Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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[Die Teilung der Arbeit bei der "Kölnischen Zeitung"]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 219 vom 11. Februar 1849,
Zweite Ausgabe]
* Köln, 10. Februar. Wir haben, beim besten Willen, in der vori-
gen Woche selbst unsre besten Freunde, unsre nächsten Nachbarn
nicht berücksichtigen können. Andre Geschäfte, man kennt sie, ha-
ben uns im Atem erhalten. [259] Beeilen wir uns jetzt, das Ver-
säumte nachzuholen, und wenden wir unsre Blicke zuerst auf die
benachbarten Publizisten.
Die Teilung der Arbeit wird bei der "Kölnischen Zeitung" [21] mit
einem seltenen Ensemble durchgeführt. Sehen wir ab von den ent-
legneren Teilen des Blattes, von der dritten und vierten Seite,
wo der edle Wolfers Belgien preist und sein möglichstes tut, da-
mit Heinrich V. den Thron seiner Ahnen wieder besteige und eine
Verfassung "nach dem Muster der belgischen" oktroyiere; halten
wir uns nur ans Frontispiz, an die erste Seite. Hier hat unser
Freund Schücking das Unterstübchen inne und stellt dort für den
Liebhaber die neuesten Produkte seiner doktrinären Phantasie und
seines phantastischen Doktrinarismus in Prosa und in Versen aus.
Wer kennt nicht die interessanten "politischen Gespräche", in
denen der talentvolle Verfasser aus dem Schweinsleder eines deut-
schen Professors einen - er sagt es selbst - einen Mephistopheles
herauszuschälen sich abmühte und nur einen Wagner zutage för-
derte? [260]
Über dem Unterstübchen aber, im ersten Stockwerk, öffnet Herr Du-
mont seine geräumigen politischen Salons, und hier sind es die
großen Männer Brüggemann und Schwanbeck (nicht zu verwechseln mit
Weißbrodt), die die Honneurs des Hauses machen. Brüggemann für
den d e n k e n d e n Teil, für die Rettung des Prinzips in al-
len Schiffbrüchen, für die Erhaltung des Rechtsbodens trotz aller
Erdbeben, für das elegische Genre, für Schwanengesänge und Re-
quiems. Schwanbeck für den d e k l a m a t o r i s c h e n
Teil, für das erhabene Lyrische, für die sittliche Entrüstung,
für die Dithyrambe und den Sturm. Trunken von Begeisterung erhebt
sich seine Phrase zu den höchsten Höhen
#262# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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des Olymps, und ist ihr Gang nicht immer sicher, so bleibt er
doch stets rhythmisch, und in der Tat, auf ihre Rechnung kommen
fast alle die unfreiwilligen Hexameter, an denen die "Kölnische
Zeitung" so reich ist.
Der erste, der uns heute entgegentritt, ist ebenderselbe schwung-
hafte Schwanbeck. Er klärt uns, de dato Köln, 7. Februar, über
die Nachwehen des Absolutismus und die Nach wehen der Revolution
auf.
Der große Schwanbeck gießt den ganzen Becher seines Zorns über
das preußische Volk aus, weil es entweder gar nicht gewählt oder
schlecht gewählt hat.
"Diese Nationalversammlung s o l l die letzte Hand an den Auf-
bau eines konstitutionell-monarchischen Staats legen, und doch -
wer zweifelt noch daran, daß die einen in ihr diesen Bau unter-
graben werden, weil sie nicht mehr monarchisch, die andern, weil
sie noch absolutistisch, aber noch nicht konstitutionell geworden
sind, beide, weil sie eben nicht konstitutionell-monarchisch
sind? Von den entgegengesetzten Polen werden dann die Stürme we-
hen, eine abgetane Vergangenheit wird mit einer fernen, viel-
leicht nie erreichbaren Zukunft streiten, und - wer weiß, ob dar-
über nicht die Gegenwart verloren wird!"
