Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       Die neuen Behörden - Fortschritte in der Schweiz
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 143 vom 15. November 1848]
       ** Bern,  9. November. Seit vorgestern sind nun die neuen gesetz-
       gebenden Bundesstaaten,  der schweizerische  Nationalrat und  der
       Ständerat [27],  hier versammelt. Die Stadt Bern hat ihr möglich-
       stes getan,  um sie  so glänzend und so bestechend wie möglich zu
       empfangen. Musik, Festzüge, Kanonendonner und Glockengeläute, Il-
       lumination, nichts fehlte. Die Sitzungen wurden gleich vorgestern
       eröffnet. Der  Nationalrat, nach  allgemeinem Stimmrecht und nach
       der Volkszahl gewählt (Bern hat zwanzig, Zürich zwölf, die klein-
       sten Kantone  je zwei bis drei Abgeordnete geschickt), ist seiner
       überwiegenden Mehrzahl  nach aus  radikal-gefärbten Liberalen zu-
       sammengesetzt. Die  entschieden radikale  Partei ist  sehr  stark
       vertreten, die  konservative hat nur sechs bis sieben Stimmen auf
       mehr als hundert. Der Ständerat, aus je zwei Abgeordneten für je-
       den ganzen  und je  einem  für  jeden  halben  Kanton  bestehend,
       gleicht so  ziemlich der  letzten Tagsatzung [30] in Zusammenset-
       zung und Charakter. Die Urkantönli haben wieder einige echte Son-
       derbündler [31]  hineingeschickt, und infolge der indirekten Wahl
       ist bei  den Ständen  das reaktionäre  Element, wenn auch in ent-
       schiedener Minorität,  doch bereits  stärker vertreten als im Na-
       tionalrat. Der  Ständerat ist überhaupt die durch Abschaffung der
       bindenden Mandate  [32] und  der Ungültigkeit  der halben Stimmen
       verjüngte, durch  Kreierung des  Nationalrats in  den Hintergrund
       gedrängte Tagsatzung.  Er spielt  die undankbare Rolle des Senats
       oder der Pairskammer, des Hemmschuhs an der vorausgesetzten über-
       fliegenden Neuerungslust  des Nationalrats,  des Erben der reifen
       Weisheit und sorgfältigen Überlegung der Väter. Diese würdige und
       gesetzte Behörde  teilt bereits  jetzt das Schicksal ihrer Schwe-
       stern in England und Amerika und weiland in Frankreich; sie wird,
       noch eh'  sie ein  Lebenszeichen von sich gegeben, von der Presse
       über die  Achseln angesehn  und über  dem Nationalrat  vergessen.
       Kein Mensch spricht
       
       #16# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       fast von  ihr, und  wenn sie  von sich  sprechen machen  wird, so
       wird's um so schlimmer für sie sein.
       Der Nationalrat,  obwohl er die ganze schweizerische "Nation" re-
       präsentieren soll,  hat gleich  in der ersten Sitzung eine Probe,
       zwar nicht  grade von Kantönligeist, aber doch von echt schweize-
       rischer Uneinigkeit  und Kleinigkeitskrämerei  gegeben. Um  einen
       Präsidenten zu wählen, mußte man dreimal abstimmen lassen, obwohl
       nur drei Kandidaten, und alle drei noch dazu Berner, ernsthaft in
       Betracht kamen. Es waren die Herren Ochsenbein, Funk und Neuhaus;
       die ersten  beiden Repräsentanten  der Berner  altradikalen,  der
       dritte Vertreter der altliberalen, halbkonservativen Partei. End-
       lich wurde  Herr Ochsenbein mit 50 aus 93 Stimmen, also einer gar
       knappen Majorität, erwählt. Daß die Züricher und andern Moderados
       [33] dem  Herrn Ochsenbein  den weisen und vielerfahrenen Neuhaus
       entgegensetzten, begreift  sich; daß  aber Herr Funk, der ganz zu
       derselben Schattierung  gehört wie  Ochsenbein, mit  ihm in  Kon-
       kurrenz gebracht und in zwei Abstimmungen gehalten wurde, das be-
       weist, wie  wenig  noch  die  Parteien  sich  geordnet  und  dis-
       zipliniert haben.  Jedenfalls haben  die  Radikalen  beim  ersten
       Turnier der  Parteien durch  Ochsenbeins Wahl  den Sieg  davonge-
       tragen. Bei der darauf vorgenommenen Wahl des Vizepräsidenten kam
       erst beim  fünften Mal  eine absolute  Majorität heraus!  Der ge-
       setzte und erfahrne Ständerat dagegen wählte gleich in der ersten
       Abstimmung fast  einstimmig den Zürcher Moderado Furrer zu seinem
       Präsidenten. Diese  beiden Wahlen  bezeichnen schon  hinreichend,
       wie verschieden dar Geist der beiden Kammern ist und wie bald sie
       auseinandergehn und in Konflikte geraten werden.
