Quelle: MEW 5 März - November 1848
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FRIEDRICH ENGELS
Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Erste Seite des Manuskripts "Von Paris nach Bern" von Friedrich
Engels
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[Friedrich Engels]
Von Paris nach Bern [359]
I
Seine und Loire
La belle France! 1*) In der Tat, die Franzosen haben ein schönes
Land, und sie haben recht, wenn sie stolz darauf sind.
Welches Land in Europa will sich an Reichtum, an Mannigfaltigkeit
der Anlagen und Produkte, an Universalität mit Frankreich messen?
Spanien? Aber zwei Drittel seiner Oberfläche sind durch Nachläs-
sigkeit oder von Natur eine heiße Steinwüste, und die atlantische
Seite der Halbinsel, Portugal, gehört nicht zu ihm.
Italien? Aber seit die Welthandelsstraße durch den Ozean geht,
seit die Dampfschiffe das Mittelmeer durchkreuzen, liegt Italien
verlassen da.
England? Aber England ist seit achtzig Jahren aufgegangen in Han-
del und Industrie, Kohlenrauch und Viehzucht, und England hat
einen schrecklich bleiernen Himmel und keinen Wein.
Und Deutschland? Im Norden eine platte Sandebene, vom europäi-
schen Süden durch die granitne Wand der Alpen getrennt, weinarm,
Land des Bieres, Schnapses und Roggenbrots, der versandeten
Flüsse und Revolutionen!
Aber Frankreich! An drei Meeren gelegen, von fünf großen Strömen
in drei Richtungen durchzogen, im Norden fast deutsches und bel-
gisches, im Süden fast italienisches Klima; im Norden der Weizen,
im Süden der Mais und Reis; im Norden die Colza 2*), im Süden die
Olive; im Norden der Flachs, im Süden die Seide, und fast überall
der Wein.
Und welcher Wein! Welche Verschiedenheit, vom Bordeaux bis zum
Burgunder, vom Burgunder zum schweren St. Georges, Lünel und
Frontignan des Südens, und von diesem zum sprudelnden Champagner!
Welche Mannigfaltigkeit des Weißen und des Roten, vom Petit Mâcon
oder Chablis
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1*) Schönes Frankreich! - 2*) Raps
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zum Chambertin, zum Château Larose, zum Sauterne, zum Roussillo-
ner, zum Ai Mousseux! Und wenn man bedenkt, daß jeder dieser
Weine einen verschiedenen Rausch macht, daß man mit wenig Fla-
schen alle Zwischenstufen von der Musardschen Quadrille bis zur
"Marseillaise", von der tollen Lust des Cancans bis zur wilden
Glut des Revolutionsfiebers durchmachen und sich schließlich mit
einer Flasche Champagner wieder in die heiterste Karnevalslaune
von der Welt versetzen kann!
Und Frankreich allein hat ein Paris, eine Stadt, in der die euro-
päische Zivilisation zu ihrer vollsten Blüte sich entfaltet, in
der alle Nervenfasern der europäischen Geschichte sich vereinigen
und von der in gemessenen Zeiträumen die elektrischen Schläge
ausgehn, unter denen eine ganze Welt erbebt; eine Stadt, deren
Bevölkerung die Leidenschaft des Genusses mit der Leidenschaft
der geschichtlichen Aktion wie nie ein andres Volk vereinigt, de-
ren Bewohner zu leben wissen wie der feinste Epikureer Athens und
zu sterben wie der unerschrockenste Spartaner, Alcibiades und
Leonidas in e i n e m; eine Stadt, die wirklich, wie Louis
Blanc sagt, Herz und Hirn der Welt ist.
Wenn man von einem hohen Punkte der Stadt oder vom Montmartre
oder der Terrasse von Saint-Cloud Paris überschaut, wenn man die
Umgegend der Stadt durchstreift, so meint man, Frankreich wisse,
was es an Paris besitze, Frankreich habe seine besten Kräfte ver-
schwendet, um Paris recht zu hegen und zu pflegen. Wie eine Oda-
liske auf bronzeschillerndem Divan liegt die stolze Stadt an den
warmen Rebenhügeln des gewundenen Seinetals. Wo in aller Welt
gibt es eine Aussicht wie die von den beiden Versailler Eisenbah-
nen hinab auf das grüne Tal mit seinen zahllosen Dörfern und
Städtchen, und wo gibt es so reizend gelegene, so reinlich und
nett gebaute, so geschmackvoll angelegte Dörfer und Städtchen wie
Suresnes, Saint-Cloud, Sèvres, Montmorency, Enghien und zahllose
andre? Man gehe hinaus zu welcher Barriere man will, man verfolge
seinen Weg aufs Geratewohl, und überall wird man auf dieselbe
schöne Umgebung, auf denselben Geschmack in der Benutzung der Ge-
gend, auf dieselbe Zierlichkeit und Reinlichkeit stoßen. Und doch
ist es wieder nur die Königin der Städte selbst, die sich dies
wunderbare Lager geschaffen hat.
Aber freilich gehört auch ein Frankreich dazu, um ein Paris zu
schaffen, und erst wenn man den üppigen Reichtum dieses herrli-
chen Landes kennengelernt hat, begreift man, wie dies strahlende,
üppige, unvergleichliche Paris zustande kommen konnte. Man be-
greift es freilich nicht, wenn man von Norden kommt, auf der Ei-
senbahn die Blachfelder Flanderns und Artois', die wald- und re-
benlosen Hügel der Picardie durchfliegend. Da sieht man nichts
als Kornfelder und Weiden, deren Einförmigkeit nur durch sumpfige
#465# Von Paris nach Bern
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Flußtäler, durch ferne, gestrüppbewachsene Hügel unterbrochen
wird; und erst wenn man bei Pontoise den Kreis der Pariser Atmo-
sphäre betritt, merkt man etwas vom "schönen Frankreich". Man be-
greift Paris schon etwas mehr, wenn man durch die fruchtbaren Tä-
ler Lothringens, über die rebenbekränzten Kreidehügel der Champa-
gne, das schöne Marnetal entlang nach der Hauptstadt zieht; man
begreift's noch mehr, wenn man durch die Normandie fährt und von
Rouen nach Paris mit der Eisenbahn die Windungen der Seine bald
verfolgt, bald durchkreuzt. Die Seine scheint die Pariser Luft
auszuhauchen bis an ihre Mündung; die Dörfer, die Städte, die Hü-
gel, alles erinnert an die Umgebung von Paris, nur daß alles
schöner, üppiger, geschmackvoller wird, je mehr man sich dem Zen-
trum Frankreichs nähert. Aber ganz habe ich erst verstanden, wie
Paris möglich war, als ich die Loire entlangging und von da übers
Gebirg mich nach den burgundischen Rebentälern wandte.
