Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       Wien und Frankfurt
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 244 vom 13. März 1849]
       * Köln, 12. März. Am 15. d. Mts. wollte der Reichstag in Kremsier
       an die Beratung des von der Kommission vollendeten Konstitutions-
       entwurfs gehen. Damit war für die k.k. Standrechtsbestien der Au-
       genblick gekommen,  die längst  fertig liegende  Verfassung  "von
       Gottes Gnaden" dem Reichstage entgegenzuschleudern und der ganzen
       bisher geduldeten Kremsierer Volksvertretungskomödie ein Ende zu.
       machen. [318]
       Der ganze Oktroyierungskniff wurde bereits im Sommer vorigen Jah-
       res zwischen den gesalbten und ungesalbten Kontrerevolutionärs in
       Schönbrunn-Wien, Potsdam-Berlin, London (wo Metternich als Kreuz-
       spinne der  Heiligen Allianz  im Mittelpunkt des um die zur Frei-
       heit aufstehenden Völker langsam gesponnenen Netzes sitzt), Paris
       ins reine  gebracht. Daß  ihn der Potsdamer König zuerst ins Werk
       setzte, hing  lediglich von  den Umständen  in Preußen ab, welche
       solchen Schritt früher als in Östreich zuließen.
       Im November  schleuderte das  offizielle Östreich den Paulskirch-
       nern das  blutige Haupt  Robert Blums  vor die  Füße. Das saubere
       Reichskommissarien-Zwillingspaar, Welcker-Mosle,  war einige Tage
       zuvor von  der Windisch-grätzigen Antichambre und der Abfütterung
       in Olmütz  mit so  viel Schmach  bedeckt zurückgekommen, daß sich
       jeder andere,  außer Ehren-Welcker-Mosle,  lieber  einige  Kugeln
       durch den  Hirnkasten gejagt,  als noch  irgendeinem Menschen auf
       Erden ins  Auge zu schauen gewagt hätte. Statt dessen rühmte sich
       dieses diplomatische  Bruderpaar noch  seiner  Kreuz-  und  Quer-
       fahrten 1*).
       Die Majorität  der Nationalversammlung  war "satisfait",  war be-
       friedigt, gleich wie die französische Kammer unter Louis-Philippe
       auch bei den
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 69-74
       
       #337# Wien und Frankfurt
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       größten Niederträchtigkeiten,  bei den schlagendsten Beweisen der
       Korruption, sich für satisfait, für befriedigt, erklärte.
       Mochte den Paulskirchnern immerhin das Blut des gemordeten Robert
       Blum ins  Gesicht spritzen.  Es rötete sich zwar ihre Wange, aber
       nicht vor  Scham oder  Wut und tiefstem Zornausbruch, sondern mit
       der Farbe des Behagens und der Befriedigung. Freilich wurden neue
       Reichskommissarien nach  Östreich gesandt. Das von ihnen erzielte
       Resultat war  aber lediglich eine Verdoppelung des Hohns, der von
       jener Seite  schon zuvor auf die sogenannten Nationalversammelten
       und das von ihnen verratene Deutschland gehäuft worden war.
       "Mocht nix, 's is olles Aans !" war und blieb der Wahlspruch auch
       jener Herren.
       Man erinnere  sich, daß  kurz vor den Gewaltstreichen der preußi-
       schen Regierung  Bassermann, Simson und natürlich der "edle" Herr
       Gagern etc. als Reichskommissarien in Berlin waren.
       Und wiederum  haben wir Reichskommissarien in östreich, in Olmütz
       [290], während  hier, wie in Berlin, der Reichstag auseinanderge-
       jagt und  dem Volk  eine Verfassung  "von Gottes Gnaden" mittelst
       Kroaten [112],  Sereschanern [81], Hukulern [319] etc. oktroyiert
       wird.
       Noch überall,  wo die  Volksfreiheit totgeschlagen werden sollte,
       zeigen sich  gleich vorauswitternden  Aasgeiern Kommissarien  der
       sogenannten Zentralgewalt.  Ihr Geruchsorgan  hat sich  stets be-
       währt.
       Jetzt dürfte endlich der Frankfurter Froschteich [69] innewerden,
       daß die  Reihe nun  bald an ihn kommt. Seine Sünden werden an ihm
       selber heimgesucht  werden. Auf der am Orte seines heillosen Wir-
       kens zu  errichtenden Denktafel  wird der  Wanderer lesen: "Durch
       eigene Schuld, durch Feigheit, Professoren-Blödsinn und chronisch
       gewordene Erbärmlichkeit,  teils unter rachekühlendem Hohnlachen,
       teils unter völliger Teilnahmlosigkeit des Volks, zugrunde gegan-
       gen."
       Ein Teil  jener armseligen  Schacher wagt es indes noch gegenwär-
       tig, sich  mit den  aus der  Fabrik zu Frankfurt hervorgegangenen
       "Grundrechten" [320]  zu brüsten  und sich  darauf, wie  auf eine
       Großtat, etwas  einzubilden. Mit  "Grund r e c h t e n"  schlugen
       sie  sich   wie  die   Scholastiker   des   Mittelalters   wasch-
       weiberredselig herum,  während die   "G r u n d g e w a l t"  der
       Heiligen Allianz und ihrer Spießgesellen sich immer enormer orga-
       nisierte und  immer lauter  und lauter  über das  grundrechtliche
       Professoren- und  Philistergeschwätz hohnlächelte. Jene befestig-
       ten ihre  "Grund r e c h t e"  auf einem Wisch Papier; diese, die
       Herren der  Kontrerevolution, schrieben ihre  "Grund g e w a l t"
       auf scharfgeschliffne  Schwerter, Kanonen und slawische Rotmäntel
       [81].
       
       #338# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Sobald das  deutsche Volk  in irgendeinem  Teil der  germanischen
       Vaterländer von seinem Urgrundrechte, dem der Empörung wider feu-
       dale  oder  spießbürgerlich-konstitutionelle  Tyrannei,  Gebrauch
       machte oder  machen zu wollen schien, da sandte Frankfurt eiligst
       "Reichstruppen" ab, um das Volk durch Einquartierung, Plünderung,
       Massakres und  Militärexzesse aller Art zu züchtigen und mürbe zu
       machen und die Werkzeuge der Kontrerevolution gut imstande zu er-
       halten, das  heißt, auf Kosten des Volks und seiner "Grundrechte"
       gehörig auszufüttern und zu weitern Heldentaten zu kräftigen.
       In solchen Fällen besaßen die Frankfurter Herren jedesmal die nö-
       tige Gewalt,  denn sie erhielten sie leihweise aus den Reihen der
       oben berührten "Grundgewalt" unserer gnädigen Landesväter.
       Somit ist's  kein Wunder,  daß der  Frankfurter Froschteich gegen
       die gesalbten Herren, wann immer sie  i h r e  "Grundrechte" pro-
       klamieren, ohnmächtig  schweigen, machtlos  zusehen  muß,  selbst
       wenn die  Grundrechte der Herren "von Gottes Gnaden" direkt wider
       ihn gerichtet sind.
       Er wird  und muß  daher auch ruhig zusehen, daß jetzt der östrei-
       chische Tamerlan  1*) seinen  geliebten "Untertanen", unter denen
       eine erkleckliche  Zahl Deutscher, von Gottes und der Sophie Gna-
       den 13  Grundrechte und  mit diesem Coup zugleich den Frankfurter
       Heroen abermals  eine derbe  Maulschelle oktroyiert  hat. Und das
       von Rechts wegen!
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       1*) Kaiser Franz Joseph I.

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