Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Die Adreßfrage
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 8 vom 8. Juni 1848]
       *** Köln, 7. Juni. Die Berliner Versammlung hat also beschlossen,
       eine Adresse  an den  König zu  richten [25],  um dem    M i n i-
       s t e r i u m     Gelegenheit  zu  geben,  seine  Ansichten  aus-
       zusprechen, seine  bisherige Verwaltung zu rechtfertigen. Es soll
       keine Dankadresse  im alten Landtagsstile sein, nicht einmal eine
       Respektsbezeugung: Se. Majestät bietet nach dem Geständnis Aller-
       höchst Ihrer  "Verantwortlichen" nur  den  "schicklichsten",  den
       "besten"   A n l a ß,  die Grundsätze der Majorität mit denen des
       Ministeriums in "Übereinstimmung" zu bringen.
       Wenn so  der Sache  nach die  Person des  Königs ein  bloßes Aus-
       tauschmittel ist  - wir  verweisen wiederum auf die eigenen Worte
       des Konseilpräsidenten  -, ein Wertzeichen, das nur das eigentli-
       che Geschäft  vermittelt, so ist sie für die Form der Verhandlung
       keineswegs gleichgültig.  Einmal werden dadurch die Vertreter des
       Volkswillens unmittelbar  mit der Krone m Verbindung gesetzt, und
       man kann  hieraus sehr  leicht, schon in der Adreßdebatte selbst,
       eine Anerkennung der Vereinbarungstheorie [53], eine Verzichtlei-
       stung auf die Volkssouveränetät herleiten. Zweitens aber wird man
       zu dem achtungsbedürftigen Staatsoberhaupte nicht so sprechen mö-
       gen, als  wenn man  sich direkt  an die Minister adressierte. Man
       wird sich  mit größerer  Zurückhaltung ausdrücken,  mehr andeuten
       als gerade  heraussagen, und  dann hängt es ja noch immer von der
       Entschließung des  Ministeriums ab,  ob es einen leisen Tadel mit
       seinem Fortbestehen  für vereinbar  hält. Die  schwierigen Punkte
       aber, wobei  die Gegensätze  am schroffsten  hervortreten, werden
       möglicherweise gar  nicht oder  nur  oberflächlich  berührt.  Die
       Furcht vor einem vorzeitigen Bruche mit der Krone, der vielleicht
       von bedenklichen Folgen hegleitet wäre, wird sich hier leicht er-
       regen lassen  und einen  Deckmantel in  der Beteurung finden, daß
       man der  spätem gründlichem  Diskussion über die einzelnen Fragen
       nicht vorgreifen wolle.
       
       #54# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       So werden aufrichtige Ehrfurcht, sei es vor der Person des Monar-
       chen, sei  es vor  dem monarchischen Prinzip im allgemeinen, dann
       die Besorgnis,  zu weit zu gehen, die Angst vor anarchischen Ten-
       denzen, dem  Ministerium bei  der Adreßdebatte  unschätzbare Vor-
       teile darbieten,  und Herr  Camphausen konnte mit Recht die Gele-
       genheit die  "schickliche", "beste" nennen, eine starke Majorität
       zu gewinnen.
       Es wird  sich nun  fragen, ob die Volksvertreter geneigt sind, in
       diese gehorsam abhängige Stellung einzutreten. Schon hat die kon-
       stituierende Versammlung  sich viel  vergeben, daß  sie nicht aus
       eigenem Antriebe  die Minister  zur Rechenschaft über ihre bishe-
       rige provisorische  Regierung gezogen  hat; das  hätte ihre erste
       Aufgabe sein müssen; sie ist ja angeblich deswegen so früh einbe-
       rufen worden, um die Anordnungen der Regierung auf den indirekten
       Volkswillen   zu    stützen.   Freilich    scheint   sie   jetzt,
       n a c h d e m   sie zusammengetreten,  nur da sein zu sollen, "um
       mit der  Krone eine  hoffentlich dauernde Verfassung zu vereinba-
       ren".
       Aber anstatt  durch ein  solches Auftreten  von  vornherein  ihre
       wahre Mission  zu verkünden, hat die Versammlung sich die Demüti-
       gung gefallen lassen, von den Ministern zur Annahme eines Rechen-
       schaftsberichtes gezwungen  werden zu  müssen.  Auffallenderweise
       hat kein  einziges ihrer  Mitglieder dem Antrag auf Bildung einer
       Adreßkommission die  Forderung entgegengestellt,  das Ministerium
       möge   o h n e   eine besondre  "Gelegenheit"  lediglich  zu  dem
       Zwecke vor  die Kammer  hintreten, um  sich über  seine bisherige
       Amtsführung zu verantworten. Und doch war dies das einzige schla-
       gende Argument gegen eine Adresse; allen ändern Gründen gegenüber
       waren die Minister völlig im Rechte.

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