Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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#182#
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Montesquieu LVI. [220]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 201 vom 21. Januar 1849]
* Köln, 20. Januar. Der "ehrenwerte" Joseph Dumont läßt einen
nicht von ihm bezahlten, sondern ihn bezahlenden Anonymus, der
hinter dem Strich die Urwähler bearbeitet, folgende Apostrophe an
die "Neue Rheinische Zeitung" richten:
"Der 'Neuen Rheinischen Zeitung', dem Organ der Demokratie, hat
es gefallen, von den unter dem Titel 'An die Urwähler' in diesem
Blatt veröffentlichten Aufsätzen Notiz zu nehmen und dieselben
als aus der 'Neuen Preußischen Zeitung' entlehnt zu bezeichnen.
Dieser L ü g e gegenüber einfach die Erklärung, daß diese Auf-
sätze a l s I n s e r a t e bezahlt werden, daß dieselben, mit
Ausnahme des ersten, der Parlaments-Korrespondenz entlehnten, in
Köln geschrieben sind und der Verfasser derselben die 'Neue Preu-
ßische Zeitung' bis jetzt noch nicht einmal gesehen, geschweige
denn gelesen hat." [221]
Wir begreifen, welche Wichtigkeit es für Montesquieu LVI. hat -,
sein E i g e n t u m zu konstatieren. Wir begreifen ebensosehr,
wie wichtig für Herrn Dumont die Erklärung ist, daß er "bezahlt"
wird, selbst für die Flugblätter und Inserate, die er im Inter-
esse seiner eignen Klasse, der Bourgeoisie, setzen, drucken und
verbreiten läßt.
Was den Anonymus betrifft, so kennt er das französische Sprich-
wort: "Les beaux esprits se rencontrent." 1*) Es ist nicht seine
Schuld, wenn seine eigensten Geistesprodukte denen der "Neuen
Preußischen Zeitung" [3] und der "Preußenvereine" [222] wie ein
Ei dem andern bis zur Verwechslung gleichen.
Wir haben seine Inserate in der "Kölnischen Zeitung" n i e
g e l e s e n, sondern nur die aus der Dumontschen Druckerei
hervorgehenden Flugblätter, die uns von links und rechts zuge-
schickt wurden, eines flüchtigen Blicks gewürdigt,
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1*) "Die schönen Geister finden sich."
#183# Montesquieu LVI.
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finden aber jetzt durch Vergleichung, daß dieselben Wische als
Inserat und Flugblatt zugleich ihre Rolle spielen.
Um unser Vergehen gegen den anonymen Montesquieu LVI. zu sühnen,
hüben wir uns die harte Buße auferlegt, seine sämtlichen Inserate
in der "Kölnischen Zeitung" durchzulesen und sein geistiges Pri-
vateigentum als "Gesamteigentum" dem deutschen Publikum preiszu-
geben.
H i e r i s t W e i s h e i t!
Montesquieu LVI. beschäftigt sich vorzugsweise mit der
s o z i a l e n Frage. Er hat den "leichtesten, einfachsten Weg"
zu ihrer L ö s u n g gefunden und preist seine Morrisonspille
1*) mit salbungsvollstem, naivschamlosestem Quacksalberpathos an:
"Der leichteste, einfachste Weg aber ist dazu" (nämlich zur Lö-
sung der sozialen Frage): "die am 5. Dezember v.J. oktroyierte
Verfassung anzunehmen, sie zu revidieren, dann von allen Seiten
beschwören zu lassen und sie so festzusetzen. D a s i s t
d e r e i n z i g e W e g, d e r u n s z u m H e i l e
f ü h r t. - Wer also ein Herz im Busen trägt für die Not seiner
armen Brüder, wer die Hungrigen speisen und die Nackten kleiden
will,... wer, mit einem Worte, die soziale Frage 2*) lösen
will... - der wähle keinen, der sich gegen die Verfassung aus-
spricht." [223] (Montesquieu LVI.)
Stimmt für Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg, und die soziale
Frage ist auf dem "einfachsten" und "leichtesten Wege" gelöst!
Stimmt für Dumont, Camphausen, Wittgenstein oder auch für dii mi-
norum gentium 3*) wie Compes, Mevissen u. dgl. - und die soziale
Frage ist gelöst. Die "soziale Frage" für eine Stimme! Wer "die
Hungrigen speisen und die Nackten kleiden will", der stimme für
die Hansemann und Stupp! Für jede Stimme eine soziale Frage weni-
ger! Die Annahme der oktroyierten Verfassung - voilà la solution
du problème social! 4*)
Wir zweifeln keinen Augenblick, daß nicht nur Montesquieu LVI,,
sondern auch seine Patrone im Bürgervereine [224] die Annahme,
Revision, Beschwörung und Festsetzung der oktroyierten Verfas-
sung'2251 nicht abwarten werden, um die "Hungrigen zu speisen und
die Nackten zu kleiden". Auch sind dazu schon Anstalten getroffen
worden.
Seit einigen Wochen fliegen hier Zirkulare umher, worin den
Handwerksmeistern, Krämern usw. von den Kapitalisten angezeigt
wird, daß in Betracht der heutigen Umstände und des wiedererwa-
chenden Kredits aus philanthropischen Gründen die Zinsen von 4
auf 5 Prozent erhöht werden. Erste Lösung der sozialen Frage!
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1*) Abführmittel - 2*) in der "Kölnischen Zeitung": sozialen Fra-
gen - 3*) die geringeren Götter - 4*) das ist die Lösung der so-
zialen Frage!
