Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       #102#
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       Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 165 vom 10. Dezember 1845]
       * Köln,  9. Dezember.  Wir haben es nie verheimlicht. Unser Boden
       ist nicht  der   R e c h t s b o d e n,  es ist der  r e v o l u-
       t i o n ä r e   B o d e n.   Die Regierung hat nun ihrerseits die
       Heuchelei des Rechtsbodens aufgegeben. Sie hat sich auf den revo-
       lutionären Boden  gestellt, denn  auch der   k o n t r e r e v o-
       l u t i o n ä r e  Boden ist  r e v o l u t i o n ä r.
       In § 6 des Gesetzes vom 6.April 1848 [91] ist bestimmt:
       
       "Den künftigen  Vertretern des Volkes soll jedenfalls die Zustim-
       mung zu  allen   G e  s e t z e n   sowie  zur  Feststellung  des
       Staatshaushaltungsetats  und   das     S t e u e r b e w i l l i-
       g u n g s r e c h t  zustehn."
       
       In § 13 des Gesetzes vom 8.April 1848 [129] heißt es:
       "Die auf  Grund des  gegenwärtigen Gesetzes zusammentretende Ver-
       sammlung ist  dazu berufen,  die   k ü n f t i g e   S t a a t s-
       v e r f a s s u n g   durch Vereinbarung mit der Krone  f e s t -
        z u s t e l l e n     und  die   seitherigen   reichsständischen
       Befugnisse, namentlich  in bezug auf die Bewilligung von Steuern,
       für die Dauer ihrer Versammlung auszuüben."
       Die Regierung jagt die Vereinbarungsversammlung [130] zum Teufel,
       diktiert dem  Lande höchsteigen  eine soi-disant  1*)  Verfassung
       [123] und  bewilligt sich  selbst die  Steuern, die  ihr von  den
       Volksvertretern versagt worden.
       Die preußische Regierung hat der Camphauseniade, einer Art feier-
       licher Rechts-Jobsiade  [106], ein  eklatantes Ende  gemacht. Aus
       Rache tagt  der Erfinder dieser Epopöe, der große Camphausen, ru-
       hig in  Frankfurt fort als Gesandter derselben preußischen Regie-
       rung und intrigiert fort mit den Bassermanns im Dienste derselben
       preußischen Regierung. Dieser Camphausen, der die
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       1*) sogenannte
       
       #103# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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       Vereinbarungstheorie [4]  erfand, um  den Rechtsboden  zu retten,
       d.h., um  die Revolution zunächst um die ihr gebührenden Honneurs
       zu prellen,  erfand zugleich die Minen, welche später den Rechts-
       boden samt der Vereinbarungstheorie in die Luft sprengen sollten.
       Dieser Mann  gab die   i n d i r e k t e n   Wahlen,  welche eine
       Versammlung ergaben,  der die  Regierung im Augenblicke einer au-
       genblicklichen Erhebung  zudonnern konnte: Trop tard! 1*) Er rief
       den Prinzen  von Preußen  zurück, den  Chef der Kontrerevolution,
       und verschmähte  es nicht,  dessen Flucht  durch eine  offizielle
       Lüge in  eine Studienreise  zu verwandeln. [131] Er ließ die alte
       preußische Gesetzgebung  über politische Verbrechen und die alten
       Gerichte in  Kraft. Die alte Bürokratie und die alte Armee gewan-
       nen unter  ihm wieder  Zeit, sich  von ihrem Schrecken zu erholen
       und sich  vollständig zu  rekonstituieren .  Sämtliche Führer des
       alten Regimes blieben unverletzt auf ihren Sitzen. Unter Camphau-
       sen führte  die Kamarilla  den Krieg  in Posen  [132], während er
       selbst den  Krieg in  Dänemark [86]  führte. Der  dänische  Krieg
       sollte ein  Ableiter für  die patriotische  Überkraft  [133]  der
       deutschen Jugend  sein, die nach ihrer Rückkehr auch gebührender-
       maßen polizeilich  gemaßregelt wurde, er sollte dem General Wran-
       gel und seinen berüchtigten Garderegimentern eine gewisse Popula-
       rität verleihn und die preußische Soldateska im allgemeinen reha-
       bilitieren. Sobald  der Zweck  erfüllt war,  mußte dieser Schein-
       krieg um jeden Preis in einem schmählichen Waffenstillstand [134]
       erstickt werden,  den derselbe  Camphausen wieder zu Frankfurt am
       Main mit  der deutschen  Nationalversammlung vereinbarte. Das Re-
       sultat des dänischen Kriegs war der "Oberbefehlshaber beider Mar-
       ken" [135]  und die  Rückkehr der im März vertriebenen Garderegi-
       menter nach Berlin.
       Und der  Krieg, den  die Kamarilla  zu Potsdam  unter Camphausens
       Auspizien in Posen führte!
       Der Krieg  in Posen  war mehr  als ein Krieg gegen die preußische
       Revolution. Er war der Fall Wiens, der Fall Italiens, die Nieder-
       lage der  Junihelden. Er war der erste entscheidende Triumph, den
       der russische  Zar über  die europäische  Revolution erfocht. Und
       alles das  unter den Auspizien des großen Camphausen, des denken-
       den Geschichtsfreundes [136], des Ritters der großen Debatte, des
       Heroen der Vermittlung.
       Unter und durch Camphausen hatte sich so die Kontrerevolution al-
       ler entscheidenden  Posten bemächtigt, sie hatte sich ihr schlag-
       fertiges Kriegsheer  vorbereitet, während die Vereinbarerversamm-
       lung debattierte. Unter dem Minister der Tat Hansemann-Pinto [46]
       wurde die alte Polizei neu eingekleidet
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       1*) Zu spät!
       
       #104# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       und ein  ebenso erbitterter als kleinlicher Krieg der Bourgeoisie
       gegen das  Volk geführt. Unter Brandenburg zog man den Schluß aus
       diesen Vordersätzen.  Es gehörte  dazu nur noch ein - Schnurrbart
       und ein  Säbel statt  eines Kopfes. Als Camphausen abtrat, riefen
       wir ihm zu:
       
       Er habe die Reaktion gesät im Sinne der Bourgeoisie, er werde sie
       ernten im Sinne der Aristokratie und des Absolutismus. 1*)
       
       Wir zweifeln  nicht, daß  Se. Exzellenz, der preußische] Gesandte
       Camphausen, sich in diesem Augenblicke selbst zu den Feudalherren
       zählt und  sich mit  seinem "Mißverständnisse"  aufs friedlichste
       vereinbart haben wird.
       Man täusche  sich indes nicht; man schreibe einem Camphausen, ei-
       nem Hansemann,  diesen  Männern  untergeordnetster  Größe,  keine
       weltgeschichtliche Initiative zu. Sie waren nichts als die Organe
       einer Klasse.  Ihre Sprache,  ihre Handlungen waren nur das offi-
       zielle Echo  einer Klasse,  die sie  in den  Vordergrund gedrängt
       hatte. Sie waren nur die große Bourgeoisie - im Vordergrunde.
       Die Repräsentanten  dieser Klasse  bildeten die   l i b e r a l e
       O p p o s i t i o n   auf dem selig entschlafenen, durch Camphau-
       sen für  einen Augenblick  wiedererweckten  V e r e i n i g t e n
       L a n d t a g e.  [137]
       Man hat  den Herrn dieser liberalen Opposition vorgeworfen, ihren
       Prinzipien nach  der Märzrevolution  untreu geworden  zu sein. Es
       ist dies ein Irrtum.
       Die großen Grundbesitzer und Kapitalisten, die ausschließlich auf
       dem Vereinigten  Landtage vertreten  waren, mit  einem Worte  die
       Geldbeutel, hatten  an Geld  und Bildung zugenommen. Mit der Ent-
       wicklung der  bürgerlichen Gesellschaft in Preußen - d.h. mit der
       Entwicklung der Industrie, des Handels und des Ackerbaus - hatten
       einerseits die alten Ständeunterschiede ihre materielle Grundlage
       verloren.
       Der Adel  selbst war  wesentlich verbürgerlicht.  Statt in Treue,
       Liebe und Glauben machte er nun vor allem in Runkelrüben, Schnaps
       und Wolle.  Sein Hauptturnier war der Wollmarkt geworden. Andrer-
       seits war der absolutistische Staat, dem seine alte gesellschaft-
       liche Grundlage  unter den  Füßen durch den Gang der Entwickelung
       weggezaubert war, zur hemmenden Fessel geworden für die neue bür-
       gerliche Gesellschaft  mit ihrer veränderten Produktionsweise und
       ihren veränderten  Bedürfnissen. Die Bourgeoisie mußte sich ihren
       Anteil an der politischen Herrschaft vindizieren, schon ihrer ma-
       teriellen Interessen  wegen. Sie  selbst war  allein fähig,  ihre
       kommerziellen und  industriellen Bedürfnisse  gesetzlich zur Gel-
       tung zu bringen. Sie mußte einer über-
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       1*) Siehe Band 5 unserer Ausgabe, S. 97
       
