Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       #182#
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       Montesquieu LVI. [220]
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 201 vom 21. Januar 1849]
       * Köln,  20. Januar.  Der "ehrenwerte"  Joseph Dumont  läßt einen
       nicht von  ihm bezahlten,  sondern ihn  bezahlenden Anonymus, der
       hinter dem Strich die Urwähler bearbeitet, folgende Apostrophe an
       die "Neue Rheinische Zeitung" richten:
       
       "Der 'Neuen  Rheinischen Zeitung',  dem Organ der Demokratie, hat
       es gefallen,  von den unter dem Titel 'An die Urwähler' in diesem
       Blatt veröffentlichten  Aufsätzen Notiz  zu nehmen  und dieselben
       als aus der 'Neuen Preußischen Zeitung' entlehnt zu bezeichnen.
       Dieser   L ü g e  gegenüber einfach die Erklärung, daß diese Auf-
       sätze  a l s  I n s e r a t e  bezahlt werden, daß dieselben, mit
       Ausnahme des  ersten, der Parlaments-Korrespondenz entlehnten, in
       Köln geschrieben sind und der Verfasser derselben die 'Neue Preu-
       ßische Zeitung'  bis jetzt  noch nicht einmal gesehen, geschweige
       denn gelesen hat." [221]
       
       Wir begreifen,  welche Wichtigkeit es für Montesquieu LVI. hat -,
       sein  E i g e n t u m  zu konstatieren. Wir begreifen ebensosehr,
       wie wichtig  für Herrn Dumont die Erklärung ist, daß er "bezahlt"
       wird, selbst  für die  Flugblätter und Inserate, die er im Inter-
       esse seiner  eignen Klasse,  der Bourgeoisie, setzen, drucken und
       verbreiten läßt.
       Was den  Anonymus betrifft,  so kennt er das französische Sprich-
       wort: "Les  beaux esprits se rencontrent." 1*) Es ist nicht seine
       Schuld, wenn  seine eigensten  Geistesprodukte denen  der  "Neuen
       Preußischen Zeitung"  [3] und  der "Preußenvereine" [222] wie ein
       Ei dem andern bis zur Verwechslung gleichen.
       Wir haben  seine Inserate  in der  "Kölnischen  Zeitung"    n i e
       g e l e s e n,   sondern nur  die aus  der Dumontschen  Druckerei
       hervorgehenden Flugblätter,  die uns  von links  und rechts zuge-
       schickt wurden, eines flüchtigen Blicks gewürdigt,
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       1*) "Die schönen Geister finden sich."
       
       #183# Montesquieu LVI.
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       finden aber  jetzt durch  Vergleichung, daß  dieselben Wische als
       Inserat und Flugblatt zugleich ihre Rolle spielen.
       Um unser  Vergehen gegen den anonymen Montesquieu LVI. zu sühnen,
       hüben wir uns die harte Buße auferlegt, seine sämtlichen Inserate
       in der  "Kölnischen Zeitung" durchzulesen und sein geistiges Pri-
       vateigentum als  "Gesamteigentum" dem deutschen Publikum preiszu-
       geben.
       H i e r  i s t  W e i s h e i t!
       Montesquieu  LVI.   beschäftigt   sich   vorzugsweise   mit   der
       s o z i a l e n  Frage. Er hat den "leichtesten, einfachsten Weg"
       zu ihrer   L ö s u n g   gefunden und preist seine Morrisonspille
       1*) mit salbungsvollstem, naivschamlosestem Quacksalberpathos an:
       
       "Der leichteste,  einfachste Weg  aber ist dazu" (nämlich zur Lö-
       sung der  sozialen Frage):  "die am  5. Dezember v.J. oktroyierte
       Verfassung anzunehmen,  sie zu  revidieren, dann von allen Seiten
       beschwören zu  lassen und  sie so  festzusetzen.   D a s    i s t
       d e r   e i n z i g e   W e g,   d e r   u n s   z u m  H e i l e
       f ü h r t.  - Wer also ein Herz im Busen trägt für die Not seiner
       armen Brüder,  wer die  Hungrigen speisen und die Nackten kleiden
       will,... wer,  mit einem  Worte,  die  soziale  Frage  2*)  lösen
       will... -  der wähle  keinen, der  sich gegen die Verfassung aus-
       spricht." [223] (Montesquieu LVI.)
       
       Stimmt  für  Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg,  und  die  soziale
       Frage ist  auf dem  "einfachsten" und  "leichtesten Wege" gelöst!
       Stimmt für Dumont, Camphausen, Wittgenstein oder auch für dii mi-
       norum gentium  3*) wie Compes, Mevissen u. dgl. - und die soziale
       Frage ist  gelöst. Die  "soziale Frage" für eine Stimme! Wer "die
       Hungrigen speisen  und die  Nackten kleiden will", der stimme für
       die Hansemann und Stupp! Für jede Stimme eine soziale Frage weni-
       ger! Die  Annahme der oktroyierten Verfassung - voilà la solution
       du problème social! 4*)
       Wir zweifeln  keinen Augenblick,  daß nicht nur Montesquieu LVI,,
       sondern auch  seine Patrone  im Bürgervereine  [224] die Annahme,
       Revision, Beschwörung  und Festsetzung  der oktroyierten  Verfas-
       sung'2251 nicht abwarten werden, um die "Hungrigen zu speisen und
       die Nackten zu kleiden". Auch sind dazu schon Anstalten getroffen
       worden.
       Seit einigen  Wochen fliegen  hier  Zirkulare  umher,  worin  den
       Handwerksmeistern, Krämern  usw. von  den Kapitalisten  angezeigt
       wird, daß  in Betracht  der heutigen Umstände und des wiedererwa-
       chenden Kredits  aus philanthropischen  Gründen die  Zinsen von 4
       auf 5 Prozent erhöht werden. Erste Lösung der sozialen Frage!
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       1*) Abführmittel - 2*) in der "Kölnischen Zeitung": sozialen Fra-
       gen -  3*) die geringeren Götter - 4*) das ist die Lösung der so-
       zialen Frage!
       
