Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


       zurück

       #372#
       -----
       Die Adreßdebatte in Berlin
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 259 vom 30. März 1849]
       * Köln, 25. März. Wir gestehen unsern Lesern, nur mit Widerwillen
       können wir  uns dazu entschließen, die Debatten der Berliner sog.
       zweiten Kammer  [357] näher  ins Auge zu fassen. Die Debatten der
       aufgelösten Vereinbarungsversammlung  [130], so bedeutungslos und
       matt sie waren, hatten doch noch immer das Interesse der Aktuali-
       tät; sie  behandelten Gegenstände, denen kein Einfluß auf die Ge-
       schicke Europas  zukam, Gesetze, denen schon von vornherein keine
       Dauer zuzusprechen war; aber sie behandelten eben unsere nächsten
       Interessen, sie boten einen getreuen Spiegel der steigenden Reak-
       tion in  Preußen. Die  Debatten der  gegenwärtigen Kammer dagegen
       haben keinen andern Zweck, als die bereits vollendete Kontrerevo-
       lution zu  legalisieren. Es handelt sich nicht um die Gegenwart -
       man hat  sie durch das Verbot der Interpellationen ausgeschlossen
       -, es handelt sich um die Vergangenheit, um das provisorische In-
       terregnum vom 5. Dezember bis zum 26. Februar [358], und wenn die
       Kammer dies  Interregnum nicht  unbedingt anerkennt,  so wird sie
       auseinandergejagt, und  ihre Tätigkeit ist abermals umsonst gewe-
       sen.
       Und für  dergleichen Beratungen soll man sich interessieren, wäh-
       rend in  Ungarn und  Italien die Revolution und die Kontrerevolu-
       tion sich  mit den  Waffen in der Hand messen, während die Russen
       an der  Ostgrenze stehen  und  Frankreich  sich  zu  einer  neuen
       welterschütternden Revolution vorbereitet!
       Die Adreßdebatte  vollends gehört  zu dem ödesten, das wir uns je
       gelesen zu haben erinnern. Die ganze Debatte dreht sich natürlich
       nur um  die Anerkennung  oder Nichtanerkennung  der  oktroyierten
       sog. Verfassung  [123]. Und  was liegt daran, ob diese, unter dem
       Belagerungszustand und  dem niederschlagenden Effekt einer glück-
       lich durchgeführten  Kontrerevolution gewählte,  in einem  Winkel
       Berlins unter dem Belagerungszustand beratende
       
