Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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Die Niederlage der Piemontesen
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 260 vom 31. März 1849]
* Köln, 30. März. Der Verrat Ramorinos hat seine Früchte getra-
gen. Die piemontesische Armee ist bei Novara v o l l s t ä n-
d i g g e s c h l a g e n und nach Borgomanero, an den Fuß der
Alpen zurückgetrieben. Die Östreicher haben Novara, Vercelli und
Trino besetzt, und die Straße nach Turin steht ihnen offen.
Es fehlen bis jetzt alle näheren Angaben. Soviel aber steht fest,
daß ohne Ramorino, der den Östreichern erlaubte, sich zwischen
die verschiedenen piemontesischen Divisionen zu drängen und einen
Teil derselben zu isolieren, der Sieg unmöglich war.
Daß Karl Albert ebenfalls Verrat geübt hat, kann nicht bezweifelt
werden. Ob aber bloß durch Vermittelung Ramorinos oder auch sonst
noch, werden wir erst später erfahren.
Ramorino ist derselbe Abenteurer, der, nach einer mehr als zwei-
deutigen Laufbahn im polnischen Kriege von 1830/31 [233], auf
dem Savoyerzuge 1834 [365] an demselben Tage, wo die Sache einen
ernsthaften Charakter annahm, mit der ganzen Kriegskasse ver-
schwand, und der später in London dem Ex-Herzog von Braunschweig
für 1200 Pfd. Sterl. einen Plan zur Eroberung Deutschlands
machte.
Daß ein solcher Industrieller nur angestellt werden konnte, be-
weist, wie sehr Karl Albert, der die Republikaner von Genua und
Turin mehr fürchtet als die Östreicher, von vornherein schon auf
Verrat sann.
Daß man nach dieser Niederlage eine Revolution und die Proklamie-
rung der Republik in Turin erwartet, geht daraus hervor, daß man
ihr durch die Abdankung Karl Alberts zugunsten seines ältesten
Sohnes 1*) vorzubeugen versucht.
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1*) Viktor Emanuel II
#386# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Die Niederlage der Piemontesen ist wichtiger als alle deutschen
Kaiserpossen zusammen. Sie ist die Niederlage der gesamten ita-
lienischen Revolution. Nach der Besiegung Piemonts kommt die
Reihe an Rom und Florenz.
Aber wenn nicht alle Zeichen trügen, so wird gerade diese Nieder-
lage der italienischen Revolution das Signal sein zum Losbruch
der europäischen Revolution. Das französische Volk sieht in dem-
selben Verhältnis, als es im Innern des Landes von der eigenen
Kontrerevolution mehr und mehr geknechtet wird, die bewaffnete
Kontrerevolution des Auslandes seinen Grenzen näher rücken. Dem
Junisieg und der Diktatur Cavaignac in Paris entsprach der sieg-
reiche Marsch Radetzkys bis an den Mincio; der Präsidentschaft
Bonaparte, Barrot und dem Klubgesetz [240] entspricht der Sieg
bei Novara und der Marsch der Österreicher an die Alpen. Paris
ist reif zu einer neuen Revolution. Savoyen, das seit einem Jahr
seinen Abfall von Piemont und seinen Anschluß an Frankreich vor-
bereitet, das sich sträubte, am Kriege sich zu beteiligen, Sa-
voyen wird sich Frankreich in die Arme werfen wollen; Barrot und
Bonaparte müssen es zurückweisen. Genua, vielleicht Turin, wenn
es noch Zeit ist, werden die Republik proklamieren und
Frankreichs Hülfe anrufen; und Odilon Barrot wird ihnen gravitä-
tisch zur Antwort geben, er werde die Integrität des sardinischen
Gebiets zu schützen wissen.
Aber wenn das Ministerium es nicht wissen will, das Volk von
Paris weiß es, daß Frankreich die Östreicher in Turin und Genua
nicht dulden darf. Und das Volk von Paris wird sie dort nicht
dulden. Es wird auf die Italiener durch eine siegreiche Erhebung
antworten, und die französische Armee, die einzige in Europa, die
seit dem 24. Februar [230] nicht auf offenem Schlachtfelde stand,
wird sich ihm anschließen.
