Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Anmerkungen
1 Die "Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland"
schrieben Marx und Engels in der Zeit vom 21. bis 29. März 1848
in Paris. Sie bildeten das politische Programm des Bundes der
Kommunisten in der beginnenden deutschen Revolution. Die
"Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland" wurden
Ende März 1848 als Flugblatt gedruckt und Anfang April in den de-
mokratischen Zeitungen "Berliner Zeitungs-Halle", "Mannheimer
Abendzeitung", "Trier'sche Zeitung" und "Deutsche Allgemeine Zei-
tung" veröffentlicht; außerdem wurden sie den in die Heimat zu-
rückkehrenden Mitgliedern des Bundes der Kommunisten als Direk-
tive ausgehändigt. Im Verlaufe der Revolution waren Marx und En-
gels sowie deren Anhänger bestrebt, die Volksmassen mit diesem
programmatischen Dokument bekannt zu machen. Vor dem 10. Septem-
ber wurden die "Forderungen" in Köln als Flugblatt gedruckt und
durch Mitglieder des Kölner Arbeitervereins in einer Reihe von
Orten der Rheinprovinz verbreitet. Mit Ausnahme unwesentlicher
stilistischer Varianten unterscheidet sich der Text dieses Flug-
blattes, der unserem Abdruck zugrunde liegt, von dem im April
1848 veröffentlichten Text nur in der Formulierung des 10. Punk-
tes, wo die Worte "an die Regierung zu fesseln" durch "an die Re-
volution zu knüpfen" ersetzt wurden.
Auf dem zweiten demokratischen Kongreß in Berlin im Oktober 1848
machte der Delegierte des Kölner Arbeitervereins, Beust, im Namen
der Kommission für die Lösung sozialer Fragen den Vorschlag, ein
Programm von Maßnahmen anzunehmen, das fast völlig den
"Forderungen" entlehnt war. Im November und Dezember wurden in
den Sitzungen des Kölner Arbeitervereins die einzelnen Punkte
(insbesondere 1 und 4) der "Forderungen" erörtert.
Ende 1848 wurden die "Forderungen" auch in einer Sammlung politi-
scher Flugschriften von Weller in Leipzig in gekürzter Form her-
ausgegeben. Weggelassen war die Losung am Anfang des Dokuments,
der zweite Absatz von Punkt 9, der letzte Satz von Punkt 10 und
in der Unterschrift die Worte "Das Komitee". 3
2 Der Brief von Marx und Engels an Etienne Cabet und die Erklä-
rung gegen die Deutsche demokratische Gesellschaft werden nach
der Photokopie de» Manuskripts veröffentlicht, die dem Institut
für Marxismus-Leninismus in Moskau vom Historischen Museum in
Montreuil (Frankreich, Departement Seine) zur Verfügung gestellt
wurde.
Aus der Tatsache, daß die Erklärung und der Brief von Engels'
Hand stammen, kann man schließen, daß beide Dokumente Ende März
1848 nach der Ankunft von Engels in Paris verfaßt wurden. In die-
ser Zeit führten Marx und Engels sowie andere Mitglieder der Zen-
tralbehörde des Bundes der Kommunisten einen Kampf gegen die
Deutsche
#506# Anhang und Register
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demokratische Gesellschaft, deren Führer Herwegh und Bornstedt
beabsichtigten, mit Hilfe einer in Frankreich organisierten be-
waffneten Legion in Deutschland eine republikanische Ordnung auf-
zurichten. Im Zusammenhang mit diesem abenteuerlichen Plan wurde
der ehemalige Redakteur der "Deutschen-Brüsseler-Zeitung", Born-
stedt, am 16. März aus dem Bund der Kommunisten ausgeschlossen.
Auf Initiative der Führer des Bundes der Kommunisten wurde Anfang
März 1848 in Paris der Klub deutscher Arbeiter gegründet, dessen
Statut von Marx ausgearbeitet wurde. Marx und Engels strebten da-
nach, mit Hilfe dieses Klubs die deutschen Arbeiteremigranten in
Paris zusammenzufassen, ihnen die Taktik des Proletariats in der
bürgerlich-demokratischen Revolution zu erläutern und entgegen
den abenteuerlichen Plänen Herweghs und Bornstedts die Einzel-
rückkehr der deutschen Arbeiter in die Heimat zu organisieren. 6
3 "Le Populaire de 1841" - Propagandaorgan des friedlichen utopi-
schen ikarischen Kommunismus; es erschien von 1841 bis 1852 in
Paris und wurde bis 1849 von Etienne Cabet redigiert; diesen Ti-
tel erhielt die Zeitung zum Unterschied von dem radikalen Wochen-
blatt "Populaire", das Cabet von 1833 bis 1835 herausgegeben
hatte. 6 286
Der Brief von Marx wurde in "L'Alba" am 29. Juni 1848 mit nach-
stehender einleitenden Bemerkung der Redaktion abgedruckt: "Wir
veröffentlichen folgenden Brief, den wir aus Köln erhalten haben,
um zu zeigen, welche Gefühle die edlen Deutschen gegenüber Ita-
lien hegen und wie heiß sie wünschen, brüderliche Bande zwischen
dem italienischen und dem deutschen Volk zu knüpfen, die beide
von den europäischen Despoten aufeinandergehetzt wurden."
Ein Teil des Antwortbriefes der Redaktion "L'Alba", unterschrie-
ben von L. Alinari, erscheint in dem Artikel "Auswärtige deutsche
Politik" (siehe vorl. Band, S. 156).
"L' Alba" - italienische demokratische Zeitung, die von 1847 bis
1849 in Florenz unter der Redaktion von Lafarina erschien. 8
5 "Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie" - Tageszeitung,
die unter der Redaktion von Karl Marx vom 1. Juni 1848 bis 19.
Mai 1849 in Köln herausgegeben wurde.
Sofort nach ihrer Rückkehr aus der Emigration bereiteten Marx und
Engels die Ausgabe einer großen revolutionären Tageszeitung vor.
Als Aufenthaltsort wählten sie Köln, die Hauptstadt der Rheinpro-
vinz, eines der ökonomisch und politisch entwickeltsten Gebiete
Deutschlands mit einem starken Proletariat. Im Rechtswesen galt
hier der bürgerliche Code Napoléon, der eine größere Pressefrei-
heit garantierte als das feudalabsolutistische preußische Land-
recht. ,
Mit dem Titel "Neue Rheinische Zeitung" knüpften Marx und Engels
an die revolutionären Traditionen der von Marx 1842 bis 1843 re-
digierten "Rheinischen Zeitung" an. Das neue Organ, das die
Volksmassen ganz Deutschlands in der Revolution führen sollte,
wurde gegen den Widerstand einiger Demokraten und Kommunisten
(Bürgers, Heß und anderen) geschaffen, die unter dem gleichen Na-
men eine lokale Kölner Zeitung herausgeben wollten.
Im April und Mai 1848 vertrieben Marx und Engels Zeitungsaktien,
wählten Korrespondenten aus und stellten Beziehungen zu demokra-
tischen Zeitungen anderer Länder her. Gleichzeitig mit dem Ver-
trieb der Zeitungsaktien versuchten Marx' und Engels' Anhänger in
verschiedenen Städten Deutschlands Gemeinden des Bundes der Kom-
munisten zu bilden. Aber wie aus Briefen von Mitgliedern des Bun-
des (W. Wolff, Dronke, Schapper, Born und anderen) ersichtlich
ist, schlugen diese Versuche fehl, weil die deutschen Arbeiter
noch unorganisiert und politisch wenig gebildet waren. Marx, En-
gels und ihre Anhänger
#507# Anmerkungen
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trugen dem Rechnung und traten als linker, wirklich proletari-
scher Flügel der Demokratie auf. Diese Situation bestimmte auch
die Richtung der "Neuen Rheinischen Zeitung", die mit dem Unter-
titel "Organ der Demokratie" erschien. Die Zeitung spielte die
Rolle einen Erziehers der Volksmassen und rief zum Kampf gegen
die Konterrevolution auf.
In dem Bestreben, die Leser über alle wichtigen Ereignisse der
deutschen und europäischen Revolution aufzuklären, gab die Redak-
tion oft eine zweite Tagesausgabe heraus. Wenn vier Druckseiten
nicht ausreichten, fügte man Beilagen hinzu und bei neuen wich-
tigen Nachrichten Extrabeilagen und Extrablätter in Form von
Flugblättern. Die Leitartikel wurden in der Regel von Marx und
Engels verfaßt. Sie waren gekennzeichnet: "* Köln" oder "**
Köln". Da Marx in den ersten Monaten in starkem Maße mit der Ge-
samtleitung und mit organisatorischen Dingen beschäftigt war,
schrieb in dieser Zeit Engels die meisten Leitartikel. Einige re-
daktionelle Artikel von Marx und Engels - mit einem Sternchen ge-
kennzeichnet - wurden auch unter den Mitteilungen aus den
verschiedenen Ländern abgedruckt.
Jeder Redakteur beschäftigte sich mit einem begrenzten Bereich.
Engels schrieb kritische Artikel über die Debatten der Berliner
und Frankfurter Nationalversammlung sowie der zweiten Kammer in
Preußen, Artikel über die nationale Freiheitsbewegung in Böhmen,
Posen und Italien, über den Krieg mit Dänemark um Schleswig-
Holstein, die revolutionären Kämpfe in Ungarn und vom November
1848 bis Januar 1849 eine Artikelreihe über die Schweiz. Wilhelm
Wolff verfaßte Artikel über die Agrarfrage in der deutschen Revo-
lution, insbesondere über die Lage der Bauern und die Bauernbewe-
gung in Schlesien, und führte einen Abschnitt der Rubrik "Aus dem
Reich", in der Nachrichten aus den deutschen Kleinstaaten zusam-
mengestellt wurden. Ernst Dronke arbeitete eine Zeitlang als Kor-
respondent der "Neuen Rheinischen Zeitung" in Frankfurt am Main;
er schrieb einige Artikel über Polen und in der Zeit von März bis
Mai 1849 Beiträge über Italien. Ferdinand Wolff war längere Zeit
einer der Korrespondenten in Paris. Die Mitarbeit von Heinrich
Bürgers an der Zeitung beschränkte sich lediglich auf einen Arti-
kel, der zudem von Marx völlig überarbeitet worden ist (siehe
vorl. Band, S. 22 - 24 und Anm. 20). Georg Weerth war der Verfas-
ser des Feuilletons. Ferdinand Freiligrath trat im Oktober 1848
in die Redaktion ein und veröffentlichte seine revolutionären Ge-
dichte.
Als die erste Nummer der "Neuen Rheinischen Zeitung" mit Engels'
Artikel "Die Frankfurter Versammlung" (siehe vorl. Band, S. 14-
17) erschien, stellte eine große Zahl der bürgerlichen Aktionäre
die Unterstützung der Zeitung ein. Die offene Parteinahme der
"Neuen Rheinischen Zeitung" für die Sache des Proletariats wäh-
rend des Pariser Juniaufstandes veranlaßte die meisten der ver-
bliebenen Aktionäre, sich ebenfalls zurückzuziehen.
Die entschlossene und unversöhnliche Haltung der "Neuen Rheini-
schen Zeitung", ihr kämpferischer Internationalismus, ihre poli-
tischen Enthüllungen all das rief bereits in den ersten Monaten
ihres Erscheinens eine Hetze von seilen der feudal-monarchi-
stischen und bürgerlich-liberalen Presse und Verfolgungen durch
die preußische Regierung hervor. Die Behörden weigerten sich,
Marx die preußische Staatsbürgerschaft zu gewähren, und leiteten
gegen die Redakteure der Zeitung, in erster Linie gegen Marx und
Engels, eine Reihe gerichtlicher Verfahren ein. Aus Anlaß der
Septemberereignisse in Köln verhängten die Militärbehörden am
26.September 1848 den Belagerungszustand über die Stadt und ver-
boten das Erscheinen der demokratischen Zeitungen, darunter der
"Neuen Rheinischen Zeitung". Engels, Dronke und Ferdinand Wolff
verließen zeitweilig Köln, um einer drohenden Verhaftung zu ent-
gehen. Wilhelm Wolff mußte sich vorübergehend in die Pfalz bege-
ben und später einige Monate in Köln vor der Polizei verbergen.
#508# Anhang und Register
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Nach der Aufhebung des Belagerungszustandes konnte die "Neue
Rheinische Zeitung" ab 12. Oktober wieder erscheinen. Um dies zu
ermöglichen, mußte Marx große organisatorische und finanzielle
Schwierigkeiten überwinden und seine persönlichen Geldmittel in
die Zeitung investieren. Infolge Engels' erzwungener Abreise trug
Marx bis Januar 1849 die Hauptlast der Redaktionsarbeit. Nach dem
konterrevolutionären Umsturz in Preußen verstärkten sich beson-
ders die gerichtlichen und polizeilichen Verfolgungen von Redak-
teuren der "Neuen Rheinischen Zeitung". Die von der Regierung im
Februar 1849 eingeleiteten Gerichtsprozesse gegen Marx, Engels,
Korff und den Rheinischen Kreisausschuß der Demokraten endeten
mit einem Freispruch der Beschuldigten durch die Ge-
schworenengerichte.
Ungeachtet aller Verfolgungen und polizeilichen Maßregelungen
verteidigte die "Neue Rheinische Zeitung" mutig die Interessen
der revolutionären Demokratie und damit die Interessen des Prole-
tariats. Im Mai 1849, als die Konterrevolution allgemein zum An-
griff überging, erließ die preußische Regierung, die Marx bereits
die Staatsbürgerschaft verweigert hatte, den Befehl, ihn aus
Preußen auszuweisen. Seine Ausweisung und die Repressalien gegen
die anderen Redakteure der "Neuen Rheinischen Zeitung" zwangen
die Redaktion, das Erscheinen des Blattes einzustellen. Die
letzte Nummer der "Neuen Rheinischen Zeitung" (Nr. 301 vom 19.
Mai 1849) erschien in rotem Druck. In ihrem Abschiedsaufruf an
die Arbeiter Kölns erklärten die Redakteure, "ihr letztes Wort
wird überall und immer sein: E m a n z i p a t i o n d e r
a r b e i t e n d e n K l a s s e!" Die "Neue Rheinische Zei-
tung" war "das beste, unübertroffene Organ des revolutionären
Proletariats" (Lenin). 13
6 Septembergesetze - reaktionäre Gesetze, die im September 1835
von der französischen Regierung unter Berufung auf das am 28.
Juli auf den König Louis-Philippe verübte Attentat erlassen wur-
den. Sie beschränkten die Tätigkeit der Geschworenengerichte und
führten strenge Maßnahmen gegen die Presse ein, so die Erhöhung
der Kautionen für periodisch erscheinende Druckerzeugnisse sowie
Gefängnishaft und hohe Geldstrafen für Verfasser von Publikatio-
nen, die gegen das Eigentum und die bestehende Staatsordnung ge-
richtet waren. 13 157 160 240
7 In die Frankfurter Nationalversammlung waren nach unterschied-
lichen Bestimmungen in den verschiedenen deutschen Ländern 589
Abgeordnete gewählt worden; am 18. Mai 1848 versammelten sich 384
Abgeordnete zur feierlichen Eröffnung in der Paulskirche. Unter
den Abgeordneten befanden sich 122 Verwaltungsbeamte, 95 Justiz-
beamte, 103 Gelehrte, 81 Advokaten, 21 Geistliche, 17 Industri-
elle und Kaufleute, 15 Ärzte, 12 Offiziere, 40 Grundbesitzer, je-
doch keine Arbeiter und Kleinbauern.
Lenin sprach von den "bürgerlichen Schwätzern im Frankfurter Par-
lament", da sich die liberale Bourgeoisie, die in der Versammlung
die Mehrheit besaß, auf endlose Reden beschränkte und durch ihre
Unentschlossenheit und Feigheit den feudalreaktionären Kräften
Vorschub leistete.
In ihren Artikeln über die Verhandlungen der Frankfurter Natio-
nalversammlung benutzten Marx und Engels die stenographischen Be-
richte, die später als Einzelausgabe erschienen: "Stenographi-
scher Bericht über die Verhandlungen der deutschen constitu-
irenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main", herausgegeben
auf Beschluß der Nationalversammlung durch die Redactions-
Commission und in deren Auftrag von Franz Wigard, Bd. 1-9,
Frankfurt a.M. und Leipzig 1848-1849. 14 98 225 276 319 389 408
8 In der Sitzung der Frankfurter Nationalversammlung vom 19. Mai
stellte Raveaux den Antrag, daß die preußischen Abgeordneten, die
gleichzeitig in die Berliner und Frankfurter
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Versammlung gewählt waren, das Recht haben sollten, beide Mandate
anzunehmen. Das in diesem Artikel (S. 17) erwähnte Reskript des
preußischen Innenministers Auerswald vom 22. Mai 1848 gab eine
Erklärung im gleichen Sinne. 15
9 Pfahlbürger - im Mittelalter außerhalb der Grenzpfähle des
Stadtgebiets Wohnende, denen von der Stadt (meist zur Erhöhung
ihrer Wehrkraft) das Bürgerrecht verliehen war. Im übertragenen
Sinne für vom Lande kommende, nicht auf der geistigen Höhe der
fortgeschrittenen Teile der Bourgeoisie stehende Vertreter des
Bürgertums angewandt. 15 320
10 beschränkter Untertanenverstand - ein bekannter Ausspruch des
preußischen Innenministers von Rochow. 16 29
11 Vorparlament und Fünfzigerausschuß - im Vorparlament, das vom
31. März bis 4. April 1848 in Frankfurt am Main zusammentrat,
vereinigten sich Vertreter der deutschen Staaten, die im Gegen-
satz zum Bundestag entweder Mitglieder der bestehenden Ständever-
sammlungen waren oder von einer Vereinigung bzw. Volksversammlung
delegiert wurden. Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer des
Vorparlaments gehörte der konstitutionell-monarchistischen Rich-
tung an. Das Vorparlament faßte den Beschluß über die Einberufung
einer gesamtdeutschen Nationalversammlung und arbeitete einen
Entwurf über die "Grundrechte und Forderungen des deutschen Vol-
kes" aus. Dieses Dokument verkündete zwar einige bürgerliche
Freiheiten, griff jedoch die Grundlagen der halbfeudalen, absolu-
tistischen Staatsordnung des damaligen Deutschland nicht an.
Nach den Erfolgen der Märztage kam es darauf an, das Vorparlament
als souverän zu proklamieren und die Macht des reaktionären Bun-
destages zu brechen. Statt dessen lehnte das Vorparlament ab,
sich für permanent zu erklären, und wählte im April 1848 aus sei-
ner Mitte einen Fünfzigerausschuß, der sich mit dem Bundestag zu
vereinbaren suchte. Der Fünfzigerausschuß war bis zum Zusammen-
tritt der Nationalversammlung tätig und bestand in seiner Mehr-
heit aus bürgerlichen Liberalen (siehe "Verhandlungen des Deut-
schen Parlaments", Frankfurt an. Main 1848). 16 224 295 383
12 Die siebzehn "Vertrauensmänner der Bundesversammlung" vertra-
ten die deutschen Regierungen und wurden durch das Zentralorgan
des Deutschen Bundes, die Bundesversammlung, einberufen. Sie tag-
ten vom 30. März bis 8. Mai 1848 in Frankfurt am Main und arbei-
teten einen im konstitutionell-monarchistischen Geiste gehaltenen
Entwurf der deutschen Reichsverfassung aus (siehe F.F. Weichsel,
"Deutschlands Einheit und der Entwurf des Deutschen Reichs-
grundgesetzes", Magdeburg 1848). 16
13 Am 22. Mai 1815 erschien die "Verordnung über die zu bildende
Repräsentation des Volkes", in der vom preußischen König die
Schaffung von provisorischen Ständeversammlungen, die Einberufung
eine:; gesamtpreußischen Vertretungsorgans und die Einführung ei-
ner Verfassung versprochen wurde. Es kam jedoch nur durch Gesetz
vom 5. Juni 1823 zur Bildung von Ständeversammlungen in den Pro-
vinzen (Provinziallandtage) mit begrenzten beratenden Funktionen
(siehe auch Anm. 33). 18
14 entente cordiale (herzliches Einvernehmen) - ein Ausdruck, der
namentlich zur Bezeichnung der guten Beziehungen zwischen
Frankreich und England in den Jahren des Julikönigtums (1830-
1848) diente. Die Grundlage dieses "herzlichen Einvernehmens" war
die von der unter Louis-Philippe herrschenden Finanzbourgeoisie
betriebene Politik ständigen Nachgebens gegenüber England. Diese
Politik stieß in der französischen Industrie- und Handelsbour-
geoisie zunächst auf heftigen Widerspruch, wurde jedoch von ihr
selbst nach der Revolution von 1848 zur Festigung ihrer Herr-
schaft im Innern fortgeführt. 20 436
#510# Anhang und Register
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15 Sanfedisten (von santa fede - heiliger Glaube) nannten sich
die Mitglieder der Anfang des 19. Jahrhunderts von der päpstli-
chen Macht gebildeten terroristischen Gruppen, die sich überwie-
gend aus dem Lumpenproletariat rekrutierten und im Kampf gegen
die nationale Befreiungsbewegung in Italien eingesetzt wurden. 20
16 10. August 1792 - Tag des Sturzes der Monarchie in Frankreich
durch den Volksaufstand. 29. Juli 1830 - der Sieg des Volkes von
Paris über die königlichen Truppen stürzte die Bourbonendynastie
in Frankreich. 1820 flammte die Revolution in Neapel auf, die von
den Carbonari (siehe Anm. 295) geführt wurde. Durch die Einmi-
schung der Mächte der Heiligen Allianz wurde die Revolution nie-
dergeschlagen (siehe auch Anm. 153). 21 132
17 Militärkapitulationen - Dienstverpflichtungsverträge, die von
Schweizer Kantonen von Mitte des 15. bis Mitte des 19. Jahrhun-
derts mit europäischen Staaten über die Bereitstellung von Söld-
nern abgeschlossen wurden. In einer Reihe bürgerlicher Revolutio-
nen des 18. und 19. Jahrhunderts waren die Schweizer Söldner das
Werkzeug der monarchistischen Konterrevolution. 21
18 Die erwähnte Skulptur des dänischen Bildhauers Thorwaldsen
stellt einen sterbenden Löwen dar, der in Luzern zum Gedächtnis
an die Schweizer Söldner aufgestellt wurde, die am 10. August
1792 bei der Verteidigung des königlichen Palais in Paris gegen
das anstürmende Volk den Tod fanden. 21
19 24. Februar 1848-Tag des Sturzes der Monarchie Louis-Philippes
in Frankreich. 21 132
20 Dieser Artikel wurde ursprünglich von Heinrich Bürgers ge-
schrieben, aber Marx redigierte ihn; wie er später selbst
schrieb, strich er dabei die eine Hälfte und arbeitete die andere
um. 22
21 Die Leute sind gefährlich - aus Shakespeare, "Julius Cäsar",
I. Aufzug, zweite Szene. 24
22 Aus Laurence Sternes Roman "The Life and Opinions of Tristram
Shandy, Gentleman" [Das Leben und die Ansichten Tristram Shan-
dys], Bd. 1, Kapitel 11. 25
23 Die preußische Nationalversammlung wurde am 22. Mai 1848 ein-
berufen, um "in Vereinbarung mit der Krone" die Verfassung auszu-
arbeiten. Das Wahlgesetz vom 8. April 1848 setzte die Wahlordnung
für die Versammlung auf der Grundlage des allgemeinen Wahlrechts
fest, das jedoch durch das indirekte (Zweistufen-)Wahlsystem ein-
geschränkt wurde. Die Mehrheit der Abgeordneten bestand aus Ver-
tretern der Bourgeoisie und des preußischen Beamtentums. 25
24 der denkende Geschichtsfreund - ironische Bezeichnung von Marx
und Engels für Camphausen in Anspielung auf den Untertitel des
damals bekannten Werkes "Allgemeine Geschichte vom Anfang der hi-
storischen Kenntniß bis auf unsere Zeiten. Für denkende Ge-
schichtsfreunde bearbeitet von Karl von Rotteck", Freiburg im
Breisgau 1834. 25 71
25 In ihren Artikeln über die Verhandlungen der preußischen Na-
tionalversammlung (Vereinbarungsversammlung) benutzten Marx und
Engels die "Stenographischen Berichte über die Verhandlungen der
zur Vereinbarung der preußischen Staats-Verfassung berufenen Ver-
sammlung", Beilage zum "Preußischen Staats-Anzeiger", Bd. 1-3,
Berlin 1848, die später als Einzelausgabe unter dem Titel
"Verhandlungen der constituirenden Versammlung für Preußen 1848",
Bd. 1-8, Berlin 1848, erschienen. 25 30 36 44 48 53 57 64 79 83
85 159 169 178 185 191 206 213 216 222 271 289309 390
26 "Allgemeine Preußische Staats-Zeitung" - 1819 in Berlin ge-
gründet, von 1819 bis April 1848 das halbamtliche Organ der preu-
ßischen Regierung; von Mai 1848 bis Juli 1851
#511# Anmerkungen
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erschien sie unter dem Titel "Preußischer Staats-Anzeiger" als
offizielles Organ der preußischen Regierung. 25 206 452
27 Abgewandeltes Zitat aus Goethes "Faust", Erster Teil, "Nacht";
dort heißt es: "Die Kunst ist lang, und kurz ist unser Leben." 26
28 Abgewandeltes Zitat aus Shakespeare, "König Richard der
Dritte", V. Aufzug, vierte Szene; dort heißt es: "Ein Pferd, ein
Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!" 27
29 Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput XVII. 27
30 Das "Wahlgesetz für die zur Vereinbarung der Preußischen
Staats-Verfassung zu berufende Versammlung" wurde auf Vorschlag
des Ministeriums Camphausen am 8. April 1848 vom zweiten Verei-
nigten Landtag (siehe Anm. 35) angenommen und beruhte auf dem in-
direkten Zweistufenwahlsystem. 27 269 399
31 kapitolrettendes Geschnatter - um das Jahr 390 v.u.Z. nahmen
die Gallier die Stadt Rom ein mit Ausnahme des Kapitols, dessen
Verteidiger nach der Überlieferung bei einem nächtlichen Überra-
schungsangriff der Feinde durch das Geschnatter der Gänse aus dem
Tempel der Juno rechtzeitig geweckt wurden. 28
32 Nach der griechischen Sage entschlüpften die Kinder der spar-
tanischen Herrscherin Leda und des Zeus einem Ei. Kastor, der
Sohn Ledas, war eine Heldengestalt des alten Griechenland. Die-
selbe Bezeichnung hat ein Stern im Sternbild der Zwillinge. 28
33 Die Landstände der Provinzen (Provinziallandtage) wurden in
Preußen im Jahre 1823 gebildet. Sie bestanden aus den Häuptern
der Fürstenfamilien sowie aus Vertretern des Adels, der Städte
und der Landgemeinden. Da die Teilnahme an den Landtagswahlen vom
Besitz an Grundeigentum abhing, war der größere Teil der Bevölke-
rung von diesen Wahlen ausgeschlossen und dem Adel die Mehrheit
in den Landtagen gesichert. Die Landtage wurden vom König einbe-
rufen; ihre Kompetenzen beschränkten sich auf Fragen der örtli-
chen Wirtschaft und der Provinzialverwaltung. Auf politischem Ge-
biet hatten sie nur geringe beratende Funktionen. Die Vorsitzen-
den der Provinziallandtage trugen den Titel Marschall des Landta-
ges. 29
34 Der erste Vereinigte Landtag trat auf Grund eines Königlichen
Patents am 11. April 1847 zusammen und tagte bis zum 26. Juni
1847. Er stellte die Vereinigung aller acht bestehenden Provinzi-
allandtage (siehe Anm. 33) dar, sollte nach königlichem Ermessen
berufen werden und war in zwei Kurien geteilt. Die Kurie des Her-
renstandes bestand aus 70 Vertretern des hohen Adels, die Kurie
der übrigen drei Stände umfaßte 237 Vertreter der Ritterschaft,
182 der Städte und 124 der Landgemeinden. Die Befugnisse des Ver-
einigten Landtages beschränkten sich auf die Bewilligung neuer
Anleihen in Friedenszeiten und auf die Zustimmung zu neuen Steu-
ern oder Steuererhöhungen. Mit seiner Bildung wollte der preußi-
sche König die Erfüllung der gegebenen konstitutionellen, Ver-
sprechungen und die Bestimmungen des Staatsschuldengesetzes
(siehe Anm. 51) umgehen. Auf dem Landtage machte sich eine starke
liberale Opposition bemerkbar, die von den Vertretern der rheini-
schen Großbourgeoisie (Hansemann, Camphausen, von Beckerath) und
einem Teil des ostpreußischen Adels (von Vincke, von Auerswald)
ausging. Da der Landtag sich für die Bewilligung einer Anleihe
nicht kompetent erklärte, wurde er vom König nach Hause ge-
schickt. 29 228 399
35 Der zweite Vereinigte Landtag, bestehend aus den Vertretern
der 8 Provinziallandttage in Preußen, wurde am 2. April 1848 ein-
berufen. Er nahm auf Vorschlag des Ministeriums Camphausen am 8.
