Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       #459#
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       FRIEDRICH ENGELS
       
       Aus dem handschriftlichen Nachlaß
       
       #460#
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       Erste Seite  des Manuskripts  "Von Paris nach Bern" von Friedrich
       Engels
       
       #462#
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       #463#
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       [Friedrich Engels]
       
       Von Paris nach Bern [359]
       
       I
       
       Seine und Loire
       
       La belle  France! 1*) In der Tat, die Franzosen haben ein schönes
       Land, und sie haben recht, wenn sie stolz darauf sind.
       Welches Land in Europa will sich an Reichtum, an Mannigfaltigkeit
       der Anlagen und Produkte, an Universalität mit Frankreich messen?
       Spanien? Aber  zwei Drittel seiner Oberfläche sind durch Nachläs-
       sigkeit oder von Natur eine heiße Steinwüste, und die atlantische
       Seite der Halbinsel, Portugal, gehört nicht zu ihm.
       Italien? Aber  seit die  Welthandelsstraße durch  den Ozean geht,
       seit die  Dampfschiffe das Mittelmeer durchkreuzen, liegt Italien
       verlassen da.
       England? Aber England ist seit achtzig Jahren aufgegangen in Han-
       del und  Industrie, Kohlenrauch  und Viehzucht,  und England  hat
       einen schrecklich bleiernen Himmel und keinen Wein.
       Und Deutschland?  Im Norden  eine platte  Sandebene, vom europäi-
       schen Süden  durch die granitne Wand der Alpen getrennt, weinarm,
       Land des  Bieres,  Schnapses  und  Roggenbrots,  der  versandeten
       Flüsse und Revolutionen!
       Aber Frankreich!  An drei Meeren gelegen, von fünf großen Strömen
       in drei  Richtungen durchzogen, im Norden fast deutsches und bel-
       gisches, im Süden fast italienisches Klima; im Norden der Weizen,
       im Süden der Mais und Reis; im Norden die Colza 2*), im Süden die
       Olive; im Norden der Flachs, im Süden die Seide, und fast überall
       der Wein.
       Und welcher  Wein! Welche  Verschiedenheit, vom  Bordeaux bis zum
       Burgunder, vom  Burgunder zum  schweren St.  Georges,  Lünel  und
       Frontignan des Südens, und von diesem zum sprudelnden Champagner!
       Welche Mannigfaltigkeit des Weißen und des Roten, vom Petit Mâcon
       oder Chablis
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       1*) Schönes Frankreich! - 2*) Raps
       
       #464# Friedrich Engels
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       zum Chambertin,  zum Château Larose, zum Sauterne, zum Roussillo-
       ner, zum  Ai Mousseux!  Und wenn  man bedenkt,  daß jeder  dieser
       Weine einen  verschiedenen Rausch  macht, daß  man mit wenig Fla-
       schen alle  Zwischenstufen von  der Musardschen Quadrille bis zur
       "Marseillaise", von  der tollen  Lust des  Cancans bis zur wilden
       Glut des  Revolutionsfiebers durchmachen und sich schließlich mit
       einer Flasche  Champagner wieder  in die heiterste Karnevalslaune
       von der Welt versetzen kann!
       Und Frankreich allein hat ein Paris, eine Stadt, in der die euro-
       päische Zivilisation  zu ihrer  vollsten Blüte sich entfaltet, in
       der alle Nervenfasern der europäischen Geschichte sich vereinigen
       und von  der in  gemessenen Zeiträumen  die elektrischen  Schläge
       ausgehn, unter  denen eine  ganze Welt  erbebt; eine Stadt, deren
       Bevölkerung die  Leidenschaft des  Genusses mit  der Leidenschaft
       der geschichtlichen Aktion wie nie ein andres Volk vereinigt, de-
       ren Bewohner zu leben wissen wie der feinste Epikureer Athens und
       zu sterben  wie der  unerschrockenste Spartaner,  Alcibiades  und
       Leonidas in   e i n e m;   eine  Stadt, die  wirklich, wie  Louis
       Blanc sagt, Herz und Hirn der Welt ist.
       Wenn man  von einem  hohen Punkte  der Stadt  oder vom Montmartre
       oder der  Terrasse von Saint-Cloud Paris überschaut, wenn man die
       Umgegend der  Stadt durchstreift, so meint man, Frankreich wisse,
       was es an Paris besitze, Frankreich habe seine besten Kräfte ver-
       schwendet, um  Paris recht zu hegen und zu pflegen. Wie eine Oda-
       liske auf  bronzeschillerndem Divan liegt die stolze Stadt an den
       warmen Rebenhügeln  des gewundenen  Seinetals. Wo  in aller  Welt
       gibt es eine Aussicht wie die von den beiden Versailler Eisenbah-
       nen hinab  auf das  grüne Tal  mit seinen  zahllosen Dörfern  und
       Städtchen, und  wo gibt  es so  reizend gelegene, so reinlich und
       nett gebaute, so geschmackvoll angelegte Dörfer und Städtchen wie
       Suresnes, Saint-Cloud,  Sèvres, Montmorency, Enghien und zahllose
       andre? Man gehe hinaus zu welcher Barriere man will, man verfolge
       seinen Weg  aufs Geratewohl,  und überall  wird man  auf dieselbe
       schöne Umgebung, auf denselben Geschmack in der Benutzung der Ge-
       gend, auf dieselbe Zierlichkeit und Reinlichkeit stoßen. Und doch
       ist es  wieder nur  die Königin  der Städte selbst, die sich dies
       wunderbare Lager geschaffen hat.
       Aber freilich  gehört auch  ein Frankreich  dazu, um ein Paris zu
       schaffen, und  erst wenn  man den üppigen Reichtum dieses herrli-
       chen Landes kennengelernt hat, begreift man, wie dies strahlende,
       üppige, unvergleichliche  Paris zustande  kommen konnte.  Man be-
       greift es  freilich nicht, wenn man von Norden kommt, auf der Ei-
       senbahn die  Blachfelder Flanderns und Artois', die wald- und re-
       benlosen Hügel  der Picardie  durchfliegend. Da  sieht man nichts
       als Kornfelder und Weiden, deren Einförmigkeit nur durch sumpfige
       
