Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 165 vom 10. Dezember 1845]
* Köln, 9. Dezember. Wir haben es nie verheimlicht. Unser Boden
ist nicht der R e c h t s b o d e n, es ist der r e v o l u-
t i o n ä r e B o d e n. Die Regierung hat nun ihrerseits die
Heuchelei des Rechtsbodens aufgegeben. Sie hat sich auf den revo-
lutionären Boden gestellt, denn auch der k o n t r e r e v o-
l u t i o n ä r e Boden ist r e v o l u t i o n ä r.
In § 6 des Gesetzes vom 6.April 1848 [91] ist bestimmt:
"Den künftigen Vertretern des Volkes soll jedenfalls die Zustim-
mung zu allen G e s e t z e n sowie zur Feststellung des
Staatshaushaltungsetats und das S t e u e r b e w i l l i-
g u n g s r e c h t zustehn."
In § 13 des Gesetzes vom 8.April 1848 [129] heißt es:
"Die auf Grund des gegenwärtigen Gesetzes zusammentretende Ver-
sammlung ist dazu berufen, die k ü n f t i g e S t a a t s-
v e r f a s s u n g durch Vereinbarung mit der Krone f e s t -
z u s t e l l e n und die seitherigen reichsständischen
Befugnisse, namentlich in bezug auf die Bewilligung von Steuern,
für die Dauer ihrer Versammlung auszuüben."
Die Regierung jagt die Vereinbarungsversammlung [130] zum Teufel,
diktiert dem Lande höchsteigen eine soi-disant 1*) Verfassung
[123] und bewilligt sich selbst die Steuern, die ihr von den
Volksvertretern versagt worden.
Die preußische Regierung hat der Camphauseniade, einer Art feier-
licher Rechts-Jobsiade [106], ein eklatantes Ende gemacht. Aus
Rache tagt der Erfinder dieser Epopöe, der große Camphausen, ru-
hig in Frankfurt fort als Gesandter derselben preußischen Regie-
rung und intrigiert fort mit den Bassermanns im Dienste derselben
preußischen Regierung. Dieser Camphausen, der die
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1*) sogenannte
#103# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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Vereinbarungstheorie [4] erfand, um den Rechtsboden zu retten,
d.h., um die Revolution zunächst um die ihr gebührenden Honneurs
zu prellen, erfand zugleich die Minen, welche später den Rechts-
boden samt der Vereinbarungstheorie in die Luft sprengen sollten.
Dieser Mann gab die i n d i r e k t e n Wahlen, welche eine
Versammlung ergaben, der die Regierung im Augenblicke einer au-
genblicklichen Erhebung zudonnern konnte: Trop tard! 1*) Er rief
den Prinzen von Preußen zurück, den Chef der Kontrerevolution,
und verschmähte es nicht, dessen Flucht durch eine offizielle
Lüge in eine Studienreise zu verwandeln. [131] Er ließ die alte
preußische Gesetzgebung über politische Verbrechen und die alten
Gerichte in Kraft. Die alte Bürokratie und die alte Armee gewan-
nen unter ihm wieder Zeit, sich von ihrem Schrecken zu erholen
und sich vollständig zu rekonstituieren . Sämtliche Führer des
alten Regimes blieben unverletzt auf ihren Sitzen. Unter Camphau-
sen führte die Kamarilla den Krieg in Posen [132], während er
selbst den Krieg in Dänemark [86] führte. Der dänische Krieg
sollte ein Ableiter für die patriotische Überkraft [133] der
deutschen Jugend sein, die nach ihrer Rückkehr auch gebührender-
maßen polizeilich gemaßregelt wurde, er sollte dem General Wran-
gel und seinen berüchtigten Garderegimentern eine gewisse Popula-
rität verleihn und die preußische Soldateska im allgemeinen reha-
bilitieren. Sobald der Zweck erfüllt war, mußte dieser Schein-
krieg um jeden Preis in einem schmählichen Waffenstillstand [134]
erstickt werden, den derselbe Camphausen wieder zu Frankfurt am
Main mit der deutschen Nationalversammlung vereinbarte. Das Re-
sultat des dänischen Kriegs war der "Oberbefehlshaber beider Mar-
ken" [135] und die Rückkehr der im März vertriebenen Garderegi-
menter nach Berlin.
Und der Krieg, den die Kamarilla zu Potsdam unter Camphausens
Auspizien in Posen führte!
Der Krieg in Posen war mehr als ein Krieg gegen die preußische
Revolution. Er war der Fall Wiens, der Fall Italiens, die Nieder-
lage der Junihelden. Er war der erste entscheidende Triumph, den
der russische Zar über die europäische Revolution erfocht. Und
alles das unter den Auspizien des großen Camphausen, des denken-
den Geschichtsfreundes [136], des Ritters der großen Debatte, des
Heroen der Vermittlung.
Unter und durch Camphausen hatte sich so die Kontrerevolution al-
ler entscheidenden Posten bemächtigt, sie hatte sich ihr schlag-
fertiges Kriegsheer vorbereitet, während die Vereinbarerversamm-
lung debattierte. Unter dem Minister der Tat Hansemann-Pinto [46]
wurde die alte Polizei neu eingekleidet
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1*) Zu spät!
#104# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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und ein ebenso erbitterter als kleinlicher Krieg der Bourgeoisie
gegen das Volk geführt. Unter Brandenburg zog man den Schluß aus
diesen Vordersätzen. Es gehörte dazu nur noch ein - Schnurrbart
und ein Säbel statt eines Kopfes. Als Camphausen abtrat, riefen
wir ihm zu:
Er habe die Reaktion gesät im Sinne der Bourgeoisie, er werde sie
ernten im Sinne der Aristokratie und des Absolutismus. 1*)
Wir zweifeln nicht, daß Se. Exzellenz, der preußische] Gesandte
Camphausen, sich in diesem Augenblicke selbst zu den Feudalherren
zählt und sich mit seinem "Mißverständnisse" aufs friedlichste
vereinbart haben wird.
Man täusche sich indes nicht; man schreibe einem Camphausen, ei-
nem Hansemann, diesen Männern untergeordnetster Größe, keine
weltgeschichtliche Initiative zu. Sie waren nichts als die Organe
einer Klasse. Ihre Sprache, ihre Handlungen waren nur das offi-
zielle Echo einer Klasse, die sie in den Vordergrund gedrängt
hatte. Sie waren nur die große Bourgeoisie - im Vordergrunde.
Die Repräsentanten dieser Klasse bildeten die l i b e r a l e
O p p o s i t i o n auf dem selig entschlafenen, durch Camphau-
sen für einen Augenblick wiedererweckten V e r e i n i g t e n
L a n d t a g e. [137]
Man hat den Herrn dieser liberalen Opposition vorgeworfen, ihren
Prinzipien nach der Märzrevolution untreu geworden zu sein. Es
ist dies ein Irrtum.
Die großen Grundbesitzer und Kapitalisten, die ausschließlich auf
dem Vereinigten Landtage vertreten waren, mit einem Worte die
Geldbeutel, hatten an Geld und Bildung zugenommen. Mit der Ent-
wicklung der bürgerlichen Gesellschaft in Preußen - d.h. mit der
Entwicklung der Industrie, des Handels und des Ackerbaus - hatten
einerseits die alten Ständeunterschiede ihre materielle Grundlage
verloren.
Der Adel selbst war wesentlich verbürgerlicht. Statt in Treue,
Liebe und Glauben machte er nun vor allem in Runkelrüben, Schnaps
und Wolle. Sein Hauptturnier war der Wollmarkt geworden. Andrer-
seits war der absolutistische Staat, dem seine alte gesellschaft-
liche Grundlage unter den Füßen durch den Gang der Entwickelung
weggezaubert war, zur hemmenden Fessel geworden für die neue bür-
gerliche Gesellschaft mit ihrer veränderten Produktionsweise und
ihren veränderten Bedürfnissen. Die Bourgeoisie mußte sich ihren
Anteil an der politischen Herrschaft vindizieren, schon ihrer ma-
teriellen Interessen wegen. Sie selbst war allein fähig, ihre
kommerziellen und industriellen Bedürfnisse gesetzlich zur Gel-
tung zu bringen. Sie mußte einer über-
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1*) Siehe Band 5 unserer Ausgabe, S. 97
#105# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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lebten, ebenso unwissenden als arroganten Bürokratie die Verwal-
tung dieser ihrer "heiligsten Interessen" aus der Hand nehmen.
Sie mußte Kontrolle des Staats Vermögens, dessen Schöpfer sie
sich dünkte, für sich in Anspruch nehmen. Sie besaß auch den Ehr-
geiz, nachdem sie der Bürokratie das Monopol der sogenannten Bil-
dung entwendet hatte und sie an wirklicher Kenntnis der bürgerli-
chen Gesellschaftsbedürfnisse weit zu überragen sich bewußt war,
eine ihrer gesellschaftlichen Stellung entsprechende politische
Stellung erzwingen zu wollen. Sie mußte, um ihren Zweck zu errei-
chen, ihre eigenen Interessen, Ansichten und die Handlungen der
Regierung frei debattieren können. Das nannte sie das "Recht der
Preßfreiheit". Sie mußte sich ungeniert assoziieren können. Das
nannte sie das "Recht der freien Assoziation". Religionsfreiheit
u. dgl. mußte ebenfalls als notwendige Folge der freien Konkur-
renz von ihr verlangt werden. Und die preußische Bourgeoisie war
vor dem März 1848 auf dem besten Wege, alle ihre Wünsche sich
verwirklichen zu sehen.