April das "Wahlgesetz für die zur Vereinbarung der Preußischen
Staats-Verfassung zu berufende Versammlung" an und gab seine Zu-
stimmung zu einer
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Anleihe in Höhe von 25 Millionen Taler, die der erste Vereinigte
Landtag (siehe Anm. 34) abgelehnt hatte. Danach wurde der Landtag
am 10. April 1848 aufgelöst. 30 65
36 im Luftreich des Traums - aus Heine, "Deutschland. Ein Winter-
märchen", Kaput VII. 30
37 Das Ministerium Camphausen löste am 29. März 1848 die am 19.
März 1848 gebildete Regierung des Grafen Arnim-Boitzenburg ab.
Ministerpräsident der neuen Regierung war der rheinische Bankier
Camphausen, Präsident der Handelskammer in Köln; Finanzminister
wurde Hansemann, einer der Vertreter der rheinischen Großbour-
geoisie, der im ersten Vereinigten Landtag von 1847 (siehe Anm.
34) als Führer der liberalen Opposition aufgetreten war. Diese
Regierung sah ihre Aufgabe in der Vermittlung zwischen Großbour-
geoisie und Krone. 32
38 Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput XXXI. 32
39 Als einige Tage vor der Einsetzung des Julikönigtums (1830)
die Frage erwogen wurde, ob der neue König den Namen "Philipp der
Siebente" annehmen sollte, erklärte Dupin der Ältere (1783-1865),
"der Herzog von Orléans sei auf den Thron berufen worden, nicht
weil, sondern obgleich er ein Bourbon sei". 32
40 Der preußisch-dänische Krieg um Schleswig-Holstein - im Ge-
folge der Märzrevolution 1848 in Deutschland bildete sich in
Schleswig-Holstein eine provisorische Regierung und eine Landes-
versammlung, die durch den Erlaß demokratischer Gesetze und eines
fortschrittlichen Verfassungsentwurfs in offenen Konflikt mit dem
dänischen Königtum geriet. Die Bevölkerung Schleswig-Holsteins
forderte den Anschluß an Deutschland. Ihr gerechter Kampf fand im
deutschen Volk volle Unterstützung; Teile der revolutionär und
patriotisch gesinnten Jugend eilten als Freiwillige nach Schles-
wig-Holstein. Preußen ließ sich vom Deutschen Bund mit der Füh-
rung des Krieges gegen Dänemark beauftragen, um unter dem Vor-
wand, die Interessen Deutschlands zu vertreten, seine eigenen
Machtpositionen zu verstärken, die revolutionäre Stimmung der
Massen in Deutschland nach außen abzulenken und eine demokrati-
sche Entwicklung in Schleswig-Holstein zu verhindern (siehe auch
Anm. 181). Die preußische Militärkamarilla führte darum nur einen
Scheinkrieg, ließ die Truppen nutzlos hin und her marschieren und
sah ruhig zu, wie einzelne Abteilungen der schleswig-holsteini-
schen revolutionären Armee und der deutschen Freiwilligen von den
Dänen geschlagen wurden. Als England und Rußland drohende Noten
schickten, beeilte sich Preußen, den Waffenstillstand von Malmö
(siehe Anm. 307) abzuschließen. Mit der Annahme seiner Bedingun-
gen setzte es sich über die Weisungen der deutschen Zentralgewalt
hinweg und ließ die Bevölkerung und die provisorische Regierung
von Schleswig-Holstein schmählich im Stich. 34 59 256 296 386 393
41 Der Deutsche Bund, der durch die am 8. Juni 1815 auf dem Wie-
ner Kongreß unterzeichnete Bundesakte geschaffen wurde, umfaßte
zunächst 35, zuletzt 28 Fürstentümer und vier Freie Städte und
bestand bis 1866; dadurch wurde keine Zentralregierung geschaffen
und die feudale Zersplitterung Deutschlands konserviert. Die Bun-
desversammlung der bevollmächtigten Gesandten bildete den Bundes-
tag, der unter dem ständigen Vorsitz Österreichs in Frankfurt am
Main tagte und zu einem Bollwerk der deutschen Reaktion wurde. Im
Kampf gegen die demokratische Einigung Deutschlands versuchten
reaktionäre Kräfte nach der Märzrevolution 1848 die Tätigkeit des
Bundestages neu zu beleben. 34 40 226
42 In den Schlachten bei den unweit von Berlin liegenden Orten
Großbeeren (23. August 1813) und Dennewitz (6. September 1813)
erfochten die zur Koalitionsarmee gehörenden preußischen Truppen
Siege über die Armee Napoleons. Bei Großbeeren schlug die pommer-
sche
#513# Anmerkungen
-----
Landwehr, die im Regen unbrauchbar gewordenen Flinten umdrehend,
mit den Kolben auf die napoleonischen Truppen ein. 34
43 Aus der Ballade "Lenore" von Gottfried August Bürger. 36
44 Das Comité de sûreté générale (Sicherheitsausschuß) in Paris
wurde 1792 vom Konvent gebildet und sah seine Hauptaufgabe in dem
Schutz der Republik vor allen Anschlägen der Konterrevolution. 37
45 Im Februar 1846 wurde in Polen ein Aufstand vorbereitet, der
die nationale Befreiung des Landes zum Ziel hatte. Die Haupti-
nitiatoren des Aufstandes waren polnische revolutionäre Demokra-
ten (Dembowski u.a.). Infolge des Verrats des Adels und der
Verhaftung der Führer des Aufstandes durch die preußische Polizei
war jedoch der ganze Aufstand zersplittert, und es kam nur zu
vereinzelten revolutionären Erhebungen. Allein in Krakau, das
seit 1815 der gemeinsamen Kontrolle Österreichs, Rußlands und
Preußens unterlag, gelang es den Aufständischen am 22. Februar,
den Sieg davonzutragen und eine Nationalregierung zu schaffen,
die ein Manifest über die Aufhebung der Feudallasten herausgab.
Der Aufstand In Krakau wurde Anfang März 1846 durch Truppen
Österreichs, Preußens und Rußlands unterdrückt. Im November 1846
unterschrieben diese Staaten den Vertrag über die Einverleibung
Krakaus in das österreichische Imperium und brachen damit die
Wiener Verträge von 1815, die den Freistaat Krakau garantierten.
38 155 326 333 363
48 Die Linke in der Frankfurter Nationalversammlung bestand aus
zwei Fraktionen. Einer der maßgebenden Führer der eigentlichen
Linken war Robert Blum. Zur äußersten Linken, der sogenannten ra-
dikal-demokratischen Partei, gehörten unter anderen die Abgeord-
neten Arnold Rüge, Zitz, Simon, Schlöffel, von Trützschler. Die
"Neue Rheinische Zeitung" stand dieser Fraktion am nächsten; sie
unterstützte den äußersten linken Flügel der revolutionären Demo-
kratie, geißelte aber zugleich seine Halbheit und Unentschlossen-
heit und trat für die konsequenle Beseitigung des Feudalismus und
der Monarchie ein. 39 341 358
47 Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput XVI. 41
48 Gordischer Knoten - kunstvoll verschlungener und unentwirrba-
rer Knoten am Wagen des Königs Gordius im Jupitertempel der Stadt
Gordium in Phrygien, von dem das Orakel sagte, wer ihn zu lösen
verstände, würde die Herrschaft über Asien erlangen. Alexander
der Große soll auf seinem Feldzug gegen die Perser 333 v.u.Z. den
Knoten mit dem Schwert durchschlagen haben. 41
49 Vereinbarungsdebatten nannten Marx und Engels die Debatten der
preußischen Nationalversammlung, die im Mai 1848 in Berlin zur
Ausarbeitung einer Verfassung "durch Vereinbarung mit der Krone"
einberufen wurde. Marx und Engels nannten die preußische Natio-
nalversammlung, die diese Formulierung annahm und dadurch auf das
Prinzip der Volkssouveränität verzichtete, "Vereinbarungsversamm-
lung" und dementsprechend die Abgeordneten "Vereinbarer". 44
50 Seehandlung - "Preußische Scehandlungsgesellschaft". Sie wurde
1772 als Handelskreditgesellschaft gegründet, mit einer Reihe
wichtiger staatlicher Privilegien ausgestattet, stellte der Re-
gierung große Darlehen zur Verfügung und spielte somit faktisch
die Rolle ihres Bankiers und Maklers. 1810 wurden die Aktien und
Obligationen der Gesellschaft in Staatsschuldscheine umgewandelt
und damit die Gesellschaftsform beseitigt. Durch Kabinettsorder
vom 17. Januar 1820 wurde sie zum Finanz- und Bankhaus des preu-
ßischen
#514# Anhang und Register
-----
Staates umgestaltet; damit schuf sich die Regierung eine Möglich-
keit, das gleichzeitig erlassene Staatsschuldengesetz (siehe Anm.
51) zu umgehen. 46 219
51 Staatsschuldengesetz - die "Verordnung wegen der künftigen Be-
handlung des gesammten Staatsschulden-Wesens" vom 17. Januar 1820
bestimmte, daß die Aufnahme von Anleihen durch die preußische Re-
gierung nur unter Hinzuziehung und Mitgarantie der künftigen
reichsständischen Versammlung geschehen und die Schuldenverwal-
tung dieser jährlich Rechnung legen sollte. 46
Im Großherzogtum Posen brach nach der Märzrevolution 1848 ein
Aufstand der Polen für ihre nationale Befreiung vom preußischen
Joch aus. An dieser revolutionären Bewegung nahm erstmalig die
Masse der Bauern und Handwerker teil, deren Führung in den Händen
von Angehörigen des niederen polnischen Adels lag. Die Adelsari-
stokratie jedoch scheute vor dem Bündnis mit der revolutionär-de-
mokratischen Bewegung in Polen und Deutschland zurück und sah den
Ausweg in der Verständigung mit dem preußischen König. Angesichts
der großen Volksbewegung versprach die preußische Regierung Ende
März 1848 die Bildung einer Kommission zur nationalen Reorganisa-
tion des Großherzogtums Posen, die den Polen die Aufstellung ei-
nes polnischen Heeres, die Einsetzung von Polen in administrative
und andere Ämter und die offizielle Anerkennung der polnischen
Sprache zusicherte. Als Beauftragter der preußischen Regierung
wurde General Willisen eingesetzt, dem es gelang, unter ähnlichen
Versprechungen die Konvention von Jaroslawiec (siehe Anm. 269)
abzuschließen und die Aufständischen zur Niederlegung der Waffen
zu veranlassen. Alle Zusagen wurden jedoch schmählich gebrochen.
Bereits am 14. April 1848 verfügte der preußische König die Tei-
lung des Großherzogtums Posen in einen östlichen, polnischen Teil
und in einen westlichen, "deutschen" Teil, der nicht der Reorga-
nisation unterlag und umgehend dem Deutschen Bund einverleibt
wurde. Der königliche Erlaß vom 26. April schloß weitere Gebiete
von der Reorganisation aus. Durch diese Maßnahmen und ständige
Überfälle preußischer Truppen herausgefordert, begannen die Auf-
ständischen erneut den Kampf und errangen bei Miloslaw einen Sieg
über die preußischen Truppen, mußten jedoch am 9. Mai 1848 vor
der Übermacht ihre Waffen strecken. Willisens Nachfolger, General
von Pfuel, verfolgte die Teilnehmer des Aufstandes und der Parti-
sanenbewegung mit den brutalsten Mitteln. Nach der blutigen Un-
terdrückung der Polen wurde die Demarkationslinie in den folgen-
den Monaten immer weiter nach Osten vorgeschoben, bis das zu
Preußen geschlagene Gebiet schließlich drei Viertel des Territo-
riums des Großherzogtums Posen umfaßte. So riß Preußen weitere
polnische Gebiete an sich, statt die versprochene Reorganisation
durchzuführen. 48 56 80 94 190 246 296 304 393
53 Die "Vereinbarungstheorie", mit der die preußische Bourgeoisie
in der Person von Camphausen und Hansemann ihren Verrat an der
Revolution zu rechtfertigen suchte, bestand darin, daß die preu-
ßische Nationalversammlung, "auf dem Boden der Gesetzlichkeit"
bleibend, sich auf die Errichtung einer konstitutionellen Ordnung
durch Vereinbarung mit der Krone beschränken sollte (siehe auch
Anm. 49). 53 64 399
54 Sieben Teilungen Polens - gemeint sind die drei Teilungen Po-
lens in den Jahren 1772, 1792/93 und 1794/95, die Schaffung des
Großherzogtums Warschau durch Napoleon 1807, ferner die Be-
schlüsse des Wiener Kongresses 1814/15, die Annexion des Krakauer
Freistaates durch Österreich 1846 und die Einverleibung des über-
wiegenden Teils des Großherzogtums Posen durch Preußen im Jahre
1848, die sich in vier Etappen (14. und 22. April, 2. Mai und 4.
Juni) vollzog und vom Bundestag und der Frankfurter National-
versammlung sanktioniert wurde. 55 319
#515# Anmerkungen
-----
55 "Kölnische Zeitung" Nr. 161 vom 9. Juni 1848. 57
56 Äneas - nach der griechischen Mythologie einer der Verteidiger
Trojas, der Sohn des Anchises und der Göttin Aphrodite. Während
der Eroberung und Ausplünderung Trojas durch die Griechen wurde
er gerettet und gelangte nach langen Irrfahrten an die Küste
Italiens. Der Beschreibung der Irrfahrten des Äneas ist Virgils
Heldengedicht "Aeneis" gewidmet. 57
57 Aus dem Heldengedicht "Ilias" von Homer. 57
58 Der Prinz von Preußen, einer der Anführer der reaktionären
Hofkamarilla war der Hauptschuldige an den Ausschreitungen des
Militärs gegen die Berliner Bevölkerung vor dem 18. März 1848 und
floh während der Märzkämpfe aus Furcht vor dem Volk nach England.
Sein Palais wurde zum Nationaleigentum erklärt. Die Regierung
Camphausen setzte sich jedoch bereits Anfang Mai für seine Rück-
berufung ein, ohne sich um die Proteste der empörten Berliner Be-
völkerung zu kümmern. Am 8. Juni erschien der "Kartätschenprinz"
als Abgeordneter des Kreises Wirsitz in der preußischen National-
versammlung. 57
59 Anfangszeilen aus dem Gedicht "Reineke Fuchs" von Goethe. 59
60 Chartisten - Vertreter der revolutionären, aber nicht soziali-
stischen Bewegung der englischen Arbeiter in den Jahren von 1836
bis 1848, die für die Verwirklichung der Volkscharte (peoples
charter) kämpften, deren Forderungen auf die Demokratisierung der
staatlichen Ordnung Englands gerichtet waren. Über die Bedeutung
der Chartistenbewegung sagte Lenin, daß "England der Welt die er-
ste wirkliche, breite, politisch klar ausgeprägte, proletarisch-
revolutionäre Massenbewegung ... gab". 59 102 117 141 285
61 Repealers (von Repeal of Union - Aufhebung der Union) - die
Anhänger der Abschaffung der englisch-irischen Union vom Jahre
1801. Die Union, die Irland von der englischen Regierung nach der
Niederschlagung des irischen Aufstandes vom Jahre 1798 aufgezwun-
gen worden war, zerstörte die letzten Spuren der nationalen Selb-
ständigkeit Irlands und löste das irische Parlament auf. Die For-
derung nach Aufhebung der Union wurde seit den zwanziger Jahren
des 19. Jahrhunderts zur populärsten Losung der irischen natio-
nalen Befreiungsbewegung. Im Jahre 1840 gründeten die Anhänger
der irischen Unabhängigkeitsbewegung unter der Führung des bür-
gerlichen Liberalen O'Connell eine Vereinigung (Repeal-Associa-
tion), um den Kampf für die Aufhebung der Union wirkungsvoller
führen zu können. 59
62 Der Fünfzigerausschuß (siehe Anm. 11) verwarf den Vorschlag
des Bundestages, ein Direktorium aus drei Männern als provisori-
sche Zentralgewall des Deutschen Bundes zu schaffen. Anfang Juni
1848 wurde ein gleicher Antrag von einer Kommission eingebracht,
die von der Frankfurter Nationalversammlung gewühlt worden war.
Im Ergebnis der Diskussion nahm die Versammlung am 28. Juni 1848
den Beschluß an, eine provisorische Zentralgewalt zu schaffen,
die sich aus dem Reichsverweser und dem Reichsministerium zusam-
mensetzen sollte. 59
63 "Eigentum der ganzen Nation" Aufschrift, die von den bewaffne-
ten Arbeitern während der Märzrevolution in Berlin am Palais des
geflohenen Prinzen von Preußen (siehe auch Anm. 58) angebracht
worden war. 59
64 Es handelt sich um die Unterdrückung des republikanischen Auf-
stands in Baden im April 1848, den die kleinbürgerlichen Demokra-
ten Hecker und Struve leiteten. Die Hauptgebiete des Aufstands
waren der Seekreis (Gebiet um Konstanz am Bodensee) und der
Schwarzwald. 59 236
#516# Anhang und Register
-----
65 "Deutsche Zeitung" (auch Gervinus-Zeitung genannt) - bürger-
lich-liberale Tageszeitung, trat für die konstitutionelle Monar-
chie und die Einigung Deutschlands unter der Führung Preußens
ein. Sie erschien von 1847 bis Ende September 1848 unter der Re-
daktion des bürgerlichen Historikers Gervinus in Heidelberg, da-
nach bis 1850 in Frankfurt am Main. 60 104
66 Am 9. Juni 1848 lehnte die Frankfurter Nationalversammlung den
Antrag ab, daß die Billigung des künftigen Friedensvertrags mit
Dänemark zum Kompetenzbereich der Nationalversammlung gehören
solle. Damit wich die Versammlung einer Einmischung in die Ent-
scheidung der schleswig-holsteinischen Frage aus und ließ dem
Bundestag volle Handlungsfreiheit. 63
67 Preßfreiheit mit Kautionen - die Herausgeber politischer Zei-
tungen mußten einen Geldbetrag als Sicherheit dafür hinterlegen,
daß keine der Obrigkeit mißfallenden Veröffentlichungen vorgenom-
men wurden; dieses System der nachträglichen Geldstrafen an
Stelle der 1848 offiziell aufgehobenen Vorzensur wurde in
Deutschland erst durch das Preßgesetz von 1874 beseitigt. 64 68
68 Liste der "siebzehn Militärtoten" - am 24. März 1848 erfolgte
die Bestattung der nach den offiziellen Angaben am 18. März ge-
fallenen 15 Soldaten und 2 Unteroffiziere auf dem Invalidenfried-
hof. Es waren jedoch bei weitem mehr Soldaten gefallen, die man
im stillen zur Beerdigung nach Spandau geschafft hatte. Mit die-
ser Maßnahme sollte das Ausmaß der Kämpfe am 18. März und die
Tatsache verdeckt werden, daß die preußischen Truppen von den
Berlinern besiegt und zum Rückzug gezwungen worden waren. 65 87
69 Zu der Linken in der preußischen Nationalversammlung gehörten
unter anderen die Abgeordneten Waldeck, Jacoby, Georg Jung, Ju-
lius Berends und d'Ester. In der "Neuen Rheinischen Zeitung"
wurde häufig das zögernde, unentschlossene Verhalten der Linken
kritisiert und diese zu einem energischen Handeln und zum außer-
parlamentarischen Kampf aufgefordert. 66 168
70 Am 3. Juni 1848 wurde in der Berliner Nationalversammlung der
Antrag diskutiert, an der von Studenten organisierten Demonstra-
tion zu den Gräbern der im März gefallenen Kämpfer der Revolution
teilzunehmen. Dieser Antrag wurde mit Stimmenmehrheit abgelehnt.