       #465# Von Paris nach Bern
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       Flußtäler, durch  ferne,  gestrüppbewachsene  Hügel  unterbrochen
       wird; und  erst wenn man bei Pontoise den Kreis der Pariser Atmo-
       sphäre betritt, merkt man etwas vom "schönen Frankreich". Man be-
       greift Paris schon etwas mehr, wenn man durch die fruchtbaren Tä-
       ler Lothringens, über die rebenbekränzten Kreidehügel der Champa-
       gne, das  schöne Marnetal  entlang nach der Hauptstadt zieht; man
       begreift's noch  mehr, wenn man durch die Normandie fährt und von
       Rouen nach  Paris mit  der Eisenbahn die Windungen der Seine bald
       verfolgt, bald  durchkreuzt. Die  Seine scheint  die Pariser Luft
       auszuhauchen bis an ihre Mündung; die Dörfer, die Städte, die Hü-
       gel, alles  erinnert an  die Umgebung  von Paris,  nur daß  alles
       schöner, üppiger, geschmackvoller wird, je mehr man sich dem Zen-
       trum Frankreichs  nähert. Aber ganz habe ich erst verstanden, wie
       Paris möglich war, als ich die Loire entlangging und von da übers
       Gebirg mich nach den burgundischen Rebentälern wandte.
       Ich hatte  Paris gekannt  in den letzten beiden Jahren der Monar-
       chie,  als   die  Bourgeoisie   im  Vollgenuß   ihrer  Herrschaft
       schwelgte, als  Handel und  Industrie erträglich  gingen, als die
       große und  kleine bürgerliche Jugend noch Geld hatte zum Genießen
       und zum  Verjubeln, und als selbst ein Teil der Arbeiter noch gut
       genug gestellt  war, um  mit an  der allgemeinen  Heiterkeit  und
       Sorglosigkeit teilnehmen  zu können. Ich hatte Paris wiedergesehn
       in dem  kurzen Rausch der republikanischen Flitterwochen, im März
       und April,  wo die Arbeiter, die hoffnungsvollen Toren [304], der
       Republik mit der sorglosesten Unbedenklichkeit "drei Monate Elend
       zur Verfügung stellten" 1*), wo sie den Tag über trocken Brot und
       Kartoffeln aßen  und den  Abend auf den Boulevards Freiheitsbäume
       pflanzten, Schwärmer  abbrannten und die "Marseillaise" jubelten,
       und wo  die Bourgeois, den ganzen Tag in ihren Häusern versteckt,
       den Zorn des Volks durch bunte Lampen zu besänftigen suchten. Ich
       kam -  unfreiwillig genug,  bei Hecker! - im Oktober wieder. Zwi-
       schen dem  Paris von damals und von jetzt lag der 15. Mai und der
       25. Juni,  lag der  furchtbarste Kampf,  den die Welt je gesehen,
       lag ein  Meer von Blut, lagen fünfzehntausend Leichen. Die Grana-
       ten Cavaignacs  hatten die  unüberwindliche Pariser Heiterkeit in
       die Luft  gesprengt; die "Marseillaise" und der "Chant du départ"
       [360] Waren verstummt, nur die Bourgeois summten noch ihr "Mourir
       pour la  patrie" [123] zwischen den Zähnen; die Arbeiter, brotlos
       und waffenlos,  knirschten in verhaltnem Groll; in der Schule des
       Belagerungszustands war  die ausgelassene  Republik gar  bald ho-
       nett, zahm,  artig und  gemäßigt (sage et modérée) geworden. Aber
       Paris war tot, es war nicht mehr Paris. Auf den Boulevards nichts
       als Bourgeois
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 135
       
       #466# Friedrich Engels
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       und Polizeispione; die Bälle, die Theater verödet; die Gamins 1*)
       in der Mobilgardenjacke untergegangen, für 30 Sous täglich an die
       honette Republik  verkauft, und  je dummer sie wurden, desto mehr
       gefeiert von  der Bourgeoisie - kurz, es war wieder das Paris von
       1847, aber ohne den Geist, ohne das Leben, ohne das Feuer und das
       Ferment, das  die Arbeiter  damals überall  hineinbrachten. Paris
       War tot,  und diese  schöne Leiche  war um  so schauerlicher,  je
       schöner sie war.
       Es litt  mich nicht länger in diesem toten Paris. Ich mußte fort,
       gleichviel wohin.  Also zunächst nach der Schweiz. Geld hatt' ich
       nicht viel,  also zu  Fuß. Auf  den nächsten  Weg kam's  mir auch
       nicht an; man scheidet nicht gern von Frankreich.
       Eines schönen  Morgens also  brach ich  auf und  marschierte aufs
       Geratewohl direkt  nach Süden  zu. Ich verirrte mich zwischen den
       Dörfern, sobald ich erst aus der Banlieue hinaus war; das war na-
       türlich. Endlich  geriet ich  auf die große Straße nach Lyon. Ich
       verfolgte sie  eine Strecke,  mit Abstechern  über die Hügel. Von
       dort oben hat man Wunderschöne Aussichten, die Seine aufwärts und
       abwärts, nach  Paris und nach Fontainebleau. Unendlich weit sieht
       man den Fluß sich schlängeln im breiten Tal, zu beiden Seiten Re-
       benhügel, weiter  im Hintergrund  die blauen  Berge, hinter denen
       die Marne fließt.
       Aber ich  wollte nicht  so direkt nach Burgund hinein; ich wollte
       erst an  die Loire.  Ich verließ  also am  zweiten Tage die große
       Straße und ging über die Berge nach Orléans zu. Ich verirrte mich
       natürlich wieder  zwischen den  Dörfern, da ich nur die Sonne und
       die von  aller Welt abgeschnittenen Bauern, die weder rechts noch
       links wußten,  zu Führern  hatte. Ich übernachtete in irgendeinem
       Dorf, dessen  Namen ich nie aus dem Bauernpatois deutlich heraus-
       hören konnte,  fünfzehn Lieues  von Paris,  auf der Wasserscheide
       zwischen Seine und Loire.
       Diese Wasserscheide  wird gebildet  von einem breiten Bergrücken,
       der sich  von Südosten  nach Nordwesten  entlangzieht. Zu  beiden
       Seiten sind  zahlreiche Taleinschnitte,  von kleinen  Bächen oder
       Flüssen bewässert.  Oben auf  der windigen Höhe gedeiht nur Korn,
       Buchweizen, Klee und Gemüse; an den Talwänden jedoch wächst über-
       all Wein. Die nach Osten zu gelegenen Talwände sind fast alle mit
       großen Massen jener Kalkfelsblöcke bedeckt, welche die englischen
       Geologen Bolderstones  nennen, und die man im sekundären und ter-
       tiären Hügelland  häufig findet.  Die gewaltigen  blauen  Blöcke,
       zwischen denen grünes Gebüsch und junge Bäume emporwachsen,
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       1*) Gassenjungen
       
       #467# Von Paris nach Bern
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       bilden gar  keinen üblen  Kontrast zu den Wiesen des Tals und den
       Weinbergen des gegenüberliegenden Abhangs.
       Allmählich stieg  ich in  eins dieser kleinen Flußtäler hinab und
       verfolgte es eine Zeitlang. Endlich stieß ich auf eine Landstraße
       und damit  auf Leute,  von denen zu erfahren war, wo ich mich ei-
       gentlich befand.  Ich war  nah bei Malesherbes, halbwegs zwischen
       Orléans und  Paris. Orléans  selbst lag mir zu weit westlich; Ne-
       vers war  mein nächstes  Ziel, und  so stieg  ich wieder über den
       nächsten Berg  direkt nach  Süden zu.  Von oben eine sehr hübsche
       Aussicht: zwischen  waldigen Bergen  das nette Städchen Malesher-
       bes, an den Abhängen zahlreiche Dörfer, oben auf einem Gipfel das
       Schloß Châteaubriand.  Und was  mir noch  lieber war:  gegenüber,
       jenseits einer  schmalen Schlucht,  eine Departementalstraße, die
       sich direkt nach Süden zog.
       Es gibt  nämlich in Frankreich dreierlei Straßen: die Staatsstra-
       ßen, früher  königliche, jetzt  Nationalstraßen  genannt,  schöne
       breite Chausseen,  die die wichtigsten Städte miteinander verbin-
       den. Diese  Nationalstraßen, in  der Umgegend von Paris nicht nur
       Kunst-, sondern  wahre Luxusstraßen,  prächtige, sechzig und mehr
       Fuß  breite,   in  der  Mitte  gepflasterte  Ulmenalleen,  werden
       schlechter, schmaler  und baumloser, je weiter man sich von Paris
       entfernt und  je weniger  Bedeutung die Straße hat. Sie sind dann
       stellenweise so  schlecht, daß  sie nach zwei Stunden mäßigen Re-
       gens für Fußgänger kaum noch zu passieren sind. Die zweite Klasse
       sind die  Departementalstraßen, die Kommunikationen zweiten Rangs
       herstellend,  aus   Departementsfonds  bestritten,  schmaler  und
       prunkloser als  die Nationalstraßen.  Die dritte  Klasse  endlich
       bilden die  großen Vizinalwege  1*) (chemins de grande communica-
       tion), aus  Kantonalmitteln 2*)  hergestellt, schmale, bescheidne
       Straßen, aber  stellenweise in  besserem Zustand als die größeren
       Chausseen.
       Ich stieg  querfeldein direkt  auf meine  Departementalstraße los
       und fand zu meiner größten Freude, daß sie mit der unabänderlich-
       sten Geradlinigkeit  direkt nach Süden ging. Dörfer und Wirtshäu-
       ser waren  selten; nach  mehrstündigem Marsch  traf  ich  endlich
       einen großen  Pachthof, wo  man mir mit der größten Bereitwillig-
       keit einige  Erfrischungen vorsetzte,  wofür ich  den Kindern des
       Hauses einige  Fratzen auf  ein Blatt  Papier zeichnete  und sehr
       ernsthaft erklärte: dies sei der General Cavaignac, das sei Louis
       Napoleon, das Armand Marrast, Ledru-Rollin usw. zum Sprechen ähn-
       lich. Die  Bauern starrten  die verzerrten  Gesichter mit  großer
       Ehrfurcht an,  bedankten sich hoch erfreut und schlugen die frap-
       pant ähnlichen Porträts sogleich an die
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       1*) Ortsverbindungswege - 2*) Geldmittel, die aus dem Unterbezirk
       eines Arrondissements aufgebracht werden
       
