Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Vereinbarungsdebatten
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 8 vom 8. Juni 1848]
** Köln, 6. Juni. In der B e r l i n e r V e r e i n b a-
r u n g s s i t z u n g vom 2. [25] stellte Herr R e u t e r
den Antrag, eine Kommission zur Untersuchung der Ursachen des
posenschen Bürgerkriegs [52] zu ernennen.
Herr P a r r i s i u s verlangt, daß dieser Antrag gleich zur
Debatte komme.
Der Präsident will darüber abstimmen lassen, als Herr C a m p-
h a u s e n erinnert, daß der Antrag des Herrn P a r r i-
s i u s noch gar nicht debattiert sei:
"Sowie ich meinerseits zu erinnern habe, daß mit Annahme jenes"
(des Reuterschen) "Antrags ein w i c h t i g e s p o l i t i-
s c h e s P r i n z i p angenommen wäre, welches doch den
Anspruch zu machen hat (sie!), vorher in den Abteilungen geprüft
zu werden."
Wir werden gespannt auf das in dem Reuterschen Antrage enthaltene
"wichtige Prinzip", das Herr Camphausen einstweilen noch für sich
behält.
Während wir uns in dieser Beziehung gedulden müssen, entspinnt
sich eine gemütliche Konversation zwischen dem Vorsitzenden
(Herrn E s s e r, Vizepräsident) und mehreren "Stimmen" dar-
über, ob über den Parrisiusschen Antrag eine Debatte zulässig sei
oder nicht. Herr Esser kämpft dabei mit Gründen wie folgenden,
die sich im Munde des Präsidenten einer soi-disant 1*) National-
versammlung merkwürdig ausnehmen: "I c h h a b e m i r g e-
d a c h t, daß über alles, was die Versammlung beschließt, eine
Diskussion zulässig ist!"
"Ich habe mir gedacht!" Der Mensch denkt, und Herr Camphausen
lenkt - indem er Reglements entwirft, aus denen niemand klug
wird, und diese von seiner Versammlung provisorisch annehmen
läßt.
Diesmal war Herr Camphausen gnädig. Er mußte die Diskussion ha-
ben. Ohne die Diskussion wäre der Parrisiussche Antrag, wäre der
Reutersche Antrag vielleicht durchgegangen, d.h. wäre ein indi-
rektes Mißtrauensvotum
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1*) sogenannten
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gegen ihn gegeben worden. Und noch schlimmer, was wäre ohne Dis-
kussion aus seinem "wichtigen politischen Prinzip" geworden?
Es wird also diskutiert.
Herr P a r r i s i u s wünscht, der Hauptantrag solle sofort
debattiert werden, damit keine Zeit verlorengehe und damit die
Kommission womöglich noch vor der Adreßdebatte Bericht erstatten
könne. Sonst urteile man in der Adresse ohne alle Sachkenntnis
über Posen.
Herr M e u s e b a c h tritt, jedoch noch ziemlich milde, dage-
gen auf.
Jetzt aber erhebt sich Herr R i t z, ungeduldig, dem wühleri-
schen Antrag Reuters ein Ende zu machen. Er ist königlich-preußi-
scher Regierungsrat und duldet nicht, daß sich Versammlungen, und
wären sie selbst Versammlungen zur Vereinbarung, in sein Fach mi-
schen. Er kennt nur eine Behörde, die das kann, und das ist das
Oberpräsidium. Ihm geht nichts über den Instanzenzug.
"Wie", ruft er aus, "wollen Sie, meine Herren, eine Kommission
nach Posen schicken? Wollen Sie sich zur V e r w a l t u n g s-
oder J u s t i z b e h ö r d e m a c h e n? Meine Herren, ich
sehe aus dem Antrage nicht ein, was Sie machen wollen. Wollen Sie
Akten verlangen von dem kommandierenden General" (welcher Fre-
vel!) "oder von der Justizbehörde" (entsetzlich), "gar von der
Verwaltungsbehörde?" (Bei dem Gedanken steht dem Regierungsrat
der Verstand still.) "Wollen Sie die Untersuchung führen lassen
durch eine Kommission, welche improvisiert wird" (und vielleicht
kein einziges Examen gemacht hat) "über alles dies, w o r ü-
b e r n o c h n i e m a n d k l a r e B e g r i f f e
h a t?" (Herr Ritz ernennt wahrscheinlich bloß Kommissionen zur
Untersuchung dessen, worüber jedermann klare Begriffe hat.) "Eine
so wichtige Angelegenheit, w o S i e s i c h R e c h t e
a r r o g i e r e n, d i e I h n e n n i c h t g e b ü h-
r e n..." (Unterbrechung.)
Was soll man sagen zu diesem Regierungsrat von echtem Schrot und
Korn, zu diesem Sohn des grünen Tisches, an dem kein Falsch ist!
