Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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#214#
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Die "Kölnische Zeitung" über die Wahlen
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 210 vom 1. Februar 1849]
* Köln, 30. Januar. Die "Kölnische Zeitung" [21] hat endlich auch
Wahlberichte erhalten, und zwar Berichte, die einigermaßen Öl in
ihre Wunden gießen.
"Die demokratischen Wahlberichte", ruft Ehren-Brüggemann freude-
trunken aus, "die demokratischen Wahlberichte" (d.h. die "Neue
Rheinische Zeitung") "haben a r g a u f g e s c h n i t t e n.
Die Reklamationen kommen uns jetzt v o n a l l e n S e i t e n
zu."
Von allen Seiten! Die "Kölnische" wird uns mit der Wucht ihrer
"Reklamationen" erdrücken. Zwei Seiten gedrängter Wahlbulletins,
jedes eine "arge Aufschneiderei" der "Neuen Rheinischen Zeitung",
jedes einen Sieg der Konstitutionellen nachweisend, werden uns
die purpurnste Schamröte in die Wangen treiben?
Im Gegenteil.
"Die Reklamationen kommen uns jetzt von allen Seiten zu."
Ehren-Brüggemann "schneidet" nicht "auf". Es kommen ihm wirklich
summa summarum v i e r ganze Reklamationen zu: aus Westen
(Trier), Norden (Hamm), Süden (Siegburg) und Osten (Arnsberg)!
Sind das nicht "Reklamationen von allen Seiten" gegen das "arge
Aufschneiden der demokratischen Wahlberichte"!
Lassen wir ihr einstweilen den Genuß, zu glauben, daß in diesen
vier entscheidenden Orten die Konstitutionellen gesiegt haben.
Ohnehin wird dieser Genuß verbittert durch den Schmerz, daß doch
an manchen Orten die Konstitutionellen der "Verführbarkeit der
Massen" erlegen sind.
Naives Geständnis der Konstitutionellen, daß für sie die "Massen"
nicht "verführbar" sind!
Doch ein Trost bleibt der "Kölnischen Zeitung". Und welcher
Trost?
#215# Die "Kölnische Zeitung" über die Wahlen
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Der Trost, daß der Koblenzer Korrespondent der "Deutschen Zeitung
[177] ihr Leidensgenosse ist, daß er in dieser unglücklichen Kon-
stellation passende Worte gesprochen hat, würdig, in den ersten
Kolumnen der "Kölnischen Zeitung" zu figurieren:
"Merkt, daß die p o l i t i s c h e F r a g e auch in diesem
Punkte, wie überall, klein wird gegen die soziale, daß sie
g a n z d a r i n a u f g e h t.
Noch bis vor wenig Tagen wollte die "Kölnische Zeitung" von der
sozialen Frage nichts wissen. Sie kam nie, oder höchstens mit ei-
ner gewissen Frivolität (soweit es der "Kölnischen" möglich ist,
frivol zu sein), auf dies jenseitige Wesen zu sprechen. Sie ver-
hielt sich gottlos, ungläubig, freigeistig zu ihr. Da auf einmal
geht es ihr wie dem Fischer in "Tausendundeiner Nacht"; wie vor
ihm der Genius aus dem vom Meeresgrund aufgefischten, entsiegel-
ten Gefäß sich riesengroß erhob, so ersteht vor der zitternden
"Kölnischen" plötzlich aus der Wahlurne das dräuende Riesenge-
spenst der "sozialen Frage". Erschrocken sinkt Ehren-Brüggemann
in die Knie; seine letzte Hoffnung schwindet, das Gespenst ver-
schluckt mit einem Zuge seine ganze, jahrelang zärtlich gehät-
schelte "politische Frage" samt Rechtsböden und Zubehör.
Kluge Politik der "Kölnischen Zeitung". Ihre p o l i t i s c h e
Niederlage sucht sie durch ihre s o z i a l e Niederlage zu be-
schönigen.
Diese Entdeckung, daß sie nicht nur auf politischem, sondern auch
auf sozialem Gebiet geschlagen ist, das ist die größte Urwahler-
fahrung der "Kölnischen"!
Oder schwärmte die "Kölnische Zeitung" etwa schon früher für die
"soziale Frage"?
In der Tat, Montesquieu LVI. hatte in der "Kölnischen Zeitung"
erklärt, die soziale Frage sei unendlich wichtig, und die Aner-
kennung der oktroyierten Verfassung [123] sei die Lösung der so-
zialen Frage. 1*)
Die Anerkennung der oktroyierten Verfassung - das ist aber vor
allem das, was die "Kölnische Zeitung" die "p o l i t i s c h e
Frage" nennt.
V o r den Wahlen also ging die soziale Frage in die
p o l i t i s c h e, nach den Wahlen geht die politische in die
s o z i a l e auf. Das ist also der Unterschied, das die Urwahl-
erfahrung, daß n a c h den Wahlen gerade das Umgekehrte von dem
richtig ist, was v o r den Wahlen ein Evangelium war.