       #468# Friedrich Engels
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       Wand. Von  diesen braven Leuten erfuhr ich auch, daß ich mich auf
       der Straße von Malesherbes nach Châteauneuf an der Loire befinde,
       bis wohin ich noch etwa zwölf Lieues habe.
       Ich marschierte  durch Puyseaux und ein andres kleines Städtchen,
       dessen Namen ich vergessen, und kam des Abends spät in Bellegarde
       an, einem  hübschen und ziemlich großen Ort, wo ich übernachtete.
       Der Weg  über das Plateau, das hier übrigens an vielen Orten Wein
       produziert, war ziemlich einförmig.
       Den nächsten  Morgen ging's  nach Châteauneuf,  noch fünf Lieues,
       und von  da die  Loire entlang auf der Nationalstraße von Orléans
       nach Nevers.
       
       Unter blüh'nden Mandelbäumen,
       An der Loire grünem Strand,
       O wie lieblich ist's zu träumen,
       Wo ich meine Liebe fandt [361] -
       
       so singt  gar mancher deutsche schwärmerische Jüngling und manche
       zarte germanische Jungfrau in den schmelzenden Worten Helmina von
       Chezys und  der geschmolzenen  Weise Carl  Maria von Webers. Aber
       wer an der Loire Mandelbäume und sanfte, liebliche Liebesromantik
       sucht, wie  sie anno  zwanzig in Dresden Mode war, der macht sich
       schreckliche Illusionen,  wie sie  eigentlich nur einem deutschen
       Erbblaustrumpf in der dritten Generation erlaubt sind.
       Von Châteauneuf  über les Bordes nach Dampierre bekommt man diese
       romantische Loire  fast gar nicht zu sehn. Die Straße geht in ei-
       ner Entfernung  von zwei  bis drei Lieues vom Flusse über die Hö-
       hen, und  nur selten  sieht man in der Ferne das Wasser der Loire
       in der Sonne aufleuchten. Die Gegend ist reich an Wein, Getreide,
       Obst; nach  dem Flusse  zu sind  üppige Weiden;  der Anblick  des
       waldlosen, nur von wellenförmigen Hügeln umgebnen Tals ist jedoch
       ziemlich einförmig.
       Mitten auf  der Straße,  nah bei  einigen Bauernhäusern, traf ich
       eine Karawane  von vier  Männern, drei  Weibern und mehreren Kin-
       dern, die  drei schwerbeladene  Eselskarren mit  sich führten und
       auf offner  Landstraße bei  einem großen  Feuer  ihr  Mittagsmahl
       kochten. Ich  blieb einen  Augenblick stehn: Ich hatte mich nicht
       getäuscht, sie  sprachen deutsch, im härtesten oberdeutschen Dia-
       lekt. Ich redete sie an; sie waren entzückt, mitten in Frankreich
       ihre Muttersprache  zu hören.  Es waren übrigens Elsasser aus der
       Gegend von Straßburg, die jeden Sommer in dieser Weise ins Innere
       Frankreichs zogen  und sich mit Korbflechten ernährten. Auf meine
       Frage, ob  sie davon leben könnten, hieß es: "Ja schwerlich, wenn
       mer alles kaufe müscht'; das Mehrscht werd g'bettelt." Allmählich
       kroch noch ein ganz alter Mann
       
       #469# Von Paris nach Bern
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       aus einem  der Eselskarren  hervor, wo  er ein vollständiges Bett
       hatte. Die  ganze Bande hatte etwas sehr Zigeunerartiges in ihren
       zusammengebettelten Kostümen,  von denen  kein Stück  zum  andern
       paßte. Dabei  schauten sie  indes recht gemütlich drein und plau-
       derten mir  unendlich viel  von ihren  Fahrten vor, und mitten in
       der heitersten Schwatzhaftigkeit gerieten sich die Mutter und die
       Tochter, ein  blauäugiges sanftes Geschöpf, beinahe in die strup-
       pigen roten  Haare. Ich  mußte bewundern,  mit welcher  Allgewalt
       sich die  deutsche Gemütlichkeit und Innigkeit auch durch die zi-
       geunerhaftesten Lebens-  und Kleidungsverhältnisse  Bahn  bricht,
       wünschte guten Tag und setzte meine Reise fort, eine Strecke lang
       begleitet von  einem der Zigeuner, der sich vor Tisch das Vergnü-
       gen eines  Spazierrittes auf  der spitzknochigen Croupe eines ma-
       gern Esels erlaubte.
       Den Abend  kam ich  nach Dampierre, einem kleinen Dorf nicht weit
       von der  Loire. Hier ließ die Regierung durch 300 bis 400 Pariser
       Arbeiter, Trümmer der ehemaligen Nationalwerkstätten [115], einen
       Damm gegen  die Überschwemmungen ausführen. Es Waren Arbeiter al-
       ler Art, Goldarbeiter, Metzger, Schuhmacher, Schreiner, bis herab
       zum Lumpensammler  der Pariser  Boulevards. Ich fand ihrer an die
       zwanzig im Wirtshause, wo ich die Nacht blieb. Ein robuster Metz-
       ger, der  bereits zu  einer Art  Aufseherstelle  vorgerückt  war,
       sprach mit  großem Entzücken von dem Unternehmen: Man verdiene 30
       bis 100  Sous täglich,  je nachdem  man arbeite,  40 bis  60 Sous
       seien leicht  zu machen,  wenn man  nur etwas  anstellig sei.  Er
       Wollte mich  gleich in seine Brigade einrangieren; ich werde mich
       bald hineinfinden  und gewiß  schon in  der zweiten Woche 50 Sous
       den Tag verdienen, ich könne mein Glück machen, und es sei wenig-
       stens noch  für sechs Monat Arbeit da. Ich hatte nicht übel Lust,
       zur Abwechslung  auf einen  oder zwei  Monate die  Feder mit  der
       Schaufel zu  vertauschen; aber  ich hatte  keine Papiere,  und da
       wäre ich schön angelaufen.
       Diese Pariser Arbeiter hatten ganz ihre alte Lustigkeit behalten.
       Sie betrieben ihre Arbeit, zehn Stunden täglich, unter Lachen und
       Scherzen, ergötzten  sich in den Freistunden mit tollen Streichen
       und  amüsierten   sich  abends   damit,  die   Bauernmädchen   zu
       "déniaisieren" 1*).  Aber sonst  waren sie  durch ihre Isolierung
       auf ein  kleines Dorf  gänzlich demoralisiert.  Von Beschäftigung
       mit den Interessen ihrer Klasse, mit den die Arbeiter so nahe be-
       rührenden politischen  Tagesfragen keine  Spur. Sie  schienen gar
       keine Journale  mehr zu  lesen. Alle Politik beschränkte sich bei
       ihnen auf  die Erteilung  von Spitznamen;  der eine,  ein großer,
       starker Lümmel, hieß Caussidière,
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       1*) "übertölpeln"
       