       #184# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Der hiesige  Gemeinderat hat  in demselben  Sinne die  "Arbeiter-
       karte" für die Unglücklichen abgefaßt, die verhungern - oder ihre
       Arme  der  Stadt  verkaufen  müssen  (vgl.  Nr.  187  der  "Neuen
       Rheinischen Zeitung"  1*)). Man  erinnert sich, daß in dieser den
       Arbeitern oktroyierten  Charta  der  brotlos  gewordene  Arbeiter
       kontraktlich verpflichtet  wird, unter  polizeiliche Aufsicht  zu
       treten. Zweite Lösung der sozialen Frage!
       In Köln  stiftete der  Gemeinderat kurz  nach den  Märzwehn  eine
       Speiseanstalt  zu  kostenden  Preisen,  schön  eingerichtet,  mit
       prächtigen beizbaren Zimmern usw.  N a c h  der Erteilung der ok-
       troyierten Verfassung ist an die Stelle dieses Lokals ein andres,
       der Armenverwaltung  untergeordnetes getreten,  wo nicht  geheizt
       wird, die  Speisegeschirre fehlen,  wo es  nicht erlaubt ist, die
       Speisen an  Ort und  Stelle zu verzehren, sondern das Quart einer
       namenlosen Brühe  zu 8  Pfg. verkauft wird. Dritte Lösung der so-
       zialen Frage!
       In Wien  hüteten die  Arbeiter während ihrer Herrschaft die Bank,
       die Häuser  und die Reichtümer der davongelaufenen Bourgeois. Bei
       ihrer Rückkehr  denunzierten dieselben  Bourgeois diese  "Räuber"
       dem Windischgrätz  zum   H ä n g e n.   Die Arbeitslosen, die den
       Gemeinderat angingen,  wurden in die Armee gegen Ungarn gesteckt.
       Vierte Lösung der sozialen Frage!
       In Breslau  warfen Gemeinderat  und Regierung  ruhig die Elenden,
       die im  Armenhause ihre  Zuflucht suchen müssen, durch Entziehung
       der physisch  unentbehrlichsten Lebensgenüsse  der Cholera in die
       Arme und nahmen erst Notiz von den Schlachtopfern ihrer grausamen
       Mildtätigkeit, als  die Seuche  ihnen selbst auf den Leib rückte.
       Fünfte Lösung der sozialen Frage!
       Im Berliner  Verein "mit  Gott für  König und Vaterland" erklärte
       ein Freund  der oktroyierten  Verfassung, es sei penibel, daß man
       immer noch  zur Durchsetzung  seiner Interessen und Absichten dem
       "Proletariat" Komplimente machen müsse.
       Das die Lösung der "Lösung der sozialen Frage".
       "Die preußischen Spione sind eben deshalb so gefährlich, weil sie
       nie bezahlt  werden, sondern  stets hoffen,  bezahlt zu  werden",
       sagt unser  Freund Heine. Und die preußischen Bourgeois sind eben
       deshalb so gefährlich, weil sie nie zahlen, sondern stets zu zah-
       len versprechen.
       Die englischen  und französischen  Bourgeois lassen sich so einen
       Wahltag schweres  Geld kosten. Ihre Bestechungsmanöver sind welt-
       bekannt. Die  preußischen Bourgeois,  "das sind die allerklügsten
       Leut"! Viel  zu moralisch  und solid,  um ihren Beutel zu ziehen,
       zahlen sie  mit der  "Lösung  der  sozialen  Frage".  Das  kostet
       nichts! Doch Montesquieu LVI. zahlt wenigstens, wie
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 151-155
       
       #185# Montesquieu LVI.
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       Dumont amtlich  versichert, die Insertionsgebühren an die "Kölni-
       sche Zeitung"  und gibt die Lösung der "sozialen Fragen" - gratis
       zu.
       Der praktische  Teil der  petits oeuvres  1*) unseres Montesquieu
       besteht also  darin: Stimmt für Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg!
       Wählt Camphausen-Hansemann!  Schickt uns nach Berlin, laßt unsere
       Leute sich  da erst  festsetzen. Das  ist die  L ö s u n g  d e r
       s o z i a l e n  F r a g e!
       Der unsterbliche   H a n s e m a n n   hat  diese Fragen  gelöst.
       Erst Herstellung  der Ordnung,  um den Kredit herzustellen. Dann,
       wie im Jahre 1844, wo "meinen lieben schlesischen Webern geholfen
       werden sollte und mußte", Pulver und Blei, um die "soziale Frage"
       zu lösen!
       Stimmt also für Freunde der oktroyierten Verfassung! Aber Montes-
       quieu LVI.  nimmt nur  die oktroyierte Verfassung an, um sie hin-
       terher "revidieren" und "beschwören" zu können.
       Bester Montesquieu ! Hast du einmal die Verfassung angenommen, so
       wirst du sie nur auf ihrer eigenen Grundlage revidieren, d.h. re-
       vidieren, soweit  es dein  Belieben des Königs und der aus Kraut-
       junkern, Finanzbaronen, hohen Beamten und Pfaffen zusammengesetz-
       ten zweiten  Kammer zusagt.  Diese einzig  mögliche Revision  ist
       vorsorglicherweise schon  in der  oktroyierten Verfassung  selbst
       angedeutet. Sie  besteht in  dem Verlassen  des konstitutionellen
       Systems und  in der Wiederherstellung des alten christlich-germa-
       nischen  S t ä n d e w e s e n s.
       Das ist  die Revision,  die nach Annahme der oktroyierten Verfas-
       sung einzig  möglich und einzig gestattet ist, was dem Scharfsinn
       eines Montesquieu nicht entgangen 2*) sein kann.
       Der praktische  Teil der  petits oeuvres  Montesquieus LVI. läuft
       also darauf  hinaus: Stimmt  für Hansemann-Camphausen! Stimmt für
       Dumont-Stupp. Stimmt  für Brandenburg-Manteuffel!  Nehmt die  ok-
       troyierte Verfassung  an! Wählt  Wahlmänner, die  die oktroyierte
       Verfassung annehmen  - und alles das unter dem Vorwande, "die so-
       ziale Frage" zu lösen.
       Was Teufel schert uns der Vorwand, wenn es einmal die oktroyierte
       Verfassung gilt.
       Aber unser Montesquieu hat seiner praktischen Anweisung, "die so-
       ziale Frage" zu lösen, der wirklichen Pointe seines Riesenwerkes,
       natürlich einen theoretischen Teil vorhergeschickt. Sehen wir uns
       diesen theoretischen Teil an.
       Der tiefsinnige Denker erklärt zuerst,  w a s  d i e  "s o z i a-
       l e n  F r a g e n"  s i n d.
       
