Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       #64#
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       Die Berliner Debatte über die Revolution
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 14 vom 14. Juni 1848]
       ** Köln,  13. Juni. Die Vereinbarungsversammlung hat sich endlich
       entschieden ausgesprochen.  [25] Sie  hat die Revolution desavou-
       iert und die Vereinbarungstheorie [53] anerkannt.
       Der Tatbestand,  über den  sie sich auszusprechen hatte, war fol-
       gender:
       Am 18.  März versprach  der König  eine Konstitution,  führte die
       Preßfreiheit mit  Kautionen [67]  ein und  sprach sich  in  einer
       Reihe von  Vorschlägen dahin  aus, daß Deutschlands Einheit durch
       ein Aufgehen Deutschlands in Preußen herbeizuführen sei.
       Das waren  die Konzessionen des 18. März, auf ihren wahren Gehalt
       reduziert. Daß  die Berliner  sich damit zufrieden erklärten, daß
       sie vor  das Schloß  zogen, um dem König dafür zu danken, das be-
       weist am  allerdeutlichsten die  Notwendigkeit der Revolution vom
       18. März. Nicht nur der Staat, auch die Staatsbürger mußten revo-
       lutioniert werden.  Der Untertan konnte nur in einem blutigen Be-
       freiungskampfe abgestreift werden.
       Das bekannte  "Mißverständnis" rief die Revolution hervor. Aller-
       dings fand  ein Mißverständnis  statt. Der  Angriff der Soldaten,
       die Fortsetzung  des Kampfs während 16 Stunden, die Notwendigkeit
       für das  Volk, den Rückzug der Truppen zu erzwingen - das ist Be-
       weis genug,  daß das  Volk die Konzessionen des 18. März gänzlich
       m i ß v e r s t a n d e n  hatte.
       Die Resultate  der Revolution  waren: auf  der  einen  Seite  die
       Volksbewaffnung, das  Assoziationsrecht, die  faktisch  errungene
       Volkssouveränetät; auf  der ändern die Beibehaltung der Monarchie
       und das  Ministerium Camphausen-Hansemann, d.h. die Regierung der
       Vertreter der hohen Bourgeoisie.
       Die Revolution hatte also zwei Reihen von Resultaten, die notwen-
       dig auseinandergehen  mußten. Das  Volk hatte  gesiegt, es  hatte
       sich Freiheiten  entschieden demokratischer  Natur erobert;  aber
       die unmittelbare Herrschaft ging über, nicht in seine Hände, son-
       dern in die der großen Bourgeoisie.
       
       #65# Die Berliner Debatte über die Revolution
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       Mit einem  Wort, die  Revolution war  nicht vollendet.  Das  Volk
       hatte die  Bildung eines  Ministeriums von großen Bourgeois zuge-
       lassen, und die großen Bourgeois bewiesen ihre Tendenzen sogleich
       dadurch, daß  sie dem altpreußischen Adel und der Bürokratie eine
       Allianz anboten. Arnim, Kanitz, Schwerin traten ins Ministerium.
       Die hohe  Bourgeoisie, von  jeher  antirevolutionär,  schloß  aus
       Furcht vor  dem Volk,  d.h. vor  den Arbeitern und der demokrati-
       schen Bürgerschaft,  ein Schutz-  und Trutzbündnis  mit der Reak-
       tion.
       Die vereinigten  reaktionären Parteien begannen ihren Kampf gegen
       die Demokratie  damit, daß  sie die    R e v o l u t i o n    i n
       F r a g e   s t e l l t e n.  Der Sieg des Volks wurde geleugnet;
       die berühmte  Liste der "siebzehn Militärtoten" [68] wurde fabri-
       ziert; die  Barrikadenkämpfer wurden in jeder möglichen Weise an-
       geschwärzt. Damit  nicht genug.  Das Ministerium ließ den vor der
       Revolution berufenen  Vereinigten Landtag [35] wirklich zusammen-
       berufen und den gesetzlichen Übergang aus dem Absolutismus in die
       Konstitution post  festum 1*) anfertigen. Es leugnete dadurch die
       Revolution geradezu.  Ferner erfand  es die Vereinbarungstheorie,
       leugnete dadurch  die Revolution  abermals und  leugnete zugleich
       die Volkssouveränetät.
       Die Revolution  wurde also  wirklich in  Frage gestellt,  und sie
       konnte in  Frage gestellt werden, weil sie nur eine halbe Revolu-
       tion, nur der Anfang einer langen revolutionären Bewegung war.
       Wir können  hier nicht  darauf eingehen,  warum und inwiefern die
       augenblickliche Herrschaft  der hohen Bourgeoisie in Preußen eine
       notwendige Übergangsstufe  zur Demokratie  ist und warum die hohe
       Bourgeoisie sich nach ihrer Thronbesteigung sogleich zur Reaktion
       schlug. Wir berichten vorderhand nur die Tatsache.
       Die Vereinbarungsversammlung  hatte sich  nun darüber  auszuspre-
       chen, ob sie die Revolution anerkenne oder nicht.
       Aber unter  diesen Verhältnissen  die Revolution  anerkennen, das
       hieß die  demokratische Seite der Revolution anerkennen gegenüber
       der hohen Bourgeoisie, die sie konfiszieren wollte.
       Die Revolution  anerkennen, das  hieß in diesem Augenblick gerade
       die  H a l b h e i t  der Revolution, und damit die demokratische
       Bewegung anerkennen,  welche sich  gegen einen Teil der Resultate
       der Revolution  richtet. Es hieß anerkennen, daß Deutschland sich
       in einer revolutionären Bewegung befindet, in der das Ministerium
       Camphausen, die  Vereinbarungstheorie, die indirekten Wahlen, die
       Herrschaft der großen Kapitalisten und die Produkte
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       1*) hinterher
       