       #470# Friedrich Engels
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       der andre,  ein schlechter  Arbeiter und arger Trunkenbold, hörte
       auf den  Namen Guizot, usw. Die anstrengende Arbeit, die verhält-
       nismäßig gute  Lebenslage und vor allem die Lostrennung von Paris
       und die  Versetzung nach  einem abgeschlossenen,  stillen  Winkel
       Frankreichs hatte  ihren Gesichtskreis merkwürdig beschränkt. Sie
       standen schon  im Begriff  zu verbauern,  und sie waren erst zwei
       Monate dort.
       Den nächsten Morgen kam ich nach Gien, und damit endlich ins Loi-
       retal selbst. Gien ist ein kleines, winkliges Städtchen mit einem
       hübschen Quai und einer Brücke über die Loire, die hier an Breite
       kaum dem  Main bei  Frankfurt gleichkommt. Sie ist überhaupt sehr
       seicht und voller Sandbänke.
       Von Gien  nach Briare  geht der  Weg durch das Tal, ungefähr eine
       Viertelmeile von  der Loire entfernt. Die Richtung geht nach Süd-
       ost, und  die Gegend  nimmt allmählich  einen südlichen Charakter
       an. Ulmen,  Eschen, Akazien oder Kastanienbäume bilden die Allee;
       üppige Weiden und fruchtbare Felder, zwischen deren Stoppeln eine
       Nachernte des  fettesten Klees  aufschoß, mit langen Pappelreihen
       besetzt, machen  die Talsohle aus; jenseits der Loire in duftiger
       Ferne eine  Hügelreihe, diesseits dicht neben der Landstraße eine
       zweite, ganz  mit Weinstöcken  bepflanzte Kette  von Anhöhen. Das
       Tal der  Loire ist  hier durchaus nicht auffallend schön oder ro-
       mantisch, wie man zu sagen pflegt, aber es macht einen höchst an-
       genehmen Eindruck;  man sieht  der ganzen  reichen Vegetation das
       milde Klima  an, dem  sie ihr  Gedeihen verdankt.  Selbst in  den
       fruchtbarsten  Gegenden  Deutschlands  habe  ich  nirgends  einen
       Pflanzenwuchs gefunden, der sich mit dem auf der Strecke von Gien
       bis Briare vergleichen könnte.
       Eh ich  die Loire verlasse, noch ein paar Worte über die Bewohner
       der durchstreiften Gegend und ihre Lebensart.
       Die Dörfer bis vier, fünf Stunden von Paris können keinen Maßstab
       für die  Dörfer des übrigen Frankreichs abgeben. Ihre Anlage, die
       Bauart der  Häuser, die Sitten der Bewohner sind viel zu sehr von
       dem Geist  der großen  Metropole beherrscht,  von der  sie leben.
       Erst zehn  Lieues von  Paris, auf den abgelegnen Höhen, fängt das
       eigentliche Land an, sieht man wirkliche Bauernhäuser. Es ist be-
       zeichnend für die ganze Gegend bis zu der Loire und bis nach Bur-
       gund hinein,  daß der  Bauer den  Eingang seines Hauses möglichst
       vor der  Landstraße versteckt.  Auf den Höhen ist jeder Bauernhof
       von einer  Mauer umgeben;  man tritt ein durch ein Tor und muß im
       Hofe selbst die meist nach hinten zu gelegne Haustür erst suchen.
       Hier, wo  die meisten Bauern Kühe und Pferde haben, sind die Bau-
       ernhäuser ziemlich groß; an der Loire dagegen, Wo viel Gartenkul-
       tur getrieben  wird und  selbst wohlhabende Bauern wenig oder gar
       kein Vieh besitzen und die Viehzucht als
       
       #471# Von Paris nach Bern
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       besondrer Erwerbszweig  den größeren Grundbesitzern oder Pächtern
       überlassen bleibt,  werden die Bauernhäuser immer kleiner, oft so
       klein, daß  m a n  nicht begreift, wie eine Bauernfamilie mit ih-
       rem Gerät  und ihren Vorräten darin Platz findet. Auch hier indes
       ist der  Eingang auf der der Straße abgekehrten Seite, und in den
       Dörfern haben  fast nur  die Schenken  und Läden  Türen nach  der
       Straße zu.
       Die Bauern dieser Gegend führen meist trotz ihrer Armut ein recht
       gutes Leben. Der Wein ist, wenigstens in den Tälern, meist eignes
       Produkt, gut  und wohlfeil (dies Jahr zwei bis drei Sous die Fla-
       sche), das  Brot überall, mit Ausnahme der höchsten Gipfel, gutes
       Weizenbrot, dazu vortrefflicher Käse und herrliches Obst, das man
       in Frankreich bekanntlich überall zum Brote ißt. Wie alle Landbe-
       wohner verzehren sie wenig Fleisch, dagegen viel Milch, vegetabi-
       lische Suppen  und überhaupt eine vegetabilische Nahrung von aus-
       gezeichneter Qualität. Der norddeutsche Bauer, selbst wenn er be-
       deutend wohlhabender  ist, lebt nicht den dritten Teil so gut wie
       der französische zwischen Seine und Loire.
       Diese  Bauern  sind  ein  gutmütiges,  gastfreies,  heiteres  Ge-
       schlecht, dem Fremden auf jede mögliche Weise gefällig und zuvor-
       kommend und  im schlechtesten Patois noch echte, höfliche Franzo-
       sen. Trotz  ihres im  höchsten Grade entwickelten Eigentumssinnes
       für die  von ihren  Vätern dem  Adel und  den Pfaffen  aberoberte
       Scholle, sind säe noch immer die Träger gar mancher patriarchali-
       schen Tugend, besonders in den von den großen Straßen abseits ge-
       legnen Dörfern.
       Aber Bauer  bleibt Bauer,  und die  Lebensverhältnisse der Bauern
       hören keinen  Augenblick auf,  ihren Einfluß  geltend zu  machen.
       Trotz aller  Privattugenden des  französischen Bauern,  trotz der
       entwickelteren Lebenslage,  in der  er sich  gegen den ostrheini-
       schen Bauern  befindet, ist  der  Bauer  in  Frankreich,  wie  in
       Deutschland, der Barbar mitten in der Zivilisation.
       Die Isolierung  des Bauern auf ein abgelegenes Dorf mit einer we-
       nig zahlreichen,  nur mit  den Generationen  wechselnden Bevölke-
       rung, die  anstrengende, einförmige Arbeit, die ihn mehr als alle
       Leibeigenschaft an  die Scholle  bindet und die vom Vater auf den
       Sohn stets  dieselbe bleibt, die Stabilität und Einförmigkeit al-
       ler Lebensverhältnisse,  die Beschränkung, in der die Familie das
       wichtigste, entscheidendste  gesellschaftliche Verhältnis für ihn
       wird -  alles das  reduziert den  Gesichtskreis des Bauern  a u f
       die engsten  Grenzen, die  in der modernen Gesellschaft überhaupt
       möglich sind.  Die großen  Bewegungen der Geschichte gehen an ihm
       vorüber,   r e i ß e n   ihn von  Zeit   z u  Zeit mit sich fort,
       aber ohne  daß er  eine Ahnung  hat von  der Natur der bewegenden
       Kraft, von ihrer Entstehung, von ihrem Ziel.
       