67
71 Zeilen aus dem "Lied für den dänischen Unterthan" von dem
schleswigschen Pfarrer Heinrich Harries, das von Balthasar Ger-
hard Schumacher zu dem Lied "Heil Dir im Siegerkranz", der späte-
ren "preußischen Nationalhymne", umgearbeitet wurde. 69
Unter dem Druck der Volksmassen sah sich der österreichische Kai-
ser Ferdinand I. gezwungen, im Manifest vom 16. Mai und 3. Juni
1848 den österreichischen Reichstag zur Konstituierenden Versamm-
lung zu erklären. 70
73 In diesem Artikel werden die Ergebnisse der Nachwahl in Köln
zur Frankfurter Nationalversammlung vom 14. Juni 1848 mit der am
10. Mai stattgefundenen Wahl zu dieser Versammlung verglichen. 78
74 Bürgervereine - nach der Märzrevolution in Preußen entstandene
Organisationen des gemäßigten liberalen Bürgertums, die sich die
Aufgabe stellten, "Gesetzlichkeit" und "Ordnung" im Rahmen der
konstitutionellen Monarchie zu wahren und die "Anarchie", d.h.
die revolutionär-demokratische Bewegung, zu bekämpfen. 78 494
75 Die Demokratische Gesellschaft in Köln, deren Versammlungen im
Saal des "Deutschen Kaffeehauses" bei Franz Stollwerk statt-
fanden, wurde im April 1848 gegründet. Ihr gehörten neben Klein-
bürgern auch Arbeiter an. Marx und Engels traten in die Demokra-
tische
#517# Anmerkungen
-----
Gesellschaft ein, um Einfluß auf die Arbeiter zu gewinnen und die
kleinbürgerlichen Demokraten zum entschlossenen Handeln zu drän-
gen. Marx beteiligte sich an der Leitung der Gesellschaft. Marx,
Engels und andere Mitglieder der Redaktion der "Neuen Rheinischen
Zeitung" erreichten in den Versammlungen der Demokratischen Ge-
sellschaft die Annahme von Beschlüssen, welche die verräterische
Politik der preußischen Regierung entlarvten und die unentschlos-
sene Haltung der Berliner und Frankfurter Versammlung verurteil-
ten. Im April 1849, als Marx und seine Anhänger dazu übergingen,
eine proletarische Partei zu schaffen, trennten sie sich auch or-
ganisatorisch von der kleinbürgerlichen Demokratie und traten aus
der Demokratischen Gesellschaft aus. 78
76 Empört über die Verleugnung der Märzrevolution durch die preu-
ßische Nationalversammlung (siehe vorl. Band, S. 64-77), erober-
ten die Arbeiter und Handwerker Berlins am 14. Juni 1848 im Sturm
das Zeughaus, um durch die Volksbewaffnung die erkämpften Errun-
genschaften zu verteidigen und die Revolution voranzutreiben. Die
Aktion der Berliner Arbeiter war jedoch spontan und unorgani-
siert. Der zu Hilfe gerufenen militärischen Verstärkung gelang es
im Verein mit Abteilungen der Bürgerwehr, das Volk schnell zu-
rückzudrängen und zu entwaffnen. Die Anführer des Zeughaussturms
sowie Hauptmann von Natzmer, der den Rückzug der Soldaten aus dem
Zeughaus befohlen hatte, und sein Premierleutnant Techow wurden
später von einem Kriegsgericht zu langjährigen Festungsstrafen
verurteilt. 79 85 374
77 In der Resolution, die am 15. Juni 1848 von der preußischen
Nationalversammlung unter dem Einfluß der revolutionären Aktionen
der werktätigen Massen Berlins angenommen wurde, heißt es, daß
die Versammlung "den Schutz bewaffneter Kräfte nicht benötigt und
sich unter den Schutz der Berliner Bevölkerung stellt". 79 85
78 In der Nacht des 4. August 1789 verkündete die französische
Nationalversammlung unter dem Druck der wachsenden Bauernbewegung
feierlich die Aufhebung einer Reihe von Feudallasten, die in je-
ner Zeit von den aufständischen Bauern faktisch bereits beseitigt
waren. Die gleich danach erlassenen Gesetze hoben jedoch nur die
persönlichen Lasten ohne Ablösung auf. Die Beseitigung aller
Feudallasten ohne jede Ablösung wurde erst in der Periode der Ja-
kobinerdiktatur durch das Gesetz vom 17. Juli 1793 verwirklicht.
79 106 282
79 Erschreckt durch die Barrikadenkämpfe in Berlin, wandte sich
am 21. März 1848 der preußische König Friedrich Wilhelm IV. in
einem Aufruf "An mein Volk und die deutsche Nation"; darin ver-
sprach er heuchlerisch, eine ständische Vertretungskörperschaft
zu schaffen, eine Verfassung zu geben, die Verantwortlichkeit der
Minister, das öffentliche und mündliche Gerichtsverfahren, Ge-
schworenengerichte usw. einzuführen. Er ritt in einem komödien-
haften Aufzug mit schwarzrotgoldener Fahne durch Berlin und ver-
kündete, daß Preußen in Deutschland aufgehen solle, daß er die
deutsche Einheit und Freiheit retten und sich an die Spitze eines
konstitutionellen Deutschlands stellen wolle. 79
80 Anfang März 1848 forderte eine Massenversammlung in Prag in
einer Petition die Aufhebung des Frondienstes, den engen Zusam-
menschluß von Böhmen, Mähren und Schlesien sowie konstitutionelle
Rechte. Die Forderung nach voller nationaler Gleichberechtigung
verstärkte sich nach dem Ausbruch der Revolution in Wien und
Budapest, wurde jedoch von der deutschböhmischen Bourgeoisie und
dem böhmischen Adel, der die Bauernbefreiung befürchtete, scharf
bekämpft. Die tschechischen Demokraten lehnten die großdeutschen
Pläne ab, betonten jedoch ihre Bereitschaft, mit den Österrei-
chern und den übrigen Donauvölkern gemeinsam den Weg der Verstän-
digung zu gehen. Diesen Gedanken unterstrichen die Demokraten
auch auf dem Slawenkongreß in Prag (siehe Anm. 82). 80
#518# Anhang und Register
-----
81 Wyschehrad - Südteil von Prag mit der altertümlichen Zitadelle
gleichen Namens am rechten Ufer der Moldau.
Hradschin (tschechisch Hradcany) - nordwestlicher Teil Prags mit
der alten Burg, die sich über dem übrigen Teil der Stadt erhebt.
80
82 Der Slawenkongreß trat am 2. Juni 1848 in Prag zusammen. Auf
dem Kongreß zeigte sich der Kampf zwischen zwei Richtungen in der
nationalen Bewegung der slawischen Völker, die im Habsburger Kai-
serreich unterdrückt wurden. Die rechte, gemäßigt-liberale Rich-
tung, zu der die Führer des Kongresses Palacky und Safarik gehör-
ten, versuchte die nationale Frage auf dem Wege der Erhaltung und
Festigung der Habsburger Monarchie durch ihre Umwandlung in eine
Föderation gleichberechtigter Nationalitäten zu lösen. Die linke,
demokratische Richtung (Sabina, Fric, Libelt u.a.) trat entschie-
den dagegen auf und erstrebte ein gemeinsames Handeln mit der re-
volutionär-demokratischen Bewegung in Deutschland und Ungarn. In-
dem die Mehrheit der Kongreßteilnehmer die austro-slawische Theo-
rie vertrat, nahm sie eine der europäischen revolutionären Bewe-
gung feindliche Stellung ein, denn die Vernichtung des reaktio-
nären Habsburgerreiches war eine der Hauptaufgaben der demokrati-
schen Bewegung. Gerade von diesem Gesichtspunkt aus verurteilten
Marx und Engels die Politik der tschechischen Bourgeoisie, die
auf dem Kongreß den Sieg davontrug und mit Palacky an der Spitze
den Weg zu einem offenen Bündnis mit dem Adel und den Habsburgern
gegen die revolutionäre Bewegung beschritt. Die zum radikal-demo-
kratischen Flügel gehörenden Delegierten des Kongresses nahmen
aktiv am Prager Aufstand teil und wurden grausamen Repressalien
unterworfen. Die in Prag zurückgebliebenen Vertreter des gemä-
ßigt-liberalen Flügels gaben am 16. Juni 1848 die Vertagung der
Sitzungen des Kongresses auf unbestimmte Zeit bekannt. 80
83 Dieses Urteil über die Tschechen wird nur verständlich, wenn
man berücksichtigt, daß Marx und Engels die nationale Frage vom
Gesichtspunkt der Interessen der revolutionären Gesamtbewegung in
Europa betrachteten.
In der gesellschaftlichen Bewegung des Jahres 1848 in Böhmen kann
man zwei inhaltlich verschiedene Hauptetappen unterscheiden. In
der ersten Etappe, vom Beginn der Märzereignisse bis zur Nieder-
schlagung des Prager Aufstandes, nahmen die tschechischen Volks-
massen - die Bauernschaft und das Proletariat - aktiv teil an der
revolutionären Bewegung gegen Feudalismus und Absolutismus. Die-
ser Kampf des tschechischen Volkes stimmte mit den Interessen der
europäischen revolutionären Bewegung überein und wurde von Marx
und Engels unterstützt.
Nach der Niederschlagung des Prager Aufstandes gelang es der
tschechischen liberalen Bourgeoisie, die im Kampf gegen Revolu-
tion und Demokratie mit dem Adel und den Habsburgern gemeinsame
Sache machte, die demokratischen Kräfte in Böhmen zu unterdrücken
und die gesellschaftliche Bewegung unter ihre Führung und in das
Fahrwasser des nationalistischen Kampfes zu bringen. Damit geriet
diese Bewegung in Widerspruch zu der europäischen Revolution,
weil sie nunmehr zu einer Stütze der konterrevolutionären Habs-
burger Monarchie und indirekt auch des russischen Zarismus wurde.
Den demokratischen Elementen des tschechischen Volkes gelang es
in der zweiten Etappe nicht, die Revolution tatkräftig zu unter-
stützen und die konterrevolutionäre Politik der Bourgeoisie zu
vereiteln. Damit ist offensichtlich, daß Marx und Engels völlig
richtig die Rolle der tschechischen nationalen Bewegung 1848/49
als konterrevolutionär und die Position des tschechischen Volkes
in der zweiten, für die Revolution in ganz Österreich entschei-
denden Etappe der Bewegung als reaktionär eingeschätzt haben.
#519# Anmerkungen
-----
Marx und Engels hoben aber dabei hervor, daß die nationalisti-
sche, antislawische Politik der deutschen Bourgeoisie die Haupt-
schuld daran trug, daß die Tschechen auf die Seite der Konterre-
volution getrieben wurden. 82
83 "Sie haben nichts gelernt und nichts Vergessen", äußerte Tal-
leyrand über die nach der Restauration der Bourbonenherrschaft im
Jahre 1815 nach Frankreich zurückgekehrten aristokratischen Emi-
granten, die versuchten, ihren Grundbesitz zurückzuerhalten und
die Bauern wieder zur Übernahme ihrer Feudalverpflichtungen zu
zwingen. 85
85 Verfassungsentwurf - "Entwurf eines Verfassungs-Gesetzes für
den preußischen Staat" vom 20. Mai 1848. 85 242
86 An der Schlacht bei Leipzig vom 16.-19. Oktober 1813 nahmen
Truppen Rußlands, Preußens, Österreichs und Schwedens teil. Die
Schlacht endete mit dem Sieg dieser verbündeten Armeen über die
Armee Napoleons. 87 119
87 In der Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815 wurde Napoleon
durch die von Blücher und Wellington befehligten preußischen und
englischen Truppen geschlagen. 87
88 An dieser Stelle legen Marx und Engels besonderes Gewicht auf
den zwiespältigen Charakter der Befreiungskriege 1813-1815, in
denen der gerechte nationale Befreiungskampf der Volksmassen ge-
gen die räuberische Politik Napoleons I. von den Fürsten und Jun-
kern dazu ausgenutzt wurde, die feudalen Verhältnisse in Europa
soweit als möglich wieder herzustellen. Dabei weisen Marx und En-
gels vor allem auf die reaktionären Seiten und Folgen (Haß gegen
die Französische Revolution, mangelnde Initiative im Kampf gegen
die einheimischen Unterdrücker, Deutschtümelei usw.) hin und füh-
ren damit einen Schlag gegen die reaktionäre preußische Ge-
schichtsschreibung, die besonders nach der Verschärfung der
deutsch-französischen Beziehungen im Jahre 1840 den Inhalt und
die Bedeutung der Befreiungskriege im Interesse des preußischen
Chauvinismus systematisch verfälschte und mißbrauchte. Die fort-
schrittliche Seite der Befreiungskriege behandelt Engels in der
Arbeit "Ernst Moritz Arndt" aus dem Jahre 1841 und in seinen Auf-
sätzen aus dem Jahre 1870, die sich mit der Landsturmordnung von
1813 beschäftigen, wo er nachdrücklich feststellt, daß erst der
Sieg über die napoleonische Fremdherrschaft den Weg für die Lö-
sung der nationalen Frage und damit für die Befreiung vom Joch
der deutschen Fürsten ebnete. 87 295
89 Nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806
folgten die schmählichen kampflosen Kapitulationen der preußi-
schen Festungen vor den französischen I nippen; fast überall, mit
ganz wenigen Ausnahmen, offenbarten die junkerlichen Kommandanten
eine feige, verräterische Gesinnung. 88
90 Code civil des Français - französisches Zivilgesetzbuch von
1804, das 1807 als Code Napoléon neu gefaßt wurde. Dieses bürger-
liche Gesetzbuch wurde von Frankreich in den eroberten Gebieten
West- und Südwestdeutschlands eingeführt. In der Rheinprovinz
blieb es auch nach der Vereinigung mit Preußen gültig (siehe auch
Anm. 166). Der Code Napoléon behielt im wesentlichen die Errun-
genschaften der Französischen Revolution bei und stand auf dem
Boden der formalen bürgerlichen Gleichheit. 92 240 278 301 472
91 Auf Befehl des preußischen Generals Pfuel schor man den gefan-
gengenommenen Teilnehmern des Posener Aufstandes von 1848 die
Köpfe und brannte ihnen mit Höllenstein ein Mal auf Hände und Oh-
ren. Daher der Spitzname des Generals Pfuel - "von Höllenstein".
94 298 329
92 Nach dem Zeughaussturm (siehe Anm. 76) traten am 17. Juni 1848
die Minister von Kanitz, Graf Schwerin und Freiherr von Arnim und
am 20. Juni das gesamte Ministerium
#520# Anhang und Register
-----
Camphausen zurück. Die "Neue Rheinische Zeitung" sah in diesem
Sturz Camphausens den Ausdruck dafür, daß die Großbourgeoisie aus
der Periode des passiven Verrats des Volkes an die Krone zu der
Periode der aktiven Unterwerfung des Volkes unter ihre mit der
Krone vereinbarte Herrschaft überzugehen gedachte. 96
93 Ferdinand Raimund, "Das Mädchen aus der Feenwelt oder der
Bauer als Millionär", II. Akt, sechste Szene. 96
94 Am 30. März 1848 begann das am Vortage gebildete Ministerium
Camphausen, in dessen Regierungszeit die blutige Niederschlagung
des Aufstandes in Posen (siehe Anm. 52) fiel, seine Tätigkeit. 96
95 Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput XXIV. 97
96 Norditalien gehörte damals zur österreichischen Monarchie. An-
fang 1848 brach ein Aufstand der Italiener gegen die Fremdherr-
schaft und für die Einheit und Unabhängigkeit Italiens aus. Die
Nachricht vom Siege der Revolution in Wien führte am 18. März
1848 zu einer gewaltigen Volkserhebung in Mailand. In einem er-
bitterten fünftägigen Kampfe gelang es den Aufständischen, Ra-
detzky mit seinen 15000 österreichischen Soldaten zum Verlassen
der Stadt zu zwingen. Am 22. März wurde eine provisorische Regie-
rung aus Vertretern der liberalen Bourgeoisie gebildet. Dem König
von Sardinien und Piemont, Karl Albert, gelang es, sich an die
Spitze der italienischen Befreiungsbewegung zu setzen, wobei er
das Ziel verfolgte, sein Königreich auf ganz Oberitalien auszu-
dehnen; der demokratischen Volksbewegung stand er feindlich ge-
genüber. Die unter dem Kommando von Karl Albert stehende sardi-
nisch- lombardische Armee drängte zuerst die Truppen Radetzkys
nach dem Norden zurück, mußte dann aber auf Grund der zögernden
Haltung und der militärischen Unfähigkeit Karl Alberts und seiner
Generale eine Reihe Niederlagen hinnehmen. Mailand fiel wieder in
die Hände der Österreicher. Aus Furcht, bei einer völligen Nie-
derlage auch seine bisherigen Besitzungen einzubüßen, schloß Karl
Albert daraufhin am 9. August 1848 einen verräterischen Waffen-
stillstand mit Österreich, der nach Ablauf von sechs Wochen ver-
längert wurde. Am 20. März 1849 wurden die militärischen Aktionen
noch einmal aufgenommen, aber schon kurze Zeit später war die
sardinische Armee von den Österreichern aufgerieben, und Karl Al-
bert verzichtete auf den Thron. 98 118 369 376 393
97 Kroaten - Soldaten des kaiserlich-österreichischen Heeres,
dessen leichte Reiterei und Infanterie sich ursprünglich aus An-
gehörigen dieses südslawischen Volksstamms rekrutierten.
Panduren - Militärformationen der kaiserlich-österreichischen Ar-
mee, die eine besondere Art irregulärer Infanterietruppen dar-
stellten und sehr brutal und rücksichtslos auftraten. 98 369
98 Auf die Regierung Camphausen folgte in Preußen vom 26. Juni
1848 bis 21. September 1848 die Regierung Auerswald-Hansemann,
das sogenannte "Ministerium der Tat". Auerswald war der Präsident
dieses Staatsministeriums, Hansemann, der eigentliche Kopf des
Kabinetts, blieb weiterhin wie unter Camphausen Finanzminister.
100 184 189
99 Heine, "Ritter Olaf", Kaput II. 101
100 "Das Leben ein Traum" (La vida es sueño) - Titel eines Schau-
spiels des spanischen Dramatikers Calderon de la Barca. 101
101 "Neue Berliner Zeitung" - reaktionäre Tageszeitung, die in
Berlin von Juni bis Oktober 1848 erschien. 102
#521# Anmerkungen
-----
102 Hinweis auf die Thronrede Friedrich Wilhelms IV. bei der Er-
öffnung des ersten Vereinigten Landtages (siehe Anm. 34) am 11.
April 1847. In dieser Rede erklärte der preußische König, "daß
die Jahrhunderte und eine Erbweisheit ohnegleichen, aber kein
Stück Papier" die Verfassung Preußens gemacht haben und daß er
"es nun und nimmermehr zugeben werde, daß sich zwischen unserm
Herrgott im Himmel und dieses Land ein beschriebenes Blatt,
gleichsam als eine zweite Vorsehung eindränge..." (siehe "Der Er-
ste Vereinigte Landtag in Berlin 1847", Berlin 1847). 104 430
103 Anspielung auf Camphausen, der in früheren Jahren mit Fetten
und Getreide handelte, und auf Hansemann, der seine Handelstätig-
keit als Wollhändler begann. 104
104 "Kölnische Zeitung" - Tageszeitung, die unter diesem Titel
seit 1802 in Köln erschien. Während der dreißiger und Anfang der
vierziger Jahre verteidigte sie die katholische Kirche gegen den
in Preußen herrschenden Protestantismus; 1848/49 spiegelte sie
die feige, verräterische Politik der preußischen liberalen Bour-
geoisie wider und führte einen ständigen erbitterten Kampf gegen
die "Neue Rheinische Zeitung". 105 140 284303 308 369 4J9 440 452
497
105 Goethe, "Faust", Erster Teil, "Marthens Garten". 105
106 Über die Forderung, einen revolutionären Krieg gegen Rußland
zu führen, schrieb Lenin: "Marx im Jahre 1848 haßte Rußland, weil
damals in Deutschland die Demokratie nicht zu siegen, sich nicht
zu entwickeln, das Land nicht zu einem einheitlichen Ganzen zu-
sammenzuschweißen vermochte, solange die reaktionäre Hand des
rückständigen Rußland auf ihm lastete." 105 202
107 Der Titel der Ablösungsdenkschrift Patows, datiert vom 10.
Juni 1848, lautet: "Promemoria, betreffend die Maßregeln der Ge-
setzgebung, durch welche die zeitgemäße Reform der guts- und
grundherrlichen Verhältnisse und die Beseitigung der noch vorhan-
denen Hemmungen der Landeskultur bezweckt wird." 106
108 Patrimonialgerichtsbarkeit - das in Deutschland von 1848 an
eingeschränkte und 1877 aufgehobene feudale Recht des Gutsbesit-
zers, über seine Bauern Gericht zu halten und sie zu strafen. 107
109 Die Patowsche Ablösungsdenkschrift sah die Gründung von Hypo-
theken- und Rentenbanken für die Durchführung der Ablösung bäuer-
licher Lasten zu äußerst günstigen Bedingungen für die Gutsbesit-
zer vor. Da der Bauer die Ablösungssumme, d.h. den achtzehn" fa-
chen Betrag der bestehenden laufenden Leistungen, nicht zur Ver-
fügung halle, sollten ihm diese staatlichen Kreditinstitute die
Summe in Form eines Rentenbriefes, mit 4% Verzinsung, zur Verfü-
gung stellen. Die Amortisation des Rentenbriefes durch den Bauern
war auf 41 Jahre vorgesehen, während der Grundbesitzer sofort den
vollen Betrag von der Bank erhielt. Es handelte sich also bei
diesem Vorschlag um keine Befreiung der Bauern, sondern nur um
die Umwandlung der Abhängigkeit in eine geldliche, die den Prozeß
des Hinüberwachsens der preußischen Gutsbesitzer in den Kapita-
lismus erleichtern und beschleunigen sollte. 107
110 In den Jahren 1807 bis 1811 begannen die Minister Stein und
Hardenberg in Preußen einige Agrarreformen durchzuführen, denn
nach der Zerschlagung des preußischen Heeres bei Jena und Auer-
stedt (1806) durch Napoleon "begann der preußischen Regierung ein
schwaches Licht zu dämmern, daß man die freien grundbesitzendes
Bauernsöhne nicht mit den Söhnen leibeigener Fronbauern besiegen
könne" (Engels). Das Ergebnis war das Edikt vom 9. Oktober 1807
und die Kabinettsorder vom 28. Oktober 1807, welche die Leib-
eigenschaft in Preußen aufhoben, jedoch alle feudalen Abgaben und
Dienstleistungen der
#522# Anhang und Register
-----
Bauern beibehielten. Selbst diese Teilreform hielt der bauern-
plündernde Adel nicht ein. Als der Krieg Napoleons gegen Rußland
bevorstand, versuchte die preußische Regierung erneut, sich der
Bauern zu versichern, und erließ am 14. September 1811 ein "Edikt
die Regulirung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse
betreffend". Dieses Gesetz versprach den Bauern das Recht auf Ab-
lösung von den Feudallasten innerhalb von 2 Jahren unter der Be-
dingung, daß sie dem Grundherrn ihren Boden bis zur Hälfte abtra-
ten oder eine dementsprechende Summe zahlten. Nach dem Sieg über
Napoleon wurden die Bauern wiederum um die gegebenen Zusicherun-
gen betrogen, und erst 1845 erhielten sie das Recht, die Geld-
und Kornrente gegen Zahlung eines fünfundzwanzigfachen Betrages
abzulösen. 107 309
111 Es handelt sich um den spontanen Aufstand der im größten
Elend lebenden Textilarbeiter in Prag und Umgebung in der zweiten
Junihälfte 1844. Die Bewegung der Arbeiter, die Fabriken zerstör-
ten und Maschinen vernichteten, wurde durch österreichische Re-
gierungstruppen grausam unterdrückt. 108
112 "Berliner Zeitungs-Halle" - Tageszeitung, die in Berlin seit
1846 von Gustav Julius herausgegeben wurde; 1848/49 war sie ein
Organ der kleinbürgerlichen Demokratie. 108 373 405 414
113 Bürgerausschuß - Abkürzung für das im Mai 1848 in Wien gebil-
dete Komitee der Bürger, der Nationalgarde und der Studenten zur
Aufrechterhaltung der Ruhe und Sicherheit sowie zur Verteidigung
der Rechte des Volkes. 108
114 Arbeiterkommission im Luxembourg - Regierungskommission für
die Arbeiterfrage, die unter dem Vorsitz von Louis Blanc im Pa-
lais Luxembourg tagte. Sie wurde am 28. Februar 1848 unter dem
Druck der Arbeiter gegründet, die die Schaffung eines Arbeitsmi-
nisteriums forderten. Die praktische Tätigkeit der Luxembourg-
Kommission, die aus Vertretern der Arbeiter und Unternehmer be-
stand, beschränkte sich auf die Beilegung von Arbeitskonflikten;
durch die kompromißbereite Haltung Louis Blancs fiel die
Entscheidung häufig zugunsten der Unternehmer. Nach der Aktion
der Volksmassen am 15. Mai (siehe Anm. 137) löste die Regierung
am 16. Mai 1848 die Luxembourg-Kommission auf. 112
115 Die Nationalateliers, auch Nationalwerkstälten genannt, wur-
den sofort nach der Februarrevolution 1848 durch ein Dekret der
französischen provisorischen Regierung geschaffen. Damit ver-
folgte sie das Ziel, einerseits die Ideen Louis Blancs über die
Organisation der Arbeit unter den Arbeitern zu diskreditieren und
andrerseits die militärisch organisierten Arbeiter der Nationala-
tehers im Kampf gegen das revolutionäre Proletariat auszunutzen.
