Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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Lohnarbeit und Kapital [372]
1*) Von verschiednen Seiten warf man uns vor, daß wir nicht die
ö k o n o m i s c h e n V e r h ä l t n i s s e dargestellt ha-
ben, welche die materielle Grundlage der jetzigen Klassenkämpfe
und Nationalkämpfe bilden. Wir haben planmäßig diese Verhältnisse
nur da berührt, wo sie sich in politischen Kollisionen unmit-
telbar aufdrängen 2*).
Es galt vor allem den Klassenkampf in der Tagesgeschichte zu ver-
folgen und an dem vorhandnen und täglich neugeschaffnen ge-
schichtlichen Stoff empirisch nachzuweisen, daß mit der Unter-
jochung der Arbeiterklasse, welche Februar und März [373] gemacht
hatte, gleichzeitig ihre Gegner besiegt wurden - die Bourgeoisre-
publikaner in Frankreich, die den feudalen Absolutismus bekämp-
fenden Bürger- und Bauernklassen auf dem gesamten europäischen
Kontinent; daß der Sieg der "honetten Republik" in Frankreich
gleichzeitig der Fall der Nationen war, die auf die Februarrevo-
lution mit heroischen Unabhängigkeitskriegen geantwortet hatten;
daß endlich Europa mit der Besiegung der revolutionären Arbeiter
in seine alte Doppelsklaverei zurückfiel, in die e n g-
l i s c h - r u s s i s c h e Sklaverei. Der Junikampf zu Paris,
der Fall Wiens, die Tragikomödie des Berliner November 1848 3*),
die verzweifelten Anstrengungen Polens, Italiens und Ungarns,
Irlands Aushungerung - das waren die Hauptmomente, in denen sich
der europäische Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Arbeiter-
klasse zusammenfaßte, an denen wir nachwiesen, daß jede revo-
lutionäre Erhebung, mag ihr Ziel noch so fernliegend dem Klassen-
kampf scheinen, scheitern muß, bis die revolutionäre Arbeiter-
klasse siegt, daß jede soziale Reform eine Utopie bleibt, bis die
proletarische Revolution und die feudalistische Kontrerevolution
sich
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1*) (N. Rh. Z.) vorangestellt: * Köln, 4. April. - 2*) (N. Rh.
Z.) aufdrangen - 3*) (N. Rh. Z.) fehlt: 1848
#398# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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in einem W e l t k r i e g mit den Waffen messen. In unsrer
Darstellung, wie in der Wirklichkeit, waren B e l g i e n und
die S c h w e i z tragikomische karikaturmäßige Genrebilder in
dem großen historischen Tableau, das eine der Musterstaat der
bürgerlichen Monarchie, das andre der Musterstaat der bürgerli-
chen Republik, beides Staaten, die sich einbilden, ebenso unab-
hängig von dem Klassenkampf zu sein wie von der europäischen Re-
volution.
Jetzt, nachdem unsre Leser den Klassenkampf im Jahre 1848 in
kolossalen politischen Formen sich entwickeln sahen, ist es an
der Zeit, näher einzugehn auf die ökonomischen Verhältnisse
selbst, worauf die Existenz der Bourgeoisie und ihre Klassenherr-
schaft ebenso 1*) sich gründet wie die Sklaverei der Arbeiter.
Wir werden in drei großen Abteilungen darstellen: 1. das Verhält-
nis der L o h n a r b e i t z u m K a p i t a l, die Sklave-
rei des Arbeiters, die Herrschaft des Kapitalisten, 2. d e n
u n v e r m e i d l i c h e n U n t e r g a n g d e r m i t t-
l e r e n B ü r g e r k l a s s e n u n d d e s s o g e-
n a n n t e n B ü r g e r s t a n d e s 2*) u n t e r d e m
j e t z i g e n S y s t e m, 3. d i e k o m m e r z i e l l e
U n t e r j o c h u n g u n d A u s b e u t u n g d e r
B o u r g e o i s k l a s s e n d e r v e r s c h i e d n e n
e u r o p ä i s c h e n N a t i o n e n durch den Despoten des
Weltmarkts - E n g l a n d.
Wir werden möglichst einfach und populär darzustellen suchen und
selbst die elementarischsten Begriffe der politischen Ökonomie
nicht voraussetzen. Wir wollen den Arbeitern verständlich sein.
Und zudem herrscht in Deutschland die merkwürdigste Unwissenheit
und Begriffsverwirrung über die einfachsten ökonomischen
Verhältnisse, von den patentierten Verteidigern der bestehenden
Zustände bis hinab zu den s o z i a l i s t i s c h e n W u n-
d e r s c h ä f e r n und den v e r k a n n t e n p o l i t i-
s c h e n Genies, an denen das zersplitterte Deutschland noch
reicher ist als an Landesvätern.
Zunächst also zur ersten Frage:
Was ist der Arbeitslohn?
Wie wird er bestimmt?
Wenn man Arbeiter fragte: Wie hoch ist Ihr Arbeitslohn? so würden
sie antworten, dieser: "Ich erhalte 1 Mark 3*) für den Arbeitstag
von meinem Bourgeois", jener: "Ich erhalte 2 Mark" usw. Nach den
verschiednen Arbeitszweigen, denen sie angehören, würden sie ver-
schiedne Geldsummen angeben, die sie für 4*) die Herstellung ei-
ner bestimmten Arbeit, z.B. für das Weben einer Elle Leinwand
oder für das Setzen eines Druckbogens, von ihrem jedesmaligen
Bourgeois erhalten. Trotz der Verschiedenheit ihrer Angaben wer-
den sie alle in dem 5*) Punkte übereinstimmen: Der Arbeitslohn
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1*) (N. Rh. Z.) fehlt: ebenso - 2*) (N. Rh. Z.) und des Bauern-
standes - 3*) (N. Rh. Z.) hier und im folgenden: Franc - 4*) (N.
Rh. Z.) eingefügt: eine bestimmte Arbeitszeit oder für - 5*) (N.
Rh. Z.) eingefügt: einen
#399# Lohnarbeit und Kapital
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ist die Summe Geldes, die der Kapitalist 1*) für eine bestimmte
Arbeitszeit oder für eine bestimmte Arbeitslieferung zahlt.
Der Kapitalist, so scheint es, k a u f t 2*) also ihre Arbeit
mit Geld. Für Geld v e r k a u f e n sie ihm ihre Arbeit. Dies
ist aber bloß der Schein. Was sie in Wirklichkeit dem Kapitali-
sten für Geld verkaufen, ist ihre Arbeitskraft. Diese Arbeits-
kraft kauft der Kapitalist auf einen Tag, eine Woche, einen Monat
usw. Und nachdem er sie gekauft, verbraucht er sie, indem er die
Arbeiter während der stipulierten Zeit arbeitenläßt. 3*) Mit der-
selben Summe 4*), womit der Kapitalist 5*) ihre Arbeitskraft 6*)
gekauft hat, z.B. mit 2 Mark, hätte er 2 Pfund Zucker oder ir-
gendeine andre Ware zu einem bestimmten Belauf kaufen können. Die
2 Mark, womit er 2 Pfund Zucker kaufte, sind der Preis der 2
Pfund Zucker. Die 2 Mark, womit er zwölf Stunden Gebrauch der Ar-
beitskraft 7*) kaufte, sind der Preis der zwölfstündigen Arbeit.
Die Arbeitskraft 6*) ist also eine Ware, nicht mehr, nicht minder
als der Zucker. Die erste mißt man mit der Uhr, 8*) die andre mit
der Waage.
Ihre Ware, die Arbeitskraft 6*), tauschen die Arbeiter gegen die
Ware des Kapitalisten aus, gegen das Geld, und zwar geschieht
dieser Austausch in einem bestimmten Verhältnis. So viel Geld für
so langen 9*) Gebrauch der Arbeitskraft 7*). Für zwölfstündiges
Weben 2 Mark. Und die 2 Mark, stellen sie nicht alle andern Waren
vor, die ich für 2 Mark kaufen kann? In der Tat hat der Arbeiter
also seine Ware, die Arbeitskraft 6*), gegen 10*) Waren aller Art
ausgetauscht, und zwar in einem bestimmten Verhältnis. Indem der
Kapitalist ihm 2 Mark gab, hat er ihm so viel Fleisch, so viel
Kleidung, so viel Holz, Licht usw. im Austausch gegen seinen Ar-
beitstag gegeben. Die 2 Mark drücken also das Verhältnis aus,
worin die Arbeitskraft 6*) gegen andre Waren 11*) ausgetauscht
wird, den T a u s c h w e r t seiner Arbeitskraft 6*). Der
Tauschwert einer Ware, in G e l d abgeschätzt, heißt eben ihr
P r e i s. Der A r b e i t s l o h n ist also nur ein be-
sondrer Name für den Preis der Arbeitskraft 6*), den man gewöhn-
lich den P r e i s d e r A r b e i t nennt 12*), für den
Preis dieser eigentümlichen Ware, die keinen andern Behälter hat
als menschliches Fleisch und Blut.