       "Was ist es also eigentlich mit der sozialen Frage?
       Der Mensch soll und will leben.
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       1*) kleinen Werke - 2*) in der "N. Rh. Ztg.": entgegen
       
       #186# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Zum Leben  braucht der Mensch Wohnung, Kleidung, Nahrung. Wohnung
       und Kleidung  bringt die  Natur gar  nicht hervor, Nahrung wächst
       wild nur spärlich und lange nicht zureichend.
       Der Mensch  muß sich deshalb diese Bedürfnisse selbst anschaffen.
       Das geschieht durch Arbeit.
       Arbeit ist  demnach die  erste Bedingung unseres Lebens, ohne Ar-
       beit können wir nicht leben.
       Bei den  ersten Völkern  baute sich nun jeder seine Hütte selbst,
       fertigte sich  seine Kleidung  aus Tierfellen  selbst, brach sich
       seine Früchte zum Essen selbst. Das war der Urzustand.
       Wenn der  Mensch aber  nichts braucht als Wohnung, Kleidung, Nah-
       rung, wenn  er also  bloß seine  körperlichen Bedürfnisse befrie-
       digt, so  steht er mit dem Tiere auf gleicher Stufe; denn das tut
       das Tier auch.
       Der Mensch  aber ist  ein höheres  Wesen als das Tier, er braucht
       mehr zum  Leben: Er braucht Freude, er soll sich zu einem sittli-
       chen Werte erheben. Das kann er aber nur, wenn er in Gesellschaft
       lebt.
       Sobald die  Menschen aber  in Gesellschaft  lebten, trat ein ganz
       anderes Verhältnis  ein. Sie  bemerkten bald, daß die Arbeit viel
       leichter sei,  wenn jeder  einzelne  nur  eine  bestimmte  Arbeit
       machte. Und  so fertigte der eine Kleidung, der zweite baute Häu-
       ser, der  dritte sorgte  für Nahrung, und der erste gab dem zwei-
       ten, was diesem fehlte. So bildeten sich die verschiedenen Stände
       der Menschen  ganz von  selbst, indem  der eine Jäger, der andere
       Handwerker, der  dritte Ackerbauer wurde. Die Menschen aber blie-
       ben dabei  nicht stehen; denn die Menschheit muß vorwärts schrei-
       ten. Man  machte Erfindungen.  Man erfand das Spinnen und das We-
       ben, das  Schmieden des Eisens, das Gerben der Tierfelle. Je mehr
       man Erfindungen  machte, desto  mannigfaltiger ward das Handwerk,
       desto leichter  der Ackerbau,  dem das  Handwerk Pflug und Spaten
       lieferte. Alles  half sich,  alles griff ineinander. Man kam dann
       mit benachbarten  Völkern zusammen;  das eine Volk hatte, was das
       andere entbehrte  - und  dieses besaß, was jenes nicht hatte. Man
       tauschte dieses  um. So  entstand der  H a n d e l  und damit ein
       neuer Zweig  der menschlichen  Tätigkeit. So  schritt die Bildung
       von Stufe  zu Stufe fort; von den ersten unbeholfenen Erfindungen
       kam man in Jahrhunderten endlich zu den Erfindungen unserer Zeit.
       So bildeten  sich unter  den Menschen  die Wissenschaften und die
       Künste, und  immer reicher, immer mannigfaltiger wurde das Leben.
       Der Arzt  heilte den  Kranken, der Pfarrer predigte, der Kaufmann
       handelte, der  Landmann baute  das Feld,  der Gärtner zog Blumen,
       der Maurer baute die Häuser, die der Schreiner mit Hausgerät ver-
       sah, der Müller mahlte das Mehl, das der Bäcker zu Brot verbackte
       - eines  griff in  das andere; niemand konnte allein stehen, nie-
       mand sich seine Bedürfnisse selbst allein verschaffen.
       Das sind die sozialen Verhältnisse.
       Sie sind  ganz naturgemäß  von selbst  entstanden. Und  wenn  ihr
       heute eine  Revolution macht,  die alle  diese  Verhältnisse  von
       Grund aus zerstört, wenn ihr dann morgen wieder von neuem anfangt
       zu leben, so werden die Verhältnisse sich genau so wieder bilden,
       
       #187# Montesquieu LVI.
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       wie sie  jetzt sind.  Seit Jahrtausenden ist es bei allen Völkern
       der Erde  ebenso gewesen. Wenn nun jemand einen Unterschied macht
       zwischen Arbeitern  und Bourgeoisie  - so ml das eine große Lüge.
       Wir arbeiten alle, jeder in seiner Art, jeder nach seinen Kräften
       und Fähigkeiten.  Der Arzt arbeitet, wenn er den Kranken besucht,
       der Musiker,  der zum  Tanze aufspielt,  der Kaufmann,  der seine
       Briefe schreibt, alle arbeiten, jeder an seiner Stelle." [223]
       