Da dieser provokatorische Plan, die Arbeiterklasse zu spalten,
mißlang und die revolutionäre Stimmung der in den Nationalatehers
beschäftigten Arbeiter immer stärker anwuchs, ergriff die bürger-
liche Regierung eine Reihe Maßnahmen zur Beseitigung der Natio-
nalateliers (Verringerung der Zahl der dort beschäftigten Arbei-
ter, ihre Verschickung zu öffentlichen Arbeiten in die Provinz
usw.). Diese Provokationen riefen im Pariser Proletariat große
Empörung hervor und waren mit ein Anlaß zum Beginn des Pariser
Juniaufstandes. Nach der Unterdrückung des Aufstandes nahm die
Regierung Cavaignac am 3. Juli 1848 ein Dekret über die Auflösung
der Nationalateliers an. 112 147 469
116 "aimables Faubourgs" (liebenswerte Vorstädte) - so nannte der
"Bürgerkönig" Louis-Philippe jene östlichen Vororte von Paris,
die überwiegend von Arbeitern bewohnt waren, um Volksverbunden-
heit vorzutäuschen. 113
#523# Anmerkungen
-----
117 Die Mobilgarde wurde durch ein Dekret der provisorischen Re-
gierung vom 25.Februar 1848 zum Kampf gegen die revolutionären
Volksmassen geschaffen. Diese 1 nippe bestand hauptsächlich aus
Lumpenproletariern und wurde zur Unterdrückung des Pariser Ju-
niaufstandes eingesetzt. 113 131
118 Nationalgarde - 1848 in Frankreich eine bewaffnete Organisa-
tion ähnlich der Bürgerwehr in Deutschland, die zum Schutze der
bürgerlichen "Ordnung" eingesetzt wurde. 113 131
119 Palais Royal (Königspalast) - Palais in Paris, seit 1643 Re-
sidenz Ludwigs XIV. und seit 1692 im Besitz der Bourbonen aus der
Linie Orléans. Nach der Februarrevolution 1848 wurde es zum Na-
tionaleigentum erklärt. Daher die Bezeichnung Ex-Royal. 113
120 In dem Café Tortoni auf dem Italienischen Boulevard und in
seiner näheren Umgebung wickelte man in den Stunden, in denen die
Börse geschlossen war, Börsengeschäfte ab. Zum Unterschied von
der offiziellen Börse nannte man das Café Tortoni und das dazu-
gehörige Viertel die "kleine Börse". 113
121 Die sogenannte republikanische Garde wurde am 16. Mai 1848
auf Befehl der französischen Regierung gebildet, die durch das
revolutionäre Auftreten der Pariser Arbeiter am 15. Mai (siehe
Anm. 137) beunruhigt war. Die republikanische Garde, die unter
dem Kommando konterrevolutionärer Offiziere stand, führte den Po-
lizeidienst in Paris aus und war dem Polizeipräfekten unter-
stellt; ihre zahlenmäßige Stärke betrug 2600 Mann. 114 121 131
122 "The Northern Star" - englische Wochenzeitung, Hauptorgan der
Chartisten; erschien von 1837 bis 1852, anfangs in Leeds und ab
November 1844 in London. Begründer und Redakteur der Zeitung war
Feargus Edward O'Connor; in den vierziger Jahren wurde sie von
George Julian Harney redigiert. Engels war von September 1845 bis
März 1848 Mitarbeiter dieser Zeitung.
In einer Notiz vom 24. Juni 1848 schrieb "The Northern Star":
"Die 'Neue Rheinische Zeitung', die sich 'Organ der Demokratie'
genannt hat, wird mit seltener Meisterschaft redigiert und zeich-
net sich durch ungewöhnliche Kühnheit aus; wir begrüßen sie als
würdigen, talentierten und mutigen Genossen im entschlossenen
Kampf gegen jede Art von Tyrannei und Ungerechtigkeit." 117 140
123 "Mourir pour la patrie" (Sterben für das Vaterland) - Refrain
eines französischen patriotischen Liedes, das in der Periode der
Februarrevolution 1848 populär war. 118 465
124 Gesellschaft der Menschen- und Bürgerrechte - eine kleinbür-
gerliche demokratische Organisation, die von Barbes, Huber u.a.
geleitet wurde; sie entstand in der Periode der Julimonarchie.
Die Gesellschaft vereinigte eine Reihe von demokratischen Klubs
der Hauptstadt und der Provinz und hatte die Verwirklichung der
jakobinischen Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte von 1793
zum Ziel. Zum Unterschied von vielen anderen kleinbürgerlichen
Organisationen verzichtete die Gesellschaft der Menschen- und
Bürgerrechte nicht auf den bewaffneten Kampf mit der Konterrevo-
lution. Einige Mitglieder dieser Gesellschaft waren Führer des
Juniaufstandes. So war der verabschiedete Offizier Kersausie, der
den Plan des Juniaufstandes ausgearbeitet balle, Vorsitzender des
Aktionskomitees der Gesellschaft der Menschen- und Bürgerrechte.
122
125 "L'Indépendance Belge" - bürgerliche Tageszeitung, die 1831
in Brüssel gegründet wurde; in den vierziger Jahren des 19. Jahr-
hunderts war sie das Organ der Liberalen. 124 128
142 423
126 Die Verteidiger von Saragossa waren berühmt durch ihre hel-
denhafte Standhaftigkeit im Befreiungskrieg des spanischen Volkes
gegen die Herrschaft Napoleons; die Stadt wurde
#524# Anhang und Register
-----
zweimal von den Franzosen belagert (Juni bis August und Dezember
1808); erst im Februar 1809 kapitulierten die Verteidiger von Sa-
ragossa vor der überlegenen Stärke der Franzosen, nachdem sie
mehr als 40 000 Menschen verloren hatten. 124
127 Sitzung der französischen Nationalversammlung vom 24. Juni
1848 (siehe "Compte rendu des séances de l'Assemblée nationale"
[Sitzungsprotokolle der Nationalversammlung], T. 2, Paris 1849).
125 126 148
128 Die Munizipalgarde von Paris, die nach der Julirevolution
1830 gebildet wurde, war dem Polizeipräfekten unterstellt; sie
wurde zur Niederschlagung von Volksaufständen eingesetzt. Nach
der Februarrevolution 1848 wurde die Munizipalgarde aufgelöst.
127
129 Sitzung der französischen Nationalversammlung vom 25. Juni
1848 (siehe "Compte rendu des séances de l'Assemblée nationale"
[Sitzungsprotokolle der Nationalversammlung], T. 2, Paris 1849).
129 136 144
130 Es handelt sich um den Bericht über die Sitzung der französi-
schen Nationalversammlung vom 25. Juni 1848, der in der "Neuen
Rheinischen Zeitung" Nr. 29 vom 29. Juni veröffentlicht wurde.
129
131 Die Insel Louvier, vom rechten Ufer der Seine durch einen
schmalen Flußarm getrennt, wurde 1843 mit dem Festland verbunden
und bildete den Raum zwischen dem Boulevard Morland und dem Quai
Henri IV. 131 150
132 Die politische Gruppierung um die französische Zeitung "Le
National" vereinigte in sich gemäßigte bürgerliche Republikaner
mit Armand Marrast an der Spitze; sie stützte sich in den vierzi-
ger Jahren auf die Industriebourgeoisie und war mit ihr durch
einen Teil der liberalen Intelligenz verbunden. "Le National" er-
schien als Tageszeitung von 1830 bis 1851 in Paris. 133 142 157
435
133 Die Anhänger der französischen Zeitung "La Réforme" waren
eine politische Gruppierung kleinbürgerlicher Demokraten und Re-
publikaner mit Ledru-Rollin an der Spitze; ihr schlossen sich die
kleinbürgerlichen Sozialisten unter der Führung von Louis Blanc
an. "La Réforme" erschien als Tageszeitung von 1843 bis 1850 in
Paris. 133 448
131 Exekutivkommission - Regierung der Französischen Republik,
die am 10. Mai 1848 von der konstituierenden Versammlung geschaf-
fen wurde; sie löste die provisorische Regierung ab, die ihre
Vollmachten niedergelegt hatte. Die Exekutivkommission bestand
bis zum 24. Juni 1848, dem Beginn der Militärdiktatur Cavaignacs.
133
135 Dynastische Opposition - eine von Odilon Barrot geführte
Gruppe in der französischen Deputiertenkammer während der Juli-
monarchie, deren Mitglieder die politischen Auffassungen libera-
ler Kreise der Industrie- und Handelsbourgeoisie zum Ausdruck
brachten und für die Durchführung einer gemäßigten Wahlreform
eintraten; sie sahen darin ein Mittel, der Revolution vorzubeugen
und die Dynastie Orléans aufrechtzuerhalten. 134 157
130 Legitimisten - Anhänger der "legitimen" Bourbonendynastie,
die in Frankreich von 1589 bis 1793 und während der Restaurati-
onszeit von 1814 bis 1830 an der Macht war; sie vertraten die In-
teressen des erblichen Großgrundbesitzes. 134
137 15. Mai 1848 - empört über den Bruch der Versprechungen auf
Verbesserung ihrer Lebenslage, die ihnen von der Regierung nach
der Februarrevolution gemacht worden waren, drangen Pariser Ar-
beiter in die Nationalversammlung ein; sie forderten eine Reihe
sozialer Maßnahmen (Arbeitsbeschaffung, Sondersteuer für die Rei-
chen etc.). Nachdem die Nationalversammlung nicht bereit war, die
berechtigten Forderungen der Arbeiter zu erfüllen, erklärten
Sprecher der Arbeiter die Nationalversammlung für aufgelöst
#525# Anmerkungen
-----
und bildeten eine provisorische Regierung, der Barbès, Blanqui,
Albert, Blanc, Proudhon, Cabet u.a. angehörten. Nach dem Schei-
tern dieser revolutionären Aktion der Pariser Arbeiter und der
Verhaftung ihrer Führer ergriff die Regierung eine Reihe reaktio-
närer Maßnahmen, die auf die Liquidierung der Nationalateliers
hinausliefen; ferner wurde das Gesetz über das Verbot von Zusam-
menscharungen erlassen und eine Reihe von demokratischen Klubs
geschlossen. 135
138 Vae victis! Weh den Besiegten! - Ausruf des Brennus vor der
Einnahme und Zerstörung Roms durch die Gallier (390 v.u.Z.). 136
457
139 "The Times" - größte englische Tageszeitung konservativer
Richtung; sie wurde am 1.Januar 1785 in London unter dem Namen
"Daily Universal Register" gegründet; am 1. Januar 1788 wurde der
Titel in "The Times" geändert. 140 206
140 "The Manchester Guardian" - englische bürgerliche Zeitung,
Organ der Anhänger des Freihandels (free-traders), später Organ
der liberalen Partei; erscheint seit 1821 in Manchester. 140
141 Kotzebuesche Bediententragödie - Kotzebue schrieb einige hun-
dert Theaterstücke von geringem Niveau; vielfach waren die Haupt-
personen seiner rührseligen Stücke Bediente (Haus- und Gartenan-
gestellte, Gesellschafterinnen u.a.). Das Hauptwerk dieser ganzen
Richtung bildet das 1789 erschienene "Menschenhaß und Reue". 141
142 Abgewandeltes Zitat aus Shakespeare, "Julius Cäsar", III.
Aufzug, zweite Szene; dort heißt es: "... und Brutus ist ein eh-
renwerter Mann." 141
143 Augsburgerin - gemeint ist die "Allgemeine Zeitung", eine Ta-
geszeitung, die 1798 gegründet wurde; sie erschien von 1810 bis
1882 in Augsburg. 142
144 "Débats" - Abkürzung für die französische bürgerliche Tages-
zeitung "Journal des Débats politiques et littéraires", gegründet
1789 in Paris. Während der Julimonarchie war sie als Regierungs-
zeitung das Organ der orleanistischen Bourgeoisie. In der Revolu-
tion 1848 vertrat sie die Auffassungen der konterrevolutionären
Bourgeoisie. 142 157
145 Aus dem Gedicht "Der deutsche Rhein" von dem kleinbürgerli-
chen Dichter Nicolaus Becker; dieses Gedicht wurde 1840 geschrie-
ben und seitdem oftmals vertont. Besonders beliebt war das Lied
in chauvinistischen Kreisen. 142
146 "Le Constitutionnel" - französische bürgerliche Tageszeitung,
die von 1815 bis 1870 in Paris erschien; in den vierziger Jahren
war sie das Organ des gemäßigten Flügels der Orleanisten; in der
Periode der Revolution von 1848 vertrat sie die Auffassungen der
konterrevolutionären royalistischen Bourgeoisie, die sich um
Thiers gruppierte; nach dem Staatsstreich des Louis Bonaparte im
Dezember 1851 war sie eine bonapartistische Zeitung. 142 177
147 "Le Peuple constituant" - französische Tageszeitung republi-
kanischer Richtung, die in Paris von Februar bis Juli 1848 unter
der Redaktion von Lamennais erschien. 144
148 Am 5. Juni 1832 benutzten Anhänger des linken Flügels der re-
publikanischen Partei, darunter die Gesellschaft der Volks-
freunde, das Begräbnis des Generals Lamarque zu einer friedlichen
Demonstration. Lamarque war der Wortführer der wenigen republika-
nischen Deputierten der neuen Kammer gewesen.
Durch die Schuld der Regierung wurde aus dieser Demonstration ein
blutiges Gemetzel, das bis zum Nachmittag des 6. Juni namentlich
um das ehemalige Kloster von Saint Merry wütete, wo sich die
letzten hundert Republikaner, unter denen viele Arbeiter waren,
verbarrikadiert hatten. 146
#526# Anhang und Register
-----
149 Am 12. und 13. Vendémiaire (4. und 5. Oktober) 1795 schlug
Napoleon in Paris einen Aufstand der Royalisten gegen den Konvent
nieder. 149
150 Der Herzog von Braunschweig, Oberkommandierender der öster-
reichisch-preußischen Armee, die gegen das revolutionäre
Frankreich kämpfte, gab am 25. Juli 1792 ein Manifest heraus, in
welchem er dem französischen Volk androhte, Paris völlig zu zer-
stören. 154
151 Es handelt sich um den Aufstand 1785 in Holland gegen die
Herrschaft der aristokratischkatholischen Partei, die sich um den
Statthalter Wilhelm von Oranien gruppierte. Der Aufstand, an des-
sen Spitze der republikanische Teil der Bourgeoisie stand, führte
zur Verjagung des Statthalters aus dem Land; jedoch wurde 1787
seine Macht mit Hilfe preußischer Truppen wieder hergestellt. 154
152 Nach einer Vereinbarung zwischen England, Frankreich und Ruß-
land wurde 1832 der minderjährige bayrische Prinz Otto auf den
griechischen Thron gesetzt; er kam in Begleitung bayrischer Trup-
pen nach Griechenland und herrschte unter dem Namen Otto I. bis
1862. 154
153 Die Kongresse der Heiligen Allianz, die in Troppau und Lai-
bach (Oktober 1820 bis Mai 1821 ) und in Verona (Oktober/November
1822) stattfanden, spiegelten in ihren Beschlüssen die reaktio-
näre Politik Österreichs, Preußens und Rußlands in Europa wider.
Auf dem Kongreß in Troppau und Laibach wurde offiziell das Prin-
zip der Einmischung der Mächte der Heiligen Allianz in die inne-
ren Angelegenheiten anderer Staaten proklamiert. Auf Grund eines
Beschlusses dieses Kongresses überschritten 60 000 Österreicher
im Februar 1821 die Grenze und stellten in Neapel die im Juli
1820 durch eine bürgerliche Revolution gestürzte absolutistische
Ordnung wieder her. Die gleiche Gendarmenrolle spielte Österreich
auch gegenüber Turin, wo die Anhänger der liberalen und nationa-
len Bewegung seit dem 10. März 1821 im Bürgerkrieg mit den Trup-
pen des Königs von Sardinien, Viktor Emanuel, standen und nach
etwa einem Monat mit Hilfe österreichischer Truppen niedergewor-
fen wurden. Am 5.Februar 1831 brach in Modena und in der Romagna
(einem Teil des Kirchenstaats) unter der Führung der Carbonari
(siehe Anm. 295) ein Aufstand aus. Ende März 1831 wurde diese Be-
wegung, die sich gegen die weltliche Macht des Papstes und die
österreichische Fremdherrschaft richtete und die Einheit Italiens
erringen wollte, von österreichischen und päpstlichen Truppen
niedergeschlagen.
Der Kongreß in Verona beschloß besonders auf Betreiben Öster-
reichs die Intervention in Spanien, um dort die Volksbewegung
niederzuwerfen und das absolute Königtum wiederherzustellen.
Frankreich übernahm die Durchführung des Beschlusses und rückte
1823 mit einem Heer von 100000 Mann in Spanien ein. Die liberale
Regierung, die eine Reihe von Reformen eingeleitet hatte, wurde
gestürzt und eine unerhörte Schreckensherrschaft der Reaktion er-
richtet. 154 294
154 Österreich, Preußen und Rußland unterstützten in den zwanzi-
ger und dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts in Portugal die
klerikal-feudale Partei mit Dom Miguel an der Spitze, die gegen
jegliche Einschränkung des Absolutismus auftrat. 154 297
155 In Spanien genoß Don Carlos, der 1833 einen Bürgerkrieg ent-
fesselte, um im Interesse der reaktionären klerikal-feudalen Par-
tei den Thron zu erobern, die Unterstützung Österreichs, Preußens
und Rußlands. 154 297
156 Bei dem Manifest der provisorischen Regierung zu Mailand an
das deutsche Volk handelt es sich um den Aufruf "Il Governo
provvisorio alla Nazione Germanica" vom 6. April 1848, in dem die
provisorische Regierung von Mailand ihrer brüderlichen Verbunden-
heit mit
#527# Anmerkungen
-----
dem deutschen Volk Ausdruck verleiht und es zum gemeinsamen Kampf
gegen die Kräfte der Reaktion aufruft. 156
157 Thierspartei - nach ihrem bekanntesten Führer Thiers benannte
Gruppe der royalistischcn Bourgeoisie in Frankreich, die sich um
die Zeitung "Le Constitutionnel" (siehe Anm. 146) sammelte. Als
Anhänger der Dynastie Orléans war sie Gegner der bürgerlichen und
kleinbürgerlichen Republikaner und trat vor dem Februar 1848 für
eine Monarchie mit republikanischen Institutionen, danach für
eine Republik mit monarchistischen Institutionen ein. Nach dem
Pariser Juniaufstand 1848 verschmolz sie aufs engste mit der dy-
nastischen Opposition (siehe Anm. 135). 157 429 433
158 Aus der Rede Caussidières am 27. Juni 1848 in der französi-
schen Nationalversammlung (siehe "Compte rendu des séances de
l'Assemblée nationale" [Sitzungsprotokolle der Nationalversamm-
lung], T. 2, Paris 1849). 158
159 westfälische Adresse - eine reaktionäre "Adresse der Krieger
und Wehrmänner des Kreises Hagen vom 19. Juni 1848", die in der
"Neuen Rheinischen Zeitung" Nr. 25 vom 25. Juni 1848
(Extrabeilage) wiedergegeben wurde. 160
160 Trierer Heldentaten - in Trier kam es in der Zeit vom 2. bis
4. Mai 1848 auf Grund von militärischen Provokationen zu Zusam-
menstößen zwischen preußischem Militär und der Bürgerschaft. Der
spätere preußische Kriegsminister Schreckenstein, damals stell-
vertretender kommandierender General des 8. Armeekorps, wurde zur
Unterdrückung der Unruhen nach Trier entsandt. Er ordnete die
Auflösung der Bürgerwehr an. 160
161 benachbarter Publizist - ein beliebter Ausdruck von Marx und
Engels für Brüggemann, den Chefredakteur der "Kölnischen Zei-
tung". 160 232
162 Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput XII. 161 435
163 Treasury-Whip (wörtlich "Peitsche der Ministerialabteilung
der Finanzen") - nach dem Sturz des Kabinetts Camphausen (siehe
auch Anm. 98) mit der Bildung der neuen Regierung beauftragt,
blieb Hansemann auch im neuen Kabinett Auerswald (26. Juni bis
21. September 1848) weiterhin Finanzminister, weil er dadurch als
Vertreter der Großbourgeoisie eine entscheidende Schlüsselposi-
tion in den Händen hielt, die es ihm ermöglichte, Gesetze und
Maßnahmen im Interesse seiner Klasse in der Regierung und der Na-
tionalversammlung "durchzupeitschen". 164
164 Heilige Hermandad - Bund spanischer Städte, der Ende des 15.
Jahrhunderts unter Mitwirkung königlicher Behörden gegründet
wurde, die sich bemühten, die Bourgeoisie im Kampf gegen die
großen Feudalherren im Interesse des Absolutismus auszunutzen.
Seit Mitte des 16. Jahrhunderts übten die bewaffneten Kräfte der
Heiligen Hermandad Polizeifunktionen aus. Im übertragenen, ironi-
schen Sinne bezeichnete man später mit "Heiliger Hermandad" die
Polizei. 166
165 Gürzenich - früherer Festsaal in Köln, der als Versammlungs-
raum diente; hier wurde am 25.Juni 1848 eine Versammlung des Köl-
ner Arbeitervereins durchgeführt, in der über die Schaffung einer
Vereinigungskommission, bestehend ans den Vertretern der drei de-
mokratischen Organisationen Kölns, debattiert wurde. Die drei Or-
ganisationen waren die Demokratische Gesellschaft, der Arbeiter-
verein und der Verein für Arbeiter und Arbeitgeber. 167
166 Code pénal - Strafgesetzbuch, das in Frankreich 1810 angenom-
men und in den unter Napoleon I. eroberten Gebieten West- und
Südwestdeutschlands eingeführt wurde; in der Rheinprovinz galt es
ebenso wie der Code civil (siehe Anm. 90) auch nach ihrer Anglie-
derung an Preußen im Jahre 1815. Die preußische Regierung war be-
strebt, in dieser
#528# Anhang und Register
-----
Provinz wieder das preußische Landrecht (siehe Anm. 167) einzu-
führen. Eine ganze Reihe von Gesetzen, Erlassen und Vorschriften
sollten in der Rheinprovinz die feudalen Privilegien des Adels
(die Majorate) und die preußische Strafgesetzordnung, Ehegesetz-
gebung usw. wiederherstellen. Diese Maßnahmen, die eine entschie-
dene Opposition in der Rheinprovinz hervorriefen, wurden nach der
Märzrevolution durch die Verordnungen vom 15. April 1848 aufgeho-
ben. 167 198 240 379 441
167 Das "Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten" von
1794 war eine Zusammenfassung des bürgerlichen Rechts, des Han-
dels-, Wechsel-, See- und Versicherungsrechts, ferner des Straf-,
Kirchen-, Staats- und Verwaltungsrechts; es verankerte den rück-
ständigen Charakter des feudalen Preußens in der Rechtsprechung
und galt in wesentlichen Teilen bis zur Einführung des Bürgerli-
chen Gesetzbuches im Jahre 1900. 167 216 240 301 324 402
168 Anneke wurde zusammen mit Gottschalk und Willich als einer
der Organisatoren der Massenversammlungen in Köln am 3. März 1848
verhaftet. Gegen alle drei wurde Anklage erhoben wegen
"Anstiftung zum Aufruhr und Gründung einer verbotenen Gesell-
schaft". Infolge der königlichen Amnestie wurden sie am 21. März
1848 aus der Haft entlassen. 167
169 Kösliner Adresse - in einem Aufruf wandten sich konterrevolu-
tionäre Junker und Beamte der Stadt Köslin (Pommern) am 23. Mai
1848 an die preußische Bevölkerung und forderten sie auf, nach
Berlin zu marschieren, um die Revolution niederzuschlagen. 170
170 Spanien, Mexiko, Polen und Krakau waren Hauptabsatzgebiete
der preußischen Weberei-und Spinnereiindustrie, welche durch die
unsinnige Handels- und Außenpolitik der preußischen Regierung vor
1848 verlorengingen. Dadurch wurde dieser Erwerbszweig ruiniert.