Nehmen wir einen beliebigen Arbeiter, z.B. einen Weber. Der
Kapitalist 13*) liefert ihm den Webstuhl und das Garn. Der Weber
setzt sich ans Arbeiten, und aus dem Garn wird Leinwand. Der Ka-
pitalist 13*) bemächtigt
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1*) (N. Rh. Z.) Bourgeois - 2*) (N. Rh. Z.) Der Bourgeois kauft -
3*) (N. Rh. Z.) die vorstehenden vier Sätze fehlen - 4*) (N. Rh.
Z.) Geldsumme - 5*) (N. Rh. Z.) Bourgeois - 6*) (N. Rh. Z.) Ar-
beit - 7*) (N. Rh.Z.) statt Gebrauch der Arbeitskraft: Arbeit -
8*) (N. Rh. Z.) eingefügt: und - 9*) (N. Rh. Z.) viel - 10*) (N.
Rh. Z.) eingefügt: andere - 11*) (N. Rh. Z.) Ware - 12*) (N. Rh.
Z.) fehlt: den man gewöhnlich den Preis der Arbeit nennt -
13*) (N. Rh. Z.) Bourgeois
#400# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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sich der Leinwand und verkauft sie, zu 20 Mark z.B. Ist nun der
Arbeitslohn des Webers ein A n t e i l an der Leinwand, an den
20 Mark, an dem Produkt seiner Arbeit? Keineswegs. Lange bevor
die Leinwand verkauft ist, vielleicht lange bevor sie fertigge-
webt ist, hat der Weber seinen Arbeitslohn empfangen. Der Kapita-
list zahlt diesen Lohn also nicht mit dem Geld, das er aus der
Leinwand lösen wird, sondern mit vorrätigem Geld. Wie Webstuhl
und Garn nicht das Produkt des Webers sind, dem sie vom Bourgeois
geliefert sind 1*), sowenig sind es die Waren, die er im Aus-
tausch für seine Ware, die Arbeitskraft 2*), erhält. Es war mög-
lich, daß der Bourgeois gar keinen Käufer für seine Leinwand
fand. Es war möglich, daß er selbst den Arbeitslohn nicht aus ih-
rem Verkauf herausschlug. Es ist möglich, daß er sie im Verhält-
nis zum Webelohn sehr vorteilhaft verkauft. Alles das geht den
Weber nichts an. Der Kapitalist kauft mit einem Teil seines vor-
handnen Vermögens, seines Kapitals, die Arbeitskraft 2*) des We-
bers ganz so, wie er mit einem andern Teil seines Vermögens den
Rohstoff - das Garn - und das Arbeitsinstrument - den Webstuhl -
angekauft hat. Nachdem er diese Einkäufe gemacht, und unter diese
Einkäufe gehört die zur Produktion der Leinwand nötige Arbeits-
kraft 2*), produziert er nur noch m i t i h m z u g e h ö-
r i g e n R o h s t o f f e n u n d A r b e i t s i n s t r u-
m e n t e n. Zu letzteren gehört denn nun freilich auch unser
guter Weber, der an dem Produkt oder dem Preise des Produkts
sowenig einen Anteil hat wie der Webstuhl.
D e r A r b e i t s l o h n i s t a l s o n i c h t e i n
A n t e i l d e s A r b e i t e r s a n d e r v o n i h m
p r o d u z i e r t e n W a r e. D e r A r b e i t s l o h n
i s t d e r T e i l s c h o n v o r h a n d n e r W a r e,
w o m i t d e r K a p i t a l i s t e i n e b e s t i m m t e
S u m m e p r o d u k t i v e r A r b e i t s k r a f t 2*)
a n s i c h k a u f t.
Die Arbeitskraft 2*) ist also eine Ware, die ihr Besitzer, der
Lohnarbeiter, an das Kapital verkauft. Warum verkauft er sie? Um
zu leben.
Die Betätigung der Arbeitskraft, die 3*) Arbeit, ist aber die
eigne Lebenstätigkeit des Arbeiters, seine eigne Lebensäußerung.
Und diese L e b e n s t ä t i g k e i t verkauft er an einen
Dritten, um sich die nötigen Lebensmittel zu sichern. Seine Le-
benstätigkeit ist für ihn also nur ein Mittel, um existieren zu
können. Er arbeitet, um zu leben. Er rechnet die Arbeit nicht
selbst in sein Leben ein, sie ist vielmehr ein Opfer seines Le-
bens. Sie ist eine Ware, die er an einen Dritten zugeschlagen
hat. Das Produkt seiner Tätigkeit ist daher auch nicht der Zweck
seiner Tätigkeit. Was er für sich selbst produziert, ist nicht
die Seide, die er webt, nicht das Gold, das er aus dem Berg-
schacht zieht, nicht der Palast, den er baut. Was er für sich
selbst produziert, ist der A r b e i t s l o h n, und Seide,
Gold, Palast lösen sich für ihn auf in ein bestimmtes
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1*) (N. Rh. Z.) werden - 2*) (N. Rh. Z.) Arbeit - 3*) )N. Rh. Z.)
fehlt: Betätigung der Arbeitskraft, die
#401# Lohnarbeit und Kapital
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Quantum von Lebensmitteln, vielleicht in eine Baumwollenjacke, in
Kupfermünze und in eine Kellerwohnung. Und der Arbeiter, der
zwölf Stunden webt, spinnt, bohrt, dreht, baut, schaufelt, Steine
klopft, trägt usw. - gilt ihm dies zwölfstündige Weben, Spinnen,
Bohren, Drehen, Bauen, Schaufeln, Steinklopfen als Äußerung sei-
nes Lebens, als Leben? Umgekehrt. Das Leben fängt da für ihn an,
wo diese Tätigkeit aufhört, am Tisch, auf der Wirtshausbank, im
Bett. Die zwölfstündige Arbeit dagegen hat ihm keinen Sinn als
Weben, Spinnen, Bohren usw., sondern als V e r d i e n e n, das
ihn an den Tisch, auf die Wirtshausbank, ins Bett bringt. Wenn
der Seidenwurm spänne, um seine Existenz als Raupe zu fristen, so
wäre er ein vollständiger Lohnarbeiter. 1*) Die Arbeitskraft 2*)
war nicht immer eine W a r e. Die Arbeit war nicht immer Lohn-
arbeit, d.h. f r e i e A r b e i t. Der S k l a v e verkauf-
te seine Arbeitskraft 2*) nicht an die Sklavenbesitzer, sowenig
wie der Ochse seine Leistungen an den Bauer verkauft. Der Sklave
mitsamt seiner Arbeitskraft 2*) ist ein für allemal an seinen
Eigentümer verkauft. Er ist eine Ware, die von der Hand des einen
Eigentümers in die des andern übergehn kann. Er s e l b s t ist
eine Ware, aber die Arbeitskraft ist nicht s e i n e Ware. Der
L e i b e i g n e verkauft nur einen Teil seiner Arbeitskraft
3*). Nicht er erhält einen Lohn vom Eigentümer des Grund und Bo-
dens: der Eigentümer des Grund und Bodens erhält vielmehr von ihm
einen Tribut. 3*)
Der Leibeigne gehört zum Grund und Boden und wirft dem Herrn des
Grund und Bodens Früchte ab. Der f r e i e A r b e i t e r da-
gegen verkauft sich selbst, und zwar stückweis. Er versteigert 8,
10, 12, 15 Stunden seines Lebens, einen Tag wie den andern, an
den Meistbietenden, an den 4*) Besitzer der Rohstoffe, der Ar-
beitsinstrumente und Lebensmittel, d.h. an den 4*) Kapitalisten.
Der Arbeiter gehört weder einem Eigentümer noch dem Grund und Bo-
den an, aber 8, 10, 12, 15 Stunden seines täglichen Lebens gehö-
ren dem, der sie kauft. Der Arbeiter verläßt den Kapitalisten,
dem er sich vermietet, sooft er will, und der Kapitalist entläßt
ihn, sooft er es für gut findet, sobald er keinen Nutzen oder
nicht den beabsichtigten Nutzen mehr aus ihm zieht. Aber der Ar-
beiter, dessen einzige Erwerbsquelle der Verkauf der Arbeitskraft
2*) ist, kann nicht die g a n z e K l a s s e d e r K ä u-
f e r, d.h. die K a p i t a l i s t e n k l a s s e verlassen,
ohne auf seine Existenz zu verzichten. Er gehört nicht diesem
oder jenem Kapitalisten 5*), aber der Kapitalistenklasse 6*); und
es ist dabei seine Sache, sich an den Mann zu bringen, das heißt
in dieser Kapitalistenklasse 7*) einen Käufer zu finden.