Die französische Armee brennt vor Begierde, die Alpen zu über-
schreiten und sich mit den Östreichern zu messen. Sie ist nicht
gewohnt, einer Revolution entgegenzutreten, die ihr neuen Ruhm
und neue Lorbeeren verheißt, die mit der Fahne des Kriegs gegen
die Koalition auftritt. Die französische Armee ist nicht "Mein
herrliches Kriegsheer" [196].
Die Niederlage der Italiener ist bitter. Kein Volk, außer den Po-
len, ist so schmählich von der Gewalt übermächtiger Nachbarn er-
drückt worden, keins hat so oft und so mutig versucht, den Druck
abzuschütteln. Und jedesmal muß dies unglückliche Volk seinen Un-
terdrückern wieder erliegen; das Ziel aller Anstrengungen, aller
Kämpfe ist nichts als neue Niederlagen! Aber wenn diese Nieder-
lage eine Revolution in Paris zur Folge hat und den europäischen
Krieg zum Ausbruch bringt, dessen Vorzeichen an allen Ecken und
Enden sich zeigen; wenn sie der Anstoß ist zu einer neuen Bewe-
gung über den ganzen
#387# Die Niederlage der Piemontesen
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Kontinent, einer Bewegung, die diesmal einen andern Charakter ha-
ben wird als die des vorigen Jahres - dann haben selbst die Ita-
liener Ursache, sich dazu Glück zu wünschen.
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 261 vom 1. April 1849, Zweite Aus-
gabe]
* Köln, 1. April. Nach den letzten Berichten, die aus Italien
eintreffen, ist die Niederlage der Piemontesen bei Novara keines-
wegs so entscheidend, wie die nach Paris gesandte telegraphische
Depesche berichtet hatte.
Die Piemontesen sind geschlagen, sie sind von Turin abgeschnitten
und ins Gebirge geworfen worden. Das ist alles.
Wäre Piemont eine Republik, wäre die Turiner Regierung revolutio-
när und hätte sie den Mut, zu revolutionären Mitteln zu greifen -
es wäre nichts verloren. Aber die italienische Unabhängigkeit
geht verloren - nicht an der Unbesiegbarkeit der östreichischen
Waffen, sondern an der Feigheit des piemontesischen Königtums.
Wodurch haben die Östreicher gesiegt? Dadurch, daß in der piemon-
tesischen Armee durch den Verrat Ramorinos zwei Divisionen von
den übrigen drei getrennt und diese drei isoliert durch die
östreichische Überzahl geschlagen wurden. Diese drei Divisionen
sind jetzt an den Fuß der Walliser Alpen zurückgedrängt.
Es war von vornherein ein enormer Fehler, daß die Piemontesen den
Östreichern bloß eine regelmäßige Armee entgegensetzen, daß sie
mit ihnen einen gewöhnlichen, bürgerlichen, honetten Krieg führen
wollten. Ein Volk, das sich seine Unabhängigkeit erobern will,
darf sich nicht auf die g e w ö h n l i c h e n Kriegsmittel
beschränken. Aufstand in Masse, Revolutionskrieg, Guerillas über-
all, das ist das einzige Mittel, wodurch ein kleines Volk mit ei-
nem großen fertig werden, wodurch eine minder starke Armee in den
Stand gesetzt werden kann, der stärkeren und besser organisierten
zu widerstehen.
Die Spanier haben es 1807-[18]12 bewiesen [366], die Ungarn be-
weisen es noch jetzt.
Chrzanowski war bei Novara geschlagen und von Turin abgeschnit-
ten; Radetzky stand 9 Meilen von Turin. In einer M o n a r-
c h i e, wie Piemont, selbst in einer konstitutionellen, war da-
mit der Feldzug entschieden; man kam um Frieden bei Radetzky ein.