       #373# Die Adreßdebatte in Berlin
       -----
       Kammer, die nicht mucken darf, wenn sie nicht aufgelöst sein will
       - ob  eine solche  Versammlung  dies  Aktenstück  anerkennt  oder
       nicht? Als ob durch Anerkennung oder Nichtanerkennung an dem Gang
       der europäischen  Revolution, die alle jetzt gültigen, oktroyier-
       ten und nicht oktroyierten Verfassungen wie Staub zerreiben wird,
       auch nur das mindeste geändert würde!
       Das einzige, was an der ganzen Debatte von Interesse ist, ist der
       knabenhafte Übermut  der Rechten und das feige Zusammenfallen der
       Linken.
       Die Herren Royalisten sind unverbesserlich. Kaum steht ihre Sache
       durch die  Hülfe der  gehorsamen Soldateska augenblicklich wieder
       besser, so  glauben sie  sich ins alte gelobte Land zurückgeführt
       und stimmen  einen Ton  an, der  an Unverschämtheit  alles  über-
       trifft, was der Polizeistaat je geleistet.
       Die Herren  von der  Linken dagegen  stimmen  ihre  Ansprüche  in
       demselben Maße  herab, in  dem die  Rechte  die  ihrigen  hinauf-
       schraubt. Man  hört durch  alle  ihre  Reden  jene  Gebrochenheit
       durch, die  die Folge herber Enttäuschungen ist, jene Gebeugtheit
       des Exmitglieds  derselben Versammlung, die zuerst die Revolution
       versumpfen ließ  und nachher, im selbstgeschaffenen Sumpf versin-
       kend, mit  dem schmerzlichen  Ruf unterging:  Das Volk  ist  noch
       nicht reif!
       Selbst die  entschiedenen Mitglieder  der Linken,  statt sich der
       ganzen Versammlung  direkt gegenüberzustellen, geben die Hoffnung
       nicht auf,  in der  Kammer und  durch die Kammer noch zu etwas zu
       kommen und  eine Majorität  für die Linke zu erlangen. Statt eine
       außerparlamentarische Stellung im Parlament einzunehmen, die ein-
       zige, die  in einer  solchen Kammer ehrenvoll ist, machen sie der
       parlamentarischen Möglichkeit  zu Gefallen  eine Konzession  über
       die andere,  statt den konstitutionellen Standpunkt nach Möglich-
       keit zu ignorieren, suchen sie ordentlich die Gelegenheit, um des
       lieben Friedens willen, mit ihm zu kokettieren.
       Die allgemeine  Debatte dreht sich um die Anerkennung oder Nicht-
       anerkennung der  sog. Verfassung.  Die Linke, die sich selbst als
       die  Fortsetzung   der  steuerverweigernden   Majorität  der  Ex-
       Vereinbarungsversammlung ansah,  mußte  mit  dem  entschiedensten
       Protest gegen den Gewaltstreich vom 5. Dezember beginnen. Und was
       tut sie?  Sie erklärt sich bereit, die Auflösung der Nationalver-
       sammlung als eine Tatsache anzuerkennen, die nicht mehr zu ändern
       sei, den  Prinzipienstreit  über  die  Rechtsgültigkeit  des  ok-
       troyierten Bastards  fallenzulassen, alle  Fußtritte und Beleidi-
       gungen mit  dem Mantel der Liebe zu bedecken und sogleich zur Re-
       vision überzugehen!
       Die Rechte  weist natürlich dies feige Anerbieten mit gebührender
       Verachtung zurück  und zwingt  die Linke  in den Prinzipienstreit
       hinein.
       Der Linken  geschieht ganz  recht. Warum  bilden sich  die Herren
       auch
       