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1*) (N. Rh. Z.) ein Absatz - 2*) (N. Rh.Z.) Arbeit - 3*) (N. Rh.
Z.) kein Absatz - 4*) (N. Rh. Z.) die - 5*) (N. Rh. Z.) Bourgeois
- 6*) (N. Rh. Z.) Bourgeoisie, der Bourgeoisklasse - 7*) (N. Rh.
Z.) Bourgeoisklasse
#402# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Bevor wir jetzt auf das Verhältnis zwischen Kapital und Lohnar-
beit näher eingehn, werden wir kurz die allgemeinsten Verhält-
nisse darstellen, die bei der Bestimmung des Arbeitslohns in Be-
tracht kommen.
Der A r b e i t s l o h n ist, wie wir gesehn haben, der
P r e i s einer bestimmten Ware, der Arbeitskraft 1*). Der Ar-
beitslohn wird also durch dieselben Gesetze bestimmt, die den
Preis jeder andern Ware bestimmen.
Es fragt sich also, w i e w i r d d e r P r e i s e i n e r
W a r e b e s t i m m t?
2*) Wodurch wird der Preis einer Ware bestimmt?
Durch die Konkurrenz zwischen Käufern und Verkäufern, durch das
Verhältnis der Nachfrage zur Zufuhr, des Begehrs zum Angebot 3*).
Die Konkurrenz, wodurch der Preis einer Ware bestimmt wird, ist
d r e i s e i t i g.
Dieselbe Ware wird von verschiednen Verkäufern angeboten. Wer Wa-
ren von derselben Güte am wohlfeilsten verkauft, ist sicher, die
übrigen Verkäufer aus dem Felde zu schlagen und sich den größten
Absatz zu sichern. Die Verkäufer machen sich also wechselseitig
den Absatz, den Markt streitig. Jeder von ihnen will verkaufen,
möglichst viel verkaufen, und womöglich allein verkaufen mit Aus-
schluß der übrigen Verkäufer. Der eine verkauft daher wohlfeiler
als der andre. Es findet also eine K o n k u r r e n z
u n t e r d e n V e r k ä u f e r n statt, die den Preis der
von ihnen angebotnen W a r e n h e r a b d r ü c k t.
Es findet aber auch eine K o n k u r r e n z u n t e r d e n
K ä u f e r n statt, die ihrerseits den Preis der angebotnen Wa-
ren s t e i g e n m a c h t.
Es findet endlich eine K o n k u r r e n z u n t e r d e n
K ä u f e r n u n d V e r k ä u f e r n s t a t t; die
e i n e n wollen möglichst wohlfeil kaufen, die a n d e r n
wollen möglichst teuer verkaufen. Das Resultat dieser Konkurrenz
zwischen Käufern und Verkäufern wird davon abhängen, wie sich die
beiden früher angegebnen Seiten der Konkurrenz verhalten, d.h. ob
die Konkurrenz in dem Heer der Käufer oder die Konkurrenz in dem
Heer der Verkäufer stärker ist. Die Industrie führt zwei Heeres-
massen gegeneinander ins Feld, wovon eine jede in ihren eignen
Reihen zwischen ihren eignen Truppen wieder eine Schlacht lie-
fert. Die Heeresmasse, unter deren Truppen die geringste Prügelei
stattfindet, trägt den Sieg über die entgegenstehende davon.
Nehmen wir an 4*), es befänden sich 100 Baumwollballen auf dem
Markt und gleichzeitig Käufer für 1000 Baumwollballen. In diesem
Falle ist also die Nachfrage zehnmal größer als die Zufuhr. Die
Konkurrenz unter den Käufern wird also sehr stark sein, jeder
derselben will einen, womöglich alle 100 Ballen an sich reißen.
Dies Beispiel ist keine 5*) willkürliche Unterstellung. Wir haben
in der Geschichte des Handels Perioden des Mißwachses
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1*) (N. Rh. Z.) Arbeit - 2*) (N. Rh. Z.) vorangestellt: * Köln,
5. April. - 3*) (N. Rh. Z.) umgestellt: des Angebots zum Begehr -
4*) (N. Rh. Z.) fehlt: an - 5*) (N. Rh. Z.) eine
#403# Lohnarbeit und Kapital
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der Baumwolle erlebt, wo einige miteinander verbündete Kapitali-
sten nicht 100 Ballen, sondern den ganzen Baumwollvorrat der Erde
an sich zu kaufen suchten. In dem angegebnen Falle wird also ein
Käufer den andern aus dem Felde zu schlagen suchen, indem er
einen verhältnismäßig höhern Preis für den Baumwollballen anbie-
tet. Die Baumwollverkäufer, welche die Truppen des feindlichen
Heeres im heftigsten Kampfe untereinander erblicken und des Ver-
kaufs ihrer sämtlichen 100 Ballen völlig gesichert sind, werden
sich hüten, untereinander sich in die Haare zu fallen, um die
Preise der Baumwolle herabzudrücken, in einem Augenblick, wo ihre
Gegner untereinander wetteifern, ihn in die Höhe zu schrauben. Es
ist also plötzlich Friede in das Heer der Verkäufer eingekehrt.
Sie stehn wie e i n Mann den Käufern gegenüber, kreuzen sich
philosophisch die Arme, und ihre Forderungen fänden keine Gren-
zen, fänden nicht die Anerbietungen selbst der zudringlichsten
Kauflustigen ihre sehr bestimmten Grenzen.
Ist also die Zufuhr einer Ware schwächer als die Nachfrage nach
dieser Ware, so findet nur eine geringe oder gar keine Konkurrenz
unter den Verkäufern statt. In demselben Verhältnis, wie diese
Konkurrenz abnimmt, wächst die Konkurrenz unter den Käufern. Re-
sultat: Mehr oder minder bedeutendes Steigen der Warenpreise.
Es ist bekannt, daß der umgekehrte Fall mit umgekehrtem Resultat
häufiger stattfindet. Bedeutender Überschuß der Zufuhr über die
Nachfrage: verzweifelte Konkurrenz unter den Verkäufern; Mangel
an Käufern: Losschlagen der Waren zu Spottpreisen.
Aber was heißt Steigen, Fallen der Preise, was heißt hoher Preis,
niedriger Preis? Ein Sandkorn ist hoch durch ein Mikroskop be-
trachtet, und ein Turm ist niedrig mit einem Berg verglichen. Und
wenn der Preis durch das Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr be-
stimmt wird, wodurch wird das Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr
bestimmt?
Wenden wir uns an den ersten besten Bürger. Er wird sich keinen
Augenblick besinnen und wie ein andrer Alexander der Große diesen
metaphysischen Knoten mit dem Einmaleins zerhauen. Wenn mich die
Herstellung der Ware, die ich verkaufe, 100 Mark gekostet hat,
wird er uns sagen, und ich aus dem Verkauf dieser Ware 110 Mark
löse, nach Jahresfrist versteht sich - so ist das ein bürgerli-
cher, ein honetter, ein gesetzter Gewinn. Erhalte ich aber im
Austausch 120, 130 Mark, so ist das ein hoher Gewinn; und löse
ich gar 200 Mark, so wäre das ein außerordentlicher, ein 1*)
enormer Gewinn. Was dient dem Bürger also als M a ß des Ge-
winns? Die
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1*) (N. Rh. Z.) fehlt: ein
#404# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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P r o d u k t i o n s k o s t e n seiner Ware. Erhält er im Aus-
tausch dieser Ware eine Summe von andern Waren zurück? deren Her-
stellung weniger gekostet hat, so hat er verloren. Erhält er im
Austausch gegen seine Ware eine Summe von andern Waren zurück,
deren Herstellung mehr gekostet hat, so hat er gewonnen. Und das
Fallen oder Steigen des Gewinns berechnet er nach den Graden,
worin der Tauschwert seiner Ware unter oder über Null - der 1*)
P r o d u k t i o n s k o s t e n - steht.
Wir haben nun gesehn, wie das wechselnde Verhältnis von Nachfrage
und Zufuhr bald Steigen, bald Fallen der Preise, bald hohe, bald
niedrige Preise hervorbringt. 2*) Steigt der Preis einer Ware be-
deutend durch mangelnde Zufuhr oder unverhältnismäßig wachsende
Nachfrage, so ist notwendig der Preis irgendeiner andern Ware
verhältnismäßig gefallen; denn der Preis einer Ware drückt ja nur
in Geld das Verhältnis aus, worin dritte Waren im Austausch für
sie gegeben werden. Steigt z.B. der Preis einer Elle Seidenzeug
von 5 Mark auf 6 Mark, so ist der Preis des Silbers im Verhältnis
zum Seidenzeug gefallen, und ebenso ist der Preis aller andern
Waren, die auf ihren alten Preisen stehngeblieben sind, im Ver-
hältnis zum Seidenzeug gefallen. Man muß eine größere Summe davon
im Austausch geben, um dieselbe Summe von Seidenwaren zu erhal-
ten. 2*) Was wird die Folge des steigenden Preises einer Ware
sein? Eine Masse von Kapitalien wird sich auf den blühenden Indu-
striezweig werfen, und diese Einwanderung der Kapitalien in das
Gebiet der bevorzugten Industrie wird so lange fortdauern, bis
sie die gewöhnlichen Gewinne abwirft oder vielmehr, bis der Preis
ihrer Produkte durch Überproduktion unter die Produktionskosten
herabsinkt.
