Quelle: MEW 5 März - November 1848
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Die Vereinbarungssitzung vom 17. Juni [25]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 20 vom 20. Juni 1848]
** Köln, 19. Juni. "Nichts gelernt und nichts vergessen" [84] -
das gilt vom Ministerium Camphausen ebensogut wie von den Bourbo-
nen.
Am 14. Juni dringt das Volk, empört über die Verleugnung der Re-
volution durch die Vereinbarer 1*), auf das Zeughaus ein. [76] Es
will eine Garantie gegen die Versammlung haben, und es weiß, daß
Waffen die beste Garantie sind. Das Zeughaus wird gestürmt, das
Volk bewaffnet sich selbst.
Der Sturm des Zeughauses, ein Ereignis ohne unmittelbare Resul-
tate, eine auf halbem Wege stehengebliebene Revolution, hatte
dennoch die Wirkung:
1. daß die zitternde Versammlung ihren Beschluß vom vorigen Tage
zurücknahm und erklärte, sie stelle sich unter den Schutz der
Berliner Bevölkerung [77];
2. daß sie das Ministerium in einer Lebensfrage verleugnete und
den Camphausenschen Verfassungsentwurf [85] mit 46 Stimmen Majo-
rität durchfallen ließ 2*);
3. daß das Ministerium sofort in volle Auflösung geriet, daß die
Minister Kanitz, Schwerin und Auerswald abdankten - von denen bis
jetzt erst Kanitz durch Schreckenstein definitiv ersetzt ist -
und daß Herr Camphausen am 17. Juni erst sich von der Versammlung
drei Tage Frist erbat, um sein gesprengtes Kabinett wieder zu
vervollständigen.
Das alles hatte der Sturm des Zeughauses zustande gebracht.
Und zu derselben Zeit, wo die W i r k u n g e n dieser Selbst-
bewaffnung des Volkes so schlagend hervortreten, wagt es die Re-
gierung, die Handlung selbst anzugreifen! Zu derselben Zeit, wo
Versammlung und Ministerium den Aufstand anerkennen, werden die
Teilnehmer des Aufstandes zur Untersuchung
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1*) Siehe vorl. Band, S. 64-77 - 2*) siehe vorl. Band, S. 79
#86# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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gezogen, nach altpreußischen Gesetzen behandelt, in der Versamm-
lung geschmäht und als gemeine Diebe hingestellt!
An demselben Tage, wo die bebende Versammlung sich unter den
Schutz der Zeughausstürmer stellt, erklären Erlasse der Herren
Griesheim (Kriegsministerialkommissar) und Temme (Staatsanwalt)
die Zeughausstürmer für "Räuber" und "gewaltsame Diebe". Der
"liberale" Herr Temme, den die Revolution aus dem Exil zurück-
holte, beginnt eine strenge Untersuchung gegen die Fortsetzer der
Revolution. Korn, Löwinsohn und Urban werden verhaftet. Haussu-
chungen über Haussuchungen werden in ganz Berlin angestellt. Der
Hauptmann Natzmer, der richtigen Blick genug hatte, um die Not-
wendigkeit seines Abzugs aus dem Zeughause sofort einzusehen, der
Mann, der durch seinen friedlichen Abzug Preußen vor einer neuen
Revolution und die Minister vor den größten Gefahren bewahrte -
dieser Mann wird vor ein Kriegsgericht gestellt, wird nach
Kriegsartikeln behandelt, die ihn zum Tode verurteilen.
Die Vereinbarer erholen sich ebenfalls von ihrem Schreck. In ih-
rer Sitzung vom 17. verleugnen sie die Zeughausstürmer, wie sie
am 9. die Barrikadenkämpfer verleugnet haben. In dieser Sitzung
vom 17. trug sich nämlich folgendes zu:
Herr Camphausen erklärt der Versammlung, er werde ihr jetzt die
ganze Tatsache mitteilen, damit sie entscheide, ob das Ministe-
rium wegen des Zeughaussturmes in Anklagezustand zu versetzen
sei.
Allerdings war Grund vorhanden zu einer Anklage der Minister, und
zwar nicht, weil sie den Sturm des Zeughauses geduldet, sondern
weil sie ihn v e r u r s a c h t hatten, indem sie eine der be-
deutendsten Folgen der Revolution, die Volksbewaffnung, eskamo-
tierten."
