Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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Die Berliner "National-Zeitung" an die Urwähler
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 205 vom 26. Januar 1849]
* Köln, 25. Januar. Selten, aber doch von Zeit zu Zeit hat man
den Genuß, nun dem Niederschlag, den die doppelte Sündflut der
Revolution und Kontrerevolution hinterlassen hat, einen Wegweiser
aus der guten alten vormärzlichen Zeit emporragen zu sehen. Berge
sind versetzt, Täler ausgefüllt, Wälder zu Boden gestreckt wor-
den, aber der Wegweiser steht noch auf der alten Stelle, ange-
strichen mit den alten Farben, und trägt noch immer die alte In-
schrift: "Nach Schilda!"
Ein solcher Wegweiser streckt uns aus Nr. 21 der Berliner
"National-Zeitung" [234] seinen hölzernen Arm entgegen mit der
Inschrift: "An die Urwähler. Nach Schilda!"
Der wohlgemeinte Rat der "National-Zeitung" an die Urwähler er-
klärt ihnen zuerst:
"Es ist die Stunde gekommen, wo zum zweiten Male das preußische
Volk darangeht, das schwer errungene allgemeine Wahlrecht [235]
auszuüben" (als ob das oktroyierte sogenannte allgemeine Wahl-
recht mit seiner in jedem Dorf verschiedenen Interpretation noch
dasselbe Wahlrecht sei wie das vom 8. April! [129]), "aus dem die
Männer hervorgehen sollen, die zum zweiten Male auszusprechen ha-
ben, welches der Sinn (!), die Meinung (!!) und der Wille (!!!)
nicht einzelner Stände und Klassen, sondern des ganzen Volkes
ist."
Schweigen wir von dem fettwanstig-unbehülflichen Stil dieses
langsam von einem Wort zum andern fortkeuchenden Satzes. Das all-
gemeine Wahlrecht, heißt es, soll uns enthüllen, was der Wille
nicht einzelner Stände und Klassen, sondern des ganzen Volkes
ist.
Schön! Und woraus besteht "das ganze Volk"?
Aus "einzelnen Ständen und Klassen".
Und woraus besteht "der Wille des ganzen Volkes"?
#200# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Aus den einzelnen sich widersprechenden "Willen" der "einzelnen
Stände und Klassen", also gerade aus dem Willen, den die
"National-Zeitung" als das direkte Gegenteil des "Willens des
ganzen Volkes" hinstellt.
Großer Logiker der "National-Zeitung"!
Aber für die "National-Zeitung" existiert e i n Wille des gan-
zen Volkes, der keine Summe widersprechender Willen, sondern ein
einiger, bestimmter Wille ist. Wie das?
Das ist - der Wille der Majorität.
Und was ist der Wille der Majorität?
Es ist der Wille, der aus den Interessen, der Lebensstellung, den
Existenzbedingungen der Majorität hervorgeht.
Um also einen und denselben Willen zu haben, müssen die Glieder
der Majorität dieselben Interessen, dieselbe Lebensstellung, die-
selben Existenzbedingungen haben oder in ihren Interessen, ihrer
Lebensstellung, ihren Existenzbedingungen einstweilen noch ver-
kettet sein.
Auf deutsch: Der Wille des Volks, der Wille der Majorität, ist
der Wille nicht einzelner Stände und Klassen, sondern e i n e r
e i n z i g e n K l a s s e und derjenigen andern Klassen und
Klassenabteilungen, die dieser einen herrschenden Klasse gesell-
schaftlich, d.h. industriell und kommerziell unterworfen sind.
"Was sollen wir aber dazu sagen?" Der Wille des ganzen Volkes ist
der Wille einer herrschenden Klasse?
Allerdings, und gerade das allgemeine Stimmrecht ist nun die
Magnetnadel, die, wenn auch erst nach verschiedenen Schwankungen,
schließlich doch diese zur Herrschaft berufene Klasse anzeigt.
