Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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[Drei neue Gesetzentwürfe]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 244 vom 13. März 1849,
Außerordentliche Beilage]
* Köln, 12.März. Das preußische Königtum hält es endlich an der
Zeit, seine volle Glorie zu entwickeln. Die "ungeschwächte" Krone
[321] von Gottes Gnaden oktroyiert uns heute drei neue Gesetzent-
würfe über die K l u b s und V e r s a m m l u n g e n, über
die P l a k a t e und über die P r e s s e [322], in denen
die Kammern aufgefordert werden, uns eine geschlossene Phalanx
der liebenswürdigsten Septembergesetze [173] aufzuladen.
Wir geben morgen den Text der Entwürfe nebst den Motiven, soweit
sie uns zugekommen. Wir werden - mehr als einmal - auf diese
prachtvollen preußischen Produkte zurückkommen. 1*) Für heute nur
ein kurzes Resumé!
I. K l u b g e s e t z. "Alle Versammlungen müssen 24 Stunden
vorher angezeigt werden." Rasch berufene Versammlungen bei plötz-
lich eintretenden wichtigen Ereignissen sind damit unterdrückt -
und diese Versammlungen sind ja gerade die allerwichtigsten. Je-
dermann muß der Zutritt gestattet werden, also ist es verboten,
ein Eintrittsgeld für die Kosten der Versammlung zu erheben. Bei
Versammlungen von Vereinen muß der vierte Teil des Raums den
Nicht-Vereinsangehörigen überlassen werden, damit die Vereine ge-
zwungen werden, sich größere und kostspieligere Lokale anzuschaf-
fen, und damit bezahlte Polizeiagenten durch Lärmen, Toben und
Poltern jede Beratung stören, jede Versammlung unmöglich machen
können. Und wenn das alles noch nicht fruchten sollte, so steht
es ja den "Abgeordneten der Polizeibehörde" frei, jede Ver-
sammlung unter dem ersten besten Vorwande in derselben Weise
"sofort aufzulösen", wie die höchste Spitze der "Polizeibehörde",
Se. Majestät unser Allergnädigster König, die Vereinbarungsver-
sammlung "sofort aufgelöst" hat.
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1*) Siehe vorl. Band, S. 346-350, 364-371, 427-430 und 434-443
#340# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Und sobald die Polizei die Versammlung für aufgelöst erklärt, muß
sich jeder entfernen, wenn es ihm nicht gehen soll wie den Berli-
ner Vereinbarungsrittern, d.h. wenn er nicht durch Bajonette aus
dem Saal entfernt werden will.
Die Klubs haben zwar keine "vorgängige Genehmigung" nötig, haben
dafür aber eine solche Menge vorgängiger Anzeigen und Formalitä-
ten bei der Ortsbehörde zu erfüllen, daß sie schon deswegen halb
unmöglich gemacht sind, öffentliche Versammlungen unter freiem
Himmel, Aufzüge etc. etc. dagegen b e d ü r f e n allerdings
der vorgängigen Genehmigung der Polizei. Und damit den roten Bän-
dern, Kokarden und Mützen ein Ende gemacht werde, wird dagegen
noch schließlich eine Erneuerung der alten Hetzjagds-Verordnungen
gegen schwarzrotgoldene Abzeichen oktroyiert.
Das ist das "Vereins- und Versammlungsrecht", das uns der wahr-
heitsliebende und worthaltende Hohenzoller vor einem Jahre mit
bebenden Lippen garantierte!
II. P l a k a t g e s e t z [323]. Alle Plakate politischen In-
halts, mit Ausnahme der Einladungen zu gesetzlichen, e r-
l a u b t e n Versammlungen (alle Versammlungen sind also wieder
bloß gnädigst "e r l a u b t e"!), sind v e r b o t e n. Die
Ausschüsse der Klubs dürfen in bewegten Zeiten also nicht einmal
durch Plakate das Volk zur R u h e a u f f o r d e r n, damit
der heldenmütigen Soldateska ja nicht ein einziges Opfer entgehe!