       #105# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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       lebten, ebenso  unwissenden als arroganten Bürokratie die Verwal-
       tung dieser  ihrer "heiligsten  Interessen" aus  der Hand nehmen.
       Sie mußte  Kontrolle des  Staats Vermögens,  dessen Schöpfer  sie
       sich dünkte, für sich in Anspruch nehmen. Sie besaß auch den Ehr-
       geiz, nachdem sie der Bürokratie das Monopol der sogenannten Bil-
       dung entwendet hatte und sie an wirklicher Kenntnis der bürgerli-
       chen Gesellschaftsbedürfnisse  weit zu überragen sich bewußt war,
       eine ihrer  gesellschaftlichen Stellung  entsprechende politische
       Stellung erzwingen zu wollen. Sie mußte, um ihren Zweck zu errei-
       chen, ihre  eigenen Interessen,  Ansichten und die Handlungen der
       Regierung frei  debattieren können. Das nannte sie das "Recht der
       Preßfreiheit". Sie  mußte sich  ungeniert assoziieren können. Das
       nannte sie  das "Recht der freien Assoziation". Religionsfreiheit
       u. dgl.  mußte ebenfalls  als notwendige Folge der freien Konkur-
       renz von  ihr verlangt werden. Und die preußische Bourgeoisie war
       vor dem  März 1848  auf dem  besten Wege,  alle ihre Wünsche sich
       verwirklichen zu sehen.
       Der preußische  Staat befand  sich in  Geldnöten. Sein Kredit war
       versiegt. Das  war das  Geheimnis der Zusammenberufung des Verei-
       nigten Landtags.  Die Regierung  sträubte  sich  zwar  gegen  ihr
       Schicksal, sie  entließ ungnädig  den "Vereinigten", aber Geldnot
       und Kreditlosigkeit  hätten sie unfehlbar nach und nach der Bour-
       geoisie in  die Arme geworfen. Wie die Feudalbarone, so haben die
       Könige von  Gottes Gnaden von jeher ihre Privilegien ausgetauscht
       gegen bares Geld. Die Emanzipation der Leibeigenen war der erste,
       die konstitutionelle  Monarchie der zweite große Akt dieses welt-
       geschichtlichen Schachers  in allen christlich-germanischen Staa-
       ten. "L'argent  n'a pas  de maître"  1*), aber  die maîtres hören
       auf, maîtres zu sein, sobald sie démonétisés (entmünzt) sind.
       Die liberale  Opposition auf  dem Vereinigten  Landtage war  also
       nichts anderes  als die Opposition der Bourgeoisie gegen eine Re-
       gierungsform, die  ihren Interessen  und Bedürfnissen  nicht mehr
       entsprach. Um  dem Hofe  Opposition, mußte  sie dem Volke den Hof
       machen.
       Sie bildete  sich vielleicht wirklich ein,  f ü r  das Volk Oppo-
       sition zu machen.
       Die Rechte,  die Freiheiten,  die sie  f ü r  s i c h  erstrebte,
       konnte sie  daher natürlich  nur  unter  Firma  von    V o l k s-
       r e c h t e n   und  V o l k s f r e i h e i t e n  der Regierung
       gegenüber in Anspruch nehmen.
       Diese Opposition  befand sich,  wie gesagt,  auf dem besten Wege,
       als der  F e b r u a r s t u r m  losbrach.
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       1*) "Das Geld hat keinen Herrn"
       
       #106# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 169 vom 15. Dezember 1848]
       * Köln, 11. Dezember. Als die Märzsündflut - eine Sündflut en mi-
       niature -  sich verlaufen  hatte, ließ  sie auf  der Berliner Er-
       doberfläche keine Ungeheuer zurück, keine revolutionären Kolosse,
       sondern Kreaturen alten Stils, bürgerlich untersetzte Gestalten -
       die Liberalen  des Vereinigten Landtags, die Vertreter der bewuß-
       ten preußischen  Bourgeoisie.  Die  Provinzen,  welche  die  ent-
       wickeltste Bourgeoisie  besitzen, die Rheinprovinz und Schlesien,
       lieferten das  Hauptkontingent zu  den neuen  Ministerien. Hinter
       ihnen ein ganzer Schweif rheinischer Juristen. In demselben Maße,
       als die Bourgeoisie von den Feudalen in den Hintergrund zurückge-
       drängt wurde,  machten in  den Ministerien  die Rheinprovinz  und
       Schlesien den  urpreußischen  Provinzen  Platz.  Das  Ministerium
       Brandenburg hängt  nur noch  durch einen Elberfelder Tory mit der
       Rheinprovinz zusammen.  Hansemann und  von der  Heydt! In  diesen
       beiden Namen  liegt für  die preußische Bourgeoisie der ganze Un-
       terschied zwischen März und Dezember 1848!
       Die preußische  Bourgeoisie war auf die Staatshöhn geworfen, aber
       nicht, wie  sie gewünscht  hatte, durch eine  f r i e d l i c h e
       T r a n s a k t i o n   m i t   d e r   K r o n e,  sondern durch
       eine   R e v o l u t i o n.   Nicht ihre eigenen Interessen, son-
       dern die   V o l k s  i n t e r e s s e n   sollte  sie gegen die
       Krone, d.h.  gegen   s i c h   s e l b s t   vertreten, denn eine
       V o l k s b e w e g u n g  hatte ihr die Wege bereitet. Die Krone
       war aber in ihren Augen eben nur der gottesgnadliche Schirm, hin-
       ter dem  ihre eigenen profanen Interessen sich verbergen sollten.
       Die Unantastbarkeit   i h r e r  eigenen Interessen und der ihrem
       Interesse entsprechenden  politischen Formen  sollte, in die kon-
       stitutionelle  Sprache   übersetzt,  lauten:     U n a n t a s t-
       b a r k e i t   d e r   K r o n e.   Daher  die  Schwärmerei  der
       deutschen  und  speziell  der  preußischen  Bourgeoisie  für  die
       k o n s t i t u t i o n e l l e   M o n a r c h i e.   War  daher
       die Februarrevolution  samt ihren deutschen Nachwehen der preußi-
       schen Bourgeoisie  willkommen, weil  das  Staatsruder  ihr  durch
       dieselbe in  die Hand  geworfen wurde,  so war sie ebensosehr ein
       Strich  durch   ihre  Rechnung,   weil  ihre   Herrschaft  so  an
       Bedingungen geknüpft  wurde, die  sie weder  erfüllen wollte noch
       erfüllen konnte.
       Die Bourgeoisie hatte keine Hand gerührt. Sie hatte dem Volke er-
       laubt, sich  für sie  zu schlagen. Die ihr übertragene Herrschaft
       war daher  nicht die  Herrschaft des Feldherrn, der seinen Gegner
       besiegt, sondern die Herrschaft eines Sicherheitsausschusses, dem
       das siegreiche  Volk die Wahrung seiner eigenen Interessen anver-
       traut.
       Camphausen fühlte  noch ganz  das Unbequeme  dieser Position, und
       die ganze Schwäche seines Ministeriums datiert aus diesem Gefühle
       und den
       
       #107# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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       Umständen, die  es bedingten. Eine Art von Schamröte verklärt da-
       her die  schamlosesten Akte  seiner Regierung.  Die  offenherzige
       S c h a m l o s i g k e i t   und   U n v e r s c h ä m t h e i t
       waren das  Privilegium Hansemanns.  Die rote  T e i n t e  bildet
       den einzigen Unterschied zwischen diesen beiden Malern.
       Man muß  die   p r e u ß i s c h e    M ä r z r e v o l u t i o n
       weder mit  der  e n g l i s c h e n  Revolution von 1648 noch mit
       der  f r a n z ö s i s c h e n  von 1789 verwechseln.
       1648 war  die Bourgeoisie  mit dem modernen Adel gegen das König-
       tum, gegen  den feudalen  Adel und  gegen die  herrschende Kirche
       verbunden.
       1789 war  die Bourgeoisie mit dem Volke verbunden gegen Königtum,
       Adel und herrschende Kirche.
       Die Revolution von 1789 hatte zum Vorbilde (wenigstens in Europa)
       nur die Revolution von 1648, die Revolution von 1648 nur den Auf-
       stand der  Niederländer gegen  Spanien. Beide  Revolutionen waren
       nicht nur der Zeit, sondern auch dem Gehalte nach um ein Jahrhun-
       dert ihren Vorbildern voraus.
       In beiden  Revolutionen war  die Bourgeoisie die Klasse, die sich
       w i r k l i c h   an der  Spitze der Bewegung befand. Das  P r o-
       l e t a r i a t   und   d i e   n i c h t   d e r    B o u r g e-
       o i s i e   u n g e h ö r i g e n    F r a k t i o n e n    d e s
       B ü r g e r t u m s     hatten  entweder   noch  keine   von  der
       Bourgeoisie getrennte  Interessen, oder  sie bildeten  noch keine
       selbständig entwickelten  Klassen oder Klassenabteilungen. Wo sie
       daher der  Bourgeoisie entgegentreten,  wie zum Beispiel 1793 bis
       1794 in  Frankreich, kämpfen sie nur für die Durchsetzung der In-
       teressen der  Bourgeoisie, wenn auch nicht  i n  d e r  W e i s e
       der Bourgeoisie.  Der  g a n z e  f r a n z ö s i s c h e  T e r-
       r o r i s m u s   war  nichts  als  eine    p l e b e j i s c h e
       M a n i e r,   mit den   F e i n d e n   d e r   B o u r g e o i-
       s i e,  dem Absolutismus, dem Feudalismus und dem Spießbürgertum,
       fertigzuwerden.
       Die Revolutionen  von 1648  und  1789  waren  keine    e n g l i-
       s c h e n   und  f r a n z ö s i s c h e n  Revolutionen, sie wa-
       ren Revolutionen  e u r o p ä i s c h e n  Stils. Sie waren nicht
       der Sieg einer  b e s t i m m t e n  Klasse der Gesellschaft über
       die   a l t e  p o l i t i s c h e  O r d n u n g;  sie waren die
       P r o k l a m a t i o n   d e r   p o l i t i s c h e n    O r d-
       n u n g   f ü r   d i e   n e u e   e u r o p ä i s c h e    G e-
       s e l l s c h a f t.   Die Bourgeoisie  siegte in ihnen; aber der
       S i e g   d e r    B o u r  g e o i s i e    war  damals    d e r
       S i e g     e i n e r     n e u e n    G e s e l l s c h a f t s-
       o r d n u n g,   der Sieg  des bürgerlichen  Eigentums  über  das
       feudale, der  Nationalität über  den  Provinzialismus,  der  Kon-
       kurrenz über  die Zunft,  der Teilung über das Majorat, der Herr-
       schaft des  Eigentümers des  Bodens  über  die  Beherrschung  des
       Eigentümers durch den Boden, der Aufklärung über den Aberglauben,
       der Familie über den Familiennamen, der Industrie über die heroi-
       sche Faulheit,  des bürgerlichen  Rechts über  die mittelaltrigen
       Privilegien. Die  Revolution von  1648 war  der Sieg  1*) des 17.
       Jahrhunderts über das 16. Jahrhundert, die Revolution
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       1*) In der "N. Rh. Ztg.": die Revolution
       
