Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Die Berliner Debatte über die Revolution
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 14 vom 14. Juni 1848]
** Köln, 13. Juni. Die Vereinbarungsversammlung hat sich endlich
entschieden ausgesprochen. [25] Sie hat die Revolution desavou-
iert und die Vereinbarungstheorie [53] anerkannt.
Der Tatbestand, über den sie sich auszusprechen hatte, war fol-
gender:
Am 18. März versprach der König eine Konstitution, führte die
Preßfreiheit mit Kautionen [67] ein und sprach sich in einer
Reihe von Vorschlägen dahin aus, daß Deutschlands Einheit durch
ein Aufgehen Deutschlands in Preußen herbeizuführen sei.
Das waren die Konzessionen des 18. März, auf ihren wahren Gehalt
reduziert. Daß die Berliner sich damit zufrieden erklärten, daß
sie vor das Schloß zogen, um dem König dafür zu danken, das be-
weist am allerdeutlichsten die Notwendigkeit der Revolution vom
18. März. Nicht nur der Staat, auch die Staatsbürger mußten revo-
lutioniert werden. Der Untertan konnte nur in einem blutigen Be-
freiungskampfe abgestreift werden.
Das bekannte "Mißverständnis" rief die Revolution hervor. Aller-
dings fand ein Mißverständnis statt. Der Angriff der Soldaten,
die Fortsetzung des Kampfs während 16 Stunden, die Notwendigkeit
für das Volk, den Rückzug der Truppen zu erzwingen - das ist Be-
weis genug, daß das Volk die Konzessionen des 18. März gänzlich
m i ß v e r s t a n d e n hatte.
Die Resultate der Revolution waren: auf der einen Seite die
Volksbewaffnung, das Assoziationsrecht, die faktisch errungene
Volkssouveränetät; auf der ändern die Beibehaltung der Monarchie
und das Ministerium Camphausen-Hansemann, d.h. die Regierung der
Vertreter der hohen Bourgeoisie.
Die Revolution hatte also zwei Reihen von Resultaten, die notwen-
dig auseinandergehen mußten. Das Volk hatte gesiegt, es hatte
sich Freiheiten entschieden demokratischer Natur erobert; aber
die unmittelbare Herrschaft ging über, nicht in seine Hände, son-
dern in die der großen Bourgeoisie.
#65# Die Berliner Debatte über die Revolution
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Mit einem Wort, die Revolution war nicht vollendet. Das Volk
hatte die Bildung eines Ministeriums von großen Bourgeois zuge-
lassen, und die großen Bourgeois bewiesen ihre Tendenzen sogleich
dadurch, daß sie dem altpreußischen Adel und der Bürokratie eine
Allianz anboten. Arnim, Kanitz, Schwerin traten ins Ministerium.
Die hohe Bourgeoisie, von jeher antirevolutionär, schloß aus
Furcht vor dem Volk, d.h. vor den Arbeitern und der demokrati-
schen Bürgerschaft, ein Schutz- und Trutzbündnis mit der Reak-
tion.
Die vereinigten reaktionären Parteien begannen ihren Kampf gegen
die Demokratie damit, daß sie die R e v o l u t i o n i n
F r a g e s t e l l t e n. Der Sieg des Volks wurde geleugnet;
die berühmte Liste der "siebzehn Militärtoten" [68] wurde fabri-
ziert; die Barrikadenkämpfer wurden in jeder möglichen Weise an-
geschwärzt. Damit nicht genug. Das Ministerium ließ den vor der
Revolution berufenen Vereinigten Landtag [35] wirklich zusammen-
berufen und den gesetzlichen Übergang aus dem Absolutismus in die
Konstitution post festum 1*) anfertigen. Es leugnete dadurch die
Revolution geradezu. Ferner erfand es die Vereinbarungstheorie,
leugnete dadurch die Revolution abermals und leugnete zugleich
die Volkssouveränetät.
Die Revolution wurde also wirklich in Frage gestellt, und sie
konnte in Frage gestellt werden, weil sie nur eine halbe Revolu-
tion, nur der Anfang einer langen revolutionären Bewegung war.
Wir können hier nicht darauf eingehen, warum und inwiefern die
augenblickliche Herrschaft der hohen Bourgeoisie in Preußen eine
notwendige Übergangsstufe zur Demokratie ist und warum die hohe
Bourgeoisie sich nach ihrer Thronbesteigung sogleich zur Reaktion
schlug. Wir berichten vorderhand nur die Tatsache.
Die Vereinbarungsversammlung hatte sich nun darüber auszuspre-
chen, ob sie die Revolution anerkenne oder nicht.
Aber unter diesen Verhältnissen die Revolution anerkennen, das
hieß die demokratische Seite der Revolution anerkennen gegenüber
der hohen Bourgeoisie, die sie konfiszieren wollte.
Die Revolution anerkennen, das hieß in diesem Augenblick gerade
die H a l b h e i t der Revolution, und damit die demokratische
Bewegung anerkennen, welche sich gegen einen Teil der Resultate
der Revolution richtet. Es hieß anerkennen, daß Deutschland sich
in einer revolutionären Bewegung befindet, in der das Ministerium
Camphausen, die Vereinbarungstheorie, die indirekten Wahlen, die
Herrschaft der großen Kapitalisten und die Produkte
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1*) hinterher
#66# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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der Versammlung selbst zwar unvermeidliche Durchgangspunkte sein
können, aber keineswegs letzte Resultate sind.