       Hier ist Weisheit! Wer Ohren hat zu hören, der höre!
       Was ist es also eigentlich mit der physiologischen Frage!
       Jedes körperliche  Wesen setzt  eine gewisse Schwere, Dichtigkeit
       u. dgl. voraus. Jeder organische Körper besteht aus allerhand Be-
       standteilen, wovon  ein jeder seine eigene Funktion ausübt und wo
       die wechselseitigen Organe ineinandergreifen.
       "Das sind die physiologischen Verhältnisse."
       Montesquieu LVI.  es läßt  sich nicht leugnen, besitzt ein origi-
       nelles Talent  für die Vereinfachung der Wissenschaft. Ein Patent
       (ohne Garantie der Regierung) für Montesquieu LVI.
       Arbeitsprodukte werden nur durch Arbeit hervorgebracht. Ohne Säen
       keine Ernte, ohne Spinnen kein Gespinst usw.
       Europa wird sich bewundernd beugen vor dem Riesengenie, das diese
       Wahrheiten  in   Köln  selbst,  ohne  jede  Beihülfe  der  "Neuen
       Pr[eußischen] Z[eitung]", zutage gefördert hat.
       In der Arbeit treten die Menschen in bestimmte Beziehungen zuein-
       ander. Es  findet eine  Teilung der  Arbeit statt,  die mehr oder
       minder mannigfaltig  ist. Einer  backt, der andere schmiedet, der
       eine wühlt, der andere heult [226], Montesquieu LVI. schreibt und
       Dumont druckt. Adam Smith, erkenne deinen Meister -!
       Diese Entdeckungen nun, daß die Arbeit und die Teilung der Arbeit
       Lebensbedingungen jeder menschlichen Gesellschaft sind, befähigen
       Montesquieu LVI.  zu dem Schlüsse, daß die "verschiedenen Stände"
       naturgemäß sind,  daß der  Unterschied zwischen  "Bourgeoisie und
       Proletariat" eine "große Lüge" ist, daß die bestehenden "sozialen
       Verhältnisse", mag eine "Revolution" sie heute von Grund aus zer-
       stören, sich "genau so wieder bilden werden, wie sie jetzt sind",
       und daß  es endlich  unumgänglich nötig  ist, Wahlmänner im Sinne
       Manteuffels und  der oktroyierten  Verfassung zu wählen, wenn man
       anders "für  die Not seiner armen Brüder ein Herz im Busen trägt"
       und sich  der Achtung  Montesquieu LVI.  teilhaftig zu machen ge-
       denkt.
       "Seit Jahrtausenden  ist es bei allen Völkern der Erde ebenso ge-
       wesen"!!! In  Ägypten gab  es Arbeit und Teilung der Arbeit - und
       Kasten; in  Griechenland und  Rom Arbeit und Teilung der Arbeit -
       und Freie und Sklaven; im
       
       #188# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       Mittelalter Arbeit  und Teilung der Arbeit - und Feudalherren und
       Leibeigene, Zünfte, Stände u. dgl. Zu unserer Zeit gibt es Arbeit
       und Teilung  der Arbeit  - und Klassen, von denen die eine im Be-
       sitz sämtlicher Produktionsinstrumente und Lebensmittel ist, wäh-
       rend die  andere nur  lebt, solange sie ihre Arbeit verkauft, und
       nur so  lange ihre  Arbeit verkauft, als die arbeitgebende Klasse
       sich durch den Ankauf dieser Arbeit bereichert.
       Ist es  also nicht sonnenklar, daß "es bei allen Völkern der Erde
       seit Jahrtausenden  ebenso gewesen  ist", wie  es  heutzutage  in
       Preußen ist,  weil Arbeit  und Teilung  der Arbeit stets in einer
       oder der andern Form existierten? Oder zeigt sich etwa umgekehrt,
       daß die sozialen Verhältnisse, die Eigentumsverhältnisse, bestän-
       dig umgestürzt wurden eben durch die stets veränderte Art der Ar-
       beit und Teilung der Arbeit?
       Im Jahre  1789 riefen  die Bourgeois  der  feudalen  Gesellschaft
       nicht zu:  Adel bleib Adel, Leibeigner bleib Leibeigener, Zünfti-
       ger bleib zünftig - denn ohne Arbeit und Teilung der Arbeit keine
       Gesellschaft! Ohne  Einatmung der Luft kein Leben! Atmet also die
       Stickluft ein und öffnet ja nicht die Fenster - so räsoniert Mon-
       tesquieu LVI.
       Es gehört  die ganze  naiv-tölpelhafte Dummdreistigkeit  eines in
       brutaler  Unwissenheit   ergrauten  deutschen  Reichspfahlbürgers
       dazu, nachdem er die ersten Buchstaben der politischen Ökonomie -
       Arbeit, Teilung  der Arbeit - oberflächlich und schief der trägen
       Hirnmaterie eingekeilt hat, in Fragen, an denen unser Jahrhundert
       sich die Zähne ausbeißt, orakelnd mitzusprechen.
       "Ohne Arbeit und Teilung der Arbeit keine Gesellschaft!
       
       Also
       
       Wählt Freunde  der oktroyierten  preußischen Verfassung  und  nur
       Freunde der oktroyierten Verfassung zu Wahlmännern."
       Dies Epitaph  wird einst  in großen Buchstaben auf den Wänden des
       prachtvollen Marmormausoleums  prangen, das die dankbare Nachwelt
       dem Löser der sozialen Frage, Montesquieu LVI. (nicht zu verwech-
       seln mit  Heinrich CCLXXXIV.  von  Reuß-Schleiz-Greiz-Lobenstein-
       Eberswalde 1*)), zu bauen sich verpflichtet fühlen wird.
       Montesquieu LVI.  verheimlicht uns  nicht, "wo  der Knoten liegt"
       und was  er zu tun gedenkt, sobald er zum Gesetzgeber proklamiert
       ist.
       
       "Dafür", belehrt er uns, "muß der Staat sorgen, daß jeder so viel
       Erziehung erhält,  um etwas  Ordentliches in  der Welt  lernen zu
       können."
       -----
       1*) Ironische Anspielung  auf Heinrich LXXII., Fürst von Reuß-Lo-
       benstein-Ebersdorf
       
       #189# Montesquieu LVI.
       -----
       Montesquieu LVI. hat nie davon reden gehört, daß unter den beste-
       henden Verhältnissen  die Teilung  der Arbeit  an die  Stelle der
       komplizierten Arbeit  die einfache, an die Stelle der Erwachsenen
       die Kinder,  an die  Stelle der  Männer die Weiber, an die Stelle
       des selbständigen  Arbeiters Automaten  setzt, daß  in  demselben
       Verhältnisse, worin  die moderne  Industrie sich  entwickelt, die
       Erziehung des  Arbeiters überflüssig und unmöglich wird. Wir ver-
       weisen den  kölnischen Montesquieu  weder auf St. Simon noch Fou-
       rier, sondern  auf Malthus und Ricardo. Der Biedermann lerne erst
       die ersten  Grundlinien der  jetzigen Verhältnisse kennen, ehe er
       sie ausbessert und - Orakel austeilt.
       
