Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Neue Teilung Polens
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 9 vom 9. Juni 1848]
** Köln, 8. Juni. Siebente Teilung Polens [54]. Die neue Demarka-
tionslinie des Herrn v. Pfuel in Posen ist ein neuer Raub an Po-
len. Sie beschränkt den zu "reorganisierenden" Teil auf weniger
als ein Drittel des ganzen Großherzogtums und schlägt den bei
weitem größten Teil von Großpolen zum Deutschen Bunde. Nur in ei-
nem schmalen Streifen längs der russischen Grenze soll die pol-
nische Sprache und Nationalität anerkannt werden. Er besteht aus
den Kreisen Wreschen und Pleschen und Teilen der Kreise Mogilno,
Wongrowiec, Gnesen, Schroda, Schrimm, Kosten, Fraustadt, Kröben,
Krotoschin, Adelnau und Schildberg. Die andere Hälfte dieser
Kreise, sowie die ganzen Kreise: Buk, Posen, Obornik, Samter,
Birnbaum, Meseritz, Bomst, Czarnikau, Chodziesen, Wirsitz, Brom-
berg, Schubin, Inowroclaw werden ohne weiteres durch Dekret des
Herrn v. Pfuel in deutschen Boden verwandelt. Und dennoch unter-
liegt es keinem Zweifel, daß selbst in diesem "deutschen Bundes-
gebiet" die Majorität der Einwohner noch polnisch spricht.
Die alte Demarkationslinie gab den Polen wenigstens die Warta zur
Grenze. Die neue beschränkt den zu reorganisierenden Anteil wie-
der um ein Viertel. Den Vorwand dazu bietet einerseits "der
Wunsch" des Kriegsministers, die Umgegend der Festung Posen in
einem Rayon von drei bis vier Meilen von der Reorganisation aus-
zuschließen, andrerseits das Verlangen verschiedener Städte, wie
Ostrowo etc., an Deutschland angeschlossen zu werden.
Was den Wunsch des Kriegsministers anlangt, so ist er ganz natür-
lich. Erst raubt man die Stadt und Festung Posen, die zehn Meilen
tief im polnischen Lande steckt, dann, um im Genuß des Geraubten
nicht gestört zu werden, findet man den Raub eines neuen Rayons
von drei Meilen wünschenswert. Dieser Rayon führt wieder zu al-
lerhand kleinen Arrondierungen,
#56# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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und so hat man den besten Anlaß, die deutsche Grenze immer weiter
nach der russisch-polnischen vorzuschieben.
Mit den Anschlußgelüsten der "deutschen" Städte steht es folgen-
dermaßen: In ganz Polen bilden Deutsche und Juden den Stamm der
gewerb- und handeltreibenden Bürgerschaft; es sind die Nachkommen
von Einwanderern, die meist wegen Religionsverfolgungen aus ihrer
Heimat geflohen sind. Sie haben mitten im polnischen Gebiet
Städte gegründet und seit Jahrhunderten alle Geschicke des pol-
nischen Reiches mitgemacht. Diese Deutschen und Juden, die enorme
Minorität im Lande, suchen die momentane Lage des Landes zu be-
nutzen, um sich zur Herrschaft emporzuschwingen. Sie appellieren
an ihre Eigenschaft als D e u t s c h e; sie sind ebensowenig
Deutsche wie die Deutschamerikaner. Will man sie zu Deutschland
schlagen, so unterdrückt man die Sprache und Nationalität von
mehr als der halben polnischen Bevölkerung Posens, und gerade
desjenigen Teils der Provinz, in welchem die nationale Insurrek-
tion [52] mit der größten Heftigkeit und Energie hervortrat - die
Kreise Buk, Samter, Posen, Obornik.
Herr v. Pfuel erklärt, er werde die neue Grenze für definitiv an-
sehen, sobald das Ministerium sie ratifiziert habe. Er spricht
weder von der Vereinbarungsversammlung, noch von der deutschen
Nationalversammlung, die doch auch ein Wort mitzusprechen haben,
wo es sich um die Grenzbestimmung Deutschlands handelt. Aber im-
merhin mag das Ministerium, mögen die Vereinbarer, mag die Frank-
furter Versammlung den Beschluß des Herrn Pfuel ratifizieren, die
Demarkationslinie ist nicht "definitiv", solange ihn nicht noch
zwei andre Mächte ratifiziert haben: das deutsche Volk und das
polnische Volk.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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