Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       #199#
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       Die Berliner "National-Zeitung" an die Urwähler
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 205 vom 26. Januar 1849]
       * Köln,  25. Januar.  Selten, aber  doch von Zeit zu Zeit hat man
       den Genuß,  nun dem  Niederschlag, den  die doppelte Sündflut der
       Revolution und Kontrerevolution hinterlassen hat, einen Wegweiser
       aus der guten alten vormärzlichen Zeit emporragen zu sehen. Berge
       sind versetzt,  Täler ausgefüllt,  Wälder zu Boden gestreckt wor-
       den, aber  der Wegweiser  steht noch  auf der alten Stelle, ange-
       strichen mit  den alten Farben, und trägt noch immer die alte In-
       schrift: "Nach Schilda!"
       Ein solcher  Wegweiser  streckt  uns  aus  Nr.  21  der  Berliner
       "National-Zeitung" [234]  seinen hölzernen  Arm entgegen  mit der
       Inschrift: "An die Urwähler. Nach Schilda!"
       Der wohlgemeinte  Rat der  "National-Zeitung" an die Urwähler er-
       klärt ihnen zuerst:
       
       "Es ist  die Stunde  gekommen, wo zum zweiten Male das preußische
       Volk darangeht,  das schwer  errungene allgemeine Wahlrecht [235]
       auszuüben" (als  ob das  oktroyierte sogenannte  allgemeine Wahl-
       recht mit  seiner in jedem Dorf verschiedenen Interpretation noch
       dasselbe Wahlrecht sei wie das vom 8. April! [129]), "aus dem die
       Männer hervorgehen sollen, die zum zweiten Male auszusprechen ha-
       ben, welches  der Sinn  (!), die Meinung (!!) und der Wille (!!!)
       nicht einzelner  Stände und  Klassen, sondern  des ganzen  Volkes
       ist."
       
       Schweigen wir  von  dem  fettwanstig-unbehülflichen  Stil  dieses
       langsam von einem Wort zum andern fortkeuchenden Satzes. Das all-
       gemeine Wahlrecht,  heißt es,  soll uns  enthüllen, was der Wille
       nicht einzelner  Stände und  Klassen, sondern  des ganzen  Volkes
       ist.
       Schön! Und woraus besteht "das ganze Volk"?
       Aus "einzelnen Ständen und Klassen".
       Und woraus besteht "der Wille des ganzen Volkes"?
       
       #200# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Aus den  einzelnen sich  widersprechenden "Willen" der "einzelnen
       Stände  und  Klassen",  also  gerade  aus  dem  Willen,  den  die
       "National-Zeitung" als  das direkte  Gegenteil des  "Willens  des
       ganzen Volkes" hinstellt.
       Großer Logiker der "National-Zeitung"!
       Aber für  die "National-Zeitung" existiert  e i n  Wille des gan-
       zen Volkes,  der keine Summe widersprechender Willen, sondern ein
       einiger, bestimmter Wille ist. Wie das?
       Das ist - der Wille der Majorität.
       Und was ist der Wille der Majorität?
       Es ist der Wille, der aus den Interessen, der Lebensstellung, den
       Existenzbedingungen der Majorität hervorgeht.
       Um also  einen und  denselben Willen zu haben, müssen die Glieder
       der Majorität dieselben Interessen, dieselbe Lebensstellung, die-
       selben Existenzbedingungen  haben oder in ihren Interessen, ihrer
       Lebensstellung, ihren  Existenzbedingungen einstweilen  noch ver-
       kettet sein.
       Auf deutsch:  Der Wille  des Volks,  der Wille der Majorität, ist
       der Wille  nicht einzelner Stände und Klassen, sondern  e i n e r
       e i n z i g e n   K l a s s e   und derjenigen andern Klassen und
       Klassenabteilungen, die  dieser einen herrschenden Klasse gesell-
       schaftlich, d.h. industriell und kommerziell unterworfen sind.
       "Was sollen wir aber dazu sagen?" Der Wille des ganzen Volkes ist
       der Wille einer herrschenden Klasse?
       Allerdings, und  gerade das  allgemeine Stimmrecht  ist  nun  die
       Magnetnadel, die, wenn auch erst nach verschiedenen Schwankungen,
       schließlich doch diese zur Herrschaft berufene Klasse anzeigt.
       Und diese  gute "National-Zeitung"  faselt noch  immer, wie  dies
       Anno 1847  geschah,  von  einem  imaginären  "Willen  des  ganzen
       Volkes"!
       Weiter. Nach  diesem erhebenden Exordium setzt sie uns in Erstau-
       nen durch die vielsagende Bemerkung:
       
       "Im Januar 1849 ist der Stand der Dinge ein anderer als in den an
       Hoffnung und Erhebung" (warum nicht auch an Andacht?) "so reichen
       Maitagen des Jahres 1848."
       