Ich hatte Paris gekannt in den letzten beiden Jahren der Monar-
chie, als die Bourgeoisie im Vollgenuß ihrer Herrschaft
schwelgte, als Handel und Industrie erträglich gingen, als die
große und kleine bürgerliche Jugend noch Geld hatte zum Genießen
und zum Verjubeln, und als selbst ein Teil der Arbeiter noch gut
genug gestellt war, um mit an der allgemeinen Heiterkeit und
Sorglosigkeit teilnehmen zu können. Ich hatte Paris wiedergesehn
in dem kurzen Rausch der republikanischen Flitterwochen, im März
und April, wo die Arbeiter, die hoffnungsvollen Toren [304], der
Republik mit der sorglosesten Unbedenklichkeit "drei Monate Elend
zur Verfügung stellten" 1*), wo sie den Tag über trocken Brot und
Kartoffeln aßen und den Abend auf den Boulevards Freiheitsbäume
pflanzten, Schwärmer abbrannten und die "Marseillaise" jubelten,
und wo die Bourgeois, den ganzen Tag in ihren Häusern versteckt,
den Zorn des Volks durch bunte Lampen zu besänftigen suchten. Ich
kam - unfreiwillig genug, bei Hecker! - im Oktober wieder. Zwi-
schen dem Paris von damals und von jetzt lag der 15. Mai und der
25. Juni, lag der furchtbarste Kampf, den die Welt je gesehen,
lag ein Meer von Blut, lagen fünfzehntausend Leichen. Die Grana-
ten Cavaignacs hatten die unüberwindliche Pariser Heiterkeit in
die Luft gesprengt; die "Marseillaise" und der "Chant du départ"
[360] Waren verstummt, nur die Bourgeois summten noch ihr "Mourir
pour la patrie" [123] zwischen den Zähnen; die Arbeiter, brotlos
und waffenlos, knirschten in verhaltnem Groll; in der Schule des
Belagerungszustands war die ausgelassene Republik gar bald ho-
nett, zahm, artig und gemäßigt (sage et modérée) geworden. Aber
Paris war tot, es war nicht mehr Paris. Auf den Boulevards nichts
als Bourgeois
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1*) Siehe vorl. Band, S. 135
#466# Friedrich Engels
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und Polizeispione; die Bälle, die Theater verödet; die Gamins 1*)
in der Mobilgardenjacke untergegangen, für 30 Sous täglich an die
honette Republik verkauft, und je dummer sie wurden, desto mehr
gefeiert von der Bourgeoisie - kurz, es war wieder das Paris von
1847, aber ohne den Geist, ohne das Leben, ohne das Feuer und das
Ferment, das die Arbeiter damals überall hineinbrachten. Paris
War tot, und diese schöne Leiche war um so schauerlicher, je
schöner sie war.
Es litt mich nicht länger in diesem toten Paris. Ich mußte fort,
gleichviel wohin. Also zunächst nach der Schweiz. Geld hatt' ich
nicht viel, also zu Fuß. Auf den nächsten Weg kam's mir auch
nicht an; man scheidet nicht gern von Frankreich.
Eines schönen Morgens also brach ich auf und marschierte aufs
Geratewohl direkt nach Süden zu. Ich verirrte mich zwischen den
Dörfern, sobald ich erst aus der Banlieue hinaus war; das war na-
türlich. Endlich geriet ich auf die große Straße nach Lyon. Ich
verfolgte sie eine Strecke, mit Abstechern über die Hügel. Von
dort oben hat man Wunderschöne Aussichten, die Seine aufwärts und
abwärts, nach Paris und nach Fontainebleau. Unendlich weit sieht
man den Fluß sich schlängeln im breiten Tal, zu beiden Seiten Re-
benhügel, weiter im Hintergrund die blauen Berge, hinter denen
die Marne fließt.
Aber ich wollte nicht so direkt nach Burgund hinein; ich wollte
erst an die Loire. Ich verließ also am zweiten Tage die große
Straße und ging über die Berge nach Orléans zu. Ich verirrte mich
natürlich wieder zwischen den Dörfern, da ich nur die Sonne und
die von aller Welt abgeschnittenen Bauern, die weder rechts noch
links wußten, zu Führern hatte. Ich übernachtete in irgendeinem
Dorf, dessen Namen ich nie aus dem Bauernpatois deutlich heraus-
hören konnte, fünfzehn Lieues von Paris, auf der Wasserscheide
zwischen Seine und Loire.
Diese Wasserscheide wird gebildet von einem breiten Bergrücken,
der sich von Südosten nach Nordwesten entlangzieht. Zu beiden
Seiten sind zahlreiche Taleinschnitte, von kleinen Bächen oder
Flüssen bewässert. Oben auf der windigen Höhe gedeiht nur Korn,
Buchweizen, Klee und Gemüse; an den Talwänden jedoch wächst über-
all Wein. Die nach Osten zu gelegenen Talwände sind fast alle mit
großen Massen jener Kalkfelsblöcke bedeckt, welche die englischen
Geologen Bolderstones nennen, und die man im sekundären und ter-
tiären Hügelland häufig findet. Die gewaltigen blauen Blöcke,
zwischen denen grünes Gebüsch und junge Bäume emporwachsen,
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1*) Gassenjungen
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bilden gar keinen üblen Kontrast zu den Wiesen des Tals und den
Weinbergen des gegenüberliegenden Abhangs.
Allmählich stieg ich in eins dieser kleinen Flußtäler hinab und
verfolgte es eine Zeitlang. Endlich stieß ich auf eine Landstraße
und damit auf Leute, von denen zu erfahren war, wo ich mich ei-
gentlich befand. Ich war nah bei Malesherbes, halbwegs zwischen
Orléans und Paris. Orléans selbst lag mir zu weit westlich; Ne-
vers war mein nächstes Ziel, und so stieg ich wieder über den
nächsten Berg direkt nach Süden zu. Von oben eine sehr hübsche
Aussicht: zwischen waldigen Bergen das nette Städchen Malesher-
bes, an den Abhängen zahlreiche Dörfer, oben auf einem Gipfel das
Schloß Châteaubriand. Und was mir noch lieber war: gegenüber,
jenseits einer schmalen Schlucht, eine Departementalstraße, die
sich direkt nach Süden zog.
Es gibt nämlich in Frankreich dreierlei Straßen: die Staatsstra-
ßen, früher königliche, jetzt Nationalstraßen genannt, schöne
breite Chausseen, die die wichtigsten Städte miteinander verbin-
den. Diese Nationalstraßen, in der Umgegend von Paris nicht nur
Kunst-, sondern wahre Luxusstraßen, prächtige, sechzig und mehr
Fuß breite, in der Mitte gepflasterte Ulmenalleen, werden
schlechter, schmaler und baumloser, je weiter man sich von Paris
entfernt und je weniger Bedeutung die Straße hat. Sie sind dann
stellenweise so schlecht, daß sie nach zwei Stunden mäßigen Re-
gens für Fußgänger kaum noch zu passieren sind. Die zweite Klasse
sind die Departementalstraßen, die Kommunikationen zweiten Rangs
herstellend, aus Departementsfonds bestritten, schmaler und
prunkloser als die Nationalstraßen. Die dritte Klasse endlich
bilden die großen Vizinalwege 1*) (chemins de grande communica-
tion), aus Kantonalmitteln 2*) hergestellt, schmale, bescheidne
Straßen, aber stellenweise in besserem Zustand als die größeren
Chausseen.