       #108# Karl Marx/Friedrich Engels ? "Neue Rheinische Zeitung"
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       von 1789  der Sieg des 18. Jahrhunderts über das 17. Jahrhundert.
       Diese Revolutionen drückten mehr noch die Bedürfnisse der damali-
       gen Welt  als der  Weltausschnitte aus,  in denen  sie vorfielen,
       Englands und Frankreichs.
       In  der     p r e u ß i s c h e n     M ä r z r e v o l u t i o n
       nichts von alledem.
       Die Februarrevolution  hatte das konstitutionelle Königtum in der
       Wirklichkeit   und    die   Bourgeoisherrschaft   in   der   Idee
       a b g e s c h a f f t.   Die preußische Märzrevolution sollte das
       konstitutionelle Königtum in der Idee und die Bourgeoisherrschaft
       in der  Wirklichkeit  s c h a f f e n.  Weit entfernt, eine  e u-
       r o p ä i s c h e   R e v o l u t i o n  zu sein, war sie nur die
       verkümmerte Nachwirkung  einer europäischen  Revolution in  einem
       zurückgebliebenen Lande.  Statt ihrem Jahrhundert voraus, war sie
       hinter ihrem  Jahrhundert um  mehr  als  ein  halbes  Jahrhundert
       zurück. Sie war von vornherein  s e k u n d ä r,  aber es ist be-
       kannt, daß die sekundären Krankheiten schwerer zu heilen sind und
       den Körper  gleichzeitig mehr  verwüsten als  die primitiven.  Es
       handelte sich  nicht um die Herstellung einer neuen Gesellschaft,
       sondern um  die Berliner  Wiedergeburt der  zu Paris verstorbenen
       Gesellschaft. Die  preußische  Märzrevolution  war  nicht  einmal
       n a t i o n a l,   d e u t s c h,  sie war von vornherein  p r o-
       v i n z i e l l - p r e u ß i s c h.  Die Wiener, die Kaßler, die
       Münchener, alle  Sorten provinzieller Aufstände rannten neben ihr
       her und machten ihr den Rang streitig.
       Während 1648  und 1789 das unendliche Selbstgefühl hatten, an der
       Spitze der  Schöpfung zu  stehn, bestand der Ehrgeiz der Berliner
       1848 darin,  einen Anachronismus  zu bilden.  Ihr Licht glich dem
       Lichte der  Sterne, das  uns Erdenbewohnern erst zukömmt, nachdem
       die Körper,  die es  ausgestrahlt, schon 100 000 von Jahren erlo-
       schen sind. Die preußische Märzrevolution war im kleinen, wie sie
       alles im kleinen war, ein solcher Stern für Europa. Ihr Licht war
       das Licht eines längst verwesten Gesellschaftsleichnams.
       Die deutsche  Bourgeoisie hatte  sich so  trag, feig  und langsam
       entwickelt, daß  im Augenblicke,  wo sie gefahrdrohend dem Feuda-
       lismus und  Absolutismus gegenüberstand,  sie selbst sich gefahr-
       drohend gegenüber  das Proletariat  erblickte und alle Fraktionen
       des Bürgertums,  deren Interessen  und Ideen dem Proletariat ver-
       wandt sind.  Und nicht  nur eine  Klasse  h i n t e r  sich, ganz
       Europa sah sie feindlich  v o r  sich. Die preußische Bourgeoisie
       war nicht,  wie die französische von 1789, die Klasse, welche die
       g a n z e   moderne Gesellschaft den Repräsentanten der alten Ge-
       sellschaft, dem Königtum und dem Adel, gegenüber vertrat. Sie war
       zu einer Art von  S t a n d  herabgesunken, ebenso ausgeprägt ge-
       gen die  Krone als gegen das Volk, oppositionslustig gegen beide,
       unentschlossen gegen  jeden ihrer  Gegner einzeln  genommen, weil
       sie immer beide vor oder hinter sich sah; von vornherein zum Ver-
       rat gegen  das Volk und zum Kompromiß mit dem gekrönten Vertreter
       der alten Gesellschaft geneigt,
       
       #109# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
       -----
       weil sie  selbst schon  zur alten Gesellschaft gehörte; nicht die
       Interessen einer  neuen Gesellschaft gegen eine alte, sondern er-
       neute Interessen  innerhalb einer veralteten Gesellschaft vertre-
       tend; nicht an dem Steuerruder der Revolution, weil das Volk hin-
       ter ihr  stand, sondern  weil das  Volk sie  vor sich herdrängte;
       nicht an der Spitze, weil sie die Initiative einer neuen, sondern
       nur weil sie die Ranküne einer alten Gesellschaftsepoche vertrat;
       eine nicht  zum Durchbruch  gekommene Schichte  des alten  Staats
       durch ein  Erdbeben auf die Oberfläche des neuen Staats geworfen;
       ohne Glauben  an sich  selbst, ohne Glauben an das Volk, knurrend
       gegen oben,  zitternd gegen  unten, egoistisch nach beiden Seiten
       und sich  ihres Egoismus bewußt, revolutionär gegen die Konserva-
       tiven, konservativ  gegen die Revolutionäre, ihren eigenen Stich-
       worten  mißtrauend,  Phrasen  statt  Ideen,  eingeschüchtert  vom
       Weltsturm, den  Weltsturm exploitierend  -  Energie  nach  keiner
       Richtung, Plagiat  nach allen  Richtungen, gemein, weil sie nicht
       originell war, originell in der Gemeinheit - schachernd mit ihren
       eigenen Wünschen,  ohne Initiative,  ohne Glauben an sich selbst,
       ohne Glauben  an das  Volk, ohne  weltgeschichtlichen Beruf - ein
       vermaledeiter Greis,  der sich  dazu verdammt sah, die ersten Ju-
       gendströmungen eines  robusten Volks  in seinem  eigenen  alters-
       schwachen Interesse  zu leiten  und abzuleiten  - ohn'  Aug! ohn'
       Ohr! ohn'  Zahn, ohn'  alles -  so fand  sich die    p r e u ß i-
       s c h e   B o u r g e o i s i e  nach der Märzrevolution am Ruder
       des preußischen Staates.
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 170 vom 16. Dezember 1848]
       * Köln,  15. Dezember.  Die    V e r e i n b a r u n g s t h e o-
       r i e,   welche  die  im  Ministerium  Camphausen  zur  Regierung
       gelangte  Bourgeoisie   sofort  als   "breiteste"  Grundlage  des
       preußischen contrat  social 1*) proklamierte, war keineswegs eine
       hohle Theorie;  sie war  vielmehr gewachsen  auf  dem  Baume  des
       "goldnen" Lebens.
       Die Märzrevolution  hat den Souverän von Gottes Gnaden keineswegs
       dem Volkssouveräne unterjocht. Sie hat nur die Krone, den absolu-
       tistischen Staat, gezwungen, sich mit der Bourgeoisie zu verstän-
       digen, sich mit ihrem alten Rivalen zu  v e r e i n b a r e n.
       Die Krone wird der Bourgeoisie den Adel, die Bourgeoisie wird der
       Krone das  Volk opfern.  Unter dieser Bedingung wird das Königtum
       bürgerlich und die Bourgeoisie königlich werden.
       Nach dem März gibt es nur noch diese zwei Mächte. Sie dienen sich
       wechselseitig als  Blitzableiter der  Revolution. Alles natürlich
       auf "breitester demokratischer Grundlage".
       -----
       1*) Gesellschaftsvertrages
       
       #110# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Das war das  G e h e i m n i s  d e r  V e r e i n b a r u n g s-
       t h e o r i e.
       Die Öl-  und Wollhändler [138], welche das erste Ministerium nach
       der Märzrevolution  bildeten, gefielen  sich in  der  Rolle,  die
       bloßgestellte Krone  mit ihren  plebejischen Fittichen zu decken.
       Sie schwelgten  in dem  Hochgenüsse, hoffähig  zu sein und wider-
       strebend, von  ihrem rauhen Römertum aus reiner Großmut ablassend
       - von  dem Römertum des Vereinigten Landtags -, die Kluft, welche
       den Thron zu verschlingen drohte, mit dem Leichnam ihrer ehemali-
       gen Popularität  zu schließen.  Wie spreizte  sich  der  Minister
       C a m p h a u s e n   als  W e h m u t t e r  des konstitutionel-
       len Thrones.  Der brave  Mann war offenbar über sich selbst, über
       seine eigne Großmut gerührt. Die Krone und ihr Anhang duldete wi-
       derstrebend diese  demütigende Protektorschaft,  sie machte bonne
       mine à mauvais jeu 1*) in Erwartung beßrer Tage.
       Die halb  aufgelöste Armee, die für ihre Stellen und Gehalte zit-
       ternde Bürokratie,  der gedemütigte  Feudalstand,  dessen  Führer
       sich auf  konstitutionellen Studienreisen  [131] befand, übertöl-
       pelten leicht  mit einigen  süßen Worten und Knixen den Bourgeois
       gentilhomme [139].
       Die preußische Bourgeoisie war  n o m i n e l l e r  Besitzer der
       Herrschaft, sie  zweifelte keinen  Augenblick, daß die Mächte des
       alten Staats  ohne Hinterhalt  sich ihr  zu Gebot gestellt und in
       ebenso viele devote Ableger ihrer eignen Allmacht verwandelt hät-
       ten.
       Nicht nur  im Ministerium, in dem ganzen Umfang der Monarchie war
       die Bourgeoisie von diesem Wahn berauscht.
       Die einzigen  Heldentaten der  preußischen Bourgeoisie  nach  dem
       März, die  oft blutigen  Schikanen der Bürgerwehr gegen das unbe-
       waffnete Proletariat, fanden sie nicht in der Armee, in der Büro-
       kratie und selbst in den Feudalherrn willig unterwürfige Helfers-
       helfer? Die  einzigen Kraftanstrengungen,  wozu sich  die lokalen
       Vertreter der  Bourgeoisie aufschwangen,  die   G e m e i n d e -
        r ä t e   - deren  zudringlich servile Gemeinheit von einem Win-
       dischgrätz, Jellachich  und Weiden  später in  angemessener Weise
       befußtrittet wurde  -, die  einzigen Heldentaten dieser Gemeinde-
       räte nach  der Märzrevolution,  ihre patriarchalisch ernsten War-
       nungsworte an  das Volk, wurden sie nicht angestaunt von den ver-
       stummten Regierungspräsidenten  und den  in sich gegangenen Divi-
       sionsgeneralen? Und  die preußische  Bourgeoisie hätte noch zwei-
       feln sollen,  daß der  alte Groll  der Armee, der Bürokratie, der
       Feudalen in  ehrfurchtsvoller Ergebenheit vor dem sich selbst und
       die Anarchie  zügelnden großmütigen  Sieger, der Bourgeoisie, er-
       storben sei?
       Es war  klar. Die preußische Bourgeoisie hatte nur noch eine Auf-
       gabe, die
       -----
       1*) gute Miene zum bösen Spiel
       