       #66# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       der Versammlung  selbst zwar unvermeidliche Durchgangspunkte sein
       können, aber keineswegs letzte Resultate sind.
       Die Debatte  in der  Kammer über  die Anerkennung  der Revolution
       wurde von  beiden Seiten  mit großer Breite und mit großem Inter-
       esse, aber mit merkwürdig wenig Geist geführt. Man kann wenig Un-
       erquicklicheres lesen  als diese  diffuse, jeden Augenblick durch
       Lärmen oder  durch reglementarische  Spitzfindigkeiten  unterbro-
       chene Verhandlung.  Statt der  großen  Leidenschaft  des  Partei-
       kampfes eine  kühle Gemütsruhe,  die jeden Augenblick in den Kon-
       versationston herabzusinken droht; statt schneidender Schärfe der
       Argumentation breites verworrenes Gerede vom Hundertsten ins Tau-
       sendste; statt  schlagender  Antwort  langweilige  Moralpredigten
       über das Wesen und die Natur der Sittlichkeit.
       Auch die  Linke hat sich in dieser Debatte nicht besonders ausge-
       zeichnet. [69]  Die meisten  ihrer Redner  wiederholen  einander;
       keiner wagt  es, der Frage entschieden auf den Leib zu rücken und
       offen revolutionär  aufzutreten. Sie fürchten überall anzustoßen,
       zu verletzen,  zurückzuschrecken. Hätten die Kämpfer des 18. März
       nicht mehr  Energie und  Leidenschaft im  Kampfe bewiesen als die
       Herren von  der Linken  in der  Debatte,  es  stände  schlimm  um
       Deutschland.
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 15 vom 15. Juni 1848]
       ** Köln,  14.Juni. Der  Abgeordnete Berends  von Berlin eröffnete
       die Debatte, indem er den Antrag stellte:
       
       "Die Versammlung  erklärt, in Anerkennung der Revolution, daß die
       Kämpfer des 18. und 19. März sich wohl ums Vaterland verdient ge-
       macht haben."
       
       Die Form  des Antrags,  die altrömisch-lakonische, von der großen
       französischen Revolution  wieder aufgenommene  Fassung, war  ganz
       passend.
       Desto unpassender dagegen war die Manier, worin Herr Berends sei-
       nen Antrag  entwickelte. Er  sprach nicht  revolutionär,  sondern
       versöhnend. Er  hatte den Zorn der insultierten Barrikadenkämpfer
       vor einer  Versammlung von  Reaktionären zu vertreten, und er do-
       zierte ganz ruhig und trocken, als ob er noch als Lehrer des Ber-
       liner Handwerkervereins  spräche. Er  hatte eine  ganz  einfache,
       ganz klare  Sache zu  verteidigen, und  seine Entwicklung ist das
       Verworrenste, was man lesen kann.
       Herr Berends beginnt:
       
       "Meine Herren!  Die Anerkennung  der Revolution liegt ganz in der
       Natur der  Sache (!).  Unsere Versammlung selbst ist eine redende
       Anerkennung der großen
       
       #67# Die Berliner Debatte über die Revolution
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       Bewegung, welche  durch alle  zivilisierten Länder  Europas  hin-
       durchgegangen ist. Die Versammlung ist aus dieser Revolution her-
       vorgegangen, ihr Dasein ist also faktisch die Anerkennung der Re-
       volution."
       
       Erstens. Es  handelt sich  keineswegs darum, die "große Bewegung,
       welche durch  alle zivilisierten  Länder Europas hindurchgegangen
       ist", im  allgemeinen als  eine Tatsache  anzuerkennen; das  wäre
       überflüssig und nichtssagend. Es handelt sich vielmehr darum, den
       Berliner Straßenkampf,  der für eine Erneute ausgegeben wird, als
       eine echte, wirkliche Revolution anzuerkennen. Zweitens. Die Ver-
       sammlung in  Berlin ist  allerdings nach  einer  Seite  hin  eine
       "A n e r k e n n u n g  der Revolution", insofern ohne den Berli-
       ner Straßenkampf  keine "vereinbarte", sondern höchstens eine ok-
       troyierte Verfassung  zustande gekommen  wäre. Aber durch die Art
       ihrer Berufung, durch das ihr vom Vereinigten Landtag und vom Mi-
       nisterium gegebene Mandat ist sie ebensogut eine  L e u g n u n g
       der Revolution geworden. Eine "auf dem Boden der Revolution" ste-
       hende Versammlung vereinbart nicht, sie dekretiert.
       Drittens. Die Versammlung hatte die Vereinbarungstheorie schon in
       dem Votum  über die  Adresse 1*) anerkannt, sie hatte die Revolu-
       tion in  dem Votum  gegen den  Zug nach  dem Grabe der Gefallenen
       [70] schon  verleugnet. Sie  hat die Revolution verleugnet, indem
       sie überhaupt neben der Frankfurter Versammlung "tagte".
       Der Antrag des Herrn Berends war also faktisch schon zweimal ver-
       worfen. Er  mußte diesmal, wo die Versammlung sich offen ausspre-
       chen sollte, um so mehr durchfallen.
       Da die  Versammlung einmal  reaktionär war,  da es feststand, daß
       das Volk  von ihr nichts mehr zu erwarten hatte, so war es im In-
       teresse der  Linken, daß  die Minorität   f ü r   den Antrag mög-
       lichst klein war und nur die entschiedensten Mitglieder umfaßte.
       Herr Berends  brauchte sich  also gar nicht zu genieren. Er mußte
       möglichst entschieden, möglichst revolutionär auftreten. Statt an
       der Illusion  festzuhalten, die  Versammlung sei eine konstituie-
       rende und  wolle es sein, die Versammlung  s t e h e  auf dem Bo-
       den der  Revolution, mußte  er ihr erklären, sie habe die Revolu-
       tion bereits  indirekt verleugnet,  und sie  auffordern, es jetzt
       offen zu tun.
       Aber nicht  nur er, sondern die Redner der Linken überhaupt haben
       diese der  demokratischen Partei einzig angemessene Politik nicht
       befolgt. Sie  gaben sich der Illusion hin, die Versammlung zu ei-
       nem revolutionären  Schritt überreden  zu können. Sie haben daher
       Zugeständnisse gemacht, sie haben
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 53/54
       
