Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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#160# Eine Neujahrsgratulation
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["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 190 vom 9. Januar 1849)
* Köln, 8. Januar. Daß uns Pastor und Kantor, Küster und Balgen-
treter, Barbier und Nachtwächter, Flurschütz, Totengräber usw.
das neue Jahr eingratulieren, ist eine ebenso alte wie stets sich
erneuende Sitte, die uns gleichgültig läßt.
Allein das Jahr 1849 begnügt sich nicht mit dem Herkömmlichen.
Seinen Eintritt bezeichnete es mit Niedagewesenem, mit einer Neu-
jahrsgratulation des Königs von Preußen.
Es ist ein Neujahrswunsch zustande gekommen, nicht ans preußische
Volk, auch nicht "An meine lieben Berliner" [195], sondern "An
mein Heer" [196].
Dieses königliche Neujahrsskriptum blickt "mit Stolz" auf das
Heer, weil es treu blieb, "als" (die März-)" Empörung die fried-
liche Entwicklung der freisinnigen Institutionen störte, denen
Ich Mein Volk besonnen entgegenführen wollte".
Früher sprach man von März-Ereignissen, von "Mißverständnissen"
u. dgl. Jetzt bedarf es nicht mehr der Umhüllung: Die März-
"Mißverständnisse" werden uns als "Empörung" ins Gesicht ge-
schleudert.
Aus der königlichen Neujahrsgratulation weht uns der nämliche
Geist entgegen wie aus den Spalten der "Kreuzritterin" [3]. Wie
jene von "Empörung" spricht, so diese von ruhmlosen "Märzver-
brechern", von verbrecherischem Gesindel, das im März die Ruhe
des Berliner Schloßlebens unterbrochen.
Fragen wir, weshalb die März-"Empörung" so überaus empörend ist,
so lautet die Erwiderung: "weil sie die friedliche Entwickelung
der freisinnigen (!!) Institutionen störte etc." -
Schliefet ihr nicht im Friedrichshain [197], ihr Empörer des
März, ihr müßtet jetzt mit "Pulver und Blei" oder lebenslängli-
chem Zuchthaus begnadigt
#161# Eine Neujahrsgratulation
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werden. In eurer Ruchlosigkeit habt ihr ja "die friedliche Ent-
wickelung der freisinnigen Institutionen" gestört! Bedarf es wohl
der Rückerinnerung an jene königl[ich]-preuß[ische] Entwickelung
"freisinniger Institutionen", an die freisinnigste Entwickelung
des Geldverschwendens, an die "friedliche" Ausdehnung des Mucker-
tums und der königlich-preußischen Jesuiterei, an die friedliche
Entwickelung des Polizei- und Kasernentums, der Spionerie, des
Truges, der Heuchelei, des Übermuts und endlich der ekelhaftesten
Volksvertierung neben der schamlosesten Korruption in den sogen,
höhern Klassen? Es bedarf dieser Rückerinnerung um so weniger,
als wir nur um uns zu blicken, nur die Hände auszustrecken brau-
chen, um jene "gestörte Entwickelung" wieder in vollster Blüte
vor uns zu sehen und uns an der verdoppelten Auflage der gedach-
ten "freisinnigen Institutionen" zu erquicken.
"Meine Armee", heißt's in dem königl[ichen] Gratulationsschreiben
weiter, "hat ihren alten Ruhm bewährt und neuen geerntet."
Jawohl! Sie hat so viel Ruhm geerntet, daß höchstens die Kroaten
[112] einen großem beanspruchen dürfen.
Aber wo und wie geerntet? Erstens "schmückte sie ihre Fahnen mit
neuen Lorbeern, als Deutschland Unsrer Waffen in Schleswig be-
durfte".
Major Wildenbruchs an die dänische Regierung gerichtete preußi-
sche Note [198] ist die Grundlage, auf welcher der neue preußi-
sche Ruhm sich auftürmte. Die ganze Kriegsführung paßte vortreff-
lich zu jener Note, die dem dänischen Herrn Vetter 1*) versi-
cherte: es sei der preußischen Regierung ja gar nicht Ernst, sie
werfe nur den Republikanern einen Köder hin und den übrigen Leu-
ten Sand in die Augen, damit man nur Zeit gewinne. Und Zeit ge-
wonnen, alles gewonnen. Später werde man sich aufs fidelste ver-
ständigen.