       #111# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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       Aufgabe, sich ihre Herrschaft bequem zu machen, die störenden An-
       archisten zu  beseitigen, "Ruhe  und Ordnung"  wiederherzustellen
       und die  Zinsen wieder  einzubringen, die  während des Märzsturms
       verlorengegangen waren.  Es konnte  sich nur  noch darum handeln,
       die   P r o d u k t i o n s k o s t e n  ihrer Herrschaft und der
       sie bedingenden  Märzrevolution auf  ein Minimum  zu beschränken.
       Die Waffen, welche die preußische Bourgeoisie in ihrem Kampfe ge-
       gen die  feudale Gesellschaft und deren Krone unter der Firma des
       Volks in  Anspruch zu  nehmen sich  gezwungen sah,  Assoziations-
       recht, Preßfreiheit  etc., mußten  sie nicht zerbrochen werden in
       den Händen  eines betörten  Volks, das sie nicht mehr  f ü r  die
       Bourgeoisie zu  führen brauchte  und   g e g e n   sie zu  führen
       bedenkliche Gelüste kundgab?
       Der   V e r e i n b a r u n g   der Bourgeoisie  mit  der  Krone,
       d a v o n   w a r   s i e   ü b e r z e u g t,   dem Markten  der
       Bourgeoisie mit  dem alten,  in sein  Schicksal ergebenen Staate,
       stand offenbar  nur noch  ein Hindernis  im  Wege,  ein  einziges
       Hindernis, das  Volk -  puer robustus  sed malitiosus  [140], wie
       Hobbes sagt. Das  V o l k  und die  R e v o l u t i o n!
       Die   R e v o l u t i o n   war der  R e c h t s t i t e l  d e s
       V o l k e s;  auf die Revolution gründete es seine ungestümen An-
       sprüche. Die  Revolution war  der Wechsel,  den es  auf die Bour-
       geoisie gezogen  hatte. Durch  die Revolution war die Bourgeoisie
       zur Herrschaft  gelangt. Mit  dem Tage  ihrer Herrschaft  war der
       Verfalltag dieses Wechsels angebrochen. Die Bourgeoisie mußte ge-
       gen den Wechsel  P r o t e s t  einlegen.
       Die  R e v o l u t i o n  - das bedeutete im Munde des Volks: Ihr
       Bourgeois seid  das Comité  du salut  public, der  Wohlfahrtsaus-
       schuß, dem  wir die  Herrschaft in  die Hand gegeben, nicht damit
       ihr euch  über eure  Interessen   m i t   der Krone  v e r e i n-
       b a r t,  sondern damit ihr  g e g e n  die Krone unsere Interes-
       sen, die Interessen des Volks durchsetzt.
       Die   R e v o l u t i o n   war der  Protest des Volkes gegen die
       Vereinbarung der  Bourgeoisie mit  der Krone.  Die mit  der Krone
       sich vereinbarende  Bourgeoisie   m u ß t e   a l s o  p r o t e-
       s t i e r e n  gegen - die  R e v o l u t i o n.
       Und das  geschah unter  dem großen    C a m p h a u s e n.    Die
       M ä r z r e v o l u t i o n    w u r d e    n i c h t    a n e r-
       k a n n t.   Die  Berliner  Nationalrepräsentation  konstituierte
       sich  als    R e p r ä s e n t a t i o n    d e r    p r e u ß i-
       s c h e n   B o u r g e o i s i e,   als   V e r e i n b a r e r-
       v e r s a m m l u n g,   indem sie den Antrag auf Anerkennung der
       Märzrevolution  v e r w a r f.
       Sie machte  das Geschehene  ungeschehen. Sie proklamierte es laut
       vor dem  preußischen Volke, daß es sich mit der Bourgeoisie nicht
       vereinbart, um gegen die Krone zu revolutionieren, sondern daß es
       revolutioniert, damit sich die Krone mit der Bourgeoisie gegen es
       selbst vereinbare! So war der  R e c h t s t i t e l  des revolu-
       tionären Volkes  vernichtet und  der   R e c h t s b o d e n  der
       konservativen Bourgeoisie gewonnen.
       
       #112# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung
       -----
       D e r  R e c h t s b o d e n!
       Brüggemann und  durch ihn  die "Kölnische  Zeitung" [21] haben so
       viel geplaudert,  gefabelt, gewimmert  vom "Rechtsboden",  so oft
       den  "Rechtsboden"   verloren,  wiedergewonnen,  den  Rechtsboden
       durchlöchert, geflickt,  von Berlin nach Frankfurt, von Frankfurt
       nach Berlin  geschleudert, verengt,  ausgedehnt, aus einem einfa-
       chen Boden  in einen getäfelten Boden, aus einem getäfelten Boden
       in einen  Doppelboden -  bekanntlich ein Hauptwerkzeug der schau-
       spielernden Eskamoteurs  -, aus  einem Doppelboden in eine boden-
       lose Falltüre  verwandelt, daß der Rechtsboden sich für unsre Le-
       ser mit  Recht schließlich  in den Boden der "Kölnischen Zeitung"
       verwandelt hat,  daß sie  das Schibboleth  der preußischen  Bour-
       geoisie mit  dem Privatschibboleth des Herrn Joseph Dumont, einen
       notwendigen Einfall  der   p r e u ß i s c h e n   Weltgeschichte
       mit einer willkürlichen Marotte der "Kölnischen Zeitung" verwech-
       seln können  und im  Rechtsboden nur noch den Boden sehn, auf dem
       die "Kölnische Zeitung" wächst.
       D e r   R e c h t s b o d e n,  und zwar der  p r e u ß i s c h e
       R e c h t s b o d e n!
       Der   R e c h t s b o d e n,  auf dem sich  n a c h  dem März der
       Ritter der  großen Debatte,  Camphausen, das  wiedererweckte  Ge-
       spenst des  Vereinigten Landtags  und die  Vereinbarerversammlung
       bewegen, ist  er das  Konstitutionsgesetz von 1815 [141] oder das
       Landtagsgesetz von  1820 [142],  oder das  Patent von 1847 [143],
       oder das Wahl- und Vereinbarungsgesetz vom 8.April 1848? [129]
       N i c h t s  v o n  a l l e d e m.
       Der "Rechtsboden" bedeutete einfach, daß die Revolution ihren Bo-
       den nicht  gewonnen und  die alte  Gesellschaft ihren Boden nicht
       verloren habe,  daß die  Märzrevolution nur  ein "Ereignis"  sei,
       welches den  "Anstoß" zu  der längst  innerhalb des alten preußi-
       schen Staats  vorbereiteten "Verständigung"  zwischen dem  Throne
       und der  Bourgeoisie gegeben, deren Bedürfnis die Krone selbst in
       frühern allerhöchsten  Erlassen schon  ausgesprochen und  nur vor
       dem März  für nicht  "dringlich" erachtet habe. Der "Rechtsboden"
       bedeutete mit einem Worte, daß die Bourgeoisie  n a c h  dem März
       mit der  Krone auf  demselben Fuße  unterhandeln wolle wie  v o r
       dem März,  als ob gar keine Revolution stattgefunden und der Ver-
       einigte Landtag ohne die Revolution sein Ziel erreicht hätte. Der
       "Rechtsboden" bedeutete,  daß der  Rechtstitel  des  Volkes,  die
       R e v o l u t i o n,   in dem  contrat social  zwischen Regierung
       und Bourgeoisie  nicht existiere.   D i e   B o u r g e o i s i e
       l e i t e t e   i h r e   A n s p r ü c h e  a u s  d e r  a l t-
       p r e u ß i s c h e n  G e s e t z g e b u n g  h e r,  d a m i t
       d a s   V o l k   k e i n e   A n s p r ü c h e    a u s    d e r
       n e u  p r e u ß i s c h e n   R e v o l u t i o n   h e r l e i-
       t e.
       Es versteht  sich, daß  die   i d e o l o g i s c h e n    K r e-
       t i n s   der Bourgeoisie,  ihre Zeitungsschreiber u. dgl., diese
       Beschönigung des Bourgeoisinteresses für das
       