Und diese gute "National-Zeitung" faselt noch immer, wie dies
Anno 1847 geschah, von einem imaginären "Willen des ganzen
Volkes"!
Weiter. Nach diesem erhebenden Exordium setzt sie uns in Erstau-
nen durch die vielsagende Bemerkung:
"Im Januar 1849 ist der Stand der Dinge ein anderer als in den an
Hoffnung und Erhebung" (warum nicht auch an Andacht?) "so reichen
Maitagen des Jahres 1848."
Damals stand alles im Blütenschmuck,
Und die Sonnenlichter lachten,
Und die Vöglein sangen so hoffnungsvoll,
Und die Menschen hofften und dachten -
Sie dachten: [52]
"Damals schien alles einig, daß die großen Reformen, die in Preu-
ßen schon längst hätten vorgenommen werden sollen, wenn auf den
im Jahre 1807-[18]14 gelegten
#201# "Berliner National-Zeitung" an die Urwähler
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Grundlagen, in dem damaligen Geiste und entsprechend der seitdem
gestiegenen Bildung und Einsicht, weiter fortgebaut worden wäre -
nun vollständig und ungesäumt zur Ausführung kommen müßten."
"Damals schien alles einig"! Große, göttliche Naivetät der
"National-Zeitung"! Damals, als die Garden wutknirschend aus Ber-
lin zurückzogen, als der Prinz von Preußen in einer Postillions-
jacke eilends davonlaufen mußte [131], als der hohe Adel und die
hohe Bourgeoisie ihren Zorn in sich fraßen ob der Schmach, die
dem Könige im Schloßhof angetan, als ihn das Volk zwang, die
Mütze abzuziehen vor den Märzleichen - "damals schien alles ei-
nig"!
Weiß der Himmel, es ist schon stark, so etwas sich eingebildet zu
haben, aber jetzt, nachdem man sich selbst als geprellt anerken-
nen muß, seine geprellte Leichtgläubigkeit noch an die große
Glocke zu hängen - wahrhaftig, c'est par trop bonhomme! 1*)
Und worüber "schien alles einig"?
Darüber, "daß die großen Reformen, welche ... h ä t t e n vor-
genommen w e r d e n s o l l e n, wenn ... fortgebaut w o r-
d e n w ä r e, nun ... zur Ausführung kommen m ü ß t e n".
Darüber war, nein s c h i e n alles einig.
Große Märzerrungenschaft, in würdiger Sprache ausgedrückt! Und
welche "Reformen" waren dies?
Die Entwicklung der "Grundlagen von 1807-1814, in dem damaligen
Geist und entsprechend der seitdem gestiegenen Bildung und Ein-
sicht".
Das heißt in dem Geist von 1807-[18]14 und zugleich in einem ganz
andern Geist.
Der "damalige G e i s t" bestand ganz einfach in dem höchst
m a t e r i e l l e n Druck der damaligen Franzosen auf die da-
malige preußische Junkermonarchie sowie in dem damaligen eben-
falls wenig günstigen Finanzdefizit des Königreichs Preußen. Um
den Bürger und Bauer steuerzahlungsfähig zu machen, um wenigstens
dem Scheine nach einige der Reformen bei den königl[ich]-
preuß[ischen] Untertanen einzuführen, mit denen die Franzosen die
eroberten Teile Deutschlands überschütteten; kurz, um die in al-
len Fugen krachende, verrottete Monarchie der Hohenzollern wieder
einigermaßen zu flicken, d e s w e g e n wurden einige knause-
rige sogenannte Städteordnungen, Ablösungsordnungen, Militärin-
stitutionen etc. gemacht. Alle diese Reformen zeichneten sich
durch nichts aus, als daß sie volle hundert Jahre hinter der
französischen Revolution von 1789, ja hinter der englischen von
1640 zurückblieben. Und das sollen die Grundlagen für das revolu-
tionierte Preußen sein?
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1*) das ist doch zu einfältig!