       #68# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       gemildert, sie  haben von  Versöhnung gesprochen und damit selbst
       die Revolution verleugnet.
       Herr Berends  fährt nun  fort, m sehr kühler Denkungsart und sehr
       hölzerner Sprache  über Revolutionen  im allgemeinen und über die
       Berliner Revolution  im besondern  sich auszulassen.  Im  Verfolg
       seiner Erörterungen  kommt er auf den Einwand, daß die Revolution
       überflüssig war,  weil der  König vorher  schon  alles  bewilligt
       hatte. Er antwortet:
       
       "Allerdings hatte  Se. Majestät der König  v i e l e s  bewilligt
       ... aber  war in  dieser Bewilligung  die  Zufriedenstellung  des
       Volks erlangt? War uns die Garantie gegeben, daß diese Verheißung
       wirklich zur  Wahrheit werde?  Ich   g l a u b e,  diese Garantie
       war ...  erst nach  dem Kampfe  erlangt!... Es ist begründet, daß
       eine solche  Staatsumgestaltung nur  in großen  Katastrophen  des
       Kampfes geboren und fest gegründet werden kann. Eine große Tatsa-
       che war  am 18. März noch nicht bewilligt: das war die Bewaffnung
       des Volks...  Erst als das Volk bewaffnet war, fühlte es sich si-
       cher gegen die Möglichkeit von Mißverständnissen... Der Kampf ist
       a l s o   (!) freilich  e i n e  A r t  N a t u r e r e i g n i s
       (!), aber  ein notwendiges  Ereignis ...  die Katastrophe, in der
       die Umgestaltung  des Staatslebens zur Wirklichkeit, zur Wahrheit
       kommt."
       
       Aus dieser  langen, verworrenen,  von Wiederholungen  strotzenden
       Erörterung geht  ganz klar  hervor, daß Herr Berends über die Re-
       sultate und die Notwendigkeit der Revolution durchaus im unklaren
       ist. Von ihren Resultaten kennt er nur die "Garantie" der Verhei-
       ßungen des 18. und die "Volksbewaffnung"; ihre Notwendigkeit kon-
       struiert er  auf philosophischem  Wege, indem  er die  "Garantie"
       nochmals in  höherem Stil  umschreibt und  schließlich  beteuert,
       keine Revolution könne ohne Revolution bewerkstelligt werden.
       Die Revolution  war notwendig,  das heißt  doch wohl nur, sie war
       notwendig, um  das zu  erlangen, was wir jetzt erlangt haben. Die
       Notwendigkeit der  Revolution steht im direkten Verhältnis zu ih-
       ren Resultaten. Da aber Herr Berends über die Resultate im unkla-
       ren ist,  so muß  er natürlich  zu überschwenglichen Beteuerungen
       seine Zuflucht nehmen, um ihre Notwendigkeit zu konstruieren.
       Was waren die Resultate der Revolution? Keineswegs die "Garantie"
       der Verheißungen  vom 18.,  sondern vielmehr  der Umsturz  dieser
       Verheißungen.
       Am 18. war versprochen worden: eine Monarchie, in der Adel, Büro-
       kratie, Militär  und Pfaffen das Heft in der Hand behielten, aber
       der hohen  Bourgeoisie die  Kontrolle durch   g e s c h e n k t e
       Konstitution und Preßfreiheit mit Kautionen [67] gestatteten. Für
       das Volk  deutsche Fahnen,  deutsche Flotte, deutsche Bundesmili-
       tärpflicht statt der preußischen.
       Die Revolution  stürzte die  gesamten Mächte der absoluten Monar-
       chie, Adel, Bürokraten, Militär und Pfaffen. Sie brachte die hohe
       Bourgeoisie ausschließlich
       
       #69# Die Berliner Debatte über die Revolution
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       zur Herrschaft.  Sie gab dem Volk die Waffe der Preßfreiheit ohne
       Kautionen, das  Assoziationsrecht, und  wenigstens teilweise auch
       die materielle Waffe, die Muskete.
       Das ist  aber noch  nicht das Hauptresultat. Das Volk, das in den
       Barrikaden gefochten  und gesiegt  hat, ist ein ganz anderes Volk
       als das,  welches am 18. März vor das Schloß zog, um durch Drago-
       nerangriffe über die Bedeutung der erhaltenen Zugeständnisse auf-
       geklärt zu  werden. Es  ist ganz andrer Dinge fähig, es steht der
       Regierung ganz anders gegenüber. Die wichtigste Eroberung der Re-
       volution ist  d i e  R e v o l u t i o n  s e l b s t.
       
       "Ich  kann   es  als   Berliner  wohl   sagen,  daß  es  uns  ein
       s c h m e r z l i c h e s   G e f ü h l"  (weiter nichts!) "gewe-
       sen ist, ... diesen Kampf geschmäht zu sehen... Ich knüpfe an das
       Wort des  Herrn Ministerpräsidenten  an, welcher  ... darstellte,
       daß es die Sache eines großen Volks sei und sämtlicher Vertreter,
       mit  M i l d e  z u r  V e r s ö h n u n g  zu wirken.  D i e s e
       M i l d e  n e h m e  i c h  i n  A n s p r u c h,  indem ich als
       Vertreter von  Berlin bei  Ihnen  die  Anerkennung  des  18.  und
       19.März beantrage.  Das Volk  von Berlin  hat sich  in der ganzen
       Zeit nach  der Revolution  im ganzen  gewiß  sehr  ehrenhaft  und
       ehrenwert gehalten. Es mag sein, daß einzelne Exzesse vorgekommen
       sind ... und so  g l a u b e  ich, daß es  a m  O r t e,  daß die
       Versammlung erklärt etc. etc."
       Diesem feigen,  die Revolution verleugnenden Schluß haben wir nur
       hinzuzusetzen, daß  nach einer  solchen  Motivierung  der  Antrag
       durchzufallen verdiente.
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 16 vom 16. Juni 1848]
       ** Köln, 14. Juni. Das erste Amendement, das dem Berendsschen An-
       trag entgegengesetzt  wurde,  verdankte  dem  Abgeordneten  Herrn
       Brehmer sein  kurzes Dasein. Es war eine breite, wohlmeinende Er-
       klärung, worin 1. die Revolution anerkannt, 2. die Vereinbarungs-
       theorie anerkannt,  3. alle diejenigen, welche zu dem stattgehab-
       ten Umschwünge  beigetragen hatten,  anerkannt und  4. die  große
       Wahrheit anerkannt, daß
       
       Nicht Roß, nicht Reisige
       Sichern die steile Höh',
       Wo Fürsten stehn [71], -
       
       womit schließlich  die Revolution  selbst wieder  in  einen  echt
       preußischen Ausdruck gebracht worden war. Der brave Herr Oberleh-
       rer Brehmer  wollte es allen Parteien recht machen, und sie woll-
       ten alle  nichts von  ihm wissen. Sein Amendement wurde ohne Dis-
       kussion beseitigt,  und Herr Brehmer zog sich zurück mit der gan-
       zen Resignation eines enttäuschten Menschenfreundes.
       