Der preußische Staat befand sich in Geldnöten. Sein Kredit war
versiegt. Das war das Geheimnis der Zusammenberufung des Verei-
nigten Landtags. Die Regierung sträubte sich zwar gegen ihr
Schicksal, sie entließ ungnädig den "Vereinigten", aber Geldnot
und Kreditlosigkeit hätten sie unfehlbar nach und nach der Bour-
geoisie in die Arme geworfen. Wie die Feudalbarone, so haben die
Könige von Gottes Gnaden von jeher ihre Privilegien ausgetauscht
gegen bares Geld. Die Emanzipation der Leibeigenen war der erste,
die konstitutionelle Monarchie der zweite große Akt dieses welt-
geschichtlichen Schachers in allen christlich-germanischen Staa-
ten. "L'argent n'a pas de maître" 1*), aber die maîtres hören
auf, maîtres zu sein, sobald sie démonétisés (entmünzt) sind.
Die liberale Opposition auf dem Vereinigten Landtage war also
nichts anderes als die Opposition der Bourgeoisie gegen eine Re-
gierungsform, die ihren Interessen und Bedürfnissen nicht mehr
entsprach. Um dem Hofe Opposition, mußte sie dem Volke den Hof
machen.
Sie bildete sich vielleicht wirklich ein, f ü r das Volk Oppo-
sition zu machen.
Die Rechte, die Freiheiten, die sie f ü r s i c h erstrebte,
konnte sie daher natürlich nur unter Firma von V o l k s-
r e c h t e n und V o l k s f r e i h e i t e n der Regierung
gegenüber in Anspruch nehmen.
Diese Opposition befand sich, wie gesagt, auf dem besten Wege,
als der F e b r u a r s t u r m losbrach.
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1*) "Das Geld hat keinen Herrn"
#106# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 169 vom 15. Dezember 1848]
* Köln, 11. Dezember. Als die Märzsündflut - eine Sündflut en mi-
niature - sich verlaufen hatte, ließ sie auf der Berliner Er-
doberfläche keine Ungeheuer zurück, keine revolutionären Kolosse,
sondern Kreaturen alten Stils, bürgerlich untersetzte Gestalten -
die Liberalen des Vereinigten Landtags, die Vertreter der bewuß-
ten preußischen Bourgeoisie. Die Provinzen, welche die ent-
wickeltste Bourgeoisie besitzen, die Rheinprovinz und Schlesien,
lieferten das Hauptkontingent zu den neuen Ministerien. Hinter
ihnen ein ganzer Schweif rheinischer Juristen. In demselben Maße,
als die Bourgeoisie von den Feudalen in den Hintergrund zurückge-
drängt wurde, machten in den Ministerien die Rheinprovinz und
Schlesien den urpreußischen Provinzen Platz. Das Ministerium
Brandenburg hängt nur noch durch einen Elberfelder Tory mit der
Rheinprovinz zusammen. Hansemann und von der Heydt! In diesen
beiden Namen liegt für die preußische Bourgeoisie der ganze Un-
terschied zwischen März und Dezember 1848!
Die preußische Bourgeoisie war auf die Staatshöhn geworfen, aber
nicht, wie sie gewünscht hatte, durch eine f r i e d l i c h e
T r a n s a k t i o n m i t d e r K r o n e, sondern durch
eine R e v o l u t i o n. Nicht ihre eigenen Interessen, son-
dern die V o l k s i n t e r e s s e n sollte sie gegen die
Krone, d.h. gegen s i c h s e l b s t vertreten, denn eine
V o l k s b e w e g u n g hatte ihr die Wege bereitet. Die Krone
war aber in ihren Augen eben nur der gottesgnadliche Schirm, hin-
ter dem ihre eigenen profanen Interessen sich verbergen sollten.
Die Unantastbarkeit i h r e r eigenen Interessen und der ihrem
Interesse entsprechenden politischen Formen sollte, in die kon-
stitutionelle Sprache übersetzt, lauten: U n a n t a s t-
b a r k e i t d e r K r o n e. Daher die Schwärmerei der
deutschen und speziell der preußischen Bourgeoisie für die
k o n s t i t u t i o n e l l e M o n a r c h i e. War daher
die Februarrevolution samt ihren deutschen Nachwehen der preußi-
schen Bourgeoisie willkommen, weil das Staatsruder ihr durch
dieselbe in die Hand geworfen wurde, so war sie ebensosehr ein
Strich durch ihre Rechnung, weil ihre Herrschaft so an
Bedingungen geknüpft wurde, die sie weder erfüllen wollte noch
erfüllen konnte.
Die Bourgeoisie hatte keine Hand gerührt. Sie hatte dem Volke er-
laubt, sich für sie zu schlagen. Die ihr übertragene Herrschaft
war daher nicht die Herrschaft des Feldherrn, der seinen Gegner
besiegt, sondern die Herrschaft eines Sicherheitsausschusses, dem
das siegreiche Volk die Wahrung seiner eigenen Interessen anver-
traut.
Camphausen fühlte noch ganz das Unbequeme dieser Position, und
die ganze Schwäche seines Ministeriums datiert aus diesem Gefühle
und den
#107# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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Umständen, die es bedingten. Eine Art von Schamröte verklärt da-
her die schamlosesten Akte seiner Regierung. Die offenherzige
S c h a m l o s i g k e i t und U n v e r s c h ä m t h e i t
waren das Privilegium Hansemanns. Die rote T e i n t e bildet
den einzigen Unterschied zwischen diesen beiden Malern.
Man muß die p r e u ß i s c h e M ä r z r e v o l u t i o n
weder mit der e n g l i s c h e n Revolution von 1648 noch mit
der f r a n z ö s i s c h e n von 1789 verwechseln.
1648 war die Bourgeoisie mit dem modernen Adel gegen das König-
tum, gegen den feudalen Adel und gegen die herrschende Kirche
verbunden.
1789 war die Bourgeoisie mit dem Volke verbunden gegen Königtum,
Adel und herrschende Kirche.
Die Revolution von 1789 hatte zum Vorbilde (wenigstens in Europa)
nur die Revolution von 1648, die Revolution von 1648 nur den Auf-
stand der Niederländer gegen Spanien. Beide Revolutionen waren
nicht nur der Zeit, sondern auch dem Gehalte nach um ein Jahrhun-
dert ihren Vorbildern voraus.
In beiden Revolutionen war die Bourgeoisie die Klasse, die sich
w i r k l i c h an der Spitze der Bewegung befand. Das P r o-
l e t a r i a t und d i e n i c h t d e r B o u r g e-
o i s i e u n g e h ö r i g e n F r a k t i o n e n d e s
B ü r g e r t u m s hatten entweder noch keine von der
Bourgeoisie getrennte Interessen, oder sie bildeten noch keine
selbständig entwickelten Klassen oder Klassenabteilungen. Wo sie
daher der Bourgeoisie entgegentreten, wie zum Beispiel 1793 bis
1794 in Frankreich, kämpfen sie nur für die Durchsetzung der In-
teressen der Bourgeoisie, wenn auch nicht i n d e r W e i s e
der Bourgeoisie. Der g a n z e f r a n z ö s i s c h e T e r-
r o r i s m u s war nichts als eine p l e b e j i s c h e
M a n i e r, mit den F e i n d e n d e r B o u r g e o i-
s i e, dem Absolutismus, dem Feudalismus und dem Spießbürgertum,
fertigzuwerden.
Die Revolutionen von 1648 und 1789 waren keine e n g l i-
s c h e n und f r a n z ö s i s c h e n Revolutionen, sie wa-
ren Revolutionen e u r o p ä i s c h e n Stils. Sie waren nicht
der Sieg einer b e s t i m m t e n Klasse der Gesellschaft über
die a l t e p o l i t i s c h e O r d n u n g; sie waren die
P r o k l a m a t i o n d e r p o l i t i s c h e n O r d-
n u n g f ü r d i e n e u e e u r o p ä i s c h e G e-
s e l l s c h a f t. Die Bourgeoisie siegte in ihnen; aber der
S i e g d e r B o u r g e o i s i e war damals d e r
S i e g e i n e r n e u e n G e s e l l s c h a f t s-
o r d n u n g, der Sieg des bürgerlichen Eigentums über das
feudale, der Nationalität über den Provinzialismus, der Kon-
kurrenz über die Zunft, der Teilung über das Majorat, der Herr-
schaft des Eigentümers des Bodens über die Beherrschung des
Eigentümers durch den Boden, der Aufklärung über den Aberglauben,
der Familie über den Familiennamen, der Industrie über die heroi-
sche Faulheit, des bürgerlichen Rechts über die mittelaltrigen
Privilegien. Die Revolution von 1648 war der Sieg 1*) des 17.
