Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       Neuer Bundesgenosse der Kontrerevolution
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 166 vom 12. Dezember 1848]
       * Köln, 11.Dezember. Die Kontrerevolution hat einen neuen Bundes-
       genossen erhalten : die schweizerische Bundesregierung.
       Schon vor  fünf Tagen erfuhren wir aus einer durchaus zuverlässi-
       gen Quelle,  daß die  neuerdings verbreiteten  Gerüchte von einem
       beabsichtigten Einfalle der deutschen Flüchtlinge nach Baden, von
       Rüstungen an  der Grenze,  von  einer  fabelhaften  Schlacht  bei
       Lörrach zwischen  Freischärlern und Reichstruppen, daß alle diese
       sonderbaren Gerüchte  von der  im Schweizer  Bundesrat [97] herr-
       schenden Partei  Furrer-Ochsenbein-Munzinger  mit  der  deutschen
       Reichsgewalt "vereinbart" seien, um besagter Partei einen Vorwand
       zum Einschreiten  gegen die  Flüchtlinge und dadurch zur Herstel-
       lung eines guten Einvernehmens mit der Reichsgewalt zu bieten.
       Wir haben  diese Nachricht  unsern Lesern  nicht sogleich  mitge-
       teilt, weil  wir nicht  unbedingt an  eine solche Intrige glauben
       konnten. Wir  warteten auf  Bestätigung, und  die Bestätigung hat
       nicht lange auf sich warten lassen.
       Es fiel bereits auf, daß diese Gerüchte nicht von badischen Blät-
       tern, die,  selbst an  Ort und  Stelle, doch am besten und ersten
       unterrichtet sein mußten, gebracht wurden, sondern von den Frank-
       furter Blättern.
       Es fiel  ferner auf,  daß dem "Frankfurter Journal" [164] bereits
       am 1.  Dezember von Bern aus mitgeteilt wurde, der Bundesrat habe
       wegen der  Flüchtlinge ein  Zirkular erlassen und einen Kommissar
       abgeschickt,  während  die  Berner  Blätter,  von  denen  mehrere
       ("Verfassungs-Freund" [165]  und "Suisse"  [166]) in direkten Be-
       ziehungen zu  Bundesräten stehen,  die Nachricht erst am 3. brin-
       gen.
       Jetzt endlich liegt das Zirkular an die Kantonsregierungen in der
       "Suisse" vor  uns, und  wenn wir  früher noch zweifeln konnten an
       dem Beitritt  der Schweiz zu der neuen Heiligen Allianz [167], so
       sind jetzt alle Zweifel beseitigt.
       