Die Debatte in der Kammer über die Anerkennung der Revolution
wurde von beiden Seiten mit großer Breite und mit großem Inter-
esse, aber mit merkwürdig wenig Geist geführt. Man kann wenig Un-
erquicklicheres lesen als diese diffuse, jeden Augenblick durch
Lärmen oder durch reglementarische Spitzfindigkeiten unterbro-
chene Verhandlung. Statt der großen Leidenschaft des Partei-
kampfes eine kühle Gemütsruhe, die jeden Augenblick in den Kon-
versationston herabzusinken droht; statt schneidender Schärfe der
Argumentation breites verworrenes Gerede vom Hundertsten ins Tau-
sendste; statt schlagender Antwort langweilige Moralpredigten
über das Wesen und die Natur der Sittlichkeit.
Auch die Linke hat sich in dieser Debatte nicht besonders ausge-
zeichnet. [69] Die meisten ihrer Redner wiederholen einander;
keiner wagt es, der Frage entschieden auf den Leib zu rücken und
offen revolutionär aufzutreten. Sie fürchten überall anzustoßen,
zu verletzen, zurückzuschrecken. Hätten die Kämpfer des 18. März
nicht mehr Energie und Leidenschaft im Kampfe bewiesen als die
Herren von der Linken in der Debatte, es stände schlimm um
Deutschland.
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 15 vom 15. Juni 1848]
** Köln, 14.Juni. Der Abgeordnete Berends von Berlin eröffnete
die Debatte, indem er den Antrag stellte:
"Die Versammlung erklärt, in Anerkennung der Revolution, daß die
Kämpfer des 18. und 19. März sich wohl ums Vaterland verdient ge-
macht haben."
Die Form des Antrags, die altrömisch-lakonische, von der großen
französischen Revolution wieder aufgenommene Fassung, war ganz
passend.
Desto unpassender dagegen war die Manier, worin Herr Berends sei-
nen Antrag entwickelte. Er sprach nicht revolutionär, sondern
versöhnend. Er hatte den Zorn der insultierten Barrikadenkämpfer
vor einer Versammlung von Reaktionären zu vertreten, und er do-
zierte ganz ruhig und trocken, als ob er noch als Lehrer des Ber-
liner Handwerkervereins spräche. Er hatte eine ganz einfache,
ganz klare Sache zu verteidigen, und seine Entwicklung ist das
Verworrenste, was man lesen kann.
Herr Berends beginnt:
"Meine Herren! Die Anerkennung der Revolution liegt ganz in der
Natur der Sache (!). Unsere Versammlung selbst ist eine redende
Anerkennung der großen
#67# Die Berliner Debatte über die Revolution
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Bewegung, welche durch alle zivilisierten Länder Europas hin-
durchgegangen ist. Die Versammlung ist aus dieser Revolution her-
vorgegangen, ihr Dasein ist also faktisch die Anerkennung der Re-
volution."
Erstens. Es handelt sich keineswegs darum, die "große Bewegung,
welche durch alle zivilisierten Länder Europas hindurchgegangen
ist", im allgemeinen als eine Tatsache anzuerkennen; das wäre
überflüssig und nichtssagend. Es handelt sich vielmehr darum, den
Berliner Straßenkampf, der für eine Erneute ausgegeben wird, als
eine echte, wirkliche Revolution anzuerkennen. Zweitens. Die Ver-
sammlung in Berlin ist allerdings nach einer Seite hin eine
"A n e r k e n n u n g der Revolution", insofern ohne den Berli-
ner Straßenkampf keine "vereinbarte", sondern höchstens eine ok-
troyierte Verfassung zustande gekommen wäre. Aber durch die Art
ihrer Berufung, durch das ihr vom Vereinigten Landtag und vom Mi-
nisterium gegebene Mandat ist sie ebensogut eine L e u g n u n g
der Revolution geworden. Eine "auf dem Boden der Revolution" ste-
hende Versammlung vereinbart nicht, sie dekretiert.
Drittens. Die Versammlung hatte die Vereinbarungstheorie schon in
dem Votum über die Adresse 1*) anerkannt, sie hatte die Revolu-
tion in dem Votum gegen den Zug nach dem Grabe der Gefallenen
[70] schon verleugnet. Sie hat die Revolution verleugnet, indem
sie überhaupt neben der Frankfurter Versammlung "tagte".
Der Antrag des Herrn Berends war also faktisch schon zweimal ver-
worfen. Er mußte diesmal, wo die Versammlung sich offen ausspre-
chen sollte, um so mehr durchfallen.
Da die Versammlung einmal reaktionär war, da es feststand, daß
das Volk von ihr nichts mehr zu erwarten hatte, so war es im In-
teresse der Linken, daß die Minorität f ü r den Antrag mög-
lichst klein war und nur die entschiedensten Mitglieder umfaßte.
Herr Berends brauchte sich also gar nicht zu genieren. Er mußte
möglichst entschieden, möglichst revolutionär auftreten. Statt an
der Illusion festzuhalten, die Versammlung sei eine konstituie-
rende und wolle es sein, die Versammlung s t e h e auf dem Bo-
den der Revolution, mußte er ihr erklären, sie habe die Revolu-
tion bereits indirekt verleugnet, und sie auffordern, es jetzt
offen zu tun.
Aber nicht nur er, sondern die Redner der Linken überhaupt haben
diese der demokratischen Partei einzig angemessene Politik nicht
befolgt. Sie gaben sich der Illusion hin, die Versammlung zu ei-
nem revolutionären Schritt überreden zu können. Sie haben daher
Zugeständnisse gemacht, sie haben
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1*) Siehe vorl. Band, S. 53/54
#68# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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gemildert, sie haben von Versöhnung gesprochen und damit selbst
die Revolution verleugnet.
