Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


       zurück

       #385#
       -----
       Die Niederlage der Piemontesen
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 260 vom 31. März 1849]
       * Köln,  30. März.  Der Verrat Ramorinos hat seine Früchte getra-
       gen. Die  piemontesische Armee  ist bei  Novara  v o l l s t ä n-
       d i g   g e s c h l a g e n  und nach Borgomanero, an den Fuß der
       Alpen zurückgetrieben.  Die Östreicher haben Novara, Vercelli und
       Trino besetzt, und die Straße nach Turin steht ihnen offen.
       Es fehlen bis jetzt alle näheren Angaben. Soviel aber steht fest,
       daß ohne  Ramorino, der  den Östreichern  erlaubte, sich zwischen
       die verschiedenen piemontesischen Divisionen zu drängen und einen
       Teil derselben zu isolieren, der Sieg unmöglich war.
       Daß Karl Albert ebenfalls Verrat geübt hat, kann nicht bezweifelt
       werden. Ob aber bloß durch Vermittelung Ramorinos oder auch sonst
       noch, werden wir erst später erfahren.
       Ramorino ist  derselbe Abenteurer, der, nach einer mehr als zwei-
       deutigen Laufbahn  im polnischen  Kriege von  1830/31  [233], auf
       dem Savoyerzuge 1834  [365] an demselben Tage, wo die Sache einen
       ernsthaften Charakter  annahm, mit  der ganzen  Kriegskasse  ver-
       schwand, und  der später in London dem Ex-Herzog von Braunschweig
       für 1200  Pfd.  Sterl.  einen  Plan  zur  Eroberung  Deutschlands
       machte.
       Daß ein  solcher Industrieller  nur angestellt werden konnte, be-
       weist, wie  sehr Karl  Albert, der die Republikaner von Genua und
       Turin mehr  fürchtet als die Östreicher, von vornherein schon auf
       Verrat sann.
       Daß man nach dieser Niederlage eine Revolution und die Proklamie-
       rung der  Republik in Turin erwartet, geht daraus hervor, daß man
       ihr durch  die Abdankung  Karl Alberts  zugunsten seines ältesten
       Sohnes 1*) vorzubeugen versucht.
       -----
       1*) Viktor Emanuel II
       
       #386# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       Die Niederlage  der Piemontesen  ist wichtiger als alle deutschen
       Kaiserpossen zusammen.  Sie ist  die Niederlage der gesamten ita-
       lienischen Revolution.  Nach der  Besiegung  Piemonts  kommt  die
       Reihe an Rom und Florenz.
       Aber wenn nicht alle Zeichen trügen, so wird gerade diese Nieder-
       lage der  italienischen Revolution  das Signal  sein zum Losbruch
       der europäischen  Revolution. Das französische Volk sieht in dem-
       selben Verhältnis,  als es  im Innern  des Landes von der eigenen
       Kontrerevolution mehr  und mehr  geknechtet wird,  die bewaffnete
       Kontrerevolution des  Auslandes seinen  Grenzen näher rücken. Dem
       Junisieg und  der Diktatur Cavaignac in Paris entsprach der sieg-
       reiche Marsch  Radetzkys bis  an den  Mincio; der Präsidentschaft
       Bonaparte, Barrot  und dem  Klubgesetz [240]  entspricht der Sieg
       bei Novara  und der  Marsch der  Österreicher an die Alpen. Paris
       ist reif  zu einer neuen Revolution. Savoyen, das seit einem Jahr
       seinen Abfall  von Piemont und seinen Anschluß an Frankreich vor-
       bereitet, das  sich sträubte,  am Kriege  sich zu beteiligen, Sa-
       voyen wird  sich Frankreich in die Arme werfen wollen; Barrot und
       Bonaparte müssen  es zurückweisen.  Genua, vielleicht Turin, wenn
       es  noch   Zeit  ist,   werden  die   Republik  proklamieren  und
       Frankreichs Hülfe  anrufen; und Odilon Barrot wird ihnen gravitä-
       tisch zur Antwort geben, er werde die Integrität des sardinischen
       Gebiets zu schützen wissen.
       Aber wenn  das Ministerium  es nicht  wissen will,  das Volk  von
       Paris weiß  es, daß  Frankreich die Östreicher in Turin und Genua
       nicht dulden  darf. Und  das Volk  von Paris  wird sie dort nicht
       dulden. Es  wird auf die Italiener durch eine siegreiche Erhebung
       antworten, und die französische Armee, die einzige in Europa, die
       seit dem 24. Februar [230] nicht auf offenem Schlachtfelde stand,
       wird sich ihm anschließen.
       Die französische  Armee brennt  vor Begierde,  die Alpen zu über-
       schreiten und  sich mit  den Östreichern zu messen. Sie ist nicht
       gewohnt, einer  Revolution entgegenzutreten,  die ihr  neuen Ruhm
       und neue  Lorbeeren verheißt,  die mit der Fahne des Kriegs gegen
       die Koalition  auftritt. Die  französische Armee  ist nicht "Mein
       herrliches Kriegsheer" [196].
       Die Niederlage der Italiener ist bitter. Kein Volk, außer den Po-
       len, ist  so schmählich von der Gewalt übermächtiger Nachbarn er-
       drückt worden,  keins hat so oft und so mutig versucht, den Druck
       abzuschütteln. Und jedesmal muß dies unglückliche Volk seinen Un-
       terdrückern wieder  erliegen; das Ziel aller Anstrengungen, aller
       Kämpfe ist  nichts als  neue Niederlagen! Aber wenn diese Nieder-
       lage eine  Revolution in Paris zur Folge hat und den europäischen
       Krieg zum  Ausbruch bringt,  dessen Vorzeichen an allen Ecken und
       Enden sich  zeigen; wenn  sie der Anstoß ist zu einer neuen Bewe-
       gung über den ganzen
       