       Damals stand alles im Blütenschmuck,
       Und die Sonnenlichter lachten,
       Und die Vöglein sangen so hoffnungsvoll,
       Und die Menschen hofften und dachten -
       Sie dachten: [52]
       
       "Damals schien alles einig, daß die großen Reformen, die in Preu-
       ßen schon  längst hätten  vorgenommen werden sollen, wenn auf den
       im Jahre 1807-[18]14 gelegten
       
       #201# "Berliner National-Zeitung" an die Urwähler
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       Grundlagen, in  dem damaligen Geiste und entsprechend der seitdem
       gestiegenen Bildung und Einsicht, weiter fortgebaut worden wäre -
       nun vollständig und ungesäumt zur Ausführung kommen müßten."
       
       "Damals  schien  alles  einig"!  Große,  göttliche  Naivetät  der
       "National-Zeitung"! Damals, als die Garden wutknirschend aus Ber-
       lin zurückzogen,  als der Prinz von Preußen in einer Postillions-
       jacke eilends  davonlaufen mußte [131], als der hohe Adel und die
       hohe Bourgeoisie  ihren Zorn  in sich  fraßen ob der Schmach, die
       dem Könige  im Schloßhof  angetan, als  ihn das  Volk zwang,  die
       Mütze abzuziehen  vor den  Märzleichen - "damals schien alles ei-
       nig"!
       Weiß der Himmel, es ist schon stark, so etwas sich eingebildet zu
       haben, aber  jetzt, nachdem man sich selbst als geprellt anerken-
       nen muß,  seine geprellte  Leichtgläubigkeit noch  an  die  große
       Glocke zu hängen - wahrhaftig, c'est par trop bonhomme! 1*)
       Und worüber "schien alles einig"?
       Darüber, "daß  die großen Reformen, welche ...  h ä t t e n  vor-
       genommen   w e r d e n  s o l l e n,  wenn ... fortgebaut  w o r-
       d e n  w ä r e,  nun ... zur Ausführung kommen  m ü ß t e n".
       Darüber war, nein  s c h i e n  alles einig.
       Große Märzerrungenschaft,  in würdiger  Sprache ausgedrückt!  Und
       welche "Reformen" waren dies?
       Die Entwicklung  der "Grundlagen  von 1807-1814, in dem damaligen
       Geist und  entsprechend der  seitdem gestiegenen Bildung und Ein-
       sicht".
       Das heißt in dem Geist von 1807-[18]14 und zugleich in einem ganz
       andern Geist.
       Der "damalige   G e i s t"   bestand  ganz einfach  in dem höchst
       m a t e r i e l l e n   Druck der damaligen Franzosen auf die da-
       malige preußische  Junkermonarchie sowie  in dem  damaligen eben-
       falls wenig  günstigen Finanzdefizit  des Königreichs Preußen. Um
       den Bürger und Bauer steuerzahlungsfähig zu machen, um wenigstens
       dem  Scheine  nach  einige  der  Reformen  bei  den  königl[ich]-
       preuß[ischen] Untertanen einzuführen, mit denen die Franzosen die
       eroberten Teile  Deutschlands überschütteten; kurz, um die in al-
       len Fugen krachende, verrottete Monarchie der Hohenzollern wieder
       einigermaßen zu  flicken,  d e s w e g e n  wurden einige knause-
       rige sogenannte  Städteordnungen, Ablösungsordnungen,  Militärin-
       stitutionen etc.  gemacht. Alle  diese Reformen  zeichneten  sich
       durch nichts  aus, als  daß sie  volle hundert  Jahre hinter  der
       französischen Revolution  von 1789,  ja hinter der englischen von
       1640 zurückblieben. Und das sollen die Grundlagen für das revolu-
       tionierte Preußen sein?
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       1*) das ist doch zu einfältig!
       