Herr Berends fährt nun fort, m sehr kühler Denkungsart und sehr
hölzerner Sprache über Revolutionen im allgemeinen und über die
Berliner Revolution im besondern sich auszulassen. Im Verfolg
seiner Erörterungen kommt er auf den Einwand, daß die Revolution
überflüssig war, weil der König vorher schon alles bewilligt
hatte. Er antwortet:
"Allerdings hatte Se. Majestät der König v i e l e s bewilligt
... aber war in dieser Bewilligung die Zufriedenstellung des
Volks erlangt? War uns die Garantie gegeben, daß diese Verheißung
wirklich zur Wahrheit werde? Ich g l a u b e, diese Garantie
war ... erst nach dem Kampfe erlangt!... Es ist begründet, daß
eine solche Staatsumgestaltung nur in großen Katastrophen des
Kampfes geboren und fest gegründet werden kann. Eine große Tatsa-
che war am 18. März noch nicht bewilligt: das war die Bewaffnung
des Volks... Erst als das Volk bewaffnet war, fühlte es sich si-
cher gegen die Möglichkeit von Mißverständnissen... Der Kampf ist
a l s o (!) freilich e i n e A r t N a t u r e r e i g n i s
(!), aber ein notwendiges Ereignis ... die Katastrophe, in der
die Umgestaltung des Staatslebens zur Wirklichkeit, zur Wahrheit
kommt."
Aus dieser langen, verworrenen, von Wiederholungen strotzenden
Erörterung geht ganz klar hervor, daß Herr Berends über die Re-
sultate und die Notwendigkeit der Revolution durchaus im unklaren
ist. Von ihren Resultaten kennt er nur die "Garantie" der Verhei-
ßungen des 18. und die "Volksbewaffnung"; ihre Notwendigkeit kon-
struiert er auf philosophischem Wege, indem er die "Garantie"
nochmals in höherem Stil umschreibt und schließlich beteuert,
keine Revolution könne ohne Revolution bewerkstelligt werden.
Die Revolution war notwendig, das heißt doch wohl nur, sie war
notwendig, um das zu erlangen, was wir jetzt erlangt haben. Die
Notwendigkeit der Revolution steht im direkten Verhältnis zu ih-
ren Resultaten. Da aber Herr Berends über die Resultate im unkla-
ren ist, so muß er natürlich zu überschwenglichen Beteuerungen
seine Zuflucht nehmen, um ihre Notwendigkeit zu konstruieren.
Was waren die Resultate der Revolution? Keineswegs die "Garantie"
der Verheißungen vom 18., sondern vielmehr der Umsturz dieser
Verheißungen.
Am 18. war versprochen worden: eine Monarchie, in der Adel, Büro-
kratie, Militär und Pfaffen das Heft in der Hand behielten, aber
der hohen Bourgeoisie die Kontrolle durch g e s c h e n k t e
Konstitution und Preßfreiheit mit Kautionen [67] gestatteten. Für
das Volk deutsche Fahnen, deutsche Flotte, deutsche Bundesmili-
tärpflicht statt der preußischen.
Die Revolution stürzte die gesamten Mächte der absoluten Monar-
chie, Adel, Bürokraten, Militär und Pfaffen. Sie brachte die hohe
Bourgeoisie ausschließlich
#69# Die Berliner Debatte über die Revolution
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zur Herrschaft. Sie gab dem Volk die Waffe der Preßfreiheit ohne
Kautionen, das Assoziationsrecht, und wenigstens teilweise auch
die materielle Waffe, die Muskete.
Das ist aber noch nicht das Hauptresultat. Das Volk, das in den
Barrikaden gefochten und gesiegt hat, ist ein ganz anderes Volk
als das, welches am 18. März vor das Schloß zog, um durch Drago-
nerangriffe über die Bedeutung der erhaltenen Zugeständnisse auf-
geklärt zu werden. Es ist ganz andrer Dinge fähig, es steht der
Regierung ganz anders gegenüber. Die wichtigste Eroberung der Re-
volution ist d i e R e v o l u t i o n s e l b s t.
"Ich kann es als Berliner wohl sagen, daß es uns ein
s c h m e r z l i c h e s G e f ü h l" (weiter nichts!) "gewe-
sen ist, ... diesen Kampf geschmäht zu sehen... Ich knüpfe an das
Wort des Herrn Ministerpräsidenten an, welcher ... darstellte,
daß es die Sache eines großen Volks sei und sämtlicher Vertreter,
mit M i l d e z u r V e r s ö h n u n g zu wirken. D i e s e
M i l d e n e h m e i c h i n A n s p r u c h, indem ich als
Vertreter von Berlin bei Ihnen die Anerkennung des 18. und
19.März beantrage. Das Volk von Berlin hat sich in der ganzen
Zeit nach der Revolution im ganzen gewiß sehr ehrenhaft und
ehrenwert gehalten. Es mag sein, daß einzelne Exzesse vorgekommen
sind ... und so g l a u b e ich, daß es a m O r t e, daß die
Versammlung erklärt etc. etc."
Diesem feigen, die Revolution verleugnenden Schluß haben wir nur
hinzuzusetzen, daß nach einer solchen Motivierung der Antrag
durchzufallen verdiente.