Umgekehrt. Fällt der Preis einer Ware unter ihre Produktionsko-
sten, so werden sich die Kapitale von der Produktion dieser Ware
zurückziehen. Den Fall ausgenommen, wo ein Industriezweig nicht
mehr zeitgemäß ist, also untergehn muß, wird durch diese Flucht
der Kapitale die Produktion einer solchen Ware, d. h. ihre Zu-
fuhr, so lange abnehmen, bis sie der Nachfrage entspricht, also
ihr Preis wieder auf die Höhe ihrer Produktionskosten sich er-
hebt, oder vielmehr, bis die Zufuhr unter die Nachfrage herabge-
fallen ist, d.h. bis ihr Preis wieder über ihre Produktionskosten
steigt, denn der courante Preis 3*) einer Ware steht immer über
oder unter ihren Produktionskosten.
Wir sehn, wie die Kapitale beständig aus- und einwandern, aus dem
Gebiete der einen Industrie in das der andern. Der hohe Preis
bringt eine zu starke Einwanderung und der niedrige Preis eine zu
starke Auswanderung hervor.
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1*) (N. Rh. Z.) den - 2*) (N. Rh. Z.) ein Absatz - 3*) Marktpreis
#405# Arbeit und Kapital
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Wir könnten von einem andern Gesichtspunkt aus zeigen, wie nicht
nur die Zufuhr, sondern auch die Nachfrage durch die Produktions-
kosten bestimmt wird. Es würde uns dies aber zu weit von unserm
Gegenstande abführen.
Wir haben soeben gesehn, wie die Schwankungen der Zufuhr und
Nachfrage den Preis einer Ware immer wieder auf die Produktions-
kosten zurückführen. Z w a r d e r w i r k l i c h e
P r e i s e i n e r W a r e s t e h t s t e t s ü b e r
o d e r u n t e r d e n P r o d u k t i o n s k o s t e n;
a b e r d a s S t e i g e n u n d F a l l e n e r g ä n-
z e n s i c h w e c h s e l s e i t i g, so daß innerhalb ei-
nes bestimmten Zeitraums, Ebbe und Flut der Industrie zusammen-
gerechnet, die Waren ihren Produktionskosten entsprechend, gegen-
einander ausgetauscht werden, ihr Preis also durch ihre Produk-
tionskosten bestimmt wird.
Diese Preisbestimmung durch die Produktionskosten ist nicht im
Sinne der Ökonomen zu verstehn. Die Ökonomen sagen, daß der
D u r c h s c h n i t t s p r e i s der Waren gleich den Produk-
tionskosten ist; dies sei das G e s e t z. Die anarchische Be-
wegung, worin das Steigen durch das Fallen und das Fallen durch
das Steigen ausgeglichen wird, betrachten sie als Zufälligkeit.
Man könnte mit demselben Recht, wie dies auch von andern Ökonomen
geschehn ist, die Schwankungen als 1*) Gesetz und die Bestimmung
durch die Produktionskosten als Zufälligkeit betrachten. Aber nur
diese Schwankungen, die, näher betrachtet, die furchtbarsten Ver-
wüstungen mit sich führen und gleich Erdbeben die bürgerliche Ge-
sellschaft in ihren Grundfesten erzittern machen, nur diese
Schwankungen bestimmen in ihrem Verlauf den Preis durch die Pro-
duktionskosten. Die Gesamtbewegung dieser Unordnung ist ihre Ord-
nung. In dem Verlauf dieser industriellen Anarchie, in dieser
Kreisbewegung gleicht die Konkurrenz sozusagen die eine Extra-
vaganz durch die andre aus.
Wir sehn also: Der Preis einer Ware ist bestimmt durch ihre
Produktionskosten in der Weise, daß die Zeiten, worin der Preis
dieser Ware über die Produktionskosten steigt, durch die Zeiten
ausgeglichen werden, worin er unter die Produktionskosten herab-
sinkt, und umgekehrt. Es gilt dies natürlich nicht für ein ein-
zelnes gegebnes Industrieprodukt, sondern nur für den ganzen In-
dustriezweig. Es gilt also auch nicht für den einzelnen Industri-
ellen, sondern nur für die ganze Klasse der Industriellen.
Die Bestimmung des Preises durch die Produktionskosten ist -
gleich der Bestimmung des Preises durch die Arbeitszeit, die zur
Herstellung einer Ware erforderlich ist, denn die Produktionsko-
sten bestehen aus 1. Rohstoffen und Verschleiß von 2*) Instrumen-
ten, d.h. aus Industrieprodukten,
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1*) (N. Rh. Z.) als das - 2*) (N. Rh. Z.) fehlt: Verschleiß von
#406# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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deren Herstellung eine gewisse Summe von Arbeitstagen gekostet
hat, die also eine gewisse 1*) Summe von Arbeitszeit darstellen,
und 2. aus unmittelbarer Arbeit, deren Maß eben die Zeit ist.
Dieselben allgemeinen Gesetze nun, welche den Preis der Waren im
allgemeinen regeln, regeln natürlich auch den A r b e i t s-
l o h n, den P r e i s d e r A r b e i t.
Der Lohn der Arbeit wird bald steigen, bald fallen, je nach dem
Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr, je nachdem sich die Konkur-
renz zwischen den Käufern der Arbeitskraft, den Kapitalisten, und
den Verkäufern der Arbeitskraft, den Arbeitern, gestaltet. Den
Schwankungen der Warenpreise im allgemeinen entsprechen die
Schwankungen des Arbeitslohns. I n n e r h a l b d i e s e r
S c h w a n k u n g e n a b e r w i r d d e r P r e i s
d e r A r b e i t b e s t i m m t s e i n d u r c h d i e
P r o d u k t i o n s k o s t e n, d u r c h d i e A r-
b e i t s z e i t, d i e e r f o r d e r l i c h i s t, u m
d i e s e W a r e, d i e A r b e i t s k r a f t 2*), h e r-
v o r z u b r i n g e n.
W e l c h e s s i n d n u n d i e P r o d u k t i o n s k o-
s t e n d e r A r b e i t s k r a f t 3*)?
E s s i n d d i e K o s t e n, d i e e r h e i s c h t
w e r d e n, t u n d e n A r b e i t e r a l s A r b e i-
t e r z u e r h a l t e n u n d u m i h n z u m A r b e i-
t e r a u s z u b i l d e n.
Je weniger Bildungszeit eine Arbeit daher erfordert, desto gerin-
ger sind die Produktionskosten des Arbeiters, um so niedriger ist
der Preis seiner Arbeit, sein Arbeitslohn. In den Industriezwei-
gen, wo fast gar keine Lernzeit erforderlich ist und die bloße
leibliche Existenz des Arbeiters genügt, beschränken sich die zu
seiner Herstellung erforderlichen Produktionskosten fast nur auf
die Waren, die erforderlich sind, um ihn am arbeitsfähigen 4*)
Leben zu erhalten. Der P r e i s s e i n e r A r b e i t wird
daher durch den P r e i s d e r n o t w e n d i g e n L e-
b e n s m i t t e l bestimmt sein.
Es kommt indes noch eine andre Rücksicht hinzu. Der Fabrikant,
der seine Produktionskosten und danach den Preis der Produkte be-
rechnet, bringt die Abnutzung der Arbeitsinstrumente in Anschlag.
Kostet ihm eine Maschine z.B. 1000 Mark und nutzt sich diese Ma-
schine in zehn Jahren ab, so schlägt er 100 Mark jährlich in den
Preis der Ware, um nach zehn Jahren die abgenutzte Maschine durch
eine neue ersetzen zu können. In derselben Weise müssen in den
Produktionskosten der einfachen Arbeitskraft 2*) die Fortpflan-
zungskosten eingerechnet werden, wodurch die Arbeiterrasse in-
stand gesetzt wird, sich zu vermehren und abgenutzte Arbeiter
durch neue zu ersetzen. Der Verschleiß des Arbeiters wird also in
derselben Weise in Rechnung gebracht wie der Verschleiß der Ma-
schine.
-----
1*) (N. Rh. Z.) bestimmte - 2*) (N. Rh. Z.) Arbeit- 3*) (N. Rh.