Ich stieg querfeldein direkt auf meine Departementalstraße los
und fand zu meiner größten Freude, daß sie mit der unabänderlich-
sten Geradlinigkeit direkt nach Süden ging. Dörfer und Wirtshäu-
ser waren selten; nach mehrstündigem Marsch traf ich endlich
einen großen Pachthof, wo man mir mit der größten Bereitwillig-
keit einige Erfrischungen vorsetzte, wofür ich den Kindern des
Hauses einige Fratzen auf ein Blatt Papier zeichnete und sehr
ernsthaft erklärte: dies sei der General Cavaignac, das sei Louis
Napoleon, das Armand Marrast, Ledru-Rollin usw. zum Sprechen ähn-
lich. Die Bauern starrten die verzerrten Gesichter mit großer
Ehrfurcht an, bedankten sich hoch erfreut und schlugen die frap-
pant ähnlichen Porträts sogleich an die
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1*) Ortsverbindungswege - 2*) Geldmittel, die aus dem Unterbezirk
eines Arrondissements aufgebracht werden
#468# Friedrich Engels
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Wand. Von diesen braven Leuten erfuhr ich auch, daß ich mich auf
der Straße von Malesherbes nach Châteauneuf an der Loire befinde,
bis wohin ich noch etwa zwölf Lieues habe.
Ich marschierte durch Puyseaux und ein andres kleines Städtchen,
dessen Namen ich vergessen, und kam des Abends spät in Bellegarde
an, einem hübschen und ziemlich großen Ort, wo ich übernachtete.
Der Weg über das Plateau, das hier übrigens an vielen Orten Wein
produziert, war ziemlich einförmig.
Den nächsten Morgen ging's nach Châteauneuf, noch fünf Lieues,
und von da die Loire entlang auf der Nationalstraße von Orléans
nach Nevers.
Unter blüh'nden Mandelbäumen,
An der Loire grünem Strand,
O wie lieblich ist's zu träumen,
Wo ich meine Liebe fandt [361] -
so singt gar mancher deutsche schwärmerische Jüngling und manche
zarte germanische Jungfrau in den schmelzenden Worten Helmina von
Chezys und der geschmolzenen Weise Carl Maria von Webers. Aber
wer an der Loire Mandelbäume und sanfte, liebliche Liebesromantik
sucht, wie sie anno zwanzig in Dresden Mode war, der macht sich
schreckliche Illusionen, wie sie eigentlich nur einem deutschen
Erbblaustrumpf in der dritten Generation erlaubt sind.
Von Châteauneuf über les Bordes nach Dampierre bekommt man diese
romantische Loire fast gar nicht zu sehn. Die Straße geht in ei-
ner Entfernung von zwei bis drei Lieues vom Flusse über die Hö-
hen, und nur selten sieht man in der Ferne das Wasser der Loire
in der Sonne aufleuchten. Die Gegend ist reich an Wein, Getreide,
Obst; nach dem Flusse zu sind üppige Weiden; der Anblick des
waldlosen, nur von wellenförmigen Hügeln umgebnen Tals ist jedoch
ziemlich einförmig.
Mitten auf der Straße, nah bei einigen Bauernhäusern, traf ich
eine Karawane von vier Männern, drei Weibern und mehreren Kin-
dern, die drei schwerbeladene Eselskarren mit sich führten und
auf offner Landstraße bei einem großen Feuer ihr Mittagsmahl
kochten. Ich blieb einen Augenblick stehn: Ich hatte mich nicht
getäuscht, sie sprachen deutsch, im härtesten oberdeutschen Dia-
lekt. Ich redete sie an; sie waren entzückt, mitten in Frankreich
ihre Muttersprache zu hören. Es waren übrigens Elsasser aus der
Gegend von Straßburg, die jeden Sommer in dieser Weise ins Innere
Frankreichs zogen und sich mit Korbflechten ernährten. Auf meine
Frage, ob sie davon leben könnten, hieß es: "Ja schwerlich, wenn
mer alles kaufe müscht'; das Mehrscht werd g'bettelt." Allmählich
kroch noch ein ganz alter Mann
#469# Von Paris nach Bern
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aus einem der Eselskarren hervor, wo er ein vollständiges Bett
hatte. Die ganze Bande hatte etwas sehr Zigeunerartiges in ihren
zusammengebettelten Kostümen, von denen kein Stück zum andern
paßte. Dabei schauten sie indes recht gemütlich drein und plau-
derten mir unendlich viel von ihren Fahrten vor, und mitten in
der heitersten Schwatzhaftigkeit gerieten sich die Mutter und die
Tochter, ein blauäugiges sanftes Geschöpf, beinahe in die strup-
pigen roten Haare. Ich mußte bewundern, mit welcher Allgewalt
sich die deutsche Gemütlichkeit und Innigkeit auch durch die zi-
geunerhaftesten Lebens- und Kleidungsverhältnisse Bahn bricht,
wünschte guten Tag und setzte meine Reise fort, eine Strecke lang
begleitet von einem der Zigeuner, der sich vor Tisch das Vergnü-
gen eines Spazierrittes auf der spitzknochigen Croupe eines ma-
gern Esels erlaubte.
Den Abend kam ich nach Dampierre, einem kleinen Dorf nicht weit
von der Loire. Hier ließ die Regierung durch 300 bis 400 Pariser
Arbeiter, Trümmer der ehemaligen Nationalwerkstätten [115], einen
Damm gegen die Überschwemmungen ausführen. Es Waren Arbeiter al-
ler Art, Goldarbeiter, Metzger, Schuhmacher, Schreiner, bis herab
zum Lumpensammler der Pariser Boulevards. Ich fand ihrer an die
zwanzig im Wirtshause, wo ich die Nacht blieb. Ein robuster Metz-
ger, der bereits zu einer Art Aufseherstelle vorgerückt war,
sprach mit großem Entzücken von dem Unternehmen: Man verdiene 30
bis 100 Sous täglich, je nachdem man arbeite, 40 bis 60 Sous
seien leicht zu machen, wenn man nur etwas anstellig sei. Er
Wollte mich gleich in seine Brigade einrangieren; ich werde mich
bald hineinfinden und gewiß schon in der zweiten Woche 50 Sous
den Tag verdienen, ich könne mein Glück machen, und es sei wenig-
stens noch für sechs Monat Arbeit da. Ich hatte nicht übel Lust,
zur Abwechslung auf einen oder zwei Monate die Feder mit der
Schaufel zu vertauschen; aber ich hatte keine Papiere, und da
wäre ich schön angelaufen.
Diese Pariser Arbeiter hatten ganz ihre alte Lustigkeit behalten.
