Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       Lassalle
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 237 vom 4. März 1849]
       * Köln,  3. März.  Man erinnert sich noch jener famosen Prozedur:
       Ein unglückliches  Mädchen wurde  wegen   K i n d e r m o r d e s
       vor die   A s s i s e n   gestellt.  Die Jurys sprachen sie frei.
       Später  zitierte   man  sie  wegen    v e r h e i m l i c h t e r
       S c h w a n g e r s c h a f t  vor das Zuchtpolizeigericht. Unter
       allgemeinem Gelächter  des Publikums  wurde das Verweisungsurteil
       der Ratskammer kassiert.
       Die Ratskammer  zu Düsseldorf  tritt in  die Fußstapfen ihrer be-
       rühmten Vorgängerin.
       Durch Beschluß  der Ratskammer  zu Düsseldorf  vom 22. Febr. sind
       Lassalle, Cantador  und Weyers   w e g e n   a u f r ü h r e r i-
       s c h e r  R e d e n  v o r  d i e  A s s i s e n  verwiesen. Wir
       haben nichts  dagegen. Aber  durch Beschluß  derselben Ratskammer
       ist Lassalle  auch noch  z w e i t e n s  vor das  Z u c h t p o-
       l i z e i g e r i c h t  gewiesen, weil er in einer  R e d e  z u
       N e u ß   [304] zu  "gewaltsamem Widerstand  gegen Beamte"  (Ver-
       brechen gegen Art. 209, 217) [305] aufgefordert haben soll.
       Konstatieren wir vor allem die Tatsache.
       Unter den  Umständen, welche Lassalles Verweisung vor die Assisen
       motivieren,  befindet   sich    d i e s e l b e    R e d e    z u
       N e u ß.   Die Ratskammer  gibt an,  er habe  in dieser  Rede zur
       "B e w a f f n u n g   g e g e n  d i e  l a n d e s h e r r l i-
       c h e   G e w a l t  a u f g e f o r d e r t".  (Verbrechen gegen
       Art. 87, 91, 102.) [305]
       Auf  G r u n d  d e r s e l b e n  R e d e  hin wird Lassalle al-
       so das  eine Mal  vor die Assisen, das andre Mal vor das Zuchtpo-
       lizeigericht verwiesen.  Spricht ihn die Jury frei, so verurteilt
       ihn das  Zuchtpolizeigericht. Verurteilt  ihn das Zuchtpolizeige-
       richt nicht,  so bleibt er jedenfalls in provisorischer Haft, bis
       das Zuchtpolizeigericht  ihn freigesprochen  hat. Das  Urteil der
       Geschworenen mag  ausfallen wie  es will - er bleibt seiner Frei-
       heit beraubt, und der preußische Staat ist gerettet.
       Es ist,  wir wiederholen es,  e i n  u n d  d i e s e l b e  R e-
       d e,  auf Grund deren Lassalle
       
       #321# Lassalle
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       von der Düsseldorfer Ratskammer das eine Mal vor die Assisen, das
       andre Mal  vor das  Zuchtpolizeigericht verwiesen  wird.  Es  ist
       d i e s e l b e  Tatsache. Abgesehen davon.
       Wenn ich  in einer Rede zur "Bewaffnung gegen die landesherrliche
       Gewalt auffordere",  versteht es  sich nicht  von selbst, daß ich
       zum  "gewaltsamen   Widerstand  gegen   Beamte"  auffordere?  Das
       D a s e i n   der landesherrlichen  Gewalt, das sind ja eben ihre
       B e a m t e,   Armee, Administration, Richter. Abgesehen von die-
       sem ihrem Körper ist sie ein Schatten, eine Einbildung, ein Name.
       Der Sturz  der Regierung ist unmöglich ohne gewaltsame Widersetz-
       lichkeit gegen  ihre Beamten.  Fordere  ich  in  einer  Rede  zur
       R e v o l u t i o n  auf, so ist überflüssig hinzuzufügen:  "W i-
       d e r s e t z t   e u c h   g e w a l t s a m   d e n    B e a m-
       t e n."  Nach dem Vorgange der Düsseldorfer Ratskammer könnte man
       also   j e d e n,   ohne Ausnahme, den man auf Grund der Art. 87,
       102 wegen  Aufreizung zum  Sturz der  Regierung vor  die  Assisen
       verweist, hinterher  auf Grund  der Art.  209, 217 vor das Zucht-
       polizeigericht verweisen.
       Und existiert  nicht irgendwo  im Code  d'instruction  criminelle
       [306] ein Artikel, der folgendermaßen lautet:
       