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 16 vom 16. Juni 1848]
** Köln, 14. Juni. Das erste Amendement, das dem Berendsschen An-
trag entgegengesetzt wurde, verdankte dem Abgeordneten Herrn
Brehmer sein kurzes Dasein. Es war eine breite, wohlmeinende Er-
klärung, worin 1. die Revolution anerkannt, 2. die Vereinbarungs-
theorie anerkannt, 3. alle diejenigen, welche zu dem stattgehab-
ten Umschwünge beigetragen hatten, anerkannt und 4. die große
Wahrheit anerkannt, daß
Nicht Roß, nicht Reisige
Sichern die steile Höh',
Wo Fürsten stehn [71], -
womit schließlich die Revolution selbst wieder in einen echt
preußischen Ausdruck gebracht worden war. Der brave Herr Oberleh-
rer Brehmer wollte es allen Parteien recht machen, und sie woll-
ten alle nichts von ihm wissen. Sein Amendement wurde ohne Dis-
kussion beseitigt, und Herr Brehmer zog sich zurück mit der gan-
zen Resignation eines enttäuschten Menschenfreundes.
#70# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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An die Tribüne schritt der Herr Schulze (von Delitzsch). Herr
Schulze ist auch ein Bewunderer der Revolution, aber ein Bewunde-
rer nicht so sehr der Barrikadenkämpfer als der Leute des folgen-
den Morgens, des zum Unterschiede von den "Kämpfern" sogenannten
"Volks". Die "Haltung des Volks n a c h dem Kampfe" soll noch
besonders mit anerkannt werden, wünscht er. Seine Begeisterung
kannte keine Grenzen, als er hörte
"von der Mäßigung und Besonnenheit des Volks, als ihm kein Gegner
(!) mehr gegenüberstand ... von dem Ernste, von der Versöhnung
des Volkes ... von seiner Haltung gegenüber der Dynastie ... wir
sahen, daß das Volk sich wohl bewußt war, in diesen Augenblicken
d e r G e s c h i c h t e s e l b s t i m m i t t e l b a r
Ä u g i n A u g e z u s e h e n"!!
Herr Schulze schwärmt nicht so sehr für die revolutionäre Tätig-
keit des Volks i m Kampf, als für seine durchaus nicht revolu-
tionäre Untätigkeit n a c h dem Kampf.
Die Großmut des Volks nach der Revolution anerkennen, kann nur
zweierlei heißen:
Entweder heißt es d a s Volk beleidigen, denn es wäre eine Be-
leidigung des Volks, als Verdienst anzuerkennen, daß es n a c h
dem Siege keine Gemeinheiten begeht.
Oder es heißt die Erschlaffung des Volks nach dem Siege der Waf-
fen anerkennen, die der Reaktion Gelegenheit gibt, sich wieder zu
erheben.
"Beides zu vereinigen", hat Herr Schulze seine "zur Begeisterung
erhobene Bewunderung" darüber ausgesprochen, daß das Volk erstens
sich anständig betragen und zweitens der Reaktion Gelegenheit ge-
geben, sich wieder zu erholen.
Die "Haltung des Volkes" bestand dann, daß es sich damit beschäf-
tigte, voll Begeisterung "der Geschichte selbst unmittelbar Aug
in Auge zu sehen", wo es die Geschichte hätte machen sollen; daß
es vor lauter "Haltung", "Mäßigung", "Besonnenheit", "tiefem
Ernst" und "unauslöschlicher Weihe" nicht dazu kam, zu verhin-
dern, daß die Minister em Stück der errungenen Freiheit nach dem
ändern eskamotierten; daß es die Revolution für fertig erklärte,
statt sie fortzusetzen. Wie ganz anders haben sich die Wiener be-
nommen, die Schlag auf Schlag die Reaktion überwältigten und
jetzt einen k o n s t i t u i e r e n d e n statt eines verein-
barenden Reichstags erobert haben! [72]
Herr Schulze (von Delitzsch) erkennt also die Revolution unter
der Bedingung an, nicht sie anzuerkennen. Dafür ward ihm ein
schallendes Bravo.
Nach einer kleinen reglementarischen Zwischenunterhaltung tritt
Herr Camphausen selbst auf die Bühne. Er bemerkt, daß nach dem
Berendsschen Antrage "die Versammlung sich über eine I d e e
äußern, ein Urteil aussprechen soll". Die Revolution ist für
Herrn Camphausen nur eine "I d e e". Er "überläßt"
#71# Die Berliner Debatte über die Revolution
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71
es daher der Versammlung, ob sie dies tun will. Über die Sache
selbst ist nach seiner Ansicht "eine Meinungsverschiedenheit in
erheblichem Umfange vielleicht nicht vorhanden", nach der allge-
mein bekannten Tatsache, daß, wo sich zwei deutsche Bürger strei-
ten, sie stets au fond 1*) einverstanden sind.
"Will man wiederholen, daß ... eine Periode eingetreten ist, wel-
che die erheblichsten Umgestaltungen ... z u r F o l g e h a-
b e n m u ß" (also noch nicht gehabt hat), "so kann niemand
mehr damit einverstanden sein als ich."
"Soll hingegen ausgedrückt werden, daß der Staat und die Staats-
gewalt ihre rechtliche Begründung verloren haben, daß ein g e-
w a l t s a m e r U m s t u r z d e r b e s t e h e n d e n
G e w a l t s t a t t g e f u n d e n ... dann protestiere ich
gegen eine solche Auslegung."