Z.) Arbeit selbst - 4*) (N. Rh. Z.) fehlt: arbeitsfähigen
#407# Lohnarbeit und Kapital
-----
Die Produktionskosten der einfachen Arbeitskraft 1*) belaufen
sich also auf die E x i s t e n z- u n d F o r t p f l a n-
z u n g s k o s t e n d e s A r b e i t e r s. Der Preis die-
ser Existenz- und Fortpflanzungskosten bildet den Arbeitslohn.
Der so bestimmte Arbeitslohn heißt das M i n i m u m d e s
A r b e i t s l o h n s. Dieses Minimum des Arbeitslohns gilt,
wie die Preisbestimmung der Waren durch die Produktionskosten
überhaupt, nicht für das e i n z e l n e I n d i v i d u u m,
sondern für die G a t t u n g. Einzelne Arbeiter, Millionen von
Arbeitern, erhalten nicht genug, um existieren und sich fort-
pflanzen zu können; aber der Arbeitslohn der ganzen Arbeiter-
klasse gleicht sich innerhalb seiner Schwankungen zu diesem
Minimum aus.
Jetzt, nachdem wir uns verständigt haben über die allgemeinsten
Gesetze, die den Arbeitslohn wie den Preis jeder anderen Ware re-
geln, können wir spezieller auf unsern Gegenstand eingehn.
2*) Das Kapital besteht aus Rohstoffen, Arbeitsinstrumenten und
Lebensmitteln aller Art, die verwandt werden, um neue Rohstoffe,
neue Arbeitsinstrumente und neue Lebensmittel zu erzeugen. Alle
diese seine Bestandteile sind Geschöpfe der Arbeit, Produkte der
Arbeit, a u f g e h ä u f t e A r b e i t. Aufgehäufte Arbeit,
die als Mittel zu neuer Produktion dient, ist Kapital.
So sagen die Ökonomen.
Was ist ein Negersklave? Ein Mensch von der schwarzen Rasse. Die
eine Erklärung ist die andre wert.
Ein Neger ist ein Neger. In bestimmten Verhältnissen wird er erst
zum Sklaven. Eine Baumwollspinnmaschine ist eine Maschine zum
Baumwollspinnen. Nur in bestimmten Verhältnissen wird sie zu
K a p i t a l. Aus diesen Verhältnissen herausgerissen, ist sie
so wenig Kapital, wie Gold an und für sich G e l d oder der
Zucker der Zuckerpreis ist.
In der Produktion wirken 3*) die Menschen nicht allein auf die
Natur, sondern auch aufeinander 4*). Sie produzieren nur, indem
sie auf eine bestimmte Weise zusammenwirken und ihre Tätigkeiten
gegeneinander austauschen. Um zu produzieren, treten sie in be-
stimmte Beziehungen und Verhältnisse zueinander, und nur inner-
halb dieser gesellschaftlichen Beziehungen und Verhältnisse fin-
det ihre Einwirkung auf die 5*) Natur, findet die Produktion
statt.
Je nach dem Charakter der Produktionsmittel werden natürlich
diese gesellschaftlichen Verhältnisse, worin die Produzenten zu-
einander treten, die Bedingungen, unter welchen sie ihre Tätig-
keiten austauschen und an dem Gesamtakt der Produktion teilneh-
men, verschieden sein. Mit der Erfindung eines neuen Kriegsin-
struments, des Feuergewehrs, änderte sich
-----
1*) (N. Rh. Z.) Arbeit - 2*) (N. Rh. Z.) vorangestellt: * Köln,
6. April. - 3*) (N. Rh. Z.) beziehen sich - 4*) (N. Rh. Z.)
fehlt: sondern auch aufeinander - 5*) (N. Rh. Z.) ihre Beziehung
zur
#408# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
-----
notwendig die ganze innere Organisation der Armee, verwandelten
sich die Verhältnisse, innerhalb deren Individuen eine Armee bil-
den und als Armee wirken können, änderte sich auch das Verhältnis
verschiedner Armeen zueinander.
Die gesellschaftlichen Verhältnisse, worin die Individuen produ-
zieren, d i e g e s e l l s c h a f t l i c h e n P r o d u k-
t i o n s v e r h ä l t n i s s e ä n d e r n s i c h a l s o,
v e r w a n d e l n s i c h m i t d e r V e r ä n d e r u n g
u n d E n t w i c k l u n g d e r m a t e r i e l l e n
P r o d u k t i o n s m i t t e l, d e r P r o d u k t i o n s-
k r ä f t e. D i e P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s-
s e i n i h r e r G e s a m t h e i t b i l d e n d a s,
w a s m a n d i e g e s e l l s c h a f t l i c h e n V e r-
h ä l t n i s s e, d i e G e s e l l s c h a f t n e n n t,
u n d z w a r e i n e G e s e l l s c h a f t a u f b e-
s t i m m t e r, g e s c h i c h t l i c h e r E n t w i c k-
l u n g s s t u f e, eine Gesellschaft mit eigentümlichem, un-
terscheidendem Charakter. Die a n t i k e Gesellschaft, die
f e u d a l e Gesellschaft, die b ü r g e r l i c h e Gesell-
schaft sind solche Gesamtheiten von Produktionsverhältnissen, de-
ren jede zugleich eine besondre Entwicklungsstufe in der
Geschichte der Menschheit bezeichnet.
Auch das K a p i t a l ist ein gesellschaftliches Produktions-
verhältnis. E s i s t e i n b ü r g e r l i c h e s P r o-
d u k t i o n s v e r h ä l t n i s, ein Produktionsverhältnis
der bürgerlichen Gesellschaft. Die Lebensmittel, die Ar-
beitsinstrumente, die Rohstoffe, woraus das Kapital besteht, sind
sie nicht unter gegebnen gesellschaftlichen Bedingungen, in be-
stimmten gesellschaftlichen Verhältnissen hervorgebracht und auf-
gehäuft worden? Werden sie nicht unter gegebnen gesell-
schaftlichen Bedingungen, in bestimmten gesellschaftlichen Ver-
hältnissen zu neuer Produktion verwandt? Und macht nicht eben
dieser bestimmte gesellschaftliche Charakter die zu neuer Produk-
tion dienenden Produkte z u K a p i t a l?
Das Kapital besteht nicht nur aus Lebensmitteln, Arbeitsinstru-
menten und Rohstoffen, nicht nur aus materiellen Produkten; es
besteht ebensosehr aus T a u s c h w e r t e n. Alle Produkte,
woraus es besteht, sind W a r e n. Das Kapital ist also nicht
nur eine Summe von materiellen Produkten, es ist eine Summe von
Waren, von Tauschwerten, v o n g e s e l l s c h a f t l i-
c h e n G r ö ß e n.
Das Kapital bleibt dasselbe, ob wir an die Stelle von Wolle Baum-
wolle, an die Stelle von Getreide Reis, an die Stelle von Eisen-
bahnen Dampfschiffe setzen, vorausgesetzt nur, daß die Baumwolle,
der Reis, die Dampfschiffe - der Leib des Kapitals - denselben
Tauschwert haben, denselben Preis wie die Wolle, das Getreide,
die Eisenbahnen, worin es sich vorher verkörperte. Der Körper des
Kapitals kann sich beständig verwandeln, ohne daß das Kapital die
geringste Veränderung erlitte.
Aber wenn jedes Kapital eine Summe von Waren, d.h. von Tauschwer-
ten ist, so ist noch nicht jede Summe von Waren, von Tauschwerten
Kapital.
#409# Lohnarbeit und Kapital
-----
Jede Summe von Tauschwerten ist ein Tauschwert. Jeder einzelne
Tauschwert ist eine Summe von Tauschwerten. Z.B. ein Haus, das
1000 Mark wert ist, ist ein Tauschwert von 1000 Mark. Ein Stück
Papier, das 1 Pfennig 1*) wert ist, ist eine Summe von Tauschwer-
ten von 100/100 Pfennigen. Produkte, die gegen andre austauschbar
sind, sind W a r e n. Das bestimmte Verhältnis, worin sie aus-
tauschbar sind, bildet ihren T a u s c h w e r t oder, in Geld
ausgedrückt, ihren P r e i s. Die Masse dieser Produkte kann an
ihrer Bestimmung, W a r e zu sein oder einen T a u s c h-
w e r t darzustellen oder einen bestimmten P r e i s zu haben,
nichts ändern. Ob ein Baum groß oder klein ist, er bleibt Baum.
Ob wir das Eisen in Loten oder in Zentnern gegen andre Produkte
austauschen, verändert dies seinen Charakter: Ware, Tauschwert zu
sein? Je nach der Masse ist es eine Ware von mehr oder minder
Wert, von höhrem oder niedrigrem Preise.
Wie nun wird eine Summe von Waren, von Tauschwerten zu Kapital?