Aber in einer Republik war damit g a r n i c h t s e n t-
s c h i e d e n. Hätte nicht die unvermeidliche Feigheit der
Monarchien, die nie den Mut hat, zu den äußersten revolutionären
Mitteln zu greifen, hätte nicht diese Feigheit davon zurückge-
halten, die Niederlage Chrzanowskis hätte ein Glück für Italien
werden können.
#388# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Wäre Piemont eine Republik, die keine Rücksicht auf monarchische
Traditionen zu nehmen hätte, so stand ihm ein Weg offen, den
Feldzug ganz anders zu beendigen.
Chrzanowski war nach Biella und Borgomanero zurückgetrieben.
Dort, wo die Schweizeralpen jeden weitern Rückzug, wo die zwei
oder drei engen Flußtäler jede Zerstreuung der Armee so gut wie
unmöglich machen, dort war es leicht, die Armee zu konzentrieren
und durch einen kühnen Marsch Radetzkys Sieg fruchtlos zu machen.
Wenn die Chefs der piemontesischen Armee revolutionären Mut besa-
ßen, wenn sie wußten, daß in Turin eine revolutionäre, aufs äu-
ßerste gefaßte Regierung saß, so war ihre Handlungsweise sehr
einfach.
Am Lago Maggiore standen nach der Schlacht von Novara 30 [000]
bis 40 000 Mann piemontesischer Truppen. Dies Korps, in zwei
Tagen konzentriert, konnte sich in die Lombardei werfen, in der
nicht 12 000 Mann Östreicher stehn; es konnte Mailand, Brescia,
Cremona besetzen, den allgemeinen Aufstand organisieren, die
einzelnen aus dem Venetianischen heranrückenden östreichischen
Korps einzeln schlagen und damit Radetzkys ganze Operationsbasis
in die Luft sprengen.
Radetzky, statt auf Turin zu marschieren, hätte sofort umdrehen
und in die Lombardei zurückkehren müssen, verfolgt von dem Mas-
senaufgebot der Piemontesen, das natürlich die lombardische In-
surrektion unterstützen mußte.
Dieser w i r k l i c h e Nationalkrieg, ein Krieg, wie ihn die
Lombarden im März 1848 führten und womit sie Radetzky hinter den
Oglio und Mincio jagten, dieser Krieg hätte ganz Italien in den
Kampf gejagt und den Römern und Toskanern ganz andere Energie
eingeflößt.
Während Radetzky noch zwischen Po und Tessin stand und sich be-
sann, ob er vorwärts oder rückwärts gehen solle, konnten die Pie-
montesen und Lombarden bis vor Venedig marschieren, Venedig ent-
setzen, La Marmora und römische Truppen an sich ziehen, den
östreichischen Feldmarschall durch zahllose Guerillasschwärme
beunruhigen und schwächen, seine Truppen zersplittern und ihn
endlich schlagen. Die Lombardei wartete nur des Einmarsches der
Piemontesen; sie erhob sich schon, ohne ihn abzuwarten. Nur die
östreichischen Zitadellen hielten die lombardischen Städte im
Zaum. Zehntausend Mann Piemontesen waren schon in der Lombardei;
wären noch 20[000]-30000 hineinmarschiert, so war Radetzkys Rück-
zug unmöglich.
Aber der Aufstand in Masse, die allgemeine Insurrektion des Vol-
kes, das sind Mittel, vor deren Anwendung das Königtum zurück-
schreckt. Das sind Mittel, die nur die Republik anwendet - 1793
liefert den Beweis dafür. Das
#389# Die Niederlage der Piemontesen
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sind Mittel, deren A u s f ü h r u n g den r e v o l u t i o-
n ä r e n T e r r o r i s m u s voraussetzt, und wo ist ein Mo-
narch gewesen, der sich dazu entschließen konnte?