Herr Camphausen suchte bisher sein Hauptverdienst darin, den ab-
gerissenen Faden der Gesetzlichkeit wieder angeknüpft zu haben;
jetzt behauptet er, er sei nie zerrissen gewesen. Die Tatsachen
mögen ihn ins Gesicht schlagen; das Dogma von der ununterbro-
chenen gesetzlichen Übertragung der Gewalt von Bodelschwingh bis
auf Camphausen kann sich nicht um die Tatsachen kümmern.
"Soll angedeutet werden, daß wir uns am Eingange von Zuständen
befinden, wie wir sie aus der Geschichte der englischen Revolu-
tion im 17., der französischen im 18. Jahrhundert kennen, Zustän-
den, deren Ende das ist, daß die Gewalt in die Hände eines Dikta-
tors übergeht",
so muß Herr Camphausen ebenfalls protestieren.
Unser denkender Geschichtsfreund [24] durfte natürlich die Gele-
genheit nicht vorübergehen lassen, bei der Berliner Revolution
diejenigen Reflexionen an den Mann zu bringen, die der deutsche
Bürger um so mehr zu hören liebt, je öfter er sie im Rotteck ge-
lesen hat. Die Berliner Revolution darf schon deshalb keine Revo-
lution gewesen sein, weil sie sonst einen Cromwell oder Napoleon
zu erzeugen genötigt wäre, wogegen Herr Camphausen protestiert.
Herr Camphausen erlaubt schließlich seinen Vereinbarern, "ihre
G e f ü h l e für die Opfer eines v e r h ä n g n i s v o l-
l e n Z u s a m m e n s t o ß e s auszudrücken", bemerkt aber,
daß hier "wesentliches und vieles auf den Ausdruck ankomme", und
wünscht die ganze Sache einer Kommission überwiesen zu sehen.
Nach einem neuen reglementarischen Zwischenfall tritt endlich ein
Redner auf, der es versteht, Herzen und Nieren in Bewegung zu
setzen, weil er der Sache auf den Grund geht. Es ist Se. Hochwür-
den der Herr Pastor Müller aus Wohlau, der für den Schulzeschen
Zusatz auftritt. Der Herr Pastor
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1*) im Grunde
#72# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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will die Versammlung "n i c h t l a n g e a u f h a l t e n,
sondern nur e i n e n sehr w e s e n t l i c h e n Punkt zur
Sprache bringen".
Zu diesem Zweck unterbreitet der Herr Pastor der Versammlung fol-
gende Frage:
"Der Antrag hat uns auf das s i t t l i c h e Gebiet geführt,
und nehmen wir ihn nicht in seiner O b e r f l ä c h e" (wie
macht man es, eine Sache i n ihrer Oberfläche zu nehmen?),
"sondern in seiner T i e f e" (es gibt eine leere Tiefe, wie es
eine leere Breite gibt), "so werden wir nicht umhin können, wie
schwierig diese Betrachtung auch sein mag, anzuerkennen, daß es
sich um nichts weniger und nichts mehr handelt als um die sittli-
che Anerkennung des Aufstandes; u n d i c h f r a g e
d a r u m: I s t e i n A u f s t a n d s i t t l i c h
o d e r i s t e r e s n i c h t?"
Es handelt sich nicht um eine politische Parteifrage, sondern um
etwas unendlich Wichtigeres: um ein theologisch-philosophisch-mo-
ralisches Problem. Die Versammlung hat mit der Krone keine Ver-
fassung, sondern ein System der Moralphilosophie zu vereinbaren.
"Ist ein Aufstand sittlich oder nicht?" Darauf kommt alles an.
Und was antwortete der Herr Pastor der vor Spannung atemlosen
Versammlung?
"I c h g l a u b e a b e r n i c h t, daß w i r i n d e m
F a l l s i n d, dieses hohe sittliche Prinzip hier e n t-
s c h e i d e n z u m ü s s e n."!!
Der Herr Pastor ist der Sache bloß auf den Grund gegangen, um zu
erklären, daß er keinen Grund finden kann.
"Es ist der Gegenstand des Nachdenkens vieler t i e f s i n n i-
g e n Männer gewesen, und sie sind darüber doch zu ferner
b e s t i m m t e n E n t s c h e i d u n g gelangt. Wir werden
diese Klarheit auch im Laufe einer raschen Debatte nicht
erlangen."
Die Versammlung ist wie niedergedonnert. Der Herr Pastor stellt
ihr ein sittliches Problem mit schneidender Schärfe und mit allem
Ernst, den der Gegenstand erfordert; er stellt es ihr, um ihr so-
dann zu erklären, das Problem sei nicht zu lösen. Den Vereinba-
rern mußte in dieser beklemmenden Lage zu Mute sein, als ständen
sie wirklich schon "auf dem Boden der Revolution".
Es war aber weiter nichts als ein einfaches seelsorgliches Manö-
ver des Herrn Pastors, um die Versammlung zur Buße zu leiten. Er
hat ein Balsamtröpfchen bereit für die Zerknirschten:
"Ich glaube, daß es noch einen dritten Punkt der Betrachtung
gibt, der hier ins Auge gefaßt werden muß: Jene Opfer des 18.
März h a b e n i n e i n e m Z u s t a n d e g e h a n-
d e l t, w e l c h e r e i n e s i t t l i c h e E n t-
s c h e i d u n g n i c h t g e s t a t t e t."!!
Die Barrikadenkämpfer waren unzurechnungsfähig.
"Fragen Sie mich aber, ob ich sie für s i t t l i c h b e-
r e c h t i g t halte, so antworte ich kräftig: 'J a!'"