Jahrhunderts über das 16. Jahrhundert, die Revolution
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1*) In der "N. Rh. Ztg.": die Revolution
#108# Karl Marx/Friedrich Engels ? "Neue Rheinische Zeitung"
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von 1789 der Sieg des 18. Jahrhunderts über das 17. Jahrhundert.
Diese Revolutionen drückten mehr noch die Bedürfnisse der damali-
gen Welt als der Weltausschnitte aus, in denen sie vorfielen,
Englands und Frankreichs.
In der p r e u ß i s c h e n M ä r z r e v o l u t i o n
nichts von alledem.
Die Februarrevolution hatte das konstitutionelle Königtum in der
Wirklichkeit und die Bourgeoisherrschaft in der Idee
a b g e s c h a f f t. Die preußische Märzrevolution sollte das
konstitutionelle Königtum in der Idee und die Bourgeoisherrschaft
in der Wirklichkeit s c h a f f e n. Weit entfernt, eine e u-
r o p ä i s c h e R e v o l u t i o n zu sein, war sie nur die
verkümmerte Nachwirkung einer europäischen Revolution in einem
zurückgebliebenen Lande. Statt ihrem Jahrhundert voraus, war sie
hinter ihrem Jahrhundert um mehr als ein halbes Jahrhundert
zurück. Sie war von vornherein s e k u n d ä r, aber es ist be-
kannt, daß die sekundären Krankheiten schwerer zu heilen sind und
den Körper gleichzeitig mehr verwüsten als die primitiven. Es
handelte sich nicht um die Herstellung einer neuen Gesellschaft,
sondern um die Berliner Wiedergeburt der zu Paris verstorbenen
Gesellschaft. Die preußische Märzrevolution war nicht einmal
n a t i o n a l, d e u t s c h, sie war von vornherein p r o-
v i n z i e l l - p r e u ß i s c h. Die Wiener, die Kaßler, die
Münchener, alle Sorten provinzieller Aufstände rannten neben ihr
her und machten ihr den Rang streitig.
Während 1648 und 1789 das unendliche Selbstgefühl hatten, an der
Spitze der Schöpfung zu stehn, bestand der Ehrgeiz der Berliner
1848 darin, einen Anachronismus zu bilden. Ihr Licht glich dem
Lichte der Sterne, das uns Erdenbewohnern erst zukömmt, nachdem
die Körper, die es ausgestrahlt, schon 100 000 von Jahren erlo-
schen sind. Die preußische Märzrevolution war im kleinen, wie sie
alles im kleinen war, ein solcher Stern für Europa. Ihr Licht war
das Licht eines längst verwesten Gesellschaftsleichnams.
Die deutsche Bourgeoisie hatte sich so trag, feig und langsam
entwickelt, daß im Augenblicke, wo sie gefahrdrohend dem Feuda-
lismus und Absolutismus gegenüberstand, sie selbst sich gefahr-
drohend gegenüber das Proletariat erblickte und alle Fraktionen
des Bürgertums, deren Interessen und Ideen dem Proletariat ver-
wandt sind. Und nicht nur eine Klasse h i n t e r sich, ganz
Europa sah sie feindlich v o r sich. Die preußische Bourgeoisie
war nicht, wie die französische von 1789, die Klasse, welche die
g a n z e moderne Gesellschaft den Repräsentanten der alten Ge-
sellschaft, dem Königtum und dem Adel, gegenüber vertrat. Sie war
zu einer Art von S t a n d herabgesunken, ebenso ausgeprägt ge-
gen die Krone als gegen das Volk, oppositionslustig gegen beide,
unentschlossen gegen jeden ihrer Gegner einzeln genommen, weil
sie immer beide vor oder hinter sich sah; von vornherein zum Ver-
rat gegen das Volk und zum Kompromiß mit dem gekrönten Vertreter
der alten Gesellschaft geneigt,
#109# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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weil sie selbst schon zur alten Gesellschaft gehörte; nicht die
Interessen einer neuen Gesellschaft gegen eine alte, sondern er-
neute Interessen innerhalb einer veralteten Gesellschaft vertre-
tend; nicht an dem Steuerruder der Revolution, weil das Volk hin-
ter ihr stand, sondern weil das Volk sie vor sich herdrängte;
nicht an der Spitze, weil sie die Initiative einer neuen, sondern
nur weil sie die Ranküne einer alten Gesellschaftsepoche vertrat;
eine nicht zum Durchbruch gekommene Schichte des alten Staats
durch ein Erdbeben auf die Oberfläche des neuen Staats geworfen;
ohne Glauben an sich selbst, ohne Glauben an das Volk, knurrend
gegen oben, zitternd gegen unten, egoistisch nach beiden Seiten
und sich ihres Egoismus bewußt, revolutionär gegen die Konserva-
tiven, konservativ gegen die Revolutionäre, ihren eigenen Stich-
worten mißtrauend, Phrasen statt Ideen, eingeschüchtert vom
Weltsturm, den Weltsturm exploitierend - Energie nach keiner
Richtung, Plagiat nach allen Richtungen, gemein, weil sie nicht
originell war, originell in der Gemeinheit - schachernd mit ihren
eigenen Wünschen, ohne Initiative, ohne Glauben an sich selbst,
ohne Glauben an das Volk, ohne weltgeschichtlichen Beruf - ein
vermaledeiter Greis, der sich dazu verdammt sah, die ersten Ju-
gendströmungen eines robusten Volks in seinem eigenen alters-
schwachen Interesse zu leiten und abzuleiten - ohn' Aug! ohn'
Ohr! ohn' Zahn, ohn' alles - so fand sich die p r e u ß i-
s c h e B o u r g e o i s i e nach der Märzrevolution am Ruder
des preußischen Staates.
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 170 vom 16. Dezember 1848]
* Köln, 15. Dezember. Die V e r e i n b a r u n g s t h e o-
r i e, welche die im Ministerium Camphausen zur Regierung
gelangte Bourgeoisie sofort als "breiteste" Grundlage des
preußischen contrat social 1*) proklamierte, war keineswegs eine
hohle Theorie; sie war vielmehr gewachsen auf dem Baume des
"goldnen" Lebens.
Die Märzrevolution hat den Souverän von Gottes Gnaden keineswegs
dem Volkssouveräne unterjocht. Sie hat nur die Krone, den absolu-
tistischen Staat, gezwungen, sich mit der Bourgeoisie zu verstän-
digen, sich mit ihrem alten Rivalen zu v e r e i n b a r e n.
Die Krone wird der Bourgeoisie den Adel, die Bourgeoisie wird der
Krone das Volk opfern. Unter dieser Bedingung wird das Königtum
bürgerlich und die Bourgeoisie königlich werden.
Nach dem März gibt es nur noch diese zwei Mächte. Sie dienen sich
wechselseitig als Blitzableiter der Revolution. Alles natürlich
auf "breitester demokratischer Grundlage".
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1*) Gesellschaftsvertrages
#110# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Das war das G e h e i m n i s d e r V e r e i n b a r u n g s-
t h e o r i e.
Die Öl- und Wollhändler [138], welche das erste Ministerium nach
der Märzrevolution bildeten, gefielen sich in der Rolle, die
bloßgestellte Krone mit ihren plebejischen Fittichen zu decken.
Sie schwelgten in dem Hochgenüsse, hoffähig zu sein und wider-
strebend, von ihrem rauhen Römertum aus reiner Großmut ablassend
- von dem Römertum des Vereinigten Landtags -, die Kluft, welche
den Thron zu verschlingen drohte, mit dem Leichnam ihrer ehemali-
gen Popularität zu schließen. Wie spreizte sich der Minister
C a m p h a u s e n als W e h m u t t e r des konstitutionel-
len Thrones. Der brave Mann war offenbar über sich selbst, über
seine eigne Großmut gerührt. Die Krone und ihr Anhang duldete wi-
derstrebend diese demütigende Protektorschaft, sie machte bonne
mine à mauvais jeu 1*) in Erwartung beßrer Tage.
Die halb aufgelöste Armee, die für ihre Stellen und Gehalte zit-
ternde Bürokratie, der gedemütigte Feudalstand, dessen Führer
sich auf konstitutionellen Studienreisen [131] befand, übertöl-
pelten leicht mit einigen süßen Worten und Knixen den Bourgeois
gentilhomme [139].
Die preußische Bourgeoisie war n o m i n e l l e r Besitzer der
Herrschaft, sie zweifelte keinen Augenblick, daß die Mächte des
alten Staats ohne Hinterhalt sich ihr zu Gebot gestellt und in
ebenso viele devote Ableger ihrer eignen Allmacht verwandelt hät-
ten.
Nicht nur im Ministerium, in dem ganzen Umfang der Monarchie war
die Bourgeoisie von diesem Wahn berauscht.
