Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Köln in Gefahr
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 11 vom 11. Juni 1848]
       ** Köln,  10. Juni.  Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen,
       die Felder  grünten, die  Bäume blühten [59], und soweit es Leute
       gibt, die  den Dativ mit dem Akkusativ verwechseln, bereitete man
       sich vor,  den heiligen  Geist der  Reaktion auf   e i n e n  Tag
       über alle Lande auszugießen.
       Der Augenblick  ist gut  gewählt. In Neapel ist es den Gardelieu-
       tenants und  Schweizer Landsknechten gelungen, die junge Freiheit
       im Blut des Volks zu ersticken. 1*) In Frankreich legt eine Kapi-
       tahstenversammlung der  Republik den  Knebel drakonischer Gesetze
       an und ernennt zum Kommandanten von Vincennes den General Perrot,
       der den 23.Februar am Hôtel Guizot Feuer kommandierte. In England
       und Irland  wirft man  Chartisten [60] und Repealers [61] massen-
       weise ins  Gefängnis und sprengt unbewaffnete Meetings durch Dra-
       goner auseinander. In Frankfurt setzt die Nationalversammlung das
       vom seligen  Bundestag vorgeschlagene  und vom  Fünfzigerausschuß
       zurückgewiesene Triumvirat jetzt selbst ein [62]. In Berlin siegt
       die Rechte Schlag auf Schlag durch Überzahl und Trommeln, und der
       Prinz von  Preußen erklärt  durch seinen  Einzug in das "Eigentum
       der ganzen Nation [63] die Revolution für null und nichtig.
       In Rheinhessen  konzentrieren sich  Truppen; rings  um  Frankfurt
       herum lagern  die Helden, die im Seekreis an den republikanischen
       Freischaren sich  ihre Sporen  verdienten [64];  Berlin ist  zer-
       niert, Breslau  ist zerniert, und wie es in der Rheinprovinz aus-
       sieht, davon werden wir gleich sprechen.
       Die Reaktion bereitet einen großen Schlag vor.
       Während man  sich in Schleswig schlägt [40], während Rußland dro-
       hende Noten  schickt und  dreimalhunderttausend Mann  um Warschau
       zusammenzieht,
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 19-21
       
       #60# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       wird Rheinpreußen  mit Truppen überschwemmt, obwohl die Bourgeois
       der Pariser Kammer schon wieder "den Frieden um jeden Preis" pro-
       klamieren!
       In Rheinpreußen,  Mainz und Luxemburg stehen (nach der "Deutschen
       Zeitung" [65]   v i e r z e h n   g a n z e  Infanterieregimenter
       (das 13.,  15. *),  16., 17.,  25., 26., 27., 28., 30., 34., 35.,
       38., 39.,  40.), d.h.  e i n  D r i t t e l  der gesamten preußi-
       schen Linien- und Gardeinfanterie (45 Regimenter). Ein Teil davon
       ist völlig  auf Kriegsfuß  und die  übrigen durch  Einziehung des
       dritten Teils der Reserven verstärkt. Außerdem drei Ulanen-, zwei
       Husaren- und  ein Dragonerregiment,  wozu noch in kurzer Zeit ein
       Kürassierregiment erwartet  wird. Dazu der größte Teil der 7. und
       8. Artilleriebrigade, von denen wenigstens schon die Hälfte mobil
       gemacht (d.h.  von 19  auf 121  Pferde per Fußbatterie oder von 2
       auf 8 bespannte Geschütze gebracht) worden ist. Für Luxemburg und
       Mainz ist  außerdem eine  dritte Kompanie  gebildet worden. Diese
       Truppen stehen  in einem  großen Bogen  von Köln  und  Bonn  über
       Koblenz und  Trier nach  der  französischen  und  luxemburgischen
       Grenze. Alle  Festungen werden  armiert, die  Gräben  verpallisa-
       diert, die  Glacisbäume teils  ganz, teils  in der Schußlinie der
       Kanonen rasiert.
       Und wie sieht es hier in  K ö l n  aus?