       "Für Leute,  die durch  Krankheit, durch  Alter verarmt sind, muß
       die Gemeinde sorgen."
       
       Und wenn  die Gemeinde  selbst verarmt, was bei den mit der neuen
       Verfassung gleichzeitig  oktroyierten 100  Millionen Steuern  1*)
       und epidemischen  Belagerungszuständen nicht ausbleiben kann, wie
       dann, Montesquieu?
       
       "Wo neue  Erfindungen oder Handelskrisen ganze Erwerbszweige zer-
       stören, muß der Staat zu Hülfe kommen und Rat schaffen."
       
       So unvertraut  der kölnische  Montesquieu mit  den Dingen  dieser
       Welt ist,  es kann  ihm kaum  verborgen geblieben  sein, daß  die
       "neuen Erfindungen"  und die  Handelskrisen so permanent sind wie
       die preußischen Ministerialerlasse und Rechtsböden. Die neuen Er-
       findungen werden  in Deutschland  speziell erst  dann eingeführt,
       wenn die  Konkurrenz mit  den fremden  Völkern ihre Einführung zu
       einer Lebensfrage macht, und sollen die neu aufkommenden Erwerbs-
       zweige sich  ruinieren, um den untergehenden zur Hülfe zu kommen!
       Die durch  Erfindungen neu aufkommenden Erwerbszweige kommen eben
       dadurch auf,  daß sie  wohlfeiler produzieren als die untergehen-
       den. Wo Teufel wäre der Vorteil, wenn sie die untergehenden bekö-
       stigen müßten?  Der Staat  aber, die  Regierung, gibt bekanntlich
       nur scheinbar.  Erst muß  ihm gegeben  werden, damit er gebe. Wer
       aber soll  ihm geben, Montesquieu LVI.? Der untergehende Erwerbs-
       zweig, damit  er noch  schneller untergehe? Oder der aufkommende,
       damit er schon im Aufkommen verkümmre? Oder die von den neuen Er-
       findungen nicht  berührten Erwerbszweige, damit sie durch die Er-
       findung einer neuen Steuer bankeruttieren? Überlege dir das reif-
       lich, Montesquieu LVI.!
       Und nun  gar die  Handelskrisen, Bester?  Wenn  eine  europäische
       Handelskrise ausbricht,  so  kann  der  preußische  Staat  nichts
       ängstlicher in  Betracht ziehen, als wie er den gewohnten Steuer-
       quellen durch Exekution u.dgl. die
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 157
       
       #190# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       letzten Wassertropfen  abpresse. Der arme preußische Staat! Damit
       der preußische  Staat die  Handelskrisen unschädlich mache, müßte
       er außer  der Nationalarbeit  noch eine  dritte Einnahmequelle in
       den Wolken  besitzen. Allerdings,  wenn sich  durch  Allerhöchste
       Neujahrswünsche 1*), Wrangelsche Armeebefehle [160] oder Manteuf-
       felsche Ministerialerlasse  Geld aus der Erde stampfen ließe, die
       "Steuerverweigerung" würde  keinen so  panischen Schrecken  unter
       die preußischen  "lieben Getreuen" geworfen und die soziale Frage
       auch ohne oktroyierte Verfassung gelöst worden sein.
       Man weiß,  daß die "Neue Preußische Zeitung" unsern Hansemann für
       einen Kommunisten  erklärte, weil er die Steuerbefreiungen aufzu-
       heben  gedachte.  Unser  Montesquieu,  der  niemals  die  "N[eue]
       Pr[eußische] Z[eitung]" gelesen, kömmt von selbst in Köln auf den
       Einfall, jeden  für einen  "Kommunisten" und "roten Republikaner"
       zu erklären,  der die oktroyierte Verfassung bedroht! Also stimmt
       für Manteuffel,  oder ihr  seid nicht  nur persönliche Feinde der
       Arbeit und  der Teilung  der Arbeit, sondern auch Kommunisten und
       rote Republikaner. Erkennt den neuesten "Rechtsboden" Brüggemanns
       an, oder - verzichtet auf den Code civil! [227]
       Figaro, tu n'aurais pas trouvé ça! [228]
       Morgen mehr von Montesquieu LVI.!
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 202 vom 22. Januar 1849]
       * Köln,  21. Januar.  Montesquieu  LVI.  sucht  den  "geschenkten
       Gaul", die  oktroyierte Verfassung, mit der ganzen kleinpfiffigen
       Verschlagenheit eines vielerfahrenen  R o ß t ä u s c h e r s  an
       die Urwähler  loszuschlagen. Er  ist der  Montesquieu des Pferde-
       markts.
       Wer die oktroyierte Verfassung nicht will, der will die Republik,
       und nicht  nur die  Republik schlechthin,  sondern die rote Repu-
       blik! Leider  handelt es sich bei unsern Wahlen um nichts weniger
       als Republik und rote Republik. Es handelt sich einfach darum:
       Wollt ihr den alten  A b s o l u t i s m u s  samt einem neu auf-
       gefrischten   S t ä n d e w e s e n  - oder wollt ihr ein bürger-
       liches   R e p r ä s e n t a t i v s y s t e m?   Wollt ihr  eine
       politische Verfassung,  die den "bestehenden sozialen Verhältnis-
       sen" vergangener Jahrhunderte entspricht, oder wollt ihr eine po-
       litische Verfassung, die den "bestehenden sozialen Verhältnissen"
       eures Jahrhunderts zusagt?
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 160-164
       