       Der nächste interessante Gegenstand der Debatte wird die Wahl der
       Bundesstadt sein.  Interessant für die Schweizer, weil sehr viele
       von ihnen  materiell dabei  interessiert sind,  für das  Ausland,
       weil grade  diese Debatte  am klarsten zeigen wird, inwieweit der
       alte Lokalpatriotismus,  die  Kantönli-Borniertheit  verschlissen
       ist. Bern, Zürich, Luzern konkurrieren am heftigsten. Bern möchte
       Zürich mit  der Bundes-Universität  und Luzern  mit dem Bundesge-
       richtshof abfinden,  aber umsonst. Bern ist jedenfalls die einzig
       geeignete Stadt - als Übergangspunkt der deutschen in die franzö-
       sische Schweiz,  als Hauptstadt  des größten Kantons, als entste-
       hender Zentralpunkt  für die  ganze Schweizer  Bewegung. Nun  muß
       Bern, um  etwas zu werden, auch die Universität und das Bundesge-
       richt haben. Aber das bringe einer den für ihre Kantonstadt fana-
       tisierten Schweizern bei! Es ist sehr möglich, daß der radikalere
       Nationalrat für das radikale Bern, der gesetzte Ständerat für das
       gesetzte, hoch-  und wohlweise  Zürich stimmt.  Dann ist vollends
       guter Rat teuer.
       
       #17# Die neuen Behörden - Fortschritte in der Schweiz
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       In Genf  sieht es seit drei Wochen sehr unruhig aus. Bei den Wah-
       len für  den Nationalrat  setzten die  reaktionären Patrizier und
       Bourgeois, die  von ihren  Villen aus  die Dörfer um Genf in fast
       feudaler Abhängigkeit halten, mit ihren Bauern alle drei Kandida-
       ten durch.  Aber das  Büro kassierte die Wahlen, weil mehr Stimm-
       zettel eingegangen  als ausgeteilt waren. Nur diese Kassation be-
       ruhigte die  revolutionären Arbeiter von Saint-Gervais, die schon
       haufenweise durch  die Straßen zogen und riefen: "Aux armes!" 1*)
       Die Haltung  der Arbeiter  während der  nächsten acht Tage war so
       drohend, daß die Bourgeois vorzogen, lieber gar nicht zu stimmen,
       als eine  Revolution mit  obligaten, bereits  angedrohten  Schre-
       ckensszenen zu provozieren. Um so mehr, als die Regierung drohte,
       ihre Entlassung  einzureichen, wenn  die reaktionären  Kandidaten
       nochmals durchgingen. Inzwischen änderten die Radikalen ihre Kan-
       didatenliste, setzten  weniger schroffe  Namen darauf, holten die
       versäumte Agitation  nach und erreichten bei der neuen Wahl 5000-
       5500, fast tausend Stimmen mehr als die Reaktionäre bei der vori-
       gen gehabt.  Die drei  reaktionären Kandidaten erhielten fast gar
       keine Stimmen,  am meisten  hatte noch General Dufour, der es auf
       1500 brachte.  Acht Tage  später waren  die Wahlen für den Großen
       Rat. Die  Stadt wählte  44 Radikale, das Land, das 46 Großräte zu
       wählen hat,  fast lauter  Reaktionäre. Die "Revue de Genève" [34]
       streitet sich  noch mit  den Bourgeoisblättern herum, ob diese 46
       alle reaktionär sind oder, ob ein halbes Dutzend für die radikale
       Regierung stimmen  werden. Es  wird sich bald zeigen. Die Verwir-
       rung in  Genf kann groß werden; denn wenn die Regierung, die hier
       direkt vom  Volk gewählt wird, abtreten muß, so könnte es bei der
       Neuwahl leicht gehen wie bei der zweiten Nationalratswahl und ei-
       ner reaktionären  Großrats-Majorität eine  radikale Regierung ge-
       genübergestellt werden.  Es ist  übrigens gewiß,  daß die  Genfer
       Arbeiter nur  auf eine Gelegenheit warten, um durch eine neue Re-
       volution die bedrohten Eroberungen von 1847 sicherzustellen.
