht die  Versammlung glauben zu machen, als führten
       die preußischen  Gerichte über den dem Verbrecher zur Last geleg-
       ten Tatbestand  die Untersuchung.  Ganz im  Gegenteil. Die russi-
       schen oder  russisch-polnischen Justizbehörden schicken einen Be-
       schluß an die preußischen, wodurch sie den Flüchtling in Anklage-
       zustand erklären. Das preußische Gericht hat bloß zu untersuchen,
       ob dies  Aktenstück authentisch ist, und wird diese Frage bejaht,
       so muß  es die  Auslieferung beschließen. "So daß alle Bürgschaft
       geleistet ist",  daß die  russische Regierung  ihren Richtern nur
       einen Wink zu geben braucht, um jeden Flüchtling, solange er noch
       nicht wegen politischer Angelegenheiten verklagt ist, mit preußi-
       schen Ketten geschlossen in ihre Hände zu bekommen.
       
       "Daß   e i g n e  U n t e r t a n e n  nicht ausgeliefert werden,
       versteht sich von selbst."
       
       "Eigne Untertanen", Herr Feudalbaron von Arnim, können schon des-
       wegen nicht  ausgeliefert werden,  weil es  in Deutschland  keine
       "Untertanen" mehr  gibt, seit  das Volk so frei war, sich auf den
       Barrikaden zu emanzipieren.
       "Eigne Untertanen!"  Wir, die wir Versammlungen wählen, die Köni-
       gen und  Kaisern souveräne Gesetze vorschreiben, wir "Untertanen"
       Sr. Majestät des Königs von Preußen?
       "Eigne Untertanen!"  Hätte die  Versammlung nur  einen Funken des
       revolutionären Stolzes, dem sie ihre Existenz verdankt, sie hätte
       den servilen  Minister mit einem einzigen Ruf der Indignation von
       der Tribüne und von der Ministerbank herabgedonnert. Aber sie hat
       den brandmarkenden  Ausdruck ruhig  passieren lassen.  Nicht  die
       leiseste Reklamation ließ sich hören.
       
       #46# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Herr  R e h f e l d  interpellierte Herrn Hansemann wegen der er-
       neuerten Wollaufkäufe  der Seehandlung  [50] und  der durch  Dis-
       konto-Offerten den englischen Käufern gebotenen Vorteile über die
       deutschen. Die  Wollenindustrie, gedrückt  durch  die  allgemeine
       Krisis, hatte  Aussicht, in  Einkäufen zu  den diesjährigen  sehr
       niedrigen Wollpreisen wenigstens eine kleine Begünstigung zu fin-
       den. Da  kommt die  Seehandlung und  treibt durch enorme Aufkäufe
       die Preise  in die Höhe. Zu gleicher Zeit erbietet sie sich, eng-
       lischen Käufern den Einkauf durch Diskontierung guter Wechsel auf
       London wesentlich  zu erleichtern;  eine Maßregel,  die ebenfalls
       ganz geeignet ist, die Wollpreise durch Anziehung neuer Käufer in
       die Höhe zu treiben, und die den auswärtigen Käufern einen bedeu-
       tenden Vorteil gegen die einheimischen gibt.
       Die Seehandlung  ist eine  Erbschaft der absoluten Monarchie, der
       sie zu  allerlei Zwecken  dienlich war.  Sie hat  während zwanzig
       Jahren das  Staatsschuldengesetz von  1820' ^ illusorisch gemacht
       und sich  auf eine  sehr unangenehme  Weise in den Handel und die
       Industrie eingemischt.
       Die von  Herrn   R e h f e l d  angeregte Frage ist im Grunde von
       wenig Interesse  für die  Demokratie. Es handelt sich hier um ei-
       nige tausend Taler Gewinn mehr oder weniger für die Wollproduzen-
       ten auf der einen, für die Wollfabrikanten auf der ändern Seite.
       Die Wollproduzenten  sind fast ausschließlich große Gutsbesitzer,
       märkische, preußische, schlesische und posensche Feudalherren.
       Die Wollfabrikanten  sind meistens große Kapitalisten, Herren von
       der hohen Bourgeoisie.
       Es handelt  sich also bei den Wollpreisen nicht um allgemeine In-
       teressen, sondern um Klasseninteressen, um die Frage, ob der hohe
       Grundadel die hohe Bourgeoisie, oder die hohe Bourgeoisie den ho-
       hen Grundadel schneiden soll.
       Herr Hansemann,  nach Berlin geschickt als Repräsentant der hohen
       Bourgeoisie, der  jetzt herrschenden  Partei, verrät  sie an  den
       Grundadel, an die besiegte Partei.
       Für uns Demokraten hat die Sache nur das Interesse, daß Herr Han-
       semann auf  Seite der  besiegten Partei  tritt, daß  er nicht die
       bloß konservative  Klasse,  sondern  die    r e a k t i o n ä r e
       Klasse unterstützt.  Wir gestehen,  von dem  Bourgeois  Hansemann
       hätten wir dies nicht erwartet.
       Herr  H a n s e m a n n  versicherte erst, er sei kein Freund der
       Seehandlung, und  fügte dann  hinzu: Sowohl  das Einkaufsgeschäft
       der Seehandlung  wie ihre Fabriken können nicht auf einmal einge-
       stellt werden.  Was die  Wolleinkäufe betrifft,  so bestehen Ver-
       träge, nach  welchen in diesem Jahre das Aufkaufen einer gewissen
       Partie Wolle ... eine Verpflichtung der Seehandlung ist. Ich
       