       #191# Montesquieu LVI.
       -----
       Es handelt  sich in  dieser Angelegenheit  also um nichts weniger
       als um  einen Kampf gegen die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse,
       wie er in Frankreich stattfindet und in England sich vorbereitet.
       Es handelt  sich vielmehr um den Kampf gegen eine politische Ver-
       fassung, welche  die "bürgerlichen Eigentumsverhältnisse" gefähr-
       det, indem sie den Repräsentanten der "feudalen Eigentumsverhält-
       nisse", dem  Könige von Gottes Gnaden, der Armee, der Bürokratie,
       den Krautjunkern  und einigen mit ihnen verbündeten Finanzbaronen
       und Spießbürgern das Staatsruder überantwortet.
       Durch die  oktroyierte Verfassung  ist die soziale Frage im Sinne
       dieser Herren gelöst. Kein Zweifel.
       Was ist  die "soziale Frage" im Sinne des Beamten? Es ist die Be-
       hauptung seines  Gehalts und seiner bisherigen, dem Volke überge-
       ordneten Stellung.
       Und was  ist die  "soziale Frage"  im Sinne  des Adels und seiner
       großen Grundbesitzer? Es ist die Behauptung der bisherigen feuda-
       len Grundgerechtigkeiten,  die Beschlagnahme  der einträglichsten
       Stellen in  Armee und Zivil durch seine Familien, endlich der di-
       rekte Almosenempfang aus der Staatskasse. Außer diesen handgreif-
       lichen   m a t e r i e l l e n   und darum  "h e i l i g s t e n"
       Interessen der  Herren "mit Gott für König und Vaterland" handelt
       es sich  für sie natürlich auch um Behauptung der gesellschaftli-
       chen Auszeichnungen,  die ihre  Race von der schlechten bürgerli-
       chen, bäuerlichen  und plebejischen  Race unterscheiden. Die alte
       Nationalversammlung wurde ja eben auseinandergejagt, weil sie die
       Hand an  diese "heiligsten  Interessen" zu  legen wagte.  Was die
       Herren unter  "Revision" der  oktroyierten Verfassung  verstehen,
       ist, wie  schon früher  angedeutet wurde,  nichts anders  als die
       Einführung des  ständischen Systems,  d.h. einer Form der politi-
       schen Verfassung,  welche die  "sozialen" Interessen des Feudala-
       dels, der  Bürokratie und  des Königtums  von Gottes  Gnaden ver-
       tritt.
       Noch einmal!  Kein Zweifel,  daß die "soziale Frage" im Sinne des
       Adels und  der Bürokratie durch die oktroyierte Verfassung gelöst
       ist, d.h.,  daß sie  diesen Herren  eine Regierungsform  schenkt,
       welche die Volksausbeutung durch diese Halbgötter sicherstellt.
       Aber ist  die "soziale  Frage" im Sinne der Bourgeoisie durch die
       oktroyierte Verfassung gelöst? In andern Worten: Erhält die Bour-
       geoisie eine Staatsform, in der sie die gemeinsamen Angelegenhei-
       ten ihrer  Klasse, die Interessen des Handels, der Industrie, des
       Ackerbaus, frei  verwalten, die Staatsgelder auf die produktivste
       Weise verwenden,  die Staatshaushaltung auf die wohlfeilste Weise
       einrichten, die  Nationalarbeit wirksam nach außen beschützen und
       nach innen  alle vom  feudalen Schlamme versperrten Springquellen
       des Nationalreichtums eröffnen kann?
       
       #192# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Zeigt uns  die Geschichte  ein einziges  Beispiel, daß  die Bour-
       geoisie mit  einem von  Gottes Gnaden oktroyierten Könige je eine
       ihren materiellen  Interessen entsprechende politische Staatsform
       durchzusetzen vermochte?
       Um die konstitutionelle Monarchie zu begründen, mußte sie in Eng-
       land zweimal die Stuarts verjagen, in Frankreich die angestammten
       Bourbonen, in Belgien den Nassauer. [229]
       Woher dies Phänomen?
       Ein angestammter  König von Gottes Gnaden, das ist kein einzelnes
       Individuum, das  ist der leibhafte Repräsentant der alten Gesell-
       schaft innerhalb  der neuen  Gesellschaft. Die Staatsmacht in den
       Händen des  Königs von  Gottes Gnaden, das ist die Staatsmacht in
       den Händen  der alten, nur mehr ruinenweise existierenden Gesell-
       schaft, das  ist die  Staatsmacht  in  den  Händen  der  feudalen
       Stände, deren Interesse dem Interesse der Bourgeoisie aufs feind-
       lichste gegenübersteht.
       Die Grundlage  der oktroyierten  Verfassung  ist  aber  eben  der
       "König von Gottes Gnaden".
       Wie die feudalen Gesellschaftselemente in dem Königtum von Gottes
       Gnaden ihre   p o l i t i s c h e   S p i t z e,  so erblickt das
       Königtum  von   Gottes  Gnaden  in  den  feudalen  Ständen  seine
       g e s e l l s c h a f t l i c h e   U n t e r l a g e,   die  be-
       kannte  "K ö n i g s m a u e r".  [230]
       Sooft daher  die Interessen  der Feudalherrn  und der  von  ihnen
       beherrschten Armee  und Bürokratie  mit den  Interessen der Bour-
       geoisie sich  kreuzen, wird das gottesbegnadete Königtum jedesmal
       zu einem  Staatsstreich gedrängt und eine revolutionäre oder kon-
       trerevolutionäre Krise vorbereitet werden.
       Warum wurde  die Nationalversammlung  verjagt? Nur,  weil sie das
       Interesse der  Bourgeoisie gegen  das Interesse  des  Feudalismus
       vertrat; weil sie die Agrikultur hemmende Feudalverhältnisse auf-
       heben, die  Armee und Bürokratie dem Handel und der Industrie un-
       terordnen, der Verschleudrung des Staatsschatzes Einhalt tun, die
       adligen und bürokratischen Titel abschaffen wollte.
       In allen  diesen Fragen handelte es sich  v o r z u g s w e i s e
       und   u n m i t t e l b a r   um das   I n t e r e s s e    d e r
       B o u r g e o i s i e.
       Also   S t a a t s s t r e i c h e  und  k o n t r e r e v o l u-
       t i o n ä r e   K r i s e n,   das sind die Lebensbedingungen des
       Königtums von  Gottes Gnaden,  welches  durch  März-  oder  andre
       Ereignisse gezwungen  worden  ist,  sich  zu  demütigen  und  die
       Scheinform eines bürgerlichen Königtums widerstrebend anzunehmen.
       Kann in einer Staatsform, deren notwendige Pointe Staatsstreiche,
       kontrerevolutionäre  Krisen  und  Belagerungszustände  sind,  der
       K r e d i t  je wieder aufkommen?
       
