Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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#303#
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Die "Kölnische Zeitung" über den magyarischen Kampf
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 225 vom 18. Februar 1849]
* Köln, 17. Februar.
"Ich habe nun den Grund gefunden,
Worin mein Anker ewig hält" -
singt der tapfere Schwanbeck mit dem protestantischen Gesangbuch.
Der entrüstete Tugendheld tritt, trotz der "östreichischen Note"
und dem "Gefühl tiefster Entrüstung" [288], endlich auch auf der
e r s t e n S e i t e der "Köln[ischen] Z[ei]t[un]g" [21] für
Windischgrätz auf.
Man höre:
"Die sogenannte demokratische Presse in Deutschland hat in dem
östreichisch-ungarischen Kampfe Partei für die Magyaren genommen
... Seltsam genug allerdings! Die deutschen Demokraten auf der
Seite jener hochadligen Kaste, für welche ihre eigene Nation,
trotz des 19.Jahrhunderts, nie aufhörte, die misera contribuens
plebs 1*) zu sein, die deutschen Demokraten auf Seiten der anma-
ßendsten Volksunterdrücker!" [289]
Wir erinnern uns nicht genau, ob wir das Publikum bereits auf
eine eigentümliche Eigenschaft des tapfern Schwanbeck aufmerksam
gemacht haben, nämlich darauf, daß er gewohnt ist, lauter Nach-
sätze ohne Vordersätze zu machen. Der obige Satz ist einer dieser
Nachsätze, deren Vordersatz das Licht der Welt nicht erblickt
hat.
Und wären die Magyaren eine "hochadlige Kaste" der "anmaßendsten
Volksunterdrücker", was bewiese das? Ist Windischgrätz, der Mör-
der Robert Blums, darum ein Haarbreit besser? Wollen die Ritter
der "Gesamtmonarchie", die speziellen Feinde Deutschlands und
Freunde Schwanbecks, die
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1*) arme steuerzahlende Bevölkerung (vor allem die Bauern)
#304# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Windischgrätz, Jellachich, Schlick usw., etwa die "hochadlige Ka-
ste" u n t e r d r ü c k e n, die Freiheit des bäuerlichen
Grundeigentums einführen? Kämpfen die Kroaten und Tschechen etwa
für die rheinische Parzellierung und den Code Napoléon [227]?
Als im Jahr 1830 die Polen gegen Rußland sich erhoben [233], war
da die Rede davon, ob hier bloß eine "hochadlige Kaste" an der
Spitze stand? Es handelte sich damals zuerst um die Vertreibung
der Fremden. Ganz Europa sympathisierte mit der "hochadligen Ka-
ste", die allerdings die Bewegung eröffnete; denn die polnische
Adelsrepublik war immer ein Riesenfortschritt gegen die russische
Despotie. Und war nicht der französische Zensus, das Monopol der
250 000 Wähler von 1830, der Sache nach eine ebenso große politi-
sche Knechtung der misera contribuens plebs wie die polnische
Adelsherrschaft?
Nehmen wir an, die ungarische Märzrevolution sei eine reine
Adelsrevolution gewesen. Hat darum die östreichische "Gesamt"-
Monarchie das Recht, den ungarischen Adel und dadurch die ungari-
schen Bauern so zu unterdrücken, wie sie den galizischen Adel und
d u r c h i h n (vgl. die Lemberger Landtagsverhandlungen von
1818) die galizischen Bauern unterdrückt hat? Aber freilich, der
große Schwanbeck ist nicht gezwungen zu wissen, daß der größte
Teil des ungarischen Adels, gerade wie der größte Teil des pol-
nischen Adels, aus bloßen Proletariern besteht, deren aristokra-
tisches Privilegium sich darauf beschränkt, daß man ihnen keine
Stockprügel applizieren darf.
Der große Schwanbeck ist aber noch viel weniger gezwungen zu wis-
sen, daß Ungarn das einzige Land ist, in dem die Feudallasten für
den Bauern seit der Märzrevolution gesetzlich und faktisch gänz-
lich aufgehört haben zu existieren. Der große Schwanbeck erklärt
die Magyaren für eine "hochadlige Kaste", für "anmaßendste Volks-
unterdrücker", für "Aristokraten" - und derselbe große Schwanbeck
weiß nicht oder will nicht wissen, daß die magyarischen
M a g n a t e n, die Esterhazys usw., gleich bei Beginn des
Krieges desertierten und nach Olmütz [290] zur Huldigung kamen
und daß gerade die "hochadligen" Offiziere der magyarischen Armee
vom Anfang des Kampfes bis heute täglich neuen Verrat an der
Sache ihrer Nation geübt haben! Oder warum ist die Majorität des
Repräsentantenhauses noch heute bei Kossuth in Debreczin, während
nur elf Magnaten sich dort befinden?
Soweit der Schwanbeck der e r s t e n Seite, der Leitdithyram-
biker Schwanbeck. Aber der Mann der dritten Seite, der Mann, der
Leopoldstadt sechsmal gestürmt, Eszek viermal genommen und die
Theiß verschiedene Male überschritten hat, der Strategiker
Schwanbeck mußte doch auch seine Revanche nehmen.