       #472# Friedrich Engels
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       Im Mittelalter, im siebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert ging
       der Bewegung  der Bürger  in den  Städten eine Bauernbewegung zur
       Seite, die  aber fortwährend  reaktionäre Forderungen  aufstellte
       und, ohne  für die  Bauern selbst große Resultate herbeizuführen,
       nur die Städte in ihren Emanzipationskämpfen unterstützte.
       In der  ersten französischen  Revolution traten die Bauern gerade
       solange revolutionär  auf, als  ihr allernächstes, handgreiflich-
       stes Privatinteresse  dies erforderte; solange, bis ihnen das Ei-
       gentumsrecht auf  ihre bisher  in feudalen  Verhältnissen bebaute
       Scholle, die unwiederbringliche Abschaffung dieser Feudalverhält-
       nisse und  die Entfernung der fremden Armeen von ihrer Gegend ge-
       sichert war.  Als dies  erreicht, kehrten sie sich mit der ganzen
       Wut blinder  Habgier gegen  die unverstandene Bewegung der großen
       Städte und  namentlich gegen  die Pariser Bewegung. Zahllose Pro-
       klamationen des  Wohlfahrtsausschusses, zahllose Dekrete des Kon-
       vents, vor  allem die über das Maximum und die Akkapareurs [362],
       mobile Kolonnen und ambulante Guillotinen mußten gegen die eigen-
       sinnigen Bauern  gerichtet werden.  Und doch  kam die Schreckens-
       herrschaft, die  die fremden  Armeen vertrieb und den Bürgerkrieg
       erstickte, keiner Klasse so sehr zugut wie grade den Bauern.
       Als Napoleon  die Bourgeoisherrschaft  des Direktoriums  stürzte,
       die Ruhe  wiederherstellte, die neuen Besitzverhältnisse der Bau-
       ern befestigte  und in  seinem Code  civil [90] sanktionierte und
       die fremden  Armeen immer weiter von den Grenzen trieb, schlossen
       die Bauern  sich ihm  mit Begeisterung an und wurden seine Haupt-
       stütze. Denn der französische Bauer ist national bis zum Fanatis-
       mus; la  France 1*)  hat für ihn eine hohe Bedeutung, seit er ein
       Stück Frankreich  erbeigentümlich besitzt;  die Fremden  kennt er
       nur in der Gestalt verheerender Invasionsarmeen, die ihm den mei-
       sten Schaden  zufügen. Daher  der unbegrenzte  nationale Sinn des
       französischen Bauern,  daher sein  ebenso unbegrenzter  Haß gegen
       l'étranger 2*).  Daher die Leidenschaft, mit der er 1814 und 1815
       in den Krieg zog.
       Als die Bourbonen 1815 wiederkamen, als die vertriebne Aristokra-
       tie wieder Ansprüche auf den in der Revolution verlornen Grundbe-
       sitz erhob,  sahen die  Bauern ihre ganze revolutionäre Eroberung
       bedroht. Daher  ihr Haß gegen die Bourbonenherrschaft, ihr Jubel,
       als die  Julirevolution ihnen die Sicherheit des Besitzes und die
       dreifarbige Fahne wiederbrachte.
       Von der  Julirevolution an  hörte aber  auch die  Beteiligung der
       Bauern an  den allgemeinen Interessen des Landes wieder auf. Ihre
       Wünsche waren  erfüllt, ihr Grundbesitz war nicht länger bedroht,
       auf der Mairie 3*) des Dorfes
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       1*) Frankreich - 2*) den Fremden - 3*) dem Bürgermeisteramt
       
       #473# Von Paris nach Bern
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       wehte wieder  dieselbe Fahne,  unter der  sie und  ihre Väter ein
       Viertel Jahrhundert gesiegt.
       Aber wie immer genossen sie wenig Früchte ihres Sieges. Die Bour-
       geois begannen  sogleich, ihre  ländlichen Verbündeten  mit aller
       Macht zu  exploitieren. Die  Früchte der  Parzellierung  und  der
       Teilbarkeit des Bodens, die Verarmung der Bauern und die Hypothe-
       zierung ihrer Grundstücke hatten schon unter der Restauration an-
       gefangen zu  reifen; nach 1830 traten sie in immer allgemeinerer,
       immer drohenderer Weise hervor. Aber der Druck, den das große Ka-
       pital auf den Bauern ausübte, blieb für ihn ein bloßes Privatver-
       hältnis zwischen  ihm und  seinem Gläubiger;  er  sah  nicht  und
       konnte nicht  sehen, daß  diese immer allgemeiner, immer mehr zur
       Regel werdenden  Privatverhältnisse allmählich  zu einem Klassen-
       verhältnis zwischen  der Klasse  der großen  Kapitalisten und der
       der kleinen  Grundbesitzer sich  entwickelten. Es  war nicht mehr
       derselbe Fall  wie mit  den Feudallasten, deren Entstehung längst
       vergessen, deren  Sinn längst  verloren, die nicht mehr Gegenlei-
       stung gegen  erwiesene Dienste,  die längst eine bloße, den einen
       Teil bedrückende  Last geworden.  Hier, bei der Hypothekarschuld,
       hat der  Bauer oder doch sein Vater die Summe in harten Fünffran-
       kentalern ausbezahlt  erhalten; der Schuldschein und das Hypothe-
       kenbuch erinnern  ihn vorkommendenfalls an den Ursprung der Last;
       der Zins,  den er  zahlen muß, selbst die stets sich erneuernden,
       drückenden Nebenvergütungen für den Wucherer sind moderne bürger-
       liche Gefälle,  die in ähnlicher Form alle Schuldner treffen; die
       Bedrückung geschieht  in ganz  moderner, zeitgemäßer Gestalt, und
       der Bauer  wird genau  nach denselben Rechtsprinzipien ausgesogen
       und ruiniert,  unter denen  allein ihm sein Besitz gesichert ist.
       Sein eigner  Code civil,  seine moderne Bibel, wird zur Zuchtrute
       für ihn.  Der Bauer kann in dem Hypothekarwucher kein Klassenver-
       hältnis sehn,  er kann  seine  Aufhebung  nicht  verlangen,  ohne
       zugleich seinen  eignen Besitz  zu gefährden.  Der Druck  des Wu-
       chers, statt  ihn in  die Bewegung zu schleudern, macht ihn voll-
       ends verwirrt. Worin er allein Erleichterung sehen kann, ist Ver-
       minderung der Steuern.
       Als im  Februar dieses  Jahres zum  erstenmal eine Revolution ge-
       macht wurde, in der das Proletariat mit selbständigen Forderungen
       auftrat, begriffen  die Bauern nicht das mindeste davon. Wenn die
       Republik einen  Sinn für  sie hatte, so war es nur der: Verminde-
       rung der  Steuern und hie und da vielleicht auch etwas von Natio-
       nalehre, Eroberungskrieg  und Rheingrenze.  Als aber  in Paris am
       Morgen nach dem Sturz Louis-Philippes der Krieg zwischen Proleta-
       riat und Bourgeoisie losbrach, als die Stockung in Handel und In-
       dustrie auf  das Land  zurückwirkte, die  Produkte des Bauern, in
       einem fruchtbaren  Jahr ohnehin  entwertet, noch  mehr im  Preise
       fielen und unverkäuflich
       