       #193# Montesquieu LVI.
       -----
       Welcher Wahn!
       Die bürgerliche  Industrie   m u ß   die Fesseln des Absolutismus
       und Feudalismus  sprengen. Eine  Revolution gegen  beide  beweist
       eben nur,  daß die bürgerliche Industrie einen Höhepunkt erreicht
       hat, wo  sie eine  ihr angemessene Staatsform erobern oder unter-
       gehn muß.
       Das mit der oktroyierten Verfassung gesicherte bürokratische Vor-
       mundsschaftssystem ist  der  T o d  der Industrie. Betrachtet nur
       die preußische Bergwerksverwaltung, die Fabrikreglements u. dgl.!
       Wenn der  englische Fabrikant  seine Produktionskosten  mit denen
       des preußischen  Fabrikanten vergleicht,  so wird er stets in er-
       ster Linie  den Zeitverlust stellen, den der preußische Fabrikant
       durch die  notwendige Beobachtung der bürokratischen Vorschriften
       erleidet.
       Welcher Zuckerraffineur  erinnert sich nicht des preußischen Han-
       delsvertrags mit  Holland im Jahre 1839? [231] Welcher preußische
       Industrielle errötet  nicht bei  der Erinnerung an das Jahr 1846,
       wo die preußische Regierung einer ganzen Provinz die Ausfuhr nach
       Galizien durch  ihre Gefälligkeit  gegen die östreichische Regie-
       rung abschnitt  und das preußische Ministerium, als Bankerutt auf
       Bankerutt in Breslau ausbrach, verwundert erklärte, es habe nicht
       gewußt, daß  eine so bedeutende Ausfuhr nach Galizien usw. statt-
       finde.
       Männer derselben  Race werden durch die oktroyierte Verfassung an
       die Spitze  des Staatsruders  gestellt, wie  dies Geschenk selbst
       aus den Händen dieser Männer kömmt. Beseht es euch also zweimal.
       Das Abenteuer  mit Galizien  ruft unsere Aufmerksamkeit auf einen
       andern Punkt.
       Damals opferte  die preußische  Regierung der Kontrerevolution im
       Bund mit  Östreich und  Rußland die schlesische Industrie und den
       schlesischen Handel.  Dies Manöver wird sich täglich wiederholen.
       Der Bankier  der preußisch-östreichisch-russischen  Kontrerevolu-
       tion, worin  das gottbegnadigte  Königtum mit seinen Königsmauern
       seine   a u s w ä r t i g e   Stütze stets suchen wird und suchen
       muß - ist  E n g l a n d.  Der gefährlichste Gegner der deutschen
       Industrie ist dasselbe -  E n g l a n d.  Wir glauben, diese zwei
       Data sprechen hinreichend.
       Im Innern  die Industrie gehemmt durch bürokratische Fesseln, die
       Agrikultur durch feudale Privilegien, nach außen der Handel durch
       die Kontrerevolution  an England  verkauft - das sind die Schick-
       sale des  preußischen Nationalreichtums  unter der  Ägide der ok-
       troyierten Verfassung.
       Der  Bericht   der  "Finanzkommission"   der  auseinandergejagten
       Nationalversammlung hat  hinreichendes Licht  über die gottbegna-
       dete Verwaltung des Staatsvermögens verbreitet.
       
       #194# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       Indes weist dieser Bericht nur beispielsweise Summen auf, die der
       Staatskasse entzogen  wurden, um  die wankenden  Königsmauern  zu
       stützen und  die ausländischen  Prätendenten des absoluten König-
       tums (Don Carlos) zu vergolden. Diese Gelder, die aus den Taschen
       der übrigen Staatsbürger entwendet werden, damit die Aristokratie
       ein etatsmäßiges  Leben führe  und die "Stützen" des feudalen Kö-
       nigtums instand  erhalten bleiben,  sind aber  nur Nebensache bei
       Betrachtung des  mit der  Manteuffelschen Verfassung gleichzeitig
       oktroyierten  Staatshaushalts.   Vor  allem   eine    s t a r k e
       A r m e e,   damit die  Minorität die  Majorität beherrsche; mög-
       lichst großes  Beamtenheer, damit möglichst viele dem allgemeinen
       Interesse durch ihr Privatinteresse entfremdet werden; Verwendung
       der Staatsgelder  in unproduktivster  Weise, damit  der Reichtum,
       wie die  "N[eue] Pr[eußische]  Z[eitung]" sagt,  die   U n t e r-
       t a n e n   nicht übermütig  mache; möglichstes Beiseitelegen der
       Staatsgelder statt  industrieller Verwendung derselben, damit die
       gottbegnadete Regierung  in leicht  vorauszusehenden Momenten der
       Krise dem  Volke selbständig gegenübertreten könne - das sind die
       Grundzüge der oktroyierten Staatshaltung. Verwendung der Steuern,
       um die  Staatsmacht als  unterdrückende, selbständige  und gehei-
       ligte Gewalt der Industrie, dem Handel, dem Ackerbau gegenüber zu
       behaupten, statt  sie 1*) zum profanen  W e r k z e u g  der bür-
       gerlichen Gesellschaft   h e r a b z u w ü r d i g e n  - das ist
       das Lebensprinzip der oktroyierten preußischen Verfassung!
       Wie der Geber, so das Geschenk. Wie die jetzige preußische Regie-
       rung, so  die von  ihr geschenkte  Verfassung. Um die  F e i n d-
       s c h a f t   d i e s e r   R e g i e r u n g   g e g e n   d i e
       B o u r g e o i s i e   zu charakterisieren,  genügt es, auf ihre
       projektierte   G e w e r b e  o r d n u n g   [232] aufmerksam zu
       machen. Die  Regierung sucht  zur   Z u n f t    z u r ü c k z u-
       k e h r e n   unter  dem  Vorwande,  zur    A s s o z i a t i o n
       f o r t z u s c h r e i t e n.    Die  Konkurrenz  zwingt,  immer
       wohlfeiler zu produzieren, daher auf immer größerer Stufenleiter,
       d.h. mit   g r ö ß e r e m  K a p i t a l,  mit stets  e r w e i-
       t e r t e r  T e i l u n g  d e r  A r b e i t  und stets  v e r-
       m e h r t e r   A n w e n d u n g   d e r  M a s c h i n e r i e.
       Jede neue  Teilung der Arbeit entwertet die alte Geschicklichkeit
       des  Handwerkers,  jede  neue  Maschine  verdrängt  Hunderte  von
       Arbeitern, jedes  Arbeiten auf  größerer Stufenleiter,  d.h.  mit
       größerem Kapital,  ruiniert  den  kleinen  Kram  und  den  klein-
       bürgerlichen Betrieb.  Die Regierung  verspricht dem Handwerk, es
       gegenüber  dem   fabrikmäßigen  Betrieb,   der   erworbenen   2*)
       Geschicklichkeit, sie  gegenüber  der  Teilung  der  Arbeit,  dem
       kleinen Kapital,  es gegenüber  dem großen  durch   f e u d a l e
       Z u n f t i n s t i t u t i o n e n   zu sichern.  Also die deut-
       sche, speziell  die preußische  Nation,  die  nur  mit  Mühe  dem
       gänzlichen Unterliegen vor der englischen Konkurrenz
       -----
       1*) In der  "N. Rh.  Ztg.": ihn - 2*) in der "N.Rh.Ztg.": die er-
       worbene
       
