Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
zurück
#24#
-----
Bekenntnisse einer schönen Seele [45]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 145 vom 17. November 1848]
* Köln, 16. November. Wir haben der rechten Seite vorausgesagt,
was ihrer warte, wenn die Kamarilla siegt - ein Trinkgeld und
Fußtritte. 1*)
Wir haben uns getäuscht. Noch ist der Kampf nicht entschieden,
und schon erhalten sie F u ß t r i t t e von ihren Prinzipalen,
ohne ein T r i n k g e l d zu erhalten.
Die "Neue Preußische Zeitung" [3], Ritterin vom Landwehrkreuze
"mit Gott für König und Vaterland", o f f i z i e l l e s O r-
g a n d e r j e t z i g e n G e w a l t h a b e r, erklärt in
einer ihrer letzten Nummern die Abgeordneten Zweiffel (Ober-
prokurator in Köln) und Schlink (Appellationsgerichtsrat in Köln)
für - der Leser rate - für "revolutionäre Magen" (die "Neue Preu-
ßische Zeitung" schreibt "Mägen"). Sie spricht von der "nicht
auszudrückenden Gedankenleere und Gedankenlosigkeit" dieser Her-
ren. Sie findet, daß selbst "Robespierres Hirngespinste" weit er-
haben sind über die Einfälle dieser "Herren von der Zentralabtei-
lung". Avis à Mess[ieurs] 2*) Zweiffel et Schlink!
in derselben Nummer dieses Blattes wird Pinto-Hansemann [46] für
einen "Führer der äußersten Linken" erklärt, und gegen Führer der
äußersten Linken gibt es nach derselben Zeitung nur ein Mittel -
das Standrecht - den Strang. Avis à M[onsieur]Pinto-Hansemann,
den Exminister der Tat und der Konstabler! [47]
Für einen Staatsmoniteur besitzt die "Neue Preußische Zeitung" zu
viel naive Offenherzigkeit. Sie sagt den verschiedenen Parteien
zu laut, was in den Registern der Santa Casa [48] versiegelt
steht.
Im Mittelalter schlug man den Virgil [49] auf, um zu prophezeien.
Im preußischen Brumaire 1848 [50] schlägt man die "Neue
Preußische Zeitung"
-----
1*) Siehe vorl. Band, S. 8 - 2*) Hinweis für die Herren
#25# Bekennntnisse einer schönen Seele
-----
auf, um sich der Mühe des Weissagens zu entschlagen. Wir geben
neue Beispiele. Was bereitet die Kamarilla den K a t h o-
l i k e n vor? Hört!
In Nr. 115 der "Neuen Preußischen Zeitung" heißt es:
"Ebenso unwahr ist es, daß der Staat" (nämlich der königlich
preußische Staat, der Landwehrkreuzstaat in seiner vormärzlichen
Periode) "einen engkonfessionellen Charakter angenommen und von
diesem einseitigen Standpunkt aus die religiösen Angelegenheiten
geleitet habe. Dieser Vorwurf würde zwar, wenn er wahr wäre, ein
entschiedenes Lob aussprechen. Er ist aber unwahr; denn bekannt
ist, daß unser Regiment den alten und guten Standpunkt einer
evangelischen Regierung ausdrücklich verlassen hat."
Bekannt ist, daß Friedrich Wilhelm III. die Religion in einen
Zweig der m i l i t ä r i s c h e n D i s z i p l i n verwan-
delte und die Dissenters polizeilich abfuchtelte. Bekannt ist,
daß Friedrich Wilhelm IV., als einer der zwölf kleinen Propheten,
durch das Ministerium Eichhorn-Bodelschwingh-Ladenberg das Volk
und die Wissenschaft zur Religion Bunsen gewaltsam bekehren
wollte. Bekannt ist, daß selbst unter dem Ministerium Camphausen
die Polen ebensosehr dafür geplündert, gesengt, gekolbt wurden,
weil sie Polen, als weil sie Katholiken waren. Die Pointe der
Pommern war stets, die Muttergottesbilder in Polen zu spießen und
die katholischen Geistlichen zu hängen.
Die Verfolgungen der d i s s e n t i e r e n d e n P r o t e-
s t a n t e n unter Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm
IV. sind ebenso bekannt.
Der erste begrub in Festungen die protestantischen Pfarrer, die
die eigends von ihm erfundene Agende und Dogmatik verwarfen. Die-
ser Mann war ein großer Erfinder in Soldatenröcken und Agenden.
Und der zweite? Das Ministerium Eichhorn? Es reicht hin, das Mi-
nisterium Eichhorn zu nennen.
Aber das alles war nichts!