       #70# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       An die  Tribüne schritt  der Herr  Schulze (von  Delitzsch). Herr
       Schulze ist auch ein Bewunderer der Revolution, aber ein Bewunde-
       rer nicht so sehr der Barrikadenkämpfer als der Leute des folgen-
       den Morgens,  des zum Unterschiede von den "Kämpfern" sogenannten
       "Volks". Die  "Haltung des  Volks  n a c h  dem Kampfe" soll noch
       besonders mit  anerkannt werden,  wünscht er.  Seine Begeisterung
       kannte keine Grenzen, als er hörte
       
       "von der Mäßigung und Besonnenheit des Volks, als ihm kein Gegner
       (!) mehr  gegenüberstand ...  von dem  Ernste, von der Versöhnung
       des Volkes  ... von seiner Haltung gegenüber der Dynastie ... wir
       sahen, daß  das Volk sich wohl bewußt war, in diesen Augenblicken
       d e r   G e s c h i c h t e   s e l b s t   i m m i t t e l b a r
       Ä u g  i n  A u g e  z u  s e h e n"!!
       
       Herr Schulze  schwärmt nicht so sehr für die revolutionäre Tätig-
       keit des  Volks  i m  Kampf, als für seine durchaus nicht revolu-
       tionäre Untätigkeit  n a c h  dem Kampf.
       Die Großmut  des Volks  nach der  Revolution anerkennen, kann nur
       zweierlei heißen:
       Entweder heißt  es  d a s  Volk beleidigen, denn es wäre eine Be-
       leidigung des  Volks, als Verdienst anzuerkennen, daß es  n a c h
       dem Siege keine Gemeinheiten begeht.
       Oder es  heißt die Erschlaffung des Volks nach dem Siege der Waf-
       fen anerkennen, die der Reaktion Gelegenheit gibt, sich wieder zu
       erheben.
       "Beides zu  vereinigen", hat Herr Schulze seine "zur Begeisterung
       erhobene Bewunderung" darüber ausgesprochen, daß das Volk erstens
       sich anständig betragen und zweitens der Reaktion Gelegenheit ge-
       geben, sich wieder zu erholen.
       Die "Haltung des Volkes" bestand dann, daß es sich damit beschäf-
       tigte, voll  Begeisterung "der  Geschichte selbst unmittelbar Aug
       in Auge  zu sehen", wo es die Geschichte hätte machen sollen; daß
       es vor  lauter  "Haltung",  "Mäßigung",  "Besonnenheit",  "tiefem
       Ernst" und  "unauslöschlicher Weihe"  nicht dazu  kam, zu verhin-
       dern, daß  die Minister em Stück der errungenen Freiheit nach dem
       ändern eskamotierten;  daß es die Revolution für fertig erklärte,
       statt sie fortzusetzen. Wie ganz anders haben sich die Wiener be-
       nommen, die  Schlag auf  Schlag die  Reaktion  überwältigten  und
       jetzt einen  k o n s t i t u i e r e n d e n  statt eines verein-
       barenden Reichstags erobert haben! [72]
       Herr Schulze  (von Delitzsch)  erkennt also  die Revolution unter
       der Bedingung  an, nicht  sie anzuerkennen.  Dafür ward  ihm  ein
       schallendes Bravo.
       Nach einer  kleinen reglementarischen  Zwischenunterhaltung tritt
       Herr Camphausen  selbst auf  die Bühne.  Er bemerkt, daß nach dem
       Berendsschen Antrage  "die Versammlung  sich über  eine   I d e e
       äußern, ein  Urteil aussprechen  soll". Die  Revolution  ist  für
       Herrn Camphausen nur eine  "I d e e".  Er "überläßt"
       
       #71# Die Berliner Debatte über die Revolution
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       71
       es daher  der Versammlung,  ob sie  dies tun will. Über die Sache
       selbst ist  nach seiner  Ansicht "eine Meinungsverschiedenheit in
       erheblichem Umfange  vielleicht nicht vorhanden", nach der allge-
       mein bekannten Tatsache, daß, wo sich zwei deutsche Bürger strei-
       ten, sie stets au fond 1*) einverstanden sind.
       
       "Will man wiederholen, daß ... eine Periode eingetreten ist, wel-
       che die  erheblichsten Umgestaltungen ...  z u r  F o l g e  h a-
       b e n   m u ß"   (also noch  nicht gehabt  hat), "so kann niemand
       mehr damit einverstanden sein als ich."
       "Soll hingegen  ausgedrückt werden, daß der Staat und die Staats-
       gewalt ihre  rechtliche Begründung  verloren haben, daß ein  g e-
       w a l t s a m e r   U m s t u r z   d e r   b e s t e h e n d e n
       G e w a l t   s t a t t g e f u n d e n  ... dann protestiere ich
       gegen eine solche Auslegung."
       
       Herr Camphausen  suchte bisher sein Hauptverdienst darin, den ab-
       gerissenen Faden  der Gesetzlichkeit  wieder angeknüpft zu haben;
       jetzt behauptet  er, er  sei nie zerrissen gewesen. Die Tatsachen
       mögen ihn  ins Gesicht  schlagen; das  Dogma von  der ununterbro-
       chenen gesetzlichen  Übertragung der Gewalt von Bodelschwingh bis
       auf Camphausen kann sich nicht um die Tatsachen kümmern.
       