       #474# Friedrich Engels
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       wurden, als  vollends die  Junischlacht bis  in die entferntesten
       Winkel Frankreichs Schrecken und Angst verbreitete, da erhob sich
       unter den Bauern ein allgemeiner Schrei der fanatischsten Wut ge-
       gen das  revolutionäre Paris und die nie zufriedenen Pariser. Na-
       türlich! Was  wußte auch  der starrköpfige,  bornierte Bauer  von
       Proletariat und  Bourgeoisie, von demokratisch-sozialer Republik,
       von Organisation  der Arbeit, von Dingen, deren Grundbedingungen,
       deren Ursachen  in seinem  engen Dorf  nie vorkommen konnten! Und
       als er  hie und da durch die unsauberen Kanäle der Bourgeoisblät-
       ter eine  trübe Ahnung  von dem  erhielt, worum  es sich in Paris
       handelte, als  die Bourgeois  ihm das  große Schlagwort gegen die
       Pariser Arbeiter  zugeschleudert hatten:  ce sont  les partageurs
       1*), es  sind Leute,  die alles  Eigentum, allen  Grund und Boden
       teilen wollen,  da verdoppelte  sich der Wutschrei, da kannte die
       Entrüstung der  Bauern keine  Grenzen mehr. Ich habe Hunderte von
       Bauern gesprochen  in den  verschiedensten Gegenden  Frankreichs,
       und bei allen herrschte dieser Fanatismus gegen Paris und nament-
       lich gegen  die Pariser Arbeiter. "Ich wollte, dies verdammte Pa-
       ris würde  morgen am  Tage in  die Luft gesprengt" - das war noch
       der mildeste  Segenswunsch. Es  versteht sich, daß für die Bauern
       die alte Verachtung gegen die Städter durch die Ereignisse dieses
       Jahres nur  noch vermehrt  und gerechtfertigt  wurde. Die Bauern,
       das Land  muß Frankreich  retten; das  Land produziert alles, die
       Städte leben  von unserm Korn, kleiden sich von unserm Flachs und
       unsrer Wolle,  wir müssen die rechte Ordnung der Dinge wiederher-
       stellen; wir  Bauern müssen  die Sache in unsre Hand nehmen - das
       war der  ewige Refrain, der mehr oder weniger deutlich, mehr oder
       weniger bewußt  durch alles  verworrene Gerede  der Bauern durch-
       klang.
       Und wie wollen sie Frankreich retten, wie wollen sie die Sache in
       ihre Hand  nehmen? Indem  sie Louis Napoleon Bonaparte zum Präsi-
       denten der  Republik wählen, einen großen Namen, getragen von ei-
       nem winzigen,  eitlen, verworrenen  Toren! Bei  allen Bauern, die
       ich gesprochen,  war der  Enthusiasmus für  Louis Napoleon ebenso
       groß wie der Haß gegen Paris. Auf diese beiden Leidenschaften und
       auf das  gedankenloseste, tierischste  Verwundern über  die ganze
       europäische Erschütterung  beschränkt sich  die ganze Politik des
       französischen Bauern.  Und die  Bauern haben über sechs Millionen
       Stimmen, über  zwei Drittel  aller  Stimmen  bei  den  Wahlen  in
       Frankreich.
       Es ist wahr, die provisorische Regierung hat es nicht verstanden,
       die Interessen  der Bauern  an die Revolution zu fesseln, sie hat
       in dem  Zuschlag von  45 Centimen auf die Grundsteuer, die haupt-
       sächlich die Bauern traf,
       -----
       1*) das sind die Teiler
       
       #475# Von Paris nach Bern
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       einen unverzeihlichen,  nie gutzumachenden  Fehler begangen. Aber
       hätte sie  auch die Bauern auf ein paar Monate für die Revolution
       gewonnen, im  Sommer wären  sie doch abgefallen. Die gegenwärtige
       Stellung der  Bauern zur  Revolution von 1848 ist nicht Folge von
       etwaigen Fehlern  und zufälligen  Verstößen; sie  ist naturgemäß,
       sie ist in der Lebenslage, in der gesellschaftlichen Stellung des
       kleinen Grundeigentümers begründet. Das französische Proletariat,
       ehe es  seine Forderungen durchsetzt, wird zuerst einen allgemei-
       nen Bauernkrieg  zu unterdrücken  haben, einen  Krieg, der selbst
       durch Niederschlagung  aller Hypothekarschulden sich nur um kurze
       Zeit wird hinausschieben lassen.
       Man muß  während vierzehn  Tagen fast  nur mit Bauern, Bauern der
       verschiedensten Gegenden, zusammengekommen sein, man muß Gelegen-
       heit gehabt haben, überall dieselbe vernagelte Borniertheit, die-
       selbe totale Unkenntnis aller städtischen, industriellen und kom-
       merziellen Verhältnisse,  dieselbe Blindheit in der Politik, das-
       selbe Raten  ins Blaue über alles, was jenseits des Dorfes liegt,
       dasselbe Anlegen  des Maßstabs  der Bauernverhältnisse an die ge-
       waltigsten Verhältnisse  der Geschichte wiederzufinden - man muß,
       mit einem  Wort, die  französischen Bauern  gerade im  Jahr  1848
       kennengelernt haben,  um den ganzen niederschlagenden Eindruck zu
       empfinden, den diese störrische Dummheit hervorbringt.
       
       II
       
       Burgund
       
       Briare ist  ein altertümliches  Städtchen an  der Mündung des Ka-
       nals, der die Loire mit der Seine verbindet. Hier orientierte ich
       mich über  die Route und fand es angemessener, statt über Nevers,
       über Auxerre nach der Schweiz zu gehn. Ich verließ also die Loire
       und wandte mich über die Berge nach Burgund zu.
       Der fruchtbare  Charakter des  Loiretals nimmt  allmählich,  aber
       ziemlich langsam ab. Man steigt unmerkbar und kommt erst fünf bis
       sechs Meilen  von Briare, bei Saint-Sauveur und Saint-Fargeau, in
       die Anfänge  des waldigen, viehzuchttreibenden Gebirgslandes. Der
       Bergrücken zwischen  Yonne und  Loire ist  hier schon  höher, und
       diese ganze  westliche Seite des Yonne-Departements ist überhaupt
       ziemlich gebirgig.
       In der  Gegend von Toucy, sechs Lieues von Auxerre, hörte ich zu-
       erst  den  eigentümlichen  naiv-breiten  Burgunder  Dialekt,  ein
       Idiom, das  hier und  im ganzen  eigentlichen Burgund  noch einen
       liebenswürdigen, angenehmen
       
       #476# Friedrich Engels
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       Charakter hat,  dagegen in den höheren Gegenden der Franche Comté
       einen schwerfälligen,  plumpen, fast doktoralen Klang annimmt. Es
       ist wie  der naive  östreichische Dialekt, der sich allmählich in
       den groben  oberbayrischen verwandelt. Das burgundische Idiom be-
       tont auf eine merkwürdig unfranzösische Weise stets die Silbe vor
       derjenigen, welche  im guten Französisch den Hauptakzent hat, sie
       verwandelt das jambische Französisch in ein trochäisches und ver-
       dreht dadurch  merkwürdig die feine Akzentuierung, die der gebil-
       dete Franzose  seiner Sprache  zu geben weiß. Aber wie gesagt, im
       eigentlichen Burgund klingt es noch recht nett und im Munde eines
       hübschen Mädchens  sogar reizend: Mais, mâ foi, monsieur, je vous
       demande ûn  peu ... [364] Wenn man vergleichen kann, so ist über-
       haupt der  Burgunder der französische Östreicher. Naiv, gutmütig,
       zutraulich im  höchsten Grade,  mit viel Mutterwitz innerhalb des
       gewohnten Lebenskreises,  voll naiv  komischer Vorstellungen über
       alles, was  darüber hinausgeht,  possierlich ungeschickt  in  un-
       gewohnten Verhältnissen,  stets unverwüstlich  heiter -  so  sind
       diese guten Leute fast einer wie der andre. Man verzeiht dem lie-
       benswürdig gutherzigen  burgundischen Bauern  noch am allerersten
       seine gänzliche  politische Nullität  und seine  Schwärmerei  für
       Louis Napoleon.
       Die Burgunder  haben übrigens unleugbar eine stärkere Beimischung
       deutschen Bluts  als die weiter westlich wohnenden Franzosen; die
       Haare und  der Teint  sind heller,  die Gestalt etwas größer, na-
       mentlich bei  den Frauenzimmern,  der scharfe kritische Verstand,
       der schlagende  Witz nimmt  schon bedeutend  ab und  wird ersetzt
       durch ehrlicheren  Humor und  zuweilen durch  einen leisen Anflug
       von Gemütlichkeit.  Aber das französische heitre Element herrscht
       noch bedeutend  vor, und an sorglosem Leichtsinn gibt der Burgun-
       der keinem nach.
       Die westliche  Berggegend des  Yonne-Departements lebt hauptsäch-
       lich von  der  Viehzucht.  Aber  der  Franzose  ist  überall  ein
       schlechter Viehzüchter, und diese burgundischen Rinder fallen gar
       dünn und klein aus. Doch wird neben der Viehzucht noch viel Korn-
       bau getrieben und überall ein gutes Weizenbrot gegessen.
       Die Bauernhäuser  nehmen hier auch schon einen deutschern Charak-
       ter an;  sie werden wieder größer und vereinigen Wohnung, Scheune
       und Ställe  unter einem  Dach; doch  ist auch  hier die  Tür noch
       meist seitwärts von der Straße oder ganz von ihr abgekehrt.
       An dem langen Abhang, der nach Auxerre hinunterführt, sah ich die
       ersten Burgunder Reben, zum großen Teil noch belastet mit der un-
       erhört reichen  Traubenernte des  Jahres 1848. An manchen Stöcken
       sah man fast gar keine Blätter vor lauter Trauben.
       