       #202# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Aber die  altpreußische Einbildung sieht immer Preußen im Mittel-
       punkt der  Weltgeschichte, während  der Staat  der Intelligenz in
       Wirklichkeit stets  von ihr  durch den  Kot nachgeschleift worden
       ist. Diese altpreußische Einbildung muß natürlich ignorieren, daß
       Preußen, solange  es von den Franzosen keine Fußtritte bekam, ru-
       hig auf  den unentwickelten  Grundlagen von 1807 bis 1814 hocken-
       blieb und kein Glied rührte. Sie muß ignorieren, daß diese Grund-
       lagen längst  vergessen waren,  als die  glorreiche bürokratisch-
       junkertümliche k[öni]gl[ich]-preußische Monarchie letzten Februar
       von den Franzosen einen neuen so gewaltigen Stoß erhielt, daß sie
       von ihren  "Grundlagen von  1807-1814"  glorreichst  herunterpur-
       zelte. Sie  muß ignorieren, daß es sich für die königlich-preußi-
       sche Monarchie  keineswegs um  diese Grundlagen,  sondern bloß um
       Abwendung der  weiteren Folgen  des von Frankreich erhaltenen An-
       stoßes handelte.  Das alles aber ignoriert die preußische Einbil-
       dung, und als sie den Stoß plötzlich erhält, schreit sie, wie ein
       Kind nach  der Amme,  nach den  verrotteten Grundlagen  von 1807-
       1814!
       Als ob nicht das Preußen von 1848 nach Gebiet, Industrie, Handel,
       Verkehrsmitteln, Bildung und Klassenverhältnissen ein ganz andres
       Land sei wie das Preußen der "Grundlagen von 1807-1814"!
       Als ob  nicht seit  jener Zeit  zwei ganz neue Klassen, das indu-
       strielle Proletariat  und die  freie Bauernklasse,  in seine  Ge-
       schichte eingegriffen  hätten, als  ob die preußische Bourgeoisie
       von 1848  nicht eine ganz andre sei als die schüchterne, demütige
       und dankbare Kleinbürgerschaft aus der Zeit der "Grundlagen"!
       Aber das hilft alles nichts. Ein braver Preuße darf nichts kennen
       als seine  "Grundlagen von 1807-1814". Das sind einmal die Grund-
       lagen, darauf wird fortgebaut und damit basta.
       Der Anfang  einer der  kolossalsten  geschichtlichen  Umwälzungen
       wird zusammengetrocknet  zum Ende  einer der winzigsten Scheinre-
       formprellereien - so versteht man die Revolution in Altpreußen!
       Und  in  dieser  selbstgefällig-bornierten  Schwärmerei  aus  der
       vaterländischen Geschichte "schien alles einig" - freilich, gott-
       lob, nur in Berlin!
       Weiter.
       
       "Diejenigen Stände  und Klassen, welche Privilegien und Vorrechte
       aufzugeben ...  hatten, an  denen es war, in Zukunft nur in glei-
       chem Recht  mit allen ihren Mitbürgern zu stehn, ... schienen be-
       reit dazu - erfüllt von der Überzeugung, daß der alte Zustand un-
       haltbar geworden  sei, daß es in ihrem eignen wohlverstandnen In-
       teresse liege ..."
       
       Seht den  sanftmütigen und  von Herzen demütigen Bürgersmann, wie
       er die  Revolution abermals  eskamotiert! Der  Adel, die Pfaffen,
       die Bürokraten,
       
       #203# "Berliner National-Zeitung" an die Urwähler
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       die Offiziere  "schienen bereit",  ihre  Privilegien  aufzugeben,
       nicht weil  das bewaffnete  Volk sie dazu zwang, weil die, im er-
       sten Schrecken vor der europäischen Revolution, unaufhaltsam ein-
       gerissene Demoralisation  und Desorganisation  in  ihren  eigenen
       Reihen sie  widerstandslos machte  - nein! Die friedlichen, wohl-
       wollenden und  für beide  Teile vorteilhaften "Transaktionen", um
       mit Herrn  Camphausen zu  sprechen, vom  24. Februar und 18. März
       [236] hatten  sie mit der "Überzeugung erfüllt", daß dies "in ih-
       rem eignen wohlverstandenen Interesse liege"!
       Die Märzrevolution  und vollends  der 24. Februar im wohlverstan-
       denen Interesse  der Herren Krautjunker, Konsistorialräte, Regie-
       rungsräte und  Gardelieutenants - das ist doch wahrhaftig ein py-
       ramidaler Einfall!
       Aber leider!
       
