Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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Camphausen
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 213 vom 4. Februar 1849]
* Köln, 3. Februar. Wir erfahren aus ganz sicherer Quelle, daß
vor Eröffnung der Kammer das Ministerium Brandenburg abtreten und
Herr Camphausen den Kammern bei ihrer Eröffnung als neuer Mini-
sterpräsident entgegentreten wird.
Wir waren sicher, daß so etwas im Werke sei, als vor einigen Ta-
gen die hiesigen Freunde des gewiegten Staatsmannes das Gerücht
verbreiteten, er sei der politischen Bewegung satt:
Ach, ich bin des Treibens müde;
Was soll all der Schmerz, die Lust?
Süßer Friede,
Komm, o komm in meine Brust! [244]
und wolle sich deswegen wieder in sein häusliches Stilleben zu-
rückziehen, um seine Meditationen auf das weniger aufregende Ge-
biet der Fettwarenspekulation zu beschränken.
Jedem Einsichtigen mußte es klar sein: Herr Camphausen fühlte das
Bedürfnis, sich abermals zur Rettung der Krone auffordern zu las-
sen und, "gerührt über seine eigene Großmut", zum zweiten Male
die Rolle der "Wehmutter des konstitutionellen Throns" mit
bekanntem Anstand zuspielen.
Die bürgerliche Kammeropposition wird jubeln über diesen parla-
mentarischen "Sieg". Die Deutschen sind vergeßlich und verzeihen
leicht. Dieselbe Linke [238], die voriges Jahr Herrn Camphausen
opponierte, wird seinen Amtsantritt als eine große Konzession der
Krone dankbar begrüßen.
Damit aber das Volk sich nicht abermals täuschen lasse, wollen
wir die vornehmsten Großtaten des denkenden Staatsmannes kurz
wiederholen. Herr Camphausen erweckte den am 18. März begrabenen
V e r e i n i g t e n
#219# Camphausen
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L a n d t a g [137] und vereinbarte mit ihm einige Grundlagen
der künftigen Verfassung [91].
Herr Camphausen vereinbarte dadurch den R e c h t s b o d e n,
d.h. die indirekte Leugnung der Revolution.
Herr Camphausen beglückte uns ferner mit den indirekten
W a h l e n [129].
Herr Camphausen verleugnete abermals die Revolution in einem ih-
rer Hauptresultate, indem er die Flucht des Prinzen von Preußen
in eine Studienreise umwandelte und ihn aus London zurückrief.
[131]
Herr Camphausen organisierte die Bürgerwehr so, daß sie von vorn-
herein aus der Volksbewaffnung zu einer Klassenbewaffnung wurde
und Volk und Bürgerwehr einander feindlich gegenüberstellte.
Herr Camphausen duldete zu gleicher Zeit, daß die altpreußische
Bürokratie und Armee sich rekonstituierten und täglich fähiger
wurden, kontre-revolutionäre Staatsstreiche vorzubereiten.
Herr Camphausen ließ die denkwürdigen Schrapnellmetzeleien gegen
so gut wie unbewaffnete polnische Bauern führen. [132]
Herr Camphausen begann den dänischen Krieg [86], um die patrioti-
sche Überkraft [133] loszuwerden und die preußische Garde wieder
populär zu machen. Als dieser Zweck erreicht, half er aus besten
Kräften den Malmöer schmutzigen Waffenstillstand in Frankfurt
durchsetzen [134], was zum Marsch Wrangels nach Berlin nötig war.
Herr Camphausen beschränkte sich darauf, einige reaktionäre alt-
preußische Gesetze in der Rheinprovinz abzuschaffen, ließ aber
die ganze polizeistaatliche Landrechts-Gesetzgebung [149] in al-
len alten Provinzen bestehen.
Herr Camphausen war der erste, der gegen die - damals noch ent-
schieden revolutionäre - Einheit Deutschlands intrigierte, indem
er erstens neben der Frankfurter Nationalversammlung sein Berli-
ner Vereinbarungsparlament [130] berief und später auf jede Weise
gegen die Beschlüsse und den Einfluß der Frankfurter Versammlung
arbeitete.
Herr Camphausen verlangte von seiner Versammlung, daß sie ihr
konstituierendes Mandat auf ein bloß "vereinbarendes" beschränke.
Herr Camphausen verlangte ferner von ihr den Erlaß einer Adresse
an die Krone, in der sie dies anerkenne - als sei sie eine nach
Belieben vertagbare und auflösbare konstitutionelle Kammer.
Herr Camphausen verlangte ferner von ihr die Verleugnung der Re-
volution und machte hieraus sogar eine Kabinettsfrage.
Herr Camphausen legte seiner Versammlung jenen Verfassungsentwurf
[245] vor, der mit der oktroyierten Verfassung [123] ungefähr auf
einer Linie steht und damals einen allgemeinen Sturm des Unwil-
lens erregte.
#220# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Herr Camphausen rühmte sich, der Minister der Vermittlung gewesen
zu sein, welche Vermittlung keine andere war als die zwischen der
Krone und der Bourgeoisie zum gemeinsamen Verrat am Volke.
Herr Camphausen trat endlich ab, als dieser Verrat vollständig
vermittelt und reif war, um durch das Ministerium der Tat und
seine Konstabler [47] in die Praxis eingeführt zu werden.
Herr Camphausen wurde Gesandter bei der sogenannten Zentralgewalt
und blieb es unter allen Ministerien. Er blieb Gesandter, während
in Wien kroatische, ruthenische [206] und walachische Truppen
deutsches Gebiet verletzten, die erste Stadt Deutschlands in
Brand schössen und so empörend behandelten, wie kein Tilly Magde-
burg [246] behandelt hat. Er blieb Gesandter und rührte keinen
Finger.
Herr Camphausen blieb Gesandter unter Brandenburg, nahm damit
seinen Anteil an der preußischen Kontrerevolution mit und gab
seinen Namen her zu der neuesten preußischen Zirkularnote [247],
die offen und unverhohlen die Herstellung des alten Bundestages
verlangt.
Herr Camphausen übernimmt endlich jetzt das Ministerium, um den
Rückzug der Kontrerevolutionäre zu decken und die November- und
Dezembererrungenschaften uns auf längere Zeit zu sichern.
Das sind einige der Camphausenschen Großtaten. Wird er jetzt Mi-
nister, so wird er sich beeilen, die Liste zu vergrößern. Wir un-
sererseits werden möglichst genau darüber Buch und Rechnung füh-
ren.
Geschrieben von Karl Marx.
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