Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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#209#
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Zustand in Paris
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 209 vom 31. Januar 1849]
* Paris, 28. Januar. Die Gefahr eines Volksaufstandes ist vorder-
hand beseitigt durch das Votum der Kammer g e g e n die Dring-
lichkeit des Klubverbots, d.h. gegen das Klubverbot überhaupt
[240]. Aber eine neue Gefahr taucht auf: die G e f a h r d e s
S t a a t s s t r e i c h s.
Man lese den heutigen "National" [73] und sage, ob nicht aus
j e d e r Z e i l e die Furcht vor dem Staatsstreich hervor-
leuchtet.
"Das Votum von heute ist ein tödlicher Streich für das Kabinett,
und wir fordern Herrn Odilon Barrot, Faucher und tutti quanti 1*)
heraus, jetzt ihre Portefeuilles noch länger zu behaupten ..."
Soweit scheint der "National" noch gutes Muts zu sein. Aber man
höre den Nachsatz:
"...ohne in offne Revolte gegen den Geist und den Buchstaben der
Verfassung zu treten!"
Und was läge Herrn Odilon Barrot, Faucher und tutti quanti daran,
in offne Revolte gegen die Verfassung zu treten! Seit wann
schwärmen Barrot und Faucher für die Verfassung von 1848!
Der "National" d r o h t den Ministern nicht mehr, er demon-
striert ihnen, daß sie abtreten müssen, er demonstriert dem Prä-
sidenten, daß er sie entlassen muß. Und das in einem Lande, wo
sich der Rücktritt der Minister nach einem solchen Votum seit
dreißig Jahren von selbst versteht!
Der Präsident der Republik, sagt der "National", wird das hof-
fentlich einsehn, daß die Majorität und das Kabinett in vollstän-
diger Zwietracht sind, daß er durch Entlassung des Kabinetts die
Bande zwischen sich und der
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1*) alle Leute dieser Art
#210# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Majorität enger knüpfen wird, daß zwischen ihm und der Majorität
nur ein Hindernis des guten Vernehmens besteht: das Kabinett.
Ja, der "National" sucht dem Ministerium eine goldene Brücke zum
Rückzug zu bauen: Er wünscht, daß die Anklage gegen die Minister
fallengelassen werde. Das Votum sei Strafe genug. Dies letzte
Mittel möge aufgespart werden, bis die Minister die Konstitution
wirklich durch einen vollendeten Akt verletzt haben.
Ja, ruft er zuletzt aus, a l l e s macht es dem Kabinett zur
P f l i c h t, sich zurückzuziehen; seine eigenen Worte binden
es derart, daß wir zögern zu glauben, es werde die Gewalt zu be-
halten wagen. Herr Barrot erklärte heut abend, daß, wenn die
Dringlichkeit verworfen werde, die V e r s a m m l u n g
s e l b s t die Verantwortlichkeit für die Ereignisse übernehme.
Gut, wo die Verantwortlichkeit aufhört, muß auch die Macht aufhö-
ren. Will das Kabinett nicht verantwortlich sein für die Ereig-
nisse, so darf es sie auch nicht dirigieren. Herr Barrot hat
seine Demission auf der Tribüne niedergelegt, indem er die
Verantwortlichkeit ablehnte.
Kurz: Der "National" glaubt nicht an den freiwilligen Rücktritt
des Ministeriums und ebensowenig an seine Entlassung durch den
Präsidenten.
Wenn aber das Ministerium dem Votum der Versammlung trotzen will,
so bleibt ihm nichts als - d e r S t a a t s s t r e i c h.
Die Auflösung der Nationalversammlung und die Vorbereitung der
monarchischen Restauration durch Militärgewalt, das ist es, was
hinter der Furcht des "National" vor dem Bleiben des Ministeriums
lauert.
Daher bitten der "National" und die roten Blätter das Volk, nur
ja ruhig zu bleiben, nur ja keinen Vorwand zum Einschreiten zu
geben, da jede Erneute nur das fallende Kabinett stützen, nur der
royalistischen Kontrerevolution dienen könne.
Daß der Staatsstreich immer näher rückt, beweisen die Vorfälle
zwischen Changarnier und den Offizieren der Mobilgarde. Die bou-
chers de Cavaignac 1*) haben keine Lust, sich zu einem royalisti-
schen Coup gebrauchen zu lassen; deshalb sollen sie aufgelöst
werden; sie murren, und Changarnier droht, sie zusammenhauen zu
lassen, und steckt ihre Offiziere in Arrest.
Die Situation kompliziert sich scheinbar ; in der Tat aber wird
sie sehr einfach, so einfach, wie sie jedesmal am Vorabend einer
Revolution ist.
Der Konflikt zwischen der Versammlung und dem Präsidenten nebst
seinen Ministern ist zum Ausbruch gekommen. Frankreich kann unter
der Impotenz, von der es seit 10 Monaten regiert wird, nicht län-
ger existieren; das
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1*) Schlächter Cavaignacs
#211# Zustand in Paris
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Defizit, der gedrückte industrielle und kommerzielle Zustand, der
Steuerdruck, der den Ackerbau ruiniert, werden täglich unerträg-
licher; große, einschneidende Maßregeln werden immer dringender,
und jede neue Regierung ist immer impotenter und tatloser als die
frühere; bis endlich Odilon Barrot die Untätigkeit auf die Spitze
getrieben und in sechs Wochen absolut gar nichts getan hat.
Dadurch aber hat er die Situation sehr vereinfacht. Nach ihm ist
kein Ministerium der honetten Republik mehr möglich. Die gemisch-
ten Regierungen (das Provisorium und die Exekutivkommission)
[101] die Regierung des "National", die Regierung der alten
Linken, alles ist durchgemacht, alles verschlissen und abgenutzt.
Die Reihe kommt jetzt an Thiers, und Thiers ist die unverhüllte
monarchische Restauration.
M o n a r c h i s c h e R e s t a u r a t i o n oder - r o t e
R e p u b l i k, das ist jetzt die einzige Alternative in Frank-
reich. Die Krisis kann sich noch einige Wochen hinziehen, aber
ausbrechen muß sie. Changarnier-Monk [241] mit seinen Dreihun-
derttausend, die ihm für 24 Stunden gänzlich zu Gebot stehen,
scheint auch nicht länger warten zu wollen.
Daher die Angst des "National". Er erkennt seine Unfähigkeit, die
Situation zu beherrschen; er weiß, daß jede gewaltsame Änderung
der Regierung seine heftigsten Feinde zur Herrschaft bringt, daß
er bei der Monarchie wie bei der roten Republik verloren ist. Da-
her sein Seufzen nach einer friedlichen Transaktion, seine Höf-
lichkeit gegen die Minister.
Wir werden sehr bald sehn, ob es zum endlichen Siege der roten
Republik nötig ist, daß Frankreich für einen Augenblick durch die
monarchische Phase passiert. Möglich ist es, aber nicht wahr-
scheinlich.
Das aber ist gewiß: Die honette Republik bricht an allen Ecken
zusammen, und nach ihr ist, wenn auch erst nach einigen kleinen
Intermezzos, nur noch möglich die r o t e R e p u b l i k.
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