Sie betrieben ihre Arbeit, zehn Stunden täglich, unter Lachen und
Scherzen, ergötzten sich in den Freistunden mit tollen Streichen
und amüsierten sich abends damit, die Bauernmädchen zu
"déniaisieren" 1*). Aber sonst waren sie durch ihre Isolierung
auf ein kleines Dorf gänzlich demoralisiert. Von Beschäftigung
mit den Interessen ihrer Klasse, mit den die Arbeiter so nahe be-
rührenden politischen Tagesfragen keine Spur. Sie schienen gar
keine Journale mehr zu lesen. Alle Politik beschränkte sich bei
ihnen auf die Erteilung von Spitznamen; der eine, ein großer,
starker Lümmel, hieß Caussidière,
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1*) "übertölpeln"
#470# Friedrich Engels
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der andre, ein schlechter Arbeiter und arger Trunkenbold, hörte
auf den Namen Guizot, usw. Die anstrengende Arbeit, die verhält-
nismäßig gute Lebenslage und vor allem die Lostrennung von Paris
und die Versetzung nach einem abgeschlossenen, stillen Winkel
Frankreichs hatte ihren Gesichtskreis merkwürdig beschränkt. Sie
standen schon im Begriff zu verbauern, und sie waren erst zwei
Monate dort.
Den nächsten Morgen kam ich nach Gien, und damit endlich ins Loi-
retal selbst. Gien ist ein kleines, winkliges Städtchen mit einem
hübschen Quai und einer Brücke über die Loire, die hier an Breite
kaum dem Main bei Frankfurt gleichkommt. Sie ist überhaupt sehr
seicht und voller Sandbänke.
Von Gien nach Briare geht der Weg durch das Tal, ungefähr eine
Viertelmeile von der Loire entfernt. Die Richtung geht nach Süd-
ost, und die Gegend nimmt allmählich einen südlichen Charakter
an. Ulmen, Eschen, Akazien oder Kastanienbäume bilden die Allee;
üppige Weiden und fruchtbare Felder, zwischen deren Stoppeln eine
Nachernte des fettesten Klees aufschoß, mit langen Pappelreihen
besetzt, machen die Talsohle aus; jenseits der Loire in duftiger
Ferne eine Hügelreihe, diesseits dicht neben der Landstraße eine
zweite, ganz mit Weinstöcken bepflanzte Kette von Anhöhen. Das
Tal der Loire ist hier durchaus nicht auffallend schön oder ro-
mantisch, wie man zu sagen pflegt, aber es macht einen höchst an-
genehmen Eindruck; man sieht der ganzen reichen Vegetation das
milde Klima an, dem sie ihr Gedeihen verdankt. Selbst in den
fruchtbarsten Gegenden Deutschlands habe ich nirgends einen
Pflanzenwuchs gefunden, der sich mit dem auf der Strecke von Gien
bis Briare vergleichen könnte.
Eh ich die Loire verlasse, noch ein paar Worte über die Bewohner
der durchstreiften Gegend und ihre Lebensart.
Die Dörfer bis vier, fünf Stunden von Paris können keinen Maßstab
für die Dörfer des übrigen Frankreichs abgeben. Ihre Anlage, die
Bauart der Häuser, die Sitten der Bewohner sind viel zu sehr von
dem Geist der großen Metropole beherrscht, von der sie leben.
Erst zehn Lieues von Paris, auf den abgelegnen Höhen, fängt das
eigentliche Land an, sieht man wirkliche Bauernhäuser. Es ist be-
zeichnend für die ganze Gegend bis zu der Loire und bis nach Bur-
gund hinein, daß der Bauer den Eingang seines Hauses möglichst
vor der Landstraße versteckt. Auf den Höhen ist jeder Bauernhof
von einer Mauer umgeben; man tritt ein durch ein Tor und muß im
Hofe selbst die meist nach hinten zu gelegne Haustür erst suchen.
Hier, wo die meisten Bauern Kühe und Pferde haben, sind die Bau-
ernhäuser ziemlich groß; an der Loire dagegen, Wo viel Gartenkul-
tur getrieben wird und selbst wohlhabende Bauern wenig oder gar
kein Vieh besitzen und die Viehzucht als
#471# Von Paris nach Bern
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besondrer Erwerbszweig den größeren Grundbesitzern oder Pächtern
überlassen bleibt, werden die Bauernhäuser immer kleiner, oft so
klein, daß m a n nicht begreift, wie eine Bauernfamilie mit ih-
rem Gerät und ihren Vorräten darin Platz findet. Auch hier indes
ist der Eingang auf der der Straße abgekehrten Seite, und in den
Dörfern haben fast nur die Schenken und Läden Türen nach der
Straße zu.
Die Bauern dieser Gegend führen meist trotz ihrer Armut ein recht
gutes Leben. Der Wein ist, wenigstens in den Tälern, meist eignes
Produkt, gut und wohlfeil (dies Jahr zwei bis drei Sous die Fla-
sche), das Brot überall, mit Ausnahme der höchsten Gipfel, gutes
Weizenbrot, dazu vortrefflicher Käse und herrliches Obst, das man
in Frankreich bekanntlich überall zum Brote ißt. Wie alle Landbe-
wohner verzehren sie wenig Fleisch, dagegen viel Milch, vegetabi-
lische Suppen und überhaupt eine vegetabilische Nahrung von aus-
gezeichneter Qualität. Der norddeutsche Bauer, selbst wenn er be-
deutend wohlhabender ist, lebt nicht den dritten Teil so gut wie
der französische zwischen Seine und Loire.
Diese Bauern sind ein gutmütiges, gastfreies, heiteres Ge-
schlecht, dem Fremden auf jede mögliche Weise gefällig und zuvor-
kommend und im schlechtesten Patois noch echte, höfliche Franzo-
sen. Trotz ihres im höchsten Grade entwickelten Eigentumssinnes
für die von ihren Vätern dem Adel und den Pfaffen aberoberte
Scholle, sind säe noch immer die Träger gar mancher patriarchali-
schen Tugend, besonders in den von den großen Straßen abseits ge-
legnen Dörfern.
Aber Bauer bleibt Bauer, und die Lebensverhältnisse der Bauern
hören keinen Augenblick auf, ihren Einfluß geltend zu machen.
Trotz aller Privattugenden des französischen Bauern, trotz der
entwickelteren Lebenslage, in der er sich gegen den ostrheini-
schen Bauern befindet, ist der Bauer in Frankreich, wie in
Deutschland, der Barbar mitten in der Zivilisation.
Die Isolierung des Bauern auf ein abgelegenes Dorf mit einer we-
nig zahlreichen, nur mit den Generationen wechselnden Bevölke-
rung, die anstrengende, einförmige Arbeit, die ihn mehr als alle
Leibeigenschaft an die Scholle bindet und die vom Vater auf den
Sohn stets dieselbe bleibt, die Stabilität und Einförmigkeit al-
ler Lebensverhältnisse, die Beschränkung, in der die Familie das
wichtigste, entscheidendste gesellschaftliche Verhältnis für ihn
wird - alles das reduziert den Gesichtskreis des Bauern a u f
die engsten Grenzen, die in der modernen Gesellschaft überhaupt
möglich sind. Die großen Bewegungen der Geschichte gehen an ihm
vorüber, r e i ß e n ihn von Zeit z u Zeit mit sich fort,
aber ohne daß er eine Ahnung hat von der Natur der bewegenden
Kraft, von ihrer Entstehung, von ihrem Ziel.