#202# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Aber die altpreußische Einbildung sieht immer Preußen im Mittel-
punkt der Weltgeschichte, während der Staat der Intelligenz in
Wirklichkeit stets von ihr durch den Kot nachgeschleift worden
ist. Diese altpreußische Einbildung muß natürlich ignorieren, daß
Preußen, solange es von den Franzosen keine Fußtritte bekam, ru-
hig auf den unentwickelten Grundlagen von 1807 bis 1814 hocken-
blieb und kein Glied rührte. Sie muß ignorieren, daß diese Grund-
lagen längst vergessen waren, als die glorreiche bürokratisch-
junkertümliche k[öni]gl[ich]-preußische Monarchie letzten Februar
von den Franzosen einen neuen so gewaltigen Stoß erhielt, daß sie
von ihren "Grundlagen von 1807-1814" glorreichst herunterpur-
zelte. Sie muß ignorieren, daß es sich für die königlich-preußi-
sche Monarchie keineswegs um diese Grundlagen, sondern bloß um
Abwendung der weiteren Folgen des von Frankreich erhaltenen An-
stoßes handelte. Das alles aber ignoriert die preußische Einbil-
dung, und als sie den Stoß plötzlich erhält, schreit sie, wie ein
Kind nach der Amme, nach den verrotteten Grundlagen von 1807-
1814!
Als ob nicht das Preußen von 1848 nach Gebiet, Industrie, Handel,
Verkehrsmitteln, Bildung und Klassenverhältnissen ein ganz andres
Land sei wie das Preußen der "Grundlagen von 1807-1814"!
Als ob nicht seit jener Zeit zwei ganz neue Klassen, das indu-
strielle Proletariat und die freie Bauernklasse, in seine Ge-
schichte eingegriffen hätten, als ob die preußische Bourgeoisie
von 1848 nicht eine ganz andre sei als die schüchterne, demütige
und dankbare Kleinbürgerschaft aus der Zeit der "Grundlagen"!
Aber das hilft alles nichts. Ein braver Preuße darf nichts kennen
als seine "Grundlagen von 1807-1814". Das sind einmal die Grund-
lagen, darauf wird fortgebaut und damit basta.
Der Anfang einer der kolossalsten geschichtlichen Umwälzungen
wird zusammengetrocknet zum Ende einer der winzigsten Scheinre-
formprellereien - so versteht man die Revolution in Altpreußen!
Und in dieser selbstgefällig-bornierten Schwärmerei aus der
vaterländischen Geschichte "schien alles einig" - freilich, gott-
lob, nur in Berlin!
Weiter.
"Diejenigen Stände und Klassen, welche Privilegien und Vorrechte
aufzugeben ... hatten, an denen es war, in Zukunft nur in glei-
chem Recht mit allen ihren Mitbürgern zu stehn, ... schienen be-
reit dazu - erfüllt von der Überzeugung, daß der alte Zustand un-
haltbar geworden sei, daß es in ihrem eignen wohlverstandnen In-
teresse liege ..."
Seht den sanftmütigen und von Herzen demütigen Bürgersmann, wie
er die Revolution abermals eskamotiert! Der Adel, die Pfaffen,
die Bürokraten,
#203# "Berliner National-Zeitung" an die Urwähler
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die Offiziere "schienen bereit", ihre Privilegien aufzugeben,
nicht weil das bewaffnete Volk sie dazu zwang, weil die, im er-
sten Schrecken vor der europäischen Revolution, unaufhaltsam ein-
gerissene Demoralisation und Desorganisation in ihren eigenen
Reihen sie widerstandslos machte - nein! Die friedlichen, wohl-
wollenden und für beide Teile vorteilhaften "Transaktionen", um
mit Herrn Camphausen zu sprechen, vom 24. Februar und 18. März
[236] hatten sie mit der "Überzeugung erfüllt", daß dies "in ih-
rem eignen wohlverstandenen Interesse liege"!