#184# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Der hiesige Gemeinderat hat in demselben Sinne die "Arbeiter-
karte" für die Unglücklichen abgefaßt, die verhungern - oder ihre
Arme der Stadt verkaufen müssen (vgl. Nr. 187 der "Neuen
Rheinischen Zeitung" 1*)). Man erinnert sich, daß in dieser den
Arbeitern oktroyierten Charta der brotlos gewordene Arbeiter
kontraktlich verpflichtet wird, unter polizeiliche Aufsicht zu
treten. Zweite Lösung der sozialen Frage!
In Köln stiftete der Gemeinderat kurz nach den Märzwehn eine
Speiseanstalt zu kostenden Preisen, schön eingerichtet, mit
prächtigen beizbaren Zimmern usw. N a c h der Erteilung der ok-
troyierten Verfassung ist an die Stelle dieses Lokals ein andres,
der Armenverwaltung untergeordnetes getreten, wo nicht geheizt
wird, die Speisegeschirre fehlen, wo es nicht erlaubt ist, die
Speisen an Ort und Stelle zu verzehren, sondern das Quart einer
namenlosen Brühe zu 8 Pfg. verkauft wird. Dritte Lösung der so-
zialen Frage!
In Wien hüteten die Arbeiter während ihrer Herrschaft die Bank,
die Häuser und die Reichtümer der davongelaufenen Bourgeois. Bei
ihrer Rückkehr denunzierten dieselben Bourgeois diese "Räuber"
dem Windischgrätz zum H ä n g e n. Die Arbeitslosen, die den
Gemeinderat angingen, wurden in die Armee gegen Ungarn gesteckt.
Vierte Lösung der sozialen Frage!
In Breslau warfen Gemeinderat und Regierung ruhig die Elenden,
die im Armenhause ihre Zuflucht suchen müssen, durch Entziehung
der physisch unentbehrlichsten Lebensgenüsse der Cholera in die
Arme und nahmen erst Notiz von den Schlachtopfern ihrer grausamen
Mildtätigkeit, als die Seuche ihnen selbst auf den Leib rückte.
Fünfte Lösung der sozialen Frage!
Im Berliner Verein "mit Gott für König und Vaterland" erklärte
ein Freund der oktroyierten Verfassung, es sei penibel, daß man
immer noch zur Durchsetzung seiner Interessen und Absichten dem
"Proletariat" Komplimente machen müsse.
Das die Lösung der "Lösung der sozialen Frage".
"Die preußischen Spione sind eben deshalb so gefährlich, weil sie
nie bezahlt werden, sondern stets hoffen, bezahlt zu werden",
sagt unser Freund Heine. Und die preußischen Bourgeois sind eben
deshalb so gefährlich, weil sie nie zahlen, sondern stets zu zah-
len versprechen.
Die englischen und französischen Bourgeois lassen sich so einen
Wahltag schweres Geld kosten. Ihre Bestechungsmanöver sind welt-
bekannt. Die preußischen Bourgeois, "das sind die allerklügsten
Leut"! Viel zu moralisch und solid, um ihren Beutel zu ziehen,
zahlen sie mit der "Lösung der sozialen Frage". Das kostet
nichts! Doch Montesquieu LVI. zahlt wenigstens, wie
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1*) Siehe vorl. Band, S. 151-155
#185# Montesquieu LVI.
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Dumont amtlich versichert, die Insertionsgebühren an die "Kölni-
sche Zeitung" und gibt die Lösung der "sozialen Fragen" - gratis
zu.
Der praktische Teil der petits oeuvres 1*) unseres Montesquieu
besteht also darin: Stimmt für Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg!
Wählt Camphausen-Hansemann! Schickt uns nach Berlin, laßt unsere
Leute sich da erst festsetzen. Das ist die L ö s u n g d e r
s o z i a l e n F r a g e!
Der unsterbliche H a n s e m a n n hat diese Fragen gelöst.
Erst Herstellung der Ordnung, um den Kredit herzustellen. Dann,
wie im Jahre 1844, wo "meinen lieben schlesischen Webern geholfen
werden sollte und mußte", Pulver und Blei, um die "soziale Frage"
zu lösen!
Stimmt also für Freunde der oktroyierten Verfassung! Aber Montes-
quieu LVI. nimmt nur die oktroyierte Verfassung an, um sie hin-
terher "revidieren" und "beschwören" zu können.
Bester Montesquieu ! Hast du einmal die Verfassung angenommen, so
wirst du sie nur auf ihrer eigenen Grundlage revidieren, d.h. re-
vidieren, soweit es dein Belieben des Königs und der aus Kraut-
junkern, Finanzbaronen, hohen Beamten und Pfaffen zusammengesetz-
ten zweiten Kammer zusagt. Diese einzig mögliche Revision ist
vorsorglicherweise schon in der oktroyierten Verfassung selbst
angedeutet. Sie besteht in dem Verlassen des konstitutionellen
Systems und in der Wiederherstellung des alten christlich-germa-
nischen S t ä n d e w e s e n s.
Das ist die Revision, die nach Annahme der oktroyierten Verfas-
sung einzig möglich und einzig gestattet ist, was dem Scharfsinn
eines Montesquieu nicht entgangen 2*) sein kann.
Der praktische Teil der petits oeuvres Montesquieus LVI. läuft
also darauf hinaus: Stimmt für Hansemann-Camphausen! Stimmt für
Dumont-Stupp. Stimmt für Brandenburg-Manteuffel! Nehmt die ok-
troyierte Verfassung an! Wählt Wahlmänner, die die oktroyierte
Verfassung annehmen - und alles das unter dem Vorwande, "die so-
ziale Frage" zu lösen.
Was Teufel schert uns der Vorwand, wenn es einmal die oktroyierte
Verfassung gilt.