171
171 Als erniedrigende Maßnahme wurden den gefangengenommenen pol-
nischen Aufständischen auf Befehl des preußischen Generals Pfuel
die Köpfe geschoren (siehe auch Anm. 91). 171
172 Im Sommer 1848 wurde in Berlin außer der gewöhnlichen Polizei
eine Abteilung Bewaffneter in Zivil für den Einsatz gegen Stra-
ßenansammlungen und Massenkundgebungen des Volkes und für Spiona-
gedienste gebildet. Diese Polizeiabteilung nannte man Konstabler
analog zu den Spezial-Konstablern in England, die bei der Spren-
gung der Chartistendemonstration am 10. April 1848 eine bedeu-
tende Rolle spielten. 174 304
173 "Le Siècle" - Tageszeitung, erschien von 1836 bis 1939 in Pa-
ris; in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts brachte sie die
Anschauungen jenes Teils der Kleinbourgeoisie zum Ausdruck, der
sich auf die Forderung gemäßigter konstitutioneller Reformen be-
schränkte. 177
174 "La Presse" - bürgerliche Tageszeitung, die seit 1836 in Pa-
ris herausgegeben wurde. 1848/49 unterstützte sie die bürgerli-
chen Republikaner, später die Bonapartisten. 1836 bis 1857 war
Emile de Girardin Redakteur der Zeitung. 177
175 "Observateur" - Abkürzung für die belgische Tageszeitung
"L'Observateur Beige", die von 1835 bis 1860 in Brüssel erschien.
In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts war sie das Organ
der bürgerlichen Liberalen. 177 423
176 Am Schluß der Sitzung vom 4. Juli 1848, in der weiter über
die Kommission zur Untersuchung der Ereignisse in Posen debat-
tiert wurde, beschloß die preußische Nationalversammlung, dieser
Kommission unbeschränkte Vollmachten einzuräumen. Die Annahme
#529# Anmerkungen
-----
dieses Beschlusses bedeutete eine Niederlage für das Ministerium
Auerswald Hansemann. Die Vertreter des rechten Flügels versuchten
nunmehr, entgegen den parlamentarischen Regeln eine weitere Ab-
stimmung durchzusetzen, und zwar über den mit dem ersten Beschluß
bereits verworfenen Antrag, die Vollmachten der Kommission ein-
zuschränken. Die Abgeordneten des linken Flügels verließen zum
Zeichen des Protestes den Sitzungssaal. Die Rechten nutzten dies
aus und brachten den Antrag durch, der Kommission das Recht zu
verweigern, sich nach Posen zu begeben und an Ort und Stelle Zeu-
gen und Sachverständige zu vernehmen. Damit wurde die ursprüngli-
che Entscheidung der Versammlung unrechtmäßig annulliert. Zu dem
Verlauf der Debatte über eine Kommission für Posen in der preußi-
schen Nationalversammlung siehe vorl. Band, S. 48-52, 185-188 und
190-197. 177 184 185 197 206
177 Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput XXV. 178
178 Heine, "Der Tannhäuser", Kaput 2. 179
179 "The Morning Chronicle" - englische bürgerliche Tageszeitung,
erschien von 1769 bis 1862 in London. 180
180 "Biene" - gemeint ist "Sewernaja ptschela" [Die Biene des
Nordens], eine russische politische und literarische Zeitung, die
von 1825 bis 1864 in Petersburg unter der Redaktion von Bulgarin
und Gretsch erschien. Sie war ein halbamtliches Organ der zari-
stischen Regierung. 180
181 In der Note, die Major Wildenbruch in geheimer Mission des
preußischen Königs am 8. April 1848 der Regierung von Dänemark
übergab, wurde darauf hingewiesen, daß der Krieg in Schleswig-
Holstein (siehe Anm. 40) von Preußen nicht geführt werde, um Dä-
nemark das Herzogtum zu entreißen, sondern lediglich darum, um
die "radikalen und republikanischen Elemente in Deutschland" zu
bekämpfen. Die preußische Regierung umging auf jede Art und Weise
die offizielle Anerkennung dieses sie kompromittierenden Doku-
ments. 180 257 296 396
182 patriotische Überkraft - aus Heines Zeitgedicht "Bei des
Nachtwächters Ankunft in Paris". 180
183 Frankfurter Beschlüsse über den Schutz aller Nationalitäten -
in ihrer 10. Sitzung am 31. Mai 1848 nahm die Nationalversammlung
in Frankfurt auf Vorschlag des Verfassungsausschusses eine Pro-
klamation an, in welcher es u.a. heißt: "Die Verfassunggebende
deutsche Nationalversammlung erklärt feierlich: Daß sie im vollen
Maße das Recht anerkenne, welches die nichtdeutschen Volksstämme
auf deutschem Bundesboden haben, den Weg ihrer volkstümlichen
Entwicklung ungehindert zu gehen..." 187
184 Es handelt sich um die im Juli 1848 in der "Neuen Rheinischen
Zeitung" veröffentlichte Artikelserie von Ernst Dronke: "Die
preußische Pacificirung und Reorganisation Posens". 190
185 Die Korrespondenz des Erzbischofs von Posen, Przyluski, mit
dem Berliner Kabinett ist abgedruckt in [Brodowski, Kraszewski,
Potworowski] "Zur Beurtheuilung der polnischen Frage im Großher-
zogthum Posen im Jahre 1848". Berlin [1848]. 190 320
186 Aus Heines Zeitgedicht "Zur Beruhigung". Der Dichter geißelt
darin das Philistertum und den Konservatismus des deutschen Bür-
gers, indem er diesem die Republikaner des alten Roms gegenüber-
stellt. 196 222 291
187 Langes Parlament - so wurde das englische Parlament genannt,
das in der Periode der bürgerlichen Revolution 13 Jahre hindurch
(1640-1653) ohne Neuwahl tagte. 196
#530# Anhang und Register
-----
188 "Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe" - Tages-
zeitung, die vom 1. Januar 1842 bis 31. März 1843 in Köln
erschien. Die Zeitung war von Vertretern der rheinischen
Bourgeoisie gegründet worden, die dem preußischen Absolutismus
gegenüber oppositionell eingestellt waren. Zur Mitarbeit wurden
auch einige Junghegelianer herangezogen. Ab April 1842 wurde Karl
Marx Mitarbeiter der "Rheinischen Zeitung" und ab Oktober des
gleichen Jahres ihr Chefredakteur. Die Zeitung veröffentlichte
auch eine Reihe Artikel von Friedrich Engels. Unter der Redaktion
von Karl Marx begann die "Rheinische Zeitung" einen immer
ausgeprägteren revolutionär-demokratischen Charakter anzunehmen.
Diese Richtung der "Rheinischen Zeitung", deren Popularität in
Deutschland ständig wuchs, rief Besorgnis und Unzufriedenheit in
Regierungskreisen und eine wütende Hetze der reaktionären Presse
gegen sie hervor. Am 19. Januar 1843 erließ die preußische
Regierung eine Verordnung, die die "Rheinische Zeitung" mit dem
1. April 1843 verbot und bis dahin eine besonders strenge Zensur
über sie verhängte. 198 452
189 Am 20. Oktober 1842 veröffentlichte die "Rheinische Zeitung"
den äußerst reaktionären Entwurf eines Ehescheidungsgesetzes,
dessen Vorbereitung in Regierungskreisen streng geheimgehalten
wurde. Dadurch wurde eine breite öffentliche Diskussion über den
Gesetzentwurf in einer Reihe von Zeitungen veranlaßt. Die Veröf-
fentlichung des Entwurfes des Ehescheidungsgesetzes und die ent-
schiedene Weigerung der Redaktion der "Rheinischen Zeitung", die
Person zu nennen, die den Wortlaut des Gesetzentwurfes übersandt
hatte, waren eine der Ursachen für das Verbot der "Rheinischen
Zeitung". 198
190 Kamptz, Mitglied der Mainzer Zentralen Immediatkommission
(siehe Anm. 342), war einer der eifrigsten Organisatoren der Pro-
zesse, die 1819 gegen die sogenannten Demagogen - die Vertreter
der bürgerlichen Opposition - begannen.
Die schwarz-rot-goldnen Farben waren zum Symbol der nationalen
Einigungsbewegung in Deutschland geworden. 198
191 In der Volksversammlung im Saal des Gürzenich in Köln wurde
am 9. Juli 1848 auf Vorschlag der Demokratischen Gesellschaft ein
Schreiben an die preußische Nationalversammlung angenommen, das
an einer Reihe von Beispielen die konterrevolutionäre Praxis der
Regierung Auerswald-Hansemann entlarvte und die preußische
Nationalversammlung aufrief zu erklären, daß das Ministerium Au-
erswald-Hansemann "das Vertrauen des Landes nicht besitze". 200
192 Car tel est notre bon plaisir (Denn dies ist unser Wille) -
so lautete die Schlußformel der königlichen Verordnungen in
Frankreich, die sich zuerst unter einem Edikt Ludwigs XI. vom 31.
Oktober 1472 findet. 207
193 Das Ministerium Camphausen verlangte von dem am 2. April 1848
zusammenberufenen zweiten Vereinigten Landtag (siehe Anm. 35) die
Bewilligung einer Staatsanleihe in Höhe von 25 Millionen Talern.
Darüber hinaus wurde die Zustimmung zur Beschaffung von 15 Mil-
lionen Talern durch Ausschreibung neuer oder Erhöhung alter Steu-
ern gefordert. Eine königliche Botschaft unterstrich die Dring-
lichkeit der Aufbringung dieser Geldmittel, da die Bestände des
Staatsschatzes nicht ausreichend seien. Finanzminister Hansemann
gab dazu eine Erklärung ab, daß nach Deckung der notwendigen Aus-
gaben im Staatsschatz "nur noch 3500000 Taler verbleiben, eine
überaus mäßige Summe, welche man ... als ein zu reservierendes
Minimum betrachten muß", und daß "ohne rechtzeitige Fürsorge ...
die Erhaltung des Staats gefährdet sein würde" (siehe
"Verhandlungen des zum 2. April 1848 zusammenberufenen Vereinig-
ten Landtages", zusammengestellt von E. Bleich, Berlin 1848). 209
#531# Anmerkungen
-----
194 Heine, Zeitgedicht "Der Tambourmajor". 212
195 Scheinkäufe - gemeint sind Geschäfte, die aus spekulativen
Gründen abgeschlossen werden, wobei keine Warenbewegung oder Be-
wegung der Wertpapiere stattfinde!. Dan Spekulationselement er-
gibt sich aus den unterschiedlichen Börsenkursen, mit denen Käu-
fer und Verkäufer zum vereinbarten Liefertermin rechnen. 214
196 Der "Entwurf eines Gesetzes über die Errichtung der Bürger-
wehr" vom 6. Juli 1848 wurde am 7. Juli der preußischen National-
versammlung übermittelt. Das Gesetz selbst trat am 12. Oktober
1848 in Kraft. 217 243
197 Landwehr - ursprünglich die allgemeine Landesbewaffnung, das
Aufgebot aller Wehrfähigen zur Verteidigung; mit Einführung der
stehenden Heere trat diese Bedeutung der Landwehr zurück, erst
mit dem zunehmenden Bedarf an Streitkräften in den Napoleonischen
Kriegen griff man auf sie zurück. In Preußen veranlaßte Scharn-
horst nach dem Tilsiter Frieden die Einrichtung einer Landwehr,
die in engste Verbindung mit dem stehenden Heer gebracht wurde.
Die Landwehrordnung von 1815 teilte die Landwehr in zwei Aufge-
bote. Das erste umfaßte alle aus dem Heer entlassenen Leute vom
26. bis zum 32. Lebensjahr und diente neben dem stehenden Heer
zur Bildung der Feldarmee, das zweite die Leute vom 32. bis 40.
Lebensjahr als Festungsbesatzung. 219 220 252
198 Die Frankfurter Nationalversammlung beschloß am 28. Juni 1848
die Schaffung einer provisorischen Zentralgewalt, die aus dem
Reichsverweser (für dieses Amt war der österreichische Erzherzog
Johann gewählt worden) und dem Reichsministerium bestehen sollte.
Die provisorische Zenlralgewalt verfügte über kein eigenes Budget
und keine eigene Armee und war damit jeglicher realen Macht be-
raubt; sie unterstützte die konterrevolutionäre Politik der deut-
schen Fürsten. 222
199 satte Tugend und zahlungsfällige Moral - aus der Romanze
"Anno 1829" von Heine. 224 421
200 Zollverein (Preußisch-deutscher Zollverein) - eine wirt-
schaftspolitische Vereinigung deutscher Einzelstaaten unter preu-
ßischer Führung zur Beseitigung der Binnenzölle und zur gemeinsa-
men Regelung der Grenzzölle. Er wurde am 1. Januar 1834 gebildet
und umfaßte 18 deutsche Staaten mit über 23 Millionen Menschen.
Österreich und einige süddeutsche Staaten traten dem Zollverein
nicht bei. 226
201 Vendée - eine französische Provinz, in der während der Fran-
zösischen Revolution im Frühjahr 1793 ein gegenrevolutionärer
Aufstand unter der Führung des Adels ausbrach, der sich auf die
Bauernschaft dieses ökonomisch rückständigen Gebietes stützte.
Vendee wird daher verallgemeinert für konterrevolutionäre Strö-
mungen gebraucht. 227 295 403
202 Anti-Corn-Law League (Anti-Korngesetz-Liga) - eine freihänd-
lerische Vereinigung, die 1838 von den Fabrikanten Cobden und
Bright in Manchester gegründet wurde. Die sogenannten Kornge-
setze, die die Einschränkung bzw. das Verbot der Getreideeinfuhr
aus dem Ausland zum Ziele hallen, waren in England im Jahre 1815
im Interesse der dortigen Großgrundbesitzer, der Landlords, ein-
geführt worden. Die Liga erhob die Forderung nach völliger Han-
delsfreiheit und kämpfte für die Abschaffung der Korngesetze mit
dem Ziel, die Löhne der Arbeiter zu senken und die ökonomischen
und politischen Positionen der Grundaristokratie zu schwächen. In
ihrem Kampf gegen die Grundbesitzer versuchte die Liga, die Ar-
beitermassen auszunutzen. Aber gerade zu dieser Zeit schlugen die
fortgeschrittensten Arbeiter Englands den Weg einer selbständigen
politisch ausgeprägten Arbeiterbewegung (Chartismus) ein. Der
Kampf zwischen der industriellen Bourgeoisie und der Grundaristo-
kratie endete 1846 mit der Annahme der Bill über die Abschaffung
der Korngesetze. Danach löste sich die Liga auf. 228 286
#532# Anhang und Register
-----
203 Am 2. April 1848 verließ die republikanische Minderheit, ge-
führt von Hecker und Struve, zum Zeichen des Protestes gegen die
Politik der liberalen Mehrheit das Vorparlament (siehe Anm. 11).
Die durch das Anwachsen der republikanischen Bewegung erschreckte
Regierung von Baden nahm einen Beschluß über die Vergrößerung der
Armeekontingente an, wandte sich um militärische Unterstützung an
die benachbarten deutschen Staaten und verhaftete auf Grund einer
Denunziation des Liberalen Mathy den Republikaner Fickler. Diese
Maßnahmen der badischen Regierung lösten den republikanischen
Aufstand am 12. April 1848 unter Führung der kleinbürgerlichen
Demokraten Hecker und Struve aus. Ende April wurde der Aufstand,
der von Anfang an schlecht vorbereitet und organisiert war, nie-
dergeschlagen. 229
204 "Kölnische Zeitung" Nr. 203 vom 21. Juli 1848. 233
205 Heine, Zeitgedicht "An Georg Herwegh". 238
206 In den meisten deutschen Staaten waren die Wahlen zur Frank-
furter Nationalversammlung indirekt, d.h. die wahlberechtigten
Bürger wählten nur die sogenannten Wahlmänner, diese dann wie-
derum die Abgeordneten zur Nationalversammlung. Nach dem Gesetz
vom 8. April 1848 (siehe Anm. 30) wurden auch die Abgeordneten
der preußischen Nationalversammlung auf diese Weise gewählt. 238
207 Am 14. Juli 1848 gab der Heidelberger Senat bekannt, "daß
nach Maßgabe des Gesetzes vom 26. Oktober 1833 der demokratische
Studentenverein aufgelöst und sein Fortbestand verboten ist". Der
Senat bezog sich dabei auf den Artikel 2 des erwähnten Gesetzes,
in dem es heißt: "Die Teilnahme an verbotenen Vereinen wird mit
bürgerlichem Gefängnis bis zu vier Wochen oder mit Geldstrafe bis
zu 25 Fl. bestraft, vorbehaltlich der höheren Strafe, wenn der
Verein nach den Gesetzen als ein besonderes Vergehen oder Verbre-
chen erscheint." 239
208 Preußischer Preßgesetzentwurf - der "Entwurf eines interimi-
stischen Preßgesetzes" ist abgedruckt in der "Kölnischen Zeitung"
Nr. 201 vom 19.Juli 1848, Erste Beilage. Die Hauptbestimmungen
dieses Entwurfs erschienen außerdem in der "Neuen Rheinischen
Zeitung" Nr. 47 vom 17. Juli 1848. 240
209 In Homers "Odyssee" (10. Gesang) verwandelt die griechische
Göttin Circe die Hälfte der Gefährten des Odysseus in Schweine.
246
210 Heine, "Berg-Idylle", Gedicht aus "Die Harzreise". 249
211 Quadratur des Zirkels (Kreises) - die unlösbare Aufgabe,
zwecks Berechnung der Kreisfläche einen Kreis in ein vollkommen
flächengleiches Quadrat zu verwandeln. 249
212 Häng dich auf, Figaro! Du würdest das nicht ersonnen haben! -
abgewandeltes Zitat aus Beaumarchais, "La folle journée, ou le
mariage de Figaro" [Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro],
V. Akt, achte Szene. 251
213 Im Juni 1848 fanden in Malmö (Schweden) Waffenstillstandsver-
handlungen zwischen dänischen und preußischen Bevollmächtigten
statt. Es kam zu einem Abkommen, das zwar am 8. Juli vom preußi-
schen König genehmigt, aber vom kommandierenden General Wrangel
auf Grund der äußerst ungünstigen Bedingungen für die preußisch-
deutsche Seite nicht unterzeichnet wurde. So kam dieses Projekt
nicht zur Ausführung. Der eigentliche Waffenstillstand wurde erst
am 26. August 1848 geschlossen (siehe Anm. 40 und 307). 252 253
256 386
#533# Anmerkungen
-----
214 "Faedrelandet" - dänische Zeitung, die von 1834 bis 1839 in
Kopenhagen wöchentlich, später täglich erschien; 1848 war sie das
halbamtliche Organ der dänischen Regierung.
253 257
215 "allzeit Mehrer des Reichs" - aus dem offiziellen Titel der
deutschen Kaiser bis 1806: "von Gottes Gnaden Römischer Kaiser zu
allen Zeiten Mehrer des Reichs". 253
216 Schleswig-Holstein, meerumschlungen - der Anfang eines 1844
gedichteten Liedes von Matthäus Friedrich Chemnitz. In diesem
Lied wird mit kleinbürgerlich-nationaler Begeisterung die Zugehö-
rigkeit Schleswig-Holsteins zu Deutschland und die Untrennbarkeit
von Schleswig und Holstein hervorgehoben. 256 394
217 Sundzoll-Geldabgabe, die von 1425 bis 1857 durch Dänemark von
ausländischen Schiffen erhoben wurde, die durch den Sund fuhren.
258
218 "La Concordia" - italienische bürgerlich-liberale Zeitung,
die 1848/49 in Turin erschien. 260
219 Der Arbeiterkongreß, der vom 23.August bis 3.September 1848
in Berlin tagte, war auf Initiative einer Reihe von Arbeiterorga-
nisationen einberufen worden. Das unter Einfluß von Stefan Born
zusammengestellte Programm des Kongresses stellte den Arbeitern
die Verwirklichung einer Reihe sozialer Forderungen als Aufgabe
und lenkte sie damit vom revolutionären politischen Kampf ab.
Dieses Programm wurde in der "Neuen Rheinischen Zeitung" Nr. 31
vom 1. Juli 1848 ohne Kommentar in der Korrespondenz aus Berlin
veröffentlicht. 260
220 Der "Entwurf eines Gesetzes betreffend die Ausschreibung ei-
ner Zwangs-Anleihe" vom 10. Juli 1848 und seine Motivierung wur-
den der preußischen Nationalversammlung am 12. Juli 1848 vorge-
legt. 262
221 Pfund Sterling (pound sterling) - englische Währungseinheit,
die in 20 shilling zu je 12 pence zerfällt; ein farthing ist die
kleinste englische Münze im Werte von 1/4 penny. 262
222 [Isaac Pinto] "Traité de la circulation et du crédit"
[Abhandlung über Zirkulation und Kredit], Amsterdam 1771. 263
223 Aus Freiligraths Gedicht "Trotz alledem". 263 303
224 "gleitende Skala" (sliding-scale) - ein in England während
des Bestehens der Korngesetze angewandtes System zur Festsetzung
der Getreidezölle, bei dem der Zoll bei steigendem Preis des Ge-
treides auf dem inneren Markt fällt und bei sinkendem Preis
steigt. 265
225 Cervantes, "Die beispielhaften Novellen", Novelle "Gespräch
zwischen Cipion und Berganza, den Hunden des Auferstehungshospi-
tals". 266 270
228 Abgewandeltes Zitat aus Heines Gedicht "Du hast Diamanten und
Perlen" aus dem Zyklus "Die Heimkehr". 268 429
227 Die preußische Regierung forderte den Provinziallandtag von
Posen auf, sich zur Eingliederung des größten Teils des Großher-
zogtums Posen in den Deutschen Bund zu äußern. Die Ständeversamm-
lung lehnte die Eingliederung am 6. April 1848 mit 26 gegen 17
Stimmen ab. 271 349
228 Der erste demokratische Kongreß tagte vom 14. bis 17. Juni
1848 in Frankfurt am Main; auf ihm waren Delegierte von 89 demo-
kratischen Vereinen und Arbeiterorganisationen aus 66 Städten
Deutschlands vertreten. Der Kongreß erklärte auf Initiative der
Arbeiter-delegierten die demokratische' Republik als einzige für
das deutsche Volk haltbare Verfassung. Es wurde die Zusammenfas-
sung aller demokratischen Vereine, die Schaffung von Kreisaus-
schüssen und eines sie anleitenden Zentralausschusses mit seinem
Sitz in
#534# Anhang und Register
-----
Berlin beschlossen. Als Mitglieder des Zentralausschusses wurden
Fröbel, Rau, Kriege, als ihre Vertreter Bairhoffer, Schütte und
Anneke gewählt. Infolge der Schwäche und Unbeständigkeit der
kleinbürgerlichen Führung blieb die demokratische Bewegung
Deutschlands auch nach diesem Beschluß zersplittert und unorgani-
siert. Die Zusammenarbeit blieb der persönlichen Initiative der
Führung der Vereine in den Städten und Kreisen überlassen. 276
229 "Deutsche Zeitung" Nr. 206 vom 26. Juli 1848. 277
230 Die gemäßigten bürgerlichen Elemente in Deutschland, Anhänger
der konstitutionellen Monarchie, schlossen sich in konstitutio-
nellen Vereinen und Klubs, an deren Spitze der Konstitutionelle
Klub in Berlin stand, und in Bürgervereinen (siehe Anm. 74) zu-
sammen. Die Preußenvereine wie auch das Organ der schwärzesten
junkerlichen Konterrevolution - der Verein zum Schutze des Eigen-
tums und der Förderung des Wohlstandes aller Volksklassen - ver-
kündeten ein reaktionäres, von preußischem Geist durchdrungenes
Programm. In einer Reihe von Städten der Rheinprovinz existierten
katholische Organisationen - Vereine Pius IX. (Piusvereine); sie
verkündeten ein konstitutionelles Programm mit sozial-demagogi-
schen Zusätzen. 277
231 Der "Entwurf eines Gesetzes wegen unentgeltlicher Aufhebung
verschiedener Lasten und Abgaben" vom 10. Juli 1848 wurde am 11.