Die Märzrevolution und vollends der 24. Februar im wohlverstan-
denen Interesse der Herren Krautjunker, Konsistorialräte, Regie-
rungsräte und Gardelieutenants - das ist doch wahrhaftig ein py-
ramidaler Einfall!
Aber leider!
"Heut ist es nicht mehr so. Die Nutznießer und Anhänger des alten
Zustandes wollen, weit davon entfernt, i h r e r P f l i c h t
g e m ä ß (!) selbst zu helfen, daß der alte Schutt abgeräumt
und das neue Haus gebaut werde, nur die alten Trümmer, unter
denen der linden so bedenklich gewankt hat, stützen und mit eini-
gen anscheinend der neuen Zeit sich anschmiegenden Formen ausput-
zen."
"Heut ist es nicht mehr so" - als es im Mai zu sein s c h i e n,
d.h., es ist nicht mehr so, wie es im Mai nicht war, oder es ist
gerade so, wie es im Mai war.
Solches Deutsch schreibt man in der Berliner "National-Zeitung"
und ist noch stolz darauf obendrein.
Mit einem Wort: Der Mai 1848 und der Januar 1849 unterscheiden
sich nur durch den S c h e i n. Früher s c h i e n e n die
Kontrerevolutionäre ihre Pflicht einzusehen, heute sehen sie sie
wirklich und unverhohlen nicht ein, und darüber jammert der ru-
hige Bürger. Es ist ja doch die P f l i c h t der Kontrerevolu-
tionäre, ihre Interessen in ihrem eignen wohlverstandenen Inter-
esse aufzugeben! Es ist ihre P f l i c h t, sich selbst ihre
Lebensadern aufzuschneiden - und doch tun sie's nicht - so jam-
mert der Mann des wohlverstandenen Interesses!
Und warum tun eure Feinde jetzt das nicht, was, wie ihr sagt,
doch ihre Pflicht ist?
Weil ihr selbst im Frühjahr e u r e "Pflicht" nicht getan -
weil ihr damals, als ihr stark wäret, euch wie Memmen benommen
und vor der Revolution gezittert habt, die euch groß und gewaltig
machen sollte; weil ihr selbst den alten Schutt habt liegenlassen
und euch selbstgefällig bespiegelt habt in der Aureole eines hal-
ben Erfolgs! Und nun, da die Kontrerevolution stark geworden über
Nacht und euch den Fuß auf den Nacken setzt, nun, da unter euren
Füßen der Boden bedenklich wankt, nun verlangt ihr, die Kontrere-
volution soll eure
#204# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Dienerin werden, soll den Schutt wegräumen, den ihr wegzuräumen
zu schwach und zu feig wäret, sie, die Mächtige, soll sich euch
Schwachen opfern?
Kindische Toren ihr! Aber wartet eine kurze Zeit, und das Volk
wird sich erheben und mit e i n e m mächtigen Stoß euch zu Bo-
den strecken mitsamt der Kontrerevolution, gegen die ihr jetzt so
ohnmächtig anbellt!
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 207 vom 28. Januar 1849,
Zweite Ausgabe]
* Köln, 27. Januar. Wir haben in unserm ersten Artikel einen Um-
stand nicht berücksichtigt, der der "Nat[ional]-Z[ei]t[un]g" al-
lerdings scheinbar zur Entschuldigung gereichen könnte: Die
"Nat.-Ztg." schreibt nicht frei, sie steht unter dem B e l a-
g e r u n g s z u s t a n d. Und unter dem Belagerungszustand
muß sie allerdings singen:
Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht;
Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen,
Allein das Schicksal will es nicht!!! [237]
Inzwischen erscheinen die Zeitungen nicht, selbst unter dem
Belagerungszustande nicht, um das Gegenteil von ihrer Meinung zu
sagen, und dann findet auf die erste, bisher von uns in Betracht
gezogene Hälfte des fraglichen Artikels der Belagerungszustand
keine Anwendung.