"Unser Regiment hatte den alten und guten Standpunkt einer evan-
gelischen Regierung ausdrücklich verlassen." Wartet also die
R e s t a u r a t i o n Brandenburg-Manteuffel ab, K a t h o-
l i k e n d e r R h e i n p r o v i n z und W e s t f a-
l e n s und S c h l e s i e n s! Man hat euch früher mit R u-
t e n gezüchtigt, man wird euch mit S k o r p i o n e n
geißeln. Ihr werdet den "alten und guten Standpunkt einer
e v a n g e l i s c h e n Regierung ausdrücklich" kennenlernen!
Und nun gar die J u d e n, die seit der Emanzipation ihrer
Sekte wenigstens in ihren vornehmen Vertretern überall an die
S p i t z e d e r K o n t r e r e v o l u t i o n getreten
sind, was harrt ihrer?
Man hat den Sieg nicht abgewartet, um sie in ihr Ghetto zurückzu-
schaudern.
#26# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
-----
Zu Bromberg erneuert die Regierung die alten Beschränkungen der
Freizügigkeit und beraubt die Juden so eines der ersten Menschen-
rechte von 1789, sich frei von einem Orte an den andern zu bege-
ben.
Das ist "Ein" Aspekt der Regierung des wortreichen Friedrich Wil-
helm IV. unter den Auspizien Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg.
In ihrer Nummer vom 11. Nov. 1*) hatte die "Neue Preuß[ische]
Zeitung" den Wohlstand der "liberal-konstitutionellen Partei" als
Köder hingeworfen. Allein sie schüttelte schon bedenklich das
Haupt über die K o n s t i t u t i o n e l l e n.
"Vorderhand haben unsere K o n s t i t u t i o n e l l e n al-
lerdings noch eine g e w a l t i g e S c h e u, sich gemeinsam
in den Vereinen oder in ihren öffentlichen Organen a l s
R e a k t i o n ä r s z u b e k e n n e n."
Sie fügt indes noch beschwichtigend und treffend hinzu: "Jeder
einzelne" (Liberal-Konstitutionelle) "hat es langst kein Hehl
mehr, daß für dermalen kein Heil ist, als in gesetzlicher Reak-
tion", d.h. also darin, das Gesetz reaktionär oder die Reaktion
gesetzlich zu machen, die Reaktion zum Gesetze zu erheben.
In ihrer Nummer vom 15.November 2*) macht die "N[eue] Preußische]
Z[ei]t[un]g" schon nicht mehr soviel Federlesens mit den
"Konstitutionellen", die die Reaktion zum Gesetze erhoben haben
wollen, aber gegen das Ministerium Brandenburg-Manteuffel sich
sträuben, weil es die Kontrerevolution sans phrase 3*) will.
"Man muß", sagt sie, "die ordinären Konstitutionellen ihrem
Schicksal überlassen!"
Mitgefangen! Mitgehangen!
Zur Nachricht für die ordinären Konstitutionellen!
Und worin besteht der extraordinäre Konstitutionalismus Friedrich
Wilhelms IV. unter den Auspizien Brandenburg-Manteuffel-Laden-
berg?
Das offizielle Regierungsorgan, die Landwehrkreuzritterin mit
Gott für König und Vaterland, verrät die Geheimnisse des außeror-
dentlichen Konstitutionalismus.
Das "einfachste, geradeste und ungefährlichste Heilmittel" ist
natürlich, die "Versammlung an einen andern Ort zu verlegen", aus
einer Hauptstadt in eine Wachtstube, aus Berlin nach Brandenburg.
Indes, diese Verlegung ist, wie die "Neue Preußische Zeitung"
verrät, nur ein "Versuch".
-----
1*) In der "N. Rh. Ztg.": 10. Nov. - 2*) in der "N. Rh. Ztg.":
15. April - 3*) ohne Umschweife
#27# Bekenntnisse einer schönen Seele
-----
"Es muß", sagt sie, "der Versuch gemacht Werden, ob die Versamm-
lung durch die Verlegung an einen andern Ort mit der Wiedererlan-
gung der äußern freien Bewegung auch die innere Freiheit wieder-
gewinne."
Zu Brandenburg wird die Versammlung ä u ß e r l i c h f r e i
sein. Sie wird nicht mehr unter dem Einflüsse der Blousen [51],
sie wird nur noch unter dem Einflüsse schnurrbärtiger Schleppsä-
bel stehen.
Aber die i n n e r e F r e i h e i t?
