Quelle: MEW 5 März - November 1848


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       Der Prager Aufstand
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 18 vom 18. Juni 1848]
       ** Köln,  17. Juni.  Ein neues  posensches Blutbad  [52] bereitet
       sich in  B ö h m e n  vor. Die österreichische Soldateska hat die
       Möglichkeit eines  friedlichen Zusammenbleibens  von  Böhmen  und
       Deutschland [80] im tschechischen Blute erstickt.
       Der Fürst  Windischgrätz läßt  auf dem  Wyschehrad und  Hradschin
       [81] Kanonen  gegen Prag auffahren. Militär wird konzentriert und
       ein Handstreich  gegen den  Slawenkongreß [82]  und die Tschechen
       vorbereitet.
       Das Volk  erfährt diese  Rüstungen. Es strömt vor die Wohnung des
       Fürsten und  verlangt Waffen. Sie werden ihm verweigert. Die Auf-
       regung steigt,  die bewaffneten und unbewaffneten Massen wachsen.
       Da fällt  ein Schuß  aus einem dem Palast des Kommandanten gegen-
       überliegenden Gasthof,  und die  Fürstin Windischgrätz sinkt töd-
       lich verwundet nieder. Auf der Stelle wird Befehl zum Angriff er-
       teilt, die  Grenadiere rücken  vor, das Volk wird zurückgedrängt.
       Aber überall  erheben sich Barrikaden und halten das Militär auf.
       Kanonen werden vorgefahren, mit Kartätschen werden die Barrikaden
       zerschmettert. Das  Blut fließt  in Strömen.  Die ganze Nacht vom
       12. auf den 13. und noch am 13. wird gekämpft. Endlich gelingt es
       den Soldaten,  die breiten  Straßen zu nehmen und das Volk in die
       engeren Stadtteile zurückzudrängen, wo keine Artillerie angewandt
       werden kann.
       Soweit unsre neuesten Nachrichten. Es wird hinzugefügt, daß viele
       Mitglieder des  Slawenkongresses unter  starker Bedeckung aus der
       Stadt gewiesen seien. Hiernach hätte das Militär wenigstens teil-
       weise gesiegt.
       Der Aufstand  mag endigen  wie er will, ein Vernichtungskrieg der
       Deutschen gegen  die Tschechen  bleibt jetzt die einzige mögliche
       Lösung.
       Die Deutschen  haben in  ihrer Revolution die Sünden ihrer ganzen
       Vergangenheit zu  büßen. Sie haben sie gebüßt in Italien. Sie ha-
       ben sich in Posen
       
       #81# Der Prager Aufstand
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       abermals den  Fluch von  ganz Polen  aufgeladen. Und  jetzt kommt
       noch Böhmen dazu.
       Die Franzosen haben sich, selbst da, wo sie als Feinde kamen, An-
       erkennung und Sympathien zu erhalten gewußt. Die Deutschen werden
       nirgends unerkannt, finden nirgends Sympathien. Selbst wo sie als
       großherzige Freiheitsapostel auftreten, stößt man sie mit bitterm
       Hohn zurück.
       Und man  hat recht. Eine Nation, die sich in ihrer ganzen Vergan-
       genheit zum Werkzeug der Unterdrückung gegen alle ändern Nationen
       hat gebrauchen  lassen, eine solche Nation muß erst beweisen, daß
       sie wirklich  revolutioniert ist.  Sie muß es anders beweisen als
       durch ein  paar halbe Revolutionen, die Lein anderes Resultat ha-
       ben, als  unter  ändern  Gestalten  die  alte  Unentschiedenheit,
       Schwäche und  Uneinigkeit fortbestehen  zu lassen;  Revolutionen,
       bei denen  ein Radetzky  in Mailand, ein Colomb und Steinäcker in
       Posen, ein Windischgrätz in Prag, ein Hüser in Mainz bleibt, ganz
       als ob nichts vorgefallen.
       Das revolutionierte  Deutschland mußte sich, namentlich in Bezie-
       hung auf  die Nachbarvölker, von seiner ganzen Vergangenheit los-
       sagen. Es mußte zugleich mit seiner eigenen Freiheit die Freiheit
       der Völker proklamieren, die es bisher unterdrückt hatte.
       Und was  h a t  das revolutionierte Deutschland getan? Es hat die
       alte Unterdrückung  Italiens, Polens  und nun  auch Böhmens durch
       die deutsche Soldateska vollständig ratifiziert. Kaunitz und Met-
       ternich sind vollständig gerechtfertigt.
       Und da  verlangen die  Deutschen, die Tschechen sollen ihnen ver-
       trauen?
       Und man verdenkt den Tschechen, daß sie sich nicht an eine Nation
       anschließen wollen,  die, während sie sich selbst befreit, andere
       Nationen unterdrückt und mißhandelt?
       Man verdenkt  es ihnen, daß sie eine Versammlung nicht beschicken
       wollen, wie unsere trübselige, mattherzige, vor ihrer eignen Sou-
       veränität zitternde Frankfurter "Nationalversammlung"?
       Man verdenkt  es ihnen, daß sie sich von der impotenten österrei-
       chischen Regierung  lossagen, die  m ihrer Ratlosigkeit und Lahm-
       heit nur da zu sein scheint, um das Auseinanderfallen Österreichs
       nicht zu  verhindern oder  wenigstens zu organisieren, sondern zu
       konstatieren? Einer  Regierung, die  selbst zu  schwach ist, Prag
       von den Kanonen und Soldaten eines Windischgrätz zu befreien?
       Wer aber  am meisten zu bedauern ist, das sind die tapfern Tsche-
       chen selbst.  Mögen sie siegen oder geschlagen werden, ihr Unter-
       gang ist  gewiß. Durch  die vierhundertjährige  Unterdrückung von
       selten der Deutschen, die
       
       #82# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       jetzt in  dem Prager  Straßenkampf fortgesetzt wird, sind sie den
       Russen in  die Arme gejagt. In dem großen Kampfe zwischen dem We-
       sten und  dem Osten Europas, der in sehr kurzer Zeit - vielleicht
       in einigen  Wochen - hereinbrechen wird, stellt ein unglückliches
       Verhängnis die  Tschechen auf die Seite der Russen, auf die Seite
       des Despotismus gegen die Revolution. Die Revolution wird siegen,
       und die  Tschechen werden  die Ersten  sein, die von ihr erdrückt
       werden. [83]
       Die Schuld  für diesen  Untergang der Tschechen tragen wieder die
       Deutschen. Es sind die Deutschen, die sie an Rußland verraten ha-
       ben.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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