       #374# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       ein, sie müßten irgend etwas durchsetzen, wo einmal nichts durch-
       zusetzen ist  ! Warum  machen sie  sich weis,  sie seien berufen,
       dasjenige parlamentarisch  durchzusetzen, was  nur  revolutionär,
       mit Gewalt  der Waffen  durchgesetzt werden  kann! Aber freilich,
       die Herren  sind "durch  das parlamentarische  Lehen auf die Höhe
       gekommen", von der uns der Abg. Waldeck so schöne Dinge zu erzäh-
       len weiß,  die Höhe,  wo der  esprit de corps 1*) anfängt und die
       revolutionäre Energie - s'il y en avait 2*) - verdunstet!
       Der erste  Redner der bunten Partei, die man die Linke nennt, ist
       Herr v.  Berg. Man  glaube aber ja nicht den muntern kleinen Abbé
       des vorigen Jahres wiederzufinden, der die Herren von der Rechten
       mit allerlei kleinen pikanten Witzchen so hübsch zu ärgern wußte.
       Herr Berg tritt nicht mehr als Abbé, er tritt als Pastor auf.
       Er meint,  es sei  doch wünschenswert  gewesen, den  Adreßentwurf
       [342]   s o  abzufassen, daß "eine möglichst große Majorität sich
       dafür erklären  könne". Die Kammer hätte dem Lande zeigen müssen,
       "daß seine  Vertreter gesonnen  sind,   b l o ß e n  P r i n z i-
       p i e n k ä m p f e n   nicht das  Wohl des Landes zu opfern". Am
       Schluß vermißte  Herr Berg  an dem Entwurf "den  G e i s t  d e r
       V e r s ö h n u n g,   d e r   u n s  (?) d u r c h d r i n g t",
       das Streben  nach "Verständigung".  Er prophezeit der Kammer, sie
       werde durch  die Adreßdebatte  nicht "den   F r i e d e n,    die
       H o f f n u n g  a u f  e i n e  b e s s e r e  Z u k u n f t  im
       Vaterlande begründen".
       In der Tat! Haben darum die Wähler von Jülich und Düren den Herrn
       Berg nach  Berlin geschickt,  daß er  den Kampf  um das Recht des
       Volks, sich  selbst seine  Verfassung zu  geben, für einen bloßen
       "Prinzipienkampf" erkläre, daß er "Versöhnung" und "Verständigung
       "im Kanzeltone  predige, daß  er von  "Frieden" fasele, wo es den
       K r i e g  gilt?
       Sie, Herr  Kaplan Berg,  wurden gewählt, nicht weil Sie Prediger,
       sondern weil  Sie  S t e u e r v e r w e i g e r e r  waren. Ihre
       Wahl geschah  nicht im  Interesse des   F r i e d e n s,  sondern
       sie war von vornherein eine  K r i e g s e r k l ä r u n g  gegen
       den Staatsstreich. Nicht um Versöhnung und Verständigung anzubie-
       ten, sondern  um zu   p r o t e s t i e r e n,   wurden  Sie nach
       Berlin gesandt.  Und jetzt, wo Sie Deputierter sind, jetzt erklä-
       ren  Sie   den  Kampf  zwischen  der  Volkssouveränetät  und  der
       "Vollgewalt der Krone" für einen bloßen unfruchtbaren Prinzipien-
       kampf!
       Die meisten  der  Herren  Steuerverweigerer  sind  wiedergewählt,
       nicht weil  ihre ganze  Wirksamkeit vom Mai bis November 1848 die
       Wähler befriedigte,  sondern weil  sie durch  den Steuerverweige-
       rungsbeschluß 3*)  auf revolutionären  Boden getreten waren, weil
       man hoffen durfte, daß die Fußtritte, mit denen
       -----
       1*) Kastengeist -  2*) wenn er etwas davon gehabt hat - 3*) siehe
       vorl. Band, S. 30
       