Aber unser Montesquieu hat seiner praktischen Anweisung, "die so-
ziale Frage" zu lösen, der wirklichen Pointe seines Riesenwerkes,
natürlich einen theoretischen Teil vorhergeschickt. Sehen wir uns
diesen theoretischen Teil an.
Der tiefsinnige Denker erklärt zuerst, w a s d i e "s o z i a-
l e n F r a g e n" s i n d.
"Was ist es also eigentlich mit der sozialen Frage?
Der Mensch soll und will leben.
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1*) kleinen Werke - 2*) in der "N. Rh. Ztg.": entgegen
#186# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Zum Leben braucht der Mensch Wohnung, Kleidung, Nahrung. Wohnung
und Kleidung bringt die Natur gar nicht hervor, Nahrung wächst
wild nur spärlich und lange nicht zureichend.
Der Mensch muß sich deshalb diese Bedürfnisse selbst anschaffen.
Das geschieht durch Arbeit.
Arbeit ist demnach die erste Bedingung unseres Lebens, ohne Ar-
beit können wir nicht leben.
Bei den ersten Völkern baute sich nun jeder seine Hütte selbst,
fertigte sich seine Kleidung aus Tierfellen selbst, brach sich
seine Früchte zum Essen selbst. Das war der Urzustand.
Wenn der Mensch aber nichts braucht als Wohnung, Kleidung, Nah-
rung, wenn er also bloß seine körperlichen Bedürfnisse befrie-
digt, so steht er mit dem Tiere auf gleicher Stufe; denn das tut
das Tier auch.
Der Mensch aber ist ein höheres Wesen als das Tier, er braucht
mehr zum Leben: Er braucht Freude, er soll sich zu einem sittli-
chen Werte erheben. Das kann er aber nur, wenn er in Gesellschaft
lebt.
Sobald die Menschen aber in Gesellschaft lebten, trat ein ganz
anderes Verhältnis ein. Sie bemerkten bald, daß die Arbeit viel
leichter sei, wenn jeder einzelne nur eine bestimmte Arbeit
machte. Und so fertigte der eine Kleidung, der zweite baute Häu-
ser, der dritte sorgte für Nahrung, und der erste gab dem zwei-
ten, was diesem fehlte. So bildeten sich die verschiedenen Stände
der Menschen ganz von selbst, indem der eine Jäger, der andere
Handwerker, der dritte Ackerbauer wurde. Die Menschen aber blie-
ben dabei nicht stehen; denn die Menschheit muß vorwärts schrei-
ten. Man machte Erfindungen. Man erfand das Spinnen und das We-
ben, das Schmieden des Eisens, das Gerben der Tierfelle. Je mehr
man Erfindungen machte, desto mannigfaltiger ward das Handwerk,
desto leichter der Ackerbau, dem das Handwerk Pflug und Spaten
lieferte. Alles half sich, alles griff ineinander. Man kam dann
mit benachbarten Völkern zusammen; das eine Volk hatte, was das
andere entbehrte - und dieses besaß, was jenes nicht hatte. Man
tauschte dieses um. So entstand der H a n d e l und damit ein
neuer Zweig der menschlichen Tätigkeit. So schritt die Bildung
von Stufe zu Stufe fort; von den ersten unbeholfenen Erfindungen
kam man in Jahrhunderten endlich zu den Erfindungen unserer Zeit.
So bildeten sich unter den Menschen die Wissenschaften und die
Künste, und immer reicher, immer mannigfaltiger wurde das Leben.
Der Arzt heilte den Kranken, der Pfarrer predigte, der Kaufmann
handelte, der Landmann baute das Feld, der Gärtner zog Blumen,
der Maurer baute die Häuser, die der Schreiner mit Hausgerät ver-
sah, der Müller mahlte das Mehl, das der Bäcker zu Brot verbackte
- eines griff in das andere; niemand konnte allein stehen, nie-
mand sich seine Bedürfnisse selbst allein verschaffen.
Das sind die sozialen Verhältnisse.
Sie sind ganz naturgemäß von selbst entstanden. Und wenn ihr
heute eine Revolution macht, die alle diese Verhältnisse von
Grund aus zerstört, wenn ihr dann morgen wieder von neuem anfangt
zu leben, so werden die Verhältnisse sich genau so wieder bilden,
#187# Montesquieu LVI.
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wie sie jetzt sind. Seit Jahrtausenden ist es bei allen Völkern
der Erde ebenso gewesen. Wenn nun jemand einen Unterschied macht
zwischen Arbeitern und Bourgeoisie - so ml das eine große Lüge.
Wir arbeiten alle, jeder in seiner Art, jeder nach seinen Kräften
und Fähigkeiten. Der Arzt arbeitet, wenn er den Kranken besucht,
der Musiker, der zum Tanze aufspielt, der Kaufmann, der seine
Briefe schreibt, alle arbeiten, jeder an seiner Stelle." [223]
Hier ist Weisheit! Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Was ist es also eigentlich mit der physiologischen Frage!
Jedes körperliche Wesen setzt eine gewisse Schwere, Dichtigkeit
u. dgl. voraus. Jeder organische Körper besteht aus allerhand Be-
standteilen, wovon ein jeder seine eigene Funktion ausübt und wo
die wechselseitigen Organe ineinandergreifen.
"Das sind die physiologischen Verhältnisse."
Montesquieu LVI. es läßt sich nicht leugnen, besitzt ein origi-
nelles Talent für die Vereinfachung der Wissenschaft. Ein Patent
(ohne Garantie der Regierung) für Montesquieu LVI.
Arbeitsprodukte werden nur durch Arbeit hervorgebracht. Ohne Säen
keine Ernte, ohne Spinnen kein Gespinst usw.