#472# Friedrich Engels
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Im Mittelalter, im siebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert ging
der Bewegung der Bürger in den Städten eine Bauernbewegung zur
Seite, die aber fortwährend reaktionäre Forderungen aufstellte
und, ohne für die Bauern selbst große Resultate herbeizuführen,
nur die Städte in ihren Emanzipationskämpfen unterstützte.
In der ersten französischen Revolution traten die Bauern gerade
solange revolutionär auf, als ihr allernächstes, handgreiflich-
stes Privatinteresse dies erforderte; solange, bis ihnen das Ei-
gentumsrecht auf ihre bisher in feudalen Verhältnissen bebaute
Scholle, die unwiederbringliche Abschaffung dieser Feudalverhält-
nisse und die Entfernung der fremden Armeen von ihrer Gegend ge-
sichert war. Als dies erreicht, kehrten sie sich mit der ganzen
Wut blinder Habgier gegen die unverstandene Bewegung der großen
Städte und namentlich gegen die Pariser Bewegung. Zahllose Pro-
klamationen des Wohlfahrtsausschusses, zahllose Dekrete des Kon-
vents, vor allem die über das Maximum und die Akkapareurs [362],
mobile Kolonnen und ambulante Guillotinen mußten gegen die eigen-
sinnigen Bauern gerichtet werden. Und doch kam die Schreckens-
herrschaft, die die fremden Armeen vertrieb und den Bürgerkrieg
erstickte, keiner Klasse so sehr zugut wie grade den Bauern.
Als Napoleon die Bourgeoisherrschaft des Direktoriums stürzte,
die Ruhe wiederherstellte, die neuen Besitzverhältnisse der Bau-
ern befestigte und in seinem Code civil [90] sanktionierte und
die fremden Armeen immer weiter von den Grenzen trieb, schlossen
die Bauern sich ihm mit Begeisterung an und wurden seine Haupt-
stütze. Denn der französische Bauer ist national bis zum Fanatis-
mus; la France 1*) hat für ihn eine hohe Bedeutung, seit er ein
Stück Frankreich erbeigentümlich besitzt; die Fremden kennt er
nur in der Gestalt verheerender Invasionsarmeen, die ihm den mei-
sten Schaden zufügen. Daher der unbegrenzte nationale Sinn des
französischen Bauern, daher sein ebenso unbegrenzter Haß gegen
l'étranger 2*). Daher die Leidenschaft, mit der er 1814 und 1815
in den Krieg zog.
Als die Bourbonen 1815 wiederkamen, als die vertriebne Aristokra-
tie wieder Ansprüche auf den in der Revolution verlornen Grundbe-
sitz erhob, sahen die Bauern ihre ganze revolutionäre Eroberung
bedroht. Daher ihr Haß gegen die Bourbonenherrschaft, ihr Jubel,
als die Julirevolution ihnen die Sicherheit des Besitzes und die
dreifarbige Fahne wiederbrachte.
Von der Julirevolution an hörte aber auch die Beteiligung der
Bauern an den allgemeinen Interessen des Landes wieder auf. Ihre
Wünsche waren erfüllt, ihr Grundbesitz war nicht länger bedroht,
auf der Mairie 3*) des Dorfes
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1*) Frankreich - 2*) den Fremden - 3*) dem Bürgermeisteramt
#473# Von Paris nach Bern
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wehte wieder dieselbe Fahne, unter der sie und ihre Väter ein
Viertel Jahrhundert gesiegt.
Aber wie immer genossen sie wenig Früchte ihres Sieges. Die Bour-
geois begannen sogleich, ihre ländlichen Verbündeten mit aller
Macht zu exploitieren. Die Früchte der Parzellierung und der
Teilbarkeit des Bodens, die Verarmung der Bauern und die Hypothe-
zierung ihrer Grundstücke hatten schon unter der Restauration an-
gefangen zu reifen; nach 1830 traten sie in immer allgemeinerer,
immer drohenderer Weise hervor. Aber der Druck, den das große Ka-
pital auf den Bauern ausübte, blieb für ihn ein bloßes Privatver-
hältnis zwischen ihm und seinem Gläubiger; er sah nicht und
konnte nicht sehen, daß diese immer allgemeiner, immer mehr zur
Regel werdenden Privatverhältnisse allmählich zu einem Klassen-
verhältnis zwischen der Klasse der großen Kapitalisten und der
der kleinen Grundbesitzer sich entwickelten. Es war nicht mehr
derselbe Fall wie mit den Feudallasten, deren Entstehung längst
vergessen, deren Sinn längst verloren, die nicht mehr Gegenlei-
stung gegen erwiesene Dienste, die längst eine bloße, den einen
Teil bedrückende Last geworden. Hier, bei der Hypothekarschuld,
hat der Bauer oder doch sein Vater die Summe in harten Fünffran-
kentalern ausbezahlt erhalten; der Schuldschein und das Hypothe-
kenbuch erinnern ihn vorkommendenfalls an den Ursprung der Last;
der Zins, den er zahlen muß, selbst die stets sich erneuernden,
drückenden Nebenvergütungen für den Wucherer sind moderne bürger-
liche Gefälle, die in ähnlicher Form alle Schuldner treffen; die
Bedrückung geschieht in ganz moderner, zeitgemäßer Gestalt, und
der Bauer wird genau nach denselben Rechtsprinzipien ausgesogen
und ruiniert, unter denen allein ihm sein Besitz gesichert ist.
Sein eigner Code civil, seine moderne Bibel, wird zur Zuchtrute
für ihn. Der Bauer kann in dem Hypothekarwucher kein Klassenver-
hältnis sehn, er kann seine Aufhebung nicht verlangen, ohne
zugleich seinen eignen Besitz zu gefährden. Der Druck des Wu-
chers, statt ihn in die Bewegung zu schleudern, macht ihn voll-
ends verwirrt. Worin er allein Erleichterung sehen kann, ist Ver-
minderung der Steuern.