Juli der preußischen Nationalversammlung zugeleitet; seine Moti-
vierung erfolgte in der Sitzung vom 18. Juli 1848. 278 282
232 Im Rheinland, wo der Einfluß der Französischen Revolution
sehr stark war, wurden während der Herrschaft Napoleons I. die
Feudalverhältnisse aufgehoben und nach 1815 nicht wiederherge-
stellt. Im übrigen Preußen dagegen blieben sie im wesentlichen
bis 1848 erhalten. 278
233 Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput VIII. 278 352
234 Das Wort "ein kühner Griff" ist in den Verhandlungen der
Frankfurter Nationalversammlung über die Schaffung einer Zentral-
gewalt in Deutschland im Jahre 1848 zuerst von dem Abgeordneten
Mathy und dem Präsidenten Gagern gebraucht worden und wurde
schnell populär. 279 414
235 Nach dem 1834 in England angenommenen Armengesetz war als
einzige Form der Hilfe für die Armen ihre Unterbringung in Ar-
beitshäusern mit Zuchthausregime gestattet-das Volk nannte diese
Häuser "Bastillen für die Armen". 284
236 Insurrektionen von 1839 und 1842 - im Jahre 1839 erlitt der
von den Chartisten (siehe Anm. 60) vorbereitete Aufstand in Wales
eine blutige Niederlage, da die Arbeiter durch Verrat zum vorzei-
tigen Losschlagen gezwungen worden waren. Im August 1842 unter-
nahmen die englischen Arbeiter auf Grund der sich verschärfenden
Wirtschaftskrise und der erneuten Ablehnung ihrer politischen
Forderungen (Volkscharte) durch das Parlament in einer Reihe von
Industriebezirken (Lancashire, Yorkshire u.a.) den Versuch, einen
Generalstreik durchzuführen. Im Verlauf des Streiks kam es in ei-
nigen Orten zu bewaffneten Zusammenstößen mit Truppen und Poli-
zei. Der Streik wurde jedoch keine allgemeine Aktion und endete
mit einer Niederlage der Arbeiter. Zahlreiche Führer der Charti-
stenbewegung wurden verhaftet. 285
237 "L'Union" - Monatsschrift, die von Dezember 1843 bis Septem-
ber 1846 in Paris von einer Gruppe von Arbeitern herausgegeben
wurde, die unter dem Einfluß der Ideen Saint-Simons stand.
"La Ruche populaire" - Monatszeitschrift für Arbeiter, die den
utopischen Sozialismus vertrat; erschien von Dezember 1839 bis
Dezember 1849 in Paris.
#535# Anmerkungen
-----
"La Fraternité de 1845" - monatlich erscheinendes Arbeiterjournal
der babeufschen Richtung, das von Januar 1845 bis Februar 1848 in
Paris herausgegeben wurde. 286
238 Der Kampf um die gesetzliche Beschränkung des Arbeitstages
auf 10 Stunden begann in England bereits Ende des 18. Jahrhun-
derts und erfaßte seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts
breite Massen des Proletariats. Da die Vertreter der Feudalari-
stokratie bestrebt waren, diese populäre Losung in ihrem Kampf
gegen die industrielle Bourgeoisie auszunutzen, setzten sie sich
im Parlament für die Zehnstundenbill ein. Das Gesetz über den
zehnstündigen Arbeitstag, das sich nur auf Jugendliche und Arbei-
terinnen erstreckte, wurde am 8. Juni 1847 vom englischen Parla-
ment angenommen. 287
239 Ceterum censeo - die Anfangsworte eines Ausspruchs von Cato
dem Älteren, mit dem er gewöhnlich alle seine Reden im Senat
schloß: "Ceterum censeo, Carthaginem esse delendam" (Übrigens bin
ich der Meinung, daß Karthago zerstört werden muß). 292
240 Gemeint ist die "Frankfurter Oberpostamts-Zeitung", die von
1617 bis 1866 in Frankfurt am Main erschien. Während der Revolu-
tion 1848/49 war sie das Organ der provisorischen Zentralgewalt -
des Reichsverwesers und des Reichsministeriums.
Das Zirkular Nesselrodes an die russischen Gesandten in den deut-
schen Staaten wurde von dieser Zeitung in Nr. 210 vom 28. Juli
1848 veröffentlicht. 293
241 Am 25. Juni 1807 trafen Napoleon und Zar Alexander I. zum er-
stenmal auf einem überdachten Floß auf dem Njemen zusammen. Die-
ses Treffen, das ohne Zeugen stattfand, leitete die Friedensver-
handlungen (Rußland hatte seit 1806 an der Koalition gegen Na-
poleon teilgenommen) und den Abschluß eines Bündnisses zwischen
Frankreich und Rußland ein. Im Friedensvertrag von Tilsit trat
der Zar dem Kontinentalsystem bei, und mit seiner Zustimmung er-
hielt Napoleon große Teile der preußischen Monarchie; weitere
preußische Gebiete mit 186 000 Einwohnern wurden an Rußland abge-
treten. Auf dem Treffen in Erfurt vom 17.September bis 14.
Oktober 1808 wurde das Bündnis zwischen Napoleon und dem Zaren
erneuert. 294
242 Kalischer Proklamation - ein "Aufruf an die Deutschen", der
am 13. (25.) März 1813 in der Stadt Kaiisch verfaßt wurde. Der
russische Zar und der preußische König riefen die Deutschen zum
Kampf gegen Napoleon auf und versprachen ihnen demagogisch Frei-
heit und Unabhängigkeit. 294
243 Die Heilige Allianz war ein Bund der konterrevolutionären
Mächte gegen alle fortschrittlichen Bewegungen in Europa. Sie
wurde am 26.September 1815 auf Initiative des Zaren Alexander I.
von den Siegern über Napoleon geschaffen. Ihr schlossen sich, ne-
ben Österreich und Preußen, fast alle europäischen Staaten an.
Die Monarchen verpflichteten sich zur gegenseitigen Unterstützung
bei der Unterdrückung von Revolutionen, wo immer sie ausbrechen
sollten. 294 332
244 Nach dem Zeugnis einiger Zeitgenossen wandte sich Nikolaus
I., als er die Nachricht von der Februarrevolution 1848 in
Frankreich erhielt, an die auf dem Hofball anwesenden Offiziere
mit dem Ausruf: "Satteln Sie die Pferde, meine Herren! In
Frankreich ist die Republik ausgerufen!" 295
245 Anspielung auf die Flucht des Prinzen von Preußen nach Eng-
land (siehe Anm. 58). 295
246 Im Jahre 1772 erfolgte die erste Teilung Polens durch Preu-
ßen, Österreich und Rußland. 296
247 Polnische Revolution von 1830 - am 29. November 1830 brach in
Warschau ein Aufstand gegen die zaristische Fremdherrschaft aus,
dem sich viele polnische Bauern anschlossen, weil sie hofften,
mit der nationalen auch die soziale und wirtschaftliche Freiheit
zu erringen.
#536# Anhang und Register
-----
Die Führung des Aufstandes lag jedoch in den Händen des pol-
nischen Adels, der nicht daran dachte, die Bauern zu befreien und
ihnen Land zu geben, sondern nur seine bestehenden Rechte gegen-
über dem Zaren bewahren wollte. Das unter Führung des polnischen
Historikers Joachim Lelewel stehende demokratische Lager war zu
schwach, um sich durchzusetzen. "Der Aufstand von 1830 war weder
eine nationale Revolution (sie schloß drei Viertel von Polen aus)
noch eine soziale oder politische Revolution: sie änderte nichts
an der Lage des Volkes im Innern; sie war eine konservative Revo-
lution" (Engels). Zur Unterdrückung des Aufstandes begann Zar Ni-
kolaus I. Ende Januar 1831 den Krieg gegen Polen, der am 7. Sep-
tember 1831 mit dem Fall von Warschau beendet wurde. Durch den
Aufstand wurde das zaristische Heer in Polen festgehalten und am
beabsichtigten Eingreifen gegen die Revolution in Westeuropa ge-
hindert. 297 325 333
248 Patente von 1847 - es handelt sich um das "Patent, die stän-
dischen Einrichtungen betreffend", die "Verordnung über die Bil-
dung des Vereinigten Landtages" und die "Verordnung über die pe-
riodische Zusammenberufung des Vereinigten ständischen Ausschus-
ses und dessen Befugnisse", alle drei vom 3. Februar 1847. In
diesen Verordnungen berief sich der König auf die Gesetze über
die Ständevertretungen, die in den zwanziger bis vierziger Jahren
des 19. Jahrhunderts in Preußen erlassen wurden, darunter auf die
"Verordnung über die Bildung eines Ausschusses der Stände des Kö-
nigreichs Preußen" vom 21. Juni 1842, auf deren Grundlage der Kö-
nig am 19.August die Ausschüsse sämtlicher Provinziallandtage zum
18. Oktober 1842 nach Berlin berief. Diese Berufung wurde aus-
drücklich als eine Entwicklung der ständischen Institutionen, als
ein Element der Staatseinheit dargestellt, obwohl man ängstlich
bemüht war, die Befugnisse dieses Vereinigten ständischen Aus-
schusses aufs engste zu begrenzen. Aber selbst vor diesem zaghaf-
ten, völlig unzureichenden Schritt zu einer zentralen Ständever-
tretung hatten damals die russische und österreichische Regierung
den preußischen König gewarnt. 297
249 Im Juni 1848 wurde in der Walachei (Bukarest) nach der Flucht
des Fürsten Bibesko von liberalen Kräften eine provisorische Re-
gierung gebildet, welche eine Reihe bürgerliche Reformen und eine
Verfassung nach europäischem Muster sowie ein Übereinkommen mit
der Türkei anstrebte. Daraufhin überschritt am 10. Juli ein rus-
sisches Armeekorps den Pruth. Gleichzeitig gelang es der zaristi-
schen Regierung, die Türkei zu bewegen, ebenfalls Truppen zur Un-
terdrückung der Befreiungsbewegung in dieses Gebiet zu entsenden.
Im Verlauf des September besetzten türkische Truppen die Walachei
und hielten in Bukarest blutige Abrechnung mit der Bevölkerung.
In einem von dem türkischen Regierungskommissar Fuad Effendi ver-
öffentlichten Manifest wurde die Notwendigkeit der Errichtung ei-
ner "Gesetzesordnung" und die "Beseitigung aller Folgen der Revo-
lution" verkündet. 297 429 440
250 Ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten (eine fast allge-
meine Mißernte) und Katastrophen (Cholera und verheerende Brände)
riefen im Frühjahr und Sommer 1848 in Rußland einen Aufschwung
der Bauernbewegung, Cholera-"Unruhen" in Petersburg und Riga so-
wie Volksbewegungen in einigen Gouvernements (z.B. im Gouverne-
ment Wladimir) hervor. Einer der wichtigsten Herde der revolutio-
nären Gärung war in jener Zeit der russische Teil Polens, wo die
Bewegung einen nationalen Charakter trug und durch den Aufstand
im Großherzogtum Posen (siehe Anm. 52) gefördert wurde. 298
251 das ist der Welt Lauf - Goethe, "Faust", Erster Teil,
"Garten". 300
252 Indemnitätsbill - im parlamentarischen Leben (besonders in
England) die Entbindung des Ministeriums von der Verantwortlich-
keit für einen eigenmächtig verfügten Staatsakt durch nachträgli-
che Einholung der Zustimmung des Parlaments. 304
#537# Anmerkungen
-----
253 geheimes Kabinett Von Potsdam - gemeint ist die reaktionäre
Clique (die Brüder Gerlaeh, Radowitz u.a.), die den preußischen
König Friedrich Wilhelm IV. umgab. 304
254 Die Rede Proudhons in der Sitzung der französischen National-
versammlung vom 31. Juli 1848 wird in diesem Artikel nach Korre-
spondentenberichten dargelegt und zitiert; ungekürzt wurde sie
veröffentlicht in "Compte rendu des séances de l'Assemblée natio-
nale" [Sitzungsprotokolle der Nationalversammlung], T. 2, Paris
1849. 305
255 Unter der Redaktion Proudhons erschien von April bis August
1848 in Paris die Zeitung "Le Représentant du Peuple". Der zi-
tierte Ausspruch ist in dem Leitartikel Proudhons in Nr. 96 vom
8. Juli 1848 enthalten. 306
256 Eine eingehende Kritik der ökonomischen und philosophischen
Anschauungen Proudhons gab Marx 1847 in der Arbeit "Das Elend der
Philosophie" (siehe Band 4 unserer Ausgabe). 308
257 Dreschgärtner - so wurden in einigen Gebieten Deutschlands,
besonders in Schlesien, abhängige Bauern genannt, die vom Grund-
herrn eine Bodenparzelle mit einem Häuschen erhielten und für den
Grundherrn gegen geringen Lohn in Geld- oder Naturalform überwie-
gend Druscharbeiten leisten mußten. 312
258 "Le Moniteur Belge" - so hieß nach dem Vorbild des französi-
schen Regierungsorgans eine belgische Tageszeitung, die 1831 als
offizielles Organ in Brüssel gegründet wurde. 315 438
259 Die Angaben über die Jugendkriminalität in Belgien sind dem
1848 in Brüssel erschienenen Buch "Mémoire sur l'organisation des
écoles de réforme" [Denkschrift über die Organisation von Reform-
schulen] von Edouard Ducpetiaux entnommen. 316
260 Die Angaben über die Ausfuhr Belgiens sind der Zeitung "Le
Moniteur Belge" Nr. 213 vom 31. Juli 1848 entnommen. Da diese Un-
terlage zur Überprüfung nicht vorlag, blieben die bei der Gegen-
überstellung der Zahlen auftretenden Differenzen unberücksich-
tigt. 317
261 Septembertagfeier - traditionelle Feier in Belgien zu Ehren
des Jahrestages seiner Unabhängigkeitserklärung 1830; an diesen
Tagen werden große Volksfeste veranstaltet. 318
262 Die Vögel liebten ihn wie ihren Wohltäter - [F.G. Benkert]
"Joseph Bonavita Blank's... kurze Lebensbeschreibung", Würzburg
1819. 319
263 Der Bericht Stenzels im Namen des völkerrechtlichen Ausschus-
ses der Frankfurter Nationalversammlung, "die Einverleibung eines
Theils des Großherzogthums Posen in den Deutschen Bund ... be-
treffend", wurde am 24.Juli 1848 gegeben und ist mit der an-
schließenden Debatte abgedruckt in "Stenographischer Bericht über
die Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversamm-
lung zu Frankfurt am Main", Bd. 2, Leipzig 1848. 320
264 Mit der preußischen Konstitution meint Engels die mehrmaligen
Versprechungen König Friedrich Wilhelms III., in Preußen eine
Ständeverfassung einzuführen (siehe auch Anm. 13 und 51). 320
265 Auf dem Wiener Kongreß (18. September 1814 bis 9. Juni 1815)
trafen sich die Sieger über Napoleon I., um sich auf Kosten
Frankreichs zu bereichern. Das Ziel des Kongresses war die Wie-
derherstellung des feudal-reaktionären Systems, das vor der Fran-
zösischen Revolution bestand, sowie der Grenzen Frankreichs von
1792. England erhielt alle französischen Kolonien. Die Zersplit-
terung Deutschlands und Italiens, die Teilung Polens und die Un-
terjochung Ungarns blieben aufrechterhalten. 320
266 Wiener Verträge - in den Verträgen, die von Rußland, Preußen
und Österreich in Wien am 3. Mai 1815 unterschrieben worden wa-
ren, sowie in der Abschlußakte des Wiener
#538# Anhang und Register
-----
Kongresses vom 9. Juni 1815 war das Versprechen enthalten, in al-
len polnischen Provinzen Volksvertretungen und nationale staatli-
che Einrichtungen zu schaffen. In Posen kam es zur Einberufung
einer Ständevertreter-Versammlung, die beratende Funktionen
hatte. 325 362.
267 Mit Gott für König und Vaterland - in einer Verordnung Fried-
rich Wilhelms III. vom 17.März 1813 über die Organisation der
Landwehr heißt es: "Jeder Landwehrmann wird als solcher durch ein
Kreuz von weißem Blech mit der Inschrift 'Mit Gott für König und
Vaterland' bezeichnet." 325 337 386 414
268 Noch ist Polen nicht verloren - Worte aus der polnischen Na-
tionalhymne, die aus dem von Joseph Wybicki im Jahre 1797 gedich-
teten Dombrowski-Marsch entstand. 326 338
269 Die Konvention von Jaroslawiec wurde am 11. April 1848 zwi-
schen dem Posener Komitee und dem preußischen Kommissar General
Willisen geschlossen (siehe auch Anm. 52). Diese Abmachung sah
die Entwaffnung und Auflösung der polnischen aufständischen Ab-
teilungen vor. Als Gegenleistung wurde den Polen die "nationale
Reorganisation" Posens, d. h. die Aufstellung polnischer Truppen,
Einsetzung von Polen in administrative und andere Ämter und die
Einführung der polnischen Sprache als Amtssprache zugesichert.
Die Konvention wurde jedoch durch die preußischen Behörden auf
verräterische Art und Weise verletzt; die Vereinbarung mit den
Aufständischen ausnutzend, rechneten die preußischen Truppen
grausam mit der nationalen Befreiungsbewegung in Posen ab. 328
270 In einer "Promemoria gegen den projectirten Anschluß des
Großherzogthums Posen an Deutschland, mit beweisenden Beilagen an
den völkerrechtlichen Ausschuß der deutschen Nationalversammlung
von den unterschriebenen durch Vollmacht legitimirten Abgeord-
neten des polnischen National-Comité" heißt es: "Die polnischen
Gutsbesitzer, Priester und Schullehrer sind ihres Lebens nicht
mehr sicher und fliehen in das Ausland oder verstecken sich in
den Wäldern; die katholischen Kirchen werden durch rohe Exzesse
einer wütenden Soldateska entweiht und geplündert... Die Bromber-
ger Regierung läßt, ohne Ansehen der Person, Polen mit 25-30 Prü-
geln bestrafen; zahlreiche Verhaftungen werden täglich vorgenom-
men; die Inhaftierten werden nach der Bekanntmachung des Generals
von Steinäcker vom 31. Mai 1848 jeglicher Pflege ihrer Angehöri-
gen, selbst in Kost und Wäsche, entzogen. Die Soldaten prügeln
die Polen mit Ladestöcken, Kolben und Säbeln zu Tode, plündern
und zerstören ihre Wohnsitze; der königliche Kommissarius denun-
ziert der Lynchjustiz falsche Listen der polnischen Anführer des
Aufstandes und fordert gegenseitig durch Geldprämien zu Denunzia-
tionen auf - die Polen sind, mit einem Worte, auf dem Boden ihrer
Väter vogelfrei! Das ist die weitgerühmte Pazifikation des Groß-
herzogtums Posen; das heißt man, die nationale Reorganisation un-
seres Vaterlandes vollziehen!!!" (abgedruckt in [Brodowski,
Kraszewski, Potworowski] "Zur Beurtheilung der polnischen Frage
im Großherzogthum Posen im Jahre 1848", Berlin [1848]). 328
271 Reunionskammern (chambres de réunion) - von Ludwig XIV. in
den Jahren 1679/80 eingesetzte Gerichte, die die Ansprüche
Frankreichs auf diese oder jene Teile der Nachbarstaaten, vor al-
lem am linken Rheinufer, juristisch und historisch begründen und
als gerecht hinstellen mußten. Auf Grund der Urteile der Reuni-
onskammern wurden diese Gebiete von französischen Truppen besetzt
und Frankreich angeschlossen. 329 343
272 der letzte Heldenkrieg - so nennt Engels ironisch den Krieg
um Schleswig-Holstein gegen Dänemark im Jahre 1848 (siehe Anm.
40). 330
#539# Anmerkungen
-----
273 Die Polnische Konstitution Vom 3. Mai 1791 brachte die Be-
strebungen des progressivsten Teils des polnischen Adels und der
städtischen Bourgeoisie zum Ausdruck; sie hob das liberum veto
(das Prinzip der Einstimmigkeit in den Beschlüssen des Sejms) und
die Wählbarkeit der Könige auf und führte eine dem Sejm verant-
wortliche Regierung ein. Die Verfassung verkündete die Unabhän-
gigkeit der Städte von der feudalen Bevormundung und die rechtli-
che Gleichheit der Bauernschaft mit allen anderen Bürgern des
polnischen Staates. Wenn die Konstitution auch nicht die ökonomi-
sche Befreiung der Bauern brachte, so erleichterte sie die Ver-
hältnisse der Leibeigenschaft, indem die Gesetzeskraft der Los-
kaufverträge zwischen Gutsbesitzern und Bauern als unbedingt bin-
dend anerkannt wurde und diese Verträge unter die Aufsicht des
Staates stellte. Die Verfassung von 1791 beschränkte weitgehend
die Macht der Aristokratie, richtete sich gegen die feudale Anar-
chie und festigte die Zentralmacht. Sie war nach der Verfassung
der Französischen Republik die fortschrittlichste Verfassung Eu-
ropas. Bereits in den Jahren 1792/93 wurde die polnische Verfas-
sung durch das Eingreifen Katharinas II. von Rußland, die sich
mit der polnischen Aristokratie verbündet hatte, wieder besei-
tigt. Dabei leistete ihr Preußen Hilfe, das seinen polnischen
Bundesgenossen, mit dem es 1790 einen Vertrag geschlossen hatte,
feige verriet. 333 336 354
274 Der zahlenmäßig größte Teil der Frankfurter Nationalversamm-
lung, das bürgerlich-liberale Zentrum, zerfiel in zwei
Fraktionen: das rechte Zentrum mit Dahlmann, Heinrich Gagern,
Bassermann, Mathy, Mevissen, Schmerling u.a., und das linke
Zentrum mit Mittermaier, Werner, Raveaux u. a. Die Mitglieder des
Zentrums waren Anhänger der konstitutionellen Monarchie. 336
275 Schiller, Gedicht "An die Freude". 337
276 Gemäß einem Befehl des Reichskriegsministers Peucker vom 16.
Juli 1848 mußten am 6. August 1848 die Truppen aller deutschen
Staaten auf einer feierlichen Parade dem Reichsverweser Erzherzog
Johann den Eid leisten. Friedrich Wilhelm IV, der selbst An-
sprüche auf das Oberkommando der Streitkräfte des Deutschen Bun-
des erhob, verbot die für den 6. August angesetzte Truppenparade
in Preußen. 341 364
277 Das von Wilhelm Jordan 1845/46 in Leipzig herausgegebene Mo-
natsjournal trägt den Titel "Die begriffene Welt. Blätter für
wissenschaftliche Unterhaltung". 342
278 Schall und Rauch - Goethe, "Faust", Erster Teil, "Marthens
Garten". 346
279 Rodomont - Engels gibt Lichnowski den Namen eines Helden aus
Ariostos Poem "L'Orlando furioso" und kennzeichnet ihn damit als
prahlerischen Schwätzer. 346
280 Sancho Pansa - Gestalt aus Cervantes' Roman "Don Quijote".
Sancho, der getreue Schildknappe Don Quijotes, würzte die Unter-
haltungen ständig mit Sprichwörtern mal stellte damit die Geduld
seines Herrn auf manche harte Probe. 347
281 Am 7.August 1848 sprach der Abgeordnete Brentano in der Sit-
zung der Frankfurter Nationalversammlung zugunsten eines Amne-
stieerlasses für die Teilnehmer am republikanischen Aufstand in
Baden und ihren Führer Hecker. Die rechten Mitglieder der Ver-
sammlung störten Brentano zunächst in seiner Rede und zwangen ihn
dann mit Gewalt, die Tribüne zu verlassen. 350
282 Artikel II, § oder "Grundrechte des deutschen Volkes", der
von der Frankfurter Nationalversammlung am 2. August 1848 ange-
nommen wurde, sah die Aufhebuug aller Standesprivilegien und al-
ler Titel vor, die nicht mit Ämtern verbunden waren. 351
283 Don Carlos berief sich auf das Gesetz von 1713 über das Ver-
bot der Thronfolge für die weibliche Linie, als er 1833 als Prä-
tendent auf den spanischen Thron gegen die Tochter
#540# Anhang und Register
-----
König Ferdinands, Isabella, auftrat. Lichnowski nahm 1838 bis
1840 an dem von Don Carlos entfesselten Bürgerkrieg teil und er-
hielt den Rang eines Brigadegenerals. 352
284 Wasserpolacke - ursprünglich Bezeichnung der Flößer auf der
Oder, die meist oberschlesische Polen waren; später in Deutsch-
land gebräuchlicher Spitzname für die Polen in Schlesien. 352 374
285 Aus dem Gedicht "Des Deutschen Vaterland" von Ernst Moritz
Arndt. 353
286 Die Albigenserkriege wurden von 1209 bis 1229 von den Feudal-
herren Nordfrankreichs gemeinsam mit dem Papst gegen die "Ketzer"
Südfrankreichs geführt, die den Namen Albigenser nach der süd-
französischen Stadt Albi erhielten. Die Albigenserbewegung war
eine besondere Form der Opposition der Bürger und kleinen Ritter-
schaft gegen die katholische Kirche und den Feudalstaat. Die
Kriege endeten 1229 mit der Angliederung der Provinz Languedoc an
den Besitz der französischen Könige. 354
287 In dem von Ruge zusammengestellten "Wahl-Manifest der radica-
len Reformpartei für Deutschland" (April 1848) wird als Hauptauf-
gabe der Nationalversammlung die "Redaktion der Vernunft der Er-
eignisse" verkündet. 359 361
288 Rütlibund - nach einer Schweizer Legende schworen sich 1307
in einer nächtlichen Zusammenkunft auf dem Rütli, einer Bergwiese
am Urner See (Vierwaldstätter See), die Vertreter der drei Berg-
kantone Schwyz, Uri und Unterwalden Treue im gemeinsamen Kampf
gegen die Herrschaft der Habsburger. 359
289 Anwendung eines Ausdrucks von Heine, der bei einer Begegnung
mit Rüge 1843 in ihm einen Menschen begrüßte, der "es versteht,
Hegel ins Pommersche zu übersetzen". 360
290 des Pudels Kern - Goethe, "Faust", Erster Teil, "Studier-
zimmer". 360
291 "Hallische Jahrbücher" und "Deutsche Jahrbücher" - abgekürzte
Bezeichnung für eine literarisch-philosophische Zeitschrift der
Junghegelianer, die in der Form von Tagesblättern von Januar 1838
bis Juni 1841 unter dem Titel "Hallische Jahrbücher für deutsche
Wissenschaft und Kunst" und von Juli 1841 bis Januar 1843 unter
dem Titel "Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst" in
Leipzig erschien. Bis Juni 1841 wurde die Zeitschrift von Rüge
und Echtermeyer in Halle, ab Juli 1841 von Rüge in Dresden redi-
giert. 363
292 Die "Grundrechte des deutschen Volkes" wurden von der Frank-
furter Nationalversammlung als Teil der Verfassung ausgearbeitet.