Er ist wie jener Provinziale auf dem Bildchen von Cham, der nach
der Februarrevolution nach Paris kommt, die Maueranschläge mit
der Überschrift "Republique française" 1*) siebt und zum General-
prokurator geht, um die Aufwiegler gegen die Regierung des Königs
zu denunzieren. Der Mann hatte die Zeit über geschlafen.
Herr Ritz hat auch geschlafen. Das Donnerwort "Untersuchungs-
kommission für Posen" rüttelt ihn unsanft empor, und noch schlaf-
trunken, ruft der erstaunte Mann aus: Wollen Sie sich Rechte
arrogieren, die Ihnen nicht gebühren?
Herr D u n c k e r findet eine Untersuchungskommission über-
flüssig, "da die Adreßkommission vom Ministerium die nötigen Auf-
klärungen fordern muß".
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1*) "Französische Republik"
#50# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Als ob die Kommission nicht gerade dazu da sei, die "Auf-
klärungen" des Ministeriums mit dem Tatbestande zu vergleichen.
Herr B l o e m sprach über die Dringlichkeit des Antrags. Die
Sache müsse abgemacht sein, ehe die Adresse beraten werde. Man
spreche von improvisierten Kommissionen. Herr Hansemann habe ge-
stern ebenfalls eine Kabinettsfrage improvisiert, und man habe
doch abgestimmt.
Herr H a n s e m a n n, der wahrscheinlich während dieser gan-
zen unerquicklichen Debatte über seinen neuen Finanzplan nachge-
dacht, wurde durch Nennung seines Namens unsanft aus seinen klin-
genden Träumen geweckt. Er wußte offenbar gar nicht, wovon die
Rede war. Aber er war genannt und er mußte sprechen. Ihm blieben
nur zwei Anknüpfungspunkte im Gedächtnis: die Rede seines Vorge-
setzten Camphausen und die des Herrn R i t z. Aus beiden kompo-
nierte er, nach einigen leeren Worten über die Adreßfrage, fol-
gendes Meisterstück der Beredsamkeit:
"Gerade daß man noch nicht weiß, was die Kommission alles zu tun
haben wird, ob sie Mitglieder aus ihrer Mitte nach dem Großher-
zogtum zu schicken, ob sie dies oder jenes zu besorgen haben wird
- d i e s b e w e i s t d i e g r o ß e W i c h t i g-
k e i t d e r v o r l i e g e n d e n F r a g e (!). Diese
nun hier sogleich entscheiden, heißt: i m p r o v i s i e r t
e i n e d e r w i c h t i g s t e n p o l i t i s c h e n
F r a g e n z u r E n t s c h e i d u n g b r i n g e n. Ich
glaube nicht, daß die Versammlung diesen Weg wandeln werde, ich
habe das Vertrauen zu ihr, daß sie vorsichtig etc."
Wie sehr muß Herr Hansemann die ganze Versammlung verachten, um
ihr solche Schlußfolgerungen hinzuwerfen! Wir wollen eine Kommis-
sion ernennen, die vielleicht nach Posen gehen muß, vielleicht
auch nicht. Gerade weil wir nicht wissen, ob sie in Berlin blei-
ben oder nach Posen gehen muß, deswegen ist diese Frage, ob über-
haupt eine Kommission ernannt werden soll, von g r o ß e r
W i c h t i g k e i t. Weil sie von großer Wichtigkeit ist, des-
wegen ist sie eine der w i c h t i g s t e n p o l i t i-
s c h e n Fragen!
Welche Frage aber diese wichtigste politische Frage ist, das be-
hält Herr Hansemann vorderhand noch für sich, ebenso wie Herr
Camphausen sein wichtiges politisches Prinzip. Gedulden wir uns
abermals!
Der Effekt der Hansemannschen Logik ist so niederschmetternd, daß
alles sogleich nach dem Schluß schreit. Jetzt entspinnt sich fol-
gende Szene:
Herr J u n g verlangt das Wort gegen den Schluß.
D e r P r ä s i d e n t: Es scheint mir unzulässig, hierzu das
Wort zu erteilen.
Herr J u n g: Es ist überall Gebrauch, gegen den Schluß spre-
chen zu dürfen.
Herr T e m m e liest § 42 der provisorischen Geschäftsordnung
vor, wonach Herr Jung recht und der Präsident unrecht hat.
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Herr J u n g erhält das Wort: Ich bin gegen den Schluß, weil
der Minister das letzte Wort gehabt hat. Das Wort des Ministers
ist von der größten Wichtigkeit, weil es eine große Partei auf
die eine Seite hinzieht, weil eine große Partei nicht gern einen
Minister desavouiert...
