Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Das Schild der Dynastie
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 10 vom 10. Juni 1848]
** Köln, 9. Juni. Wie deutsche Blätter melden, hat Herr Camphau-
sen vor seinen Vereinbarern am 6. d. [Mts.] sein überströmendes
Herz ausgeschüttet. Er hielt
"eine nicht sowohl glänzende als vielmehr dem i n n e r s t e n
H e r z q u e l l e n t s t r ö m e n d e Rede, die an Paulus
erinnert, wo er sagt: 'Und wenn ich mit Menschen- und mit Engels-
zungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend
Erz!' Seine Rede war reich an jener heiligen Bewegung, die wir
Liebe nennen ... sie sprach begeisternd zu Begeisterten, der Bei-
fall wollte nicht enden ... und eine längere Pause war nötig, um
ihrem ganzen Eindruck sich hinzugeben und ihn in sich aufzuneh-
men." [55]
Und wer war der Held dieser herzquellentströmenden, liebevollen
Rede? Wer war das Thema, das Herrn Camphausen so begeisterte, daß
er begeisternd zu Begeisterten sprach? Wer der Äneas dieser
Äneide [56] vom 6. Juni?
Wer anders als der P r i n z v o n P r e u ß e n!
Man lese nach in dem stenographischen Bericht [25], wie der dich-
terische Konseilpräsident die Fahrten des modernen Anchisessohnes
schildert; wie er, als der Tag gekommen,
- wo die heilige Ilios hinsank,
Priamos auch und das Volk des lanzenkundigen Königs [57],
wie er nach dem Fall des junkertümlichen Troja nach langen Irr-
fahrten zu Wasser und zu Lande endlich an den Strand des modernen
Karthago geschlagen und von der Königin Dido freundschaftlichst
empfangen wurde; wie es ihm besser erging als Äneas I., indem
sich ein Camphausen fand, der Troja möglichst wiederherstellte
und den heiligen "Rechtsboden" wieder entdeckte; wie Camphausen
seinen Äneas endlich zu seinen Penaten heimkehren ließ und wie
nun wieder Freude herrscht in Trojas Hallen. [58] Alles das und
#58# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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zahllose dichterische Ausschmückungen muß man lesen, um zu emp-
finden, was es heißt, wenn ein Begeisternder zu Begeisterten
spricht.
Dies ganze Epos dient übrigens dem Herrn Camphausen nur zum Vor-
wand für einen Dithyrambus auf sich selbst und sein eigenes Mini-
sterium.
"Ja" - ruft er aus - "wir haben geglaubt, es entspreche dem Gei-
ste der konstitutionellen Verfassung, daß w i r uns an die
Stelle einer hohen Persönlichkeit setzten, daß w i r uns als
die Persönlichkeiten hinstellten, gegen die alle Angriffe zu
richten seien... So ist es geschehen. Wir haben uns als Schild
vor die Dynastie gestellt und alle Gefahren und Angriffe auf uns
geleitet!"
Welch ein Kompliment für die "hohe Persönlichkeit", welch ein
Kompliment für die "Dynastie"! Ohne Herrn Camphausen und seine
sechs Paladine war die Dynastie verloren. Für welch eine kräf-
tige, welch eine "tief im Volk wurzelnde Dynastie" muß Herr Cam-
phausen das Haus Hohenzollern halten, um so zu sprechen! Wahr-
lich, hätte Herr Camphausen weniger "begeisternd zu Begeisterten"
gesprochen, wäre er weniger "reich an jener heiligen Bewegung ge-
wesen, die wir Liebe nennen", oder hätte er nur seinen Hansemann
sprechen lassen, der sich mit dem "tönenden Erz" begnügt, es wäre
besser gewesen für die Dynastie!
"Allein, meine Herren, ich spreche dies nicht mit herausfordern-
dem Stolze, sondern mit der Demut, die aus dem Bewußtsein ent-
springt, daß die hohe Aufgabe, die Ihnen und uns gestellt ist,
nur gelöst werden kann, wenn der Geist der M i l d e und
V e r s ö h n u n g sich auch auf diese Versammlung herabsenkt,
wenn wir neben Ihrer Gerechtigkeit auch Ihre Nachsicht finden!"
Herr Camphausen hat recht, Milde und Nachsicht für sich von einer
Versammlung zu erbitten, die der Milde und Nachsicht des Publi-
kums selbst so sehr bedarf!
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