#73# Die Berliner Debatte über die Revolution
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Wir fragen: Wenn Gottes Wort vom Lande sich nach Berlin wählen
läßt, bloß um durch seine moralisierende Kasuistik das ganze Pu-
blikum zu langweilen, ist das s i t t l i c h oder ist es
n i c h t s i t t l i c h?
Abgeordneter Hofer protestiert gegen das Ganze in seiner Eigen-
schaft als pommerscher Bauer.
"Denn wer ist das Militär gewesen? Sind es nicht unsere Brüder
und Söhne gewesen? Beachten Sie wohl, welchen Eindruck es machen
wird, wenn der Vater am Ufer des Meeres" (wendisch po more, d.h.
Pommern) "hört, wie sein Sohn hier behandelt worden ist!"
Das Militär mag sich betragen haben wie es will, es mag sich zum
Werkzeug des infamsten Verrats hergegeben haben - einerlei, es
waren unsere pommerschen Jungen und darum ein dreifaches Hurra
für sie!
Abgeordneter Schultz aus Wanzleben: Meine Herren, die Berliner
müssen unerkannt werden. Ihr Mut ist unbegrenzt gewesen. Sie ha-
ben nicht nur die Furcht vor den Kanonen überwunden.
"Was will das heißen, die Furcht, von den K a r t ä t s c h e n
zerschmettert zu werden, wenn man dagegen die G e f a h r er-
wägt, a l s S t r a ß e n u n f u g T r e i b e n d e mit
harten, vielleicht entehrenden Strafen belegt zu werden! Der
M u t, der dazu gehört, d i e s e n Kampf aufzunehmen, ist so
erhaben, daß selbst der Mut den offenen Kanonenschlünden gegen-
über d a g e g e n g a r n i c h t i n Anschlag kommen
kann!"
Die Deutschen haben also vor 1848 keine Revolution gemacht, weil
sie sich vor dem Polizeikommissär fürchteten.
Minister Schwerin tritt auf, um zu erklären, er werde abtreten,
wenn der Vorschlag von Berends angenommen werde.
Elsner und Reichenbach sprechen gegen den Zusatz von Schulze.
Dierschke bemerkt, die Revolution müsse anerkannt werden, weil
"der Kampf der sittlichen Freiheit noch nicht abgeschlossen" und
weil die Versammlung ebenfalls "durch die sittliche Freiheit be-
rufen" sei.
Jacoby verlangte "volle Anerkennung der Revolution mit allen ih-
ren Folgen". Seine Rede war die beste der ganzen Sitzung.
Endlich freuen wir uns, nach soviel Moral, Langweile, Unentschie-
denheit und Versöhnung, unseren Hansemann auf die Tribüne steigen
zu sehen. Jetzt endlich hören wir doch etwas Entschiedenes, et-
was, das Hand und Fuß hat - aber nein, auch Herr Hansemann tritt
heute mild, vermittelnd auf. Er hat seine Gründe dazu, er tut
nichts, ohne seine Gründe zu haben. Er sieht, daß die Versammlung
schwankt, daß die Abstimmung unsicher, daß das rechte Amendement
noch nicht gefunden ist. Er will die Debatte vertagt wissen.
#74# Karl Marx/Friedrich Engels · "Neue Rheinische Zeitung"
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Zu diesem Zweck bietet er alle seine Kräfte an, möglichst sanft-
mütig zu sprechen. Die Tatsache ist da, sie ist unbestritten. Nur
nennen die einen sie Revolution, die ändern "große Tatsachen".
Wir dürfen
"nicht vergessen, daß hier nicht eine R e v o l u t i o n
stattgefunden hat wie in Paris, wie früher in England, sondern
daß hier eine T r a n s a k t i o n zwischen der Krone und dem
Volke stattgefunden hat" (eine sonderbare Transaktion mit Kartät-
schen und Büchsenkugeln!). "Gerade nun, weil wir" (Minister) "in
gewisser Beziehung gegen das W e s e n d e r S a c h e keine
Einwendung machen, auf der ändern Seite aber der Ausdruck so zu
wählen ist, daß die Basis der Regierung, auf welcher wir stehen,
möglich bleibe" -
deswegen möge die Debatte vertagt werden, damit die Minister sich
beraten können.
Was muß es unserem Hansemann gekostet haben, solche Wendungen zu
machen und zuzugeben, die "Basis", auf der die Regierung stehe,
sei so schwach, daß sie durch einen "Ausdruck" umgestoßen werden
könne! Es entschädigte ihn nur der Genuß, die Sache wieder zur
K a b i n e t t s f r a g e machen zu können.
Die Debatte wurde also vertagt.
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 17 vom 17. Juni 1848]
Köln, 14. Juni. - Zweiter Tag. - Die Debatte beginnt wieder mit
langen reglementarischen Verhandlungen. Nach ihrer Beseitigung
tritt
Herr Zachariä auf. Er hat das Amendement vorzuschlagen, das die
Versammlung aus der Klemme retten soll. Das große ministerielle
Wort ist gefunden. Es lautet:
"Die Versammlung geht, in Erwägung, daß die hohe Bedeutung der
großen Märzereignisse, denen wir in Verbindung mit der königli-
chen] Zustimmung" (die selbst ein "Märzereignis" war, wenn auch
kein "großes") "den gegenwärtigen staatsrechtlichen Zustand ver-
danken, auch das Verdienst der Kämpfer um dieselbe" (um die kö-
nigliche] Zustimmung nämlich) "unbestritten ist (U) und überdies
die Versammlung ihre Aufgabe nicht darin erkennt, Urteile abzuge-
ben" (die Versammlung soll erklären, sie habe kein Urteil!),
"sondern d i e V e r f a s s u n g m i t d e r K r o n e
z u v e r e i n b a r e n, zur Tagesordnung über."