       "Soll angedeutet  werden, daß  wir uns  am Eingange von Zuständen
       befinden, wie  wir sie  aus der Geschichte der englischen Revolu-
       tion im 17., der französischen im 18. Jahrhundert kennen, Zustän-
       den, deren Ende das ist, daß die Gewalt in die Hände eines Dikta-
       tors übergeht",
       
       so muß Herr Camphausen ebenfalls protestieren.
       Unser denkender  Geschichtsfreund [24] durfte natürlich die Gele-
       genheit nicht  vorübergehen lassen,  bei der  Berliner Revolution
       diejenigen Reflexionen  an den  Mann zu bringen, die der deutsche
       Bürger um  so mehr zu hören liebt, je öfter er sie im Rotteck ge-
       lesen hat. Die Berliner Revolution darf schon deshalb keine Revo-
       lution gewesen  sein, weil sie sonst einen Cromwell oder Napoleon
       zu erzeugen genötigt wäre, wogegen Herr Camphausen protestiert.
       Herr Camphausen  erlaubt schließlich  seinen Vereinbarern,  "ihre
       G e f ü h l e   für die  Opfer eines   v e r h ä n g n i s v o l-
       l e n   Z u s a m m e n s t o ß e s  auszudrücken", bemerkt aber,
       daß hier  "wesentliches und vieles auf den Ausdruck ankomme", und
       wünscht die ganze Sache einer Kommission überwiesen zu sehen.
       Nach einem neuen reglementarischen Zwischenfall tritt endlich ein
       Redner auf,  der es  versteht, Herzen  und Nieren  in Bewegung zu
       setzen, weil er der Sache auf den Grund geht. Es ist Se. Hochwür-
       den der  Herr Pastor  Müller aus Wohlau, der für den Schulzeschen
       Zusatz auftritt. Der Herr Pastor
       -----
       1*) im Grunde
       
       #72# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       will die  Versammlung   "n i c h t  l a n g e  a u f h a l t e n,
       sondern nur   e i n e n  sehr  w e s e n t l i c h e n  Punkt zur
       Sprache bringen".
       Zu diesem Zweck unterbreitet der Herr Pastor der Versammlung fol-
       gende Frage:
       
       "Der Antrag  hat uns  auf das  s i t t l i c h e  Gebiet geführt,
       und nehmen  wir ihn  nicht in  seiner  O b e r f l ä c h e"  (wie
       macht man  es, eine  Sache   i n   ihrer Oberfläche  zu nehmen?),
       "sondern in seiner  T i e f e"  (es gibt eine leere Tiefe, wie es
       eine leere  Breite gibt),  "so werden wir nicht umhin können, wie
       schwierig diese  Betrachtung auch  sein mag, anzuerkennen, daß es
       sich um nichts weniger und nichts mehr handelt als um die sittli-
       che  Anerkennung  des  Aufstandes;    u n d    i c h    f r a g e
       d a r u m:   I s t    e i n    A u f s t a n d    s i t t l i c h
       o d e r  i s t  e r  e s  n i c h t?"
       
       Es handelt  sich nicht um eine politische Parteifrage, sondern um
       etwas unendlich Wichtigeres: um ein theologisch-philosophisch-mo-
       ralisches Problem.  Die Versammlung  hat mit der Krone keine Ver-
       fassung, sondern  ein System der Moralphilosophie zu vereinbaren.
       "Ist ein  Aufstand sittlich  oder nicht?"  Darauf kommt alles an.
       Und was  antwortete der  Herr Pastor  der vor  Spannung atemlosen
       Versammlung?
       
       "I c h   g l a u b e  a b e r  n i c h t,  daß  w i r  i n  d e m
       F a l l   s i n d,   dieses hohe  sittliche Prinzip  hier  e n t-
       s c h e i d e n  z u  m ü s s e n."!!
       
       Der Herr  Pastor ist der Sache bloß auf den Grund gegangen, um zu
       erklären, daß er keinen Grund finden kann.
       
       "Es ist der Gegenstand des Nachdenkens vieler  t i e f s i n n i-
       g e n   Männer gewesen,  und sie  sind  darüber  doch  zu  ferner
       b e s t i m m t e n  E n t s c h e i d u n g  gelangt. Wir werden
       diese  Klarheit   auch  im  Laufe  einer  raschen  Debatte  nicht
       erlangen."
       
       Die Versammlung  ist wie  niedergedonnert. Der Herr Pastor stellt
       ihr ein sittliches Problem mit schneidender Schärfe und mit allem
       Ernst, den der Gegenstand erfordert; er stellt es ihr, um ihr so-
       dann zu  erklären, das  Problem sei nicht zu lösen. Den Vereinba-
       rern mußte  in dieser beklemmenden Lage zu Mute sein, als ständen
       sie wirklich schon "auf dem Boden der Revolution".
       Es war  aber weiter nichts als ein einfaches seelsorgliches Manö-
       ver des  Herrn Pastors, um die Versammlung zur Buße zu leiten. Er
       hat ein Balsamtröpfchen bereit für die Zerknirschten:
       
       "Ich glaube,  daß es  noch einen  dritten Punkt  der  Betrachtung
       gibt, der  hier ins  Auge gefaßt  werden muß:  Jene Opfer des 18.
       März   h a b e n   i n   e i n e m   Z u s t a n d e   g e h a n-
       d e l t,   w e l c h e r   e i n e    s i t t l i c h e    E n t-
       s c h e i d u n g  n i c h t  g e s t a t t e t."!!
       
       Die Barrikadenkämpfer waren unzurechnungsfähig.
       "Fragen Sie  mich aber,  ob ich  sie für   s i t t l i c h   b e-
       r e c h t i g t  halte, so antworte ich kräftig:  'J a!'"
       