       #113# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
       -----
       eigentliche Interesse  der Bourgeoisie  ausgeben und  als solches
       sich und  andern einbilden mußten. Im Kopfe eines Brüggemann ver-
       wandelte sich  die Phrase des Rechtsbodens in eine wirkliche Sub-
       stanz.
       Das Ministerium  Camphausen hatte  seine Aufgabe gelöst, die Auf-
       gabe der   V e r m i t t l u n g  und des  Ü b e r g a n g s.  Es
       bildete nämlich  die  V e r m i t t l u n g  zwischen der auf den
       Volksschultern emporgehobenen  Bourgeoisie und  der  Bourgeoisie,
       die nicht  mehr der  Volksschultern bedurfte;  zwischen der Bour-
       geoisie, welche  scheinbar das  Volk der  Krone,  und  der  Bour-
       geoisie, die wirklich die Krone dem Volke gegenüber vertrat; zwi-
       schen der  Bourgeoisie, die  sich von  der Revolution losschälte,
       und der  Bourgeoisie, die  als Kern der Revolution herausgeschält
       war.
       Seiner Rolle gemäß beschränkte sich das Ministerium Camphausen in
       jungfräulicher Schamhaftigkeit  auf den   p a s s i v e n    W i-
       d e r s t a n d  gegen die Revolution.
       Es  verwarf   sie  zwar  in  der  Theorie,  aber  in  der  Praxis
       s t r ä u b t e     es  sich   nur  gegen   ihre  Anmutungen  und
       d u l d e t e  nur die Rekonstituierung der alten Staatsgewalten.
       Die Bourgeoisie  glaubte unterdes  auf dem  Punkte  angelangt  zu
       sein, wo  der   p a s s i v e   W i d e r s t a n d   i n    a k-
       t i v e n    A n g r i f f    übergehen  müsse.  Das  Ministerium
       C a m p h a u s e n   trat ab,  nicht weil  es diesen  oder jenen
       Mißgriff begangen,  sondern aus dem einfachen Grunde, weil es das
       e r s t e   Ministerium nach  der  Märzrevolution,  weil  es  das
       M i n i s t e r i u m   d e r   M ä r z r e v o l u t i o n   war
       und seinem Ursprung gemäß den Repräsentanten der Bourgeoisie noch
       unter dem Volksdiktator verstecken mußte. Diese seine zweideutige
       Entstehung und  sein doppelsinniger Charakter legten ihm noch ge-
       wisse Convenancen,  Rückhalte und Rücksichten gegen das souveräne
       Volk auf, die der Bourgeoisie lästig wurden, die ein zweites, di-
       rekt aus  der Vereinbarerversammlung hervorgegangenes Ministerium
       nicht mehr zu beobachten hatte.
       Sein Rücktritt  war daher  ein Rätsel für die Wirtshauspolitiker.
       Das  M i n i s t e r i u m  d e r  T a t,  das Ministerium Hanse-
       mann [144],  folgte ihm, weil die Bourgeoisie aus der Periode des
       p a s s i v e n   Verrats des  Volks an  die Krone in die Periode
       der   a k t i v e n   Unterwerfung des  Volks unter  ihre mit der
       Krone   vereinbarte    Herrschaft   überzugehen   gedachte.   Das
       M i n i s t e r i u m   d e r  T a t  war das  z w e i t e  Mini-
       sterium  n a c h  der Märzrevolution. Das war sein ganzes Geheim-
       nis.
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 183 vom 31.Dezember 1848]
       * Köln, 29. Dezember.
       "Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!" [145]
       In diesen  sechs Worten resümierte Hansemann den ganzen Vereinig-
       ten-Landtags-Liberalismus. Dieser  Mann war  der notwendige  Chef
       des aus der Vereinbarerversammlung
       
       #114# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       selbst hervorgegangenen  Ministeriums, des  Ministeriums, welches
       den   p a s s i v e n   W i d e r s t a n d   gegen das  Volk  in
       t ä t i g e n  A n g r i f f  auf das Volk verwandeln sollte, des
       M i n i s t e r i u m s  d e r  T a t.
       In keinem  preußischen Ministerium so viel  b ü r g e r l i c h e
       Namen! Hansemann,  Milde, Märker, Kühlwetter, Gierke ! Selbst die
       hoffähige Etikette dieses Ministeriums, v. Auerswald, gehörte dem
       liberalen, d.h. der Bourgeoisie huldigenden Adel der Königsberger
       Opposition an.  Roth von  Schreckenstein allein vertrat unter der
       Kanaille den  alten bürokratisierten preußischen Feudaladel. Roth
       von Schreckenstein!  Überlebender Titel  eines verlorengegangenen
       Räuber- und Ritterromans des seligen Hildebrandt! [146] Aber Roth
       von Schreckenstein  war nur  die feudale Einfassung des bürgerli-
       chen Juwels.  Roth von Schreckenstein, mitten in dem bürgerlichen
       Ministerium, besagte in Riesenbuchstaben: Die preußische Feudali-
       tät, Armee,  Bürokratie folgen  dem neu  aufgegangenen Sterne des
       preußischen Bürgertums.  Ihm haben sich diese Gewaltigen zur Ver-
       fügung gestellt,  und das Bürgertum pflanzt sie vor seinen Thron,
       wie man  auf alten  heraldischen Sinnbildern Bären vor die Volks-
       herrscher aufpflanzte.  Roth von  Schreckenstein soll nur der Bär
       des bürgerlichen Ministeriums sein.
       Am 26.  Juni stellte sich das Ministerium Hansemann der National-
       versammlung vor.  Mit dem  J u l i  erst beginnt seine ernsthafte
       Existenz. Die   J u n i r e v o l u t i o n   war der Hintergrund
       des  Ministeriums   der  Tat,  wie  die    F e b r u a r r e v o-
       l u t i o n  der Hintergrund des Ministeriums der Vermittlung.
       Die preußische Bourgeoisie exploitierte gegen das Volk den bluti-
       gen Sieg  der Pariser  Bourgeoisie über  das Pariser Proletariat,
       wie die  preußische Krone  den blutigen  Sieg der Kroaten zu Wien
       gegen die  Bourgeoisie exploitierte.  Die  Wehn  der  preußischen
       Bourgeoisie   nach   dem   östreichischen   November   sind   die
       A b r e c h n u n g   für die Wehn des preußischen Volks nach dem
       französischen Juni. In ihrer kurzsichtigen Engherzigkeit verwech-
       selten sich die deutschen Spießbürger mit der französischen Bour-
       geoisie. Sie hatten keinen Thron umgeworfen, sie hatten nicht die
       feudale Gesellschaft,  viel weniger ihren letzten Rest beseitigt,
       sie hatten keine von ihnen selbst geschaffene Gesellschaft zu be-
       haupten. Sie  glaubten nach  dem Juni  wie nach  dem Februar, wie
       seit dem  Beginn des  16.Jahrhunderts, wie  im 18. Jahrhundert in
       ihrer angestammten pfiffig-profitwütigen Weise aus fremder Arbeit
       drei Viertel  Profit ziehen zu können. Sie ahnten nicht, daß hin-
       ter dem  französischen Juni der östreichische November und hinter
       dem östreichischen  November der preußische Dezember lauerte. Sie
       ahnten nicht,  daß, wenn in Frankreich die Throne zerschmetternde
       Bourgeoisie nur noch einen einzigen Feind vor sich erblickte, das
       Proletariat - die preußische, mit der Krone ringende Bourgeoisie
       
       #115# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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       nur noch  einen einzigen  Bundesgenossen besaß - das Volk. Nicht,
       als wenn  beide keine  feindlich entgegengesetzten Interessen be-
       säßen. Wohl  aber, weil   d a s s e l b e   Interesse  gegen eine
       dritte, sie  gleich niederdrückende  Macht beide  noch  zusammen-
       schmiedete.
       Das Ministerium  Hansemann betrachtete  sich als  ein    M i n i-
       s t e r i u m   d e r  J u n i r e v o l u t i o n.  Und in jeder
       preußischen Stadt  verwandelten sich  die Spießbürger  den "roten
       Räubern" gegenüber  in "honette  Republikaner" -  wobei sie nicht
       aufhörten, ehrbare  Royalisten zu  sein, und  gelegentlich  über-
       sahen, daß  ihre "Roten"  -   w e i ß s c h w a r z e   [147] Ko-
       karden trugen.
       In seiner  Thronrede vom  26. Juni machte Hansemann kurzen Prozeß
       mit Camphausens  mysteriös-nebelhafter "Monarchie  auf   b r e i-
       t e s t e r  d e m o k r a t i s c h e r  G r u n d l a g e".
       "K o n s t i t u t i o n e l l e     M o n a r c h i e      a u f
       G r u n d l a g e   d e s  Z w e i k a m m e r s y s t e m s  und
       die gemeinschaftliche  Ausübung der  gesetzgebenden  Macht  durch
       beide Kammern  und die  Krone" - auf diese trockene Formel führte
       er den  ahnungsschweren Spruch seines begeisterten Vorgängers zu-
       rück.
       
       "Abänderung der  notwendigsten, mit  der  neuen  Staatsverfassung
       nicht zu vereinbarenden Verhältnisse, Befreiung des Eigentums von
       den Fesseln,  welche dessen   v o r t e i l h a f t e  B e n u t-
       z u n g   in einem  großen Teile  der Monarchie lähmen, Reorgani-
       sation  der  Rechtspflege,  Reformation  der  Steuergesetzgebung,
       namentlich     A b s c h a f f u n g    d e r    S t e u e r b e-
       f r e i u n g e n   usw." und  vor allem  "S t ä r k u n g  d e r
       S t a a t s g e w a l t,   notwendig zum  Schutze der"  (von  den
       Bürgern) "erworbenen  Freiheit gegen  Reaktion"  (Ausbeutung  der
       Freiheit im  Interesse der  Feudalen) "und  Anarchie" (Ausbeutung
       der Freiheit  im Volksinteresse)  "und  zur    W i e d e r h e r-
       s t e l l u n g    d e s     g e s t ö r t e n     V e r t r a u-
       e n s "  [148] -
       
       das war  das ministerielle Programm, das war das Programm der zum
       Ministerium gelangten  preußischen Bourgeoisie, deren klassischer
       Repräsentant Hansemann ist.
       Auf dem  Vereinigten Landtage  war Hansemann der erbittertste und
       zynischste Widersacher  des Vertrauens,  denn - "Meine Herren! In
       Geldfragen hört  die Gemütlichkeit  auf!" Am  Ministerium prokla-
       mierte Hansemann  als erste  Notwendigkeit die "Wiederherstellung
       des gestörten  Vertrauens", denn  - diesmal  wandte er  sich  zum
       V o l k e  wie damals zum Thron -, denn
       
       "Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!"
       