       #477# Von Paris nach Bern
       -----
       Auxerre ist ein kleines, unebenes, von innen nicht sehr ansehnli-
       ches Städtchen  mit einem  hübschen Quai an der Yonne und einigen
       Ansätzen zu jenen Boulevards, ohne die ein französischer Departe-
       mentshauptort nun  einmal nicht sein kann. Zu gewöhnlichen Zeiten
       muß es  gar still und tot sein, und der Präfekt der Yonne muß die
       Pflichtbälle und  Abendessen, die er unter Ludwig Philipp den No-
       tabeln des  Ortes zu geben hatte, mit wenig Kosten bestritten ha-
       ben. Aber  jetzt war  Auxerre belebt,  wie es nur einmal im Jahre
       belebt ist.  Wenn der  Bürger Denjoy, Volksrepräsentant, der sich
       in der  Nationalversammlung so  sehr darüber  skandalisierte, daß
       bei dem  demokratisch-sozialen Bankett von Toulouse das ganze Lo-
       kal rot  dekoriert war,  wenn dieser  brave Bürger Denjoy mit mir
       nach Auxerre gekommen wäre, er hätte vor Entsetzen Krämpfe bekom-
       men. Hier war nicht ein Lokal, hier war die ganze Stadt rot deko-
       riert. Und  welches Rot!  Das  unzweifelhafteste,  unverhüllteste
       Blutrot färbte  die Mauern und Treppen der Häuser, die Blusen und
       Hemden der  Menschen; dunkelrote  Ströme füllten  sogar die Rinn-
       steine und  befleckten das Pflaster, und eine unheimlich schwärz-
       liche, rotschäumende Flüssigkeit wurde von bärtigen, unheimlichen
       Männern in  großen Zubern über die Straßen getragen. Die rote Re-
       publik schien  mit allen  ihren Greueln zu herrschen, die Guillo-
       tine, die  Dampfguillotine schien  in Permanenz  zu sein, die bu-
       veurs de sang 1*), von denen das "Journal des Débats" so schauer-
       liche Sagen zu berichten weiß, feierten hier offenbar ihre kanni-
       balischen Orgien. Aber die rote Republik von Auxerre war sehr un-
       schuldig, es  war die  rote Republik  der burgundischen Weinlese,
       und die  Blutsäufer, die das edelste Erzeugnis dieser roten Repu-
       blik mit so großer Wollust verzehren, sind niemand anders als die
       Herren honetten Republikaner selbst, die großen und kleinen Bour-
       geois von  Paris. Und  der ehrenwerte Bürger Denjoy hat in dieser
       Beziehung auch seine roten Gelüste trotz dem Besten.
       Wer nur  in dieser  roten Republik  die Taschen  voll Geld gehabt
       hätte! Die Lese von 1848 war so unendlich reich, daß nicht Fässer
       genug gefunden  werden konnten,  um all den Wein aufzunehmen. Und
       dabei von  einer Qualität - besser als 46er, ja vielleicht besser
       als 34er! Von allen Seiten strömten die Bauern herzu, um den noch
       übrigen 47er  zu Spottpreisen  - zu  2 Franken die Feuillette 2*)
       von 140  Litern guten  Weins -  aufzukaufen; zu allen Toren kamen
       Wagen auf  Wagen mit  leeren Fässern  herein, und  doch wurde man
       nicht fertig.  Ich habe selbst gesehn, wie ein Weinhändler in Au-
       xerre mehrere  Fässer 47er, ganz guten Weins, auf die Straße aus-
       laufen ließ,  um nur  Fassung zu bekommen für den neuen Wein, der
       der Spekulation
       -----
       1*) Blutsäufer - 2*) Fäßchen, altfranzösisches Weinmaß
       
       #478# Friedrich Engels
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       allerdings ganz andre Aussichten bot. Man versicherte mir, dieser
       Weinhändler habe  in wenig  Wochen auf diese Weise bis zu vierzig
       große Fässer (fûts) auslaufen lassen.
       Nachdem ich  in Auxerre mehrere Schoppen des Alten sowohl wie des
       Neuen zu  mir genommen,  zog ich  über die  Yonne den  Bergen des
       rechten Ufers zu. Die Chaussee geht das Tal entlang; ich nahm in-
       des die  alte, kürzere  Straße über die Berge. Der Himmel war be-
       deckt, das Wetter unfreundlich, ich selbst war müde, und so blieb
       ich im ersten Dorf, einige Kilometer von Auxerre über Nacht.
       Am nächsten Morgen brach ich in aller Frühe und mit dem herrlich-
       sten Sonnenschein  von der Welt auf. Der Weg führte zwischen lau-
       ter Weinbergen  hindurch über  einen ziemlich  hohen  Bergrücken.
       Aber für die Mühe des Steigens belohnte mich oben der prachtvoll-
       ste Überblick.  Vor mir  die ganze  hügelige  Abdachung  bis  zur
       Yonne, dann das grüne, wiesenreiche und pappelbepflanzte Yonnetal
       mit seinen  vielen Dörfern  und Bauernhöfen;  dahinter das stein-
       graue Auxerre,  an die  jenseitige Bergwand gelehnt; überall Dör-
       fer, und  überall, soweit das Auge reichte, Reben, nichts als Re-
       ben, und  der schimmerndste, warme Sonnenschein, nur in der Ferne
       durch feinen Herbstduft gemildert, ausgegossen über diesen großen
       Kessel, in dem die Augustsonne einen der edelsten Weine kocht.
       Ich weiß nicht, was es ist, das diesen französischen, durch keine
       ungewöhnlich schönen  Umrisse ausgezeichneten  Landschaften ihren
       eigentümlich reizenden  Charakter verleiht. Es ist freilich nicht
       diese oder  jene Einzelheit,  es ist das Ganze, das Ensemble, das
       ihnen einen  Stempel der  Sättigung aufdrückt, wie man ihn selten
       anderswo findet.  Der Rhein  und die Mosel haben schönere Felsen-
       gruppierungen, die  Schweiz hat  größere Kontraste,  Italien  ein
       volleres Kolorit,  aber kein  Land hat Gegenden von einem so har-
       monischen  Ensemble  wie  Frankreich.  Mit  einer  ungewöhnlichen
       Befriedigung schweift das Auge von dem breiten, üppigen Wiesental
       zu den bis auf den höchsten Gipfel ebenso üppig mit Reben bewach-
       senen Bergen  und zu  den zahllosen  Dörfern und Städten, die aus
       dem Laubwerk  der Obstbäume  sich erheben.  Nirgends  ein  kahler
       Fleck, nirgends  eine störende  unwirtbare Stelle,  nirgends  ein
       rauher Fels,  dessen Wände  dem Pflanzenwuchs unzugänglich wären.
       Überall eine  reiche Vegetation,  ein schönes sattes Grün, das in
       eine herbstlich-bronzierte  Schattierung übergeht,  gehoben durch
       den Glanz  einer Sonne,  die noch  im halben  Oktober heiß  genug
       brennt, um keine Beere am Weinstock unreif zu lassen.
       Ich ging  noch etwas  weiter, und eine zweite, ebenso schöne Aus-
       sicht eröffnete  sich vor  mir. Tief unten, in einem engeren Tal-
       kessel, lag Saint-Bris,
       