Ein langgezogenes, allgemeines Oho! Oho! Ein furchtbarer Lärm er-
hebt sich von der Rechten.
Herr Justizkommissar M o r i t z vom Platz: Ich trage darauf
an, daß Jung zur Ordnung verwiesen werde, er hat sich in
P e r s ö n l i c h k e i t e n g e g e n d i e g a n z e
V e r s a m m l u n g vergangen! (!)
Eine andere Stimme von der "Rechten" schreit: Ich trage gleich-
falls darauf an und protestiere dagegen...
Der Lärm wird immer größer. J u n g versucht sein möglichstes,
aber es ist unmöglich durchzudringen. Er fordert den Präsidenten
auf, ihm das Wort zu erhalten.
P r ä s i d e n t: D a d i e V e r s a m m l u n g g e-
r i c h t e t h a t , s o i s t m e i n e F u n k t i o n
e r l e d i g t. (!!)
Herr J u n g: Die Versammlung hat nicht gerichtet; Sie müssen
erst förmlich abstimmen lassen.
Herr J u n g muß abtreten. Der Lärm läßt nicht nach, bis er die
Tribüne verläßt.
P r ä s i d e n t: Der letzte Redner s c h e i n t (!) gegen
den Schluß gesprochen zu haben. Es fragt sich, ob noch jemand für
den Schluß sprechen will.
Herr R e u t e r: Die Debatte über Schluß oder Nichtschluß ko-
stet uns nun schon 15 Minuten; wollen wir sie nicht liegenlassen?
Hierauf geht nun der Redner nochmals auf die Dringlichkeit der zu
ernennenden Kommission ein. Dies zwingt Herrn Hansemann, nochmals
vorzutreten und endlich über seine "wichtigste politische Frage"
Aufschluß zu geben.
Herr H a n s e m a n n: Meine Herren! Es handelt sich um eine
der g r ö ß t e n p o l i t i s c h e n F r a g e n, nämlich
darum, ob die Versammlung Lust habe, sich auf einen Weg einzulas-
sen, der sie i n w e s e n t l i c h e K o n f l i k t e
b r i n g e n k a n n!
Endlich! Herr Hansemann erklärte als konsequenter Duchâtel die
Frage richtig wieder für eine K a b i n e t t s f r a g e. Alle
Fragen haben für ihn nur die eine Bedeutung, daß sie Kabinetts-
fragen sind, und die Kabinettsfrage ist für ihn natürlich die
"allergrößte politische Frage"!
Herr C a m p h a u s e n scheint diesmal nicht zufrieden zu
sein mit dieser einfachen und abkürzenden Methode. Er ergreift
das Wort.
"Es ist zu bemerken, daß die Versammlung" (über Posen) "schon
aufgeklärt sein könnte, wenn es dem Abgeordneten beliebt hätte,
eine I n t e r p e l l a t i o n zu stellen" (man
#52# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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wünschte sich aber selbst zu überzeugen). "Dies wäre die
r a s c h e s t e Art und Weise, sich Aufklärung" (aber was für
welche?) "zu verschaffen... Ich schließe mit der Erklärung, daß
der ganze Antrag nichts weiter ist, als daß die Versammlung die
Frage entscheiden soll, o b w i r z u d i e s e n o d e r
ä n d e r n Z w e c k e n K o m m i s s i o n e n z u r
U n t e r s u c h u n g b i l d e n s o l l e n; daß diese
Frage r e i f l i c h ü b e r l e g t u n d g e p r ü f t
werde, damit bin ich gänzlich einverstanden, nicht aber damit,
daß sie so plötzlich hier zur Diskussion gebracht werde."
Das also ist das "wichtige politische Prinzip", die Frage, ob die
Vereinbarungsversammlung das Recht habe, Untersuchungskommissio-
nen zu bilden, oder ob sie sich dies Recht selbst verweigern
will!
Die französischen und englischen Kammern haben von jeher solche
Kommissionen (select committees) zur Untersuchung (enquête, par-
liamentary inquiry) gebildet, und anständige Minister haben nie
etwas dagegen gehabt. Ohne solche Kommissionen ist die ministeri-
elle Verantwortlichkeit eine leere Phrase. Und Herr Camphausen
macht den Vereinbarern dies Recht streitig!
Genug. Reden ist leicht, aber Abstimmen ist schwer. Man kommt zum
Schluß, man will abstimmen, zahllose Schwierigkeiten, Zweifel,
Spitzfindigkeiten und Gewissensskrupel erheben sich. Aber ver-
schonen wir unsre Leser damit. Nach vielem Hin- und Herreden wird
der Parrisiussche Antrag verworfen und der Reutersche geht an die
Abteilungen. Sanft ruhe seine Asche!
Geschrieben von Friedrich Engels.
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