Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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Der Krieg in Italien und Ungarn
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 257 vom 28. März 1849]
* Köln, 27. März. Der Krieg in Italien hat begonnen. [362] Mit
ihm hat sich die habsburgische Monarchie eine Last aufgeladen,
der sie wahrscheinlich erliegen wird.
Solange Ungarn nicht in offenem Kriege mit der Gesamtmonarchie,
sondern bloß in einem schwankenden Kriegszustande gegen die Süd-
slawen sich befand, solange war es keine Kunst für Östreich, mit
den nur halb revolutionierten, zersplitterten, durch dreifachen
fürstlichen Verrat gelähmten Italienern fertig zu werden. Und
doch, welche Mühe hat es nicht gekostet! Erst mußten der Papst
1*), der toskanische Großherzog 2*) ihre Truppen - direkt oder
indirekt - aus dem Venetianischen zurückziehen, erst mußten Karl
Albert und seine teils unfähigen, teils verkauften Feldherrn di-
rekten Verrat an der Sache Italiens begehen, erst mußten vor al-
lem bald die Magyaren, bald die Südslawen durch achselträgerische
Politik und scheinbare Konzessionen zur Truppenstellung nach Ita-
lien gebracht werden, ehe Radetzky seine Siege am Mincio erfech-
ten konnte. Man weiß, daß erst die massenweise nach Italien gezo-
genen südslawischen Grenzregimenter die desorganisierte östrei-
chische Armee wieder kampffähig machten.
Solange ferner der Waffenstillstand mit Piemont dauerte, solange
Östreich bloß genötigt war, seine italienische Armee auf der bis-
herigen Stärke zu erhalten, ohne sie außerordentlich verstärken
zu müssen, solange konnte es die Hauptmasse seiner 600 000 Solda-
ten gegen Ungarn richten, konnte die Magyaren aus einer Position
in die andere zurückdrängen, und endlich sogar, durch täglich
nachrückende Verstärkungen, dahin gelangen, die magyarische Macht
zu erdrücken. Der Übermacht hätte Kossuth auf die Dauer ebensogut
wie Napoleon erliegen müssen.
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1*) Pius IX. - 2*) Leopold II.
#382# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Aber der Krieg in Italien ändert die Lage der Dinge sehr. Von dem
Augenblick an, wo die Kündigung des Waffenstillstandes gewiß war,
mußte Östreich seine Truppensendungen nach Italien verdoppeln,
mußte seine frisch ausgehobnen Rekruten zwischen Windischgrätz
und Radetzky teilen. Auf diese Weise steht zu erwarten, daß kei-
ner genug bekommt.
Während es sich daher bei den Magyaren und Italienern bloß darum
handelt, Zeit zu gewinnen - Zeit, um Waffen zu beziehen und anzu-
fertigen, Zeit, um Landsturm und Nationalgarden zu felddienstfä-
higen Soldaten einzuüben, Zeit, um die Revolutionierung des Lan-
des durchzuführen - verliert Östreich im Verhältnis zu seinen
Gegnern jeden Tag an Macht.
Während Rom, Toskana und selbst Piemont durch den Krieg selbst
immer tiefer in die Revolution hineingeschleudert, täglich zu
größerer revolutionärer Energie gezwungen werden, während sie auf
die mit raschen Schritten heranrückende Krisis in Frankreich war-
ten können, währenddes gewinnt in Östreich das dritte desorgani-
sierende Element, die s l a w i s c h e O p p o s i t i o n,
täglich mehr Terrain und organisiert sich täglich besser. Die ok-
troyierte Verfassung [318], die die Slawen zum Dank dafür, daß
sie östreich gerettet, hinter den März zurückschleudert, die
vielen Beleidigungen der Slawen durch bürokratische und soldati-
sche Übergriffe sind geschehene Tatsachen, an denen sich nichts
ändern läßt.
Daß unter diesen Umständen die "Kölnische Zeitung" [21] die mög-
lichste Eile hat, die Kaiserlichen mit dem unangenehmen ungari-
schen Krieg fertig werden zu lassen, ist begreiflich. Gestern
läßt sie sie demgemäß in drei Kolonnen über die Theiß gehen -
eine Nachricht, die um so glaubwürdiger ist, je weniger sie bis
jetzt durch ein Bulletin bestätigt wird. Von anderer Seite da-
gegen wird berichtet, daß ganz im Gegenteil die magyarische Armee
in Eilmärschen gegen Pest rücke und offenbar den Entsatz Komorns
beabsichtige. Komorn, obwohl heftig bombardiert, hält sich tap-
fer. Während des Bombardements taten sie keinen Schuß; als aber
die Östreicher einen Sturm versuchten, wurden sie durch ein mör-
derisches Kartätschenfeuer mit großem Verlust zurückgeschlagen.
Das polnische Ulanenregiment Herzog Coburg soll, als Dembinski
seinen Angriff ruhig erwartete und die Melodie "Noch ist Polen
nicht verloren" [363] aufspielen ließ, zu den Magyaren übergegan-
gen sein.
Das sind alle Nachrichten vom ungarischen Kriegsschauplatz, die
wir heute zu geben imstande sind. Die Wiener Post vom 23. ist
ausgeblieben.