Der Artikel I, § 1, über das deutsche Reichsbürgerrecht wurde in
der Sitzung vom 21. Juli 1848 in folgender Fassung angenommen:
"Jeder Deutsche hat das deutsche Reichsbürgerrecht. Die ihm kraft
dessen zustehenden Rechte kann er in jedem deutschen Lande aus-
üben." 365
293 Mozart, "Die Hochzeit des Figaro", Komische Oper in 4 Akten,
Text von Lorenzo da Ponte, I. Akt, Cavatine (Figaro). 365
294 Mit den "Schwarzen" meint Engels die jesuitischen Mönche, mit
den "Schwarz-Gelben" - nach den Farben ihrer Staatsflagge - die
Österreicher. 366
293 Carbonari (Köhler) - geheime politische Gesellschaft in Ita-
lien, die Anfang des 19. Jahrhunderts gebildet wurde. Sie trat
für die nationale Einheit und Unabhängigkeit Italiens und frei-
sinnige Staatsreformen ein. Die Carbonari bekämpften auf das ent-
schiedenste die Reaktion in Italien seit 1815. In Neapel zählten
sie Tausende von Mitgliedern und spielten bei der Revolution von
1820 eine wichtige Rolle. 367
298 Aus dem Gedicht "Die Rose" von Freiligrath. 369
#541# Anmerkungen
-----
297 Hier werden die Schlachten der Österreicher gegen die Franzo-
sen in den Jahren 1792 bis 1809 aufgezählt, in denen die öster-
reichische Armee Niederlagen erlitt: bei Jemappes am 6.November
1792, bei Fleurus am 26. Juni 1794, bei Millesimo am 13./14.
April 1796, bei Rivoli am 14./15. Januar 1797, bei Neuwied am 18.
April 1797, bei Marengo am 14. Juni 1800, bei Hohenlinden am 3.
Dezember 1800, bei Ulm am 17. Oktober 1805, bei Austerlitz am 2.
Dezember 1805, bei Wagram am 5./6.Juli 1809. 370
298 Sonderbund - Separatbund von sieben ökonomisch rückständigen
katholischen Schweizer Kantonen, der 1843 zum Zwecke des Wider-
standes gegen fortschrittliche bürgerliche Umgestaltungen in der
Schweiz und zur Verteidigung der Privilegien der Kirche und der
Jesuiten geschlossen wurde. Der Beschluß des Schweizer Bundesta-
ges (Tagsatzung) im Juli 1847 über die Auflösung des Sonderbundes
diente diesem als Anlaß, Anfang November militärische Aktionen
gegen die übrigen Kantone zu beginnen. Am 23. November 1847 wurde
die Armee des Sonderbundes von den Truppen der Bundesregierung
geschlagen, (siehe hierzu auch Engels' Artikel "Der Schweizer
Bürgerkrieg" in Band 4 unserer Ausgabe, S. 391-398). 370
299 Die österreichische Armee unter Radetzky brachte den sardi-
nisch-lombardischen Streitkräften am 25. Juli 1848 bei Custozza
und am 27. Juli bei Volta Niederlagen bei; am 6. August 1848 nahm
sie Mailand ein. 370
300 Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput VII. 371
301 Am 21. August 1848 fanden in Berlin Volksversammlungen und
Demonstrationen zum Zeichen des Protestes gegen den von Reaktio-
nären organisierten Überfall auf Mitglieder des Demokratischen
Klubs im damaligen Berliner Vorort Charlottenburg statt. Die De-
monstranten, die den Rücktritt des Ministeriums Auerswald-Hanse-
mann und die Bestrafung der Schuldigen an den Charlottenburger
Ereignissen forderten, bewarfen das Gebäude, in dem sich Auers-
wald und andere Minister befanden, mit Steinen. Das "Ministerium
der Tat" antwortete mit neuen Repressalien. Es wurde ein Aufruhr-
gesetz verkündet, das Versammlungen unter freiem Himmel nur noch
mit polizeilicher Erlaubnis zuließ, bewaffnete Versammlungen und
Umzüge verbot und die Staatsmacht zur Anwendung von Waffengewalt
gegen Zusammenrottungen ermächtigte. 374
302 Aus dem Gedicht "Der Freudenklang" von Ernst Moritz Arndt.
374
303 Der sogenannte Prozeß Risquons-Tout, der vom 9. bis 30. Au-
gust 1848 in Antwerpen stattfand, war von der Regierung des bel-
gischen Königs Leopold zur Abrechnung mit den Demokraten insze-
niert worden. Als Anlaß diente der Zusammenstoß der belgischen
republikanischen Legion, die sich auf dem Wege von Frankreich in
die Heimat befand, mit einer Abteilung belgischer Soldaten am 29.
März 1848 bei dem Dörfchen Risquons-Tout unweit der französischen
Grenze. 378
304 hoffnungsvolle Toren - aus Goethes Gedicht "Prometheus". 378
465
305 Die Weigerung der Kölner Behörden, Marx das preußische
Staatsbürgerrecht zu verleihen, rief in den demokratischen Krei-
sen der Stadt Empörung hervor. Die Kölner Demokratische Gesell-
schaft entsandte eine Abordnung mit der Forderung, die Polizei-
maßnahmen gegen Marx aufzuheben. Als Antwort auf den Einspruch
von. Marx beim preußischen Minister des Innern, Kühlwetter, be-
stätigte dieser am 12. September 1848 den Beschluß der Provinzi-
alregierung in Köln. Diesen Umstand benutzte später die preußi-
sche Regierung, um Marx im Mai 1849 "... das Gastrecht, welches
er so schmählich verletzt, zu entziehen" und ihn aus Preußen aus-
zuweisen. Die Ausweisung von Marx und die
#542# Anhang und Register
-----
Repressalien gegen andere Redakteure der "Neuen Rheinischen Zei-
tung" zwangen die Redaktion, am 19. Mai 1849 das Erscheinen der
Zeitung einzustellen. 382 487
306 Der Bundestag faßte am 30. März 1848 einen Beschluß, in dem
u.a. festgelegt wurde, daß auf 70000 Wahlberechtigte ein Vertre-
ter für die Nationalversammlung kommen soll; am 2. April 1848
übermittelte der Siebzehnerausschuß (siehe Anm. 12) dem Bundestag
den Vorschlag, daß auf 50 000 Wahlberechtigte ein Abgeordneter zu
benennen ist und "die politischen Flüchtlinge, wenn sie nach
Deutschland zurückkehren und ihr Staatsbürgerrecht wieder ange-
treten haben, wahlberechtigt und wählbar sind". Der Bundestag
stimmte am 7. April 1848 diesem Vorschlag zu (siehe "Protokolle
der Deutschen Bundesversammlung vom Jahre 1848", Frankfurt am
Main). 383
307 Der Waffenstillstand zwischen Preußen und Dänemarh, wurde
nach längeren Verhandlungen am 26. August 1848 in Malmö
(Schweden) auf 7 Monate abgeschlossen. In dem Vertrag war festge-
legt, daß Schleswig-Holstein eine von Preußen und Dänemark einge-
setzte vorläufige Regierung erhalten soll und die schleswigschen
von den holsteinischen Truppen getrennt werden. Durch die Bedin-
gungen des Waffenstillstandes wurden die revolutionär-
demokratischen Errungenschaften in Schleswig-Holstein zunichte
gemacht und die dänische Herrschaft über die beiden Herzogtümer
faktisch aufrechterhalten. Damit hatte sich Preußen über die Ab-
sichten des Deutschen Bundes, in dessen Namen der Krieg geführt
worden war, hinweggesetzt. Dennoch stimmte die Frankfurter Natio-
nalversammlung nach anfänglicher Weigerung am 16. September 1848
diesen Waffenstillstandsbedingungen zu. Am nächsten Tag prote-
stierten 20 000 Demokraten auf der Pfingstweide bei Frankfurt am
Main gegen diesen Beschluß. In Frankfurt selbst kam es am 18.
September zu Barrikadenkämpfen gegen preußische und österreichi-
sche Truppen.
Der Wortlaut des Waffenstillstandsvertrages und die darüber
stattgefundene Debatte sind enthalten in "Stenographischer Be-
richt über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Natio-
nalversammlung zu Frankfurt am Main", Bd. 3, Leipzig 1848. 386
393 408 410
308 Am 3. August 1848 war es in der Festung Schweidnitz zu einem
Feuerüberfall von Festungstruppen auf die Bürgerwehr gekommen,
wobei 14 Bürger getötet wurden. Durch dieses immer reaktionärere
Auftreten preußischer Truppen veranlaßt, nahm die preußische Na-
tionalversammlung am 9. August, unter Einbeziehung einiger
Abänderungsvorschläge einen Antrag des Abgeordneten Stein mit
folgendem Wortlaut an: "Der Herr Kriegsminister möge in einem Er-
laß an die Armee sich dahingehend aussprechen, daß die Offiziere
allen reaktionären Bestrebungen fernbleiben, nicht nur Konflikte
jeglicher Art mit dem Zivil vermeiden, sondern durch Annäherung
an die Bürger und Vereinigung mit denselben zeigen, daß sie mit
Aufrichtigkeit und Hingebung an der Verwirklichung eines konsti-
tutionellen Rechtszustandes mitarbeiten wollen, und es denjenigen
Offizieren, mit deren politischen Überzeugungen dies nicht ver-
einbar ist, zur Ehrenpflicht machen; aus der Armee auszutreten."
Der Kriegsminister Schreckenstein erließ trotz des Beschlusses
der Versammlung keinen derartigen Befehl. Deshalb wiederholte
Stein seinen Antrag in der Sitzung der Nationalversammlung vom 7.
September; die Mehrheit der Abgeordneten schloß sich der Auffor-
derung an das Ministerium an, diesen Beschluß schnellstens aus-
zuführen. Infolge dieses Abstimmungsergebnisses nahm das Ministe-
rium Aucrswald-Hansemann seinen Abschied. In der Zeit des folgen-
den Ministeriums Pfuel wurde der Befehl schließlich in abge-
schwächter Form gegeben, blieb aber nur auf dem Papier. 390 403
404 420 431 447
#543# Anmerkungen
-----
309 Bei der Verlesung des Protokolls der Sitzung der preußischen
Nationalversammlung vom 7. September 1848 stellte der Schriftfüh-
rer Geßler fest, daß bei der Bekanntgabe des Resultats der Ab-
stimmung über den Steinschen Antrag ein Rechenfehler vorgekommen
sei: Es hatten nicht 152 Abgeordnete mit "Nein" gestimmt, sondern
nur 143, so daß sich die Stimmenmehrheit gegen die Minister auf
76 erhöht. 391
310 Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput XIX. 393 409
311 "Morgenbladet" - norwegische Zeitung, die 1819 in Christiania
(Oslo) gegründet wurde; in den dreißiger und vierziger Jahren des
19. Jahrhunderts war sie das Organ der sogenannten Volkspartei.
394
312 10. August 1792 - Tag des revolutionären Volksaufstandes in
Paris, der den Sturz der französischen Monarchie und die Einberu-
fung des Nationalkonvents auf der Grundlage des allgemeinen Wahl-
rechts zur Folge hatte.
Die Girondisten, Vertreter der Handels- und Industriebourgeoisie,
wurden wegen ihres Versuchs, die Revolution zu beenden, in den
Tagen vom 31. Mai bis zum 2. Juni 1793 von dem revolutionärsten
Teil der französischen Bourgeoisie, der Partei der Jakobiner, ge-
stürzt. 397
313 Der zweite, dritte und vierte Artikel dieser Serie trägt in
der "Neuen Rheinischen Zeitung" den Titel "Die Krisis". 398
314 Am 26. Juli 1830 wurden die königlichen Erlasse (Ordonnanzen)
veröffentlicht, die in Frankreich die Preßfreiheit aufhoben, die
Kammer als aufgelöst erklärten und das Wahlgesetz abänderten, in
dem sie die Wählerzahl um drei Viertel verringerten. Diese außer-
ordentlichen Maßnahmen der Regierung Karls X. waren der Anlaß für
die bürgerliche Revolution 1830 in Frankreich, die am 29. Juli
die Bourbonenherrschaft beseitigte.
Am 24. Februar 1848 wurde die Monarchie Louis-Philippes in
Frankreich gestürzt. 400 401
315 In seiner Botschaft vom 10. September 1848 erklärte sich
Friedrich Wilhelm IV. mit der Meinung der Minister einverstanden,
daß der Beschluß der preußischen Nationalversammlung vom 7. Sep-
tember 1848 (siehe Anm. 308) eine Verletzung des "Prinzips der
konstitutionellen Monarchie" darstelle, und billigte den Beschluß
des Ministerium! Auerswald-Hansemann, zum Zeichen des Protestes
gegen diese Handlungsweise der Versammlung zurückzutreten. 401
316 Militärrevolte in Potsdam und Nauen - am 13. September empör-
ten sich das 1. und das 2. Garderegiment in Potsdam gegen die
Willkürmaßregeln ihrer Offiziere. Der Hauptgrund war die Be-
schlagnahme einer Dankadresse an den Abgeordneten Stein und die
preußische Nationalversammlung für den Beschluß vom 7. September
(siehe Anm. 108) durch die Offiziere. Es kam bis zum Bau von Bar-
rikaden durch die Soldaten.
In Nauen hatten sich am 10. September die dort stationierten Gar-
dekürassiere geweigert, auf Befehl ihrer Offiziere gegen die Bür-
gerschaft vorzugehen. 404
317 Dieser Ausdruck wird hier analog zu der Antwort Friedrich
Wilhelms IV. vom 10. September 1848 auf das Rücktrittsgesuch der
Minister angewandt. Mit den Motiven des Rücktritts einverstanden,
schlug der König den Ministern vor, ihre Ämter noch bis zur Er-
nennung eines neuen Ministeriums zu verwalten (siehe auch Anm.
315)). 405
318 "Vossische Zeitung" - so nannte man nach ihrem Besitzer eine
Berliner! Tageszeitung, die 1751 in den Besitz von Christian
Friedrich Voß übergegangen war und seit 1785 unter dem Titel
"Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und ge-
lehrten Sachen
#544# Anhang und Register
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erschien. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts nahm die
Zeitung eine gemäßigtliberale Haltung ein. 405
319 "Spenersche Zeitung" - so wurde nach dem Namen ihres Heraus-
gebers die Tageszeitung "Berlinische Nachrichten von Staats- und
gelehrten Sachen" genannt, die in Berlin von 1740 bis 1874 er-
schien. Während der Revolution 1848/49 nahm die Zeitung eine kon-
stitutionell-monarchistische Haltung ein. 405
320 Worte Cromwells, als er die Überreste des Langen Parlaments
(siehe Anm. 187) am 20. April 1653 auseinanderjagte. 408
321 Der erste Artikel dieser Serie hat keine Überschrift, da er
in der Beilage zur "Neuen Rheinischen Zeitung" abgedruckt wurde,
die kein Titelverzeichnis der veröffentlichten Artikel führte.
410
322 das Krähen des gallischen Hahnes - in der von Heinrich Heine
im März 1831 verfaßten Einleitung zu der Schrift "Kahldorf über
den Adel, in Briefen an den Grafen M. von Moltke" heißt es in
Hinblick auf die französische Revolution von 1830: "Der gallische
Hahn hat jetzt zum zweiten Male gekräht, und auch in Deutschland
wird es Tag." 411
323 Nach dem Erlaß Friedrich Wilhelms IV. vom 21. September 1848
wurde das Ministerium Pfuel in folgender Zusammensetzung gebil-
det: v. Pfuel, Ministerpräsident; Eichmann, Minister des Innern;
v. Bonin, Finanzminister; Graf von Dönhoff, Minister des Äußern;
Müller, Justizminister. Es war ein Ministerium von reaktionären
Beamten und Offizieren, das zum Schein den Wünschen der National-
versammlung entgegenkam, unterdessen aber offen die Kräfte der
Konterrevolution organisierte. Nach dem Fall von Wien wurde das
Ministerium Pfuel am 8. November durch das Ministerium des Grafen
von Brandenburg ersetzt, das den konterrevolutionären Staats-
streich (Belagerungszustand in Berlin, Auflösung der Bürgerwehr
und der Nationalversammlung) durchführte. 414 420 422
324 Wühler nannten 1848/49 in Deutschland die bürgerlichen Kon-
stitutionellen die republikanischen Demokraten, die ihrerseits
ihre Gegner als Heuler bezeichneten. 414
325 Aus Furcht vor dem Aufschwung der revolutionär-demokratischen
Bewegung wurde am 26. September 1848 "zum Schutze der Persönlich-
keit und des Eigentums" der Belagerungszustand über Köln ver-
hängt. Ein Befehl der Militärkommandantur verbot die Durchführung
von Versammlungen und die Tätigkeit aller Vereine zu "politischen
und sozialen Zwecken"; die Bürgerwehr wurde aufgelöst und mußte
die Waffen abgeben, Kriegsgerichte wurden eingeführt und das Er-
scheinen der "Neuen Rheinischen Zeitung" und anderer demokrati-
scher Zeitungen untersagt. 415
326 "Neue Kölnische Zeitung für Bürger, Bauern und Soldaten" -
revolutionär-demokratische Zeitung, die vom 10. September 1848
bis 14. Juni 1849 in Köln von Anneke und Beust herausgegeben
wurde. Die Zeitung stellte sich die Aufgabe, unter dem werktäti-
gen Volk in der Stadt und auf dem Lande sowie in der Arme? revo-
lutionäre Propaganda in allgemeinverständlicher Form zu betrei-
ben. 415
327 Die "Zeitung des Arbeiter-Vereins zu Köln" erschien von April
bis Juli 1848 unter der Redaktion von Gottschalk, dann bis Ok-
tober 1848 unter Moll und Schapper. In diesem Zeitraum wurden 40
Nummern herausgegeben. Danach wurde der bisherige Untertitel
"Freiheit, Brüderlichkeit, Arbeit" zum Namen der Zeitung. Unter
diesem Titel erschienen von Oktober 1848 bis Juni 1849 noch wei-
tere 23 Nummern. In der Zeitung wurde über die Tätigkeit des Köl-
ner Arbeitervereins und anderer Arbeitervereine der Rheinprovinz
berichtet. 415
#545# Anmerkungen
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328 "Der Wächter am Rhein" - demokratische Zeitung, die 1848/49
unter der Redaktion von Kramer in Köln erschien. In dieser Zei-
tung wurden u.a. die Berichte über die Versammlungen der Kölner
Demokratischen Gesellschaft veröffentlicht. 415
329 Zu Beginn des Volksaufstandes in Wien floh der österreichi-
sche Kaiser am 7. Oktober 1848 nach Olmütz. Auch die Mehrheit der
tschechischen Deputierten des österreichischen Reichstages, die
der tschechischen national-liberalen Partei angehörten, verließ
Wien und floh nach Prag. 417
330 Heine, "Der Tannhäuser", Kaput 3. 417
331 Der Abgeordnete der preußischen Nationalversammlung d'Ester
verlangte in der Sitzung vom 29. September 1848 von der Regie-
rung, den Belagerungszustand in Köln aufzuheben und die Kölner
Kommandantur für ihre ungesetzlichen Handlungen zur Verantwortung
zu ziehen. 419
332 Einige konterrevolutionär gestimmte Bourgeois Kölns (Stupp,
Ammon u.a.) wandten sich am 2. Oktober 1848 mit einer Adresse an
die preußische Nationalversammlung, in der sie erklärten, der von
den Abgeordneten der Rheinprovinz Borchardt und Kyll unterstützte
Antrag d'Esters über die Aufhebung des Belagerungszustandes in
Köln würde "eine allgemeine Entrüstung hervorgerufen haben, wäh-
rend die militärischen Maßregeln die völlige Billigung der Bür-
gerschaft gefunden hätten". Die "Kölnische Zeitung" mußte jedoch
zugeben, daß gleichzeitig eine Adresse Kölner Bürger verbreitet
wurde, die den Antrag des Abgeordneten d'Ester unterstützte. 419
333 Der Kölner Arbeiterverein wurde am 13. April 1848 von dem
Mitglied der Kölner Gemeinde des Bundes der Kommunisten Golt-
schalk gegründet. Der Verein, der Mitte April ungefähr 300 Mit-
glieder zählte, war Anfang Mai bereits auf 5000 Mitglieder ange-
wachsen, deren Mehrheit Arbeiter und Handwerker waren. An der
Spitze des Vereins stand ein Präsident und ein Komitee, dem Ver-
treter verschiedener Berufe angehörten. Das Presseorgan des Ver-
eins war die "Zeitung des Arbeiter-Vereins zu Köln" und ab 26.
Oktober 1848 die Zeitung "Freiheit, Brüderlichkeit, Arbeit"
(siehe auch Anm. 327). Der Kölner Arbeiterverein besaß in der
Stadt eine Reihe von Filialen. Nach der Verhaftung Gottschalks
wurde am 6. Juli Moll zum Präsidenten gewählt, der dieses Amt bis
zu den Septemberereignissen in Köln innehatte und dann infolge
der drohenden Verhaftung emigrieren mußte. Am 16. Oktober 1848
übernahm Marx auf Bitten der Arbeiter vorübergehend die Prä-
sidentschaft, ihm folgte am 28. Februar 1849 Schapper, der diese
Funktion bis Ende Mai 1849 bekleidete. Die meisten Führer des Ar-
beitervereins (Gottschalk, Anneke, Schapper, Moll, Leßner, Jan-
sen, Röser, Nothjung, Bedorf) waren Mitglieder des Bundes der
Kommunisten.