Europa wird sich bewundernd beugen vor dem Riesengenie, das diese
Wahrheiten in Köln selbst, ohne jede Beihülfe der "Neuen
Pr[eußischen] Z[eitung]", zutage gefördert hat.
In der Arbeit treten die Menschen in bestimmte Beziehungen zuein-
ander. Es findet eine Teilung der Arbeit statt, die mehr oder
minder mannigfaltig ist. Einer backt, der andere schmiedet, der
eine wühlt, der andere heult [226], Montesquieu LVI. schreibt und
Dumont druckt. Adam Smith, erkenne deinen Meister -!
Diese Entdeckungen nun, daß die Arbeit und die Teilung der Arbeit
Lebensbedingungen jeder menschlichen Gesellschaft sind, befähigen
Montesquieu LVI. zu dem Schlüsse, daß die "verschiedenen Stände"
naturgemäß sind, daß der Unterschied zwischen "Bourgeoisie und
Proletariat" eine "große Lüge" ist, daß die bestehenden "sozialen
Verhältnisse", mag eine "Revolution" sie heute von Grund aus zer-
stören, sich "genau so wieder bilden werden, wie sie jetzt sind",
und daß es endlich unumgänglich nötig ist, Wahlmänner im Sinne
Manteuffels und der oktroyierten Verfassung zu wählen, wenn man
anders "für die Not seiner armen Brüder ein Herz im Busen trägt"
und sich der Achtung Montesquieu LVI. teilhaftig zu machen ge-
denkt.
"Seit Jahrtausenden ist es bei allen Völkern der Erde ebenso ge-
wesen"!!! In Ägypten gab es Arbeit und Teilung der Arbeit - und
Kasten; in Griechenland und Rom Arbeit und Teilung der Arbeit -
und Freie und Sklaven; im
#188# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Mittelalter Arbeit und Teilung der Arbeit - und Feudalherren und
Leibeigene, Zünfte, Stände u. dgl. Zu unserer Zeit gibt es Arbeit
und Teilung der Arbeit - und Klassen, von denen die eine im Be-
sitz sämtlicher Produktionsinstrumente und Lebensmittel ist, wäh-
rend die andere nur lebt, solange sie ihre Arbeit verkauft, und
nur so lange ihre Arbeit verkauft, als die arbeitgebende Klasse
sich durch den Ankauf dieser Arbeit bereichert.
Ist es also nicht sonnenklar, daß "es bei allen Völkern der Erde
seit Jahrtausenden ebenso gewesen ist", wie es heutzutage in
Preußen ist, weil Arbeit und Teilung der Arbeit stets in einer
oder der andern Form existierten? Oder zeigt sich etwa umgekehrt,
daß die sozialen Verhältnisse, die Eigentumsverhältnisse, bestän-
dig umgestürzt wurden eben durch die stets veränderte Art der Ar-
beit und Teilung der Arbeit?
Im Jahre 1789 riefen die Bourgeois der feudalen Gesellschaft
nicht zu: Adel bleib Adel, Leibeigner bleib Leibeigener, Zünfti-
ger bleib zünftig - denn ohne Arbeit und Teilung der Arbeit keine
Gesellschaft! Ohne Einatmung der Luft kein Leben! Atmet also die
Stickluft ein und öffnet ja nicht die Fenster - so räsoniert Mon-
tesquieu LVI.
Es gehört die ganze naiv-tölpelhafte Dummdreistigkeit eines in
brutaler Unwissenheit ergrauten deutschen Reichspfahlbürgers
dazu, nachdem er die ersten Buchstaben der politischen Ökonomie -
Arbeit, Teilung der Arbeit - oberflächlich und schief der trägen
Hirnmaterie eingekeilt hat, in Fragen, an denen unser Jahrhundert
sich die Zähne ausbeißt, orakelnd mitzusprechen.
"Ohne Arbeit und Teilung der Arbeit keine Gesellschaft!
Also
Wählt Freunde der oktroyierten preußischen Verfassung und nur
Freunde der oktroyierten Verfassung zu Wahlmännern."
Dies Epitaph wird einst in großen Buchstaben auf den Wänden des
prachtvollen Marmormausoleums prangen, das die dankbare Nachwelt
dem Löser der sozialen Frage, Montesquieu LVI. (nicht zu verwech-
seln mit Heinrich CCLXXXIV. von Reuß-Schleiz-Greiz-Lobenstein-
Eberswalde 1*)), zu bauen sich verpflichtet fühlen wird.
Montesquieu LVI. verheimlicht uns nicht, "wo der Knoten liegt"
und was er zu tun gedenkt, sobald er zum Gesetzgeber proklamiert
ist.
"Dafür", belehrt er uns, "muß der Staat sorgen, daß jeder so viel
Erziehung erhält, um etwas Ordentliches in der Welt lernen zu
können."
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1*) Ironische Anspielung auf Heinrich LXXII., Fürst von Reuß-Lo-
benstein-Ebersdorf
#189# Montesquieu LVI.
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Montesquieu LVI. hat nie davon reden gehört, daß unter den beste-
henden Verhältnissen die Teilung der Arbeit an die Stelle der
komplizierten Arbeit die einfache, an die Stelle der Erwachsenen
die Kinder, an die Stelle der Männer die Weiber, an die Stelle
des selbständigen Arbeiters Automaten setzt, daß in demselben
Verhältnisse, worin die moderne Industrie sich entwickelt, die
Erziehung des Arbeiters überflüssig und unmöglich wird. Wir ver-
weisen den kölnischen Montesquieu weder auf St. Simon noch Fou-
rier, sondern auf Malthus und Ricardo. Der Biedermann lerne erst
die ersten Grundlinien der jetzigen Verhältnisse kennen, ehe er
sie ausbessert und - Orakel austeilt.