Ferner: Das V e r k a u f e n oder V e r t e i l e n von
Druckschriften auf öffentlicher Straße wird ebenfalls verboten,
es sei denn, man besitze eine j e d e r z e i t w i d e r-
r u f b a r e K o n z e s s i o n! Mit andern Worten : Das
preußische Königtum sucht uns mit einer v e r b e s s e r t e n
A u f l a g e des Gesetzes über die crieurs publics [324] zu
beglücken, das in Frankreich unter der schlimmsten Zeit des
louis-philippistischen Bourgeois-Despotismus dem Schrecken der
Kammern abgenötigt wurde.
Und die Motive zu diesem Gesetz? Weil durch die Plakate und die
Kolporteurs die Passage in den Straßen versperrt und durch Pla-
kate gar manches öffentliche Gebäude verunziert wird!
III. P r e ß g e s e t z. Alles das ist aber noch gar nichts
gegen die anmutigen Vorschläge, mit denen man der Presse einen
Knebel anzulegen gedenkt. Man weiß, die hohenzollersche Volksbe-
glückung bestand seit 1830 überhaupt bloß darin, den preußischen
väterlichen Patriarchalismus durch die Verkuppelung mit der
louis-philippistischen modern-raffinierten Knechtschaft zu ver-
edeln. Man behielt die Prügel bei und fügte den Bagno hinzu; man
ließ die Zensur bestehen und beglückte uns zugleich mit der Blüte
der Septembergesetzgebung; man ließ uns, mit einem Wort, zu
gleicher Zeit die Vorteile der feudalistischen Knechtung, der bü-
rokratischen Polizeiwirtschaft und der modern-bürgerlichen
#341# Drei neue Gesetzentwürfe
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g e s e t z l i c h e n Brutalität zugute kommen. Das nannte man
"den weltbekannten Freisinn Friedrich Wilhelms IV.".
Das neue hohenzollersche Preßgesetz-Projekt, nach einer langen
Reihe erschwerender Formbestimmungen, beglückt uns mit einer un-
übertrefflichen Verschmelzung 1. des Code Napoléon [227], 2. der
französischen Septembergesetze, 3. und hauptsächlich des löbli-
chen p r e u ß i s c h e n L a n d r e c h t s [149].
§ 9 vertritt den Code: In den Provinzen, wo das Landrecht be-
steht, wurde bisher der Versuch, die Aufforderung zu einem Ver-
brechen weniger streng bestraft, selbst wenn sie von Erfolg be-
gleitet war, als das Verbrechen selbst. Für diese Landesteile
wird nun die Bestimmung des Code eingeführt, daß die von Erfolg
begleitete Aufforderung zum Verbrechen dem Verbrechen selbst
gleichgeachtet wird.
§ 10. die französische Septembergesetzgebung: Wer die im
E i g e n t u m oder der F a m i l i e beruhenden Grundlagen
der bürgerlichen Gesellschaft angreift oder die Bürger zum H a ß
o d e r z u r V e r a c h t u n g g e g e n e i n a n d e r
aufreizt, hat Gefängnis bis zu zwei Jahren verwirkt.
Vgl. Loi du 9. Sept. 1835 [325], Art. 8: "Toute attaque contre la
propriété... toute provocation à la baine entre les diverses
classes de la société, sera punie" etc. 1*) Nur daß die preußi-
sche Übersetzung: die B ü r g e r im allgemeinen zum Haß etc.
gegeneinander anreizen, noch zehnmal unbezahlbarer ist.