#305# Die "Köln. Ztg." über den magyarischen Kampf
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"Aber nun nahm der Krieg einen kläglichen, wahrhaft jammervollen
Fortgang. Unaufhaltsam, fast ohne Kampf wichen die Magyaren aus
allen ihren Positionen; ohne Widerstand räumten sie selbst ihre
feste Königsstadt, wichen vor Jellachichs Kroaten bis hinter die
Theiß zurück."
"Fast ohne Kampf" - d.h., nachdem sie die Östreicher von der
Leitha bis zur Theiß z w e i v o l l e M o n a t e a u f g e-
h a l t e n, wichen sie "fast ohne Kampf" zurück. Der gute
Schwanbeck, der die Größe eines Feldherrn nicht nach seinen
m a t e r i e l l e n Resultaten, sondern danach beurteilt, wie-
viel Mann er sich hat totschlagen lassen!
"Ohne Widerstand räumten sie ihre feste Königsstadt!" Nun muß man
wissen, daß O f e n allerdings nach der Westseite hin befestigt
ist, [nach] der Ostseite aber nicht. Die Donau war gefroren, so
daß die Östreicher mit Roß und Wagen hinübermarschieren, Pesth
besetzen und von da aus das wehrlose Ofen zusammenschießen konn-
ten.
Wenn Deutz nicht befestigt und der Rhein gefroren wäre, wenn dem-
nach eine französische Armee bei Wesseling und Worringen über den
Rhein marschierte und bei Deutz 100 Kanonen gegen Köln auf-
pflanzte, so würde der kühne Schwanbeck dem Oberst Engels also
den Rat geben, Köln bis auf den letzten Mann zu verteidigen.
Tapfrer Schwanbeck!
Die Magyaren "wichen vor Jellachichs Kroaten bis hinter die Theiß
zurück". Und wird uns der große Schwanbeck bestreiten, daß diese
"Kroaten" aus 250 000 - 300 000 Mann bestehn, die Korps von Win-
dischgrätz, Jellachich, Götz, Csorich, Simunich, Nugent, Todoro-
vich, Puchner etc. etc., die unregelmäßigen Truppen an der Drau
und im Banat eingerechnet? Und alles das sind "Jellachichs
Kroaten"? Daß übrigens ein Schwanbeck, der selbst ein Stammver-
wandter der Kroaten und in der Geschichte und Geographie wenig zu
Hause ist, für die Kroaten schwärmt, ist leicht begreiflich.
Aber freilich: "... auch wir sind weit entfernt, in den offiziel-
len Berichten aus dem östreich[ischen] Hauptquartier g e r a d e
e i n E v a n g e l i u m zu sehn". Im Gegenteil, Schwanbeck
findet von Zeit zu Zeit in den Berichten z.B. Schlicks
"eine L ü c k e, welche der Leser sich durch a l l e r l e i
V e r m u t u n g e n ausfüllen muß, und es ist am E n d e
k e i n W u n d e r (!!), wenn diese Vermutungen b e d e n k-
l i c h e r a u s f a l l e n, a l s s i e e s s o l l t e n
(!!!). Auch Puchner haben wir in dem Verdacht, daß er seine
Bulletins e t w a s z u r o s e n f a r b e n zu halten
pflegt. Nach ihnen wäre er im schönsten Siegeslauf gegen den
'Rebellengeneral'. Da plötzlich lesen wir z u u n s r e r
g r ö ß t e n V e r w u n d e r u n g (!) einen Aufruf von ihm,
worin er Sachsen und Walachen um alles in der Welt beschwört,
doch noch Mut zu haben, da finden wir den geschlagenen Bern
plötzlich vor Hermannstadt, mitten im Sachsenlande, und die armen
Deutschen (!!) wissen sich endlich nicht anders zu helfen, als
Schutz bei den Russen zu suchen. H i e r i s t e i n
k l e i n e r K o n f l i k t z w i s c h e n d e n
#306# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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o f f i z i e l l e n B e r i c h t e n u n d d e n E r-
e i g n i s s e n, welcher nur der U n g e n a u i g k e i t
(II) der erstem zur Last fallen kann."
Der Bürger Schwanbeck gesteht, daß die östreich[ischen] Bulletins
und nach ihnen die "Kölnische Zeitung" aufs Unverschämteste über
die angeblichen Fortschritte der östreicher gelogen haben; wenn
die Lüge nachher nicht mehr wegzuleugnen ist, so nennt der Wahr-
heitsfreund Schwanbeck das: "einen kleinen Konflikt zwischen den
offiziellen Berichten und den Ereignissen" !
"Wenn wir aber die österreichischen Armeeberichte keineswegs als
Orakel betrachten, so haben damit die magyarischen Siegesbulle-
tins noch nicht das mindeste in unsern" (mit den obigen "kleinen
Konflikten" beschäftigten) "Augen gewonnen. Sie sind von der
P h a n t a s i e diktiert und würden sich recht angenehm lesen,
wenn sie nur nicht so e n t s e t z l i c h l ä c h e r l i c h
wären."