       #387# Die Niederlage der Piemontesen
       -----
       Kontinent, einer Bewegung, die diesmal einen andern Charakter ha-
       ben wird  als die des vorigen Jahres - dann haben selbst die Ita-
       liener Ursache, sich dazu Glück zu wünschen.
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 261 vom 1. April 1849, Zweite Aus-
       gabe]
       * Köln,  1. April.  Nach den  letzten Berichten,  die aus Italien
       eintreffen, ist die Niederlage der Piemontesen bei Novara keines-
       wegs so  entscheidend, wie die nach Paris gesandte telegraphische
       Depesche berichtet hatte.
       Die Piemontesen sind geschlagen, sie sind von Turin abgeschnitten
       und ins Gebirge geworfen worden. Das ist alles.
       Wäre Piemont eine Republik, wäre die Turiner Regierung revolutio-
       när und hätte sie den Mut, zu revolutionären Mitteln zu greifen -
       es wäre  nichts verloren.  Aber die  italienische  Unabhängigkeit
       geht verloren  - nicht  an der Unbesiegbarkeit der östreichischen
       Waffen, sondern an der Feigheit des piemontesischen Königtums.
       Wodurch haben die Östreicher gesiegt? Dadurch, daß in der piemon-
       tesischen Armee  durch den  Verrat Ramorinos  zwei Divisionen von
       den übrigen  drei getrennt  und diese  drei  isoliert  durch  die
       östreichische Überzahl  geschlagen wurden.  Diese drei Divisionen
       sind jetzt an den Fuß der Walliser Alpen zurückgedrängt.
       Es war von vornherein ein enormer Fehler, daß die Piemontesen den
       Östreichern bloß  eine regelmäßige  Armee entgegensetzen, daß sie
       mit ihnen einen gewöhnlichen, bürgerlichen, honetten Krieg führen
       wollten. Ein  Volk, das  sich seine  Unabhängigkeit erobern will,
       darf sich  nicht auf  die   g e w ö h n l i c h e n  Kriegsmittel
       beschränken. Aufstand in Masse, Revolutionskrieg, Guerillas über-
       all, das ist das einzige Mittel, wodurch ein kleines Volk mit ei-
       nem großen fertig werden, wodurch eine minder starke Armee in den
       Stand gesetzt werden kann, der stärkeren und besser organisierten
       zu widerstehen.
       Die Spanier  haben es  1807-[18]12 bewiesen [366], die Ungarn be-
       weisen es noch jetzt.
       Chrzanowski war  bei Novara  geschlagen und von Turin abgeschnit-
       ten; Radetzky  stand 9  Meilen von  Turin. In  einer   M o n a r-
       c h i e,  wie Piemont, selbst in einer konstitutionellen, war da-
       mit der Feldzug entschieden; man kam um Frieden bei Radetzky ein.
       Aber in  einer Republik  war damit   g a r   n i c h t s   e n t-
       s c h i e d e n.   Hätte nicht  die unvermeidliche  Feigheit  der
       Monarchien, die  nie den Mut hat, zu den äußersten revolutionären
       Mitteln zu  greifen, hätte  nicht diese  Feigheit davon zurückge-
       halten, die  Niederlage Chrzanowskis  hätte ein Glück für Italien
       werden können.
       