       Die Kölner  Forts sind  vollständig armiert. Die Bettungen werden
       gestreckt, die  Scharten geschnitten,  die Geschütze  sind da und
       werden aufgefahren.  Jeden Tag  von morgens  6 bis  abends 6 wird
       daran gearbeitet. Die Geschütze sollen sogar nachts, um alles Ge-
       räusch zu  vermeiden,   m i t  u m w i c k e l t e n  R ä d e r n
       aus der Stadt gefahren worden sein.
       Die Armierung  der Ringmauer  hat angefangen am Bayenturm und ist
       schon vorgerückt  bis Bastion  Nr. 6, d.h. bis zur Hälfte der Um-
       wallung. Auf Abschnitt I sind schon 20 Geschütze aufgefahren.
       Auf Bastion  Nr. 2  (am Severintor) stehen die Geschütze über dem
       Tor. Sie  brauchen nur  umgedreht zu  werden, um die Stadt zu be-
       schießen.
       Der beste  Beweis, daß  diese Bewaffnungen  nur  scheinbar  gegen
       einen  äußern  Feind,  in  der  Tat  aber    g e g e n    K ö l n
       s e l b s t   gerichtet sind, liegt darin, daß hier die Bäume des
       Glacis überall  stehengeblieben sind. Für den Fall, daß die Trup-
       pen die  Stadt verlassen und sich m die Forts werfen müßten, sind
       dadurch die  Kanonen des  Stadtwalls nutzlos  gemacht  gegen  die
       Forts, während  die Mörser,  Haubitzen und  Vierundzwanzigpfünder
       der Forts keineswegs gehindert sind, Granaten und Bomben über die
       Bäume weg in die Stadt
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       *) Nicht ganz  richtig. Das  13. steht teilweise, das 15. ganz in
       Westfalen, kann  aber mit  der Eisenbahn  in wenig  Stunden  hier
       sein.
       
       #61# Köln in Gefahr
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       zu werfen. Die Entfernung der Forts von der Ringmauer beträgt nur
       1400 Schritt  und erlaubt  den Forts,  Bomben, die  bis  zu  4000
       Schritt fliegen,  in jeden beliebigen Teil der Stadt hineinzuwer-
       fen.
       Jetzt  die   Maßregeln,  die    d i r e k t    g e g e n    d i e
       S t a d t   g e r i c h t e t  sind.
       Das   Z e u g h a u s,   dem  Regierungsgebäude  gegenüber,  wird
       a u s g e r ä u m t.   Die Gewehre  werden hübsch einballiert, so
       daß es nicht auffällt, und in die Forts gebracht.
       In  G e w e h r k i s t e n  wird Artilleriemunition in die Stadt
       gebracht und  m den  bombenfesten Kriegsmagazinen längs der Ring-
       mauer deponiert.
       Während wir dies schreiben, werden an  d i e  A r t i l l e r i e
       G e w e h r e   m i t  B a j o n e t t e n  ausgeteilt, obwohl es
       bekannt ist,  daß die Artillerie in Preußen gar nicht darauf ein-
       exerziert ist.
       Die Infanterie  liegt schon  teilweise in  den Forts.  Ganz  Köln
       weiß, daß  ihr vorgestern 5000 scharfe Patronen per Kompanie aus-
       geteilt wurden.
       Folgende Dispositionen  sind getroffen  für den Fall eines Zusam-
       menstoßes mit dem Volk.
       Auf das  erste Alarmzeichen  rückt die  7. (Festungs-)Artillerie-
       kompanie aus in die Forts.
       Die Batterie  Nr. 37  rückt dann  ebenfalls vor  die Stadt. Diese
       Batterie ist schon vollständig "kriegsfeldmäßig" ausgerüstet.
       Die 5.  und 8. Artilleriekompanie bleibt vorderhand in der Stadt.
       Diese Kompanien haben 20 Schuß in jedem Protzkasten.
       Die Husaren kommen von Deutz nach Köln herüber.
       Die Infanterie  besetzt den Neumarkt, das Hahnentor und Ehrentor,
       um den  Rückzug aller  Truppen aus der Stadt zu decken, und wirft
       sich alsdann ebenfalls in die Forts.
       Dazu bieten die höheren Offiziere alles auf, um den Truppen einen
       altpreußischen Haß gegen die neue Ordnung der Dinge beizubringen.