Herr Wrangel, über den die öffentliche Meinung längere Zeit irr-
geführt wurde, Herr Wrangel verließ Schleswig-Holstein heimlich
wie ein Dieb in der Nacht. Er reiste in Zivil, um nicht erkannt
zu werden. In Hamburg erklärten sämtliche Gastwirte, daß sie ihn
nicht beherbergen könnten. Ihre Häuser und die Fenster und Türen
darin hätten sie viel lieber, als die vom Volke mißachteten, aber
in diesem ruhmreichen Herrn verkörperten Lorbeeren der preu-
ßischen Armee. Vergessen wir auch nicht, daß der einzige Erfolg
in diesem Feldzuge nutz- und sinnloser Hin- und Herzüge, der
vollständig an die Prozedur der alten Reichsgerichte erinnerte
(siehe unsere Nummern der damaligen Zeit 2*)), ein strategischer
Fehler war.
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1*) Friedrich VII. - 2*) siehe Band 5 unserer Ausgabe, S. 34/35
und 256-259
#162# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Das einzig Überraschende an diesem Feldzuge ist die namenlose
Keckheit der D ä n e n, die das preußische Heer mutwillig fopp-
ten und Preußen vollständig vom Weltmarkt abschnitten.
Zur Vervollständigung des preußischen Ruhmes, nach dieser Seite
hin, gehören außerdem die Friedensunterhandlungen mit Dänemark
und der daraus entsprungene Malmöer Waffenstillstand [134].
Wenn der römische Kaiser 1*) ein Geldstück, das für Urinsteuer
eingegangen war, daran riechend, sagen konnte: "Non olet" (es
riecht nicht), so steht dagegen auf den in Schleswig-Holstein
geernteten preußischen Lorbeeren in unvertilgbaren Zeichen:
"Olet!" (Es stinkt!)
Zweitens "bestand Mein Heer siegreich Mühseligkeiten und Gefah-
ren, als im Großherzogtum Posen die Insurrektion zu bekämpfen
war".
Was die "siegreichen Mühseligkeiten" betrifft, so sind sie fol-
gende: Preußen beutete erstens die hochherzige von Berlin aus auf
glatten Worten genährte Illusion der Polen aus, die in den
"Pommern" deutsche Waffengenossen gegen R u ß l a n d erblick-
ten, daher ruhig ihre Armee auflösten, die Pommern einrücken lie-
ßen und erst die auseinandergesprengten Cadres wieder sammelten,
als die Preußen Widerstandslose aufs schnödeste brutalisierten.
Und nun die preußischen Heldentaten! Nicht w ä h r e n d des
Krieges, n a c h dem Kriege spielen die Heldentaten der
"glorreichen" preußischen Armee. [132] Als Mieroslawski dem Juni-
sieger vorgestellt wurde, war Cavaignacs erste Frage, wie die
Preußen es angefangen hätten, um bei Miloslaw geschlagen zu wer-
den. (Wir können dies durch Ohrenzeugen beweisen.) 3000 Polen,
kaum mit Sensen und Piken bewaffnet, schlagen zweimal und nötigen
zweimal zum Rückzüge 20 000 Mann wohlorganisierte und reichlich
mit Geschütz versehene Preußen. Die preußische Kavallerie warf
selbst in wilder Flucht die preußische Infanterie über den Hau-
fen. Die polnische Insurrektion behauptet Miloslaw, nachdem sie
die Kontrerevolution zweimal aus der Stadt herausgeschlagen.
Schmählicher noch als die N i e d e r l a g e der Preußen bei
Miloslaw war ihr endlicher durch eine Niederlage vorbereiteter
S i e g bei Wreschen. Wenn ein unbewaffneter, aber herkulischer
Gegner einem mit Pistolen ausgerüsteten Feigling gegenübersteht,
so flieht der Feigling und feuert aus gehöriger Ferne die Pisto-
len ab. So machten's die Preußen bei Wreschen. Sie flohen bis zu
einer Entfernung, wo sie Kartätschen, mit 150 Kugeln gefüllte
Granaten, und Schrapnells auf Piken und Sensen, die bekanntlich
in der Ferne nicht treffen, abfeuern konnten. Die Schrapnells
wurden sonst nur von den Engländern
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1*) Vespasian
#163# Eine Neujahrsgratulation
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gegen ostindische Halbwilde abgefeuert. Erst die braven Preußen,
in fanatischer Angst vor der polnischen Tapferkeit und im Gefühle
ihrer eigenen Schwäche, wandten die Schrapnells gegen sogenannte
Mitbürger an. Sie mußten natürlich nach einem Mittel suchen, die
Polen massenhaft aus der Ferne zu töten. Die Polen in der Nähe
waren zu fürchterlich. Das war der g l o r r e i c h e S i e g
bei Wreschen. Aber, wie gesagt, n a c h dem Kriege beginnen
erst die Heldentaten der preußischen Armee, wie die Heldentaten
der Kerkermeister n a c h dem Urteilsspruch.
Daß d i e s e r Ruhm des preußischen Heeres in der Geschichte
fortleben wird, dafür bürgen die Tausende der durch preußischen
Verrat und schwarz-weiße [147] Tücke mit Schrapnells, Spitzkugeln
etc. hingemordeten und der später gehöllensteinten Polen [199].