Alle folgenden Paragraphen des Entwurfes sind bloß verfertigt, um
die Rheinprovinz wieder mit denselben landrechtlichen Herrlich-
keiten zu beglücken, die man uns bald nach dem 18. März entzog,
nachdem wir sie 33 Jahre lang in vollstem Maße genossen. [326]
Man will uns unter andern folgende, unsrer eigenen rheinischen
Gesetzgebung gänzlich unbekannte neue Verbrechen oktroyieren:
1. Begründung von H a ß u n d V e r a c h t u n g g e g e n
d i e E i n r i c h t u n g e n d e s S t a a t s o d e r
d i e S t a a t s r e g i e r u n g mittelst tatsächlicher Un-
wahrheiten oder juristisch unbeweisbarer Tatsachen.
2. "Auslassung" über eine g e s e t z l i c h b e s t e h e n-
d e Religionsgesellschaft (nach der oktroyierten Verfassung sind
ja selbst die Türken und Heiden gesetzlich bestehende Religi-
onsgesellschaften!) in einer Weise, welche geeignet (!) ist, Haß
und Verachtung gegen dieselbe zu verbreiten.
Diese beiden neuen Verbrechen führen a) das altpreußische
"E r r e g e n v o n M i ß v e r g n ü g e n" und b) den alt-
preußischen Begriff der R e l i g i o n s b e l e i d i g u n g
bei uns ein und werden mit G e f ä n g n i s bis zu 2 Jahren
bestraft.
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1*) Gesetz vom 9. Sept. 1835, Art. 8: "Jeder Angriff gegen das
Eigentum ... jede Aufreizung zum Haß zwischen den verschiedenen
Klassen der Gesellschaft wird bestraft" etc.
#342# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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3. Die M a j e s t ä t s b e l e i d i g u n g, und zwar als
V e r l e t z u n g d e r E h r f u r c h t (!!) gegen
a) den König (!)
b) die Königin (!!)
c) den Thronfolger (!!!)
d) ein andres Mitglied des k. Hauses (!!!!)
e) das Oberhaupt eines deutschen Staats (!!!!!),
was mit Gefängnis von 1 Monat bis zu f ü n f J a h r e n be-
straft wird !
4. Die erbauliche Bestimmung, daß die Behauptung selbst erweis-
lich wahrer Tatsachen als Beleidigung zu bestrafen ist, wenn die
A b s i c h t e i n e r B e l e i d i g u n g daraus hervor-
geht!
5. Beleidigung
1) e i n e r d e r b e i d e n K a m m e r n,
2) eines ihrer Mitglieder,
3) einer B e h ö r d e (der Code kennt keine Beleidigung von
Korporationen als solchen);
4) eines Beamten oder Mitgliedes der bewaffneten Macht.
Alles "in Beziehung auf ihren Beruf". Gefängnis bis zu 9 Monaten.
6. B e l e i d i g u n g o d e r V e r l e u m d u n g a u f
d e m P r i v a t w e g e. Der Code Napoléon kennt bloß ö f-
f e n t l i c h a u s g e s t o ß e n e oder verbreitete Belei-
digungen oder Verleumdungen. Der neue Gesetzentwurf will dagegen
a l l e i n P r i v a t g e s p r ä c h, i m e i g n e n
H a u s e, i m S c h o ß d e r F a m i l i e, i n P r i-
v a t b r i e f e n g e m a c h t e n Ä u ß e r u n g e n
d e r K o n t r o l l e d e r P o l i z e i u n d d e s
ö f f e n t l i c h e n M i n i s t e r i u m s u n t e r-
w e r f e n r e s p. f ü r s t r a f b a r e r k l ä r e n ,
d. h. d i e n i e d e r t r ä c h t i g s t e, a l l g e-
m e i n s t e S p i o n a g e o r g a n i s i e r e n. Der Mi-
litärdespotismus des allmächtigen französischen Kaisertums
respektierte wenigstens die Freiheit des Privatgesprächs; er
blieb - wenigstens in der Gesetzgebung - vor der Schwelle der
Wohnung stehn. Die preußische väterlich-konstitutionelle Beauf-
sichtigung und Züchtigung erstreckt sich bis ins Innerste des
Privathauses, bis in das geheimste, selbst von Barbaren für un-
antastbar gehaltene Asyl des Familienlebens. Und dasselbe Gesetz
bestraft drei Artikel vorher alle Angriffe auf die Familie mit
zwei Jahren Gefängnis!