       "Heut ist es nicht mehr so. Die Nutznießer und Anhänger des alten
       Zustandes wollen,  weit davon entfernt,  i h r e r  P f l i c h t
       g e m ä ß   (!) selbst  zu helfen,  daß der alte Schutt abgeräumt
       und das  neue Haus  gebaut werde,  nur die  alten Trümmer,  unter
       denen der linden so bedenklich gewankt hat, stützen und mit eini-
       gen anscheinend der neuen Zeit sich anschmiegenden Formen ausput-
       zen."
       
       "Heut ist es nicht mehr so" - als es im Mai zu sein  s c h i e n,
       d.h., es  ist nicht mehr so, wie es im Mai nicht war, oder es ist
       gerade so, wie es im Mai war.
       Solches Deutsch  schreibt man  in der Berliner "National-Zeitung"
       und ist noch stolz darauf obendrein.
       Mit einem  Wort: Der  Mai 1848  und der Januar 1849 unterscheiden
       sich nur  durch den   S c h e i n.   Früher  s c h i e n e n  die
       Kontrerevolutionäre ihre  Pflicht einzusehen, heute sehen sie sie
       wirklich und  unverhohlen nicht  ein, und darüber jammert der ru-
       hige Bürger. Es ist ja doch die  P f l i c h t  der Kontrerevolu-
       tionäre, ihre  Interessen in ihrem eignen wohlverstandenen Inter-
       esse aufzugeben!  Es ist  ihre   P f l i c h t,  sich selbst ihre
       Lebensadern aufzuschneiden  - und  doch tun sie's nicht - so jam-
       mert der Mann des wohlverstandenen Interesses!
       Und warum  tun eure  Feinde jetzt  das nicht,  was, wie ihr sagt,
       doch ihre Pflicht ist?
       Weil ihr  selbst im  Frühjahr   e u r e   "Pflicht" nicht getan -
       weil ihr  damals, als  ihr stark  wäret, euch wie Memmen benommen
       und vor der Revolution gezittert habt, die euch groß und gewaltig
       machen sollte; weil ihr selbst den alten Schutt habt liegenlassen
       und euch selbstgefällig bespiegelt habt in der Aureole eines hal-
       ben Erfolgs! Und nun, da die Kontrerevolution stark geworden über
       Nacht und  euch den Fuß auf den Nacken setzt, nun, da unter euren
       Füßen der Boden bedenklich wankt, nun verlangt ihr, die Kontrere-
       volution soll eure
       
       #204# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Dienerin werden,  soll den  Schutt wegräumen, den ihr wegzuräumen
       zu schwach  und zu  feig wäret, sie, die Mächtige, soll sich euch
       Schwachen opfern?
       Kindische Toren  ihr! Aber  wartet eine  kurze Zeit, und das Volk
       wird sich  erheben und mit  e i n e m  mächtigen Stoß euch zu Bo-
       den strecken mitsamt der Kontrerevolution, gegen die ihr jetzt so
       ohnmächtig anbellt!
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 207 vom 28. Januar 1849,
       Zweite Ausgabe]
       * Köln,  27. Januar. Wir haben in unserm ersten Artikel einen Um-
       stand nicht  berücksichtigt, der der "Nat[ional]-Z[ei]t[un]g" al-
       lerdings  scheinbar  zur  Entschuldigung  gereichen  könnte:  Die
       "Nat.-Ztg." schreibt  nicht frei,  sie steht  unter dem  B e l a-
       g e r u n g s z u s t a n d.   Und unter  dem  Belagerungszustand
       muß sie allerdings singen:
       
       Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
       Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht;
       Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen,
       Allein das Schicksal will es nicht!!! [237]
       
