Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       Die "Kölnische Zeitung" über die Wahlen
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 210 vom 1. Februar 1849]
       * Köln, 30. Januar. Die "Kölnische Zeitung" [21] hat endlich auch
       Wahlberichte erhalten,  und zwar Berichte, die einigermaßen Öl in
       ihre Wunden gießen.
       "Die demokratischen  Wahlberichte", ruft Ehren-Brüggemann freude-
       trunken aus,  "die demokratischen  Wahlberichte" (d.h.  die "Neue
       Rheinische Zeitung")  "haben  a r g  a u f g e s c h n i t t e n.
       Die Reklamationen kommen uns jetzt  v o n  a l l e n  S e i t e n
       zu."
       Von allen  Seiten! Die  "Kölnische" wird  uns mit der Wucht ihrer
       "Reklamationen" erdrücken.  Zwei Seiten gedrängter Wahlbulletins,
       jedes eine "arge Aufschneiderei" der "Neuen Rheinischen Zeitung",
       jedes einen  Sieg der  Konstitutionellen nachweisend,  werden uns
       die purpurnste Schamröte in die Wangen treiben?
       Im Gegenteil.
       "Die Reklamationen kommen uns jetzt von allen Seiten zu."
       Ehren-Brüggemann "schneidet"  nicht "auf". Es kommen ihm wirklich
       summa summarum   v i e r   ganze  Reklamationen  zu:  aus  Westen
       (Trier), Norden  (Hamm), Süden  (Siegburg) und  Osten (Arnsberg)!
       Sind das  nicht "Reklamationen  von allen Seiten" gegen das "arge
       Aufschneiden der demokratischen Wahlberichte"!
       Lassen wir  ihr einstweilen  den Genuß, zu glauben, daß in diesen
       vier entscheidenden  Orten die  Konstitutionellen gesiegt  haben.
       Ohnehin wird  dieser Genuß verbittert durch den Schmerz, daß doch
       an manchen  Orten die  Konstitutionellen der  "Verführbarkeit der
       Massen" erlegen sind.
       Naives Geständnis der Konstitutionellen, daß für sie die "Massen"
       nicht "verführbar" sind!
       Doch ein  Trost bleibt  der  "Kölnischen  Zeitung".  Und  welcher
       Trost?
       
       #215# Die "Kölnische Zeitung" über die Wahlen
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       Der Trost, daß der Koblenzer Korrespondent der "Deutschen Zeitung
       [177] ihr Leidensgenosse ist, daß er in dieser unglücklichen Kon-
       stellation passende  Worte gesprochen  hat, würdig, in den ersten
       Kolumnen der "Kölnischen Zeitung" zu figurieren:
       
       "Merkt, daß  die   p o l i t i s c h e  F r a g e  auch in diesem
       Punkte, wie  überall, klein  wird  gegen  die  soziale,  daß  sie
       g a n z  d a r i n  a u f g e h t.
       
       Noch bis  vor wenig  Tagen wollte die "Kölnische Zeitung" von der
       sozialen Frage nichts wissen. Sie kam nie, oder höchstens mit ei-
       ner gewissen  Frivolität (soweit es der "Kölnischen" möglich ist,
       frivol zu  sein), auf dies jenseitige Wesen zu sprechen. Sie ver-
       hielt sich  gottlos, ungläubig, freigeistig zu ihr. Da auf einmal
       geht es  ihr wie  dem Fischer in "Tausendundeiner Nacht"; wie vor
       ihm der  Genius aus dem vom Meeresgrund aufgefischten, entsiegel-
       ten Gefäß  sich riesengroß  erhob, so  ersteht vor der zitternden
       "Kölnischen" plötzlich  aus der  Wahlurne das  dräuende Riesenge-
       spenst der  "sozialen Frage".  Erschrocken sinkt Ehren-Brüggemann
       in die  Knie; seine  letzte Hoffnung schwindet, das Gespenst ver-
       schluckt mit  einem Zuge  seine ganze,  jahrelang zärtlich gehät-
       schelte "politische Frage" samt Rechtsböden und Zubehör.
       Kluge Politik der "Kölnischen Zeitung". Ihre  p o l i t i s c h e
       Niederlage sucht sie durch ihre  s o z i a l e  Niederlage zu be-
       schönigen.
       Diese Entdeckung, daß sie nicht nur auf politischem, sondern auch
       auf sozialem  Gebiet geschlagen ist, das ist die größte Urwahler-
       fahrung der "Kölnischen"!
       Oder schwärmte  die "Kölnische Zeitung" etwa schon früher für die
       "soziale Frage"?
       In der  Tat, Montesquieu  LVI. hatte  in der "Kölnischen Zeitung"
       erklärt, die  soziale Frage  sei unendlich wichtig, und die Aner-
       kennung der  oktroyierten Verfassung [123] sei die Lösung der so-
       zialen Frage. 1*)
       Die Anerkennung  der oktroyierten  Verfassung -  das ist aber vor
       allem das,  was die "Kölnische Zeitung" die  "p o l i t i s c h e
       Frage" nennt.
       V o r     den  Wahlen   also  ging   die  soziale  Frage  in  die
       p o l i t i s c h e,   nach den Wahlen geht die politische in die
       s o z i a l e  auf. Das ist also der Unterschied, das die Urwahl-
       erfahrung, daß  n a c h  den Wahlen gerade das Umgekehrte von dem
       richtig ist, was  v o r  den Wahlen ein Evangelium war.
       "Die politische Frage geht in die soziale auf!"
       Lassen wir  außer Augen, daß wir vor den Wahlen bereits möglichst
       handgreiflich auseinandergesetzt  haben, wie  von einer "sozialen
       Frage" als solcher
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 183.
       