       #375# Die Adreßdebatte in Berlin
       -----
       die Regierung  sie traktiert, ihnen endlich die Augen darüber ge-
       öffnet hätten, wie man sich der Krone und der Regierung gegenüber
       zu benehmen  habe, um  etwas durchzusetzen. Man hoffte, jeder von
       ihnen werde  dadurch wenigstens  eine Stufe  weiter links gerückt
       sein.
       Statt dessen  zeigt sich, daß die Züchtigung im November gefruch-
       tet hat.  Statt weiter  links, sind  die Herren weiter rechts ge-
       rückt. Mit  dem wohlmeinendsten  Heulerpathos [226]  predigen sie
       Versöhnung und  Verständigung. Sie  erklären, die erhaltenen Miß-
       handlungen vergessen und vergeben zu wollen, sie bieten den Frie-
       den an.  Es geschieht  ihnen recht, daß sie mit Hohngelächter zu-
       rückgewiesen werden.
       Es folgt Herr Graf  R e n a r d,  Feudalherr aus Schlesien.
       Herr Renard  bildet sich ein, im März sei nichts umgestoßen, son-
       dern bloß  ein neuer  Moment hinzugefügt worden. Die Krone bleibe
       Krone, nur  trete als  "bestimmender Moment"  die    s t ä n d i-
       s c h e   (!) Repräsentation  mit   b e i r a t e n d e r  Stimme
       des Volks  hinzu. Sonst bleibe alles beim alten. (In der Tat, das
       ist  es  gerade,  was  uns  mit  Gott  für  König  und  Vaterland
       oktroyiert und  revidiert werden  soll.) Der  Deputierte habe "zu
       vertreten die Verfassung des Volks in seiner Gesamtheit, also das
       Volk   m i t   dem Fürsten,  nicht aber  das Volk  g e g e n  den
       Fürsten". (Wozu  ist dann der Fürst noch da, wenn die Deputierten
       ihn ohnehin  schon "vertreten"?)  Nach dieser neuen Staatstheorie
       erklärt Herr Renard der Kammer noch folgendes: Sie sei keineswegs
       da, "um  mit der  Krone zu   m a r k t e n    und  zu    f e i l-
       s c h e n"   - d.h. sich zu vereinbaren - "zu streiten über Worte
       oder  m e i n e t w e g e n  a u c h  ü b e r  R e c h t e";  Re-
       gierung und  Kammer seien  keineswegs "die  Anwälte  zweier  pro-
       zeßführenden Parteien".  Wer sein  Mandat  anders  verstehe,  der
       "führe den Bürgerkrieg in den Theorien".
       Herr Renard  spricht deutlich genug. In den profanen konstitutio-
       nellen Staaten regiert die Kammer durch ihren Ausschuß, das Mini-
       sterium, und der König hat kein andres Recht als das, ja und amen
       zu sagen  und zu  unterschreiben. So  war es  auch bei uns in der
       Zeit der  Drangsal, der  Zeit Camphausens, Hansemanns und Pfuels.
       Aber in der königlich preußischen konstitutionellen Monarchie von
       Gottes Gnaden  ist es  gerade umgekehrt:  Die Krone regiert durch
       ihre Minister, und wehe den Kammern, wenn sie etwas anders zu tun
       versuchen, als ja und amen sagen zu den gottbegnadeten Ergüssen!
       "Den deutlichsten  Beweis", fährt Herr Renard fort, "daß kein Riß
       zwischen Krone und Volk besteht, gibt der gegenwärtige Moment, wo
       mit allgemeiner  Begeisterung die    d e u t s c h e    F r a g e
       durch alle  Provinzen tönt  ... Die Begeisterung ... bezieht sich
       bei vielen  großenteils auf die Würde, auf die Größe unsres ange-
       stammten Königshauses  von Gottes  Gnaden, des   r i t t e r l i-
       c h e n   und" (besonders  in der  Champagne, bei Jena und am 18.
       März 1848   [359])   "s i e g g e w o h n t e n  Stammes der Zol-
       lern. (Heiterkeit und Bravo.)"
       