Herr Griesheim, Kommissar des Kriegsministeriums, tritt nach ihm
auf. Er gibt eine breitere Beschreibung der im Zeughause befind-
lichen Waffen, namentlich der Gewehre "einer ganz neuen Erfin-
dung, alleiniges Geheimnis Preußens", der Waffen "von histori-
scher Bedeutung" und alle der andern Herrlichkeiten. Er be-
schreibt die Bewachung des Zeughauses: oben 250 Mann Militär, un-
ten die Bürgerwehr. Er beruft sich darauf, daß die Waffeneinsen-
dungen und -absendungen aus dem Zeughaus, als Hauptdepot des gan-
zen preußischen Staats, kaum durch die Märzrevolution unter-
brochen worden sei[en].
Nach allen diesen Vorbemerkungen, mit denen er die Teilnahme der
Vereinbarer für das so höchst interessante Institut des Zeug-
hauses zu fangen versuchte, kommt er endlich auf die Ereignisse
des 14. Juni.
Man habe das Volk stets auf das Zeughaus und auf die Waffensen-
dungen aufmerksam gemacht, man habe ihm gesagt, die Waffen gehör-
ten ihm.
#87# Die Vereinbarungssitzung vom 17. Juni
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Allerdings gehörten die Waffen dem Volke; erstens als Nationalei-
gentum und zweitens als Stücke der eroberten und garantierten
Volksbewaffnung.
Herr Griesheim "konnte mit Bestimmtheit versichern, daß die er-
sten Schüsse aus dem Volke auf die Bürgerwehr gefallen seien".
Diese Behauptung ist ein Seitenstück der "siebzehn Militärtoten"'
[68] März.
Herr Griesheim erzählt nun, wie das Volk ins Zeughaus eindrang,
wie die Bürgerwehr sich zurückzog und nun "1100 Gewehre der neuen
Erfindung g e s t o h l e n wurden, ein unersetzlicher Verlust"
(!). Man habe den Hauptmann Natzmer zum Abzug, zu einer
"Pflichtverletzung" überredet; das Militär sei abgezogen.
Jetzt aber kommt der Herr Kriegsministerialkommissar zu einer
Stelle seines Berichts, bei der ihm sein altpreußisches Herz blu-
tet; das Volk hat das Heiligtum des alten Preußens entweiht. Man
höre:
"Jetzt aber haben f ö r m l i c h e G r e u e l t a t e n in
den oberen Räumen begonnen. Man hat gestohlen, geraubt und verwü-
stet. Neue Waffen sind hinuntergeworfen und zerbrochen, Altertü-
mer von unersetzlichem Wert, Gewehre mit Silber und Elfenbein,
die künstlichen, schwer zu ersetzenden Modelle der Artillerie
sind verwüstet, d i e m i t d e m B l u t d e s V o l k s
e r r u n g e n e n T r o p h ä e n u n d F a h n e n, an de-
nen die E h r e d e r N a t i o n h a f t e t, sind z e r-
r i s s e n u n d b e s u d e l t w o r d e n!" (Allgemeine
Entrüstung. Ruf von allen Seiten: Pfui, Pfui!)
Diese Entrüstung des alten Haudegens über die Frivolität des
Volks wirkt wahrhaft komisch. Das Volk hat an den alten Pickel-
hauben, Landwehrtschakos und sonstigem Gerumpel "von unersetzli-
chem Werte" "förmliche Greuel" begangen! Es hat "neue Waffen"
hinuntergeworfen! Welch ein "Greuel" für einen im Dienst ergrau-
ten Oberstlieutenant, der die "neuen Waffen" nur im Zeughaus
ehrerbietig bewundern durfte, während sein Regiment mit den ver-
schlissensten Gewehren exerzierte! Das Volk hat die Artilleriemo-
delle verwüstet! Verlangt Herr Griesheim etwa, das Volk solle
sich bei einer Revolution vorher Glacehandschuhe anziehen? Aber
das Schrecklichste kommt erst - die Trophäen des alten Preußens
sind besudelt und zerrissen worden!
Herr Griesheim berichtet uns hier eine Tatsache, aus der hervor-
geht, daß das Berliner Volk am 14. Juni einen sehr richtigen re-
volutionären Takt gezeigt. Das Volk von Berlin hat die Befrei-
ungskriege verleugnet, indem es die bei Leipzig [86] und Waterloo
[87] eroberten Fahnen mit Füßen trat. Das erste, was die Deut-
schen in ihrer Revolution zu tun haben, ist, mit ihrer ganzen
schimpflichen Vergangenheit zu brechen. [88]
Aber die altpreußische Versammlung der Vereinbarer mußte natür-
lich Pfui! Pfui! schreien über einen Akt, in dem das Volk zum er-
stenmal nicht
#88# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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nur gegen seine Unterdrücker, sondern auch gegen die glänzenden
Illusionen seiner eignen Vergangenheit revolutionär auftritt.