"Die politische Frage geht in die soziale auf!"
Lassen wir außer Augen, daß wir vor den Wahlen bereits möglichst
handgreiflich auseinandergesetzt haben, wie von einer "sozialen
Frage" als solcher
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1*) Siehe vorl. Band, S. 183.
#216# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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gar nicht die Rede sein kann, wie jede Klasse ihre e i g e n e
soziale Frage hat und wie mit dieser sozialen Frage einer be-
stimmten Klasse auch zugleich eine bestimmte politische Frage für
diese Klasse gegeben ist. 1*) Lassen wir alle diese leichtferti-
gen Randglossen gegenüber der ernsten, gediegenen Kölnerin außer
Augen, und gehen wir, soviel möglich, auf den Gedankengang und
die Redeweise dieses charaktervollen und tiefsinnigen Blattes
ein.
Unter der sozialen Frage versteht die "Kölnische Zeitung" die
Frage: Wie ist der Kleinbürgerschaft, den Bauern und dem Proleta-
riat zu helfen?
Und jetzt, da bei den Urwahlen die Kleinbürgerschaft, die Bauern
und die Proletarier sich von der großen Bourgeoisie, dem hohen
Adel und der hohen Bürokratie emanzipiert haben, jetzt ruft die
"Kölnische Zeitung": "Die politische Frage geht in die soziale
auf!"
Schöner Trost für die "Kölnische" ! Also, daß die Arbeiter, die
Bauern und die kleineren Bürger die großbürgerlichen und sonsti-
gen wohlangesehenen konstitutionellen Kandidaten der "Kölnischen
Zeitung" mit eklatanten Majoritäten aus dem Felde geschlagen ha-
ben, das ist keine Niederlage der "Konstitutionellen", sondern
bloß ein Sieg der "sozialen Frage"! Daß die Konstitutionellen ge-
schlagen, beweist nicht, daß die Demokraten gesiegt haben, son-
dern daß die Politik gegenüber den materiellen Fragen aus dem
Spiele geblieben ist.
Tiefdenkende Gründlichkeit des benachbarten Publizisten! [242]
Diese Kleinbürger, die am Rande des Untergangs schweben, schwär-
men sie etwa für die oktroyierte Verfassung? Diese Bauern, die
hier von Hypotheken und Wucher, dort von Feudallasten erdrückt
werden, sind sie begeistert für die Finanz- und Feudalbarone,
ihre eigenen Unterdrücker, zu deren Nutz und Frommen gerade die
oktroyierte Verfassung erfunden? Und vollends diese Proletarier,
die zu gleicher Zeit unter der Reglementierungswut unserer Büro-
kraten und unter der Profitwut unserer Bourgeoisie schmachten,
haben sie Grund, sich darüber zu freuen, daß die oktroyierte Ver-
fassung ein neues Band um diese beiden Klassen von Volksaussau-
gern schlingt?
Haben nicht alle diese drei Klassen vor allem ein Interesse an
der Wegschaffung der ersten Kammer, die nicht sie vertritt, son-
dern ihre direkten Gegner und Unterdrücker?
In der Tat, die "Kölnische Zeitung" hat recht: Die soziale Frage
verschluckt die politische, die neu in die politische Bewegung
eingetretenen Klassen werden im Interesse der "sozialen Frage"
gegen ihr eigenes politisches Interesse und für die oktroyierte
Verfassung stimmen!
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1*) Siehe vorl. Band, S. 190-196
#217# Die "Kölnische Zeitung" über die Wahlen
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Können die Kleinbürger und Bauern, und vollends die Proletarier,
eine bessere Staatsform für die Vertretung ihrer Interessen fin-
den als die demokratische Republik? Sind nicht gerade diese Klas-
sen die radikalsten, die demokratischsten der ganzen Gesell-
schaft? Ist nicht das Proletariat gerade die spezifisch r o t e
Klasse? - Einerlei, ruft die "Kölnische", die soziale Frage ver-
schluckt die politische.
Der Sieg der sozialen Frage ist zugleich der Sieg der oktroyier-
ten Verfassung nach der "Kölnischen".
Aber die "soziale Frage" der "Kölnischen Zeitung" hat auch eine
ganz aparte Beschaffenheit. Man lese den Bericht der "Kölnischen
Zeitung" über die Wahlen zur ersten Kammer [243] und ihren
"glücklichen Ausfall", der darin besteht, daß Herr Joseph Dumont
Wahlmann geworden ist. Die eigentliche soziale Frage der
"Kölnischen Zeitung" ist dadurch allerdings gelöst, und ihr ge-
genüber verschwinden alle die untergeordneten "sozialen Fragen",
welche bei Gelegenheit der Wahlen zur plebejischen zweiten Kammer
etwa auftauchen konnten.
Möge der Sturm der in Paris in diesem Augenblick dräuend sich er-
hebenden welthistorischen "politischen Frage" die zarte "soziale
Frage" der "Kölnischen Zeitung" nicht schonungslos zerknicken!
Geschrieben von Karl Marx.
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