In seiner Anfangsperiode befand sich der Arbeiterverein unter dem
Einfluß Gottschalks, der - im Geiste der "wahren" Sozialisten -
die historischen Aufgaben des Proletariats in der bürgerlich-de-
mokratischen Revolution ignorierte, die sektiererische Taktik des
Boykotts der indirekten Wahlen zur gesamtdeutschen und preußi-
schen Nationalversammlung verfolgte und gegen die Unterstützung
der demokratischen Kandidaten in den Wahlen auftrat. Ultralinke
Phrasen verbanden sich bei Gottschalk mit sehr gemäßigten Kampf-
methoden (Überreichung von Petitionen im Namen der Arbeiter an
die Regierung und Stadtbehörde, alleinige Orientierung auf
"gesetzliche" Kampfformen, Unterstützung einer Reihe Forderungen
rückständiger, von zünftlerischen Vorurteilen angesteckter Arbei-
ter usw.). Diese sektiererische Politik Gottschalks stieß von An-
fang an auf den Widerstand vieler Mitglieder des Vereins, welche
die taktische Linie
#546# Anhang und Register
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von Marx und Engels unterstützten. Unter ihrem Einfluß kam es
Ende Juni 1848 zu einem Umschwung in der Tätigkeit des Kölner Ar-
beitervereins. Im Herbst 1848 wurde eine breite Agitationsarbeit
- auch unter den Bauern - entwickelt. Die Vereinsmitglieder orga-
nisierten in der Umgebung von Köln demokratische und Arbeiterver-
eine, verbreiteten revolutionäre Literatur, darunter die
"Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland" (siehe
Anm. 1). Der Verein unterhielt enge Beziehungen zu anderen Ar-
beitervereinen der Rheinprovinz und Westfalens.
Im Winter 1848/49 führten Gottschalk und seine Anhänger einen er-
bitterten Kampf, der auf die Spaltung des Kölner Arbeitervereins
gerichtet war. In der von ihnen seit Januar 1849 herausgegebenen
Zeitung "Freiheit, Arbeit" traten sie mit heftigen Angriffen und
böswilligen Verleumdungen gegen Marx und die Redaktion der "Neuen
Rheinischen Zeitung" auf. Diese spalterische Tätigkeit fand je-
doch keine Unterstützung bei der Mehrheit der Vereinsmitglieder.
Mit dem Ziel der Festigung des Vereins führten Marx, Schapper und
andere Führer im Januar und Februar 1849 seine Reorganisation
durch. Am 25. Februar wurde ein neues Statut angenommen, in dem
als Hauptaufgabe des Vereins "die Ausbildung der Mitglieder in
politischer, sozialer und wissenschaftlicher Beziehung durch An-
schaffung von Büchern, Zeitungen, Flugschriften und durch wissen-
schaftliche Vorträge und Besprechungen" festgelegt wurde. Im
April 1849 faßte das Komitee des Arbeitervereins den Beschluß, in
den Sitzungen des Vereins die in der "Neuen Rheinischen Zeitung"
veröffentlichte Abhandlung "Lohnarbeit und Kapital" von Marx zu
diskutieren.
Die von den Arbeitern im Verlauf der Revolution gewonnene politi-
sche Erfahrung, ihre Enttäuschung über die schwankende Politik
der kleinbürgerlichen Demokraten - das alles gestattete Marx und
Engels, im Frühjahr 1849 praktische Vorbereitungen für die Schaf-
fung einer proletarischen Partei in Angriff zu nehmen. In Verbin-
dung hiermit brachen Marx und seine Anhänger organisatorisch mit
der kleinbürgerlichen Demokratie, ohne gemeinsame Kampfaktionen
gegen die angreifende Konterrevolution abzulehnen. Am 16. April
1849 beschloß der Kölner Arbeiterverein, aus der Vereinigung de-
mokratischer Vereine Deutschlands auszutreten und sich der Verei-
nigung deutscher Arbeitervereine in Leipzig anzuschließen. Am 6.
Mai 1849 fand ein Kongreß der Arbeitervereine der Rheinprovinz
und Westfalens statt.
Die damaligen Verhältnisse in Deutschland (Erstarken der Konter-
revolution und die damit verbundene Verschärfung der polizeili-
chen Repressalien) hinderten jedoch den Kölner Arbeiterverein bei
seiner Tätigkeit zum Zusammenschluß und zur Organisierung der Ar-
beitermassen. Nachdem die "Neue Rheinische Zeitung" ihr Erschei-
nen einstellen mußte und Marx, Schapper und andere Führer des Ar-
beitervereins aus Köln abgereist waren, verlor dieser immer mehr
seinen politischen Charakter und verwandelte sich allmählich in
einen gewöhnlichen Arbeiterbildungsverein. 419
334 Der kommandierende General des Brandenburger Wehrbezirks,
Wrangel, erließ am 17. September 1848 einen Armeebefehl, der
zeigte, daß die preußische Militärclique beabsichtigte, zum offe-
nen Angriff auf die Errungenschaften der Revolution überzugehen.
Wrangel betont darin, daß es seine Aufgabe sei, "die öffentliche
Ruhe" aufrechtzuerhalten, und droht den "Elementen, welche zur
Ungesetzlichkeit verführen wollen". Der Befehl schließt mit der
Aufforderung an die Soldaten, sich fest um ihre Offiziere und den
König zu scharen. 420
335 Aus dem Artikel "Die Barrikaden in Köln", der in der
"Kölnischen Zeitung" Nr. 268 vom 30. September 1848 veröffent-
licht wurde. 421
#547# Anmerkungen
-----
336 "Acta Sanctonan (Taten der Heiligen) - eine Sammlung katholi-
scher Heiligenlegenden, die von Jean Bolland begonnen und von Je-
suitengelehrten fortgesetzt wurde. 421
337 Neuchâtel (auch Neufchâtel) - französische Bezeichnung für
den Schweizer Kanton Neuenburg, der aus dem ehemaligen Fürstentum
Neuenburg und Valendis gebildet wurde. Auf Beschluß des Wiener
Kongresses wurde Neuchâtel als unteilbarer und von der preußi-
schen Monarchie völlig abgesonderter Staat dem König von Preußen
zugesprochen und als 21. Kanton in die Eidgenossenschaft aufge-
nommen. 1831 wurde ein Versuch der Republikaner in Neuchâtel,
durch einen Aufstand eine Umgestaltung der Verfassung und die
völlige Trennung von Preußen zu erzwingen, durch den Bevollmäch-
tigten des preußischen Königs, Generalmajor von Pfuel, mit großer
Härte unterdrückt. Pfuel wurde danach als preußischer Gouverneur
für Neuchâtel eingesetzt. Unmittelbar nach der Februarrevolution
1848 brach erneut ein republikanischer Aufstand aus. Es wurde
eine provisorische Regierung gebildet, Neuchâtel zur Republik er-
klärt und der Herrschaft Preußens faktisch ein Ende gesetzt. Im
Jahre 1857 mußte der preußische König offiziell auf seine Ansprü-
che auf Neuchâtel verzichten. 422
338 Shakespeare, "König Heinrich der Vierte", Zweiter Teil, III.
Aufzug, zweite Szene. 422
339 Die Arbeit von Thiers erschien in der Zeitung "Le Constituti-
onnel" von September bis Oktober 1848 und später als Einzelbro-
schüre unter dem Titel "De la propriété" [Über das Eigentum], Pa-
ris 1848. 423
340 Die Rede von Thiers, in welcher er auf den Vorschlag des De-
putierten Turck zur Errichtung einer allgemeinen Hypothekenbank
mit Zwangskurs antwortet, wurde in der Sitzung der französischen
Nationalversammlung vom 10. Oktober 1848 gehalten und ist abge-
druckt in "Compte rendu des séances de l'Assemblée nationale"
[Sitzungsprotokolle der Nationalversammlung], T. 4, Paris 1849.
423
341 O.-J.-A. Mathieu de Dombasle, "Annales agricoles de Roville,
ou mélanges d'agriculture, d'économie rurale et de législation
agricole" [Landwirtschaftliche Annalen von Roville oder verschie-
dene Materialien über die Landwirtschaft, über die landwirt-
schaftliche Ökonomik und über die Gesetzgebung betreffs der Land-
wirtschaft], Paris 1824-1837. 425
342 Die Mainzer Zentrale Immediatkommission wurde auf Beschluß
der Konferenz der deutschen Staaten in Karlsbad 1819 zur Untersu-
chung "demagogischer Umtriebe", d.h. zur Unterdrückung der oppo-
sitionellen Bewegung in Deutschland, gegründet. Die Mainzer Kom-
mission, deren Mitglieder von den einzelnen Regierungen der deut-
schen Staaten ernannt wurden, konnte unmittelbar (immediat) und
unabhängig vom Bundestag Untersuchungen und Verhaftungen in allen
Staaten des Deutschen Bundes durchführen. 428
343 Es handelt sich um das von der Frankfurter Nationalversamm-
lung am 9. Oktober 1848 angenommene "Gesetz, betreffend den
Schutz der constituierenden Reichsversammlung und der Beamten der
Centralgewalt", nach dem Beleidigungen von Deputierten der Natio-
nalversammlung oder von Beamten der Zentralgewalt mit Gefängnis
bestraft wurden. Dieses Gesetz war eine der Repressivmaßnahmen,
die nach dem Septemberaufstand in Frankfurt von der Mehrheit der
Nationalversammlung und von der Reichsregierung gegen die Volks-
massen ergriffen wurden. 429
344 Anspielung auf die Bibelstelle "Seine Schenkel waren Eisen,
seine Füße waren eines Theils Eisen und eines Theils Thon"
(Daniel, Kapitel 2, 33). 430
345 Davenantsche ökonomische Tabelle aus dem anonym erschienenen,
von Charles Davenant verfaßten Buch "An Essay upon the Probable
Methods of making a People Gainers in the
#548# Anhang und Register
-----
Ballance of Trade" [Eine Abhandlung über die möglichen Methoden,
ein Volk in der Handelsbilanz zu Gewinnern zu machen], London
1700. 432
346 Amnestieprojekt der äußersten Linken - in der Sitzung der
französischen Nationalversammlung vom 16. Oktober 1848 legten Ab-
geordnete der äußersten Linken den Entwurf eines Amnestiegesetzes
für alle politischen Gefangenen vor; darin war die Aufhebung al-
ler Freiheits- und Geldstrafen sowie die Rückerstattung bereits
bezahlter Geldbußen vorgesehen. 433
347 "La Presse" Nr. 4499 vom 19. Oktober 1848. 435
348 "Mailänder Zeitung" - die italienische Zeitung "Gazetta di
Milano" erschien von 1816 bis 1875 und war bis zum Ende der fünf-
ziger Jahre des 19. Jahrhunderts das offizielle Organ der öster-
reichischen Behörden in Norditalien. 442
349 Die kleinbürgerlichen Demokraten Herwegh, Bornstedt u.a.,
Führer der in Paris nach der Februarrevolution gegründeten Deut-
schen demokratischen Gesellschaft, agitierten für die Bildung ei-
ner Freiwilligenlegion deutscher Emigranten. Sie wollten auf dem
Wege einer bewaffneten Intervention in Deutschland die Revolution
auslösen und die republikanische Ordnung aufrichten. Marx und En-
gels traten entschieden gegen dieses abenteuerliche Unternehmen
auf (siehe auch Anm. 2). Nach dem Grenzübergang wurde die Legion
Herweghs im April 1848 auf badischem Gebiet durch die Truppen
süddeutscher Staaten zerschlagen. 443
350 "Deutsche Volkszeitung" - demokratische Tageszeitung, die in
Mannheim im April 1848 unter der Redaktion von Fröbel und Pelz
und der Mitarbeit von Struwe, Hecker, Herwegh, Rüge u.a. er-
schien. In der Nummer vom 17. April brachte eine Korrespondenz
aus Paris die ablehnende Haltung der deutschen Kommunisten gegen-
über dem Unternehmen Herweghs zum Ausdruck. 443
351 Der zweite demokratische Kongreß tagte vom 26. bis 30. Ok-
tober 1848 in Berlin. Auf diesem Kongreß wurden die Prinzipien
der Konstitution erörtert, die Deklaration der Menschenrechte an-
genommen und der Zentralausschuß in neuer Zusammensetzung gewählt
(d'Ester, Reichenbach, Hexamer). Als Berichterstatter der Kommis-
sion für die Lösung sozialer Fragen trat Beust aus Köln mit einem
Programm auf, das sich eng an die "Forderungen der Kommunisti-
schen Partei in Deutschland" anlehnte (siehe auch Anm. 1). Die
unterschiedliche soziale Zusammensetzung der Delegierten führte
in den wichtigsten Fragen zu Meinungsverschiedenheiten, die in
den gegensätzlichen Auffassungen der Arbeiter und der bürgerli-
chen Demokraten begründet lagen. Da die bürgerlichen Demokraten
auf dem Kongreß das Übergewicht besaßen, beschränkte man sich auf
die Ausarbeitung unfruchtbarer, widersprüchlicher Resolutionen,
anstatt wirksame Maßnahmen für die Mobilisierung der Massen zum
Kampf gegen die Konterrevolution zu ergreifen. 445 502
352 Anspielung auf die vorhergehende politische Tätigkeit Brügge-
manns, der infolge seiner Teilnahme an der oppositionellen Stu-
dentenbewegung und seines Eintretens für die Preßfreiheit anläß-
lich des Hambacher Festes (1832) wegen "Hochverrats" zum Tode
verurteilt worden war; diese Strafe wurde später in lebenslängli-
che Gefängnishaft umgewandelt und durch die Amnestie von 1840
aufgehoben. 452
353 "Breslauer Zeitung" - 1820 in Breslau gegründet; vertrat in
den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine bürgerlich-libe-
rale Richtung. 452
354 In der "Neuen Rheinischen Zeitung" folgen die Korresponden-
zen-Nachdrucke aus dem "Preußischen Staats-Anzeiger", der
"Breslauer Zeitung" und der "Allgemeinen Oder-Zeitung". 452
#549# Anmerkungen
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355 Slovanská Lípa - tschechische nationale Gesellschaft, im
April 1848 gegründet. In Prag lag die Führung der Gesellschaft in
den Händen von Liberalen (Safafik, Gaue), die nach dem Prager
Aufstand in das Lager der Konterrevolution übergingen, während in
den Provinzfilialen zu dieser Zeit vorwiegend Vertreter der radi-
kalen tschechischen Bourgeoisie die führende Rolle spielten. 453
356 kaiserlicher Schinderhannes - Bezeichnung für Windischgrätz.
Schinderhannes nannte man den Räuberhauptmann Johann Bückler, der
Ende des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts in Rheinhessen
lebte. 453
357 Koblenz war während der Französischen Revolution das Zentrum
der konterrevolutionären Emigration. 453
358 Die Akademische Legion bestand aus Universitätsstudenten und
war die radikalste der bürgerlichen militärischen Organisationen.
455
359 Friedrich Engels' Reisebericht "Von Paris nach Bern" wird
nach dem unvollendet gebliebenen Manuskript wiedergegeben; er
wurde zum erstenmal in der Zeitschrift "Die Neue Zeit", 17. Jahr-
gang, 1898/99, 1. Bd., Nr. 1 und 2, veröffentlicht. Der von En-
gels im Herbst 1848 unternommenen Reise gingen folgende Ereig-
nisse voraus; Am 26. September 1848 wurde über Köln der Belage-
rungszustand verhängt und der Befehl zur Verhaftung einiger Re-
dakteure der "Neuen Rheinischen Zeitung" gegeben, unter denen
sich auch Engels befand (siehe vorl. Band, S. 499). Engels emi-
grierte nach Belgien; dort verhaftete ihn die Brüsseler Polizei
am 4. Oktober und wies ihn aus Belgien aus. Einen Tag später traf
Engels in Paris ein, und nach kurzem Aufenthalt begab er sich zu
Fuß in die Schweiz. Über Genf und Lausanne gelangte er etwa am 9.
November nach Bern, wo er sich vorübergehend niederließ. Seine
Reisenotizen begann Engels in Genf zu schreiben; dies geht aus
dem ursprünglichen Titel des Manuskripts "Von Paris bis Genf"
hervor. Die ethnographischen Angaben und Zeichnungen, die sich
auf den dem Manuskript beigefügten Skizzen der Marschroute (siehe
auch Anm. 360) befinden, lassen annehmen, daß Engels die Arbeit
an dem Reisebericht abbrach, um auf Ersuchen von Marx den Artikel
"Der magyarische Kampf" (siehe Band 6 unserer Ausgabe) zu schrei-
ben. 463
360 Dem Manuskript "Von Paris nach Bern" sind zwei Blätter beige-
fügt, auf denen Engels in fünf kartographischen Skizzen seine
Reiseroute von Auxerre (Frankreich) bis Lo Locle (Schweiz) darge-
stellt hat.
Auf dem ersten Blatt befinden sich folgende Angaben (Bezeich-
nungen, die von Engels durchgestrichen wurden, sind in spitze
Klammern, ungenaue Ortsbezeichnungen auf den Skizzen in eckige
Klammern gesetzt):
1. Marschroute von Auxerre nach Châlon:
"Auxerre-St. Bris - Vermanton - Pont aux Alouette - Lucy le Bois
- Avallon - <Rouvray> - Saulieu - <nach Dijon> -Champeau
[Chanteaux] - Rouvray- nach Dijon - Arnayle-Duc - Château -
(langes Dorf) - wo ich in die Post ging - Kohlenbergwerk -
Kneipe- schönes Tal, Wein - ditto - Chagny - Châlon"
2. Marschroute von Beaufort nach Genf:
"Beaufort - Orgelet - Aire - Moyrans - Pt. du Lizon [Pt. d'Ison]
- St. Claude - La Mure [La Meure] - Mijoux - Gex - Ferney -
Succony - Genève"
Außerdem befinden sich auf dem Blatt einige Zeichnungen, und zwar
ein Reiter ungarischer Uniform und drei Köpfe. Daneben stehen
folgende Aufzeichnungen:
Tschechen } Kroaten } Serben } Polen }
Mähren } Illyrier } Bosniaken } Ruthenen }
Slowaken } Slavonen } Bulgaren }
#550# Anhang und Register
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Auf dem zweiten Blatt ist folgendes verzeichnet:
1. Marschroute von Auxerre nach Genf:
"Auxerre - St. Bris - Vermanton - Pont aux Alouette - Lucy le
Bois - Avallon- <Rouvray> - Saulieu - Arnay-le-Duc - langes Dorf
- Yvery - La Cange - Chagny - Châlon - St. Marcel - Louhans -
Beaufort - Orgelet - Aire - Moyrans - zwei Berge - Pt. du Lizon
[Pt. d'Ison] - St. Claude - La Mure [La Meure] - Mijoux - Gex -
Genf"
2. Marschroute von Moyrans nach St. Claude:
"Moyrans - Mühlen - Pt. du Lizon [Pt. d'Ison] - St. Claude"
3. Marschroute von Genf nach Le Locle:
"Genf - Bellerive - Coppet - Nyon - Rolle - Aubonne - Morges -
Cossonay - La Sarraz - Orbe - Yverdon - St. Croix - Fleurier -
Travers - Le Ponto - Le Locle". Illustrationen gegenüber S. 464.
361 "Chant du départ" (Marschlied) - ein bekanntes revolutionäres
Lied aus der Französischen Revolution, das auch später in den de-
mokratischen Kreisen Frankreichs außerordentlich populär war. 465
362 Weber, Oper "Euryanthe", Text von Helmina von Chezy, Cavatine
(Adolar). 468
363 Im Herbst 1793 nahm der Konvent zur Sicherung der Versorgung
der Bevölkerung in den Städten, die besonders unter der Teuerung
zu leiden hatte, ein Dekret über das allgemeine Maximum an, in
welchem die Höchstpreise der Waren, vor allem der Lebensmittel,
festgesetzt wurden. Das Gesetz bedrohte die Akkapareurs
(Wucherer) bei Überschreitung der Höchstpreise mit den schwersten
Strafen bis zur Todesstrafe. 472
364 Diese Redewendung benutzt Engels, um die eigenartige Betonung
des naiv-breiten Burgunder Dialekts zu zeigen. Entsprechend dem
Vergleich von Engels mit dem österreichisch-bayrischen Dialekt in
der deutschen Sprache kann man sie etwa so übersetzen: Aber, ma-
a-iner Treu, Herr, ich bitt' Sie a-a-in bissel... 476
365 Engels zitiert die erste Strophe aus dem Gedicht
"Kriegserklärung" von Goethe. 479
366 Der Aufruf "An alle Arbeiter Deutschlands" wurde von dem aus
Paris nach Mainz kommenden Abgesandten des Bundes der Kommunisten
und Mitglieds der Zentralbehörde Wallau und dem Mitglied des Bun-
des der Kommunisten Cluß verfaßt und als Flugblatt verbreitet. Er
wurde auch in mehreren Zeitungen abgedruckt, u.a. in "Deutsche
Volkszeitung" Nr. 8 vom 8. April 1848, "Mannheimer Abend-Zeitung"
Nr. 100 vom 10. April 1848, "Seeblätter" Nr. 89 vom 13. April
1848. Auf dem Wege nach Köln hielten sich Marx und Engels am 8.
April 1848 in Mainz auf, wo sie mit den dortigen Kommunisten den
weiteren Aktionsplan zur Gründung und Zusammenfassung von
Arbeitervereinen besprachen. 483
367 In Köln bestand bereits vor der Märzrevolution 1848 eine Ge-
meinde des Bundes der Kommunisten, der d'Ester, Daniels, Bürgers,
Anneke, Gottschalk und andere angehörten. Ein bedeutender Teil
von ihnen befand sich unter dem Einfluß der "wahren" Sozialisten.
Anfang April 1848 erhielt die Gemeinde Zuwachs durch Mitglieder
des Bundes der Kommunisten, die aus der Emigration nach Köln ka-
men. Wie aus dem veröffentlichten Protokoll zu ersehen ist, tra-
ten bald nach der Ankunft von Marx und Engels ernste Meinungsver-
schiedenheiten zwischen ihnen und Gottschalk zutage. Dieses Doku-
ment ist von Bürgers und Moll als den Führern der Kölner Gemeinde
unterschrieben; Marx wohnte der Sitzung als Vorsitzender der Zen-
tralbehörde des Bundes der Kommunisten bei. 484
#551# Anmerkungen
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368 Der erste rheinische Demokraten-Kongreß fand vom 13. bis 14.
August 1848 in Köln statt. An der Tagung nahmen Marx und Engels
teil. Der Kongreß bestätigte die Zusammensetzung des Zentral-
ausschusses der drei demokratischen Vereine in Köln (siehe Anm.
369) als Rheinischen Kreisausschuß der Demokraten. Der Tätig-
keitsbereich dieses Ausschusses, in dem Marx eine führende Rolle
spielte, wurde vom Kongreß nicht nur auf die Rheinprovinz, son-
dern auch auf Westfalen ausgedehnt. Der Kongreß betonte in einem
Beschluß die Notwendigkeit, unter den Fabrikarbeitern und unter
den Bauern politische Arbeit zu leisten. 485
369 Der Zentralausschuß aus den Vertretern der drei demokrati-
schen Organisationen in Köln - der Demokratischen Gesellschaft,
dem Arbeiterverein und dem Verein für Arbeiter und Arbeitgeber -
wurde Ende Juni 1848 auf Grund des Beschlusses des ersten Demo-
kraten-Kongresses in Frankfurt am Main (siehe Anm. 228) gebildet,
um eine enge Zusammenarbeit aller demokratischen Kräfte in Köln
zu erreichen. Gleichzeitig übte er bis zur Bestätigung durch den
ersten rheinischen Demokraten-Kongreß (siehe Anm. 368) proviso-
risch die Funktion eines Rheinischen Kreisausschusses der Demo-
kraten aus. 485
370 Unter dem Namen Ritter Schnapphahnski verspottete Georg
Weerth in einer Feuilletonserie den bekannten reaktionären Für-
sten Lichnowski. Die Feuilletons "Leben und Taten des berühmten
Ritters Schnapphahnski" wurden ohne Unterschrift in der "Neuen
Rheinischen Zeitung" im August, September und Dezember 1848 und
Januar 1849 veröffentlicht. 492
371 In den Kölner Sicherheitsausschuß wurden unter anderen auch
die Redakteure der "Neuen Rheinischen Zeitung" Marx, Engels, Wil-
helm Wolff, Dronke und Bürgers sowie die Führer des Kölner Arbei-
tervereins Schapper und Moll gewählt. 493
372 Am 11. September 1848 kam es zu einem Zusammenstoß zwischen
Soldaten des in Köln einquartierten 27. Regiments und Kölner Bür-
gern, die von demokratisch gesinnten Männern der Bürgerwehr un-
terstützt wurden. 495
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