Dadurch, daß sie als selbständige gesellschaftliche M a c h t,
d.h. als die Macht e i n e s T e i l s d e r G e s e l l-
s c h a f t sich erhält und vermehrt durch den A u st a u s c h
g e g e n d i e u n m i t t e l b a r e, l e b e n d i g e
A r b e i t s k r a f t 2*). Die Existenz einer Klasse, die
nichts besitzt als die Arbeitsfähigkeit, ist eine notwendige Vor-
aussetzung des Kapitals.
Die Herrschaft der aufgehäuften, vergangnen, vergegenständlichten
Arbeit über die unmittelbare, lebendige Arbeit macht die aufge-
häufte Arbeit erst zum Kapital.
Das Kapital besteht nicht darin, daß aufgehäufte Arbeit der le-
bendigen Arbeit als Mittel zu neuer Produktion dient. Es besteht
darin, daß die lebendige Arbeit der aufgehäuften Arbeit als Mit-
tel dient, ihren Tauschwert zu erhalten und zu vermehren.
Was geht vor in dem Austausch zwischen Kapitalist 3*) und Lohnar-
beiter 4*)?
Der Arbeiter erhält im Austausch gegen seine Arbeitskraft 5*)
Lebensmittel, aber der Kapitalist erhält im Austausch gegen seine
Lebensmittel Arbeit, die produktive Tätigkeit des Arbeiters, die
schöpferische Kraft, wodurch der Arbeiter nicht nur ersetzt, was
er verzehrt, sondern d e r a u f g e h ä u f t e n A r-
b e i t e i n e n g r ö ß e r n W e r t g i b t , a l s
s i e v o r h e r b e s a ß. Der Arbeiter empfängt einen Teil
der vorhandnen Lebensmittel vom Kapitalisten. Wozu dienen ihm
diese Lebensmittel? Zur unmittelbaren Konsumtion. Sobald ich aber
Lebensmittel konsumiere, gehen sie mir unwiederbringlich ver-
loren, es sei denn, daß ich die Zeit, während welcher mich diese
Mittel am
-----
1*) (N. Rh. Z.) hier und im folgenden: Centime - 2*) (N. Rh. Z.)
Arbeit - 3*) (N. Rh. Z.) Kapital - 4*) (N. Rh. Z.) Lohnarbeit -
5*) (N. Rh. Z.) Arbeit
#410# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
-----
Leben erhalten, benutze, um neue Lebensmittel zu produzieren, um
während des Verzehrens an die Stelle der in der Konsumtion unter-
gehenden Werte neue Werte durch meine Arbeit zu schaffen. Aber
eben diese reproduktive edle Kraft tritt der Arbeiter ja ab an
das Kapital im Austausch gegen empfangne Lebensmittel. Er hat sie
also für sich selbst verloren.
Nehmen wir ein Beispiel: Ein Pächter gibt seinem Taglöhner 5
Silbergroschen per Tag. Für die 5 Silbergroschen arbeitet dieser
auf dem Felde des Pächters den Tag hindurch und sichert ihm so
eine Einnahme von 10 Silbergroschen. Der Pächter erhält nicht nur
die Werte ersetzt, die er an den Taglöhner abzutreten hat; er
verdoppelt sie. Er hat also die 5 Silbergroschen, die er dem
Taglöhner gab, auf eine fruchtbare, produktive Weise angewandt,
konsumiert. Er hat für die 5 Silbergroschen eben die Arbeit und
Kraft des Taglöhners gekauft, welche Bodenprodukte von doppeltem
Wert erzeugt und aus 5 Silbergroschen 10 Silbergroschen macht.
Der Taglöhner dagegen erhält an der Stelle seiner Produktivkraft,
deren Wirkungen er eben dem Pächter abgetreten hat, 5 Silbergro-
schen, die er gegen Lebensmittel austauscht, welche Lebensmittel
er rascher oder langsamer konsumiert. Die 5 Silbergroschen sind
also auf eine doppelte Weise konsumiert worden, r e p r o-
d u k t i v für das Kapital, denn sie sind gegen eine Arbeits-
kraft ausgetauscht worden, die 10 Silbergroschen hervorbrachte,
u n p r o d u k t i v für den Arbeiter, denn sie sind gegen
Lebensmittel ausgetauscht worden, die für immer verschwunden sind
und deren Wert er nur wieder erhalten kann, indem er denselben
Tausch mit dem Pächter wiederholt. D a s K a p i t a l
s e t z t a l s o d i e L o h n a r b e i t, d i e L o h n-
a r b e i t s e t z t d a s K a p i t a l v o r a u s. S i e
b e d i n g e n s i c h w e c h s e l s e i t i g; s i e
b r i n g e n s i c h w e c h s e l s e i t i g h e r v o r.
Ein Arbeiter in einer Baumwollfabrik, produziert er nur Baumwoll-
stoffe? Nein, er produziert Kapital. Er produziert Werte, die von
neuem dazu dienen, seine Arbeit zu kommandieren und 1*) vermit-
telst derselben neue Werte zu schaffen.
Das Kapital kann sich nur vermehren, indem es sich gegen Arbeits-
kraft 2*) austauscht, indem es Lohnarbeit ins Leben ruft. Die Ar-
beitskraft des Lohnarbeiters 3*) kann sich nur gegen Kapital aus-
tauschen, indem sie das Kapital vermehrt, indem sie die Macht
verstärkt, deren Sklavin sie ist. V e r m e h r u n g d e s
K a p i t a l s i s t d a h e r V e r m e h r u n g d e s
P r o l e t a r i a t s, d. h. d e r A r b e i t e r k l a s-
s e 4*).
Das Interesse des Kapitalisten und des Arbeiters ist also d a s-
s e l b e, behaupten die Bourgeois und ihre Ökonomen. Und in der
Tat! Der Arbeiter
-----
1*) (N. Rh. Z.), um - 2*) (N. Rh. Z.) Arbeit - 3*) (N. Rh. Z.)
Die Lohnarbeit - 4*) (N. Rh. Z.) Arbeiterklassen
#411# Lohnarbeit und Kapital
-----
geht zugrunde, wenn ihn das Kapital nicht beschäftigt. Das Kapi-
tal geht zugrunde, wenn es die Arbeitskraft 1*) nicht ausbeutet,
und um sie auszubeuten, muß es sie kaufen. Je rascher sich das
zur Produktion bestimmte Kapital, das produktive Kapital, ver-
mehrt, je blühender daher die Industrie ist, je mehr sich die
Bourgeoisie bereichert, je besser das Geschäft geht, um so mehr
Arbeiter braucht der Kapitalist, um so teurer verkauft sich der
Arbeiter.
Die unerläßliche Bedingung für eine passable Lage des Arbeiters
i s t a l s o m ö g l i c h s t r a s c h e s W a c h s e n
d e s p r o d u k t i v e n K a p i t a l s.
Aber was ist Wachstum des produktiven Kapitals? Wachstum der
Macht der aufgehäuften Arbeit über die lebendige Arbeit. Wachstum
der Herrschaft der Bourgeoisie über die arbeitende Klasse. Wenn
die Lohnarbeit den sie beherrschenden fremden Reichtum, die ihr
feindselige Macht, das Kapital, produziert, strömen ihr Beschäf-
tigungs-, d.h. Lebensmittel von derselben zurück, unter der Be-
dingung, daß sie sich von neuem zu einem Teil des Kapitals macht,
zum Hebel, der von neuem dasselbe in eine beschleunigte Bewegung
des Anwachsens schleudert.
D i e I n t e r e s s e n d e s K a p i t a l s u n d d i e
I n t e r e s s e n d e r A r b e i t e r 1*) s i n d
d i e s e l b e n, h e i ß t n u r: K a p i t a l u n d
L o h n a r b e i t s i n d z w e i S e i t e n e i n e s
u n d d e s s e l b e n V e r h ä l t n i s s e s. D i e
e i n e b e d i n g t d i e a n d r e, w i e d e r W u-
c h e r e r u n d V e r s c h w e n d e r s i c h w e c h-
s e l s e i t i g b e d i n g e n.
Solange der Lohnarbeiter Lohnarbeiter ist, hängt sein Los vom Ka-
pital ab. Das ist die vielgerühmte Gemeinsamkeit des Interesses
von Arbeiter und Kapitalist.
2*) Wächst das Kapital, so wächst die Masse der Lohnarbeit, so
wächst die Anzahl der Lohnarbeiter, mit einem Wort: Die Herr-
schaft des Kapitals dehnt sich über eine größere Masse von Indi-
viduen aus. Und unterstellen wir den günstigsten Fall: Wenn das
produktive Kapital wächst, wächst die Nachfrage nach Arbeit. Es
steigt also der Preis der Arbeit, der Arbeitslohn.