       "Toute personne  acquittée légalement ne pourra plus être reprise
       ni accusée à raison du même délit"? Zu  d e u t s c h:  "Niemand,
       der gesetzlich freigesprochen ist, kann wegen desselben Vergehens
       jemals wieder in Anspruch genommen noch angeklagt werden."
       Es ändert  aber nichts an der Sachlage, ob man mich  n a c h  dem
       freisprechenden  Urteil   der  Jury   wegen  desselben  Vergehens
       h i n t e r h e r   vor das  Zuchtpolizeigericht zitiert  oder ob
       man das  Urteil der  Jury   v o n  v o r n h e r e i n  kassiert,
       indem man  mich von  vornherein 1. an die Assisen verweist und 2.
       an das Zuchtpolizeigericht wegen desselben Vergehen.
       Wir fragen die Ratskammer zu Düsseldorf, ob ihr patriotischer Ei-
       fer ihren juristischen Scharfsinn nicht übertölpelt hat? Wir fra-
       gen den  Instruktionsrichter  E b e r m e i e r,  ob er ganz frei
       von   p e r s ö n l i c h e r   F e i n d s c h a f t  gegen Las-
       salle ist? Wir fragen endlich einen Beamten des Düsseldorfer Par-
       quets, ob er nicht geäußert hat: "An der Freisprechung des Canta-
       dor und Weyers liegt uns nicht viel, den Lassalle aber müssen wir
       jedenfalls behalten."
       Wir zweifeln,  ob Lassalle  dieselbe Neigung hat, in dem Inventa-
       rium der  par excellence 1*)  "S t a a t s a n g e h ö r i g e n"
       für undenkliche Zeit aufgeführt zu werden.
       Der schwebende  Fall ist  nicht nur wichtig für uns, weil es sich
       um die Freiheit und das Recht eines Mitbürgers, eines unsrer Par-
       teifreunde handelt. Er
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       1*) im wahrsten Sinne des Wortes
       
       #322# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       ist vor  allem wichtig,  weil es  sich darum handelt, ob die aus-
       schließliche Kompetenz des  G e s c h w o r n e n g e r i c h t s
       f ü r   p o l i t i s c h e   V e r b r e c h e n   das Schicksal
       aller sogen.    M ä r z e r r u n g e n s c h a f t e n    teilen
       soll oder nicht, ob es dem Gutdünken der besoldeten Roben anheim-
       gestellt bleibt,  das  unbesoldete  Geschwornengericht  zu  einem
       bloßen Scheingericht  herabzuwürdigen, indem  sie dieselbe Tatsa-
       che, für  den Fall, daß sie nicht als politisches Verbrechen oder
       Vergehen von den Jurys anerkannt würde, zugleich als gewöhnliches
       Vergehen dem  Urteil des  Zuchtpolizeigerichts unterwirft.  Warum
       hat man  überhaupt Verbrechen  und Vergehen  den ordentlichen Ge-
       richten entzogen und Geschwornengerichten überwiesen? Man hat of-
       fenbar, trotz  der Ehre  und Delikatesse  der besoldeten Richter,
       vorausgesetzt, daß  sie in politischen Prozessen alles vertreten,
       nur nicht das Interesse des Angeklagten. Wir werden auf das Thema
       zurückkommen. 1*)
       
       Geschrieben von Karl Marx
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 444/445, 454-458 und 462-466

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