Was die Italiener also ruiniert hat, das ist nicht die Niederlage
von Novara und Vigevano, das ist die Feigheit und Mäßigung, in
die die Monarchie sie hineinzwängt. Die verlorne Schlacht von No-
vara brachte bloß einen s t r a t e g i s c h e n Nachteil:
Sie waren von Turin abgeschnitten, während den Österreichern der
Weg dahin offen stand. Dieser Nachteil war gänzlich bedeutungs-
los, wenn der verlorenen Schlacht der w i r k l i c h e R e-
v o l u t i o n s k r i e g auf dem Fuße folgte, wenn der Rest
der italienischen Armee sich sogleich zum Kern der nationalen
Massenerhebung erklärte, wenn der honette strategische A r-
m e e krieg in einen V o l k s krieg umgewandelt wurde, wie
die Franzosen ihn 1793 führten.
Aber freilich! Revolutionskrieg, Massenerhebung und Terrorismus -
dazu wird die Monarchie sich nie verstehen. Eher schließt sie
Frieden mit ihrem bittersten, ebenbürtigen Feind, ehe sie sich
mit dem Volk verbündet.
Karl Albert mag Verräter sein oder nicht - die K r o n e Karl
Alberts, die M o n a r c h i e allein hätte hingereicht, Ita-
lien zu ruinieren.
Aber Karl Albert ist Verräter. Durch alle französischen Blätter
geht die Nachricht von dem großen europäischen Kontrerevolutions-
komplott zwischen sämtlichen Großmächten, von dem Feldzugsplan
der Kontrerevolution zur schließlichen Unterdrückung aller euro-
päischen Völker. Rußland und England, Preußen und Österreich,
Frankreich und Sardinien haben diese neue Heilige Allianz [167]
unterzeichnet.
Karl Albert hatte den Befehl, mit Östreich Krieg anzufangen, sich
schlagen zu lassen und dadurch den Östreichern Gelegenheit zu ge-
ben, in Piémont, in Florenz, in Rom die "Ruhe" wiederherzustellen
und überall standrechtliche Konstitutionen oktroyieren zu lassen.
Dafür bekam Karl Albert Parma und Piacenza, die Russen pazifi-
zierten Ungarn; Frankreich sollte Kaiserreich werden, und damit
war die Ruhe Europas hergestellt. Das ist, nach französischen
Blättern, der große Plan der Kontrerevolution; und dieser Plan
erklärt Ramorinos Verrat und erklärt die Niederlage der Italie-
ner.
Die Monarchie aber hat durch den Sieg Radetzkys einen neuen Stoß
erhalten. Die Schlacht bei Novara und die darauf folgende Lähmung
der Piemontesen beweist, daß ein Volk in den äußersten Fällen, wo
es seiner ganzen Kraftanstrengung bedarf, um sich zu retten,
durch nichts mehr gehemmt wird, als durch die Monarchie. Wenn
Italien nicht an der Monarchie zugrunde gehen soll, so muß vor
allem die Monarchie in Italien, zugrunde gehen.
#390# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 263 vom 4. April 1849]
* Jetzt endlich liegen die Ereignisse des piemontesischen Feld-
zugs bis zum Sieg der Österreicher bei Novara offen und deutlich
vor uns.
Während Radetzky absichtlich das falsche Gerücht verbreiten ließ,
er werde sich auf der Defensive halten und gegen die Adda zurück-
gehen, zog er in der Stille seine sämtlichen Truppen um Sant An-
gelo und Pavia zusammen. Er war durch den Verrat der österrei-
chisch-reaktionären Partei in Turin v o l l s t ä n d i g von
allen Plänen und Dispositionen Chrzanowskis, von der ganzen Stel-
lung seiner Armee unterrichtet, wogegen es ihm gelang, die Pie-
montesen über die seinigen vollständig zu täuschen. Daher die
Aufstellung der piemontesischen Armee zu beiden Seiten des Po,
die nur darauf berechnet war, von allen Seilen zugleich mit einer
konzentrischen Bewegung gegen Mailand und Lodi vorzudringen.
Aber dennoch war bei einem ernsthaften Widerstand im Zentrum der
piemontesischen Armee keineswegs an die raschen Erfolge zu den-
ken, die Radetzky jetzt errungen hat. Trat ihm das Korps Ramorino
bei Pavia in den Weg, so blieb Zeit genug, ihm den Übergang über
den Tessin zu bestreiten, bis Verstärkungen herangezogen waren.