       #73# Die Berliner Debatte über die Revolution
       -----
       Wir fragen:  Wenn Gottes  Wort vom  Lande sich nach Berlin wählen
       läßt, bloß  um durch seine moralisierende Kasuistik das ganze Pu-
       blikum zu  langweilen, ist  das   s i t t l i c h   oder  ist  es
       n i c h t  s i t t l i c h?
       Abgeordneter Hofer  protestiert gegen  das Ganze in seiner Eigen-
       schaft als pommerscher Bauer.
       
       "Denn wer  ist das  Militär gewesen?  Sind es nicht unsere Brüder
       und Söhne  gewesen? Beachten Sie wohl, welchen Eindruck es machen
       wird, wenn  der Vater am Ufer des Meeres" (wendisch po more, d.h.
       Pommern) "hört, wie sein Sohn hier behandelt worden ist!"
       
       Das Militär  mag sich betragen haben wie es will, es mag sich zum
       Werkzeug des  infamsten Verrats  hergegeben haben  - einerlei, es
       waren unsere  pommerschen Jungen  und darum  ein dreifaches Hurra
       für sie!
       Abgeordneter Schultz  aus Wanzleben:  Meine Herren,  die Berliner
       müssen unerkannt  werden. Ihr Mut ist unbegrenzt gewesen. Sie ha-
       ben nicht nur die Furcht vor den Kanonen überwunden.
       
       "Was will  das heißen, die Furcht, von den  K a r t ä t s c h e n
       zerschmettert zu  werden, wenn  man dagegen die  G e f a h r  er-
       wägt,   a l s   S t r a ß e n u n f u g   T r e i b e n d e   mit
       harten, vielleicht  entehrenden Strafen  belegt  zu  werden!  Der
       M u t,   der dazu gehört,  d i e s e n  Kampf aufzunehmen, ist so
       erhaben, daß  selbst der  Mut den offenen Kanonenschlünden gegen-
       über   d a g e g e n   g a r   n i c h t   i n   Anschlag  kommen
       kann!"
       
       Die Deutschen  haben also vor 1848 keine Revolution gemacht, weil
       sie sich vor dem Polizeikommissär fürchteten.
       Minister Schwerin  tritt auf,  um zu erklären, er werde abtreten,
       wenn der Vorschlag von Berends angenommen werde.
       Elsner und Reichenbach sprechen gegen den Zusatz von Schulze.
       Dierschke bemerkt,  die Revolution  müsse anerkannt  werden, weil
       "der Kampf  der sittlichen Freiheit noch nicht abgeschlossen" und
       weil die  Versammlung ebenfalls "durch die sittliche Freiheit be-
       rufen" sei.
       Jacoby verlangte  "volle Anerkennung der Revolution mit allen ih-
       ren Folgen". Seine Rede war die beste der ganzen Sitzung.
       Endlich freuen wir uns, nach soviel Moral, Langweile, Unentschie-
       denheit und Versöhnung, unseren Hansemann auf die Tribüne steigen
       zu sehen.  Jetzt endlich  hören wir doch etwas Entschiedenes, et-
       was, das  Hand und Fuß hat - aber nein, auch Herr Hansemann tritt
       heute mild,  vermittelnd auf.  Er hat  seine Gründe  dazu, er tut
       nichts, ohne seine Gründe zu haben. Er sieht, daß die Versammlung
       schwankt, daß  die Abstimmung unsicher, daß das rechte Amendement
       noch nicht gefunden ist. Er will die Debatte vertagt wissen.
       
       #74# Karl Marx/Friedrich Engels · "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       Zu diesem  Zweck bietet er alle seine Kräfte an, möglichst sanft-
       mütig zu sprechen. Die Tatsache ist da, sie ist unbestritten. Nur
       nennen die  einen sie  Revolution, die  ändern "große Tatsachen".
       Wir dürfen
       
       "nicht  vergessen,  daß  hier  nicht  eine    R e v o l u t i o n
       stattgefunden hat  wie in  Paris, wie  früher in England, sondern
       daß hier  eine  T r a n s a k t i o n  zwischen der Krone und dem
       Volke stattgefunden hat" (eine sonderbare Transaktion mit Kartät-
       schen und  Büchsenkugeln!). "Gerade nun, weil wir" (Minister) "in
       gewisser Beziehung  gegen das  W e s e n  d e r  S a c h e  keine
       Einwendung machen,  auf der  ändern Seite aber der Ausdruck so zu
       wählen ist,  daß die Basis der Regierung, auf welcher wir stehen,
       möglich bleibe" -
       
       deswegen möge die Debatte vertagt werden, damit die Minister sich
       beraten können.
       Was muß  es unserem Hansemann gekostet haben, solche Wendungen zu
       machen und  zuzugeben, die  "Basis", auf der die Regierung stehe,
       sei so  schwach, daß sie durch einen "Ausdruck" umgestoßen werden
       könne! Es  entschädigte ihn  nur der  Genuß, die Sache wieder zur
       K a b i n e t t s f r a g e  machen zu können.
       Die Debatte wurde also vertagt.
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 17 vom 17. Juni 1848]
       Köln, 14.  Juni. -  Zweiter Tag. - Die Debatte beginnt wieder mit
       langen reglementarischen  Verhandlungen. Nach  ihrer  Beseitigung
       tritt
       Herr Zachariä  auf. Er  hat das Amendement vorzuschlagen, das die
       Versammlung aus  der Klemme  retten soll. Das große ministerielle
       Wort ist gefunden. Es lautet:
       
       "Die Versammlung  geht, in  Erwägung, daß  die hohe Bedeutung der
       großen Märzereignisse,  denen wir  in Verbindung mit der königli-
       chen] Zustimmung"  (die selbst  ein "Märzereignis" war, wenn auch
       kein "großes")  "den gegenwärtigen staatsrechtlichen Zustand ver-
       danken, auch  das Verdienst  der Kämpfer um dieselbe" (um die kö-
       nigliche] Zustimmung  nämlich) "unbestritten ist (U) und überdies
       die Versammlung ihre Aufgabe nicht darin erkennt, Urteile abzuge-
       ben" (die  Versammlung soll  erklären, sie  habe  kein  Urteil!),
       "sondern   d i e   V e r f a s s u n g   m i t   d e r  K r o n e
       z u  v e r e i n b a r e n,  zur Tagesordnung über."
       