Diese "Bulletins" sind so "entsetzlich lächerlich", daß sie bis
jetzt nichts behauptet haben, als was der große Schwanbeck der
Sache nach selbst zugeben muß. Oder ist Tokaj in den Händen
Schlicks? Ist ein einziger Östreicher bei Szolnok über die Theiß
gekommen? Sind die Kaiserlichen seit 14 Tagen auch nur einen
Schritt weitergekommen?
Das 22. östreichische Bulletin, das uns soeben zukommt (s. unten
[291]), wird dem Bürger Schwanbeck die Mühe ersparen zu antwor-
ten. Es klärt uns darüber auf, daß die östreicher noch nicht ein-
mal so weit sind, wie das 20. und 21. Bulletin behauptete.
"Es ist einmal nicht anders: Der Krieg in Ungarn geht mit Riesen-
schritten seinem Ende zu." Das ist klar. Schwanbeck hat es schon
einmal vor 14 Tagen gesagt: "Der Krieg in Ungarn geht zu Ende.
Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus. 1*)" Es war dies an
demselben Tage, als er die östreicher zum ersten Male siegreich
in Debreczin einrücken ließ. Seitdem sind 14 Tage verflossen, und
trotzdem daß die Magyaren "furchtbar aufgeschnitten haben", sind
die Österreicher noch immer nicht über die Theiß, geschweige in
Debreczin.
"Daß Berns Haufen durch die von allen Seiten herandringenden
flüchtigen Scharen der Ungarn zu einem Heere angeschwollen sind,
dem die geringen kaiserlichen Streitkräfte in Siebenbürgen nicht
gewachsen sind, kann niemanden befremden."
Durchaus nicht. Aber das kann uns befremden, wie von "von allen
Seiten herandringenden flüchtigen Scharen der Ungarn" die Rede
sein kann, solange die Ungarn die Linie der Theiß und der Marosz
besetzt haben und der Bürger
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1*) Die Berge kreißen, und geboren wird eine lächerliche Maus.
#307# Die "Köln. Ztg." über den magyarischen Kampf
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Schwanbeck trotz dem inbrünstigsten Gebete nicht einen einzigen
Kaiserlichen hinüberschmuggeln kann; ferner, daß "flüchtige Scha-
ren" plötzlich ein Heer bilden, ohne daß die Heere, die sie ver-
folgen, zugleich bei der Hand sind, um sie aus jeder neuen Posi-
tion zu vertreiben. Aber freilich, der große Schwanbeck glaubt,
daß die Ungarn, einmal in seiner dunstigen Phantasie geschlagen,
sofort von der Donau bis nach der Aluta laufen würden, ohne sich
umzusehen, ob sie verfolgt werden oder nicht.
Der Bürger Schwanbeck hat sich zum Carnot des 19. Jahrhunderts
gemacht, indem er das neue Manöver entdeckte, wie f l ü c h-
t i g e S c h a r e n, die von allen Seiten herandringen,
plötzlich ein s i e g r e i c h e s H e e r bilden können.
Dies neue siegreiche Heer könnte allerdings ernsthafte Verwicke-
lungen herbeiführen. Indes, sagt Schwanbeck:
"Wir werden sehen, i n w e l c h e r W e i s e R u ß l a n d
h i e r s e i n V e t o s p r e c h e n w i r d."
Der tapfere Schwanbeck, der hier Rußland gegen die Magyaren zu
Hülfe ruft, ist derselbe Schwanbeck, der am 22. März vorigen Jah-
res einen sittlichentrüsteten Artikel gegen den Kaiser von Ruß-
land erließ und damals erklärte, wenn Rußland sich in unsere An-
gelegenheiten mische (und die magyarische Angelegenheit ist doch
wohl die unsere), so werde er, Schwanbeck, einen Ruf erheben, vor
dem der T h r o n d e s Z a r e n e r z i t t e r n s o l-
l e! Er ist derselbe Schwanbeck, der von jeher bei der "Köln.
Ztg." das Amt hatte, durch rechtzeitig angebrachten Russenhaß und
obligaten, gewiegten Freisinn in ungefährlichen osteuropäischen
Ländern das liberale Renommee des Blattes zu salvieren. Aber die
osteuropäischen Verwickelungen scheinen ihn zu ennuyieren, und
damit er sich ganz seinem "Gefühle tiefster Entrüstung" über die
östreichische Note überlassen kann, ruft er die Russen nach
Siebenbürgen zur Beendigung des Kampfes.
Die beste Antwort auf den ganzen sittlich-windischgrätzisch-pol-
ternden Artikel ist - das 22. Armeebulletin, das die Leser unten
finden. Damit der in Geographie und Strategik bis in den Schluß-
satz seines Artikels hinein teils grenzenlos unwissende, teils
von der "Neuen Rheinischen Zeitung" abhängige Schwanbeck wisse,
woran er mit diesem Bulletin ist, geben wir zugleich den Kommen-
tar dazu.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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