Quelle: MEW 5 März - November 1848
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"Aufruf des demokratischen Kongresses an das deutsche Volk"
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 133 vom 3. November 1848]
* Köln, 2. November. Nachstehend geben wir den Aufruf des "demo-
kratischen Kongresses" [351]:
An das deutsche Volk!
Lange schmachvolle Jahre hindurch seufzte das deutsche Volk unter
dem Joche der Gewaltherrschaft. Die blutigen Taten Wiens und Ber-
lins berechtigten zu der Hoffnung, daß seine Freiheit und Einheit
mit einem Schlage zur Wahrheit werden würden. Teuflische Künste
einer fluchwürdigen Reaktion traten dieser Entwickelung entgegen,
das heldenmütige Volk um die Früchte seiner großartigen Erhebung
zu betrügen. Wien, ein Hauptbollwerk deutscher Freiheit, steht
augenblicklich in der höchsten Gefahr. Aufgeopfert durch die
Ränke einer noch immer mächtigen Kamarilla, sollte es aufs neue
den Fesseln einer Zwingherrschaft überliefert werden. Aber seine
edle Bevölkerung erhob sich wie ein Mann und steht den bewaffne-
ten Horden seiner Unterdrücker todesmutig entgegen. Die Sache
Wiens ist die Sache Deutschlands, ist die Sache der Freiheit. Mit
dem Falle Wiens wird die alte Willkürherrschaft mehr wie je ihr
Banner erheben, mit seinem Siege wird sie vernichtet sein. An uns
ist es, deutsche Mitbrüder, Wiens Freiheit nicht untergehen zu
lassen, sie nicht dem Waffenglücke barbarischer Horden preiszuge-
ben. Es ist die heiligste Pflicht der deutschen Regierungen, mit
allem ihrem Einflüsse der bedrängten Schwesterstadt zu Hülfe zu
eilen; es ist zugleich aber auch die heiligste Pflicht des deut-
schen Volkes, im Interesse seiner Freiheit, im Interesse seiner
Selbsterhaltung zur Rettung Wiens jedes Opfer zu bringen. Nimmer
darf es die Schmach stumpfer Gleichgültigkeit auf sich laden, wo
das Höchste, wo alles auf dem Spiele steht. Wir fordern Euch da-
her auf, Mitbrüder, daß Ihr, jeder nach seinen Kräften, beitragt,
Wien vor dem Untergange zu retten. Was wir für Wien tun, tun wir
für Deutschland. Helfet selbst! Die Männer, die Ihr nach Frank-
furt gesendet, um die Freiheit zu gründen, haben die Aufforde-
rung, Wien zu helfen, mit Hohngelächter zurückgewiesen. An Euch
ist es jetzt, zu handeln! Fordert Ihr es mit dem kräftigen und
unwandelbaren Willen von Euren Regierungen, daß sie sich Eurer
Majorität unterwerfen und die deutsche Sache und die Sache der
Freiheit in Wien retten. Eilt! Ihr seid die Macht, Euer Wille ist
Gesetz! Auf! Ihr Männer der
#446# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Freiheit, auf! in allen deutschen Landen und wo sonst der Gedanke
der Freiheit und Humanität edle Herzen durchglüht! Auf, ehe es zu
spät ist! Rettet die Freiheit Wiens, rettet die Freiheit Deutsch-
lands. Die Gegenwart wird Euch bewundern, die Nachwelt mit un-
sterblichem Ruhm belohnen!
Am 29. Oktober 1848.
Der demokratische Kongreß in Berlin
Dieser Aufruf ersetzt den Mangel an revolutionärer Energie durch
ein predigerartiges Heulerpathos, hinter dem sich die entschie-
denste Armut an Gedanken und an Leidenschaft verbirgt.
Einige Proben!
Der Aufruf erwartete von den Wiener und Berliner Märzrevolutionen
das "zur Wahrheitwerden der Einheit und Freiheit" des deutschen
Volks "mit einem Schlage". In ändern Worten: Der Aufruf träumte
von "einem Schlage", der dem deutschen Volke die "Entwicklung"
zur "Einheit und Freiheit" überflüssig machen würde.
Gleich darauf verwandelt sich ihm aber der phantastische "eine
Schlag", der die Entwicklung ersetzt, in eine "Entwicklung", wel-
cher die Reaktion e n t g e g e n g e t r e t e n sei. Phrase,
sich selbst auflösende Phrase!