       #388# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       Wäre Piemont  eine Republik, die keine Rücksicht auf monarchische
       Traditionen zu  nehmen hätte,  so stand  ihm ein  Weg offen,  den
       Feldzug ganz anders zu beendigen.
       Chrzanowski war  nach  Biella  und  Borgomanero  zurückgetrieben.
       Dort, wo  die Schweizeralpen  jeden weitern  Rückzug, wo die zwei
       oder drei  engen Flußtäler  jede Zerstreuung der Armee so gut wie
       unmöglich machen,  dort war es leicht, die Armee zu konzentrieren
       und durch einen kühnen Marsch Radetzkys Sieg fruchtlos zu machen.
       Wenn die Chefs der piemontesischen Armee revolutionären Mut besa-
       ßen, wenn  sie wußten,  daß in Turin eine revolutionäre, aufs äu-
       ßerste gefaßte  Regierung saß,  so war  ihre Handlungsweise  sehr
       einfach.
       Am Lago  Maggiore standen  nach der  Schlacht von Novara 30 [000]
       bis 40 000  Mann piemontesischer  Truppen. Dies  Korps,  in  zwei
       Tagen konzentriert,  konnte sich  in die Lombardei werfen, in der
       nicht 12 000  Mann Östreicher  stehn; es konnte Mailand, Brescia,
       Cremona besetzen,  den  allgemeinen  Aufstand  organisieren,  die
       einzelnen aus  dem Venetianischen  heranrückenden  östreichischen
       Korps einzeln  schlagen und damit Radetzkys ganze Operationsbasis
       in die Luft sprengen.
       Radetzky, statt  auf Turin  zu marschieren, hätte sofort umdrehen
       und in  die Lombardei  zurückkehren müssen, verfolgt von dem Mas-
       senaufgebot der  Piemontesen, das  natürlich die lombardische In-
       surrektion unterstützen mußte.
       Dieser  w i r k l i c h e   Nationalkrieg, ein Krieg, wie ihn die
       Lombarden im  März 1848 führten und womit sie Radetzky hinter den
       Oglio und  Mincio jagten,  dieser Krieg hätte ganz Italien in den
       Kampf gejagt  und den  Römern und  Toskanern ganz  andere Energie
       eingeflößt.
       Während Radetzky  noch zwischen  Po und Tessin stand und sich be-
       sann, ob er vorwärts oder rückwärts gehen solle, konnten die Pie-
       montesen und  Lombarden bis vor Venedig marschieren, Venedig ent-
       setzen, La  Marmora und  römische Truppen  an  sich  ziehen,  den
       östreichischen  Feldmarschall  durch  zahllose  Guerillasschwärme
       beunruhigen und  schwächen, seine  Truppen zersplittern  und  ihn
       endlich schlagen.  Die Lombardei  wartete nur des Einmarsches der
       Piemontesen; sie  erhob sich  schon, ohne ihn abzuwarten. Nur die
       östreichischen Zitadellen  hielten die  lombardischen  Städte  im
       Zaum. Zehntausend  Mann Piemontesen waren schon in der Lombardei;
       wären noch 20[000]-30000 hineinmarschiert, so war Radetzkys Rück-
       zug unmöglich.
       Aber der  Aufstand in Masse, die allgemeine Insurrektion des Vol-
       kes, das  sind Mittel,  vor deren  Anwendung das Königtum zurück-
       schreckt. Das  sind Mittel,  die nur die Republik anwendet - 1793
       liefert den Beweis dafür. Das
       