       Dieser konfuse, haltlose, nach allen Seiten Bücklinge schneidende
       Antrag, von  dem Herr  Zachariä sich schmeichelt, daß "ein jeder,
       selbst Herr  Berends,   a l l e s  darin finden wird,  w a s  e r
       n u r   i m m e r   in dem guten Sinne, in welchem der Antrag von
       ihm gestellt  wurde,   h a t   b e a b s i c h t i g e n   k ö n-
       n e n", dieser  süßsäuerliche Brei,  das ist also der "Ausdruck",
       auf dessen  "Basis" das Ministerium Camphausen "steht" und stehen
       kann.
       
       #75# Die Berliner Debatte über die Revolution
       -----
       Herr Pastor  Sydow aus Berlin, aufgemuntert durch den Erfolg sei-
       nes Collega  Müller, tritt  auch auf  die Kanzel.  Die  sittliche
       Frage geht  ihm im Kopf herum. Was Müller nicht konnte, wird  e r
       lösen können.
       
       "Meine Herren,  erlauben Sie  mir an  dieser Stelle  g l e i c h"
       (nachdem er  schon eine  halbe Stunde  gepredigt) "das  zu sagen,
       wozu das  Pflichtgefühl mich  treibt: Wenn  die Debatte fortgeht,
       dann darf  nach meiner Meinung keiner schweigen, bis er sich sei-
       ner Gewissenspflicht entledigt hätte. (Bravo!)
       Erlauben  Sie   mir  eine   persönliche  Bemerkung.     M e i n e
       A n s i c h t   von einer  Revolution ist die (zur Sache! zur Sa-
       che!), daß,  wo eine Revolution vorkommt, sie nur das Symptom der
       Schuld auf  beiden Seiten ist, der Regierenden wie der Regierten.
       Dies" (diese Plattheit, die wohlfeilste Manier, die Sache abzuma-
       chen) "ist  die   h ö h e r e   s i t t l i c h e   A n s i c h t
       der Sache,  und (!)  greifen wir nicht dem  c h r i s t l i c h -
       s i t t l i c h e n   U r t e i l  der Nation vor." (Wozu glauben
       denn die Herren, daß sie da sind?) (Aufregung. Zur Tagesordnung!)
       "Aber meine Herren", fährt der unerschütterliche Streiter der hö-
       heren sittlichen  Ansicht und  des  unvorgreiflichen  christlich-
       sittlichen Urteils  der Nation  fort, "ich bin nicht der Meinung,
       daß nicht Zeiten kommen können, wo die politische Notwehr (!) ei-
       nes Volks  mit der  Notwendigkeit eines  Naturereignisses herein-
       bricht, und  ... dann  bin ich  der  Meinung,  daß  der    E i n-
       z e l n e   daran auf   v ö l l i g  s i t t l i c h e  W e i s e
       t e i l n e h m e n   k a n n."   (Dank der  Kasuistik, wir  sind
       gerettet!)   "F r e i l i c h   a u c h  m ö g l i c h e r w e i-
       s e   a u f  u n s i t t l i c h e  W e i s e,  das ist dann sei-
       nem Gewissen zu überlassen."!!
       
       Die Barrikadenkämpfer gehören nicht vor die soi-disant 1*) Natio-
       nalversammlung, sie  gehören vor  den Beichtstuhl.  Damit ist die
       Sache erledigt.
       Herr Pastor  Sydow erklärt  noch, daß  er "Mut"  hat, spricht des
       breiteren über Volkssouveränetät vom Standpunkte der höhern sitt-
       lichen Ansicht,  wird noch dreimal durch ungeduldigen Lärm unter-
       brochen und  geht auf  seinen Platz mit dem freudigen Bewußtsein,
       sich seiner  Gewissenspflicht entledigt  zu haben.  Die Welt weiß
       nun, welcher  Meinung der Pastor Sydow ist und welcher Meinung er
       nicht ist.
       Herr Plönnis  erklärt, man solle die Sache fallenlassen. Eine mit
       soviel Amendements  und Unteramendements, mit soviel Debatten und
       Häkeleien totmüde  gehetzte Erklärung habe doch keinen Wert mehr.
       Herr Plönnis  hat recht.  Er konnte  aber der  Versammlung keinen
       schlimmeren Dienst tun, als indem er auf diesen Umstand, auf die-
       sen Beweis  von der  Feigheit so  vieler Mitglieder beider Seiten
       aufmerksam machte.
       Herr Reichensperger aus Trier:
       
       "Wir sind  nicht hier, um Theorien zu bauen und  G e s c h i c h-
       t e   z u   d e k r e t i e r e n,   wir sollen  womöglich   G e-
       s c h i c h t e  m a c h e n."
       -----
       1*) sogenannte
       
       #76# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       Keineswegs! Durch  die Annahme  der motivierten  Tagesordnung be-
       schließt die  Versammlung, daß  sie im  Gegenteil da  ist,   G e-
       s c h i c h t e   u n g e s c h e h e n   z u   m a c h e n.  Al-
       lerdings auch eine Manier, "Geschichte zu machen".
       
       "Ich erinnere  an den  Ausspruch Vergniauds,  daß die  Revolution
       daran ist, ihre eignen Kinder zu verschlingen."
       