       Alles in allem genommen hat. die Schweiz gegen die ersten vierzi-
       ger Jahre  bedeutende Fortschritte gemacht. Bei keiner Klasse ist
       dieser Fortschritt aber so auffallend wie bei den Arbeitern. Wäh-
       rend bei  der Bourgeoisie  und namentlich  in den altpatrizischen
       Familien der  alte lokalbornierte  Zopfgeist noch ziemlich allge-
       mein herrscht  und höchstens modernere Formen angenommen hat, ha-
       ben sich  die Schweizer  Arbeiter merkwürdig  entwickelt.  Früher
       hielten sie  sich getrennt  von den  Deutschen und stolzierten im
       absurdesten "freien  Schweizer" Nationalhochmut einher, räsonier-
       ten über  die "fremden  Chaibe" 2*)  und blieben  bei der  ganzen
       Zeitbewegung teilnahmslos. Jetzt ist das anders
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       1*) "Zu den Waffen!" - 2*) "fremden Spitzbuben"
       
       #18# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       geworden. Seitdem die Arbeit schlechter geht, seitdem die Schweiz
       demokratisiert ist,  namentlich aber  seitdem an  die Stelle  der
       kleinen Putsche  europäische Revolutionen  und Schlachten wie die
       Pariser Juni-  und Wiener Oktoberschlacht getreten sind - seitdem
       haben die Schweizer Arbeiter mehr und mehr an der politischen und
       sozialistischen Bewegung teilgenommen, haben sich mit den fremden
       Arbeitern, besonders  den deutschen,  verbrüdert und  ihr  "fryes
       Schwyzerthum" an  den Nagel  gehängt. In der französischen und in
       vielen Gegenden  der deutschen Schweiz sind Deutsche und deutsche
       Schweizer ohne  allen Unterschied in demselben Arbeiterverein zu-
       sammen, und Vereine, deren Mehrzahl aus Schweizern besteht, haben
       beschlossen, sich  an die  projektierte und teilweise ausgeführte
       Organisation der  deutschen demokratischen Vereine anzuschließen.
       Während  die   radikalsten  Radikalen   der  offiziellen  Schweiz
       höchstens von  der einen  und unteilbaren  helvetischen  Republik
       [35] träumen,  hört man  nicht selten von Schweizer Arbeitern die
       Ansicht aussprechen,  daß die  ganze Selbständigkeit  der kleinen
       Schweiz in  dem europäischen  Sturm, der  sich vorbereitet,  wohl
       bald zum  Teufel gehen  werde. Und  das sagen sie ganz kaltblütig
       und gleichgültig,  ohne ein  Wort des Bedauerns, diese proletari-
       schen Landesverräter!  Die Teilnahme  für die Wiener war groß bei
       allen Schweizern,  die ich  gesehen, aber bei den Arbeitern stieg
       sie zum  wahren Fanatismus.  Von Nationalrat,  Ständerat, von dem
       Freiburger Pfaffenputsch  [36] hörte  man kein  Wort; aber  Wien,
       Wien war im Munde aller, vom Morgen bis zum Abend. Es war, als ob
       die Schweizer  wieder, wie  vor Teils  Zeit, Wien zu ihrer Haupt-
       stadt hätten,  als ob sie wieder östreichisch seien. Hunderte von
       Gerüchten wurden  verbreitet, diskutiert,  bezweifelt,  geglaubt,
       wieder umgestoßen,  alle möglichen  Fälle wurden durchgesprochen;
       und als endlich die Nachricht vom Unterliegen der heroischen Wie-
       ner Arbeiter  und Studenten,  von der  Übermacht und der Barbarei
       Windischgrätz' sich  definitiv bestätigte,  da machte  sie  einen
       Eindruck auf  diese Schweizer  Arbeiter, als ob in Wien ihr eigen
       Los entschieden,  die Sache  ihres eigenen  Landes  erlegen  sei.
       Diese Stimmung ist freilich noch nicht allgemein, aber sie greift
       täglich mehr um sich unter dem Schweizer Proletariat, und daß sie
       schon an  vielen Orten  besteht, das  ist für  ein Land  wie  die
       Schweiz ein ungeheurer Fortschritt.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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