       #376# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       Von dieser Begeisterung zeugte das an demselben 19. März, wo Herr
       Renard diese Worte sprach, auf dem Gürzenich von fünftausend Keh-
       len dem deutschen Kaiser gebrachte Pereat 1*), zeugte wenige Tage
       darauf die Verwerfung des preußischen Erbkaisertums in Frankfurt,
       zeugte vorgestern die Frankfurter Bettelmajorität von vier ganzen
       Stimmen für den Erbkaiser im allgemeinen.
       Nein, ruft  Renard, der  übrigens durchaus  kein Fuchs  ist  2*),
       schließlich aus:
       
       "Es  soll   und  wird  niemanden  gelingen,  das    f r i s c h e
       L e b e n   der Heilung anstrebenden Wunde durch ätzendes Gift zu
       töten und den allenfall" (also doch!) "entstandenen Spalt zur un-
       ausfüllbaren Kluft zu gestaltend!"
       
       Ehrenwertester Renard!  Möge es  nie Übelgesinnten  gelingen, das
       "frische Leben"  der im Frühjahr vorigen Jahres deinem feudalpri-
       vilegienstrotzenden Geldbeutel  beigebrachten, nun  aber  vermit-
       telst der  wiederkehrenden  Gnade  Gottes  "Heilung  anstrebenden
       Wunde durch  ätzendes Gift zu töten" und den zwischen deinen Ein-
       nahmen und  Ausgaben dadurch  "allenfalls entstandenen  Spalt zur
       unausfüllbaren Kluft zu gestalten"!
       Herr Jacoby  betritt die  Tribüne. Auch  Herr Jacoby, obgleich er
       entschiedener auftritt  als Berg und in seinem Räsonnement klarer
       und präziser ist, kann doch das Diplomatisieren nicht lassen. Die
       Anerkennung der  Verfassung in  der Adresse  sei nicht am  O r t,
       weil sie  nicht  b e i l ä u f i g  geschehen dürfe, und nicht an
       der Zeit,  weil die  Verfassung noch  nicht revidiert,  definitiv
       sanktioniert und  beschworen sei.  Als ob  die Anerkennung  einer
       solchen Verfassung je am Ort und an der Zeit sein könnte!
       Auch er "will nicht den alten Streit erneuern" über die Sprengung
       der Vereinbarungsversammlung;  ob sie eine rettende Tat oder End-
       und Zielpunkt  einer Diplomatenkonspiration gewesen, will er "der
       unparteiischen Geschichte  überlassen".  Die  "unparteiische  Ge-
       schichte" wird registrieren, daß die Leute, die so laut sprachen,
       als sie  die Majorität  hatten, jetzt,  wo sie  in der  Minorität
       sind, mit der Demut gezüchtigter Schulknaben auftreten.
       "Was die Anerkennung der Verfassung durch das Volk betrifft, habe
       ich dem  entgegenzustellen, daß diese unsere Versammlung das ein-
       zige rechtmäßige, das einzig zu einer solchen Anerkennung befugte
       Organ ist."
       Nein, Herr  Jacoby, das  ist Ihre  Versammlung  keineswegs.  Ihre
       Versammlung ist  weiter nichts  als das größtenteils durch Regie-
       rungsumtriebe zustande  gekommene Organ  der auf  Grund  des  ok-
       troyierten  sog.  Wahlgesetzes  vermittelst  der  famosen  "Selb-
       ständigkeit" erwählten Wahlmänner [235]. Ihre
       -----
       1*) Siehe vorl.  Band, S.  583 - 2*) Wortspiel: "Fuchs" heißt auf
       französisch "renard"
       
       #377# Die Adreßdebatte in Berlin
       -----
       Versammlung mag  die Verfassung  anerkennen, so  ist das nur eine
       Anerkennung der  oktroyierten Verfassung  durch  die  oktroyierte
       Verfassung selbst.  Das Volk wird sich wenig daran stören und die
       "unparteiische Geschichte"  wird über ein kleines zu registrieren
       haben, daß diese sog. Verfassung trotz ihrer Anerkennung - sollte
       es je  zu dieser  kommen -  im Laufe  der europäischen Revolution
       niedergetreten wurde und verschwunden ist, man weiß nicht wie.
       Herr Jacoby  weiß das  wahrscheinlich so  gut wie wir; die Rechte
       der Kammer  weiß auch,  daß er  es weiß;  wozu  also  all  dieser
       Rechtsboden-Firlefanz, vollends, wenn man den Rechtsboden der ge-
       sprengten Versammlung im Zweifel lassen will!
       Herr Scherer,  Advokat und Abgeordneter von Düsseldorf-Elberfeld,
       entsetzt sich  höchlich über  den d'Esterschen  Adreßentwurf.  Er
       meint, die Deputation, die eine solche Adresse dem König überrei-
       che, müsse  "den bewaffneten  Aufstand in  ihrem Gefolge  haben".
       Wenn man  den bewaffneten  Aufstand im Gefolge hat, Herr Scherer,
       dann spricht man noch ganz anders mit Königen!
       Dieser Entwurf  "schleudre die Fackel ins Land" ; aber Herr Sche-
       rer glaubt,  "sie werde  nicht zünden,  sondern  nur    i h r e n
       T r ä g e r n  z u m  S c h a d e n  g e r e i c h e n!  Man kann
       nicht deutlicher sprechen. Herr Scherer gibt der Linken den wohl-
       meinenden Rat,  den Entwurf  zurückzuziehen, sonst  werde man sie
       eines Morgens zu fassen wissen, trotz des Unverletzlichkeitspara-
       graphen. [360] Sehr menschenfreundlich, Herr Scherer!
       Es erhebt  sich nunmehr  Herr Waldeck. Wir finden ihn unverändert
       wieder: links,  aber nicht  weiter links, als es angeht, wenn man
       sich   m ö g l i c h   halten will.  Herr Waldeck beginnt mit dem
       Ausdruck seiner  Verdrießlichkeit darüber, daß die Rechte ihm im-
       mer den  fatalen Streit  über den  Staatsstreich vom November zu-
       schieben will.  Herr Waldeck  und  "seine  Partei"  hat  sich  ja
       "deutlich  genug  darüber  ausgesprochen,  daß  dieser  Prinzipi-
       enstreit gar  nicht hätte erhoben werden sollen". Nach seiner An-
       sicht "ist  die Versammlung  darüber einig" (schlimm genug!) "was
       sie mit  der Verfassung  tun soll" - nämlich sie revidieren. Herr
       Waldeck setzt  nun  abermals  auseinander,  warum  der  Prinzipi-
       enstreit überflüssig  sei, und appelliert noch einmal an das bes-
       sere Gefühl  der Rechten:  "Können Sie  nicht diese  Frage in der
       Zwischenzeit   s e h r   w o h l  r u h e n  l a s s e n?...  Sie
       verlieren bei  Ihrer Ansicht  gar nichts;   s c h o n e n   S i e
       a b e r  d i e  A n s i c h t e n  a n d e r e r!"
       Würdige Sprache  eines auseinandergejagten  "Volksvertreters"  zu
       derselben Majorität,  die sich  die Hände  vor Freude reibt, wenn
       sie an die gelungene Auseinanderjagung denkt.
       "Schonen Sie  doch die  Ansichten andrer!"  Um    S c h o n u n g
       fleht der große Mann!
       