       #389# Die Niederlage der Piemontesen
       -----
       sind Mittel,  deren  A u s f ü h r u n g  den  r e v o l u t i o-
       n ä r e n  T e r r o r i s m u s  voraussetzt, und wo ist ein Mo-
       narch gewesen, der sich dazu entschließen konnte?
       Was die Italiener also ruiniert hat, das ist nicht die Niederlage
       von Novara  und Vigevano,  das ist  die Feigheit und Mäßigung, in
       die die Monarchie sie hineinzwängt. Die verlorne Schlacht von No-
       vara brachte  bloß einen   s t r a t e  g i s c h e n   Nachteil:
       Sie waren  von Turin abgeschnitten, während den Österreichern der
       Weg dahin  offen stand.  Dieser Nachteil war gänzlich bedeutungs-
       los, wenn  der verlorenen  Schlacht der   w i r k l i c h e  R e-
       v o l u t i o n s k r i e g   auf dem  Fuße folgte, wenn der Rest
       der italienischen  Armee sich  sogleich zum  Kern der  nationalen
       Massenerhebung erklärte,  wenn der  honette  strategische    A r-
       m e e krieg   in einen   V o l k s krieg   umgewandelt wurde, wie
       die Franzosen ihn 1793 führten.
       Aber freilich! Revolutionskrieg, Massenerhebung und Terrorismus -
       dazu wird  die Monarchie  sich nie  verstehen. Eher  schließt sie
       Frieden mit  ihrem bittersten,  ebenbürtigen Feind,  ehe sie sich
       mit dem Volk verbündet.
       Karl Albert  mag Verräter  sein oder nicht - die  K r o n e  Karl
       Alberts, die   M o n a r c h i e   allein hätte hingereicht, Ita-
       lien zu ruinieren.
       Aber Karl  Albert ist  Verräter. Durch alle französischen Blätter
       geht die Nachricht von dem großen europäischen Kontrerevolutions-
       komplott zwischen  sämtlichen Großmächten,  von dem  Feldzugsplan
       der Kontrerevolution  zur schließlichen Unterdrückung aller euro-
       päischen Völker.  Rußland und  England, Preußen  und  Österreich,
       Frankreich und  Sardinien haben  diese neue Heilige Allianz [167]
       unterzeichnet.
       Karl Albert hatte den Befehl, mit Östreich Krieg anzufangen, sich
       schlagen zu lassen und dadurch den Östreichern Gelegenheit zu ge-
       ben, in Piémont, in Florenz, in Rom die "Ruhe" wiederherzustellen
       und überall standrechtliche Konstitutionen oktroyieren zu lassen.
       Dafür bekam  Karl Albert  Parma und  Piacenza, die Russen pazifi-
       zierten Ungarn;  Frankreich sollte  Kaiserreich werden, und damit
       war die  Ruhe Europas  hergestellt. Das  ist, nach  französischen
       Blättern, der  große Plan  der Kontrerevolution;  und dieser Plan
       erklärt Ramorinos  Verrat und  erklärt die Niederlage der Italie-
       ner.
       Die Monarchie  aber hat durch den Sieg Radetzkys einen neuen Stoß
       erhalten. Die Schlacht bei Novara und die darauf folgende Lähmung
       der Piemontesen beweist, daß ein Volk in den äußersten Fällen, wo
       es seiner  ganzen Kraftanstrengung  bedarf, um  sich  zu  retten,
       durch nichts  mehr gehemmt  wird, als  durch die  Monarchie. Wenn
       Italien nicht  an der  Monarchie zugrunde  gehen soll, so muß vor
       allem die Monarchie in Italien, zugrunde gehen.
       