"Für Leute, die durch Krankheit, durch Alter verarmt sind, muß
die Gemeinde sorgen."
Und wenn die Gemeinde selbst verarmt, was bei den mit der neuen
Verfassung gleichzeitig oktroyierten 100 Millionen Steuern 1*)
und epidemischen Belagerungszuständen nicht ausbleiben kann, wie
dann, Montesquieu?
"Wo neue Erfindungen oder Handelskrisen ganze Erwerbszweige zer-
stören, muß der Staat zu Hülfe kommen und Rat schaffen."
So unvertraut der kölnische Montesquieu mit den Dingen dieser
Welt ist, es kann ihm kaum verborgen geblieben sein, daß die
"neuen Erfindungen" und die Handelskrisen so permanent sind wie
die preußischen Ministerialerlasse und Rechtsböden. Die neuen Er-
findungen werden in Deutschland speziell erst dann eingeführt,
wenn die Konkurrenz mit den fremden Völkern ihre Einführung zu
einer Lebensfrage macht, und sollen die neu aufkommenden Erwerbs-
zweige sich ruinieren, um den untergehenden zur Hülfe zu kommen!
Die durch Erfindungen neu aufkommenden Erwerbszweige kommen eben
dadurch auf, daß sie wohlfeiler produzieren als die untergehen-
den. Wo Teufel wäre der Vorteil, wenn sie die untergehenden bekö-
stigen müßten? Der Staat aber, die Regierung, gibt bekanntlich
nur scheinbar. Erst muß ihm gegeben werden, damit er gebe. Wer
aber soll ihm geben, Montesquieu LVI.? Der untergehende Erwerbs-
zweig, damit er noch schneller untergehe? Oder der aufkommende,
damit er schon im Aufkommen verkümmre? Oder die von den neuen Er-
findungen nicht berührten Erwerbszweige, damit sie durch die Er-
findung einer neuen Steuer bankeruttieren? Überlege dir das reif-
lich, Montesquieu LVI.!
Und nun gar die Handelskrisen, Bester? Wenn eine europäische
Handelskrise ausbricht, so kann der preußische Staat nichts
ängstlicher in Betracht ziehen, als wie er den gewohnten Steuer-
quellen durch Exekution u.dgl. die
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1*) Siehe vorl. Band, S. 157
#190# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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letzten Wassertropfen abpresse. Der arme preußische Staat! Damit
der preußische Staat die Handelskrisen unschädlich mache, müßte
er außer der Nationalarbeit noch eine dritte Einnahmequelle in
den Wolken besitzen. Allerdings, wenn sich durch Allerhöchste
Neujahrswünsche 1*), Wrangelsche Armeebefehle [160] oder Manteuf-
felsche Ministerialerlasse Geld aus der Erde stampfen ließe, die
"Steuerverweigerung" würde keinen so panischen Schrecken unter
die preußischen "lieben Getreuen" geworfen und die soziale Frage
auch ohne oktroyierte Verfassung gelöst worden sein.
Man weiß, daß die "Neue Preußische Zeitung" unsern Hansemann für
einen Kommunisten erklärte, weil er die Steuerbefreiungen aufzu-
heben gedachte. Unser Montesquieu, der niemals die "N[eue]
Pr[eußische] Z[eitung]" gelesen, kömmt von selbst in Köln auf den
Einfall, jeden für einen "Kommunisten" und "roten Republikaner"
zu erklären, der die oktroyierte Verfassung bedroht! Also stimmt
für Manteuffel, oder ihr seid nicht nur persönliche Feinde der
Arbeit und der Teilung der Arbeit, sondern auch Kommunisten und
rote Republikaner. Erkennt den neuesten "Rechtsboden" Brüggemanns
an, oder - verzichtet auf den Code civil! [227]
Figaro, tu n'aurais pas trouvé ça! [228]
Morgen mehr von Montesquieu LVI.!
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 202 vom 22. Januar 1849]
* Köln, 21. Januar. Montesquieu LVI. sucht den "geschenkten
Gaul", die oktroyierte Verfassung, mit der ganzen kleinpfiffigen
Verschlagenheit eines vielerfahrenen R o ß t ä u s c h e r s an
die Urwähler loszuschlagen. Er ist der Montesquieu des Pferde-
markts.
Wer die oktroyierte Verfassung nicht will, der will die Republik,
und nicht nur die Republik schlechthin, sondern die rote Repu-
blik! Leider handelt es sich bei unsern Wahlen um nichts weniger
als Republik und rote Republik. Es handelt sich einfach darum:
Wollt ihr den alten A b s o l u t i s m u s samt einem neu auf-
gefrischten S t ä n d e w e s e n - oder wollt ihr ein bürger-
liches R e p r ä s e n t a t i v s y s t e m? Wollt ihr eine
politische Verfassung, die den "bestehenden sozialen Verhältnis-
sen" vergangener Jahrhunderte entspricht, oder wollt ihr eine po-
litische Verfassung, die den "bestehenden sozialen Verhältnissen"
eures Jahrhunderts zusagt?
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1*) Siehe vorl. Band, S. 160-164
#191# Montesquieu LVI.
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Es handelt sich in dieser Angelegenheit also um nichts weniger
als um einen Kampf gegen die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse,
wie er in Frankreich stattfindet und in England sich vorbereitet.