Die einzigen Heldentaten der preußischen Bourgeoisie nach dem
März, die oft blutigen Schikanen der Bürgerwehr gegen das unbe-
waffnete Proletariat, fanden sie nicht in der Armee, in der Büro-
kratie und selbst in den Feudalherrn willig unterwürfige Helfers-
helfer? Die einzigen Kraftanstrengungen, wozu sich die lokalen
Vertreter der Bourgeoisie aufschwangen, die G e m e i n d e -
r ä t e - deren zudringlich servile Gemeinheit von einem Win-
dischgrätz, Jellachich und Weiden später in angemessener Weise
befußtrittet wurde -, die einzigen Heldentaten dieser Gemeinde-
räte nach der Märzrevolution, ihre patriarchalisch ernsten War-
nungsworte an das Volk, wurden sie nicht angestaunt von den ver-
stummten Regierungspräsidenten und den in sich gegangenen Divi-
sionsgeneralen? Und die preußische Bourgeoisie hätte noch zwei-
feln sollen, daß der alte Groll der Armee, der Bürokratie, der
Feudalen in ehrfurchtsvoller Ergebenheit vor dem sich selbst und
die Anarchie zügelnden großmütigen Sieger, der Bourgeoisie, er-
storben sei?
Es war klar. Die preußische Bourgeoisie hatte nur noch eine Auf-
gabe, die
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1*) gute Miene zum bösen Spiel
#111# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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Aufgabe, sich ihre Herrschaft bequem zu machen, die störenden An-
archisten zu beseitigen, "Ruhe und Ordnung" wiederherzustellen
und die Zinsen wieder einzubringen, die während des Märzsturms
verlorengegangen waren. Es konnte sich nur noch darum handeln,
die P r o d u k t i o n s k o s t e n ihrer Herrschaft und der
sie bedingenden Märzrevolution auf ein Minimum zu beschränken.
Die Waffen, welche die preußische Bourgeoisie in ihrem Kampfe ge-
gen die feudale Gesellschaft und deren Krone unter der Firma des
Volks in Anspruch zu nehmen sich gezwungen sah, Assoziations-
recht, Preßfreiheit etc., mußten sie nicht zerbrochen werden in
den Händen eines betörten Volks, das sie nicht mehr f ü r die
Bourgeoisie zu führen brauchte und g e g e n sie zu führen
bedenkliche Gelüste kundgab?
Der V e r e i n b a r u n g der Bourgeoisie mit der Krone,
d a v o n w a r s i e ü b e r z e u g t, dem Markten der
Bourgeoisie mit dem alten, in sein Schicksal ergebenen Staate,
stand offenbar nur noch ein Hindernis im Wege, ein einziges
Hindernis, das Volk - puer robustus sed malitiosus [140], wie
Hobbes sagt. Das V o l k und die R e v o l u t i o n!
Die R e v o l u t i o n war der R e c h t s t i t e l d e s
V o l k e s; auf die Revolution gründete es seine ungestümen An-
sprüche. Die Revolution war der Wechsel, den es auf die Bour-
geoisie gezogen hatte. Durch die Revolution war die Bourgeoisie
zur Herrschaft gelangt. Mit dem Tage ihrer Herrschaft war der
Verfalltag dieses Wechsels angebrochen. Die Bourgeoisie mußte ge-
gen den Wechsel P r o t e s t einlegen.
Die R e v o l u t i o n - das bedeutete im Munde des Volks: Ihr
Bourgeois seid das Comité du salut public, der Wohlfahrtsaus-
schuß, dem wir die Herrschaft in die Hand gegeben, nicht damit
ihr euch über eure Interessen m i t der Krone v e r e i n-
b a r t, sondern damit ihr g e g e n die Krone unsere Interes-
sen, die Interessen des Volks durchsetzt.
Die R e v o l u t i o n war der Protest des Volkes gegen die
Vereinbarung der Bourgeoisie mit der Krone. Die mit der Krone
sich vereinbarende Bourgeoisie m u ß t e a l s o p r o t e-
s t i e r e n gegen - die R e v o l u t i o n.
Und das geschah unter dem großen C a m p h a u s e n. Die
M ä r z r e v o l u t i o n w u r d e n i c h t a n e r-
k a n n t. Die Berliner Nationalrepräsentation konstituierte
sich als R e p r ä s e n t a t i o n d e r p r e u ß i-
s c h e n B o u r g e o i s i e, als V e r e i n b a r e r-
v e r s a m m l u n g, indem sie den Antrag auf Anerkennung der
Märzrevolution v e r w a r f.
Sie machte das Geschehene ungeschehen. Sie proklamierte es laut
vor dem preußischen Volke, daß es sich mit der Bourgeoisie nicht
vereinbart, um gegen die Krone zu revolutionieren, sondern daß es
revolutioniert, damit sich die Krone mit der Bourgeoisie gegen es
selbst vereinbare! So war der R e c h t s t i t e l des revolu-
tionären Volkes vernichtet und der R e c h t s b o d e n der
konservativen Bourgeoisie gewonnen.
#112# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung
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D e r R e c h t s b o d e n!
Brüggemann und durch ihn die "Kölnische Zeitung" [21] haben so
viel geplaudert, gefabelt, gewimmert vom "Rechtsboden", so oft
den "Rechtsboden" verloren, wiedergewonnen, den Rechtsboden
durchlöchert, geflickt, von Berlin nach Frankfurt, von Frankfurt
nach Berlin geschleudert, verengt, ausgedehnt, aus einem einfa-
chen Boden in einen getäfelten Boden, aus einem getäfelten Boden
in einen Doppelboden - bekanntlich ein Hauptwerkzeug der schau-
spielernden Eskamoteurs -, aus einem Doppelboden in eine boden-
lose Falltüre verwandelt, daß der Rechtsboden sich für unsre Le-
ser mit Recht schließlich in den Boden der "Kölnischen Zeitung"
verwandelt hat, daß sie das Schibboleth der preußischen Bour-
geoisie mit dem Privatschibboleth des Herrn Joseph Dumont, einen
notwendigen Einfall der p r e u ß i s c h e n Weltgeschichte
mit einer willkürlichen Marotte der "Kölnischen Zeitung" verwech-
seln können und im Rechtsboden nur noch den Boden sehn, auf dem
die "Kölnische Zeitung" wächst.
D e r R e c h t s b o d e n, und zwar der p r e u ß i s c h e
R e c h t s b o d e n!
Der R e c h t s b o d e n, auf dem sich n a c h dem März der
Ritter der großen Debatte, Camphausen, das wiedererweckte Ge-
spenst des Vereinigten Landtags und die Vereinbarerversammlung
bewegen, ist er das Konstitutionsgesetz von 1815 [141] oder das
Landtagsgesetz von 1820 [142], oder das Patent von 1847 [143],
oder das Wahl- und Vereinbarungsgesetz vom 8.April 1848? [129]
N i c h t s v o n a l l e d e m.
Der "Rechtsboden" bedeutete einfach, daß die Revolution ihren Bo-
den nicht gewonnen und die alte Gesellschaft ihren Boden nicht
verloren habe, daß die Märzrevolution nur ein "Ereignis" sei,
welches den "Anstoß" zu der längst innerhalb des alten preußi-
schen Staats vorbereiteten "Verständigung" zwischen dem Throne
und der Bourgeoisie gegeben, deren Bedürfnis die Krone selbst in
frühern allerhöchsten Erlassen schon ausgesprochen und nur vor
dem März für nicht "dringlich" erachtet habe. Der "Rechtsboden"
bedeutete mit einem Worte, daß die Bourgeoisie n a c h dem März
mit der Krone auf demselben Fuße unterhandeln wolle wie v o r
dem März, als ob gar keine Revolution stattgefunden und der Ver-
einigte Landtag ohne die Revolution sein Ziel erreicht hätte. Der
"Rechtsboden" bedeutete, daß der Rechtstitel des Volkes, die
R e v o l u t i o n, in dem contrat social zwischen Regierung
und Bourgeoisie nicht existiere. D i e B o u r g e o i s i e
l e i t e t e i h r e A n s p r ü c h e a u s d e r a l t-
p r e u ß i s c h e n G e s e t z g e b u n g h e r, d a m i t
d a s V o l k k e i n e A n s p r ü c h e a u s d e r
n e u p r e u ß i s c h e n R e v o l u t i o n h e r l e i-
t e.
Es versteht sich, daß die i d e o l o g i s c h e n K r e-
t i n s der Bourgeoisie, ihre Zeitungsschreiber u. dgl., diese
Beschönigung des Bourgeoisinteresses für das
#113# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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eigentliche Interesse der Bourgeoisie ausgeben und als solches
sich und andern einbilden mußten. Im Kopfe eines Brüggemann ver-
wandelte sich die Phrase des Rechtsbodens in eine wirkliche Sub-
stanz.
Das Ministerium Camphausen hatte seine Aufgabe gelöst, die Auf-
gabe der V e r m i t t l u n g und des Ü b e r g a n g s. Es
bildete nämlich die V e r m i t t l u n g zwischen der auf den
Volksschultern emporgehobenen Bourgeoisie und der Bourgeoisie,
die nicht mehr der Volksschultern bedurfte; zwischen der Bour-
geoisie, welche scheinbar das Volk der Krone, und der Bour-
geoisie, die wirklich die Krone dem Volke gegenüber vertrat; zwi-
schen der Bourgeoisie, die sich von der Revolution losschälte,
und der Bourgeoisie, die als Kern der Revolution herausgeschält
war.