Ein Haus mag groß oder klein sein, solange die es umgebenden Häu-
ser ebenfalls klein sind, befriedigt es alle gesellschaftlichen
Ansprüche an eine Wohnung. Erhebt sich aber neben dem kleinen
Haus ein Palast, und das kleine Haus schrumpft zur Hütte zusam-
men. Das kleine Haus beweist nun, daß sein Inhaber keine oder nur
die geringsten Ansprüche zu machen hat; und es mag im Laufe der
Zivilisation in die Höhe schießen noch so sehr, wenn der benach-
barte Palast in gleichem oder gar in höherem Maße in die Höhe
schießt, wird der Bewohner des verhältnismäßig kleinen Hauses
sich immer unbehaglicher, unbefriedigter, gedrückter in seinen
vier Pfählen finden.
-----
1*) (N. Rh. Z.) Arbeit - 2*) (N. Rh. Z.) vorangestellt: * Köln,
7. April
#412# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
-----
Ein merkliches Zunehmen des Arbeitslohns setzt ein rasches Wach-
sen 1*) des produktiven Kapitals voraus. Das rasche Wachsen des
produktiven Kapitals ruft ebenso rasches Wachstum des Reichtums,
des Luxus, der gesellschaftlichen Bedürfnisse und der gesell-
schaftlichen Genüsse hervor. Obgleich also die Genüsse des Arbei-
ters gestiegen sind, ist die gesellschaftliche Befriedigung, die
sie gewähren, gefallen im Vergleich mit den vermehrten Genüssen
des Kapitalisten, die dem Arbeiter unzugänglich sind, im Ver-
gleich mit dem Entwicklungsstand der Gesellschaft überhaupt. Un-
sre Bedürfnisse und Genüsse entspringen aus der Gesellschaft; wir
messen sie daher an der Gesellschaft; wir messen sie nicht an den
Gegenständen ihrer Befriedigung. Weil sie gesellschaftlicher Na-
tur sind, sind sie relativer Natur.
Der Arbeitslohn wird überhaupt nicht nur bestimmt durch die Masse
von Waren, die ich für ihn austauschen 2*) kann. Er enthält ver-
schiedne Beziehungen.
Was die Arbeiter zunächst für ihre Arbeitskraft 3*) erhalten, ist
eine bestimmte Summe Geldes. Ist der Arbeitslohn nur durch diesen
Geldpreis bestimmt?
Im 16. Jahrhundert vermehrte sich das in Europa zirkulierende
Gold und Silber infolge der Entdeckung von reicheren und leichter
zu bearbeitenden Bergwerken in 4*) Amerika. Der Wert des Goldes
und Silbers fiel daher im Verhältnis zu den übrigen Waren. Die
Arbeiter erhielten nach wie vor dieselbe Masse gemünzten Silbers
für ihre Arbeitskraft 3*). Der Geldpreis ihrer Arbeit blieb der-
selbe, und dennoch war ihr Arbeitslohn gefallen, denn im Aus-
tausch für dieselbe Quantität Silber erhielten sie eine geringre
Summe andrer Waren zurück. Es war dies einer der Umstände, die
das Wachstum des Kapitals, das Aufkommen der Bourgeoisie im 16.
5*) Jahrhundert förderten.
Nehmen wir einen andern Fall. Im Winter 1847 waren infolge einer
Mißernte die unentbehrlichsten Lebensmittel, Getreide, Fleisch,
Butter, Käse usw., bedeutend im Preise gestiegen. Gesetzt, die
Arbeiter hätten nach wie vor dieselbe Summe Geldes für ihre Ar-
beitskraft 3*) empfangen. War ihr Arbeitslohn nicht gefallen? Al-
lerdings. Für dasselbe Geld erhielten sie im Austausch weniger
Brot, Fleisch usw. Ihr Arbeitslohn war gefallen, nicht weil sich
der Wert des Silbers vermindert, sondern weil sich der Wert der
Lebensmittel vermehrt hatte.
-----
1*) (N. Rh. Z.) Wachstum - 2*) (N. Rh. Z.) eintauschen - 3*) (N.
Rh. Z.) Arbeit - 4*) (N. Rh. Z.) fehlt: reicheren und leichter zu
bearbeitenden Bergwerken in - 5*) (N. Rh. Z.) Druckfehler: 18.
#413# Lohnarbeit und Kapital
-----
Gesetzt endlich, der Geldpreis der Arbeit bleibe derselbe, wäh-
rend alle Agrikultur- und Manufakturwaren infolge von Anwendung
neuer Maschinen, günstiger Jahreszeit usw. im Preise gefallen wä-
ren. Für dasselbe Geld können die Arbeiter nun mehr Waren aller
Art kaufen. Ihr Arbeitslohn ist also gestiegen, eben weil der
Geldwert desselben sich nicht verändert hat.
Der Geldpreis der Arbeit, der nominelle Arbeitslohn, fällt also
nicht zusammen mit dem reellen Arbeitslohn, d.h. mit der Summe
von Waren, die wirklich im Austausch gegen den Arbeitslohn gege-
ben wird. Sprechen wir also vom Steigen oder Fallen des Arbeits-
lohns, so haben wir nicht nur den Geldpreis der Arbeit, den nomi-
nellen Arbeitslohn, im Auge zu halten.
Aber weder der nominelle Arbeitslohn, d.h. die Geldsumme, wofür
der Arbeiter sich an den Kapitalisten verkauft, noch der reelle
Arbeitslohn, d. h. die Summe Waren, die er für dies Geld kaufen
kann, erschöpfen die im Arbeitslohn enthaltnen Beziehungen.
Der Arbeitslohn ist vor allem noch bestimmt durch sein Verhältnis
zum Gewinn, zum Profit des Kapitalisten - verhältnismäßiger, re-
lativer Arbeitslohn.
Der reelle Arbeitslohn drückt den Preis der Arbeit im Verhältnis
zum Preise der übrigen Waren aus, der relative Arbeitslohn dage-
gen den Anteil der unmittelbaren Arbeit an dem von ihr neu er-
zeugten Wert im Verhältnis des Anteils davon, der der aufgehäuf-
ten Arbeit, dem Kapital, zufällt. 1*)
Wir sagten oben, Seite 14 2*): "Der Arbeitslohn ist nicht ein
Anteil des Arbeiters an der von ihm produzierten Ware. Der Ar-
beitslohn ist der Teil schon vorhandner Waren, womit der Kapita-
list eine bestimmte Summe produktiver Arbeitskraft an sich
kauft." Aber diesen Arbeitslohn muß der Kapitalist wieder erset-
zen aus dem Preis, wozu er das vom Arbeiter erzeugte Produkt ver-
kauft; er muß ihn so ersetzen, daß ihm dabei in der Regel noch em
Überschuß über seine ausgelegten Produktionskosten, ein Profit,
übrigbleibt. Der Verkaufspreis der vom Arbeiter erzeugten Ware
teilt sich für den Kapitalisten in drei Teile: e r s t e n s
den Ersatz des Preises der von ihm vorgeschoßnen Rohstoffe nebst
dem Ersatz des Verschleißes der ebenfalls von ihm vorgeschoßnen
Werkzeuge, Maschinen und andren Arbeitsmittel; z w e i t e n s
in den Ersatz des von ihm vorgeschoßnen Arbeitslohns und
d r i t t e n s
-----
1*) (N. Rh. Z.) lautet der Absatz: Der reelle Arbeitslohn drückt
den Preis der Arbeit im Verhältnis zum Preise der übrigen Waren
aus, der relative Arbeitslohn dagegen den Preis der unmittelbaren
Arbeit im Verhältnis zum Preise der aufgehäuften Arbeit, den ver-
hältnismäßigen Wert von Lohnarbeit und Kapital, den wechselseiti-
gen Wert der Kapitalisten und Arbeiter. - 2*) siehe vorl. Band,
S. 400
#414# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
-----
in den Überschuß darüber, den Profit des Kapitalisten. Während
der erste Teil nur f r ü h e r v o r h a n d n e W e r t e
ersetzt, ist es klar, daß sowohl der Ersatz des Arbeitslohns wie
der Überschußprofit des Kapitalisten im ganzen und großen genom-
men werden aus dem d u r c h d i e A r b e i t d e s
A r b e i t e r s g e s c h a f f n e n und den Rohstoffen zu-
gesetzten N e u w e r t. Und i n d i e s e m S i n n können
wir sowohl Arbeitslohn wie Profit, um sie miteinander zu verglei-
chen, als Anteile am Produkt des Arbeiters auffassen. 1*)
Der reelle Arbeitslohn mag derselbe bleiben, er mag selbst stei-
gen, und der relative Arbeitslohn kann nichtsdestoweniger fallen.