       #378# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       Dann aber,  wenn die  Verfassungsarbeit fertig  ist, dann "hofft"
       der Minister der Zukunft, "dann wird diese Versammlung  d u r c h
       d a s    p a r l a m e n t a r i s c h e    L e b e n    w i r k-
       l i c h  a u f  d i e  H ö h e  g e k o m m e n  s e i n,  welche
       notwendig ist,  um die   F o l g e n   einer  solchen  Erklärung"
       (über die  Gültigkeit der  Verfassung)  "w o h l  z u  e r k e n-
       n e n"!!
       Wahrhaftig! Tun  nicht unsre  neugebackenen  Tribünenritter,  die
       kaum sieben  Monate parlamentarische  Praxis hinter  sich  haben,
       schon gerade  so altklug  und weise,  als hätten sie 50 Jahre auf
       den Bänken von St. Stephens gesessen und alle Pariser Kammern von
       der Introuvable  von 1815  bis zur  Introuvable des  24.  Februar
       durchgemacht! [361]
       Aber das  ist wahr.  Unsre Tribünenritter  haben in  ihrer kurzen
       Karriere soviel  parlamentarische Selbstgenügsamkeit  geschluckt,
       sind so  sehr aller  revolutionären Energie  - si  jamais il y en
       avait 1*) - entkleidet worden, als wären sie im Pathos der Parla-
       mente grau geworden.
       Nach Herrn  Waldeck produziert  sich Seine weiland Exzellenz, der
       ehedem allgewaltige Herr von Bodelschwingh.
       Gerade wie  Herr Manteuffel,  so ist  auch sein ehemaliger Vorge-
       setzter "auf  Befehl Sr.  Majestät" konstitutionell  geworden. Es
       ist ganz  amüsant, den  letzten Premier des Absolutismus die kon-
       stitutionelle Monarchie verteidigen zu hören.
       Herr Bodelschwingh  pflegte vor dem Februar für den besten Redner
       des damaligen Ministeriums zu gelten. Auf dem Vereinigten Landtag
       [137] hatte  er sich noch am geschicktesten durchgeschlagen. Aber
       wenn man  seine jetzige  Rede liest,  so erschrickt man in seinem
       eigenen Interesse über die Albernheit und die Fadaise dieses son-
       derbaren Vortrags. Herr Bodelschwingh ist auf Befehl konstitutio-
       nell geworden;  abgesehen von diesem Wort aber ist er, wir wissen
       nicht, ob  auf Befehl  oder ohne Befehl, ganz der alte geblieben.
       Er entschuldigt  sich damit, daß er "in ländlicher Zurückgezogen-
       heit" gelebt  habe; aber man sollte wirklich meinen, er habe sich
       das ganze Jahr über  b e g r a b e n  lassen.
       Er bekennt, daß er durch den höchst unschuldigen Adreßentwurf der
       Linken "in  einer Weise  und in  einem Umfang über ihre Ansichten
       aufgeklärt worden, von dem er vor seinem Erscheinen in der Kammer
       n i c h t  e i n m a l  e i n e  A h n u n g  h a t t e".
       Quel bonhomme!  2*) Als Herr Bodelschwingh noch Preußen regierte,
       müssen ihn  seine zahlreichen  Spione für  unser Geld  merkwürdig
       schlecht unterrichtet  haben, daß er jetzt glauben kann, derglei-
       chen sei seitdem plötzlich aus der Erde emporgeschossen !
       Die Linke  hatte erklärt,  sie sei  hier nicht  auf Grund der ok-
       troyierten
       -----
       1*) wenn sie  jemals etwas  davon gehabt hätten - 2*) Was für ein
       Einfaltspinsel!
       