       #195# Montesquieu LVI.
       -----
       durch  die   äußerste  Kraftanstrengung   widersteht,  soll   ihr
       widerstandslos in  die Arme  geworfen werden,  indem ihr eine ge-
       werbliche Organisation  aufgedrungen wird,  die den modernen Pro-
       duktionsmitteln widerspricht  und von  der modernen  Industrie in
       die Luft gesprengt worden ist!
       Wir sind  sicher die  letzten, die die Herrschaft der Bourgeoisie
       wollen. Wir  haben zuerst  in Deutschland  unsre Stimme gegen sie
       erhoben, als die jetzigen "Männer der Tat" in subalternem Krakeel
       sich selbstgefällig herumtrieben.
       Aber wir  rufen den  Arbeitern und Kleinbürgern zu: Leidet lieber
       in der  modernen bürgerlichen  Gesellschaft, die durch ihre Indu-
       strie die  materiellen Mittel  zur Begründung  einer neuen,  euch
       alle befreienden  Gesellschaft schafft, als daß ihr zu einer ver-
       gangenen Gesellschaftsform  zurückkehrt, die  unter dem  Vorwand,
       eure Klassen  zu retten,  die ganze Nation in mittelalterige Bar-
       barei zurückstürzt!
       Die gottbegnadete  Regierung aber  hat, wie wir gesehen haben, zu
       ihrer    g e s e l l s c h a f t l i c h e n    U n t e r l a g e
       mittelalterige Stände  und Zustände.  Sie paßt  nicht für die mo-
       derne bürgerliche  Gesellschaft. Sie  muß eine  Gesellschaft nach
       ihrem  Bilde  herzustellen  suchen.  Es  ist  reine    K o n s e-
       q u e n z,   wenn sie  die freie  Konkurrenz durch die Zunft, die
       Maschinenspinnerei durch  das Spinnrad,  den Dampfpflug durch die
       Hacke zu verdrängen sucht.
       Wie kömmt  es also unter diesen Verhältnissen, daß die preußische
       Bourgeoisie, ganz  im Widerspruch  zu ihren französischen, engli-
       schen und  belgischen Vorgängern, die oktroyierte Verfassung (mit
       ihr das  Königtum von  Gottes Gnaden, die Bürokratie und das Jun-
       kertum) als ihr Schibboleth ausposaunt?
       Der kommerzielle und industrielle Teil der Bourgeoisie wirft sich
       der Kontrerevolution  in die  Arme aus Furcht vor der Revolution.
       Als wenn  die Kontrererevolution  etwas anders  als die Ouvertüre
       zur Revolution wäre.
       Außerdem gibt  es einen  Teil der  Bourgeoisie, der, gleichgültig
       gegen die Gesamtinteressen seiner Klasse, ein besonderes, dersel-
       ben sogar feindliches Sonderinteresse verfolgt.
       Es sind  das die  Finanzbarone, großen Staatsgläubiger, Bankiers,
       Rentiers, deren  Reichtum in demselben Maße wächst wie die Volks-
       armut, und  endlich Leute, deren Geschäft auf die alten Staatszu-
       stände angelegt  ist, z.B.  Dumont und sein literarisches Lumpen-
       proletariat. Es  sind ehrsüchtige  Professoren, Advokaten u. dgl.
       Leute, die bloß in einem Staate, wo es ein einträgliches Geschäft
       ist, das Volk an die Regierung zu verraten, ansehnliche Posten zu
       erhaschen hoffen können.
       Es sind  einzelne Fabrikanten,  die mit  der Regierung  gute  Ge-
       schäfte machen,  Lieferanten, die  ihre bedeutenden  Prozente aus
       der allgemeinen
       
       #196# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       Volksausbeutung ziehen,  Spießbürger, deren  Wichtigkeit in einem
       großen politischen  Leben verlorengeht,  Gemeinderäte, die  unter
       dem Schutz  der bisherigen  Institutionen ihre  schmutzigen  Pri-
       vatinteressen auf  Kosten der  öffentlichen gefördert  haben, Öl-
       händler, die  durch Verrat  der Revolution Exzellenzen und Ritter
       des Adlerordens, bankerutte Tuchhändler und Eisenbahnspekulanten,
       die k[öni]gl[iche] Bankdirektoren geworden sind 1*) usw. usw.
       "Das sind  die Freunde  der oktroyierten  Verfassung."  Wenn  die
       Bourgeoisie   f ü r   d i e s e   i h r e  a r m e n  B r ü d e r
       e i n   H e r z   i m  B u s e n  h a t  und wenn sie der Achtung
       Montesquieus LVI. sich würdig machen will, so wähle sie
       W a h l m ä n n e r   i m   S i n n e   d e r  o k t r o y i e r-
       t e n  V e r f a s s u n g.
       
       Geschrieben von Karl Marx.
       
       1*) Anspielung auf Camphausen und Hansemann

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