Wenden wir uns jetzt zum italienischen Kriegsschauplatz. Hier ist
die piemontesische Armee in einem langen Bogen längs des Tessin
und des Po aufgestellt. Ihre erste Linie dehnt sich von Arona
über Novara, Vigevano
#383# Der Krieg in Italien und Ungarn
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Voghera bis Castel San Giovanni vor Piacenza. Ihre Reserve steht
einige Meilen weiter zurück an der Sesia und Bormida, bei Ver-
zeih, Trnio und Alessandria. Am äußersten rechten Flügel bei
Sarzana an der toskanisch-modenesischen Grenze steht ein deta-
chiertes Korps unter La Marmora, bereit, durch die Pässe der Lu-
nigiane nach Parma und Modena einzufallen, sich links an den
rechten Flügel der Hauptarmee, rechts an die toskanische und rö-
mische Armee anzuschließen, je nach Umständen Po und Etsch zu
überschreiten und im Venetianischen zu operieren.
Gegenüber, auf dem linken Ufer des Tessin und Po, steht Radetzky.
Seine Armee ist bekanntlich in zwei Korps geteilt, von denen eins
die Lombardei, das andre das Venetianische besetzt hält. Während
aus letzterer Provinz gar keine Truppendislokationen gemeldet
werden, hören wir von allen Seiten, daß Radetzky in der Lombardei
sein ganzes Heer am Tessin konzentriert. Er hat seine sämtlichen
Truppen aus Parma gezogen und in Modena nur ein paar hundert Mann
in der Zitadelle zurückgelassen. Varese, Como, Val d'Intelvi und
Valtellina sind von Truppen gänzlich entblößt, und selbst die
Grenzwächter der Douane sind verschwunden.
Die ganze disponible Streitmacht Radetzkys, 50000 Mann stark,
steht von Magenta bis Pavia den Tessin, von Pavia bis Piacenza
den Po entlang aufgestellt.
Radetzky selbst soll den tollkühnen Plan gehabt haben, mit dieser
Armee sofort über den Tessin zu gehen und unter dem Schutz der
unvermeidlichen Bestürzung der Italiener direkt auf Turin zu mar-
schieren. Man erinnert sich noch vom vorigen Jahre, wie Radetzky
mehr als einmal dergleichen napoleonische Gelüste hegte und wie
sie ihm bereits damals bekamen. Diesmal widersetzte sich jedoch
der ganze Kriegsrat, und man beschloß, ohne entscheidende
Schlacht gegen die Adda, den Oglio, und im Notfall selbst den
Chiese zurückzugehen, um dort aus dem Venetianischen und aus Il-
lyrien Verstärkungen an sich zu ziehen.
Es wird von den Manövern der Piemontesen und von dem Kriegseifer
der Lombarden abhängen, ob dieser Rückzug ohne Verlust abgehen
und ob es den östreichern gelingen wird, die Piemontesen lange
aufzuhalten. Der südliche Alpenabhang nämlich, die Comasca, die
Brianza, die Bergamaska, das Veltlin (Val Tellina) und das
Brescianische, die jetzt schon größtenteils von den östreichern
verlassen sind, eignen sich im höchsten Grade zum nationalen Par-
teigängerkriege. Die in der Ebene konzentrierten Östreicher müs-
sen das Gebirge freilassen. Hier können die Piemontesen durch ra-
sches Vordringen mit leichten Truppen auf dem rechten Flügel der
Östreicher schnell Guerillas organisieren, die die Flanke und, im
Fall der Niederlage eines einzelnen Korps, den
#384# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Rückzug der Kaiserlichen bedrohen, ihnen die Zufuhren abschnei-
den, und die Insurrektion bis in die Tritentiner Alpen fortpflan-
zen. Garibaldi wäre hier an seinem Platz. Aber es wird ihm nicht
einfallen, nochmals unter dem Verräter Karl Albert zu dienen.
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Die toskanisch-römische Armee, von La Marmora unterstützt, wird
die Po-Linie von Piacenza bis Ferrara zu besetzen, möglichst bald
den Po und in zweiter Linie die Etsch zu passieren, Radetzky von
dem östreich-venetianischen Korps zu trennen und auf seinem lin-
ken Flügel, resp. in seinem Rücken zu operieren haben. Sie wird
indes schwerlich rasch genug eintreffen, um auf die ersten
Kriegsoperationen einen Einfluß zu üben.
Aber mehr als alles das entscheidet die Haltung der Piemontesen.
Die Armee ist gut und kriegslustig; aber wenn sie wieder verraten
wird, wie im vorigen Jahr, so muß sie geschlagen werden. Die Lom-
barden rufen nach Waffen, um sich gegen diese Unterdrücker zu
schlagen; aber wenn wieder, wie voriges Jahr, eine schwankende
Bourgeoisregierung den Aufstand in Masse lähmt, so kann Radetzky
noch einmal seinen Einzug in Mailand halten.
Gegen Verrat und Feigheit der Regierung gibt es nur ein Mittel:
die Revolution. Und vielleicht ist gerade ein neuer Wortbruch
Karl Alberts, eine neue Treulosigkeit des lombardischen Adels und
der Bourgeoisie nötig, um die italienische Revolution und
zugleich mit ihr den italienischen Unabhängigkeitskrieg durch-
zuführen. Dann aber wehe den Verrätern!
Geschrieben von Friedrich Engels.
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