Wir sehn ab von der eintönigen Wiederholung des Grundthemas: Wien
ist in Gefahr, mit Wien Deutschlands Freiheit; helft Wien, ihr
helft damit euch selbst! Diesem Gedanken wird nicht Fleisch und
Blut gegeben. Die e i n e Phrase wird so oft um sich selbst ge-
wickelt, bis sie sich zu einem Redestück ausgedehnt hat. Wir be-
merken nur, daß der gemachte, unwahre Pathos immer dieser stüm-
perhaften Rhetorik verfällt.
"An uns ist es, deutsche Mitbrüder, Wiens Freiheit nicht unter-
gehn zu lassen, sie nicht dem Waffenglücke barbarischer Horden
preiszugeben."
Und wie sollen wir das anfangen?
Zunächst durch eine Adresse an das Pflichtgefühl der "d e u t-
s c h e n R e g i e r u n g e n"'. C'est incroyable! 1*)
"Es ist die h e i l i g s t e P f l i c h t d e r d e u t-
s c h e n R e g i e r u n g e n, mit allem ihrem Einflüsse der
bedrängten Schwesterstadt zu Hülfe zu eilen."
Die preußische Regierung, soll sie Wrangel oder Colomb oder den
Prinzen von Preußen gegen Auersperg, Jellachich und Windischgrätz
senden? Durfte der "demokratische" Kongreß sich einen Augenblick
diese kindische und konservative Stellung zu den deutschen Regie-
rungen geben? Durfte er einen Augenblick die Sache und die "hei-
ligsten Interessen" der
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1*) Das ist unglaublich!
#447# "Aufruf des demokr. Kongresses an das deutsche Volk"
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deutschen Regierungen von der Sache und den Interessen "der kroa-
tischen Ordnung und Freiheit" trennen? Die Regierungen werden
selbstvergnügt lächeln über diese jungfräuliche Schwärmerei.
Und das Volk?
Das Volk wird im allgemeinen ermahnt, "jedes Opfer zur Rettung
Wiens zu bringen". Gut! Aber das "Volk" erwartet vom demokrati-
schen Kongresse bestimmte Forderungen. Wer alles verlangt, ver-
langt nichts und erhält nichts. Die b e s t i m m t e Forde-
rung, die Pointe also ist:
"F o r d e r t Ihr es mit dem kräftigen und unwandelbaren Willen
von E u r e n R e g i e r u n g e n, daß sie sich Eurer Majo-
rität unterwerfen und die deutsche Sache und die Sache der Frei-
heit in Wien retten. Eilt! Ihr seid die Macht, Euer Wille ist Ge-
setz! Auf!"
Gesetzt, es gelänge großartigen Volksdemonstrationen, die Regie-
rungen zu offiziösen Schritten für Wiens Rettung zu bewegen - wir
würden mit der zweiten Auflage des "Steinschen Armeebefehls"
[308] beglückt Werden. Die jetzigen "deutschen Regierungen" als
"Freiheitsretter" verwenden zu wollen - als ob sie in den
R e i c h s e x e k u t i o n e n ihren Wahren Beruf, ihre "hei-
ligsten Pflichten" als Gabriele der "verfassungsmäßigen Freiheit"
nicht vollzögen? Der "demokratische Kongreß" mußte schweigen von
den deutschen Regierungen, oder er mußte ihre Konspiration mit
Olmütz und Petersburg schonungslos enthüllen.
Obgleich der Aufruf "Eile" empfiehlt und in Wahrheit keine Zeit
zu verlieren ist, reißt ihn die humanistische Phraseologie über
die Grenzen Deutschlands, über jede geographische Grenze hinweg
in das kosmopolitische Nebelland der "edlen Herzen" im allgemei-
nen!
"Eilt! Auf! Ihr Männer der Freiheit, auf! in allen deutschen Lan-
den und w o s o n s t der Gedanke der Freiheit und Humanität
edle Herzen durchglüht!"
Wir zweifeln nicht, daß es selbst in Lappland solche "Herzen"
gibt.
In Deutschland und w o s o n s t! Indem der "Aufruf" in diese
reine, bestimmungslose Phrase verpufft, hat er seinen Wahren Aus-
druck gewonnen.
Es bleibt unverzeihlich, daß der "demokratische Kongreß" ein sol-
ches Aktenstück kontrasignierte. Weder wird ihn "die Gegenwart
dafür bewundern", noch "die Nachwelt mit unsterblichem Ruhm be-
lohnen".
Hoffen wir trotz dem "Aufruf des demokratischen Kongresses", daß
das Volk aus seiner Lethargie erwachen und die einzige Hülfe den
Wienern bringen wird, die es ihnen in diesem Augenblicke noch
bringen kann - die Besiegung der Kontrerevolution im eigenen
Hause.
Geschrieben von Karl Marx.
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