       Damals handelte  es sich  um das  Vertrauen, das  Geld   g i b t,
       diesmal um  das Vertrauen,  das Geld   m a c h t;   dort  um  das
       f e u d a l e  Vertrauen, das treuergebene Vertrauen in Gott, Kö-
       nig und Vaterland, hier um das  b ü r g e r l i c h e  Vertrauen,
       das Vertrauen in den Handel und Wandel, in die Verzinsung des Ka-
       pitals, in
       
       #116# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       die Zahlungsfähigkeit  der Geschäftsfreunde,  um das kommerzielle
       Vertrauen; nicht  um Glaube,  Liebe,  Hoffnung,  sondern  um  den
       K r e d i t.
       "Wiederherstellung des  gestörten Vertrauens!"  In diesen  Worten
       sprach Hansemann die fixe Idee der preußischen Bourgeoisie aus.
       Der  K r e d i t  beruht auf der Sicherheit, daß die Exploitation
       der Lohnarbeit  durch das  Kapital, des  Proletariats  durch  die
       Bourgeoisie, der  Kleinbürger durch  die Großbürger in herkömmli-
       cher Weise  fortdauert. Jede  politische Regung des Proletariats,
       welcher Natur  auch, sie  sei denn  unmittelbar durch  die  Bour-
       geoisie  kommandiert,  stört  also  das  Vertrauen,  den  Kredit.
       "Wiederherstellung des  gestörten Vertrauens!" hieß also im Munde
       Hansemanns:
       U n t e r d r ü c k u n g  j e d e r  p o l i t i s c h e n  R e-
       g u n g   i m   P r o l e t a r i a t  und in allen Schichten der
       Gesellschaft, deren  Interesse nicht direkt mit dem Interesse der
       ihrer Meinung  nach am  Staatsruder  befindlichen  Klasse  zusam-
       menfallen.
       Dicht neben  die "Herstellung  des gestörten  Vertrauens" stellte
       Hansemann daher die "Stärkung der Staatsmacht". Er irrte sich nur
       in der Natur dieser "Staatsmacht". Er glaubte die dem Kredit, dem
       bürgerlichen Vertrauen  dienende Staatsmacht  zu stärken,  und er
       stärkte nur  die Staatsmacht,  die Vertrauen verlangt und im Not-
       fall mit Kartätschen ertrotzt, weil sie keinen Kredit besitzt. Er
       wollte mit  den  Produktionskosten  der  bürgerlichen  Herrschaft
       knickern und  belastete die Bourgeoisie mit den unerschwinglichen
       Millionen, welche  die Restauration  der preußischen  Feudalherr-
       schaft kostet.
       Den Arbeitern  gegenüber erklärte  sich Hansemann sehr bündig: Er
       habe ein  großes Heilmittel für sie in der Tasche. Ehe er es her-
       ausholen könne,  müsse aber  vor allem  das "gestörte  Vertrauen"
       wiederhergestellt sein.  Um das Vertrauen herzustellen, müsse die
       Arbeiterklasse ihrem  Politisieren und Einmischen in Staatsdingen
       ein Ende  machen und  in ihre  alten  Gewohnheiten  zurückkehren.
       Folge sie  seinem Rate,  sei das  Vertrauen wiederhergestellt, so
       sei das  geheimnisvolle große Heilmittel jedenfalls wirksam schon
       deswegen, weil  es nicht mehr nötig und nicht mehr anwendbar sei,
       denn in  diesem Falle  war ja die Krankheit, die Störung der bür-
       gerlichen Ordnung beseitigt. Und wozu Heilmittel, wo keine Krank-
       heit? Beharre  aber das Volk auf seinem Kopfe - nun gut, so werde
       er die "Staatsmacht  s t ä r k e n",  die Polizei, die Armee, die
       Gerichte, die  Bürokratie, er  werde ihm seine Bären auf den Hals
       hetzen, denn das "Vertrauen" sei zur "Geldfrage" geworden, und:
       
       "Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!"
       
       Sosehr Hansemann  darüber lächeln  mag,  sein  Programm  war  ein
       e h r l i c h e s  Programm, ein bravgemeintes Programm.
       
       #117# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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       Er wollte  die Staatsmacht stärken, nicht nur gegen die Anarchie,
       d.h. gegen  das Volk,  er wollte sie auch stärken gegen die Reak-
       tion, d.h.  gegen die  Krone und  die feudalen Interessen, soweit
       sie dem  Geldsäckel und  den  "n o t  w e n d i g s t e n",  d.h.
       den bescheidensten  politischen Prätensionen  der Bourgeoisie ge-
       genüber sich durchzusetzen versuchen sollten.
       Das Ministerium  der Tat  war seiner  ganzen Zusammensetzung nach
       schon ein Protest gegen diese "Reaktion".
       Vor allen früheren preußischen Ministerien zeichnete es sich näm-
       lich dadurch  aus, daß  sein wirklicher    M i n i s t e r p r ä-
       s i d e n t   der   F i n a n z m i n i s t e r  war. Der preußi-
       sche Staat  hatte jahrhundertelang  aufs  sorgfältigste  verheim-
       licht, daß  Krieg und  Inneres und auswärtige Angelegenheiten und
       Kirchen-  und   Schulsachen  und   sogar  das  königliche]  Haus-
       ministerium  und   Glaube,  Liebe   und  Hoffnung   den  profanen
       F i n a n z e n   untergeordnet sind.  Das  Ministerium  der  Tat
       stellte diese  verdrießlich-bürgerliche Wahrheit an seine Spitze,
       indem es  Herrn Hansemann  an seine  Spitze  stellte,  den  Mann,
       dessen ministerielles Programm gleich seinem Oppositionsprogramme
       sich dahin resümierte:
       
       "Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!"
       
       Die Monarchie war in Preußen zu einer "Geldfrage" geworden. Gehen
       wir nun  von dem Programme des Ministeriums der Tat zu seinen Ta-
       ten über.
       Mit der  Drohung der  "verstärkten Staatsmacht"  gegen die "Anar-
       chie", d.h.  gegen die  Arbeiterklasse und  alle  Fraktionen  des
       Bürgertums, die  nicht bei dem Programme des Herrn Hansemann ste-
       henblieben, wurde  Ernst gemacht.  Man kann sogar sagen, daß, mit
       Ausnahme der  Erhöhung  der  Rübenzucker-  und  Branntweinsteuer,
       diese   R e a k t i o n   gegen die sogenannte  A n  a r c h i e,
       d.h. gegen die revolutionäre Bewegung, die einzige ernsthafte Tat
       des Ministeriums der Tat war.
       Eine Menge von Preßprozessen auf Grund des Landrechts [149] oder,
       in Ermangelung,  des Code pénal [90], zahlreiche Verhaftungen auf
       derselben "genügenden Grundlage" (Formel von Auerswald), die Ein-
       führung des  Konstablerinstituts zu  Berlin [47], wonach auf zwei
       Häuser ein Konstabler kam, die polizeilichen Eingriffe in die As-
       soziationsfreiheit, Loslassen der Soldateska auf übermütig gewor-
       dene Bürger,  Loslassen der  Bürgerwehr auf  übermütig  gewordene
       Proletarier, beispielsweiser  Belagerungszustand, alles  das lebt
       noch von  der Olympiade Hansemanns her in frischem Gedächtnis. Es
       bedarf keiner Details.
       Kühlwetter resümierte diese Seite der Bestrebungen des Ministeri-
       ums der Tat in seiner Äußerung:
       
       #118# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       "Ein Staat, der recht frei sein wolle, müsse ein recht großes Po-
       lizeipersonal als exekutive Macht haben",
       
       wozu  Hansemann  selbst  die  bei  ihm  stabil  gewordene  Glosse
       murmelte:
       
       "Es werde  dies auch  zur   H e r s t e l l u n g   d e s  V e r-
       t r a u e n s,   zur   B e l e b u n g   der   d a r n i e d e r-
       l i e g e n d e n   H a n d e l s t ä t i g k e i t    wesentlich
       beitragen." [150]
       Unter dem Ministerium der Tat "stärkten" sich also die altpreußi-
       sche Polizei,  das Parquet,  die Bürokratie,  die Armee - weil im
       S o l d e, auch im  D i e n s t e  der Bourgeoisie, wähnte Hanse-
       mann. Genug, sie "stärkten" sich.
       Die Stimmung des Proletariats und der bürgerlichen Demokratie da-
       gegen wird  durch  e i n  Faktum charakterisiert. Weil einige Re-
       aktionäre  einige   Demokraten  in  Charlottenburg  mißhandelten,
       stürmte das  Volk das  Hotel des Ministerpräsidiums in Berlin. So
       populär war  das Ministerium  der Tat  geworden. Am  andern  Tage
       schlug Hansemann  ein Gesetz  gegen die Zusammenrottungen und öf-
       fentlichen Versammlungen  vor. So schlau intrigierte er gegen die
       Reaktion.
       Die wirkliche, greifbare, populäre Tätigkeit des Ministeriums der
       Tat war  also eine  rein   p o l i z e i l i c h e.  In den Augen
       des Proletariats  und der  s t ä d t i s c h e n  Demokratie ver-
       trat dies Ministerium und die Vereinbarerversammlung, deren Majo-
       rität im  Ministerium vertreten  war und  die preußische  Bourge-
       oisie,  deren   Majorität  in  der  Vereinbarungsversammlung  die
       Majorität bildete,  nichts anders  als den   a l t e n,    wieder
       aufgefrischten   P o l i z e i-   u n d  B e a m t e n s t a a t.
       Die Erbitterung gegen die Bourgeoisie war hinzugekommen, weil die
       Bourgeoisie herrschte  und in  der  B ü r g e r w e h r  zu einem
       integrierenden Teil der Polizei sich herangebildet hatte.
       Das war die "Märzerrungenschaft" in den Augen des Volks, daß auch
       die liberalen  Herren  von  der  Bourgeoisie  -    p o l i z e i-
       l i c h e  Funktionen übernahmen. Also eine verdoppelte Polizei!
       Nicht in  den Taten  des Ministeriums  der Tat, sondern in seinen
       organischen Gesetzvorschlägen  tritt es  erst hervor,  daß es die
       "Polizei", den  letzten Ausdruck des alten Staats, nur im bürger-
       lichen Interesse "stärkte" und zu Taten anspornte.
       In den  von dem  Ministerium Hansemann  vorgelegten Entwürfen zur
       G e m e i n d e o r d n u n g,   den   G e s c h w o r n e n g e-
       r i c h t e n,   dem   B ü r g e r w e h r g e s e t z e  ist der
       B e s i t z   in einer  oder der  andern Form  stets  die  Grenze
       zwischen dem   g e s e t z l i c h e n  und dem  u n g e s e t z-
       l i c h e n   Lande. In  allen diesen  Gesetzvorschlägen sind der
       k[öni]gl[ichen] Macht  zwar die  servilsten Konzessionen gemacht,
       denn nach  dieser Seite  hin glaubte  das bürgerliche Ministerium
       einen unschädlich
       