Seiner Rolle gemäß beschränkte sich das Ministerium Camphausen in
jungfräulicher Schamhaftigkeit auf den p a s s i v e n W i-
d e r s t a n d gegen die Revolution.
Es verwarf sie zwar in der Theorie, aber in der Praxis
s t r ä u b t e es sich nur gegen ihre Anmutungen und
d u l d e t e nur die Rekonstituierung der alten Staatsgewalten.
Die Bourgeoisie glaubte unterdes auf dem Punkte angelangt zu
sein, wo der p a s s i v e W i d e r s t a n d i n a k-
t i v e n A n g r i f f übergehen müsse. Das Ministerium
C a m p h a u s e n trat ab, nicht weil es diesen oder jenen
Mißgriff begangen, sondern aus dem einfachen Grunde, weil es das
e r s t e Ministerium nach der Märzrevolution, weil es das
M i n i s t e r i u m d e r M ä r z r e v o l u t i o n war
und seinem Ursprung gemäß den Repräsentanten der Bourgeoisie noch
unter dem Volksdiktator verstecken mußte. Diese seine zweideutige
Entstehung und sein doppelsinniger Charakter legten ihm noch ge-
wisse Convenancen, Rückhalte und Rücksichten gegen das souveräne
Volk auf, die der Bourgeoisie lästig wurden, die ein zweites, di-
rekt aus der Vereinbarerversammlung hervorgegangenes Ministerium
nicht mehr zu beobachten hatte.
Sein Rücktritt war daher ein Rätsel für die Wirtshauspolitiker.
Das M i n i s t e r i u m d e r T a t, das Ministerium Hanse-
mann [144], folgte ihm, weil die Bourgeoisie aus der Periode des
p a s s i v e n Verrats des Volks an die Krone in die Periode
der a k t i v e n Unterwerfung des Volks unter ihre mit der
Krone vereinbarte Herrschaft überzugehen gedachte. Das
M i n i s t e r i u m d e r T a t war das z w e i t e Mini-
sterium n a c h der Märzrevolution. Das war sein ganzes Geheim-
nis.
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 183 vom 31.Dezember 1848]
* Köln, 29. Dezember.
"Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!" [145]
In diesen sechs Worten resümierte Hansemann den ganzen Vereinig-
ten-Landtags-Liberalismus. Dieser Mann war der notwendige Chef
des aus der Vereinbarerversammlung
#114# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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selbst hervorgegangenen Ministeriums, des Ministeriums, welches
den p a s s i v e n W i d e r s t a n d gegen das Volk in
t ä t i g e n A n g r i f f auf das Volk verwandeln sollte, des
M i n i s t e r i u m s d e r T a t.
In keinem preußischen Ministerium so viel b ü r g e r l i c h e
Namen! Hansemann, Milde, Märker, Kühlwetter, Gierke ! Selbst die
hoffähige Etikette dieses Ministeriums, v. Auerswald, gehörte dem
liberalen, d.h. der Bourgeoisie huldigenden Adel der Königsberger
Opposition an. Roth von Schreckenstein allein vertrat unter der
Kanaille den alten bürokratisierten preußischen Feudaladel. Roth
von Schreckenstein! Überlebender Titel eines verlorengegangenen
Räuber- und Ritterromans des seligen Hildebrandt! [146] Aber Roth
von Schreckenstein war nur die feudale Einfassung des bürgerli-
chen Juwels. Roth von Schreckenstein, mitten in dem bürgerlichen
Ministerium, besagte in Riesenbuchstaben: Die preußische Feudali-
tät, Armee, Bürokratie folgen dem neu aufgegangenen Sterne des
preußischen Bürgertums. Ihm haben sich diese Gewaltigen zur Ver-
fügung gestellt, und das Bürgertum pflanzt sie vor seinen Thron,
wie man auf alten heraldischen Sinnbildern Bären vor die Volks-
herrscher aufpflanzte. Roth von Schreckenstein soll nur der Bär
des bürgerlichen Ministeriums sein.
Am 26. Juni stellte sich das Ministerium Hansemann der National-
versammlung vor. Mit dem J u l i erst beginnt seine ernsthafte
Existenz. Die J u n i r e v o l u t i o n war der Hintergrund
des Ministeriums der Tat, wie die F e b r u a r r e v o-
l u t i o n der Hintergrund des Ministeriums der Vermittlung.
Die preußische Bourgeoisie exploitierte gegen das Volk den bluti-
gen Sieg der Pariser Bourgeoisie über das Pariser Proletariat,
wie die preußische Krone den blutigen Sieg der Kroaten zu Wien
gegen die Bourgeoisie exploitierte. Die Wehn der preußischen
Bourgeoisie nach dem östreichischen November sind die
A b r e c h n u n g für die Wehn des preußischen Volks nach dem
französischen Juni. In ihrer kurzsichtigen Engherzigkeit verwech-
selten sich die deutschen Spießbürger mit der französischen Bour-
geoisie. Sie hatten keinen Thron umgeworfen, sie hatten nicht die
feudale Gesellschaft, viel weniger ihren letzten Rest beseitigt,
sie hatten keine von ihnen selbst geschaffene Gesellschaft zu be-
haupten. Sie glaubten nach dem Juni wie nach dem Februar, wie
seit dem Beginn des 16.Jahrhunderts, wie im 18. Jahrhundert in
ihrer angestammten pfiffig-profitwütigen Weise aus fremder Arbeit
drei Viertel Profit ziehen zu können. Sie ahnten nicht, daß hin-
ter dem französischen Juni der östreichische November und hinter
dem östreichischen November der preußische Dezember lauerte. Sie
ahnten nicht, daß, wenn in Frankreich die Throne zerschmetternde
Bourgeoisie nur noch einen einzigen Feind vor sich erblickte, das
Proletariat - die preußische, mit der Krone ringende Bourgeoisie
#115# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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nur noch einen einzigen Bundesgenossen besaß - das Volk. Nicht,
als wenn beide keine feindlich entgegengesetzten Interessen be-
säßen. Wohl aber, weil d a s s e l b e Interesse gegen eine
dritte, sie gleich niederdrückende Macht beide noch zusammen-
schmiedete.
Das Ministerium Hansemann betrachtete sich als ein M i n i-
s t e r i u m d e r J u n i r e v o l u t i o n. Und in jeder
preußischen Stadt verwandelten sich die Spießbürger den "roten
Räubern" gegenüber in "honette Republikaner" - wobei sie nicht
aufhörten, ehrbare Royalisten zu sein, und gelegentlich über-
sahen, daß ihre "Roten" - w e i ß s c h w a r z e [147] Ko-
karden trugen.
In seiner Thronrede vom 26. Juni machte Hansemann kurzen Prozeß
mit Camphausens mysteriös-nebelhafter "Monarchie auf b r e i-
t e s t e r d e m o k r a t i s c h e r G r u n d l a g e".
"K o n s t i t u t i o n e l l e M o n a r c h i e a u f
G r u n d l a g e d e s Z w e i k a m m e r s y s t e m s und
die gemeinschaftliche Ausübung der gesetzgebenden Macht durch
beide Kammern und die Krone" - auf diese trockene Formel führte
er den ahnungsschweren Spruch seines begeisterten Vorgängers zu-
rück.
"Abänderung der notwendigsten, mit der neuen Staatsverfassung
nicht zu vereinbarenden Verhältnisse, Befreiung des Eigentums von
den Fesseln, welche dessen v o r t e i l h a f t e B e n u t-
z u n g in einem großen Teile der Monarchie lähmen, Reorgani-
sation der Rechtspflege, Reformation der Steuergesetzgebung,
namentlich A b s c h a f f u n g d e r S t e u e r b e-
f r e i u n g e n usw." und vor allem "S t ä r k u n g d e r
S t a a t s g e w a l t, notwendig zum Schutze der" (von den
Bürgern) "erworbenen Freiheit gegen Reaktion" (Ausbeutung der
Freiheit im Interesse der Feudalen) "und Anarchie" (Ausbeutung
der Freiheit im Volksinteresse) "und zur W i e d e r h e r-
s t e l l u n g d e s g e s t ö r t e n V e r t r a u-
e n s " [148] -
das war das ministerielle Programm, das war das Programm der zum
Ministerium gelangten preußischen Bourgeoisie, deren klassischer
Repräsentant Hansemann ist.
Auf dem Vereinigten Landtage war Hansemann der erbittertste und
zynischste Widersacher des Vertrauens, denn - "Meine Herren! In
Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!" Am Ministerium prokla-
mierte Hansemann als erste Notwendigkeit die "Wiederherstellung
des gestörten Vertrauens", denn - diesmal wandte er sich zum
V o l k e wie damals zum Thron -, denn
"Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!"
Damals handelte es sich um das Vertrauen, das Geld g i b t,
diesmal um das Vertrauen, das Geld m a c h t; dort um das
f e u d a l e Vertrauen, das treuergebene Vertrauen in Gott, Kö-
nig und Vaterland, hier um das b ü r g e r l i c h e Vertrauen,
das Vertrauen in den Handel und Wandel, in die Verzinsung des Ka-
pitals, in
#116# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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die Zahlungsfähigkeit der Geschäftsfreunde, um das kommerzielle
Vertrauen; nicht um Glaube, Liebe, Hoffnung, sondern um den
K r e d i t.