Der Belagerungszustand ist nicht schuld an dem wulstigen, unkla-
ren Stil der "N.-Z.".
Der Belagerungszustand ist nicht schuld daran, daß die "N.-Z."
sich nach dem März allerlei biedermännische Illusionen machte.
Der Belagerungszustand zwingt die "N.-Z. " keineswegs, die Revo-
lution von 1848 zum Schleppenträger der Reformen von 1807 bis
1814 zu machen.
Der Belagerungszustand, mit einem Wort, zwingt die "N.-Z." kei-
neswegs, über den Entwicklungsgang der Revolution und Kontrerevo-
lution von 1848 so absurde Vorstellungen zu haben, wie wir sie
ihr vor zwei Tagen nachwiesen. Nicht die Vergangenheit, nur die
Gegenwart fällt dem Belagerungszustand anheim.
Deshalb trugen wir bei der Kritik der e r s t e n Hälfte des
fraglichen Artikels dem Belagerungszustand keine Rechnung, und
eben deshalb werden wir ihm heute Rechnung tragen.
#205# "Berliner National-Zeitung" an die Urwähler
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Die "N.-Z.", nach Beendigung ihrer historischen Einleitung, wen-
det sich nun folgendermaßen an die Urwähler:
"Es gilt den angebahnten Fortschritt zu sichern, die Errungen-
schaften festzuhalten."
Welchen "Fortschritt"? Welche "Errungenschaften"? Den "Fort-
schritt", daß es "heute nicht mehr so ist", wie es im Mai
"schien"? Die "Errungeschaft", daß "die Nutznießer des alten Zu-
standes weit entfernt sind, ihrer Pflicht gemäß selbst zu helfen,
daß der alte Schutt aufgeräumt werde"? Oder die oktroyierten
"Errungenschaften", die "die alten Trümmer stützen und mit eini-
gen der neuen Zeit anscheinend sich anschmiegenden Formen aus-
putzen?
Der Belagerungszustand, meine Herren von der "National-Zeitung",
ist keine Entschuldigung für Gedankenlosigkeit und Konfusion.
Der "Fortschritt", der vorderhand am besten "angebahnt" ist, ist
der Rückschritt zum alten System, und auf dieser Fortschrittsbahn
schreiten wir täglich weiter.
Die einzige "Errungenschaft", die uns geblieben ist - und das ist
keine spezifisch-preußische, keine "März"-Errungenschaft, sondern
das Resultat der europäischen Revolution von 1848 - ist die all-
gemeinste, entschiedenste, blutigste, gewaltsamste Kontrerevolu-
tion, die aber selbst nur eine Phase der europäischen Revolution
und daher nur die Erzeugerin eines neuen, allgemeinen und sieg-
reichen revolutionären Gegenschlags ist.
Aber die "National-Zeitung" weiß das vielleicht so gut wie wir
und darf es nur nicht sagen wegen des Belagerungszustandes? Man
höre:
"Wir wollen nicht eine F o r t d a u e r d e r R e v o l u-
t i o n; wir sind Feinde aller A n a r c h i e, jeder G e-
w a l t t a t und W i l l k ü r; wir wollen G e s e t z,
R u h e und O r d n u n g."
Der Belagerungszustand, meine Herren, zwingt Sie höchstens z u m
S c h w e i g e n, nie zum R e d e n. Diesen letztzitierten
Satz nehmen wir daher zu Protokoll: Sprechen S i e aus ihm, um
so besser; spricht der Belagerungszustand aus ihm, so brauchen
Sie sich nicht zu seinem Organ herzugeben. Entweder sind Sie re-
volutionär, oder Sie sind es nicht. Sind Sie es nicht, so sind
wir von vornherein Gegner; sind Sie es, so mußten Sie
s c h w e i g e n.
Aber Sie sprechen mit solcher Überzeugung, Sie haben so honette
Antezedenzien, daß wir ruhig annehmen können: der Belagerungszu-
stand ist dieser Beteurung gänzlich fremd.