       #379# Die Adreßdebatte in Berlin
       -----
       Standrechtscharte, sondern auf Grund des allgemeinen Stimmrechts.
       Was antwortet Herr Bodelschwingh?
       
       "Wenn wir  unsern Sitz aus dem allgemeinen Wahlrecht ableiten, so
       bedarf es  all der Formalitäten" (der Wahlprüfung) "nicht.  W i r
       b r a u c h e n  n u r  a u f  d e n  M a r k t  z u  t r e t e n
       u n d  z u  s a g e n:  W ä h l t  m i c h!  Ich weiß nicht, wie-
       viel Partikelchen des allgemeinen Wahlrechts Sie für erforderlich
       halten, um den Eintritt in dies Haus zu beanspruchen. Nehmen Sie,
       soviel Sie  wollen, genugsam  Stimmen würden sich auf diese Weise
       leicht auftreiben  lassen; es  würde sich  mit Anerkennung dieses
       Rechtes der  Raum dieses Hauses bald so füllen, daß unseres Blei-
       bens nicht  mehr wäre;  meinerseits würde  ich wenigstens  meinen
       Sitz je eher, je lieber aufgeben."
       
       Wenn ein  westfälischer Bauer  oder wenn Herr v. Bodelschwingh zu
       der Zeit,  wo er noch Minister war, diesen Tiefsinn über das all-
       gemeine Stimmrecht zutage gefördert hätte, so würde uns das nicht
       wundern. In  diesem Sinn  hat obige  Stelle das Interessante, daß
       sie beweist,  wie man  preußischer Premier sein und die ganze ex-
       aminierte Bürokratie  dirigieren konnte,  ohne von den allernäch-
       sten Fragen  von europäischem  Interesse "auch nur eine Ahnung zu
       haben". Aber daß man, nachdem in Frankreich das allgemeine Stimm-
       recht   z w e i m a l  fungiert hat, nachdem das, was die  L i n-
       k e   allgemeines Stimmrecht  nennt, in  Preußen zweimal fungiert
       und sogar  dem Herrn  Bodelschwingh selbst  seinen  Sitz  in  der
       Kammer oktroyiert  hat -, daß man da noch in so fabelhaften Phan-
       tasien über das allgemeine Stimmrecht sich ergehen kann, dazu muß
       man antediluvianischer  preußischer Minister  gewesen sein!  Doch
       vergessen wir nicht, Herr Bodelschwingh war begraben und ist erst
       wieder auferstanden,  um "auf  Befehl Sr. Majestät" in die Kammer
       zu treten!
       Nachher heißt es:
       
       "Wenn wir  auch keineswegs der Ansicht sind, daß diese Verfassung
       erst durch  die Revision  ihre Geltung  erhalte, so vertrauen wir
       doch vollkommen,  daß die Krone den  W ü n s c h e n  (!) ... der
       Kammern...  ihre  Sanktion  nicht  entziehen  wird  ...  mit  dem
       B e w u ß t s e i n,   daß wir  mit der Regierung nicht zu mäkeln
       und zu  rechten brauchen, als ständen wir Feinden gegenüber, son-
       dern mit  der Überzeugung, daß wir der Krone gegenüberstehn, wel-
       che wie  wir  n u r  d a s  W o h l  d e s  V a t e r l a n d e s
       i m   A u g e  h a t  ... in guten und bösen Tagen fest zusammen-
       halten mit  unsern Fürsten  ... Grundlagen  der Gottesfurcht, der
       Achtung vor dem Gesetz, des Gemeinsinns usw."
       