       #479# Von Paris nach Bern
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       ein kleines,  ebenfalls nur  von Weinbau lebendes Städtchen. Die-
       selben Details  wie vorhin, nur näher zusammengerückt. Weiden und
       Gärten unten im Tal um das Städtchen, Reben ringsum an den Wänden
       des Kessels,  nur an  der Nordseite  umgeackerte oder  mit grünem
       Stoppelklee bedeckte  Felder und  Wiesen. Drunten  in den Straßen
       von Saint-Bris  dasselbe Getriebe  wie in Auxerre; überall Fässer
       und Keltern,  und die  ganze  Einwohnerschaft  unter  Lachen  und
       Scherzen beschäftigt,  Most zu  keltern, in  die Fässer zu pumpen
       oder in  großen Kufen über die Straße zu tragen. Dazwischen wurde
       Markt gehalten;  in den breiteren Straßen hielten Bauernwagen mit
       Gemüse, Korn  und andern  Felderzeugnissen; die  Bauern mit ihren
       weißen Zipfelmützen,  die Bäuerinnen  mit ihren  Madrastüchern um
       den Kopf  drängten sich  schwatzend, rufend, lachend zwischen die
       Winzer; und  das kleine  Saint-Bris bot  ein lebendiges  Getreibe
       dar, daß man glaubte, in einer großen Stadt zu sein.
       Jenseits Saint-Bris  ging's wieder  einen lang  hingezogenen Berg
       hinauf. Aber  diesen Berg  erstieg ich mit ganz besonderm Vergnü-
       gen. Hier war alles noch in der Weinlese begriffen, und eine bur-
       gundische Weinlese  ist ganz anders lustig als selbst eine rhein-
       ländische. Auf jedem Schritt fand ich die heiterste Gesellschaft,
       die süßesten  Trauben und  die hübschesten Mädchen; denn hier, wo
       von drei  zu drei  Stunden ein  Städtchen liegt, wo die Einwohner
       vermöge ihres  Weinhandels viel  mit der  übrigen Welt in Verkehr
       sind, hier  herrscht schon eine gewisse Zivilisation, und niemand
       nimmt diese  Zivilisation rascher  an als  die Frauenzimmer, denn
       sie haben  die nächsten  und augenfälligsten  Vorteile davon.  Es
       fällt keiner französischen Städterin ein zu singen:
       
       Wenn ich doch so hübsch wär
       Wie die Mädchen auf dem Land!
       Ich trüg 'nen gelben Strohhut
       Und ein rosenrotes Band. [365]
       
       Im Gegenteil,  sie weiß  viel zu gut, daß sie der Stadt, der Ent-
       ziehung aller groben Arbeiten, der Zivilisation und ihren hundert
       Reinlichkeitsmitteln und  Toilettenkünsten die  ganze  Ausbildung
       ihrer Reize  verdankt; sie  weiß, daß  die Mädchen  auf dem Land,
       selbst wenn  sie nicht schon von ihren Eltern jene, dem Franzosen
       so schreckliche  Grobknochigkeit ererbt  haben, die der Stolz der
       germanischen Race  ist, doch durch die anstrengende Feldarbeit im
       glühendsten Sonnenschein  wie im  heftigsten Regen, durch die Er-
       schwerung der  Reinlichkeit, durch  die Abwesenheit  aller Mittel
       der körperlichen Ausbildung, durch das zwar sehr ehrwürdige, aber
       ebenso unbeholfene  und geschmacklose Kostüm meistens zu plumpen,
       wackelnden, in grellen Farben
       
       #480# Friedrich Engels
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       komisch aufgeputzten  Vogelscheuchen werden.  Die Geschmäcke sind
       verschieden; unsre  deutschen Landsleute halten es meist mehr mit
       der Bauerntochter,  und sie  mögen nicht unrecht haben: allen Re-
       spekt vor  dem Dragonertritt einer handfesten Viehmagd und beson-
       ders vor  ihren Fäusten;  alle Ehre dem grasgrün und feuerrot ge-
       würfelten Kleide,  das sich  um ihre  gewaltige Taille  schlingt;
       alle Achtung vor der Tadellosigkeit der Ebene, die von ihrem Nac-
       ken bis  zu ihren Fersen geht und ihr von hinten das Ansehn eines
       mit buntem  Kattun überzogenen  Brettes gibt! Aber die Geschmäcke
       sind verschieden,  und darum  möge der von mir differierende, ob-
       gleich darum  nicht minder  ehrenwerte Teil  meiner Mitbürger mir
       verzeihen, wenn  die reingewaschenen,  glattgekämmten, schlankge-
       wachsenen Burgunderinnen von Saint-Bris und Vermanton einen ange-
       nehmeren Eindruck  auf mich machten als jene naturwüchsig schmut-
       zigen, struppigen,  molossischen Büffelkälber  zwischen Seine und
       Loire, die einen wie vernagelt anstarren, wenn man eine Zigarette
       dreht, und  mit Geheul  davonlaufen, wenn  man sie in gutem Fran-
       zösisch nach dem rechten Wege fragt.
       Man wird  mir also gern glauben, daß ich mehr mit den Winzern und
       Winzermädchen Trauben  essend, Wein  trinkend, plaudernd  und la-
       chend im  Grase lag,  als den Berg hinaufmarschierte, und daß ich
       in derselben  Zeit  wie  diesen  unbedeutenden  Hügelrücken,  den
       Blocksberg oder  gar die  Jungfrau hätte  besteigen können. Um so
       mehr, als  man sich an Weintrauben alle Tage sechzigmal sattessen
       kann und also an jedem Weinberge den besten Vorwand hat, sich mit
       diesen ewig lachenden und gefälligen Leuten beiderlei Geschlechts
       in Verbindung  zu setzen.  Aber alles  hat ein  Ende, und so auch
       dieser Berg.  Es war  schon Nachmittag, als ich den andern Abhang
       herunterstieg in  das reizende Tal der Cure, eines kleinen Neben-
       flusses der Yonne, nach dem Städtchen Vermanton, das noch schöner
       liegt als Saint-Bris.
       Bald hinter Vermanton aber hört die schöne Gegend auf. Man nähert
       sich allmählich  dem höheren Rückendes Faucillon, der die Flußge-
       biete der  Seine, Rhone  und Loire voneinander scheidet. Von Ver-
       manton steigt man mehrere Stunden, geht über ein langes unfrucht-
       bares Plateau, auf dem schon der Roggen, Hafer und Buchweizen den
       Weizen mehr oder weniger vertreiben. 1*)
       
       Geschrieben Ende Oktober bis November 1848.
       Nach dem Manuskript.
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       1*) Hier bricht das Manuskript ab

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