       #390# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 263 vom 4. April 1849]
       * Jetzt  endlich liegen  die Ereignisse des piemontesischen Feld-
       zugs bis  zum Sieg der Österreicher bei Novara offen und deutlich
       vor uns.
       Während Radetzky absichtlich das falsche Gerücht verbreiten ließ,
       er werde sich auf der Defensive halten und gegen die Adda zurück-
       gehen, zog  er in der Stille seine sämtlichen Truppen um Sant An-
       gelo und  Pavia zusammen.  Er war  durch den Verrat der österrei-
       chisch-reaktionären Partei  in Turin  v o l l s t ä n d i g   von
       allen Plänen und Dispositionen Chrzanowskis, von der ganzen Stel-
       lung seiner  Armee unterrichtet,  wogegen es ihm gelang, die Pie-
       montesen über  die seinigen  vollständig zu  täuschen. Daher  die
       Aufstellung der  piemontesischen Armee  zu beiden  Seiten des Po,
       die nur darauf berechnet war, von allen Seilen zugleich mit einer
       konzentrischen Bewegung gegen Mailand und Lodi vorzudringen.
       Aber dennoch  war bei einem ernsthaften Widerstand im Zentrum der
       piemontesischen Armee  keineswegs an  die raschen Erfolge zu den-
       ken, die Radetzky jetzt errungen hat. Trat ihm das Korps Ramorino
       bei Pavia  in den Weg, so blieb Zeit genug, ihm den Übergang über
       den Tessin  zu bestreiten,  bis Verstärkungen herangezogen waren.
       Inzwischen konnten  die Divisionen,  die auf  dem rechten Po-Ufer
       und bei  Arona standen,  ebenfalls eintreffen; die piemontesische
       Armee, parallel dem Tessin aufgestellt, deckte Turin und war mehr
       als hinreichend,  die Armee  Radetzkys zu Paaren zu treiben. Dar-
       auf, daß  Ramorino seine  Schuldigkeit tun würde, mußte natürlich
       gerechnet werden.
       Er tat  sie nicht.  Er gestattete  Radetzky den Übergang über den
       Tessin, und  damit war  das piemontesische  Zentrum durchbrochen,
       waren die  jenseits des Po aufgestellten Divisionen isoliert. Da-
       mit war eigentlich der Feldzug schon entschieden.
       Radetzky stellte nun seine ganze 60 000 - 70 000 Mann mit 120 Ka-
       nonen starke  Macht zwischen  dem Tessin  und der  Agogna auf und
       nahm die  fünf den  Tessin entlang  aufgestellten piemontesischen
       Divisionen in  die Flanke. Die zunächst aufgestellten vier schlug
       er mit  seiner kolossalen Übermacht bei Mortara, Garlasco und Vi-
       gevano am  21. zurück,  nahm Mortara, zwang dadurch die Piemonte-
       sen, sich auf Novara zurückzuziehen, und bedrohte die einzige ih-
       nen noch  offne Straße  nach Turin,  die von Novara über Vercelli
       und Chivasso.
       Diese Straße  war aber  bereits für  die Piemontesen verloren. Um
       ihre Truppen  zusammenzuziehen und namentlich um die am äußersten
       linken Flügel um Arona aufgestellte Division Solaroli heranziehen
       zu können, mußten sie
       
       #391# Die Niederlage der Piemontesen
       -----
       Novara zum  Knotenpunkt ihrer  Operationen  machen,  während  sie
       sonst hinter der Sesia eine neue Aufstellung nehmen konnten.
       Von Turin  daher bereits  so gut  wie abgeschnitten,  blieb ihnen
       nichts, als  entweder eine  Schlacht bei  Novara anzunehmen  oder
       sich in  die Lombardei  zu werfen, den Volkskrieg zu organisieren
       und Turin  seinem Schicksal,  den Reserven und den Nationalgarden
       zu überlassen.  Radetzky würde in diesem Fall sich gehütet haben,
       weiter vorzudringen.
       Dieser Fall  setzt aber voraus, daß in Piemont selbst der  A u f-
       s t a n d   i n   M a s s e   vorbereitet war,  und das  war eben
       nicht der Fall. Die bürgerliche Nationalgarde war bewaffnet; aber
       die Masse  des Volks  war waffenlos,  so laut sie nach den Waffen
       verlangte, die in den Arsenalen lagen.
       Die Monarchie hatte es nicht gewagt, an dieselbe unwiderstehliche
       Gewalt zu appellieren, welche Frankreich 1793 rettete.
       Die Piemontesen  mußten also die Schlacht von Novara annehmen, so
       ungünstig ihre Stellung und so groß die feindliche Übermacht auch
       war.
       40 000 Piemontesen  (zehn Brigaden) mit verhältnismäßig schwacher
       Artillerie standen  der ganzen  östreichischen Macht,  mindestens
       60 000 Mann mit 120 Kanonen, gegenüber.
       Die piemontesische Armee war zu beiden Seiten der Straße von Mor-
       tara unter den Mauern von Novara aufgestellt.
       Der linke  Flügel, unter Durando, zwei Brigaden, stützte sich auf
       eine ziemlich starke Stellung, La Bicocca.
       Das Zentrum, unter Bès, drei Brigaden, lehnte sich an ein Gehöft,
       La Cittadella.
       Der rechte  Flügel, unter  Perrone, zwei Brigaden, an das Plateau
       von Corte Nuove (Straße von Vercelli) angelehnt.
       Zwei Reserve-Korps,  das eine  von zwei Brigaden unter dem Herzog
       von Genua,  das nach dem linken, das zweite von einer Brigade und
       den Garden,  nach dem  rechten Flügel  zu aufgestellt,  unter dem
       Herzog von Savoyen, jetzigen König.
       Die Aufstellung  der Östreicher  ist nach  ihrem Bulletin weniger
       klar.
       Das zweite  östreichische Korps  unter d'Aspre  griff den  linken
       Flügel der  Piemontesen zuerst  an, während hinter ihm das dritte
       Korps unter  Appel, sowie  das Reserve- und das vierte Korps auf-
       marschierten. Es gelang den Östreichern, ihre Schlachtlinie voll-
       ständig zu  entfalten und  einen konzentrischen  Angriff auf alle
       Punkte der  piemontesischen Schlachtordnung  zugleich mit solcher
       Übermacht auszuführen,  daß dadurch die Piemontesen erdrückt wur-
       den.
       Der Schlüssel  der piemontesischen Stellung war die Bicocca; hat-
       ten die  östreicher sich  ihrer bemächtigt,  so wurde das Zentrum
       und der linke Flügel
       