"Wiederherstellung des gestörten Vertrauens!" In diesen Worten
sprach Hansemann die fixe Idee der preußischen Bourgeoisie aus.
Der K r e d i t beruht auf der Sicherheit, daß die Exploitation
der Lohnarbeit durch das Kapital, des Proletariats durch die
Bourgeoisie, der Kleinbürger durch die Großbürger in herkömmli-
cher Weise fortdauert. Jede politische Regung des Proletariats,
welcher Natur auch, sie sei denn unmittelbar durch die Bour-
geoisie kommandiert, stört also das Vertrauen, den Kredit.
"Wiederherstellung des gestörten Vertrauens!" hieß also im Munde
Hansemanns:
U n t e r d r ü c k u n g j e d e r p o l i t i s c h e n R e-
g u n g i m P r o l e t a r i a t und in allen Schichten der
Gesellschaft, deren Interesse nicht direkt mit dem Interesse der
ihrer Meinung nach am Staatsruder befindlichen Klasse zusam-
menfallen.
Dicht neben die "Herstellung des gestörten Vertrauens" stellte
Hansemann daher die "Stärkung der Staatsmacht". Er irrte sich nur
in der Natur dieser "Staatsmacht". Er glaubte die dem Kredit, dem
bürgerlichen Vertrauen dienende Staatsmacht zu stärken, und er
stärkte nur die Staatsmacht, die Vertrauen verlangt und im Not-
fall mit Kartätschen ertrotzt, weil sie keinen Kredit besitzt. Er
wollte mit den Produktionskosten der bürgerlichen Herrschaft
knickern und belastete die Bourgeoisie mit den unerschwinglichen
Millionen, welche die Restauration der preußischen Feudalherr-
schaft kostet.
Den Arbeitern gegenüber erklärte sich Hansemann sehr bündig: Er
habe ein großes Heilmittel für sie in der Tasche. Ehe er es her-
ausholen könne, müsse aber vor allem das "gestörte Vertrauen"
wiederhergestellt sein. Um das Vertrauen herzustellen, müsse die
Arbeiterklasse ihrem Politisieren und Einmischen in Staatsdingen
ein Ende machen und in ihre alten Gewohnheiten zurückkehren.
Folge sie seinem Rate, sei das Vertrauen wiederhergestellt, so
sei das geheimnisvolle große Heilmittel jedenfalls wirksam schon
deswegen, weil es nicht mehr nötig und nicht mehr anwendbar sei,
denn in diesem Falle war ja die Krankheit, die Störung der bür-
gerlichen Ordnung beseitigt. Und wozu Heilmittel, wo keine Krank-
heit? Beharre aber das Volk auf seinem Kopfe - nun gut, so werde
er die "Staatsmacht s t ä r k e n", die Polizei, die Armee, die
Gerichte, die Bürokratie, er werde ihm seine Bären auf den Hals
hetzen, denn das "Vertrauen" sei zur "Geldfrage" geworden, und:
"Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!"
Sosehr Hansemann darüber lächeln mag, sein Programm war ein
e h r l i c h e s Programm, ein bravgemeintes Programm.
#117# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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Er wollte die Staatsmacht stärken, nicht nur gegen die Anarchie,
d.h. gegen das Volk, er wollte sie auch stärken gegen die Reak-
tion, d.h. gegen die Krone und die feudalen Interessen, soweit
sie dem Geldsäckel und den "n o t w e n d i g s t e n", d.h.
den bescheidensten politischen Prätensionen der Bourgeoisie ge-
genüber sich durchzusetzen versuchen sollten.
Das Ministerium der Tat war seiner ganzen Zusammensetzung nach
schon ein Protest gegen diese "Reaktion".
Vor allen früheren preußischen Ministerien zeichnete es sich näm-
lich dadurch aus, daß sein wirklicher M i n i s t e r p r ä-
s i d e n t der F i n a n z m i n i s t e r war. Der preußi-
sche Staat hatte jahrhundertelang aufs sorgfältigste verheim-
licht, daß Krieg und Inneres und auswärtige Angelegenheiten und
Kirchen- und Schulsachen und sogar das königliche] Haus-
ministerium und Glaube, Liebe und Hoffnung den profanen
F i n a n z e n untergeordnet sind. Das Ministerium der Tat
stellte diese verdrießlich-bürgerliche Wahrheit an seine Spitze,
indem es Herrn Hansemann an seine Spitze stellte, den Mann,
dessen ministerielles Programm gleich seinem Oppositionsprogramme
sich dahin resümierte:
"Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!"
Die Monarchie war in Preußen zu einer "Geldfrage" geworden. Gehen
wir nun von dem Programme des Ministeriums der Tat zu seinen Ta-
ten über.
Mit der Drohung der "verstärkten Staatsmacht" gegen die "Anar-
chie", d.h. gegen die Arbeiterklasse und alle Fraktionen des
Bürgertums, die nicht bei dem Programme des Herrn Hansemann ste-
henblieben, wurde Ernst gemacht. Man kann sogar sagen, daß, mit
Ausnahme der Erhöhung der Rübenzucker- und Branntweinsteuer,
diese R e a k t i o n gegen die sogenannte A n a r c h i e,
d.h. gegen die revolutionäre Bewegung, die einzige ernsthafte Tat
des Ministeriums der Tat war.
Eine Menge von Preßprozessen auf Grund des Landrechts [149] oder,
in Ermangelung, des Code pénal [90], zahlreiche Verhaftungen auf
derselben "genügenden Grundlage" (Formel von Auerswald), die Ein-
führung des Konstablerinstituts zu Berlin [47], wonach auf zwei
Häuser ein Konstabler kam, die polizeilichen Eingriffe in die As-
soziationsfreiheit, Loslassen der Soldateska auf übermütig gewor-
dene Bürger, Loslassen der Bürgerwehr auf übermütig gewordene
Proletarier, beispielsweiser Belagerungszustand, alles das lebt
noch von der Olympiade Hansemanns her in frischem Gedächtnis. Es
bedarf keiner Details.
Kühlwetter resümierte diese Seite der Bestrebungen des Ministeri-
ums der Tat in seiner Äußerung:
#118# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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"Ein Staat, der recht frei sein wolle, müsse ein recht großes Po-
lizeipersonal als exekutive Macht haben",
wozu Hansemann selbst die bei ihm stabil gewordene Glosse
murmelte:
"Es werde dies auch zur H e r s t e l l u n g d e s V e r-
t r a u e n s, zur B e l e b u n g der d a r n i e d e r-
l i e g e n d e n H a n d e l s t ä t i g k e i t wesentlich
beitragen." [150]
Unter dem Ministerium der Tat "stärkten" sich also die altpreußi-
sche Polizei, das Parquet, die Bürokratie, die Armee - weil im
S o l d e, auch im D i e n s t e der Bourgeoisie, wähnte Hanse-
mann. Genug, sie "stärkten" sich.
Die Stimmung des Proletariats und der bürgerlichen Demokratie da-
gegen wird durch e i n Faktum charakterisiert. Weil einige Re-
aktionäre einige Demokraten in Charlottenburg mißhandelten,
stürmte das Volk das Hotel des Ministerpräsidiums in Berlin. So
populär war das Ministerium der Tat geworden. Am andern Tage
schlug Hansemann ein Gesetz gegen die Zusammenrottungen und öf-
fentlichen Versammlungen vor. So schlau intrigierte er gegen die
Reaktion.
Die wirkliche, greifbare, populäre Tätigkeit des Ministeriums der
Tat war also eine rein p o l i z e i l i c h e. In den Augen
des Proletariats und der s t ä d t i s c h e n Demokratie ver-
trat dies Ministerium und die Vereinbarerversammlung, deren Majo-
rität im Ministerium vertreten war und die preußische Bourge-
oisie, deren Majorität in der Vereinbarungsversammlung die
Majorität bildete, nichts anders als den a l t e n, wieder
aufgefrischten P o l i z e i- u n d B e a m t e n s t a a t.
Die Erbitterung gegen die Bourgeoisie war hinzugekommen, weil die
Bourgeoisie herrschte und in der B ü r g e r w e h r zu einem
integrierenden Teil der Polizei sich herangebildet hatte.
Das war die "Märzerrungenschaft" in den Augen des Volks, daß auch
die liberalen Herren von der Bourgeoisie - p o l i z e i-
l i c h e Funktionen übernahmen. Also eine verdoppelte Polizei!
Nicht in den Taten des Ministeriums der Tat, sondern in seinen
organischen Gesetzvorschlägen tritt es erst hervor, daß es die
"Polizei", den letzten Ausdruck des alten Staats, nur im bürger-
lichen Interesse "stärkte" und zu Taten anspornte.