       #119# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
       -----
       gewordenen Bundesgenossen  zu besitzen,  aber  zur  Entschädigung
       tritt die  Herrschaft des  Kapitals über  die Arbeit  desto rück-
       sichtsloser hervor.
       Das Bürgerwehrgesetz,  das die  Vereinbarungsversammlung sanktio-
       niert hat,  ist gegen  die Bourgeoisie  selbst gekehrt worden und
       hat den gesetzlichen Vorwand zu ihrer Entwaffnung abgeben müssen.
       Allerdings sollte es in ihrer Einbildung erst wirksam werden nach
       Erlaß der  Gemeindeordnung und  der Promulgation  der Verfassung,
       d.h. nach  Befestigung ihrer  Herrschaft. Die Erfahrungen, welche
       die preußische Bourgeoisie mit dem Bürgerwehrgesetze gemacht hat,
       mögen zu  ihrer Aufklärung beitragen; sie mag daraus ersehen, daß
       sie einstweilen  alles, was  sie gegen das Volk zu tun meint, nur
       gegen sich selbst tut.
       Für das  Volk also  resümierte  sich  das  Ministerium  Hansemann
       p r a k t i s c h     in  dem   altpreußischen  Polizeibütteltum,
       t h e o r e t i s c h   in  b e l g i s c h  beleidigenden Unter-
       scheidungen [151] zwischen Bourgeois und Nichtbourgeois.
       Gehen wir  zum andern  Teil des ministeriellen Programms über, zu
       der  A n a r c h i e  g e g e n  d i e  R e a k t i o n.
       Nach dieser Seite hin hat das Ministerium mehr fromme Wünsche als
       Taten aufzuweisen.
       Zu den frommen  b ü r g e r l i c h e n  Wünschen gehört der par-
       zellenweise Verkauf  der Domänen  an Privatbesitzer, die Preisge-
       bung des  Bankinstituts an  die freie Konkurrenz, die Verwandlung
       der Seehandlung [152] in ein Privatinstitut usw.
       Das Ministerium der Tat hatte das Unglück, daß seine ökonomischen
       Angriffe gegen  die feudale  Partei  alle  unter  der  Ägide  der
       Z w a n g s a n l e i h e   auftreten  und  seine  reformierenden
       Versuche überhaupt  als bloß  finanzielle Notbehelfe  zur Füllung
       der Kasse der erstarkten "Staatsmacht" in den Augen des Volks er-
       schienen. Hansemann erntete so den Haß der einen Partei, ohne die
       Anerkennung der andern zu ernten. Und es läßt sich nicht leugnen,
       daß er  nur da  einen ernstern  Angriff auf die Feudalprivilegien
       wagte, wo  die dem  Finanzminister zunächst liegende "Geldfrage",
       wo die   G e l d f r a g e   i m   S i n n e  d e s  F i n a n z-
       m i n i s t e r i u m s   sich aufdrängte.  In diesem engherzigen
       Sinne rief er den Feudalen zu:
       
       "Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!"
       
       So trugen  selbst seine  positiv bürgerlichen  Bestrebungen gegen
       die Feudalen  dieselbe polizeiliche  Färbung wie  seine negativen
       Maßregeln zur "Belebung der Handelstätigkeit". Die  P o l i z e i
       heißt nämlich  in der politischen Ökonomie  F i s k u s.  Die Er-
       höhung der  Rübenzucker- und  Branntweinsteuer, die Hansemann bei
       der Nationalversammlung durchsetzte und zum Gesetz erhob, empörte
       die Geldbeutel mit Gott für König und Vaterland in
       
       #120# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       Schlesien, in  den Marken,  in Sachsen,  in Ost-  und Westpreußen
       usw. Während  diese Maßregel  aber  den  Zorn  der  industriellen
       Grundeigentümer in  den altpreußischen  Provinzen heraufbeschwor,
       erregte sie  nicht minderes  Mißvergnügen unter  den bürgerlichen
       Branntweinbrennern der Rheinprovinz, die sich dadurch in noch un-
       günstigere Konkurrenzbedingungen den altpreußischen Provinzen ge-
       genüber versetzt sahen. Und, um das Maß vollzumachen, verbitterte
       sie die  Arbeiterklasse der  alten Provinzen,  für die sie nichts
       bedeutete und  nichts bedeuten konnte als:  V e r t e u e r u n g
       e i n e s     u n e n t b e h r l i c h e n    L e b e n s m i t-
       t e l s.   Es blieb  also nichts  von dieser  Maßregel übrig  als
       Füllung der Kasse der "gestärkten Staatsmacht"! Und dies Beispiel
       genügt, denn  - es  ist die  einzige Tat des Ministeriums der Tat
       gegen die  Feudalen, die   w i r k l i c h   zur Tat, der einzige
       Gesetzvorschlag in  dieser  Richtung,  der  wirklich  zum  Gesetz
       wurde.
       Hansemanns  "Vorschläge"   wegen  Aufhebung   der  Klassen-   und
       G r u n d s t e u e r - S t e u e r b e f r e i u n g e n,    wie
       sein Projekt  einer Einkommensteuer [153], rief Taranteltänze un-
       ter den  grundherrlichen Schwärmern  für "Gott,  König und Vater-
       land" hervor.  Sie verschrien  ihn als  -  K o m m u n i s t e n,
       und noch heute bekreuzt sich dreimal die preußische Kreuzritterin
       bei Nennung  des Namens  - Hansemann.  1*) Er  klingt ihr wie Fra
       Diavolo [154].  Die Aufhebung  der Grundsteuerbefreiung, die ein-
       zige bedeutende  Maßregel, die  während der Herrlichkeit der Ver-
       einbarerversammlung von  einem preußischen Minister vorgeschlagen
       wurde, sie  scheiterte an  der  p r i n z i p i e l l e n  B o r-
       n i e r t h e i t   d e r   L i n k e n.   Und  Hansemann  selbst
       hatte  diese   Borniertheit  berechtigt.  Sollte  die  Linke  dem
       Ministerium der  "gestärkten Staatsmacht" neue finanzielle Hülfs-
       quellen eröffnen,  bevor die Verfassung fabriziert und beschworen
       war?
       So unglücklich  war das  bürgerliche Ministerium  par  excellence
       2*), daß  seine radikalste  Maßregel durch  die radikalen Glieder
       der Vereinbarerversammlung  paralysiert werden  mußte. So dürftig
       war es,  daß sein  ganzer Kreuzzug  gegen die  Feudalität sich in
       eine   S t e u e r e r h ö h u n g  verlief, allen Klassen gleich
       gehässig, und  daß sein  ganzer finanzieller  Scharfsinn in einer
       Z w a n g s a n l e i h e     abortierte.  Zwei   Maßregeln,  die
       schließlich nur   S u b s i d i e n   z u  d e m  F e l d z u g e
       d e r     K o n t r e  r e v o l u t i o n     g e g e n    d i e
       B o u r g e o i s i e  s e l b s t  verschafften. Die  F e u d a-
       l e n   aber hatten  sich von  den  "böswilligen"  Absichten  des
       b ü r g e r l i c h e n  Ministeriums überzeugt. So bewährte sich
       selbst in  dem finanziellen  Kampfe der  preußischen  Bourgeoisie
       gegen den  Feudalismus, daß  sie in  ihrer  unpopulären  Ohnmacht
       G e l d  sogar nur  g e g e n  s i c h  s e l b s t  einzutreiben
       wußte, und  - Meine  Herrn! In  Geldfragen hört die Gemütlichkeit
       auf!
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 24-28 - 2*) reinsten Wassers
       
       #121# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
       -----
       Wie es  dem bürgerlichen Ministerium gelungen war, das städtische
       Proletariat, die  bürgerliche Demokratie und die Feudalen gleich-
       mäßig gegen  sich zu erbittern, so wußte es selbst die vom Feuda-
       lismus unterjochte   B a u e r n k l a s s e   sich zu entfremden
       und zu  verfeinden, aufs  eifrigste  darin  unterstützt  von  der
       V e r e i n b a r e r v e r s a m m l u n g.   Man vergesse über-
       haupt nicht,  daß während der Hälfte ihrer Lebensfrist diese Ver-
       sammlung in dem Ministerium Hansemann ihren sachgemäßen Repräsen-
       tanten fand  und daß  die bürgerlichen  Märtyrer von heute Hanse-
       manns Schleppträger von gestern waren.
       Der unter  Hansemann durch Patow vorgelegte Entwurf zur Befreiung
       von den  Feudallasten [155]  (siehe unsre  frühere Kritik darüber
       1*)) war  das jämmerlichste  Machwerk ohnmächtigsten bürgerlichen
       Gelüstes, die  Feudalprivilegien, diese mit der "neuen Staatsver-
       fassung unverträglichen Verhältnisse" abzuschaffen, und bürgerli-
       cher Angst,  sich revolutionär an irgendeiner Sorte des Eigentums
       zu vergreifen.  Der jämmerliche,  bange, engherzige Egoismus ver-
       blendete die  preußische Bourgeoisie  in dem Grade, daß sie ihren
       n o t w e n d i g e n     B u n d e s g e n o s s e n     -   die
       B a u e r n k l a s s e  - von sich zurückstieß.
       Am 3.  Juni stellte  der Abgeordnete  Hanow den Antrag, "daß alle
       schwebenden  Verhandlungen   behufs  der  Auseinandersetzung  der
       gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse  und behufs der Dienstablö-
       sungen bis  zum Erlasse eines neuen, auf billigen Grundsätzen ge-
       bauten Gesetzes über diese Angelegenheit sogleich auf einseitigen
       Antrag eingestellt werden möchten".
       Und erst Ende September, also vier Monate später, unter dem Mini-
       sterium Pfuel,  nahm die  Vereinbarungsversammlung den Gesetzent-
       wurf wegen  Sistierung der obschwebenden gutsherrlich-bäuerlichen
       Verhandlungen an,  nachdem sie alle liberalen Amendements verwor-
       fen und  es beim  "Vorbehalt interimistischer  Festsetzungen  der
       laufenden Leistungen" wie der "Beitreibung der streitigen Abgaben
       und der Rückstände" belassen hatte. [156]
       Im August, wenn wir nicht irren, erkannte die Vereinbarerversamm-
       lung Nenstiels  Antrag auf "sofortige Aufhebung der Robotdienste"
       für nicht  dringlich [157]  - und die Bauern hätten es als dring-
       lich erkennen sollen, sich für dieselbe Vereinbarerversammlung zu
       schlagen, die sie hinter den faktischen Zustand, den sie nach dem
       März erobert hatten, zurückschleuderte?
       Die französische Bourgeoisie begann mit der Befreiung der Bauern.
       Mit den  Bauern eroberte  sie Europa.  Die preußische Bourgeoisie
       war so  sehr in ihren  e n g s t e n,  nächstliegenden Interessen
       befangen, daß sie selbst diesen Bundesgenossen verscherzte und zu
       einem Werkzeuge in der Hand der feudalen Kontrerevolution machte.
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       1*) Siehe Band 5 unserer Ausgabe, S. 106/107, 278-283 und 309-314
       