Inzwischen konnten die Divisionen, die auf dem rechten Po-Ufer
und bei Arona standen, ebenfalls eintreffen; die piemontesische
Armee, parallel dem Tessin aufgestellt, deckte Turin und war mehr
als hinreichend, die Armee Radetzkys zu Paaren zu treiben. Dar-
auf, daß Ramorino seine Schuldigkeit tun würde, mußte natürlich
gerechnet werden.
Er tat sie nicht. Er gestattete Radetzky den Übergang über den
Tessin, und damit war das piemontesische Zentrum durchbrochen,
waren die jenseits des Po aufgestellten Divisionen isoliert. Da-
mit war eigentlich der Feldzug schon entschieden.
Radetzky stellte nun seine ganze 60 000 - 70 000 Mann mit 120 Ka-
nonen starke Macht zwischen dem Tessin und der Agogna auf und
nahm die fünf den Tessin entlang aufgestellten piemontesischen
Divisionen in die Flanke. Die zunächst aufgestellten vier schlug
er mit seiner kolossalen Übermacht bei Mortara, Garlasco und Vi-
gevano am 21. zurück, nahm Mortara, zwang dadurch die Piemonte-
sen, sich auf Novara zurückzuziehen, und bedrohte die einzige ih-
nen noch offne Straße nach Turin, die von Novara über Vercelli
und Chivasso.
Diese Straße war aber bereits für die Piemontesen verloren. Um
ihre Truppen zusammenzuziehen und namentlich um die am äußersten
linken Flügel um Arona aufgestellte Division Solaroli heranziehen
zu können, mußten sie
#391# Die Niederlage der Piemontesen
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Novara zum Knotenpunkt ihrer Operationen machen, während sie
sonst hinter der Sesia eine neue Aufstellung nehmen konnten.
Von Turin daher bereits so gut wie abgeschnitten, blieb ihnen
nichts, als entweder eine Schlacht bei Novara anzunehmen oder
sich in die Lombardei zu werfen, den Volkskrieg zu organisieren
und Turin seinem Schicksal, den Reserven und den Nationalgarden
zu überlassen. Radetzky würde in diesem Fall sich gehütet haben,
weiter vorzudringen.
Dieser Fall setzt aber voraus, daß in Piemont selbst der A u f-
s t a n d i n M a s s e vorbereitet war, und das war eben
nicht der Fall. Die bürgerliche Nationalgarde war bewaffnet; aber
die Masse des Volks war waffenlos, so laut sie nach den Waffen
verlangte, die in den Arsenalen lagen.
Die Monarchie hatte es nicht gewagt, an dieselbe unwiderstehliche
Gewalt zu appellieren, welche Frankreich 1793 rettete.
Die Piemontesen mußten also die Schlacht von Novara annehmen, so
ungünstig ihre Stellung und so groß die feindliche Übermacht auch
war.
40 000 Piemontesen (zehn Brigaden) mit verhältnismäßig schwacher
Artillerie standen der ganzen östreichischen Macht, mindestens
60 000 Mann mit 120 Kanonen, gegenüber.
Die piemontesische Armee war zu beiden Seiten der Straße von Mor-
tara unter den Mauern von Novara aufgestellt.
Der linke Flügel, unter Durando, zwei Brigaden, stützte sich auf
eine ziemlich starke Stellung, La Bicocca.
Das Zentrum, unter Bès, drei Brigaden, lehnte sich an ein Gehöft,
La Cittadella.
Der rechte Flügel, unter Perrone, zwei Brigaden, an das Plateau
von Corte Nuove (Straße von Vercelli) angelehnt.
Zwei Reserve-Korps, das eine von zwei Brigaden unter dem Herzog
von Genua, das nach dem linken, das zweite von einer Brigade und
den Garden, nach dem rechten Flügel zu aufgestellt, unter dem
Herzog von Savoyen, jetzigen König.
Die Aufstellung der Östreicher ist nach ihrem Bulletin weniger
klar.