Man bemerke den gewaltigen Kraftstil, der sich aus diesen klassi-
schen Zeilen ins Dasein ringt. Jeder Satz ein knorrig gedrungenes
Ganze, jedes Wort gezeichnet mit dem Stempel der sittlichen Ent-
rüstung. Man vergegenwärtige sich möglichst handgreiflich den
Kampf zwischen der "abgetanen Vergangenheit" und der "fernen,
vielleicht nie erreichbaren Zukunft". Wem ist nicht, als sähe er,
wie die "vielleicht nie erreichbare Zukunft" von der "abgetanen
Vergangenheit" dennoch erreicht wird, wie beide, Megären gleich,
sich in die Haare geraten und wie, während von den entgegenge-
setzten Polen die Stürme wehen, eben wegen der Unerreichbarkeit
der einen und des Abgetanseins der andern, die Gegenwart immer
mehr verlorengeht!
Man halte dies nicht gering. Denn wenn uns ein Urteil über so
große Männer erlaubt ist, so müssen wir sagen: bei Brüggemann
pflegt der Gedanke mit dem Stil, bei Schwanbeck dagegen der Stil
mit dem Gedanken durchzugehen.
Und in der Tat, wem sollte in tugendhaftem Unmut der Stil nicht
durchgehen, wenn man sieht, wie eine Versammlung, der nicht nur
der König von Preußen, sondern selbst die "Kölnische Zeitung" die
Mission gegeben, die letzte Hand an den Aufbau eines konstitutio-
nell-monarchischen Staates zu legen, wie eine solche Versammlung
aus Leuten gebildet wird, die für den besagten wohlmeinenden
Zweck entweder zu weit links oder gar zu weit rechts sitzen? Be-
sonders wenn von den "entgegengesetzten Polen die Stürme wehen"
und der "Kölnischen Zeitung" "die Gegenwart verloren wird"!
#263# Teilung der Arbeit bei der "Köln. Zeitung"
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Schlimm genug für die "Kölnische Zeitung", wenn das Volk Depu-
tierte wählt, die d a s nicht wollen, was sie nach der
"Kölnischen Zeitung" "s o l l e n"; noch schlimmer aber für das
Volk, wenn es die Kassandrastimme eines Schwanbeck verspottet und
statt eines konstitutionell-monarchischen Mustermenschen aus dem
"großen Zentrum der Nation" Leute wählt, die entweder nicht mehr
monarchisch oder noch nicht konstitutionell sind. Tu l'as voulu,
George Dandin! [261] wird Schwanbeck wehmütig ausrufen, wenn der
gewaltige Konflikt zwischen der abgetanen Zukunft und der viel-
leicht nie erreichbaren Vergangenheit die Gegenwart verschlingen
wird!
"Mit andern Worten, die Symptome der R e a k t i o n und die
Symptome einer n e u e n oder vielmehr einer p e r m a n e n-
t e n R e v o l u t i o n sind nicht ausgeblieben."
Nach dieser merkwürdigen Errungenschaft wirft Kassandra-Schwan-
beck einen Blick auf Östreich. Dieser Blick auf östreich ist se-
hend bei Schwanbeck, Östreich ist sein zweites Vaterland; hier
entrüstete er sich früher über die Tyrannei der Wiener Demagogie,
hier frißt er jetzt Magyaren, hier steigt dem erhabenen Dithyram-
biker endlich auch ein zarteres Gefühl, ein leiser Gewissensbiß
über die standrechtlichen Begnadigungen zu Pulver und Blei auf.
Daher der zärtliche Blick, den der ahnungsreiche Prophet in jedem
seiner Leitartikel nach östreich hinüberwirft.
"Was hat sich nun geändert?" (in Östreich nämlich.) "Unbe-
schränktheit der Bürokratie, der Demokratie, der Militärgewalt
haben sich abgelöst, und am Ende ist alles sich gleich
geblieben!"
Trauriges Resultat der Revolutionen, wehmütige Folge davon, daß
die Völker nie auf die Stimmen verkannter Kassandren hören wol-
len! "Am Ende ist alles sich gleich geblieben!" Die Metternich-
sche traditionell-überkommene Regierung ist zwar in manchen Stüc-
ken verschieden von der jetzigen kontrerevolutionären Militär-
herrschaft, und namentlich ist das gemütliche östreichische Volk
aus den Zeiten Metternichs ein ganz anderes Volk als das jetzige
revolutionäre, zähneknirschende Volk; auch hat in der bisherigen
Geschichte die Kontrerevolution immer nur zu einer viel gründli-
cheren, blutigeren Revolution geführt. Aber was tut das? "Am Ende
ist doch alles sich gleich geblieben", und Despotismus bleibt
Despotismus.