Als im Februar dieses Jahres zum erstenmal eine Revolution ge-
macht wurde, in der das Proletariat mit selbständigen Forderungen
auftrat, begriffen die Bauern nicht das mindeste davon. Wenn die
Republik einen Sinn für sie hatte, so war es nur der: Verminde-
rung der Steuern und hie und da vielleicht auch etwas von Natio-
nalehre, Eroberungskrieg und Rheingrenze. Als aber in Paris am
Morgen nach dem Sturz Louis-Philippes der Krieg zwischen Proleta-
riat und Bourgeoisie losbrach, als die Stockung in Handel und In-
dustrie auf das Land zurückwirkte, die Produkte des Bauern, in
einem fruchtbaren Jahr ohnehin entwertet, noch mehr im Preise
fielen und unverkäuflich
#474# Friedrich Engels
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wurden, als vollends die Junischlacht bis in die entferntesten
Winkel Frankreichs Schrecken und Angst verbreitete, da erhob sich
unter den Bauern ein allgemeiner Schrei der fanatischsten Wut ge-
gen das revolutionäre Paris und die nie zufriedenen Pariser. Na-
türlich! Was wußte auch der starrköpfige, bornierte Bauer von
Proletariat und Bourgeoisie, von demokratisch-sozialer Republik,
von Organisation der Arbeit, von Dingen, deren Grundbedingungen,
deren Ursachen in seinem engen Dorf nie vorkommen konnten! Und
als er hie und da durch die unsauberen Kanäle der Bourgeoisblät-
ter eine trübe Ahnung von dem erhielt, worum es sich in Paris
handelte, als die Bourgeois ihm das große Schlagwort gegen die
Pariser Arbeiter zugeschleudert hatten: ce sont les partageurs
1*), es sind Leute, die alles Eigentum, allen Grund und Boden
teilen wollen, da verdoppelte sich der Wutschrei, da kannte die
Entrüstung der Bauern keine Grenzen mehr. Ich habe Hunderte von
Bauern gesprochen in den verschiedensten Gegenden Frankreichs,
und bei allen herrschte dieser Fanatismus gegen Paris und nament-
lich gegen die Pariser Arbeiter. "Ich wollte, dies verdammte Pa-
ris würde morgen am Tage in die Luft gesprengt" - das war noch
der mildeste Segenswunsch. Es versteht sich, daß für die Bauern
die alte Verachtung gegen die Städter durch die Ereignisse dieses
Jahres nur noch vermehrt und gerechtfertigt wurde. Die Bauern,
das Land muß Frankreich retten; das Land produziert alles, die
Städte leben von unserm Korn, kleiden sich von unserm Flachs und
unsrer Wolle, wir müssen die rechte Ordnung der Dinge wiederher-
stellen; wir Bauern müssen die Sache in unsre Hand nehmen - das
war der ewige Refrain, der mehr oder weniger deutlich, mehr oder
weniger bewußt durch alles verworrene Gerede der Bauern durch-
klang.
Und wie wollen sie Frankreich retten, wie wollen sie die Sache in
ihre Hand nehmen? Indem sie Louis Napoleon Bonaparte zum Präsi-
denten der Republik wählen, einen großen Namen, getragen von ei-
nem winzigen, eitlen, verworrenen Toren! Bei allen Bauern, die
ich gesprochen, war der Enthusiasmus für Louis Napoleon ebenso
groß wie der Haß gegen Paris. Auf diese beiden Leidenschaften und
auf das gedankenloseste, tierischste Verwundern über die ganze
europäische Erschütterung beschränkt sich die ganze Politik des
französischen Bauern. Und die Bauern haben über sechs Millionen
Stimmen, über zwei Drittel aller Stimmen bei den Wahlen in
Frankreich.
Es ist wahr, die provisorische Regierung hat es nicht verstanden,
die Interessen der Bauern an die Revolution zu fesseln, sie hat
in dem Zuschlag von 45 Centimen auf die Grundsteuer, die haupt-
sächlich die Bauern traf,
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1*) das sind die Teiler
#475# Von Paris nach Bern
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einen unverzeihlichen, nie gutzumachenden Fehler begangen. Aber
hätte sie auch die Bauern auf ein paar Monate für die Revolution
gewonnen, im Sommer wären sie doch abgefallen. Die gegenwärtige
Stellung der Bauern zur Revolution von 1848 ist nicht Folge von
etwaigen Fehlern und zufälligen Verstößen; sie ist naturgemäß,
sie ist in der Lebenslage, in der gesellschaftlichen Stellung des
kleinen Grundeigentümers begründet. Das französische Proletariat,
ehe es seine Forderungen durchsetzt, wird zuerst einen allgemei-
nen Bauernkrieg zu unterdrücken haben, einen Krieg, der selbst
durch Niederschlagung aller Hypothekarschulden sich nur um kurze
Zeit wird hinausschieben lassen.
Man muß während vierzehn Tagen fast nur mit Bauern, Bauern der
verschiedensten Gegenden, zusammengekommen sein, man muß Gelegen-
heit gehabt haben, überall dieselbe vernagelte Borniertheit, die-
selbe totale Unkenntnis aller städtischen, industriellen und kom-
merziellen Verhältnisse, dieselbe Blindheit in der Politik, das-
selbe Raten ins Blaue über alles, was jenseits des Dorfes liegt,
dasselbe Anlegen des Maßstabs der Bauernverhältnisse an die ge-
waltigsten Verhältnisse der Geschichte wiederzufinden - man muß,
mit einem Wort, die französischen Bauern gerade im Jahr 1848
kennengelernt haben, um den ganzen niederschlagenden Eindruck zu
empfinden, den diese störrische Dummheit hervorbringt.
II
Burgund
Briare ist ein altertümliches Städtchen an der Mündung des Ka-
nals, der die Loire mit der Seine verbindet. Hier orientierte ich
mich über die Route und fand es angemessener, statt über Nevers,
über Auxerre nach der Schweiz zu gehn. Ich verließ also die Loire
und wandte mich über die Berge nach Burgund zu.
Der fruchtbare Charakter des Loiretals nimmt allmählich, aber
ziemlich langsam ab. Man steigt unmerkbar und kommt erst fünf bis
sechs Meilen von Briare, bei Saint-Sauveur und Saint-Fargeau, in
die Anfänge des waldigen, viehzuchttreibenden Gebirgslandes. Der
Bergrücken zwischen Yonne und Loire ist hier schon höher, und
diese ganze westliche Seite des Yonne-Departements ist überhaupt
ziemlich gebirgig.
In der Gegend von Toucy, sechs Lieues von Auxerre, hörte ich zu-
erst den eigentümlichen naiv-breiten Burgunder Dialekt, ein
Idiom, das hier und im ganzen eigentlichen Burgund noch einen
liebenswürdigen, angenehmen
#476# Friedrich Engels
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Charakter hat, dagegen in den höheren Gegenden der Franche Comté
einen schwerfälligen, plumpen, fast doktoralen Klang annimmt. Es
ist wie der naive östreichische Dialekt, der sich allmählich in
den groben oberbayrischen verwandelt. Das burgundische Idiom be-
tont auf eine merkwürdig unfranzösische Weise stets die Silbe vor
derjenigen, welche im guten Französisch den Hauptakzent hat, sie
verwandelt das jambische Französisch in ein trochäisches und ver-
dreht dadurch merkwürdig die feine Akzentuierung, die der gebil-
dete Franzose seiner Sprache zu geben weiß. Aber wie gesagt, im
eigentlichen Burgund klingt es noch recht nett und im Munde eines
hübschen Mädchens sogar reizend: Mais, mâ foi, monsieur, je vous
demande ûn peu ... [364] Wenn man vergleichen kann, so ist über-
haupt der Burgunder der französische Östreicher. Naiv, gutmütig,
zutraulich im höchsten Grade, mit viel Mutterwitz innerhalb des
gewohnten Lebenskreises, voll naiv komischer Vorstellungen über
alles, was darüber hinausgeht, possierlich ungeschickt in un-
gewohnten Verhältnissen, stets unverwüstlich heiter - so sind
diese guten Leute fast einer wie der andre. Man verzeiht dem lie-
benswürdig gutherzigen burgundischen Bauern noch am allerersten
seine gänzliche politische Nullität und seine Schwärmerei für
Louis Napoleon.