Dieser konfuse, haltlose, nach allen Seiten Bücklinge schneidende
Antrag, von dem Herr Zachariä sich schmeichelt, daß "ein jeder,
selbst Herr Berends, a l l e s darin finden wird, w a s e r
n u r i m m e r in dem guten Sinne, in welchem der Antrag von
ihm gestellt wurde, h a t b e a b s i c h t i g e n k ö n-
n e n", dieser süßsäuerliche Brei, das ist also der "Ausdruck",
auf dessen "Basis" das Ministerium Camphausen "steht" und stehen
kann.
#75# Die Berliner Debatte über die Revolution
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Herr Pastor Sydow aus Berlin, aufgemuntert durch den Erfolg sei-
nes Collega Müller, tritt auch auf die Kanzel. Die sittliche
Frage geht ihm im Kopf herum. Was Müller nicht konnte, wird e r
lösen können.
"Meine Herren, erlauben Sie mir an dieser Stelle g l e i c h"
(nachdem er schon eine halbe Stunde gepredigt) "das zu sagen,
wozu das Pflichtgefühl mich treibt: Wenn die Debatte fortgeht,
dann darf nach meiner Meinung keiner schweigen, bis er sich sei-
ner Gewissenspflicht entledigt hätte. (Bravo!)
Erlauben Sie mir eine persönliche Bemerkung. M e i n e
A n s i c h t von einer Revolution ist die (zur Sache! zur Sa-
che!), daß, wo eine Revolution vorkommt, sie nur das Symptom der
Schuld auf beiden Seiten ist, der Regierenden wie der Regierten.
Dies" (diese Plattheit, die wohlfeilste Manier, die Sache abzuma-
chen) "ist die h ö h e r e s i t t l i c h e A n s i c h t
der Sache, und (!) greifen wir nicht dem c h r i s t l i c h -
s i t t l i c h e n U r t e i l der Nation vor." (Wozu glauben
denn die Herren, daß sie da sind?) (Aufregung. Zur Tagesordnung!)
"Aber meine Herren", fährt der unerschütterliche Streiter der hö-
heren sittlichen Ansicht und des unvorgreiflichen christlich-
sittlichen Urteils der Nation fort, "ich bin nicht der Meinung,
daß nicht Zeiten kommen können, wo die politische Notwehr (!) ei-
nes Volks mit der Notwendigkeit eines Naturereignisses herein-
bricht, und ... dann bin ich der Meinung, daß der E i n-
z e l n e daran auf v ö l l i g s i t t l i c h e W e i s e
t e i l n e h m e n k a n n." (Dank der Kasuistik, wir sind
gerettet!) "F r e i l i c h a u c h m ö g l i c h e r w e i-
s e a u f u n s i t t l i c h e W e i s e, das ist dann sei-
nem Gewissen zu überlassen."!!
Die Barrikadenkämpfer gehören nicht vor die soi-disant 1*) Natio-
nalversammlung, sie gehören vor den Beichtstuhl. Damit ist die
Sache erledigt.
Herr Pastor Sydow erklärt noch, daß er "Mut" hat, spricht des
breiteren über Volkssouveränetät vom Standpunkte der höhern sitt-
lichen Ansicht, wird noch dreimal durch ungeduldigen Lärm unter-
brochen und geht auf seinen Platz mit dem freudigen Bewußtsein,
sich seiner Gewissenspflicht entledigt zu haben. Die Welt weiß
nun, welcher Meinung der Pastor Sydow ist und welcher Meinung er
nicht ist.
Herr Plönnis erklärt, man solle die Sache fallenlassen. Eine mit
soviel Amendements und Unteramendements, mit soviel Debatten und
Häkeleien totmüde gehetzte Erklärung habe doch keinen Wert mehr.
Herr Plönnis hat recht. Er konnte aber der Versammlung keinen
schlimmeren Dienst tun, als indem er auf diesen Umstand, auf die-
sen Beweis von der Feigheit so vieler Mitglieder beider Seiten
aufmerksam machte.
Herr Reichensperger aus Trier:
"Wir sind nicht hier, um Theorien zu bauen und G e s c h i c h-
t e z u d e k r e t i e r e n, wir sollen womöglich G e-
s c h i c h t e m a c h e n."
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1*) sogenannte
#76# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Keineswegs! Durch die Annahme der motivierten Tagesordnung be-
schließt die Versammlung, daß sie im Gegenteil da ist, G e-
s c h i c h t e u n g e s c h e h e n z u m a c h e n. Al-
lerdings auch eine Manier, "Geschichte zu machen".
"Ich erinnere an den Ausspruch Vergniauds, daß die Revolution
daran ist, ihre eignen Kinder zu verschlingen."
Leider nein! Sie ist vielmehr daran, von ihren eignen Kindern
verschlungen zu werden!
Herr Riedel hat entdeckt, daß unter dem Berendsschen Antrage
"n i c h t a l l e i n d a s v e r s t a n d e n w e r d e n
s o l l, w a s d i e W o r t e e i n f a c h s a g e n,
sondern sich darunter ein Prinzipienstreit verbirgt". Und dieses
Opfer der "höheren sittlichen Ansicht" ist geheimer Archivrat und
Professor!
