Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       Der Adreßentwurf der zweiten Kammer
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 247 vom 16. März 1849,
       Außerordentliche Beilage]
       * Köln,  16. März.  Wir  teilen  nachstehend  unsern  Lesern  den
       A d r e ß e n t  w u r f    d e r    z w e i t e n    K a m m e r
       [342] mit, eine blasse, servile Kopie der Thronrede 1*). Ihr Ver-
       fasser ist der berüchtigte Ritter von der roten Erde, der tapfere
       (1) v. Vincke.
       Die Adreßkommission  "erkennt"  (alttestamentalischer  Stil)  die
       "Feststellung" des  "Rechtszustandes durch  die Verfassung vom 5.
       Dezember v.J.  dankbar". Sogar   b e g e h t   sie diesen Dank im
       Namen des  "preußischen Volkes".  Und warum  dankt das  Volk  der
       Adreßkommission für die vom Säbel oktroyierte Dezemberverfassung?
       [123] Weil  es "durchdrungen"  ist "von  dem Verlangen  nach  der
       W i e d e r k e h r       e i n e s       ö f f e n t l i c h e n
       R e c h t s z u s t a n d e s".   Vincke, armer  Ritter! Er mußte
       sich bewähren  als der Mann des "Rechtsbodens", der seine Spezia-
       lität bildet. Und wie den "Rechtsboden" anerkennen, gegenüber dem
       Ministerium Brandenburg,  das eben diesen Rechtsboden in die Luft
       sprengte, indem  es die  Gesetze vom  6. [91]  und 8.  April 1848
       [129]  zerriß?   Nichts  einfacher!  Das  Ministerium  hat  einen
       n e u e n  Rechtsboden oktroyiert, das  S t a n d r e c h t,  und
       gleichzeitig die   C h a r t e,  den Code und die Philosophie des
       S t a n d r e c h t s,  die Verfassung vom 5. Dezember. Erst hebt
       das Ministerium  den "öffentlichen  Rechtszustand" auf. Dann pro-
       klamiert die  Regierung einen  andern, den  ersten besten kroati-
       schen "öffentlichen  Rechtszustand", einen Rechtsboden quelconque
       2*). Und  die Adreßkommission im Namen des preußischen Volkes und
       Vincke im  Namen der  preußischen Adreßkommission  [haben] nichts
       eiligeres  zu   begrüßen,   als   die   Wiederkehr      e i n e s
       (irgendeines, des  ersten besten) "öffentlichen Rechtszustandes"!
       Der Rechtsboden ist tot! Es lebe der Rechtsboden!
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 314-319 - 2*) nach Belieben
       
       #360# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Wenn die preußische Regierung morgen gestürzt, wenn ein comité du
       salut public  1*) in  Berlin proklamiert  wird, unter  den ersten
       Gratulanten, den  Hochzeitsbittern wird  sich unfehlbar ein "Mann
       des  Rechtsbodens"  befinden,  ein  beliebiger  Vincke,  und  die
       "Wiederkehr   e i n e s"   beliebigen "öffentlichen Rechtszustan-
       des" gerührt anerkennen.
       Die Adreßkommission  und die  Toten reiten  schnell.  [343]  Erst
       "Dank" (nach  Vorschrift der "Neuen Preußischen Zeitung" [3]) für
       den Staatsstreich  vom 5.Dezember! Dann die Verfassung des Stand-
       rechts als  "das  nunmehr  gültige  Grundgesetz  des  preußischen
       Staats" proklamiert! Endlich das Gelübde abgelegt, die  "R e v i-
       s i o n   voll Ehrfurcht  und Treue  gegen Eure königliche] Maje-
       stät" zu  vollziehen, d.h.   r e v i d i e r e n   i m  S i n n e
       d e s   G e s c h e n k g e b e r s.   Wir werden auf diesem Wege
       hoffentlich noch   h i n t e r  den Vereinigten Landtag [137] zu-
       rückgeführt werden !
       Was den    "B e l a g e r u n g s z u s t a n d"    B e r l i n s
       betrifft, wird  sich die  Adreßkommission ausschließlich  von dem
       Gemeinplatz  beherrschen   lassen,  daß   "wahre  Freiheit  nicht
       o h n e  g e s e t z l i c h e  O r d n u n g  bestehn kann". Man
       kennt den  Schlachtruf der  "gesetzlichen Ordnung!"  von Warschau
       her. [344] Könnte Preußen nur ohne Geld bestehen und das Geld er-
       stehn ohne  diese zudringlichen  parlamentarischen Schwätzer! Was
       die sporadischen Belagerungszustände "außerhalb der Stadt Berlin"
       betrifft, so  hält es  die Adreßkommission für angemessen, "einer
       weiteren Mitteilung  Eurer Königlichen  Majestät Regierung entge-
       genzusehn". Unterdessen haben Erfurt und die schlesischen belage-
       rungsbezustandeten Bezirke  das Nachsehn.  Vincke  ist  satisfait
       2*), wenn  nur die  Erfurter und  Rosenberger Militärzensuren 3*)
       seinen Adreßentwurf nicht "streichen". Keine Gefahr!
       Vincke verspricht  sodann im  Namen der  Adreßkommission und  die
       Adreßkommission verspricht  im Namen  der zweiten  Kammer und die
       zweite Kammer  verspricht im Namen des Volkes, die von der könig-
       lich preußischen Regierung der "sogenannten Volksvertretung" auf-
       erlegten Pensa  "mit angestrengter  Tätigkeit" und zu möglichster
       Zufriedenheit zu absolvieren. Glück auf!
       