       #126# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Das Zirkular  hebt an  mit den   G e r ü c h t e n  von neuen Rü-
       stungen der  politischen Flüchtlinge und von einem beabsichtigten
       neuen Einfall  ins badische  Gebiet. Es  m o t i v i e r t  durch
       diese Gerüchte,  von denen  die ganze Schweiz und ganz Baden wis-
       sen, daß  sie erlogen sind, die neuen außerordentlichen Maßregeln
       gegen  die  Flüchtlinge.  Die  Tessiner  Beschlüsse  der  Bundes-
       versammlung 1*)  werden nur  erwähnt, um  die Kompetenz, nicht um
       die Verpflichtung  des Bundesrats  zu diesen Maßregeln zu begrün-
       den; im  Gegenteil wird  der wesentliche  Unterschied in der Lage
       der  Verhältnisse   in  Tessin   und  den   nördlichen   Kantonen
       a u s d r ü c k l i c h  a n e r k a n n t.
       Sodann folgende Weisungen:
       1. Alle Flüchtlinge,  die am Struveschen Zuge [76] sich beteiligt
       oder die sonst keine persönlichen Garantien für ruhiges Verhalten
       bieten, aus den Grenzkantonen zu entfernen;
       2. alle Flüchtlinge ohne Unterschied genau zu überwachen;
       3. dem Bundesrat sowie allen übrigen Grenzkantonen eine Liste der
       sub 2*) 1. fallenden Flüchtlinge einzusenden und
       4. etwaige Ausnahmen  von der  Internierung dem  eidgenössischen]
       Repräsentanten Dr.  Steiger zur  Entscheidung zu überlassen sowie
       überhaupt den Weisungen desselben zu folgen.
       Daran schließt  sich die  Aufforderung, diesen Weisungen "streng"
       nachzukommen, indem  sonst, wenn  Truppenaufstellungen nötig wür-
       den, die Kosten dem betreffenden Grenzkanton zur Last fallen wür-
       den.
       Das ganze  Zirkular ist  in einer für die Flüchtlinge höchst ver-
       letzenden, herben Sprache abgefaßt und schließt mit den Worten:
       "Die Schweiz  darf nicht  zum Sammelplatz werden für ausländische
       Parteien, die  ihre Stellung  auf einem  neutralen Boden  so sehr
       verkennen und  so oft die Interessen des Landes mit Füßen treten,
       das sie gastfreundlich aufnimmt."
       Jetzt vergleiche  man diese  bittre Sprache  mit der  Sprache der
       Note vom 4. November [78]; man bedenke, daß die Gerüchte, auf die
       das Zirkular  sich stützt,  n o t o r i s c h  f a l s c h  sind;
       daß,  wie   uns  heute  von  der  Grenze  geschrieben  wird,  der
       eidg[enössische] Repräsentant  Dr. Steiger  mit seiner Inspektion
       im Kanton  Aargau, gegen  den die  Reichsgewalt am meisten Klagen
       führte,   b e  r e i t s   f e r t i g  ist und gefunden hat, die
       betreffenden Flüchtlinge seien längst interniert und er habe hier
       nichts mehr zu tun (er ist bereits in Liestal); daß die
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       1*) Siehe vorl. Band. S. 64-68 - 2*) unter
       
       #127# Neuer Bundesgenosse der Kontrerevolution
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       Note vom  4. Nov.  bereits behauptet,  daß die  Schweizer  Presse
       (z.B.  "Schweizer   Bote",  "Basellandsch[aftliches]  Volksblatt"
       [168], "National-Zeitung"  [62] etc.) längst bewiesen hatten, daß
       alle Grenzkantone  längst ihren Pflichten nachgekommen seien; man
       bedenke endlich, daß nach langer Ungewißheit, nach den widerspre-
       chendsten Nachrichten  über die  Grenzsperre jetzt seit 2-3 Tagen
       alle unsere  Schweizer Blätter  und Briefe  darin übereinstimmen,
       daß   g a r   k e i n e   Zwangsmaßregeln gegen  die  Schweiz  in
       Anwendung kommen,  ja daß  der Befehl  zur strengeren Überwachung
       des Personenverkehrs,  der einigen  Grenzposten gegeben  war,  24
       Stunden nachher schon widerrufen wurde; man bedenke das alles und
       sage, ob  die Umstände nicht bis ins kleinste Detail die oben von
       uns gegebene Mitteilung bestätigen.
       Ohnehin ist  es bekannt,  daß die Herren Furrer, Ochsenbein, Mun-
       zinger usw. längst vor Begierde brennen, dem "Flüchtlingsunwesen"
       ein für allemal ein Ende zu machen.
       Wir gratulieren  dem Herrn  Schmerling zu  seinen neuen Freunden.
       Wir wünschen  nur, daß, wenn auch er einmal als Flüchtling in die
       Schweiz kommen  sollte -  was doch wohl vorkommen könnte, ehe die
       dreijährige Amtsdauer  des jetzigen  Bundesrats abläuft  -, diese
       seine Freunde  ihn nicht etwa zu jenen Flüchtlingen rechnen, wel-
       che "keine persönlichen Garantien bieten".

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