"Wir wollen nicht eine Fortdauer der Revolution." Das heißt: wir
wollen die Fortdauer der Kontrerevolution. Denn aus der gewaltsa-
men Kontrerevolution,
#206# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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das ist eine historische Tatsache, kommt man entweder gar nicht
heraus oder nur durch die Revolution.
"Wir wollen nicht eine Fortdauer der Revolution," das heißt: wir
erkennen die Revolution als geschlossen an, als zu ihrem Ziel ge-
langt. Und das Ziel, an dem die Revolution am 21. Januar 1849,
als der fragliche Artikel verfaßt wurde, angelangt war, dies Ziel
war eben - die Kontrerevolution.
"Wir sind Feinde aller Anarchie, jeder Gewalttat und Willkür."
Also auch Feinde der "Anarchie", die nach jeder Revolution bis
zur Konsolidierung der neuen Verhältnisse eintritt, Feinde der
"Gewalttaten" vom 24. Februar und 18. März, Feinde der "Willkür",
die einen verrotteten Zustand und seine morschen gesetzlichen
Stützpfeiler rücksichtslos zertrümmert!
"Wir wollen Gesetz, Ruhe und Ordnung"!
In der Tat, der Moment ist gut gewählt, vor "Gesetz, Ruhe und
Ordnung" niederzuknieen, gegen die Revolution zu protestieren und
in das triviale Zeter gegen Anarchie, Gewalttat und Willkür ein-
zustimmen! Gut gewählt, gerade in dem Augenblick, wo die Revolu-
tion unter dem Schutz der Bajonette und Kanonen offiziell zu ei-
nem g e m e i n e n V e r b r e c h e n umgestempelt, wo
"Anarchie, Gewalttat und Willkür" durch königliche kontrasi-
gnierte Ordonnanzen unverhohlen in Praxis gesetzt, wo das
"Gesetz", das die Kamarilla uns aufoktroyiert, stets g e g e n
uns, nie f ü r uns angewandt wird, wo "Ruhe und Ordnung" darin
bestehen, daß man die Kontrerevolution in "Ruhe" läßt, damit sie
i h r e altpreußische "Ordnung" der Dinge herstellen kann.
Nein, meine Herren, aus Ihnen spricht kein Belagerungszustand,
aus Ihnen spricht der unverfälschteste, ins Berlinische über-
setzte Odilon Barrot mit all seiner Borniertheit, all seiner Im-
potenz, all seinen frommen Wünschen.
Kein Revolutionär ist so taktlos, so verkindet, so feig, daß er
die Revolution gerade dann verleugnet, wenn die Kontrerevolution
ihre glänzendsten Triumphe feiert. Wenn er nicht sprechen kann,
so handelt er, und wenn er nicht handeln kann, so schweigt er
lieber ganz.
Aber verfolgen die Herren von der "National-Zeitung" nicht viel-
leicht eine schlaue Politik? Treten sie vielleicht deshalb so
zahm auf, um noch einen Teil der sogenannten Gemäßigten am Vor-
abend der Wahlen für die Opposition zu gewinnen?
Wir haben es gesagt, vom ersten Tage an, als die Kontrerevolution
über uns hereinbrach, von jetzt an gibt es nur noch zwei Par-
teien: die "Revolutionäre" und die "Kontrerevolutionäre"; nur
noch zwei Parolen: "die demokratische Republik" oder "die abso-
lute Monarchie" 1*). Alles, was dazwischen
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1*) Siehe vorl. Band, S. 124
#207# "Berliner National-Zeitung" an die Urwähler
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liegt, ist keine Partei mehr, ist bloße Fraktion. Die Kontrerevo-
lution hat alles getan, unsern Ausspruch wahr zu machen. Die Wah-
len sind seine glänzendste Bestätigung.