       #47# Berliner Vereinbarungsdebatten
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       glaube, daß,  wenn in  irgendeinem Jahre dergleichen Einkäufe dem
       Privatverkehr nicht  schaden, es  gerade in  diesem Jahr der Fall
       sein wird  (?) ...  weil die Preise sonst zu niedrig werden dürf-
       ten.
       Man sieht  es der ganzen Rede an, Herr Hansemann fühlt sich nicht
       wohl, während  er spricht.  Er hat sich verleiten lassen, den Ar-
       nims, Schaffgotschs  und Itzenplitzs  einen Gefallen  zu tun  zum
       Nachteil der  Wollfabrikanten, und  soll nun  mit den Gründen der
       modernen, für  den Adel so unbarmherzigen Nationalökonomie seinen
       unbedachten Schritt verteidigen. Er selbst weiß am besten, daß er
       die ganze Versammlung zum besten hat.
       "Das Einkaufsgeschäft  der Seehandlung  sowohl wie  ihre Fabriken
       können nicht  auf einmal  eingestellt  werden."  Die  Seehandlung
       kauft also  Wolle und läßt ihre Fabriken flott arbeiten. Wenn die
       Fabriken der  Seehandlung nicht  auf einmal  "eingestellt  werden
       können", so  können selbstredend  die Verkäufe  auch nicht einge-
       stellt werden. Die Seehandlung wird also ihre Wollenwaren auf den
       Markt bringen,  sie wird  den ohnehin überfüllten Markt noch mehr
       überfüllen, die  gedrückten Preise  noch mehr  drücken. Mit einem
       Worte, sie wird, um den märkischen etc. Landjunkern Geld für ihre
       Wolle zu  verschaffen, die  gegenwärtige Handelskrisis noch stei-
       gern und  die wenigen noch vorhandenen Kunden den Wollfabrikanten
       entziehen.
       Was die englische Wechselgeschichte betrifft, so hält Herr Hanse-
       mann eine  glänzende Tirade  über die  enormen Vorteile,  die das
       ganze Land  davon hat, wenn die englischen Guineen in die Taschen
       der märkischen  Landjunker spazieren.  Wir werden uns wohl hüten,
       hierauf ernsthaft  einzugehen. Wir  begreifen nur nicht, wie Herr
       Hansemann dabei seine ernsthafte Miene behaupten konnte.
       Man debattierte  in derselben  Sitzung noch über eine wegen Posen
       zu ernennende Kommission. Hierüber morgen.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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