       Bei der  jetzigen Blüte der Reaktion ist nichts leichter, als un-
       ter dem Vorwande einer Rede gegen die Wühler und Republikaner die
       gehässigsten Angriffe  gegen die Revolution und gegen die konsti-
       tutionelle Monarchie an den Mann zu bringen.
       D a z u   i s t   K ö l n   n i e   r u h i g e r   g e w e s e n
       a l s   g e r a d e   i n  d e r  l e t z t e n  Z e i t .  Außer
       einem unbedeutenden Auflauf vor dem Hause des Regierungspräsiden-
       ten und  einer Schlägerei  auf dem  Heumarkt ist seit vier Wochen
       nichts vorgefallen,  das auch  nur die Bürgerwehr irgendwie alar-
       miert hätte.  Alle diese  Maßregeln sind  also    g ä n z l i c h
       u n p r o v o z i e r t.
       Wir wiederholen:  Nach diesen  sonst ganz  unbegreiflichen Maßre-
       geln, nach  den Truppenzusammenziehungen  um Berlin  und Breslau,
       die uns  durch Briefe bestätigt sind, nach der Überschwemmung der
       den Reaktionären so
       
       #62# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       verhaßten Rheinprovinz mit Soldaten, können wir nicht daran zwei-
       feln, daß die Reaktion einen allgemeinen großen Coup vorbereitet.
       Der  Ausbruch  scheint  hier  in  Köln  auf  den    z w e i t e n
       P f i n g s t t a g   festgesetzt zu  sein. Das  Gerücht wird ge-
       flissentlich verbreitet,  daß es an diesem Tage "losgehen" werde.
       Man wird  sich bemühen,  einen kleinen  Skandal hervorzurufen, um
       dann sofort die Truppen agieren zu lassen, die Stadt mit Beschie-
       ßung zu  bedrohen, die  Bürgerwehr zu entwaffnen, die Hauptwühler
       einzusperren, kurz,  uns nach Mainzer und Trierer Art 1*) zu miß-
       handeln.
       Wir warnen  die Kölner  Arbeiter ernstlich  vor dieser Falle, die
       die Reaktion  ihnen stellt. Wir bitten sie dringend, der altpreu-
       ßischen Partei   n i c h t   d e n   g e r i n g s t e n   V o r-
       w a n d   z u   g e b e n,   um Köln  unter den  Despotismus  der
       Kriegsgesetze zu  stellen. Wir  bitten sie,   d i e   b e i d e n
       P f i n g s t t a g e   g a n z    b e s o n d e r s    r u h i g
       v o r ü b e r g e h e n   z u  l a s s e n  und dadurch den Reak-
       tionären ihren ganzen Plan zu vereiteln.
       Geben wir der Reaktion Vorwand, uns anzugreifen, so sind wir ver-
       loren, so  geht es uns wie den Mainzern. Zwingen wir sie, uns an-
       zugreifen, und  wagt sie den Angriff wirklich, so werden die Köl-
       ner Gelegenheit haben zu beweisen, daß auch sie keinen Augenblick
       anstehen, für die Errungenschaften des 18. März Blut und Leben in
       die Schanze zu schlagen.
       N a c h s c h r i f t.   Soeben sind  folgende Befehle ausgeteilt
       worden:
       Für die beiden  P f i n g s t t a g e  f ä l l t  d i e  P a r o-
       l e   a u s  (während sie sonst mit ganz besonderer Feierlichkeit
       ausgegeben wurde).  Die Truppen  bleiben   i n  d e n  K a s e r-
       n e n   k o n s i g n i e r t,   wo  den  Offizieren  die  Parole
       mitgeteilt wird.
       Die Festungs- und Handwerkskompanien der Artillerie sowie die In-
       fanteriebesatzung der  Forts, erhalten von heute ab außer der ge-
       wöhnlichen Brotverpflegung  täglich auf vier Tage Brot voraus, so
       d a ß   s i e   s t e t s   a u f  a c h t  T a g e  v e r p r o-
       v i a n t i e r t  s i n d.
       Die Artillerie  exerziert schon  heute abend  um  7  Uhr    m i t
       G e w e h r e n.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 18

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