Bei aller schnurrbartsträubenden Entrüstung über solchen Frevel
vergißt Herr Griesheim jedoch nicht zu bemerken, daß die ganze
Geschichte "dem Staat 50 000 Taler und für mehrere Bataillone
Truppen die Waffen kostet".
Er fährt fort:
"Es ist nicht das Streben nach Volksbewaffnung, welches den An-
griff veranlaßt hat. Die Waffen sind für wenige Groschen verkauft
worden."
Nach Herrn Griesheim war der Zeughaussturm bloß die Tat einer An-
zahl Diebe, die Gewehre stahlen, um sie für einen Schnaps wieder
zu verkaufen. Warum die "Räuber" gerade das Zeughaus und nicht
vielmehr die reichen Läden der Goldschmiede und Geldwechsler
plünderten, darüber ist der Kriegsministerialkommissar eine Er-
klärung schuldig geblieben.
"Es hat sich für den unglücklichen (!) Hauptmann eine sehr rege
Teilnahme gezeigt, deshalb weil er seine Pflicht verletzt, um,
wie es heißt, kein Bürgerblut zu vergießen; ja man hat die Tat
als anerkennenswert und dankenswert dargestellt; es war sogar
heute eine Deputation bei mir, welche verlangt, daß die Tat als
dankenswert für das ganze Vaterland anerkannt werden soll.
(Entrüstung.) Es waren Deputierte der verschiedenen Klubs unter
Vorsitz des Assessors Schramm. (Entrüstung zur Rechten und
'Pfui!') Das steht fest, der Kapitän hat das erste, das vornehm-
lichste Gesetz des Soldaten gebrochen - er hat seinen Posten ver-
lassen, trotz der ihm ausdrücklich erteilten Instruktion, dies
nicht ohne besondern Befehl zu tun. Es ist ihm vorgeredet worden,
daß er durch seinen Abmarsch den Thron rette, daß sämtliche Trup-
pen die Stadt verlassen und der König aus Potsdam entflohen wäre.
(Entrüstung.) E r h a t e b e n s o g e h a n d e l t ,
w i e j e n e r F e s t u n g s k o m m a n d a n t i m
J a h r e 1 8 0 6, der auch ohne weiteres das ihm Anvertraute
übergab, anstatt es zu verteidigen. Was übrigens die Einrede be-
treffe, daß er durch seinen Abmarsch das Vergießen von Bürgerblut
gehindert habe, so verschwindet diese ganz von selbst; es wäre
auch kein Haar gekrümmt worden, da er den Posten in dem Augen-
blick übergab, als der übrige Teil des Bataillons zu seiner Hülfe
anrückte." (Bravo zur Rechten, Zischen zur Linken.)
Herr Griesheim hat natürlich wieder vergessen, daß die Zurückhal-
tung des Hauptmanns Natzmer Berlin vor einem neuen Waffenkampf,
die Minister vor der größten Gefahr, die Monarchie vor dem Sturz
rettete. Herr Griesheim ist wieder ganz Oberstheutenant, sieht in
der Handlung Natzmers nichts als Insubordination, feiges Verlas-
sen seines Postens und Verrat nach der bekannten altpreußischen
Manier von 1806!S9). Der Mann, dem die Monarchie ihre Fortdauer
verdankt, soll zum Tode verurteilt werden. Ein schönes Beispiel
für die ganze Armee!
Und wie benahm sich die Versammlung bei dieser Erzählung des
Herrn Griesheim? Sie war das Echo seiner Entrüstung. Die Linke
protestiert
#89# Die Vereinbarungssitzung vom 17. Juni
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schließlich durch - Zischen. Die Berliner Linke benimmt sich
überhaupt immer feiger, immer zweideutiger. Diese Herren, die bei
den Wahlen das Volk exploitiert haben, wo waren sie in der Nacht
vom 14. Juni, als das Volk aus bloßer Ratlosigkeit die gewonnenen
Vorteile bald wieder fahren ließ, als nur ein Führer fehlte, um
den Sieg vollständig zu machen? Wo waren die Herren Berends,
Jung, Eisner, Stein, Reichenbach? Sie blieben zu Hause oder mach-
ten ungefährliche Vorstellungen bei den Ministern. Und damit
nicht genug. Sie wagen es nicht einmal, das Volk gegen die Ver-
leumdungen und Schmähungen des Regierungskommissars zu verteidi-
gen. Kein einziger Redner tritt auf. Kein einziger will verant-
wortlich sein für den Akt des Volks, der ihnen den ersten Sieg
verschafft hat. Sie wagen nichts als zu - z i s c h e n! Wel-
cher Heldenmut!
Geschrieben von Friedrich Engels.
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