Von diesem zweiten Lorbeerbündel der Kontrerevolutionsarmee haben
die von preußischen Helden angezündeten Dörfer und Städte, die
mit Kolben und Bajonetten in ihren Häusern zerstoßenen und massa-
krierten polnischen Bewohner, die Plünderungen und preußischen
Brutalitäten aller Arten hinreichendes Zeugnis abgelegt.
Unsterblicher Ruhm für diese preußischen Krieger in Posen, die
den Weg ungebahnt, auf welchem bald darauf der neapolitanische
Henkersknecht [200] einherwandelte, als er seine getreue Haupt-
stadt zusammenschoß und der Soldateska zur 24stündigen Plünderung
überwies. Heil und Ruhm dem preußischen Heere aus dem Posener
Feldzuge! Denn er leuchtete den Kroaten [112], Screschanern [81],
Ottochanern [201] und andern Horden des Windischgrätz und Konsor-
ten mit einem Beispiel voran, das, wie Prag (im Juni), Wien,
Preßburg etc. beweisen [202], zur würdigsten Nachfolge angefeuert
hat.
Und schließlich fand selbst d i e s e r Mut der Preußen gegen
die Polen nur aus Furcht vor den Russen statt.
"Aller guten Dinge müssen drei sein." Also mußte auch "Mein Heer"
einen dreifachen Ruhm ernten. Die Gelegenheit hierzu blieb nicht
aus. Denn "ihre Mitwirkung zur Erhaltung der Ordnung (!) in Süd-
deutschland erwarb dem preußischen Namen neue Anerkennung".
Nur Bosheit oder Verkleinerungssucht könnte es ableugnen, daß
"Meine Armee" dem Bundestage - der sich beim Umtaufen moderni-
sierte und Zentralgewalt nennen ließ - die trefflichsten Büttel-
und Gendarmendienste geleistet hat. Ebensowenig ist in Abrede zu
stellen, daß sich der preußische Name im Vertilgen von süddeut-
schem Wein, Fleisch, Zider etc. vollständige Anerkennung erworben
hat. Die ausgehungerten Märker, Pommern etc. haben sich ein pa-
triotisches Ränzlein angemästet, die Durstigen haben sich er-
quickt und überhaupt alles, was ihnen die süddeutschen Quartier-
geber vorsetzten, mit so
#164# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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heroischem Mute zu vertilgen gewußt, daß dort der preußische Name
überall die lauteste Anerkennung findet. Schade, daß die Quar-
tierbillets noch nicht bezahlt sind: Die Anerkennung wäre noch
lauter.
Der Ruhm "Meiner Armee" ist eigentlich unerschöpflich; doch darf
nicht übergangen werden, daß, "wo Ich rief, sie bereit stand, in
voller Treue, i n v o l l e r D i s z i p l i n", und gleich
merkwürdig ist es, der Nachwelt mitzuteilen, daß "Meine Armee ab-
scheulichen Verleumdungen ihren vortrefflichen Geist und e d l e
M a n n s z u c h t entgegenstellte".
Wie schmeichelhaft ist die Gratulation für "Meine Armee", indem
ihr darin die "volle Disziplin" und die "edle Mannszucht" und da-
mit nochmals ihre Heldentaten im Großherzogtum, außerdem aber die
Lorbeeren in Mainz, Schweidnitz, Trier, Erfurt, Berlin, Köln,
Düsseldorf, Aachen, Koblenz, Münster, Minden usw. in angenehme
Erinnerung gebracht werden. Wir andern aber, die nicht zu "Meiner
Armee" gehören, erweitern dabei unsre beschränkten Untertanenbe-
griffe. Greise und schwangere Frauen niederschießen, stehlen (in
der Nähe von Ostrowo protokollmäßig aufgenommen), ruhige Bürger
mit Kolben und Säbeln mißhandeln, Häuser demolieren, in der Nacht
mit unterm Mantel versteckten Waffen gegen unbewaffnete Leute
ausziehen, Wegelagerung (man erinnere sich des Abenteuers bei
Neuwied) - dieser und ähnlicher Heroismus heißt auf christlich-
germanisch: "v o l l e D i s z i p l i n", "e d l e
M a n n s z u c h t"! Es lebe die Mannszucht und die Disziplin,
da die unter solcher Firma Gemordeten doch einmal tot sind.
Die wenigen Stellen, die wir aus der königl[ich]-preuß[ischen]
Neujahrsgratulation berührt haben, zeigen uns, daß dieses
Schriftstück seiner Bedeutung und seinem Geiste nach mit dem Ma-
nifeste des Herzogs von Braunschweig pro 1792[203] auf gleicher
Stufe steht.
Geschrieben von Karl Marx.
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