       Leider nein!  Sie ist  vielmehr daran,  von ihren  eignen Kindern
       verschlungen zu werden!
       Herr Riedel  hat entdeckt,  daß unter  dem  Berendsschen  Antrage
       "n i c h t   a l l e i n  d a s  v e r s t a n d e n  w e r d e n
       s o l l,   w a s   d i e   W o r t e   e i n f a c h   s a g e n,
       sondern sich  darunter ein Prinzipienstreit verbirgt". Und dieses
       Opfer der "höheren sittlichen Ansicht" ist geheimer Archivrat und
       Professor!
       Wiederum schreitet ein hochehrwürdiger Herr Pfarrer auf die Bühne
       zu. Es ist Herr Jonas, der Berliner Damenprediger. Er scheint die
       Versammlung auch  wirklich für ein Auditorium von Töchtern gebil-
       deter Stände  versehen zu  haben.  Mit  der  ganzen  prätentiösen
       Breitspurigkeit eines echten Schleiermacherianers predigt er eine
       endlose Reihe  der plattesten  Gemeinplätze über  den  so  höchst
       wichtigen Unterschied  von Revolution und Reformation. Ehe er nur
       die Einleitung  seiner Predigt  beendet, war er dreimal unterbro-
       chen; endlich platzte er hervor mit dem großen Satze:
       
       "Die Revolution  ist etwas,  was unsrem  gegenwärtigen religiösen
       und sittlichen  Bewußtsein schnurstracks widerspricht. Eine Revo-
       lution ist eine Tat, die für groß und herrlich wohl galt im alten
       Griechen- und  Römertum, aber  im Christentum..." (Heftige Unter-
       brechung. Allgemeines  Durcheinander. Esser,  Jung,  Eisner,  der
       Vorsitzende und  zahllose Stimmen  mischen sich  in die  Debatte.
       Endlich kommt der beliebte Kanzelredner wieder zu Wort.)
       "Jedenfalls bestreite  ich der  Versammlung das Recht, über reli-
       giöse und  sittliche Prinzipien  abzustimmen;  über  solche  kann
       keine Versammlung  abstimmen" (?  und das  Konsistorium, die Syn-
       ode?). "Dekretieren  wollen oder erklären, die Revolution sei ein
       hohes, sittliches  Vorbild oder irgend etwas anderes" (also über-
       haupt irgend  etwas), "dies  kommt mir  gerade so vor, als wollte
       die Versammlung  beschließen, es  sei ein  Gott oder  es sei kein
       Gott, oder mehrere."
       
       Da haben  wir's. Der Damenprediger hat die Frage glücklich wieder
       aufs Gebiet  der "höheren  sittlichen Ansicht" gezogen, und jetzt
       gehört sie  natürlich nur vor die protestantischen Konzilien, vor
       die Katechismusfabrikanten der Synode.
       Gottlob! Nach  all diesem  Sittlichkeitsqualm tritt endlich unser
       Hansemann auf.  Bei diesem  praktischen Geist  sind wir  vor  der
       "höheren sittlichen  Ansicht" vollständig  sicher. Herr Hansemann
       beseitigt den ganzen moralischen Standpunkt mit der einen wegwer-
       fenden Bemerkung:
       
       #77# Die Berliner Debatte über die Revolution
       -----
       "Haben wir,  frage ich Sie, Muße genug, uns in solche Prinzipien-
       kämpfe einzulassen?"
       
       Herr Hansemann  erinnert sich,  daß gestern  ein Abgeordneter von
       brotlosen Arbeitern  sprach, Herr  Hansemann benutzt diese Bemer-
       kung zu einer geschickten Wendung. Er spricht von der Not der ar-
       beitenden Klasse, bedauert ihr Elend und fragt:
       
       "Was ist  die Ursache der allgemeinen Not? Ich glaube ... ein je-
       der trägt  das Gefühl in sich, daß noch keine Gewißheit für etwas
       Bestehendes gegeben ist, solange unsre staatsrechtlichen Zustände
       noch nicht geordnet sind."
       
       Herr Hansemann  spricht hier  aus voller Seele. Das Vertrauen muß
       wiederhergestellt werden!  ruft er aus - und das beste Mittel zur
       Wiederherstellung des  Vertrauens ist die Verleugnung der Revolu-
       tion. Und nun ergeht sich der Redner des Ministeriums, das "keine
       Reaktion sieht",  in einer  schreckenerregenden  Schilderung  der
       Wichtigkeit der freundlichen Gesinnungen der Reaktion.
       
       "Ich beschwöre Sie, die Eintracht unter  a l l e n  K l a s s e n
       zu fördern"  (indem man  den Klassen,  die die Revolution gemacht
       haben, einen  Schimpf antut!);  "ich beschwöre Sie, die Eintracht
       zwischen Volk  und Heer  zu fördern;  bedenken Sie,  daß auf  dem
       Heere unsre  Hoffnungen beruhen,  unsre Unabhängigkeit zu behaup-
       ten" (! in Preußen, wo jeder Soldat ist!); "bedenken Sie, in wel-
       chen schwierigen Verhältnissen wir uns befinden - ich brauche Ih-
       nen das  nicht weiter  auseinanderzusetzen, der    a u f m e r k-
       s a m e   Z e i t u n g s l e s e r"   (und das  sind die  Herren
       gewiß alle)  "wird   a n e r k e n n e n,  daß diese Verhältnisse
       schwierig, h ö c h s t   s c h w i e r i g   sind.  In diesem Au-
       genblick nun eine Erklärung abzugeben, durch welche eine  S a a t
       d e r   Z w i e t r a c h t   ins Land  gebracht wird,  halte ich
       nicht für  geeignet... Deshalb,  meine Herren,  v e r s ö h n e n
       Sie die  Parteien, nehmen Sie keine Frage auf, wodurch Sie  d i e
       G e g n e r   p r o v o z i e r e n,   denn das   w ü r d e  g e-
       w i ß   g e s c h e h e n.   Es würde  eine Annahme  des  Antrags
       d i e  t r a u r i g s t e n  F o l g e n  haben können."
       
       Wie mögen die Reaktionäre gelächelt haben, als sie sahen, wie der
       sonst so  resolute Hansemann  nicht nur  die Versammlung, sondern
       sogar sich selbst in die Angst hineinredete!
       Dieser Appell  an die  Furcht der großen Bourgeois, Advokaten und
       Schulmeister der Kammer wirkte mehr als alle gefühlvollen Phrasen
       von der  "höheren sittlichen Ansicht". Die Sache war entschieden.
       D'Ester warf  sich noch ins Gefecht, um die Wirkung zu vereiteln,
       aber vergebens;  die Debatte wurde geschlossen, und 196 gegen 177
       Stimmen nahmen die Zachariäsche motivierte Tagesordnung an.
       Die Versammlung sprach sich damit selbst das Urteil, daß sie kein
       Urteil habe.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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