Es handelt sich vielmehr um den Kampf gegen eine politische Ver-
fassung, welche die "bürgerlichen Eigentumsverhältnisse" gefähr-
det, indem sie den Repräsentanten der "feudalen Eigentumsverhält-
nisse", dem Könige von Gottes Gnaden, der Armee, der Bürokratie,
den Krautjunkern und einigen mit ihnen verbündeten Finanzbaronen
und Spießbürgern das Staatsruder überantwortet.
Durch die oktroyierte Verfassung ist die soziale Frage im Sinne
dieser Herren gelöst. Kein Zweifel.
Was ist die "soziale Frage" im Sinne des Beamten? Es ist die Be-
hauptung seines Gehalts und seiner bisherigen, dem Volke überge-
ordneten Stellung.
Und was ist die "soziale Frage" im Sinne des Adels und seiner
großen Grundbesitzer? Es ist die Behauptung der bisherigen feuda-
len Grundgerechtigkeiten, die Beschlagnahme der einträglichsten
Stellen in Armee und Zivil durch seine Familien, endlich der di-
rekte Almosenempfang aus der Staatskasse. Außer diesen handgreif-
lichen m a t e r i e l l e n und darum "h e i l i g s t e n"
Interessen der Herren "mit Gott für König und Vaterland" handelt
es sich für sie natürlich auch um Behauptung der gesellschaftli-
chen Auszeichnungen, die ihre Race von der schlechten bürgerli-
chen, bäuerlichen und plebejischen Race unterscheiden. Die alte
Nationalversammlung wurde ja eben auseinandergejagt, weil sie die
Hand an diese "heiligsten Interessen" zu legen wagte. Was die
Herren unter "Revision" der oktroyierten Verfassung verstehen,
ist, wie schon früher angedeutet wurde, nichts anders als die
Einführung des ständischen Systems, d.h. einer Form der politi-
schen Verfassung, welche die "sozialen" Interessen des Feudala-
dels, der Bürokratie und des Königtums von Gottes Gnaden ver-
tritt.
Noch einmal! Kein Zweifel, daß die "soziale Frage" im Sinne des
Adels und der Bürokratie durch die oktroyierte Verfassung gelöst
ist, d.h., daß sie diesen Herren eine Regierungsform schenkt,
welche die Volksausbeutung durch diese Halbgötter sicherstellt.
Aber ist die "soziale Frage" im Sinne der Bourgeoisie durch die
oktroyierte Verfassung gelöst? In andern Worten: Erhält die Bour-
geoisie eine Staatsform, in der sie die gemeinsamen Angelegenhei-
ten ihrer Klasse, die Interessen des Handels, der Industrie, des
Ackerbaus, frei verwalten, die Staatsgelder auf die produktivste
Weise verwenden, die Staatshaushaltung auf die wohlfeilste Weise
einrichten, die Nationalarbeit wirksam nach außen beschützen und
nach innen alle vom feudalen Schlamme versperrten Springquellen
des Nationalreichtums eröffnen kann?
#192# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Zeigt uns die Geschichte ein einziges Beispiel, daß die Bour-
geoisie mit einem von Gottes Gnaden oktroyierten Könige je eine
ihren materiellen Interessen entsprechende politische Staatsform
durchzusetzen vermochte?
Um die konstitutionelle Monarchie zu begründen, mußte sie in Eng-
land zweimal die Stuarts verjagen, in Frankreich die angestammten
Bourbonen, in Belgien den Nassauer. [229]
Woher dies Phänomen?
Ein angestammter König von Gottes Gnaden, das ist kein einzelnes
Individuum, das ist der leibhafte Repräsentant der alten Gesell-
schaft innerhalb der neuen Gesellschaft. Die Staatsmacht in den
Händen des Königs von Gottes Gnaden, das ist die Staatsmacht in
den Händen der alten, nur mehr ruinenweise existierenden Gesell-
schaft, das ist die Staatsmacht in den Händen der feudalen
Stände, deren Interesse dem Interesse der Bourgeoisie aufs feind-
lichste gegenübersteht.
Die Grundlage der oktroyierten Verfassung ist aber eben der
"König von Gottes Gnaden".
Wie die feudalen Gesellschaftselemente in dem Königtum von Gottes
Gnaden ihre p o l i t i s c h e S p i t z e, so erblickt das
Königtum von Gottes Gnaden in den feudalen Ständen seine
g e s e l l s c h a f t l i c h e U n t e r l a g e, die be-
kannte "K ö n i g s m a u e r". [230]
Sooft daher die Interessen der Feudalherrn und der von ihnen
beherrschten Armee und Bürokratie mit den Interessen der Bour-
geoisie sich kreuzen, wird das gottesbegnadete Königtum jedesmal
zu einem Staatsstreich gedrängt und eine revolutionäre oder kon-
trerevolutionäre Krise vorbereitet werden.
Warum wurde die Nationalversammlung verjagt? Nur, weil sie das
Interesse der Bourgeoisie gegen das Interesse des Feudalismus
vertrat; weil sie die Agrikultur hemmende Feudalverhältnisse auf-
heben, die Armee und Bürokratie dem Handel und der Industrie un-
terordnen, der Verschleudrung des Staatsschatzes Einhalt tun, die
adligen und bürokratischen Titel abschaffen wollte.
In allen diesen Fragen handelte es sich v o r z u g s w e i s e
und u n m i t t e l b a r um das I n t e r e s s e d e r
B o u r g e o i s i e.
Also S t a a t s s t r e i c h e und k o n t r e r e v o l u-
t i o n ä r e K r i s e n, das sind die Lebensbedingungen des
Königtums von Gottes Gnaden, welches durch März- oder andre
Ereignisse gezwungen worden ist, sich zu demütigen und die
Scheinform eines bürgerlichen Königtums widerstrebend anzunehmen.