       #216# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       gar nicht  die Rede  sein kann, wie jede Klasse ihre  e i g e n e
       soziale Frage  hat und  wie mit  dieser sozialen  Frage einer be-
       stimmten Klasse auch zugleich eine bestimmte politische Frage für
       diese Klasse  gegeben ist. 1*) Lassen wir alle diese leichtferti-
       gen Randglossen  gegenüber der ernsten, gediegenen Kölnerin außer
       Augen, und  gehen wir,  soviel möglich,  auf den Gedankengang und
       die Redeweise  dieses charaktervollen  und  tiefsinnigen  Blattes
       ein.
       Unter der  sozialen Frage  versteht die  "Kölnische Zeitung"  die
       Frage: Wie ist der Kleinbürgerschaft, den Bauern und dem Proleta-
       riat zu helfen?
       Und jetzt,  da bei den Urwahlen die Kleinbürgerschaft, die Bauern
       und die  Proletarier sich  von der  großen Bourgeoisie, dem hohen
       Adel und  der hohen  Bürokratie emanzipiert haben, jetzt ruft die
       "Kölnische Zeitung":  "Die politische  Frage geht  in die soziale
       auf!"
       Schöner Trost  für die  "Kölnische" ! Also, daß die Arbeiter, die
       Bauern und  die kleineren Bürger die großbürgerlichen und sonsti-
       gen wohlangesehenen  konstitutionellen Kandidaten der "Kölnischen
       Zeitung" mit  eklatanten Majoritäten aus dem Felde geschlagen ha-
       ben, das  ist keine  Niederlage der  "Konstitutionellen", sondern
       bloß ein Sieg der "sozialen Frage"! Daß die Konstitutionellen ge-
       schlagen, beweist  nicht, daß  die Demokraten gesiegt haben, son-
       dern daß  die Politik  gegenüber den  materiellen Fragen  aus dem
       Spiele geblieben ist.
       Tiefdenkende Gründlichkeit  des benachbarten  Publizisten!  [242]
       Diese Kleinbürger,  die am Rande des Untergangs schweben, schwär-
       men sie  etwa für  die oktroyierte  Verfassung? Diese Bauern, die
       hier von  Hypotheken und  Wucher, dort  von Feudallasten erdrückt
       werden, sind  sie begeistert  für die  Finanz- und  Feudalbarone,
       ihre eigenen  Unterdrücker, zu  deren Nutz und Frommen gerade die
       oktroyierte Verfassung  erfunden? Und vollends diese Proletarier,
       die zu  gleicher Zeit unter der Reglementierungswut unserer Büro-
       kraten und  unter der  Profitwut unserer  Bourgeoisie schmachten,
       haben sie Grund, sich darüber zu freuen, daß die oktroyierte Ver-
       fassung ein  neues Band  um diese beiden Klassen von Volksaussau-
       gern schlingt?
       Haben nicht  alle diese  drei Klassen  vor allem ein Interesse an
       der Wegschaffung  der ersten Kammer, die nicht sie vertritt, son-
       dern ihre direkten Gegner und Unterdrücker?
       In der  Tat, die "Kölnische Zeitung" hat recht: Die soziale Frage
       verschluckt die  politische, die  neu in  die politische Bewegung
       eingetretenen Klassen  werden im  Interesse der  "sozialen Frage"
       gegen ihr  eigenes politisches  Interesse und für die oktroyierte
       Verfassung stimmen!
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 190-196
       
       #217# Die "Kölnische Zeitung" über die Wahlen
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       Können die  Kleinbürger und Bauern, und vollends die Proletarier,
       eine bessere  Staatsform für die Vertretung ihrer Interessen fin-
       den als die demokratische Republik? Sind nicht gerade diese Klas-
       sen die  radikalsten, die  demokratischsten  der  ganzen  Gesell-
       schaft? Ist  nicht das Proletariat gerade die spezifisch  r o t e
       Klasse? -  Einerlei, ruft die "Kölnische", die soziale Frage ver-
       schluckt die politische.
       Der Sieg  der sozialen Frage ist zugleich der Sieg der oktroyier-
       ten Verfassung nach der "Kölnischen".
       Aber die  "soziale Frage"  der "Kölnischen Zeitung" hat auch eine
       ganz aparte  Beschaffenheit. Man lese den Bericht der "Kölnischen
       Zeitung" über  die Wahlen  zur  ersten  Kammer  [243]  und  ihren
       "glücklichen Ausfall",  der darin besteht, daß Herr Joseph Dumont
       Wahlmann  geworden   ist.  Die   eigentliche  soziale  Frage  der
       "Kölnischen Zeitung"  ist dadurch  allerdings gelöst, und ihr ge-
       genüber verschwinden  alle die untergeordneten "sozialen Fragen",
       welche bei Gelegenheit der Wahlen zur plebejischen zweiten Kammer
       etwa auftauchen konnten.
       Möge der Sturm der in Paris in diesem Augenblick dräuend sich er-
       hebenden welthistorischen  "politischen Frage" die zarte "soziale
       Frage" der "Kölnischen Zeitung" nicht schonungslos zerknicken!
       
       Geschrieben von Karl Marx.

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