Die spießbürgerlichen Kannegießer, welche "das große Zentrum der
deutschen Nation" ausmachen, um uns eines Schwanbeckschen Aus-
drucks zu bedienen, diese Biedermänner, welche bei jedem momenta-
nen Contrecoup 1*) ausrufen: Was hat nun das Rebellieren genutzt,
wir sind wieder gerade
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1*) Gegenschlag
#264# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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so weit wie vorher; diese tiefen Geschichtskenner, die immer nur
zwei Schritt weit vor sich sehen, werden entzückt sein, wenn sie
finden, daß der große Schwanbeck mit ihnen genau auf demselben
Standpunkt steht.
Nach diesem unvermeidlichen Blick auf Österreich geht Kassandra
wieder nach Preußen herüber und bereitet sich zu einem Blick in
die Zukunft vor. Die Elemente der Reaktion und die Elemente der
Revolution werden gehörig gegeneinander abgewogen. Die Krone und
ihre Diener, Wrangel, die Belagerungszustände (nebst frommen Wün-
schen über deren Aufhebung), die Preußenvereine [222], werden der
Reihe nach einer gründlichen Betrachtung unterworfen. Dann heißt
es weiter:
"Indes bei allem dem müssen wir uns doch eingestehen, daß die
Zahl unserer Reaktionäre nicht eben Schwerin die Waage fällt.
Schlimmer ist es, daß das g r o ß e Z e n t r u m d e s
V o l k s dermaßen an den Absolutismus gewöhnt worden ist, daß
es sich in das Selfgouvernement 1*) noch gar nicht zu finden
weiß, und das - aus bloßer F a u l h e i t. Ihr, die ihr so
massenhaft bei jenen Wahlen fehltet ... ihr seid die wahren Abso-
lutisten! ... Es gibt in der ganzen Welt keine widerlichere Er-
scheinung als ein Volk, das z u f a u l f ü r e i n
f r e i e s S t a a t s l e b e n ist."
"Großes Zentrum des deutschen Volks", du bist deinen Schwanbeck
nicht wert!
Dies "Zentrum des Volks", das "zu faul für ein freies Staatsleben
ist", ist, wie sich später herausstellt, niemand anders als die
B o u r g e o i s i e. Schmerzliches Geständnis, kaum versüßt
durch den gleichzeitigen Selbstgenuß der sittlichen Entrüstung
über diese schmähliche "Indolenz" des großen Zentrums der Nation!
"Noch weit schlimmer aber steht es um die Nachwehen der
R e v o l u t i o n. Unser Volk ist reicher, als wir ahnen konn-
ten, an schwärmerischen und phantastischen Naturen, an geschick-
ten Demagogen" (naives Geständnis!) "und an gedankenlosen Haufen,
denen keine Spur politischer Bildung innewohnt. Erst das Jahr
1848 sollte uns zeigen, welche m a s s e n h a f t e E l e-
m e n t e d e r A n a r c h i e in diesem ruhigen, gerechtig-
keitsliebenden, sinnigen Volke versprengt waren, wie eine unklare
Sucht nach Revolutionen um sich griff und wie das b e q u e m e
Mittel" (allerdings viel "bequemer", als tiefsinnige Leitdithy-
ramben in der "Kölnischen" zu schreiben!) "des Revolutionierens
als eine Panazee ... gelten sollte."
Während das "Zentrum" zu f a u l ist, ist die Peripherie, der
"Pöbel", die "gedankenlosen Haufen", zu fleißig. Die "geschickten
Demagogen", vereinigt mit den "massenhaften Elementen der Anar-
chie", müssen allerdings
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1*) die Selbstverwaltung
#265# Teilung der Arbeit bei der "Köln. Zeitung"
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gegenüber der "Faulheit" und "Indolenz" der Bourgeoisie finstre
Ahnungen in der Seele eines Schwanbeck erwecken!
"So ist nun einmal der naturgemäße Gang: Der Stoß ruft den Gegen-
stoß hervor."