Kann in einer Staatsform, deren notwendige Pointe Staatsstreiche,
kontrerevolutionäre Krisen und Belagerungszustände sind, der
K r e d i t je wieder aufkommen?
#193# Montesquieu LVI.
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Welcher Wahn!
Die bürgerliche Industrie m u ß die Fesseln des Absolutismus
und Feudalismus sprengen. Eine Revolution gegen beide beweist
eben nur, daß die bürgerliche Industrie einen Höhepunkt erreicht
hat, wo sie eine ihr angemessene Staatsform erobern oder unter-
gehn muß.
Das mit der oktroyierten Verfassung gesicherte bürokratische Vor-
mundsschaftssystem ist der T o d der Industrie. Betrachtet nur
die preußische Bergwerksverwaltung, die Fabrikreglements u. dgl.!
Wenn der englische Fabrikant seine Produktionskosten mit denen
des preußischen Fabrikanten vergleicht, so wird er stets in er-
ster Linie den Zeitverlust stellen, den der preußische Fabrikant
durch die notwendige Beobachtung der bürokratischen Vorschriften
erleidet.
Welcher Zuckerraffineur erinnert sich nicht des preußischen Han-
delsvertrags mit Holland im Jahre 1839? [231] Welcher preußische
Industrielle errötet nicht bei der Erinnerung an das Jahr 1846,
wo die preußische Regierung einer ganzen Provinz die Ausfuhr nach
Galizien durch ihre Gefälligkeit gegen die östreichische Regie-
rung abschnitt und das preußische Ministerium, als Bankerutt auf
Bankerutt in Breslau ausbrach, verwundert erklärte, es habe nicht
gewußt, daß eine so bedeutende Ausfuhr nach Galizien usw. statt-
finde.
Männer derselben Race werden durch die oktroyierte Verfassung an
die Spitze des Staatsruders gestellt, wie dies Geschenk selbst
aus den Händen dieser Männer kömmt. Beseht es euch also zweimal.
Das Abenteuer mit Galizien ruft unsere Aufmerksamkeit auf einen
andern Punkt.
Damals opferte die preußische Regierung der Kontrerevolution im
Bund mit Östreich und Rußland die schlesische Industrie und den
schlesischen Handel. Dies Manöver wird sich täglich wiederholen.
Der Bankier der preußisch-östreichisch-russischen Kontrerevolu-
tion, worin das gottbegnadigte Königtum mit seinen Königsmauern
seine a u s w ä r t i g e Stütze stets suchen wird und suchen
muß - ist E n g l a n d. Der gefährlichste Gegner der deutschen
Industrie ist dasselbe - E n g l a n d. Wir glauben, diese zwei
Data sprechen hinreichend.
Im Innern die Industrie gehemmt durch bürokratische Fesseln, die
Agrikultur durch feudale Privilegien, nach außen der Handel durch
die Kontrerevolution an England verkauft - das sind die Schick-
sale des preußischen Nationalreichtums unter der Ägide der ok-
troyierten Verfassung.
Der Bericht der "Finanzkommission" der auseinandergejagten
Nationalversammlung hat hinreichendes Licht über die gottbegna-
dete Verwaltung des Staatsvermögens verbreitet.
#194# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Indes weist dieser Bericht nur beispielsweise Summen auf, die der
Staatskasse entzogen wurden, um die wankenden Königsmauern zu
stützen und die ausländischen Prätendenten des absoluten König-
tums (Don Carlos) zu vergolden. Diese Gelder, die aus den Taschen
der übrigen Staatsbürger entwendet werden, damit die Aristokratie
ein etatsmäßiges Leben führe und die "Stützen" des feudalen Kö-
nigtums instand erhalten bleiben, sind aber nur Nebensache bei
Betrachtung des mit der Manteuffelschen Verfassung gleichzeitig
oktroyierten Staatshaushalts. Vor allem eine s t a r k e
A r m e e, damit die Minorität die Majorität beherrsche; mög-
lichst großes Beamtenheer, damit möglichst viele dem allgemeinen
Interesse durch ihr Privatinteresse entfremdet werden; Verwendung
der Staatsgelder in unproduktivster Weise, damit der Reichtum,
wie die "N[eue] Pr[eußische] Z[eitung]" sagt, die U n t e r-
t a n e n nicht übermütig mache; möglichstes Beiseitelegen der
Staatsgelder statt industrieller Verwendung derselben, damit die
gottbegnadete Regierung in leicht vorauszusehenden Momenten der
Krise dem Volke selbständig gegenübertreten könne - das sind die
Grundzüge der oktroyierten Staatshaltung. Verwendung der Steuern,
um die Staatsmacht als unterdrückende, selbständige und gehei-
ligte Gewalt der Industrie, dem Handel, dem Ackerbau gegenüber zu
behaupten, statt sie 1*) zum profanen W e r k z e u g der bür-
gerlichen Gesellschaft h e r a b z u w ü r d i g e n - das ist
das Lebensprinzip der oktroyierten preußischen Verfassung!
Wie der Geber, so das Geschenk. Wie die jetzige preußische Regie-
rung, so die von ihr geschenkte Verfassung. Um die F e i n d-
s c h a f t d i e s e r R e g i e r u n g g e g e n d i e
B o u r g e o i s i e zu charakterisieren, genügt es, auf ihre
projektierte G e w e r b e o r d n u n g [232] aufmerksam zu
machen. Die Regierung sucht zur Z u n f t z u r ü c k z u-
k e h r e n unter dem Vorwande, zur A s s o z i a t i o n
f o r t z u s c h r e i t e n. Die Konkurrenz zwingt, immer
wohlfeiler zu produzieren, daher auf immer größerer Stufenleiter,
d.h. mit g r ö ß e r e m K a p i t a l, mit stets e r w e i-
t e r t e r T e i l u n g d e r A r b e i t und stets v e r-
m e h r t e r A n w e n d u n g d e r M a s c h i n e r i e.