Die Burgunder haben übrigens unleugbar eine stärkere Beimischung
deutschen Bluts als die weiter westlich wohnenden Franzosen; die
Haare und der Teint sind heller, die Gestalt etwas größer, na-
mentlich bei den Frauenzimmern, der scharfe kritische Verstand,
der schlagende Witz nimmt schon bedeutend ab und wird ersetzt
durch ehrlicheren Humor und zuweilen durch einen leisen Anflug
von Gemütlichkeit. Aber das französische heitre Element herrscht
noch bedeutend vor, und an sorglosem Leichtsinn gibt der Burgun-
der keinem nach.
Die westliche Berggegend des Yonne-Departements lebt hauptsäch-
lich von der Viehzucht. Aber der Franzose ist überall ein
schlechter Viehzüchter, und diese burgundischen Rinder fallen gar
dünn und klein aus. Doch wird neben der Viehzucht noch viel Korn-
bau getrieben und überall ein gutes Weizenbrot gegessen.
Die Bauernhäuser nehmen hier auch schon einen deutschern Charak-
ter an; sie werden wieder größer und vereinigen Wohnung, Scheune
und Ställe unter einem Dach; doch ist auch hier die Tür noch
meist seitwärts von der Straße oder ganz von ihr abgekehrt.
An dem langen Abhang, der nach Auxerre hinunterführt, sah ich die
ersten Burgunder Reben, zum großen Teil noch belastet mit der un-
erhört reichen Traubenernte des Jahres 1848. An manchen Stöcken
sah man fast gar keine Blätter vor lauter Trauben.
#477# Von Paris nach Bern
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Auxerre ist ein kleines, unebenes, von innen nicht sehr ansehnli-
ches Städtchen mit einem hübschen Quai an der Yonne und einigen
Ansätzen zu jenen Boulevards, ohne die ein französischer Departe-
mentshauptort nun einmal nicht sein kann. Zu gewöhnlichen Zeiten
muß es gar still und tot sein, und der Präfekt der Yonne muß die
Pflichtbälle und Abendessen, die er unter Ludwig Philipp den No-
tabeln des Ortes zu geben hatte, mit wenig Kosten bestritten ha-
ben. Aber jetzt war Auxerre belebt, wie es nur einmal im Jahre
belebt ist. Wenn der Bürger Denjoy, Volksrepräsentant, der sich
in der Nationalversammlung so sehr darüber skandalisierte, daß
bei dem demokratisch-sozialen Bankett von Toulouse das ganze Lo-
kal rot dekoriert war, wenn dieser brave Bürger Denjoy mit mir
nach Auxerre gekommen wäre, er hätte vor Entsetzen Krämpfe bekom-
men. Hier war nicht ein Lokal, hier war die ganze Stadt rot deko-
riert. Und welches Rot! Das unzweifelhafteste, unverhüllteste
Blutrot färbte die Mauern und Treppen der Häuser, die Blusen und
Hemden der Menschen; dunkelrote Ströme füllten sogar die Rinn-
steine und befleckten das Pflaster, und eine unheimlich schwärz-
liche, rotschäumende Flüssigkeit wurde von bärtigen, unheimlichen
Männern in großen Zubern über die Straßen getragen. Die rote Re-
publik schien mit allen ihren Greueln zu herrschen, die Guillo-
tine, die Dampfguillotine schien in Permanenz zu sein, die bu-
veurs de sang 1*), von denen das "Journal des Débats" so schauer-
liche Sagen zu berichten weiß, feierten hier offenbar ihre kanni-
balischen Orgien. Aber die rote Republik von Auxerre war sehr un-
schuldig, es war die rote Republik der burgundischen Weinlese,
und die Blutsäufer, die das edelste Erzeugnis dieser roten Repu-
blik mit so großer Wollust verzehren, sind niemand anders als die
Herren honetten Republikaner selbst, die großen und kleinen Bour-
geois von Paris. Und der ehrenwerte Bürger Denjoy hat in dieser
Beziehung auch seine roten Gelüste trotz dem Besten.
Wer nur in dieser roten Republik die Taschen voll Geld gehabt
hätte! Die Lese von 1848 war so unendlich reich, daß nicht Fässer
genug gefunden werden konnten, um all den Wein aufzunehmen. Und
dabei von einer Qualität - besser als 46er, ja vielleicht besser
als 34er! Von allen Seiten strömten die Bauern herzu, um den noch
übrigen 47er zu Spottpreisen - zu 2 Franken die Feuillette 2*)
von 140 Litern guten Weins - aufzukaufen; zu allen Toren kamen
Wagen auf Wagen mit leeren Fässern herein, und doch wurde man
nicht fertig. Ich habe selbst gesehn, wie ein Weinhändler in Au-
xerre mehrere Fässer 47er, ganz guten Weins, auf die Straße aus-
laufen ließ, um nur Fassung zu bekommen für den neuen Wein, der
der Spekulation
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1*) Blutsäufer - 2*) Fäßchen, altfranzösisches Weinmaß
#478# Friedrich Engels
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allerdings ganz andre Aussichten bot. Man versicherte mir, dieser
Weinhändler habe in wenig Wochen auf diese Weise bis zu vierzig
große Fässer (fûts) auslaufen lassen.
Nachdem ich in Auxerre mehrere Schoppen des Alten sowohl wie des
Neuen zu mir genommen, zog ich über die Yonne den Bergen des
rechten Ufers zu. Die Chaussee geht das Tal entlang; ich nahm in-
des die alte, kürzere Straße über die Berge. Der Himmel war be-
deckt, das Wetter unfreundlich, ich selbst war müde, und so blieb
ich im ersten Dorf, einige Kilometer von Auxerre über Nacht.
Am nächsten Morgen brach ich in aller Frühe und mit dem herrlich-
sten Sonnenschein von der Welt auf. Der Weg führte zwischen lau-
ter Weinbergen hindurch über einen ziemlich hohen Bergrücken.
Aber für die Mühe des Steigens belohnte mich oben der prachtvoll-
ste Überblick. Vor mir die ganze hügelige Abdachung bis zur
Yonne, dann das grüne, wiesenreiche und pappelbepflanzte Yonnetal
mit seinen vielen Dörfern und Bauernhöfen; dahinter das stein-
graue Auxerre, an die jenseitige Bergwand gelehnt; überall Dör-
fer, und überall, soweit das Auge reichte, Reben, nichts als Re-
ben, und der schimmerndste, warme Sonnenschein, nur in der Ferne
durch feinen Herbstduft gemildert, ausgegossen über diesen großen
Kessel, in dem die Augustsonne einen der edelsten Weine kocht.
Ich weiß nicht, was es ist, das diesen französischen, durch keine
ungewöhnlich schönen Umrisse ausgezeichneten Landschaften ihren
eigentümlich reizenden Charakter verleiht. Es ist freilich nicht
diese oder jene Einzelheit, es ist das Ganze, das Ensemble, das
ihnen einen Stempel der Sättigung aufdrückt, wie man ihn selten
anderswo findet. Der Rhein und die Mosel haben schönere Felsen-
gruppierungen, die Schweiz hat größere Kontraste, Italien ein
volleres Kolorit, aber kein Land hat Gegenden von einem so har-
monischen Ensemble wie Frankreich. Mit einer ungewöhnlichen
Befriedigung schweift das Auge von dem breiten, üppigen Wiesental
zu den bis auf den höchsten Gipfel ebenso üppig mit Reben bewach-
senen Bergen und zu den zahllosen Dörfern und Städten, die aus
dem Laubwerk der Obstbäume sich erheben. Nirgends ein kahler
Fleck, nirgends eine störende unwirtbare Stelle, nirgends ein
rauher Fels, dessen Wände dem Pflanzenwuchs unzugänglich wären.