Wird die Versammlung zu Brandenburg sich von den Vorurteilen und
den verwerflichen revolutionären Gemütseindrücken des 19. Jahr-
hunderts b e f r e i e n? Wird i h r e S e e l e f r e i
genug sein, die feudalen Jagdrechte, allen modrigen Plunder der
sonstigen Feudallasten, die Ständeunterschiede, die Zensur, die
Steuerungleichheit, den Adel, das absolute Königtum und die To-
desstrafe, wofür Friedrich Wilhelm IV. schwärmt, die Ausplünde-
rung und Verschleuderung der Nationalarbeit durch die
"blassen Kanaillen,
die ausgesehen wie Glaube, Liebe und Hoffnung" [52],
durch ausgehungerte Krautjunker, Gardelieutenants und inkorpo-
rierte Konduitenlisten, wird die Nationalversammlung selbst zu
Brandenburg i n n e r l i c h f r e i genug sein, alle diese
Artikel der alten Misere wieder als o f f i z i e l l e
G l a u b e n s a r t i k e l zu proklamieren?
Man weiß, daß die kontrerevolutionäre Partei die konstitutionelle
Parole ausgeteilt hatte: "Vollendung des Verfassungswerkes!"
Das Organ des Ministeriums Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg
v e r s c h m ä h t e s, d i e s e M a s k e länger zu tra-
gen.
"Die Lage der Dinge", gesteht das offizielle Organ, "ist auf
einen Punkt gediehen, wo uns nicht einmal mehr mit der so lang
ersehnten Vollendung des Verfassungswerkes geholfen werden kann.
Denn wer kann es sich länger verbergen, daß eine Urkunde, die den
Volksvertretern Paragraph vor Paragraph unter Rad und Galgen dik-
tiert und von denselben der Krone abgedrungen ist, nur so lange
für verbindlich erachtet werden wird, als der direkteste Zwang
sie aufrechtzuerhalten imstande ist."
Also P a r a g r a p h v o r P a r a g r a p h die kümmerli-
chen durch die Nationalversammlung zu Berlin errungenen Volks-
rechte wieder a u f h e b e n, das ist die Aufgabe der Natio-
nalversammlung zu Brandenburg!
Wenn sie nicht vollständig, P a r a g r a p h v o r P a r a-
g r a p h, den alten Plunder r e s t a u r i e r t, nun, so
beweist sie eben, daß sie zwar "d i e F r e i h e i t d e r
ä u ß e r n B e w e g u n g" zu Brandenburg wiedergewonnen
hat, aber nicht die von Potsdam beanspruchte i n n e r e
F r e i h e i t.
#28# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
-----
Und wie soll die Regierung gegen die Seelenverstocktheit, gegen
die i n n e r e U n f r e i h e i t der nach Brandenburg über-
siedelten Versammlung operieren?
"Die Auflösung müßte erfolgen", ruft die "Neue Preußische Zei-
tung" aus. Aber das V o l k, fällt ihr ein, ist vielleicht
i n n e r l i c h n o c h u n f r e i e r als die Versammlung.
"Es würde", schüttelt sie die Achseln, "das Bedenken erhoben wer-
den können, ob neue Urwahlen nicht ein noch jämmerlicheres Resul-
tat als die ersten zutage fördern möchten."
Das Volk in seinen Urwahlen besäße die F r e i h e i t d e r
ä u ß e r n B e w e g u n g. Aber die i n n e r e F r e i-
h e i t?
That is the question! [53]
Die Paragraphen der aus neuen Urwahlen hervorgehenden Versammlung
könnten die alten an Ruchlosigkeit übertreffen. Was also gegen
die "alten" Paragraphen tun? Die Landwehrkreuzritterin wirft sich
in Positur.
"Die Faust hat sie geboren" (die alten Paragraphen seit dem 19.
März), "die Faust wird sie stürzen - und das von Gottes und
Rechts wegen."
Die F a u s t wird das "gute alte Regiment" herstellen.
Die F a u s t ist das letzte Argument der Krone; die F a u s t
wird das letzte Argument des Volkes sein.
Vor allem wehre es die bettelhaften hungrigen Fäuste ab, die aus
seinen Taschen Zivillisten - und Kanonen herausgreifen. Die prah-
lerischen Fäuste werden abmagern, sobald es sie nicht mehr mä-
stet. D a s V o l k v e r w e i g e r e v o r a l l e m
d i e S t e u e r n, und - später wird es zählen, auf welcher
Seite die m e i s t e n F ä u s t e sind.
Alle sogenannten Märzerrungenschaften werden nur so lange für
verbindlich erachtet werden, als der direkteste Zwang sie auf-
rechtzuerhalten imstande ist. Die Faust hat sie geboren, die
Faust wird sie stürzen.
Die "Neue Preußische Zeitung" sagt's, und was die "Neue Preußi-
sche Zeitung" sagt, hat Potsdam gesagt. Also keine Illusion mehr
! Das Volk muß den Märzhalbheiten ein Ende machen, oder die Krone
macht ihnen ein Ende.
Geschrieben von Karl Marx.
zurück