Jede neue Teilung der Arbeit entwertet die alte Geschicklichkeit
des Handwerkers, jede neue Maschine verdrängt Hunderte von
Arbeitern, jedes Arbeiten auf größerer Stufenleiter, d.h. mit
größerem Kapital, ruiniert den kleinen Kram und den klein-
bürgerlichen Betrieb. Die Regierung verspricht dem Handwerk, es
gegenüber dem fabrikmäßigen Betrieb, der erworbenen 2*)
Geschicklichkeit, sie gegenüber der Teilung der Arbeit, dem
kleinen Kapital, es gegenüber dem großen durch f e u d a l e
Z u n f t i n s t i t u t i o n e n zu sichern. Also die deut-
sche, speziell die preußische Nation, die nur mit Mühe dem
gänzlichen Unterliegen vor der englischen Konkurrenz
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1*) In der "N. Rh. Ztg.": ihn - 2*) in der "N.Rh.Ztg.": die er-
worbene
#195# Montesquieu LVI.
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durch die äußerste Kraftanstrengung widersteht, soll ihr
widerstandslos in die Arme geworfen werden, indem ihr eine ge-
werbliche Organisation aufgedrungen wird, die den modernen Pro-
duktionsmitteln widerspricht und von der modernen Industrie in
die Luft gesprengt worden ist!
Wir sind sicher die letzten, die die Herrschaft der Bourgeoisie
wollen. Wir haben zuerst in Deutschland unsre Stimme gegen sie
erhoben, als die jetzigen "Männer der Tat" in subalternem Krakeel
sich selbstgefällig herumtrieben.
Aber wir rufen den Arbeitern und Kleinbürgern zu: Leidet lieber
in der modernen bürgerlichen Gesellschaft, die durch ihre Indu-
strie die materiellen Mittel zur Begründung einer neuen, euch
alle befreienden Gesellschaft schafft, als daß ihr zu einer ver-
gangenen Gesellschaftsform zurückkehrt, die unter dem Vorwand,
eure Klassen zu retten, die ganze Nation in mittelalterige Bar-
barei zurückstürzt!
Die gottbegnadete Regierung aber hat, wie wir gesehen haben, zu
ihrer g e s e l l s c h a f t l i c h e n U n t e r l a g e
mittelalterige Stände und Zustände. Sie paßt nicht für die mo-
derne bürgerliche Gesellschaft. Sie muß eine Gesellschaft nach
ihrem Bilde herzustellen suchen. Es ist reine K o n s e-
q u e n z, wenn sie die freie Konkurrenz durch die Zunft, die
Maschinenspinnerei durch das Spinnrad, den Dampfpflug durch die
Hacke zu verdrängen sucht.
Wie kömmt es also unter diesen Verhältnissen, daß die preußische
Bourgeoisie, ganz im Widerspruch zu ihren französischen, engli-
schen und belgischen Vorgängern, die oktroyierte Verfassung (mit
ihr das Königtum von Gottes Gnaden, die Bürokratie und das Jun-
kertum) als ihr Schibboleth ausposaunt?
Der kommerzielle und industrielle Teil der Bourgeoisie wirft sich
der Kontrerevolution in die Arme aus Furcht vor der Revolution.
Als wenn die Kontrererevolution etwas anders als die Ouvertüre
zur Revolution wäre.
Außerdem gibt es einen Teil der Bourgeoisie, der, gleichgültig
gegen die Gesamtinteressen seiner Klasse, ein besonderes, dersel-
ben sogar feindliches Sonderinteresse verfolgt.
Es sind das die Finanzbarone, großen Staatsgläubiger, Bankiers,
Rentiers, deren Reichtum in demselben Maße wächst wie die Volks-
armut, und endlich Leute, deren Geschäft auf die alten Staatszu-
stände angelegt ist, z.B. Dumont und sein literarisches Lumpen-
proletariat. Es sind ehrsüchtige Professoren, Advokaten u. dgl.
Leute, die bloß in einem Staate, wo es ein einträgliches Geschäft
ist, das Volk an die Regierung zu verraten, ansehnliche Posten zu
erhaschen hoffen können.
Es sind einzelne Fabrikanten, die mit der Regierung gute Ge-
schäfte machen, Lieferanten, die ihre bedeutenden Prozente aus
der allgemeinen
#196# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Volksausbeutung ziehen, Spießbürger, deren Wichtigkeit in einem
großen politischen Leben verlorengeht, Gemeinderäte, die unter
dem Schutz der bisherigen Institutionen ihre schmutzigen Pri-
vatinteressen auf Kosten der öffentlichen gefördert haben, Öl-
händler, die durch Verrat der Revolution Exzellenzen und Ritter
des Adlerordens, bankerutte Tuchhändler und Eisenbahnspekulanten,
die k[öni]gl[iche] Bankdirektoren geworden sind 1*) usw. usw.
"Das sind die Freunde der oktroyierten Verfassung." Wenn die
Bourgeoisie f ü r d i e s e i h r e a r m e n B r ü d e r
e i n H e r z i m B u s e n h a t und wenn sie der Achtung
Montesquieus LVI. sich würdig machen will, so wähle sie
W a h l m ä n n e r i m S i n n e d e r o k t r o y i e r-
t e n V e r f a s s u n g.
Geschrieben von Karl Marx.
1*) Anspielung auf Camphausen und Hansemann
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