Das zweite östreichische Korps unter d'Aspre griff den linken
Flügel der Piemontesen zuerst an, während hinter ihm das dritte
Korps unter Appel, sowie das Reserve- und das vierte Korps auf-
marschierten. Es gelang den Östreichern, ihre Schlachtlinie voll-
ständig zu entfalten und einen konzentrischen Angriff auf alle
Punkte der piemontesischen Schlachtordnung zugleich mit solcher
Übermacht auszuführen, daß dadurch die Piemontesen erdrückt wur-
den.
Der Schlüssel der piemontesischen Stellung war die Bicocca; hat-
ten die östreicher sich ihrer bemächtigt, so wurde das Zentrum
und der linke Flügel
#392# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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der Piemontesen zwischen die (nicht befestigte) Stadt und den Ka-
nal eingeschlossen und konnten entweder zersprengt oder gezwungen
werden, die Waffen niederzulegen.
Auf den linken piemontesischen Flügel, dessen Hauptstütze die Bi-
cocca war, richtete sich daher auch der Hauptangriff. Hier wurde
mit großer Heftigkeit, jedoch lange ohne Resultat gekämpft.
Das Zentrum wurde ebenfalls sehr lebhaft angegriffen. Die
Cittadella wurde mehrere Male verloren, und mehrere Male von Bès
wiedergenommen.
Als die Östreicher sahen, daß sie hier auf einen zu starken Wi-
derstand stießen, wendeten sie ihre Hauptstärke wieder gegen den
piemontesischen linken Flügel. Die beiden piemontesischen Divi-
sionen wurden auf die Bicocca zurückgeworfen und die Bicocca end-
lich selbst erstürmt. Der Herzog von Savoyen warf sich mit den
Reserven auf die östreicher; umsonst. Die Übermacht der Kaiserli-
chen war zu groß, die Position war verloren, und damit die
Schlacht entschieden. Der einzige Rückzug, der den Piemontesen
blieb, war der gegen die Alpen, nach Biella und Borgomanero.
Und diese, durch Verrat vorbereitete und durch Übermacht gewon-
nene Schlacht nennt die "Kölnische Zeitung", die so lange nach
einem Siege der Österreicher geschmachtet,
"eine Schlacht, die in der Kriegsgeschichte f ü r a l l e
Z e i t e n g l ä n z e n wird (!), da der Sieg, den der alte
Radetzky davongetragen hat, ein Resultat s o g e s c h i c k t
k o m b i n i e r t e r Bewegungen und so w a h r h a f t
g r o ß a r t i g e r T a p f e r k e i t ist, daß s e i t
d e n T a g e n d e s g r o ß e n S c h l a c h t e n -
D ä m o n s N a p o l e o n n i c h t s Ä h n l i c h e s
v o r g e k o m m e n i s t (!!!)".
Radetzky, oder vielmehr Heß, sein Generalstabschef, hat sein Kom-
plott mit Ramorino ganz gut durchgeführt, wir geben es zu. Daß
allerdings seit Grouchys Verrat bei Waterloo eine so großartige
Niederträchtigkeit wie die Ramorinos nicht vorgekommen, ist auch
wahr. Aber nicht mit dem "Schlachten-Dämon^!) Napoleon, sondern
mit Wellington gehört Radetzky in dieselbe Klasse : Ihre Siege
kosteten beiden von jeher mehr b a r e s G e l d als Tapfer-
keit und Geschicklichkeit.
Auf die übrigen gestern abend von der "Kölnischen] Z[ei]t[un]g"
verbreiteten Lügen, als seien die demokratischen Deputierten von
Turin durchgebrannt, als hätten die Lombarden sich wie "feiges
Gesindel benommen" usw., gehen wir gar nicht ein. Die letzten Er-
eignisse haben sie schon widerlegt. Diese Lügen konstatieren wei-
ter nichts als die Freude der "Kölnischen Zeitung" darüber, daß
das große Östreich, und noch mit Hülfe des Verrats, das dazu
kleine Piemont erdrückt hat.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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