In den von dem Ministerium Hansemann vorgelegten Entwürfen zur
G e m e i n d e o r d n u n g, den G e s c h w o r n e n g e-
r i c h t e n, dem B ü r g e r w e h r g e s e t z e ist der
B e s i t z in einer oder der andern Form stets die Grenze
zwischen dem g e s e t z l i c h e n und dem u n g e s e t z-
l i c h e n Lande. In allen diesen Gesetzvorschlägen sind der
k[öni]gl[ichen] Macht zwar die servilsten Konzessionen gemacht,
denn nach dieser Seite hin glaubte das bürgerliche Ministerium
einen unschädlich
#119# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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gewordenen Bundesgenossen zu besitzen, aber zur Entschädigung
tritt die Herrschaft des Kapitals über die Arbeit desto rück-
sichtsloser hervor.
Das Bürgerwehrgesetz, das die Vereinbarungsversammlung sanktio-
niert hat, ist gegen die Bourgeoisie selbst gekehrt worden und
hat den gesetzlichen Vorwand zu ihrer Entwaffnung abgeben müssen.
Allerdings sollte es in ihrer Einbildung erst wirksam werden nach
Erlaß der Gemeindeordnung und der Promulgation der Verfassung,
d.h. nach Befestigung ihrer Herrschaft. Die Erfahrungen, welche
die preußische Bourgeoisie mit dem Bürgerwehrgesetze gemacht hat,
mögen zu ihrer Aufklärung beitragen; sie mag daraus ersehen, daß
sie einstweilen alles, was sie gegen das Volk zu tun meint, nur
gegen sich selbst tut.
Für das Volk also resümierte sich das Ministerium Hansemann
p r a k t i s c h in dem altpreußischen Polizeibütteltum,
t h e o r e t i s c h in b e l g i s c h beleidigenden Unter-
scheidungen [151] zwischen Bourgeois und Nichtbourgeois.
Gehen wir zum andern Teil des ministeriellen Programms über, zu
der A n a r c h i e g e g e n d i e R e a k t i o n.
Nach dieser Seite hin hat das Ministerium mehr fromme Wünsche als
Taten aufzuweisen.
Zu den frommen b ü r g e r l i c h e n Wünschen gehört der par-
zellenweise Verkauf der Domänen an Privatbesitzer, die Preisge-
bung des Bankinstituts an die freie Konkurrenz, die Verwandlung
der Seehandlung [152] in ein Privatinstitut usw.
Das Ministerium der Tat hatte das Unglück, daß seine ökonomischen
Angriffe gegen die feudale Partei alle unter der Ägide der
Z w a n g s a n l e i h e auftreten und seine reformierenden
Versuche überhaupt als bloß finanzielle Notbehelfe zur Füllung
der Kasse der erstarkten "Staatsmacht" in den Augen des Volks er-
schienen. Hansemann erntete so den Haß der einen Partei, ohne die
Anerkennung der andern zu ernten. Und es läßt sich nicht leugnen,
daß er nur da einen ernstern Angriff auf die Feudalprivilegien
wagte, wo die dem Finanzminister zunächst liegende "Geldfrage",
wo die G e l d f r a g e i m S i n n e d e s F i n a n z-
m i n i s t e r i u m s sich aufdrängte. In diesem engherzigen
Sinne rief er den Feudalen zu:
"Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!"
So trugen selbst seine positiv bürgerlichen Bestrebungen gegen
die Feudalen dieselbe polizeiliche Färbung wie seine negativen
Maßregeln zur "Belebung der Handelstätigkeit". Die P o l i z e i
heißt nämlich in der politischen Ökonomie F i s k u s. Die Er-
höhung der Rübenzucker- und Branntweinsteuer, die Hansemann bei
der Nationalversammlung durchsetzte und zum Gesetz erhob, empörte
die Geldbeutel mit Gott für König und Vaterland in
#120# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Schlesien, in den Marken, in Sachsen, in Ost- und Westpreußen
usw. Während diese Maßregel aber den Zorn der industriellen
Grundeigentümer in den altpreußischen Provinzen heraufbeschwor,
erregte sie nicht minderes Mißvergnügen unter den bürgerlichen
Branntweinbrennern der Rheinprovinz, die sich dadurch in noch un-
günstigere Konkurrenzbedingungen den altpreußischen Provinzen ge-
genüber versetzt sahen. Und, um das Maß vollzumachen, verbitterte
sie die Arbeiterklasse der alten Provinzen, für die sie nichts
bedeutete und nichts bedeuten konnte als: V e r t e u e r u n g
e i n e s u n e n t b e h r l i c h e n L e b e n s m i t-
t e l s. Es blieb also nichts von dieser Maßregel übrig als
Füllung der Kasse der "gestärkten Staatsmacht"! Und dies Beispiel
genügt, denn - es ist die einzige Tat des Ministeriums der Tat
gegen die Feudalen, die w i r k l i c h zur Tat, der einzige
Gesetzvorschlag in dieser Richtung, der wirklich zum Gesetz
wurde.
Hansemanns "Vorschläge" wegen Aufhebung der Klassen- und
G r u n d s t e u e r - S t e u e r b e f r e i u n g e n, wie
sein Projekt einer Einkommensteuer [153], rief Taranteltänze un-
ter den grundherrlichen Schwärmern für "Gott, König und Vater-
land" hervor. Sie verschrien ihn als - K o m m u n i s t e n,
und noch heute bekreuzt sich dreimal die preußische Kreuzritterin
bei Nennung des Namens - Hansemann. 1*) Er klingt ihr wie Fra
Diavolo [154]. Die Aufhebung der Grundsteuerbefreiung, die ein-
zige bedeutende Maßregel, die während der Herrlichkeit der Ver-
einbarerversammlung von einem preußischen Minister vorgeschlagen
wurde, sie scheiterte an der p r i n z i p i e l l e n B o r-
n i e r t h e i t d e r L i n k e n. Und Hansemann selbst
hatte diese Borniertheit berechtigt. Sollte die Linke dem
Ministerium der "gestärkten Staatsmacht" neue finanzielle Hülfs-
quellen eröffnen, bevor die Verfassung fabriziert und beschworen
war?
So unglücklich war das bürgerliche Ministerium par excellence
2*), daß seine radikalste Maßregel durch die radikalen Glieder
der Vereinbarerversammlung paralysiert werden mußte. So dürftig
war es, daß sein ganzer Kreuzzug gegen die Feudalität sich in
eine S t e u e r e r h ö h u n g verlief, allen Klassen gleich
gehässig, und daß sein ganzer finanzieller Scharfsinn in einer
Z w a n g s a n l e i h e abortierte. Zwei Maßregeln, die
schließlich nur S u b s i d i e n z u d e m F e l d z u g e
d e r K o n t r e r e v o l u t i o n g e g e n d i e
B o u r g e o i s i e s e l b s t verschafften. Die F e u d a-
l e n aber hatten sich von den "böswilligen" Absichten des
b ü r g e r l i c h e n Ministeriums überzeugt. So bewährte sich
selbst in dem finanziellen Kampfe der preußischen Bourgeoisie
gegen den Feudalismus, daß sie in ihrer unpopulären Ohnmacht
G e l d sogar nur g e g e n s i c h s e l b s t einzutreiben
wußte, und - Meine Herrn! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit
auf!
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1*) Siehe vorl. Band, S. 24-28 - 2*) reinsten Wassers
#121# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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Wie es dem bürgerlichen Ministerium gelungen war, das städtische
Proletariat, die bürgerliche Demokratie und die Feudalen gleich-
mäßig gegen sich zu erbittern, so wußte es selbst die vom Feuda-
lismus unterjochte B a u e r n k l a s s e sich zu entfremden
und zu verfeinden, aufs eifrigste darin unterstützt von der
V e r e i n b a r e r v e r s a m m l u n g. Man vergesse über-
haupt nicht, daß während der Hälfte ihrer Lebensfrist diese Ver-
sammlung in dem Ministerium Hansemann ihren sachgemäßen Repräsen-
tanten fand und daß die bürgerlichen Märtyrer von heute Hanse-
manns Schleppträger von gestern waren.
Der unter Hansemann durch Patow vorgelegte Entwurf zur Befreiung
von den Feudallasten [155] (siehe unsre frühere Kritik darüber
1*)) war das jämmerlichste Machwerk ohnmächtigsten bürgerlichen
Gelüstes, die Feudalprivilegien, diese mit der "neuen Staatsver-
fassung unverträglichen Verhältnisse" abzuschaffen, und bürgerli-
cher Angst, sich revolutionär an irgendeiner Sorte des Eigentums
zu vergreifen. Der jämmerliche, bange, engherzige Egoismus ver-
blendete die preußische Bourgeoisie in dem Grade, daß sie ihren
n o t w e n d i g e n B u n d e s g e n o s s e n - die
B a u e r n k l a s s e - von sich zurückstieß.
Am 3. Juni stellte der Abgeordnete Hanow den Antrag, "daß alle
schwebenden Verhandlungen behufs der Auseinandersetzung der
gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse und behufs der Dienstablö-
sungen bis zum Erlasse eines neuen, auf billigen Grundsätzen ge-
bauten Gesetzes über diese Angelegenheit sogleich auf einseitigen
Antrag eingestellt werden möchten".