       #122# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Die   o f f i z i e l l e   Geschichte von der Auflösung des Bür-
       gerministeriums ist bekannt.
       Unter seinen  Fittichen war  die "Staatsmacht" soweit "erstarkt",
       die Volksenergie  so sehr niedergedrückt, daß die Dioskuren Kühl-
       wetter-Hansemann schon  am 15.  Juli eine  Ermahnung an sämtliche
       Regierungspräsidenten der  Monarchie gegen  die reaktionären  Um-
       triebe der  Verwaltungsbeamten, speziell  der  Landräte  erlassen
       mußten, daß  später eine  "Versammlung des  Adels und  der großen
       Gutsbesitzer zum  Schutze" ihrer Privilegien [158] neben der Ver-
       einbarerversammlung in  Berlin tagte, daß endlich der sogenannten
       Berliner Nationalversammlung  gegenüber ein  aus dem  Mittelalter
       überkommener -  Kommunallandtag zur  Wahrung der bedrohten Eigen-
       tumsrechte des  Grundbesitzes" in der Oberlausitz auf den vierten
       September sich zusammenberief.
       Die Energie,  welche Regierung und sogenannte Nationalversammlung
       gegen diese  immer  bedrohlicher  werdenden  kontrerevolutionären
       Symptome aufbot,  äußerte sich  angemessen in papiernen Ermahnun-
       gen. Bajonette,  Kugeln, Gefängnisse und Büttel hatte das Bürger-
       ministerium nur  für das Volk "zur Herstellung des gestörten Ver-
       trauens und zur Belebung der Handelstätigkeit".
       Die Vorfälle  zu Schweidnitz,  wo die Soldateska direkt die Bour-
       geoisie in  der Bürgerwehr  meuchelmordete, erweckten endlich die
       Nationalversammlung aus  ihrer Apathie.  Am 9.August  raffte  sie
       sich zu  einer Heldentat auf, zu dem Stein-Schultzeschen Armeebe-
       fehle [159], dessen letztes Zwangsmittel das  Z a r t g e f ü h l
       der preußischen Offiziere war. Welch ein Zwangsmittel! Und verbot
       die royalistische  Ehre den Offizieren nicht, auf die bürgerliche
       Ehre zu hören?
       Einen Monat  nachdem die Vereinbarerversammlung den Stein-Schult-
       zeschen Armeebefehl  gefaßt hatte,  am 1. September, beschloß sie
       abermals, daß  ihr Beschluß  ein wirklicher  Beschluß sei und von
       den Ministern  ausgeführt werden  müsse. Hansemann  weigerte sich
       und dankte ab am 11. September, nachdem er vorher sich selbst zum
       Bankdirektor mit  6000 Tlr. jährlichem Gehalt ernannt hatte, denn
       - Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!
       Am 25.September  endlich nahm  die Vereinbarerversammlung dankbar
       aus Pfuels  Munde die  gänzlich abgeschwächte  Anerkennungsformel
       des Stein-Schultzeschen  Armeebefehls entgegen,  der  unterdessen
       durch den  parallel laufenden  Wrangeischen Armeebefehl [160] und
       die   um    Berlin   konzentrierten    Truppenmassen   zu   einem
       s c h l e c h t e n  W i t z e  herabgesunken war.
       Man braucht  die eben  gegebenen Daten  und  die  Geschichte  des
       Stein-Schultzeschen Armeebefehls  nur mit  einem Blicke  zu über-
       fliegen, und man
       
       #123# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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       überzeugt sich,  daß jener  Armeebefehl nicht  der   w i r k l i-
       c h e  Grund von Hansemanns Abdankung war. Hansemann, der vor der
       Anerkennung der  Revolution  nicht  zurückschauderte,  hätte  vor
       jener papiernen  Proklamation zurückschaudern  sollen? Hansemann,
       der  das  Portefeuille  jedesmal  wieder  aufhob,  sooft  es  ihm
       entfallen war,  hätte es diesmal aus biedermännischer Gereiztheit
       auf der  Ministerbank zum  Ausgebot  liegenlassen  sollen?  Nein,
       unser Hansemann  ist  kein  Schwärmer!  Hansemann  wurde  einfach
       düpiert, wie  er überhaupt  die düpierte  Bourgeoisie darstellte.
       Man ließ  ihn glauben, die Krone werde ihn unter keinen Umständen
       fallenlassen. Man  ließ ihn  den letzten  Schein der  Popularität
       verlieren, um  ihn endlich den Rankünen der Krautjunker hinopfern
       und sich  von der  bürgerlichen Vormundschaft befreien zu können.
       Überdem erforderte  der mit  Rußland und  Österreich  verabredete
       Feldzugsplan einen  von der  Kamarilla außer  der Vereinbarerver-
       sammlung ernannten General an der Spitze des Kabinetts. Unter dem
       Bürgerministerium  war   die   alte   "Staatsmacht"   hinreichend
       "erstarkt", um diesen Coup wagen zu dürfen.
       Man täuschte  sich in  Pfuel. Der Sieg der Kroaten zu Wien machte
       selbst einen Brandenburg zu einem brauchbaren Werkzeuge.
       Unter dem  Ministerium Brandenburg  wurde die Vereinbarerversamm-
       lung schmählich auseinandergejagt, gefoppt, verhöhnt, gedemütigt,
       verfolgt, und  das   V o l k   blieb  g l e i c h g ü l t i g  im
       entscheidenden Augenblicke.  Ihre   N i e d e r l a g e   war die
       N i e d e r l a g e    d e r    p r e u ß i s c h e n    B o u r-
       g e o i s i e,  der  K o n s t i t u t i o n e l l e n,  also ein
       S i e g   d e r   d e m o k r a t i s c h e n   P a r t e i,  wie
       teuer diese den Sieg auch bezahlen mußte.
       Aber die  o k t r o y i e r t e  Verfassung? [123]
       Einst hieß es, nie werde ein "Stück Papier" sich zwischen den Kö-
       nig und   s e i n   Volk  drängen. .[161]  Jetzt heißt es:  N u r
       e i n   S t ü c k   P a p i e r  soll sich zwischen den König und
       s e i n   Volk drängen.  Die  w i r k l i c h e  Verfassung Preu-
       ßens ist  der -   B e l a g e r u n g s z u s t a n d.   Die  ok-
       troyierte französische  Verfassung enthielt  nur einen  § 14, der
       sie aufhob.  [162] Jeder  Paragraph der  oktroyierten preußischen
       Verfassung ist ein § 14.
       Die Krone  oktroyiert durch  diese Verfassung  neue Privilegien -
       nämlich  s i c h  s e l b s t.
       Sie gibt  sich selbst frei, die Kammern in indefinitum 1*) aufzu-
       lösen. Sie gibt den Ministern frei, in der Zwischenzeit beliebige
       Gesetze (auch  über Eigentum  u. dgl.)  zu erlassen. Sie gibt den
       Deputierten frei,  die Minister  deswegen anzuklagen, auf die Ge-
       fahr hin, als "innere Feinde" in Belagerungszustand
       -----
       1*) auf unbestimmte Zeit
       
       
       #124# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       erklärt zu  werden. Sie  gibt endlich  sich selbst  frei, wenn im
       Frühling die  Aktien  der  Kontrerevolution  hochstehen,  an  die
       Stelle dieses  in der  Luft schwebenden  "Stück Papiers" eine aus
       den mittelaltrigen  Ständeunterschieden   o r g a n i s c h  her-
       auswachsende christlich-germanische  Magna Charta [163] zu setzen
       oder das  Verfassungsspiel überhaupt  aufzugeben. Selbst  in  dem
       letzten Falle  würde der  konservative Teil  der Bourgeoisie  die
       Hände falten und beten:
       Der Herr  hat's gegeben,  der Herr  hat's genommen,  der Name des
       Herrn sei gelobt!
       Die Geschichte  des preußischen  Bürgertums,  wie  überhaupt  des
       deutschen Bürgertums  von März  bis  Dezember,  beweist,  daß  in
       Deutschland eine rein  b ü r g e r l i c h e  R e v o l u t i o n
       und die  Gründung der  B o u r g e o i s h e r r s c h a f t  un-
       ter der  Form der   k o n s t i t u t i o n e l l e n  M o n a r-
       c h i e   unmöglich, daß  nur die feudale absolutistische Kontre-
       revolution möglich  ist oder  die    s o z i a l - r e p u b l i-
       k a n i s c h e  R e v o  l u t i o n.
       Daß aber  selbst der lebensfähige Teil der Bourgeoisie wieder aus
       seiner Apathie  erwachen muß,  dafür  bürgt  uns  vor  allem  die
       M o n s t e r r e c h n u n g,  womit die Kontrerevolution ihn im
       Frühling überraschen  wird und  - wie  unser Hansemann  so sinnig
       sagt:
       Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!
       
       Geschrieben von Karl Marx.

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