       #392# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
       -----
       der Piemontesen zwischen die (nicht befestigte) Stadt und den Ka-
       nal eingeschlossen und konnten entweder zersprengt oder gezwungen
       werden, die Waffen niederzulegen.
       Auf den linken piemontesischen Flügel, dessen Hauptstütze die Bi-
       cocca war,  richtete sich daher auch der Hauptangriff. Hier wurde
       mit großer Heftigkeit, jedoch lange ohne Resultat gekämpft.
       Das  Zentrum   wurde  ebenfalls  sehr  lebhaft  angegriffen.  Die
       Cittadella wurde  mehrere Male verloren, und mehrere Male von Bès
       wiedergenommen.
       Als die  Östreicher sahen,  daß sie hier auf einen zu starken Wi-
       derstand stießen,  wendeten sie ihre Hauptstärke wieder gegen den
       piemontesischen linken  Flügel. Die  beiden piemontesischen Divi-
       sionen wurden auf die Bicocca zurückgeworfen und die Bicocca end-
       lich selbst  erstürmt. Der  Herzog von  Savoyen warf sich mit den
       Reserven auf die östreicher; umsonst. Die Übermacht der Kaiserli-
       chen war  zu groß,  die Position  war  verloren,  und  damit  die
       Schlacht entschieden.  Der einzige  Rückzug, der  den Piemontesen
       blieb, war der gegen die Alpen, nach Biella und Borgomanero.
       Und diese,  durch Verrat  vorbereitete und durch Übermacht gewon-
       nene Schlacht  nennt die  "Kölnische Zeitung",  die so lange nach
       einem Siege der Österreicher geschmachtet,
       
       "eine Schlacht,  die in  der Kriegsgeschichte    f ü r    a l l e
       Z e i t e n   g l ä n z e n   wird (!), da der Sieg, den der alte
       Radetzky davongetragen  hat, ein Resultat  s o  g e s c h i c k t
       k o m b i n i e r t e r    Bewegungen  und  so    w a h r h a f t
       g r o ß a r t i g e r   T a p f e r k e i t   ist, daß    s e i t
       d e n   T a g e n   d e s    g r o ß e n    S c h l a c h t e n -
       D ä m o n s   N a p o l e o n    n i c h t s    Ä h n l i c h e s
       v o r g e k o m m e n  i s t  (!!!)".
       
       Radetzky, oder vielmehr Heß, sein Generalstabschef, hat sein Kom-
       plott mit  Ramorino ganz  gut durchgeführt,  wir geben es zu. Daß
       allerdings seit  Grouchys Verrat  bei Waterloo eine so großartige
       Niederträchtigkeit wie  die Ramorinos nicht vorgekommen, ist auch
       wahr. Aber  nicht mit  dem "Schlachten-Dämon^!) Napoleon, sondern
       mit Wellington  gehört Radetzky  in dieselbe  Klasse : Ihre Siege
       kosteten beiden  von jeher  mehr  b a r e s  G e l d  als Tapfer-
       keit und Geschicklichkeit.
       Auf die  übrigen gestern  abend von der "Kölnischen] Z[ei]t[un]g"
       verbreiteten Lügen,  als seien die demokratischen Deputierten von
       Turin durchgebrannt,  als hätten  die Lombarden  sich wie "feiges
       Gesindel benommen" usw., gehen wir gar nicht ein. Die letzten Er-
       eignisse haben sie schon widerlegt. Diese Lügen konstatieren wei-
       ter nichts  als die  Freude der "Kölnischen Zeitung" darüber, daß
       das große  Östreich, und  noch mit  Hülfe des  Verrats, das  dazu
       kleine Piemont erdrückt hat.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

       zurück