       Inzwischen erscheinen  die  Zeitungen  nicht,  selbst  unter  dem
       Belagerungszustande nicht,  um das Gegenteil von ihrer Meinung zu
       sagen, und  dann findet auf die erste, bisher von uns in Betracht
       gezogene Hälfte  des fraglichen  Artikels der  Belagerungszustand
       keine Anwendung.
       Der Belagerungszustand  ist nicht schuld an dem wulstigen, unkla-
       ren Stil der "N.-Z.".
       Der Belagerungszustand  ist nicht  schuld daran,  daß die "N.-Z."
       sich nach dem März allerlei biedermännische Illusionen machte.
       Der Belagerungszustand  zwingt die "N.-Z. " keineswegs, die Revo-
       lution von  1848 zum  Schleppenträger der  Reformen von  1807 bis
       1814 zu machen.
       Der Belagerungszustand,  mit einem  Wort, zwingt die "N.-Z." kei-
       neswegs, über den Entwicklungsgang der Revolution und Kontrerevo-
       lution von  1848 so  absurde Vorstellungen  zu haben, wie wir sie
       ihr vor  zwei Tagen  nachwiesen. Nicht die Vergangenheit, nur die
       Gegenwart fällt dem Belagerungszustand anheim.
       Deshalb trugen  wir bei  der Kritik  der  e r s t e n  Hälfte des
       fraglichen Artikels  dem Belagerungszustand  keine Rechnung,  und
       eben deshalb werden wir ihm heute Rechnung tragen.
       
       #205# "Berliner National-Zeitung" an die Urwähler
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       Die "N.-Z.",  nach Beendigung ihrer historischen Einleitung, wen-
       det sich nun folgendermaßen an die Urwähler:
       
       "Es gilt  den angebahnten  Fortschritt zu  sichern, die Errungen-
       schaften festzuhalten."
       
       Welchen  "Fortschritt"?  Welche  "Errungenschaften"?  Den  "Fort-
       schritt", daß  es "heute  nicht mehr  so  ist",  wie  es  im  Mai
       "schien"? Die  "Errungeschaft", daß "die Nutznießer des alten Zu-
       standes weit entfernt sind, ihrer Pflicht gemäß selbst zu helfen,
       daß der  alte Schutt  aufgeräumt werde"?  Oder  die  oktroyierten
       "Errungenschaften", die  "die alten Trümmer stützen und mit eini-
       gen der  neuen Zeit  anscheinend sich  anschmiegenden Formen aus-
       putzen?
       Der Belagerungszustand,  meine Herren von der "National-Zeitung",
       ist keine Entschuldigung für Gedankenlosigkeit und Konfusion.
       Der "Fortschritt",  der vorderhand am besten "angebahnt" ist, ist
       der Rückschritt zum alten System, und auf dieser Fortschrittsbahn
       schreiten wir täglich weiter.
       Die einzige "Errungenschaft", die uns geblieben ist - und das ist
       keine spezifisch-preußische, keine "März"-Errungenschaft, sondern
       das Resultat  der europäischen Revolution von 1848 - ist die all-
       gemeinste, entschiedenste,  blutigste, gewaltsamste Kontrerevolu-
       tion, die  aber selbst nur eine Phase der europäischen Revolution
       und daher  nur die  Erzeugerin eines neuen, allgemeinen und sieg-
       reichen revolutionären Gegenschlags ist.
       Aber die  "National-Zeitung" weiß  das vielleicht  so gut wie wir
       und darf  es nur  nicht sagen wegen des Belagerungszustandes? Man
       höre:
       
       "Wir wollen  nicht eine   F o r t d a u e r   d e r  R e v o l u-
       t i o n;   wir sind  Feinde aller   A n a r c h i e,  jeder  G e-
       w a l t t a t   und   W i l l k ü r;   wir wollen    G e s e t z,
       R u h e  und  O r d n u n g."
       
       Der Belagerungszustand, meine Herren, zwingt Sie höchstens  z u m
       S c h w e i g e n,   nie zum   R e d e n.   Diesen letztzitierten
       Satz nehmen  wir daher zu Protokoll: Sprechen  S i e  aus ihm, um
       so besser;  spricht der  Belagerungszustand aus  ihm, so brauchen
       Sie sich  nicht zu seinem Organ herzugeben. Entweder sind Sie re-
       volutionär, oder  Sie sind  es nicht.  Sind Sie es nicht, so sind
       wir  von   vornherein  Gegner;   sind  Sie   es,  so  mußten  Sie
       s c h w e i g e n.
       Aber Sie  sprechen mit  solcher Überzeugung, Sie haben so honette
       Antezedenzien, daß  wir ruhig annehmen können: der Belagerungszu-
       stand ist dieser Beteurung gänzlich fremd.
       "Wir wollen  nicht eine Fortdauer der Revolution." Das heißt: wir
       wollen die Fortdauer der Kontrerevolution. Denn aus der gewaltsa-
       men Kontrerevolution,
       