Überall eine reiche Vegetation, ein schönes sattes Grün, das in
eine herbstlich-bronzierte Schattierung übergeht, gehoben durch
den Glanz einer Sonne, die noch im halben Oktober heiß genug
brennt, um keine Beere am Weinstock unreif zu lassen.
Ich ging noch etwas weiter, und eine zweite, ebenso schöne Aus-
sicht eröffnete sich vor mir. Tief unten, in einem engeren Tal-
kessel, lag Saint-Bris,
#479# Von Paris nach Bern
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ein kleines, ebenfalls nur von Weinbau lebendes Städtchen. Die-
selben Details wie vorhin, nur näher zusammengerückt. Weiden und
Gärten unten im Tal um das Städtchen, Reben ringsum an den Wänden
des Kessels, nur an der Nordseite umgeackerte oder mit grünem
Stoppelklee bedeckte Felder und Wiesen. Drunten in den Straßen
von Saint-Bris dasselbe Getriebe wie in Auxerre; überall Fässer
und Keltern, und die ganze Einwohnerschaft unter Lachen und
Scherzen beschäftigt, Most zu keltern, in die Fässer zu pumpen
oder in großen Kufen über die Straße zu tragen. Dazwischen wurde
Markt gehalten; in den breiteren Straßen hielten Bauernwagen mit
Gemüse, Korn und andern Felderzeugnissen; die Bauern mit ihren
weißen Zipfelmützen, die Bäuerinnen mit ihren Madrastüchern um
den Kopf drängten sich schwatzend, rufend, lachend zwischen die
Winzer; und das kleine Saint-Bris bot ein lebendiges Getreibe
dar, daß man glaubte, in einer großen Stadt zu sein.
Jenseits Saint-Bris ging's wieder einen lang hingezogenen Berg
hinauf. Aber diesen Berg erstieg ich mit ganz besonderm Vergnü-
gen. Hier war alles noch in der Weinlese begriffen, und eine bur-
gundische Weinlese ist ganz anders lustig als selbst eine rhein-
ländische. Auf jedem Schritt fand ich die heiterste Gesellschaft,
die süßesten Trauben und die hübschesten Mädchen; denn hier, wo
von drei zu drei Stunden ein Städtchen liegt, wo die Einwohner
vermöge ihres Weinhandels viel mit der übrigen Welt in Verkehr
sind, hier herrscht schon eine gewisse Zivilisation, und niemand
nimmt diese Zivilisation rascher an als die Frauenzimmer, denn
sie haben die nächsten und augenfälligsten Vorteile davon. Es
fällt keiner französischen Städterin ein zu singen:
Wenn ich doch so hübsch wär
Wie die Mädchen auf dem Land!
Ich trüg 'nen gelben Strohhut
Und ein rosenrotes Band. [365]
Im Gegenteil, sie weiß viel zu gut, daß sie der Stadt, der Ent-
ziehung aller groben Arbeiten, der Zivilisation und ihren hundert
Reinlichkeitsmitteln und Toilettenkünsten die ganze Ausbildung
ihrer Reize verdankt; sie weiß, daß die Mädchen auf dem Land,
selbst wenn sie nicht schon von ihren Eltern jene, dem Franzosen
so schreckliche Grobknochigkeit ererbt haben, die der Stolz der
germanischen Race ist, doch durch die anstrengende Feldarbeit im
glühendsten Sonnenschein wie im heftigsten Regen, durch die Er-
schwerung der Reinlichkeit, durch die Abwesenheit aller Mittel
der körperlichen Ausbildung, durch das zwar sehr ehrwürdige, aber
ebenso unbeholfene und geschmacklose Kostüm meistens zu plumpen,
wackelnden, in grellen Farben
#480# Friedrich Engels
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komisch aufgeputzten Vogelscheuchen werden. Die Geschmäcke sind
verschieden; unsre deutschen Landsleute halten es meist mehr mit
der Bauerntochter, und sie mögen nicht unrecht haben: allen Re-
spekt vor dem Dragonertritt einer handfesten Viehmagd und beson-
ders vor ihren Fäusten; alle Ehre dem grasgrün und feuerrot ge-
würfelten Kleide, das sich um ihre gewaltige Taille schlingt;
alle Achtung vor der Tadellosigkeit der Ebene, die von ihrem Nac-
ken bis zu ihren Fersen geht und ihr von hinten das Ansehn eines
mit buntem Kattun überzogenen Brettes gibt! Aber die Geschmäcke
sind verschieden, und darum möge der von mir differierende, ob-
gleich darum nicht minder ehrenwerte Teil meiner Mitbürger mir
verzeihen, wenn die reingewaschenen, glattgekämmten, schlankge-
wachsenen Burgunderinnen von Saint-Bris und Vermanton einen ange-
nehmeren Eindruck auf mich machten als jene naturwüchsig schmut-
zigen, struppigen, molossischen Büffelkälber zwischen Seine und
Loire, die einen wie vernagelt anstarren, wenn man eine Zigarette
dreht, und mit Geheul davonlaufen, wenn man sie in gutem Fran-
zösisch nach dem rechten Wege fragt.
Man wird mir also gern glauben, daß ich mehr mit den Winzern und
Winzermädchen Trauben essend, Wein trinkend, plaudernd und la-
chend im Grase lag, als den Berg hinaufmarschierte, und daß ich
in derselben Zeit wie diesen unbedeutenden Hügelrücken, den
Blocksberg oder gar die Jungfrau hätte besteigen können. Um so
mehr, als man sich an Weintrauben alle Tage sechzigmal sattessen
kann und also an jedem Weinberge den besten Vorwand hat, sich mit
diesen ewig lachenden und gefälligen Leuten beiderlei Geschlechts
in Verbindung zu setzen. Aber alles hat ein Ende, und so auch
dieser Berg. Es war schon Nachmittag, als ich den andern Abhang
herunterstieg in das reizende Tal der Cure, eines kleinen Neben-
flusses der Yonne, nach dem Städtchen Vermanton, das noch schöner
liegt als Saint-Bris.
Bald hinter Vermanton aber hört die schöne Gegend auf. Man nähert
sich allmählich dem höheren Rückendes Faucillon, der die Flußge-
biete der Seine, Rhone und Loire voneinander scheidet. Von Ver-
manton steigt man mehrere Stunden, geht über ein langes unfrucht-
bares Plateau, auf dem schon der Roggen, Hafer und Buchweizen den
Weizen mehr oder weniger vertreiben. 1*)
Geschrieben Ende Oktober bis November 1848.
Nach dem Manuskript.
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1*) Hier bricht das Manuskript ab
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