Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       Das Exfürstentum [24]
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 140 vom 11. November 1848]
       ** Aus  der Republik Neuchâtel, 7. November. Es wird Sie interes-
       sieren, auch  einmal etwas  aus einem Ländchen zu hören, das noch
       bis vor  kurzem sich der Segnungen der preußischen Herrschaft er-
       freute, aber  zuerst von allen Landen, die der Krone Preußens Un-
       tertan, die  Fahne der  Revolution aufpflanzte und die preußische
       väterliche Regierung  verjagte. Ich  spreche von  dem  ehemaligen
       "Fürstentum Neuenburgund Vallendis" [25], bei dem Herr Pfuel, der
       jetzige Ministerpräsident,  als Gouverneur die ersten administra-
       tiven Studien  machte und im Mai dieses Jahres vom Volk abgesetzt
       wurde, noch ehe er sich in Posen Lorbeeren erringen und in Berlin
       als Premier Mißtrauensvoten ernten konnte. Das Ländchen hat jetzt
       den stolzeren  Namen "République et Canton de Neuchâtel" angenom-
       men, und  die Zeit  wird wohl  nicht fern  sein, wo in Berlin der
       letzte Neuchâteller  Gardeschütze seinen  grünen Waffenrock  bür-
       stet. Ich muß gestehen, es gewährte mir eine humoristische Genug-
       tuung, fünf  Wochen nach meiner Flucht vor der preußischen heili-
       gen Hermandad [26] wieder ungehudelt auf einem Boden herumspazie-
       ren zu dürfen, der de jure noch preußisch ist.
       Die Republik und Kanton Neuchâtel befindet sich übrigens offenbar
       in einem  weit behaglicheren  Zustande als weiland das Fürstentum
       Neuenburg und  Vallendis;denn bei  den neulichen  Wahlen für  den
       schweizerischen Nationalrat  [27] erhielten  die republikanischen
       Kandidaten über  6000 Stimmen, während die Kandidaten der Royali-
       sten, der  bédouins 1*), wie man sie hier nennt, kaum 900 muster-
       ten. Auch  im Großen Rat sitzen fast lauter Republikaner, und nur
       ein kleines, von den Aristokraten beherrschtes Gebirgsdorf,
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       1*) Beduinen (arabische  Wanderhirten und  -händler  der  Wüste);
       hier im Sinne von: Wanderprediger in der Wüste
       
       #14# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Les Ponts,  hat den königlich-preußisçh-fürsllich-neuenburgischen
       Ex-Staatsrat Calame  als seinen Repräsentanten nach Neuchâtel ge-
       schickt, wo  er vor  einigen Tagen der Republik den Eid der Treue
       schwören mußte.  Statt  des  alten  königlichen  "Constitutionnel
       Neuchâtelois" erscheint  jetzt -  in La Chaux-de-Fonds, dem größ-
       ten, industriellsten  und republikanischsten  Orte des  Kantons -
       ein «Républicain  Neuchâtelois"  [28]  der  zwar  in  einem  sehr
       schlechten  jurassischen  Schweizerfranzösisch,  aber  sonst  gar
       nicht übel redigiert wird.
       Die Uhrenindustrie des Jura und die Spitzenmanufaktur des Traver-
       stales, die  Hauptlebensquellen des  Ländchens, fangen  auch  an,
       wieder besser zu gehen, und die Montagnards [29] gewinnen allmäh-
       lich, trotz  des fußhohen  Schnees, der  hier bereits liegt, ihre
       alte Heiterkeit wieder. Inzwischen gehen die bédouins gar trübse-
       lig umher, tragen an Hose, Bluse und Mütze die preußischen Farben
       umsonst zur  Schau und seufzen vergebens nach der Rückkehr Ehren-
       Pfuels und der Dekrete, die da anfingen: "Nous Frédéric-Guillaume
       par la  grâce de Dieu" 1*). Die preußischen Farben, schwarze Müt-
       zen mit weißen Rändern, hoch oben im Jura, 3500 Fuß über dem Mee-
       resspiegel, sind ebenso niedergeschlagen, ebenso zweideutig ange-
       lächelt wie bei uns am Rhein; - sähe man nicht die Schweizer Fah-
       nen und  die großen Plakate: «République et Canton de Neuchâtel",
       man könnte sich zu Hause glauben. Übrigens freut es mich, berich-
       ten zu  können, daß  die  d e u t s c h e n  A r b e i t e r  bei
       der Neuchâteller,  wie bei allen Revolutionen von 1848, eine ent-
       scheidende, sehr  ehrenvolle Rolle gespielt haben. Dafür wird ih-
       nen auch der Haß der Aristokraten im vollsten Maße zuteil.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.
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       1*) "Wir Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden"

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