       #206# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       das ist  eine historische  Tatsache, kommt man entweder gar nicht
       heraus oder nur durch die Revolution.
       "Wir wollen  nicht eine Fortdauer der Revolution," das heißt: wir
       erkennen die Revolution als geschlossen an, als zu ihrem Ziel ge-
       langt. Und  das Ziel,  an dem  die Revolution am 21. Januar 1849,
       als der fragliche Artikel verfaßt wurde, angelangt war, dies Ziel
       war eben - die Kontrerevolution.
       "Wir sind Feinde aller Anarchie, jeder Gewalttat und Willkür."
       Also auch  Feinde der  "Anarchie", die  nach jeder Revolution bis
       zur Konsolidierung  der neuen  Verhältnisse eintritt,  Feinde der
       "Gewalttaten" vom 24. Februar und 18. März, Feinde der "Willkür",
       die einen  verrotteten Zustand  und seine  morschen  gesetzlichen
       Stützpfeiler rücksichtslos zertrümmert!
       "Wir wollen Gesetz, Ruhe und Ordnung"!
       In der  Tat, der  Moment ist  gut gewählt,  vor "Gesetz, Ruhe und
       Ordnung" niederzuknieen, gegen die Revolution zu protestieren und
       in das  triviale Zeter gegen Anarchie, Gewalttat und Willkür ein-
       zustimmen! Gut  gewählt, gerade in dem Augenblick, wo die Revolu-
       tion unter  dem Schutz der Bajonette und Kanonen offiziell zu ei-
       nem   g e m e i n e n    V e r b r e c h e n    umgestempelt,  wo
       "Anarchie, Gewalttat  und  Willkür"  durch  königliche  kontrasi-
       gnierte  Ordonnanzen   unverhohlen  in  Praxis  gesetzt,  wo  das
       "Gesetz", das  die Kamarilla  uns aufoktroyiert, stets  g e g e n
       uns, nie   f ü r  uns angewandt wird, wo "Ruhe und Ordnung" darin
       bestehen, daß  man die Kontrerevolution in "Ruhe" läßt, damit sie
       i h r e  altpreußische "Ordnung" der Dinge herstellen kann.
       Nein, meine  Herren, aus  Ihnen spricht  kein Belagerungszustand,
       aus Ihnen  spricht der  unverfälschteste, ins  Berlinische  über-
       setzte Odilon  Barrot mit all seiner Borniertheit, all seiner Im-
       potenz, all seinen frommen Wünschen.
       Kein Revolutionär  ist so  taktlos, so verkindet, so feig, daß er
       die Revolution  gerade dann verleugnet, wenn die Kontrerevolution
       ihre glänzendsten  Triumphe feiert.  Wenn er nicht sprechen kann,
       so handelt  er, und  wenn er  nicht handeln  kann, so schweigt er
       lieber ganz.
       Aber verfolgen  die Herren von der "National-Zeitung" nicht viel-
       leicht eine  schlaue Politik?  Treten sie  vielleicht deshalb  so
       zahm auf,  um noch  einen Teil der sogenannten Gemäßigten am Vor-
       abend der Wahlen für die Opposition zu gewinnen?
       Wir haben es gesagt, vom ersten Tage an, als die Kontrerevolution
       über uns  hereinbrach, von  jetzt an  gibt es  nur noch zwei Par-
       teien: die  "Revolutionäre" und  die  "Kontrerevolutionäre";  nur
       noch zwei  Parolen: "die  demokratische Republik" oder "die abso-
       lute Monarchie" 1*). Alles, was dazwischen
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 124
       