Wiederum schreitet ein hochehrwürdiger Herr Pfarrer auf die Bühne
zu. Es ist Herr Jonas, der Berliner Damenprediger. Er scheint die
Versammlung auch wirklich für ein Auditorium von Töchtern gebil-
deter Stände versehen zu haben. Mit der ganzen prätentiösen
Breitspurigkeit eines echten Schleiermacherianers predigt er eine
endlose Reihe der plattesten Gemeinplätze über den so höchst
wichtigen Unterschied von Revolution und Reformation. Ehe er nur
die Einleitung seiner Predigt beendet, war er dreimal unterbro-
chen; endlich platzte er hervor mit dem großen Satze:
"Die Revolution ist etwas, was unsrem gegenwärtigen religiösen
und sittlichen Bewußtsein schnurstracks widerspricht. Eine Revo-
lution ist eine Tat, die für groß und herrlich wohl galt im alten
Griechen- und Römertum, aber im Christentum..." (Heftige Unter-
brechung. Allgemeines Durcheinander. Esser, Jung, Eisner, der
Vorsitzende und zahllose Stimmen mischen sich in die Debatte.
Endlich kommt der beliebte Kanzelredner wieder zu Wort.)
"Jedenfalls bestreite ich der Versammlung das Recht, über reli-
giöse und sittliche Prinzipien abzustimmen; über solche kann
keine Versammlung abstimmen" (? und das Konsistorium, die Syn-
ode?). "Dekretieren wollen oder erklären, die Revolution sei ein
hohes, sittliches Vorbild oder irgend etwas anderes" (also über-
haupt irgend etwas), "dies kommt mir gerade so vor, als wollte
die Versammlung beschließen, es sei ein Gott oder es sei kein
Gott, oder mehrere."
Da haben wir's. Der Damenprediger hat die Frage glücklich wieder
aufs Gebiet der "höheren sittlichen Ansicht" gezogen, und jetzt
gehört sie natürlich nur vor die protestantischen Konzilien, vor
die Katechismusfabrikanten der Synode.
Gottlob! Nach all diesem Sittlichkeitsqualm tritt endlich unser
Hansemann auf. Bei diesem praktischen Geist sind wir vor der
"höheren sittlichen Ansicht" vollständig sicher. Herr Hansemann
beseitigt den ganzen moralischen Standpunkt mit der einen wegwer-
fenden Bemerkung:
#77# Die Berliner Debatte über die Revolution
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"Haben wir, frage ich Sie, Muße genug, uns in solche Prinzipien-
kämpfe einzulassen?"
Herr Hansemann erinnert sich, daß gestern ein Abgeordneter von
brotlosen Arbeitern sprach, Herr Hansemann benutzt diese Bemer-
kung zu einer geschickten Wendung. Er spricht von der Not der ar-
beitenden Klasse, bedauert ihr Elend und fragt:
"Was ist die Ursache der allgemeinen Not? Ich glaube ... ein je-
der trägt das Gefühl in sich, daß noch keine Gewißheit für etwas
Bestehendes gegeben ist, solange unsre staatsrechtlichen Zustände
noch nicht geordnet sind."
Herr Hansemann spricht hier aus voller Seele. Das Vertrauen muß
wiederhergestellt werden! ruft er aus - und das beste Mittel zur
Wiederherstellung des Vertrauens ist die Verleugnung der Revolu-
tion. Und nun ergeht sich der Redner des Ministeriums, das "keine
Reaktion sieht", in einer schreckenerregenden Schilderung der
Wichtigkeit der freundlichen Gesinnungen der Reaktion.
"Ich beschwöre Sie, die Eintracht unter a l l e n K l a s s e n
zu fördern" (indem man den Klassen, die die Revolution gemacht
haben, einen Schimpf antut!); "ich beschwöre Sie, die Eintracht
zwischen Volk und Heer zu fördern; bedenken Sie, daß auf dem
Heere unsre Hoffnungen beruhen, unsre Unabhängigkeit zu behaup-
ten" (! in Preußen, wo jeder Soldat ist!); "bedenken Sie, in wel-
chen schwierigen Verhältnissen wir uns befinden - ich brauche Ih-
nen das nicht weiter auseinanderzusetzen, der a u f m e r k-
s a m e Z e i t u n g s l e s e r" (und das sind die Herren
gewiß alle) "wird a n e r k e n n e n, daß diese Verhältnisse
schwierig, h ö c h s t s c h w i e r i g sind. In diesem Au-
genblick nun eine Erklärung abzugeben, durch welche eine S a a t
d e r Z w i e t r a c h t ins Land gebracht wird, halte ich
nicht für geeignet... Deshalb, meine Herren, v e r s ö h n e n
Sie die Parteien, nehmen Sie keine Frage auf, wodurch Sie d i e
G e g n e r p r o v o z i e r e n, denn das w ü r d e g e-
w i ß g e s c h e h e n. Es würde eine Annahme des Antrags
d i e t r a u r i g s t e n F o l g e n haben können."
Wie mögen die Reaktionäre gelächelt haben, als sie sahen, wie der
sonst so resolute Hansemann nicht nur die Versammlung, sondern
sogar sich selbst in die Angst hineinredete!
Dieser Appell an die Furcht der großen Bourgeois, Advokaten und
Schulmeister der Kammer wirkte mehr als alle gefühlvollen Phrasen
von der "höheren sittlichen Ansicht". Die Sache war entschieden.
D'Ester warf sich noch ins Gefecht, um die Wirkung zu vereiteln,
aber vergebens; die Debatte wurde geschlossen, und 196 gegen 177
Stimmen nahmen die Zachariäsche motivierte Tagesordnung an.
Die Versammlung sprach sich damit selbst das Urteil, daß sie kein
Urteil habe.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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