Mit dieser weiteren großen Gedankenerrungenschaft, die noch zum
Thema einiger schwunghaften Variationen dienen muß, geht Kas-
sandra zum Schluß über und zieht folgendes Fazit:
"Erst da ist der gerade Weg zu dem echten freien Staatsleben, wo
das große Zentrum der Nation, das kräftige und intelligente Bür-
gertum, einig und mächtig genug geworden ist, diese Abwege nach
links und rechts zu einer Unmöglichkeit zu machen. Es liegt ein
norddeutsches Blatt vor uns, in welchem ... geschrieben steht:
'... die Bourgeoisie hat schon jetzt über beide Extreme der Lin-
ken und Rechten die Oberhand gewonnen, und dieser Partei allein
gehört die Zukunft!' Wir fürchten, daß dies Frohlocken noch vor-
eilig ist; will man einen Beweis dafür, nun, 'die Wahlen in Preu-
ßen werden ihn führen'."
Das ist der große sittlich entrüstete Klagegesang der neuesten
Kassandra über die Verkehrtheit dieser bösen Welt, die nicht nach
dem Sinne der "Kölnischen Zeitung" marschieren will. Das ist das
Resultat der Forschungen Schwanbecks in der "abgetanen Vergangen-
heit", der "fernen, vielleicht nie erreichbaren Zukunft" und der
in Frage gestellten "Gegenwart": Der wirkliche, entscheidende
Kampf wird geführt nicht zwischen der feudalistisch-bürokrati-
schen Monarchie und der Bourgeoisie, auch nicht zwischen der
Bourgeoisie und dem Volk, er wird geführt zwischen der Monarchie
und dem Volk, zwischen den A b s o l u t i s t e n und den
R e p u b l i k a n e r n; und die B o u r g e o i s i e, die
K o n s t i t u t i o n e l l e n ziehen sich vom Kampfplatz zu-
rück.
Ob die Bourgeoisie sich wirklich vom Kampf zurückgezogen, ob sie
dies aus Faulheit getan oder aus Schwäche und was die Wahlen in
Preußen beweisen, darüber wollen wir uns hier in keine weiteren
Glossen einlassen. Genug, die "Kölnische Zeitung" gibt zu, daß in
dem gegenwärtigen Kampf die Bourgeoisie nicht mehr in erster Li-
nie steht, daß es nicht mehr ihre Interessen sind, von denen es
sich handelt, daß der Kampf geführt wird um absolute Monarchie
oder Republik.
Und nun vergleiche man die "Neue Rheinische Zeitung" seit Novem-
ber vorigen Jahres und sage, ob wir nicht in jeder Nummer und bei
jeder Gelegenheit, bei der Wiener Kontrerevolution, bei der Ber-
liner Kontrerevolution, bei der Oktroyierung auseinandergesetzt,
ob wir nicht in dem langen Artikel "Die Bourgeoisie und die Kon-
trerevolution" 1*) und in mehreren Artikeln vor den Urwahlen 2*)
ausführlich entwickelt haben, wie die Schwäche und Feigheit der
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1*) Siehe vorl. Band, S. 102-124 - 2*) siehe vorl, Band, S. 182-
196 und 199-208
#266# Karl Marx/Friedrich Engels · "Neue Rheinische Zeitung"
deutschen Bourgeoisie es war, die die Kontrerevolution möglich
machte, und wie die Kontrerevolution ihrerseits die Bourgeoisie
auf die Seite schob und den direkten Kampf zwischen den Resten
der feudalen Gesellschaft und den äußersten Spitzen der modernen
Gesellschaft, zwischen Monarchie und Republik unvermeidlich
machte! Das, was wir vor drei Monaten als historisch notwendig
aus dem Gang der deutschen Revolution entwickelten, davon ent-
wickelt sich der "Kölnischen Zeitung" eine schwache und ver-
schwommene Ahnung als Resultat haruspizischer Divinationsschnüf-
feleien in den Eingeweiden der Wahlurne vom 5. März. Und diese
schwache verschwommene Ahnung gilt für eine solche' Entdeckung,
daß sie sofort in der ganzen geschwollenen und gequollenen Form
eines A-Leitartikels brühwarm dem wohlwollenden Publikum zum Ge-
nuß vorgesetzt wird. Naive Kölnerin!
Geschrieben von Karl Marx.
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