Das sind die neuen "Errungenschaften", die man uns gewährleisten
will. Ergänzung der drei brutalsten Gesetzgebungen, eine durch
die andre, um eine Spitze der Brutalität und Perfidie zu errei-
chen, die bisher unerhört war - das ist der Preis, um den die un-
geschwächte Krone den Kammern die Aufhebung des Belagerungszu-
standes von Berlin verschachern will!
Was man will, liegt auf der Hand. Der Preßgesetzentwurf wenig-
stens oktroyiert den alten Provinzen nicht so sehr viel Neues.
Das Landrecht war schon schlimm genug. Der Hauptzorn der inkorpo-
rierten Gnade Gottes richtet
#343# Drei neue Gesetzentwürfe
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sich gegen u n s R h e i n l ä n d e r. M a n w i l l u n s
d a s s e l b e i n f a m e L a n d r e c h t w i e d e r
a u f b ü r d e n, das wir kaum losgeworden sind und seit dessen
Entfernung wir endlich einmal, solange wir an Preußen gekettet
sind, wieder etwas freier geatmet haben.
Was die Krone von Gottes Gnaden will, das spricht sie klar aus in
den Motiven zu dem anmutigen Aktenstück, durch den Mund ihres
Knechts Manteuffel: Sie will die "H e r s t e l l u n g e i-
n e s m ö g l i c h s t g l e i c h f ö r m i g e n
R e c h t s z u s t a n d e s" - d.h. die Verdrängung des ver-
haßten französischen Gesetzes und die allgemeine Einführung des
schmachvollen Landrechts. Sie will ferner die "Lücke ausfüllen",
welche "in dem größten Teil der R h e i n p r o v i n z" (hört
ihr's!) durch Aufhebung "der auf die Majestätsbeleidigung bezüg-
lichen Strafgesetze infolge der Verordnung vom 1 5. A p r i l
1 8 4 8" entstanden ist!
D.h., das neue Strafgesetz soll uns Rheinländern das Einzige neh-
men, was wir noch von den Folgen der sogenannten Revolution von
1848 besitzen: d i e u n v e r k ü m m e r t e G e l t u n g
u n s r e s e i g n e n R e c h t s.
Wir sollen um jeden Preis P r e u ß e n werden, Preußen nach
dem Herzen des Allergnädigsten, mit Landrecht, Adelsübermut, Be-
amtentyrannei, Säbelherrschaft, Stockprügel, Zensur und Ordre-Pa-
rieren. Diese Gesetzvorschläge sind nur der erste Anfang. Der
Plan der Kontrerevolution liegt vor uns, und unsere Leser werden
sich wundern über die Pläne, die man im Sinne hat. Wir zweifeln
nicht, die Herren in Berlin werden sich abermals in den Rheinlän-
dern merkwürdig täuschen.
Wir werden aber und abermals auf diese schmählichen Gesetzvorla-
gen zurückkommen, wegen dem allein d i e M i n i s t e r i n
A n k l a g e s t a n d versetzt werden müssen. Das aber müssen
wir schon heute sagen: Geht in der Kammer irgend etwas durch, was
dieser Vorlage auch nur entfernt ähnlich sieht, s o i s t e s
P f l i c h t d e r r h e i n i s c h e n A b g e o r d-
n e t e n, s o f o r t a u s d e r K a m m e r a u s z u-
t r e t e n, d i e d u r c h s o l c h e B e s c h l ü s s e
i h r e K o m m i t t e n t e n i n d i e p a t r i a r-
c h a l i s c h e B a r b a r e i d e r a l t p r e u ß i-
s c h e n G e s e t z g e b u n g z u r ü c k s c h l e u-
d e r n w i l l.
Geschrieben von Karl Marx.
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