       Herr Bodelschwingh  glaubte noch  im Vereinigten Landtag zu spre-
       chen.  Er   steht  vor  wie  nach  auf  dem    B o d e n    d e s
       V e r t r a u e n s.   Aber der  Mann hat  ja recht!  Das von der
       Linken sogenannte  allgemeine Stimmrecht hat ja vermittelst Selb-
       ständigkeitsparagraphen, indirekter  Wahl und Manteuffelschen Ma-
       növern eine Kammer zustande gebracht, die sich gar nicht zu schä-
       men brauchte, "Hoher Vereinigter Landtag" angeredet zu werden.
       
       #380# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       Nach einer  unbedeutenden Rede  des Abg.  Schulze-Delitzsch tritt
       auf Se. weiland Exzellenz der Herr Graf Arnim. Herr Arnim hat das
       letzte Jahr   n i c h t   geschlafen  wie Herr  Bodelschwingh. Er
       weiß, was er will.
       Warum wir  die Verfassung  jetzt gleich in Bausch und Bogen aner-
       kennen wollen, sagt er, ist klar.
       
       "Ist es  denn so  sicher,   d a ß   d a s  G e s c h ä f t  d e r
       R e v i s i o n   z u   e i n e m   R e s u l t a t   f ü h r e n
       w e r d e?   Wie denn?  Was gilt dann für ein Grundgesetz? Gerade
       also weil  wir in  dem Falle sind, daß eine Einigung zwischen den
       drei Gewalten  über die  Punkte der  Revision ungewiß ist, gerade
       d a r u m   liegt uns  daran, daß auch für diesen  F a l l  d a s
       V o l k  eine  V e r f a s s u n g  h a b e."
       
       Ist das  deutlich? Das  ist schon  die zweite  leise Andeutung in
       dieser einen Sitzung.
       Der Abgeordnete  d'Ester spricht  noch gegen  den Kommissionsent-
       wurf. D'Esters  Rede ist bei weitem die beste, die von Seiten der
       Linken in  dieser allgemeinen  Debatte gefallen. Die Keckheit und
       Lebhaftigkeit, mit  der der  Abgeordnete von Mayen die Herren von
       der Rechten attackiert, macht einen angenehmen Eindruck mitten in
       dieser trübseligen  und ledernen  Debatte. Aber auch d'Ester kann
       nicht ohne  diplomatische Konzessionen  und parlamentarische Win-
       dungen sprechen.  Er sagt  z.B., auch  er stimme damit vollkommen
       überein, daß  die Revolution  beendigt werden müsse. Wenn bei dem
       Deputierten dies  Wort aus  parlamentarischen  Rücksichten  viel-
       leicht zu  entschuldigen ist, so durfte das Mitglied des demokra-
       tischen Zentralausschusses  [310] so  etwas nie  aussprechen,  so
       durfte der  Mann, der  gleich darauf  mit Vincke die Debatte über
       die respektive  "Bildungsstufe" begann, auch nicht den Schein auf
       sich bringen,  als sei  er einer  solchen  Faselei  fähig.  Zudem
       glaubt es ihm doch kein Mensch.
       Zum Schluß  stimmt noch  der Abg.  Riedel ein Triumphlied darüber
       an, daß  "die Krone das Recht der Gesetzgebung wieder an sich ge-
       nommen" habe.  Ein ironisches  Bravo macht ihn aufmerksam, daß er
       aus  der  Schule  geplaudert.  Er  erschrickt  und  setzt  hinzu:
       "Provisorisch, versteht sich!"
       Dritter leiser Wink für die Herren Abgeordneten!
       Man geht  zur speziellen Debatte über. Wir versparen sie auf mor-
       gen.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

       zurück