Und zu einer solchen Zeit, wo die Parteien einander so schroff
entgegengehen, wo der Kampf mit der größten Erbitterung geführt
wird, wo nur die erdrückende Übermacht der organisierten Solda-
teska verhindert, daß der Kampf mit den Waffen in der Hand ausge-
fochten wird - zu einer solchen Zeit hört alle Vermittlungspoli-
tik auf. Man muß selbst Odilon Barrot sein, um dann den Odilon
Barrot spielen zu können.
Aber unsere Berliner Barrots haben ihre Vorbehalte, ihre Bedin-
gungen, ihre Interpretationen. Heuler [226] sind sie, aber durch-
aus keine Heuler schlechtweg; sie sind Heuler mit einem "Das
heißt", Heuler von der leisen Opposition:
"A b e r wir wollen n e u e Gesetze, wie sie der erwachte
freie Volksgeist und der Grundsatz der Gleichberechtigung for-
dert; wir wollen eine w a h r h a f t d e m o k r a t i s c h -
k o n s t i t u t i o n e l l e O r d n u n g" (d.h. ein wahr-
haftes Unding); "wir wollen Ruhe, die auf m e h r sich stützt
als auf Bajonette und Belagerungszustände; die eine politisch und
sittlich (!) begründete Beruhigung der Gemüter ist, hervorgerufen
durch die durch Taten und Einrichtungen gewährleistete Über-
zeugung, daß jeder Klasse des Volks ihr Recht" etc. etc.
Wir können uns die Arbeit ersparen, diesen belagerungszuständli-
chen Satz zu Ende zu schreiben. Genug, die Herren "wollen" nicht
die Revolution,·sondern nur eine kleine Blumenlese aus den
R e s u l t a t e n der Revolution; etwas Demokratie, aber auch
etwas Konstitutionalismus, einige neue Gesetze, Entfernung der
feudalen Institutionen, bürgerliche Gleichheit etc. etc.
Mit andern Worten, die Herren von der "National-Zeitung" und die
von der Berliner Ex-Linken [238], deren Organ sie ist, wollen ak-
kurat dasselbe von der Kontrerevolution erlangen, weshalb die
Kontrerevolution sie auseinandergejagt.
Nichts gelernt und nichts vergessen! [239]
Die Herren "wollen" lauter Dinge, die sie nie erlangen werden,
außer durch eine neue Revolution. Und eine neue Revolution wollen
sie nicht.
Eine neue Revolution würde ihnen aber auch ganz andere Dinge
bringen, als die oben aufgestellten bescheiden-bürgerlichen For-
derungen enthalten. Und darum haben die Herren ganz recht, keine
Revolution zu wollen.
Das Beste aber ist, daß sich die geschichtliche Entwickelung we-
nig darum kümmert, was die Barrots "wollen" oder nicht "wollen".
Der Pariser Original-Barrot "wollte" auch am 24. Februar nur ganz
bescheidene Reformen und namentlich ein Portefeuille für sich
durchsetzen; und kaum hatte er beides erhascht, so schlugen die
Wogen über ihm zusammen, und er verschwand mit
#208# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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seinem ganzen tugendhaften, kleinbürgerlichen Anhang in der revo-
lutionären Sündflut. Auch jetzt, wo er endlich wieder ein Mini-
sterium erhascht hat, "will" er wieder gar mancherlei; aber
nichts von dem, was er will, geschieht. Das ist von jeher das
Schicksal der Barrots gewesen. Und so wird es den Berliner Bar-
rots auch gehen.
Sie werden mit oder ohne Belagerungszustand fortfahren, das Pu-
blikum mit ihren frommen Wünschen zu ennuyieren, sie werden al-
lerhöchstens einige wenige dieser Wünsche auf dem Papier durch-
setzen und zuletzt entweder von der Krone oder vom Volke in Ruhe-
stand versetzt werden. Aber in Ruhestand versetzt werden sie je-
denfalls.
Geschrieben von Karl Marx.
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