Und erst Ende September, also vier Monate später, unter dem Mini-
sterium Pfuel, nahm die Vereinbarungsversammlung den Gesetzent-
wurf wegen Sistierung der obschwebenden gutsherrlich-bäuerlichen
Verhandlungen an, nachdem sie alle liberalen Amendements verwor-
fen und es beim "Vorbehalt interimistischer Festsetzungen der
laufenden Leistungen" wie der "Beitreibung der streitigen Abgaben
und der Rückstände" belassen hatte. [156]
Im August, wenn wir nicht irren, erkannte die Vereinbarerversamm-
lung Nenstiels Antrag auf "sofortige Aufhebung der Robotdienste"
für nicht dringlich [157] - und die Bauern hätten es als dring-
lich erkennen sollen, sich für dieselbe Vereinbarerversammlung zu
schlagen, die sie hinter den faktischen Zustand, den sie nach dem
März erobert hatten, zurückschleuderte?
Die französische Bourgeoisie begann mit der Befreiung der Bauern.
Mit den Bauern eroberte sie Europa. Die preußische Bourgeoisie
war so sehr in ihren e n g s t e n, nächstliegenden Interessen
befangen, daß sie selbst diesen Bundesgenossen verscherzte und zu
einem Werkzeuge in der Hand der feudalen Kontrerevolution machte.
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1*) Siehe Band 5 unserer Ausgabe, S. 106/107, 278-283 und 309-314
#122# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Die o f f i z i e l l e Geschichte von der Auflösung des Bür-
gerministeriums ist bekannt.
Unter seinen Fittichen war die "Staatsmacht" soweit "erstarkt",
die Volksenergie so sehr niedergedrückt, daß die Dioskuren Kühl-
wetter-Hansemann schon am 15. Juli eine Ermahnung an sämtliche
Regierungspräsidenten der Monarchie gegen die reaktionären Um-
triebe der Verwaltungsbeamten, speziell der Landräte erlassen
mußten, daß später eine "Versammlung des Adels und der großen
Gutsbesitzer zum Schutze" ihrer Privilegien [158] neben der Ver-
einbarerversammlung in Berlin tagte, daß endlich der sogenannten
Berliner Nationalversammlung gegenüber ein aus dem Mittelalter
überkommener - Kommunallandtag zur Wahrung der bedrohten Eigen-
tumsrechte des Grundbesitzes" in der Oberlausitz auf den vierten
September sich zusammenberief.
Die Energie, welche Regierung und sogenannte Nationalversammlung
gegen diese immer bedrohlicher werdenden kontrerevolutionären
Symptome aufbot, äußerte sich angemessen in papiernen Ermahnun-
gen. Bajonette, Kugeln, Gefängnisse und Büttel hatte das Bürger-
ministerium nur für das Volk "zur Herstellung des gestörten Ver-
trauens und zur Belebung der Handelstätigkeit".
Die Vorfälle zu Schweidnitz, wo die Soldateska direkt die Bour-
geoisie in der Bürgerwehr meuchelmordete, erweckten endlich die
Nationalversammlung aus ihrer Apathie. Am 9.August raffte sie
sich zu einer Heldentat auf, zu dem Stein-Schultzeschen Armeebe-
fehle [159], dessen letztes Zwangsmittel das Z a r t g e f ü h l
der preußischen Offiziere war. Welch ein Zwangsmittel! Und verbot
die royalistische Ehre den Offizieren nicht, auf die bürgerliche
Ehre zu hören?
Einen Monat nachdem die Vereinbarerversammlung den Stein-Schult-
zeschen Armeebefehl gefaßt hatte, am 1. September, beschloß sie
abermals, daß ihr Beschluß ein wirklicher Beschluß sei und von
den Ministern ausgeführt werden müsse. Hansemann weigerte sich
und dankte ab am 11. September, nachdem er vorher sich selbst zum
Bankdirektor mit 6000 Tlr. jährlichem Gehalt ernannt hatte, denn
- Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!
Am 25.September endlich nahm die Vereinbarerversammlung dankbar
aus Pfuels Munde die gänzlich abgeschwächte Anerkennungsformel
des Stein-Schultzeschen Armeebefehls entgegen, der unterdessen
durch den parallel laufenden Wrangeischen Armeebefehl [160] und
die um Berlin konzentrierten Truppenmassen zu einem
s c h l e c h t e n W i t z e herabgesunken war.
Man braucht die eben gegebenen Daten und die Geschichte des
Stein-Schultzeschen Armeebefehls nur mit einem Blicke zu über-
fliegen, und man
#123# Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution
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überzeugt sich, daß jener Armeebefehl nicht der w i r k l i-
c h e Grund von Hansemanns Abdankung war. Hansemann, der vor der
Anerkennung der Revolution nicht zurückschauderte, hätte vor
jener papiernen Proklamation zurückschaudern sollen? Hansemann,
der das Portefeuille jedesmal wieder aufhob, sooft es ihm
entfallen war, hätte es diesmal aus biedermännischer Gereiztheit
auf der Ministerbank zum Ausgebot liegenlassen sollen? Nein,
unser Hansemann ist kein Schwärmer! Hansemann wurde einfach
düpiert, wie er überhaupt die düpierte Bourgeoisie darstellte.
Man ließ ihn glauben, die Krone werde ihn unter keinen Umständen
fallenlassen. Man ließ ihn den letzten Schein der Popularität
verlieren, um ihn endlich den Rankünen der Krautjunker hinopfern
und sich von der bürgerlichen Vormundschaft befreien zu können.
Überdem erforderte der mit Rußland und Österreich verabredete
Feldzugsplan einen von der Kamarilla außer der Vereinbarerver-
sammlung ernannten General an der Spitze des Kabinetts. Unter dem
Bürgerministerium war die alte "Staatsmacht" hinreichend
"erstarkt", um diesen Coup wagen zu dürfen.
Man täuschte sich in Pfuel. Der Sieg der Kroaten zu Wien machte
selbst einen Brandenburg zu einem brauchbaren Werkzeuge.
Unter dem Ministerium Brandenburg wurde die Vereinbarerversamm-
lung schmählich auseinandergejagt, gefoppt, verhöhnt, gedemütigt,
verfolgt, und das V o l k blieb g l e i c h g ü l t i g im
entscheidenden Augenblicke. Ihre N i e d e r l a g e war die
N i e d e r l a g e d e r p r e u ß i s c h e n B o u r-
g e o i s i e, der K o n s t i t u t i o n e l l e n, also ein
S i e g d e r d e m o k r a t i s c h e n P a r t e i, wie
teuer diese den Sieg auch bezahlen mußte.
Aber die o k t r o y i e r t e Verfassung? [123]
Einst hieß es, nie werde ein "Stück Papier" sich zwischen den Kö-
nig und s e i n Volk drängen. .[161] Jetzt heißt es: N u r
e i n S t ü c k P a p i e r soll sich zwischen den König und
s e i n Volk drängen. Die w i r k l i c h e Verfassung Preu-
ßens ist der - B e l a g e r u n g s z u s t a n d. Die ok-
troyierte französische Verfassung enthielt nur einen § 14, der
sie aufhob. [162] Jeder Paragraph der oktroyierten preußischen
Verfassung ist ein § 14.
Die Krone oktroyiert durch diese Verfassung neue Privilegien -
nämlich s i c h s e l b s t.
Sie gibt sich selbst frei, die Kammern in indefinitum 1*) aufzu-
lösen. Sie gibt den Ministern frei, in der Zwischenzeit beliebige
Gesetze (auch über Eigentum u. dgl.) zu erlassen. Sie gibt den
Deputierten frei, die Minister deswegen anzuklagen, auf die Ge-
fahr hin, als "innere Feinde" in Belagerungszustand
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1*) auf unbestimmte Zeit
#124# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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erklärt zu werden. Sie gibt endlich sich selbst frei, wenn im
Frühling die Aktien der Kontrerevolution hochstehen, an die
Stelle dieses in der Luft schwebenden "Stück Papiers" eine aus
den mittelaltrigen Ständeunterschieden o r g a n i s c h her-
auswachsende christlich-germanische Magna Charta [163] zu setzen
oder das Verfassungsspiel überhaupt aufzugeben. Selbst in dem
letzten Falle würde der konservative Teil der Bourgeoisie die
Hände falten und beten:
Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des
Herrn sei gelobt!
Die Geschichte des preußischen Bürgertums, wie überhaupt des
deutschen Bürgertums von März bis Dezember, beweist, daß in
Deutschland eine rein b ü r g e r l i c h e R e v o l u t i o n
und die Gründung der B o u r g e o i s h e r r s c h a f t un-
ter der Form der k o n s t i t u t i o n e l l e n M o n a r-
c h i e unmöglich, daß nur die feudale absolutistische Kontre-
revolution möglich ist oder die s o z i a l - r e p u b l i-
k a n i s c h e R e v o l u t i o n.
Daß aber selbst der lebensfähige Teil der Bourgeoisie wieder aus
seiner Apathie erwachen muß, dafür bürgt uns vor allem die
M o n s t e r r e c h n u n g, womit die Kontrerevolution ihn im
Frühling überraschen wird und - wie unser Hansemann so sinnig
sagt:
Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!
Geschrieben von Karl Marx.
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