       "Freudig erkennen  auch wir,  daß  Preußens  Heer  in  Tagen  des
       Kampfes seinen  Kriegsruhm, in schweren Prüfungen seine Treue be-
       währt hat."
       
       Dänischer Reichskammergerichtsfeldzug!  [345] Schlacht bei Milos-
       law und  Wreschen! 4*)  Siege in  Anhalt, in  Mainz, in Frankfurt
       a.M! [346]  Mehr! Vincke  erkennt freudig  die Treue, womit "Mein
       herrliches Kriegsheer" [196] Vinckes
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       1*) Wohlfahrtsausschuß -  2*) befriedigt -  3*) siehe vorl. Band,
       S. 51/352 - 4*) siehe vorl. Band, S. 162/163
       
       #361# Der Adreßentwurf der zweiten Kammer
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       Vorgänger gehetzt und mit den Aktenstücken der alten Nationalver-
       sammlung den  Ofen geheizt  hat. Vincke hat allen Grund. Ohne die
       "Treue" von  "Preußens Heer  in schweren  Prüfungen" hätte  unser
       Vincke nie  Anlaß gefunden, sich durch diesen von ihm selbst ver-
       faßten Adreßentwurf  unsterblich zu machen. Übrigens bemerken wir
       nebenbei, daß  die Adreßkommission auch in diesem Passus schüler-
       haft den  von der  "N[euen] Pr[eu]ß[ischen] Z[eitung]" in dem Ho-
       henzollernschen Gesamtreformplan gegebenen Vorschriften 1*) nach-
       lebt.
       Und die  d e u t s c h e  F r a g e?
       "Preußen" wird "keine Opfer" scheuen, um Kleindeutschland auf an-
       derm Wege an sich zu reißen, als Friedrich der Große Schlesien an
       sich riß.  In bezug auf "Eroberungen" huldigt das moderne Preußen
       dem "friedlichen"  Fortschritt. Zudem "hofft" die Adreßkommission
       auf   "V e r s t ä n d i g u n g  aller deutschen Regierungen mit
       der deutschen Nationalversammlung".  W i r  hoffen, daß die deut-
       schen Regierungen  nicht viel  Scherens mit  diesem Reichslehrer-
       seminar machen werden.
       Auch von  "der Aufkündigung  des  Waffenstillstands  seitens  der
       Krone Dänemarks"  wünscht die  Adreßkommission "keine Störung des
       Friedens". Vincke weiß sehr wohl, daß diese dänische Waffenstill-
       standsaufkündigung   [134] nicht  ernsthafter gemeint ist als der
       preußisch-dänische Krieg. Die preußischen Truppen als Reichstrup-
       pen in  Schleswig-Holstein, die  schleswigholsteinischen  Truppen
       als Reichstruppen  in Süddeutschland,  jene hier,  diese dort das
       Standrecht proklamierend!
       Kondolenz für  den Tod  des Prinzen  Waldemar,  Beteuerungen  der
       Selbstaufopferung, womit  die v.  Bodelschwingh, die  Riedel,  v.
       Seckendorf, Arnim,  Harkort, Graf Renard, Camphausen, Vincke, die
       Grün und  ähnliches Gesindel  zu preußischen Lykurgen und Solonen
       sich herabgewürdigt;  Gottesfurcht, Achtung  vor dem Gesetze, Ge-
       meinsinn, Gerechtigkeit, die Vorsehung, die Herzen der Könige und
       die Zukunft  Preußens "und  mit ihm Deutschlands", alles das wird
       zum Dessert  von der Adreßkommission durch v. Vinckes gütige Ver-
       mittlung auf getafelt!
       Der   I d i o t i s m u s   muß  Bürgerrecht  besitzen  in  einer
       Volksvertretung und  in einem  Volke, die  ein v. Vincke im Namen
       einer Adreßkommission, im Namen einer Kammer, im Namen des Volkes
       selbst durch ein solches schäbiges Machwerk zum Gespött der euro-
       päischen Galerie zu machen wagen darf.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 346-350

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