       #207# "Berliner National-Zeitung" an die Urwähler
       -----
       liegt, ist keine Partei mehr, ist bloße Fraktion. Die Kontrerevo-
       lution hat alles getan, unsern Ausspruch wahr zu machen. Die Wah-
       len sind seine glänzendste Bestätigung.
       Und zu  einer solchen  Zeit, wo  die Parteien einander so schroff
       entgegengehen, wo  der Kampf  mit der größten Erbitterung geführt
       wird, wo  nur die  erdrückende Übermacht der organisierten Solda-
       teska verhindert, daß der Kampf mit den Waffen in der Hand ausge-
       fochten wird  - zu einer solchen Zeit hört alle Vermittlungspoli-
       tik auf.  Man muß  selbst Odilon  Barrot sein, um dann den Odilon
       Barrot spielen zu können.
       Aber unsere  Berliner Barrots  haben ihre Vorbehalte, ihre Bedin-
       gungen, ihre Interpretationen. Heuler [226] sind sie, aber durch-
       aus keine  Heuler schlechtweg;  sie sind  Heuler mit  einem  "Das
       heißt", Heuler von der leisen Opposition:
       
       "A b e r   wir wollen   n e u e   Gesetze,  wie sie  der erwachte
       freie Volksgeist  und der  Grundsatz der  Gleichberechtigung for-
       dert; wir wollen eine  w a h r h a f t  d e m o k r a t i s c h -
       k o n s t i t u t i o n e l l e   O r d n u n g"  (d.h. ein wahr-
       haftes Unding);  "wir wollen  Ruhe, die auf  m e h r  sich stützt
       als auf Bajonette und Belagerungszustände; die eine politisch und
       sittlich (!) begründete Beruhigung der Gemüter ist, hervorgerufen
       durch die  durch Taten  und  Einrichtungen  gewährleistete  Über-
       zeugung, daß jeder Klasse des Volks ihr Recht" etc. etc.
       
       Wir können  uns die Arbeit ersparen, diesen belagerungszuständli-
       chen Satz  zu Ende zu schreiben. Genug, die Herren "wollen" nicht
       die  Revolution,·sondern  nur  eine  kleine  Blumenlese  aus  den
       R e s u l t a t e n   der Revolution; etwas Demokratie, aber auch
       etwas Konstitutionalismus,  einige neue  Gesetze, Entfernung  der
       feudalen Institutionen, bürgerliche Gleichheit etc. etc.
       Mit andern  Worten, die Herren von der "National-Zeitung" und die
       von der Berliner Ex-Linken [238], deren Organ sie ist, wollen ak-
       kurat dasselbe  von der  Kontrerevolution erlangen,  weshalb  die
       Kontrerevolution sie auseinandergejagt.
       Nichts gelernt und nichts vergessen! [239]
       Die Herren  "wollen" lauter  Dinge, die  sie nie erlangen werden,
       außer durch eine neue Revolution. Und eine neue Revolution wollen
       sie nicht.
       Eine neue  Revolution würde  ihnen aber  auch ganz  andere  Dinge
       bringen, als  die oben aufgestellten bescheiden-bürgerlichen For-
       derungen enthalten.  Und darum haben die Herren ganz recht, keine
       Revolution zu wollen.
       Das Beste  aber ist, daß sich die geschichtliche Entwickelung we-
       nig darum  kümmert, was die Barrots "wollen" oder nicht "wollen".
       Der Pariser Original-Barrot "wollte" auch am 24. Februar nur ganz
       bescheidene Reformen  und namentlich  ein Portefeuille  für  sich
       durchsetzen; und  kaum hatte  er beides erhascht, so schlugen die
       Wogen über ihm zusammen, und er verschwand mit
       
       #208# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       seinem ganzen tugendhaften, kleinbürgerlichen Anhang in der revo-
       lutionären Sündflut.  Auch jetzt,  wo er endlich wieder ein Mini-
       sterium erhascht  hat, "will"  er  wieder  gar  mancherlei;  aber
       nichts von  dem, was  er will,  geschieht. Das  ist von jeher das
       Schicksal der  Barrots gewesen.  Und so wird es den Berliner Bar-
       rots auch gehen.
       Sie werden  mit oder  ohne Belagerungszustand fortfahren, das Pu-
       blikum mit  ihren frommen  Wünschen zu ennuyieren, sie werden al-
       lerhöchstens einige  wenige dieser  Wünsche auf dem Papier durch-
       setzen und zuletzt entweder von der Krone oder vom Volke in Ruhe-
       stand versetzt  werden. Aber in Ruhestand versetzt werden sie je-
       denfalls.
       
       Geschrieben von Karl Marx.

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