Unterstellen wir z.B., alle Lebensmittel seien im Preise um 2/3
gesunken, während der Taglohn nur um 1/3 sinke, also z.B. von 3
Mark auf 2 Mark. Obgleich der Arbeiter mit diesen 2 Mark über
eine größre Summe von Waren verfügt als früher mit 3 Mark, so hat
dennoch sein Arbeitslohn im Verhältnis zum Gewinn des Kapitali-
sten abgenommen. Der Profit des Kapitalisten (z.B. des Fabrikan-
ten) hat sich um eine Mark vermehrt, d.h., für eine geringre
Summe von Tauschwerten, die er dem Arbeiter zahlt, muß der Arbei-
ter eine größre Summe von Tauschwerten produzieren als früher.
Der Anteil 2*) des Kapitals im Verhältnis zum Anteil 2*) der Ar-
beit ist gestiegen. Die Verteilung des gesellschaftlichen Reich-
tums zwischen Kapital und Arbeit ist noch ungleichmäßiger gewor-
den. Der Kapitalist kommandiert mit demselben Kapital eine größre
Quantität Arbeit. Die Macht der Kapitalistenklasse über die Ar-
beiterklasse ist gewachsen, die gesellschaftliche Stellung des
Arbeiters hat sich verschlechtert, ist um eine Stufe tiefer unter
die des 3*) Kapitalisten herabgedrückt.
W e l c h e s i s t n u n d a s a l l g e m e i n e G e-
s e t z, d a s d a s 4*) F a l l e n u n d S t e i g e n
d e s A r b e i t s l o h n s u n d P r o f i t s i n i h-
r e r W e c h s e l s e i t i g e n B e z i e h u n g b e-
s t i m m t ?
S i e s t e h e n i m u m g e k e h r t e n 5*) V e r-
h ä l t n i s. D e r A n t e i l 6*) d e s K a p i t a l s,
d e r P r o f i t, s t e i g t i n d e m s e l b e n V e r-
h ä l t n i s , w o r i n d e r A n t e i l 6*) d e r
A r b e i t , d e r T a g l o h n, f ä l l t, u n d u m g e-
k e h r t. D e r P r o f i t s t e i g t i n d e m M a ß e,
w o r i n d e r A r b e i t s l o h n f ä l l t, e r
f ä l l t i n d e m M a ß e, w o r i n d e r A r b e i t s-
l o h n s t e i g t.
Man wird vielleicht einwenden, daß der Kapitalist gewinnen kann
durch vorteilhaften Austausch seiner Produkte mit andern Kapita-
listen, durch Steigen der Nachfrage nach seiner Ware, sei es in-
folge der Eröffnung von neuen Märkten, sei es infolge augenblick-
lich vermehrter Bedürfnisse auf den alten Märkten usw.; daß der
Profit des Kapitalisten sich also vermehren kann durch die Über-
vorteilung dritter Kapitalisten, unabhängig vom Steigen
-----
1*) (N. Rh. Z.) fehlt der ganze Absatz - 2*) (N. Rh. Z.) Wert -
3*) (N. Rh. Z.) fehlt: des - 4*) (N. Rh. Z.) fehlt: das - 5*) (N.
Rh. Z.) in umgekehrtem - 6*) (N. Rh. Z.) Tauschwert
#415# Lohnarbeit und Kapital
-----
und Fallen des Arbeitslohns, des Tauschwerts der Arbeitskraft
1*); oder der Profit des Kapitalisten könne auch steigen durch
Verbesserung der Arbeitsinstrumente, neue Anwendung der Natur-
kräfte usw.
Zunächst wird man zugeben müssen, daß das Resultat dasselbe
bleibt, obgleich es auf umgekehrtem Wege herbeigeführt ist. Der
Profit ist zwar nicht gestiegen, weil der Arbeitslohn gefallen
ist, aber der Arbeitslohn ist gefallen, weil der Profit gestiegen
ist. Der Kapitalist hat mit derselben Summe von fremder 2*) Ar-
beit eine größre Summe von Tauschwerten erkauft, ohne deshalb die
Arbeit höher bezahlt zu haben; d.h. also, die Arbeit wird niedri-
ger bezahlt im Verhältnis zum Reinertrag, den sie dem Kapitali-
sten abwirft.
Zudem erinnern wir, daß trotz der Schwankungen der Warenpreise
der Durchschnittspreis jeder Ware, das Verhältnis, worin sie sich
gegen andre Waren austauscht, durch ihre P r o d u k t i o n s-
k o s t e n bestimmt ist. Die Übervorteilungen innerhalb der
Kapitalistenklasse gleichen sich daher notwendig aus. Die
Verbesserung der Maschinerie, die neue Anwendung von Naturkräften
im Dienst der Produktion befähigen in einer gegebnen Arbeitszeit,
mit derselben Summe von Arbeit und Kapital eine größre Masse von
Produkten, keineswegs aber eine größre Masse von Tauschwerten zu
schaffen. Wenn ich durch die Anwendung der Spinnmaschine noch
einmal soviel Gespinst in einer Stunde liefern kann wie vor ihrer
Erfindung, z.B. hundert Pfund statt fünfzig, so erhalte ich für
diese hundert Pfund auf die Dauer 3*) nicht mehr Waren im Aus-
tausch zurück als früher für fünfzig, weil die Produktionskosten
um die Hälfte gefallen sind oder weil ich mit denselben Kosten
das doppelte Produkt liefern kann.
Endlich, in welchem Verhältnis 4*) auch immer die Kapitalisten-
klasse, die Bourgeoisie, sei es eines Landes, sei es des ganzen
Weltmarkts, den Reinertrag der Produktion unter sich verteile,
die Gesamtsumme dieses Reinertrags ist jedesmal nur die Summe, um
welche die aufgehäufte 5*) Arbeit im großen und ganzen durch die
unmittelbare 6*) Arbeit vermehrt worden ist. Diese Gesamtsumme
wächst also in dem Verhältnis, worin die Arbeit das Kapital ver-
mehrt, d.h. in dem Verhältnis, worin der Profit gegen den Ar-
beitslohn steigt.
Wir sehen also, daß selbst, wenn wir i n n e r h a l b d e s
V e r h ä l t n i s s e s v o n K a p i t a l u n d L o h n-
a r b e i t stehnbleiben, d i e I n t e r e s s e n d e s
K a p i t a l s u n d d i e I n t e r e s s e n d e r
L o h n a r b e i t s i c h s c h n u r s t r a c k s g e-
g e n ü b e r s t e h n.
#416# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Eine rasche Zunahme des Kapitals ist gleich einer raschen Zunahme
des Profits. Der Profit kann nur rasch zunehmen, wenn der Preis
1*) der Arbeit, wenn der relative Arbeitslohn ebenso rasch ab-
nimmt. Der relative Arbeitslohn kann fallen, obgleich der reelle
Arbeitslohn gleichzeitig mit dem nominellen Arbeitslohn, mit dem
Geldwert der Arbeit steigt, aber nur nicht in demselben Verhält-
nis steigt wie der Profit. Steigt z.B. in guten Geschäftszeiten
der Arbeitslohn um 5 Prozent, der Profit dagegen um 30 Prozent,
so hat der verhältnismäßige, der relative Arbeitslohn n i c h t
z u g e n o m m e n, sondern a b g e n o m m e n.
Vermehrt sich also die Einnahme des Arbeiters mit dem raschen
Wachstum des Kapitals, so vermehrt sich gleichzeitig die gesell-
schaftliche Kluft, die den Arbeiter vom Kapitalisten scheidet, so
vermehrt sich gleichzeitig die Macht der, Kapitals über die Ar-
beit, die Abhängigkeit der Arbeit vom Kapital.
Der Arbeiter hat ein Interesse am raschen Wachstum des Kapitals,
heißt nur: Je rascher der Arbeiter den fremden Reichtum vermehrt,
desto fettere Brocken fallen für ihn ab, um desto mehr Arbeiter
können beschäftigt und ins Leben gerufen, desto mehr kann die
Masse der vom Kapital abhängigen Sklaven vermehrt werden.
Wir haben also gesehen:
Selbst die g ü n s t i g s t e S i t u a t i o n für die Ar-
beiterklasse, m ö g l i c h s t r a s c h e s W a c h s t u m
2*) d e s K a p i t a l s, sosehr sie das materielle Leben des
Arbeiters verbessern mag, hebt den Gegensatz zwischen seinen In-
teressen und den Bourgeoisinteressen, den Interessen des Kapita-
listen, nicht auf. P r o f i t u n d A r b e i t s l o h n
stehen nach wie vor im u m g e k e h r t e n 3*) V e r-
h ä l t n i s.
Ist das Kapital rasch anwachsend, so mag der Arbeitslohn steigen;
unverhältnismäßig schneller steigt der Profit des Kapitals. Die
materielle Lage des Arbeiters hat sich verbessert, aber auf Ko-
sten seiner gesellschaftlichen Lage. Die gesellschaftliche Kluft,
welche ihn vom Kapitalisten trennt, hat sich erweitert.
Endlich:
Günstigste Bedingung für die Lohnarbeit ist möglichst rasches
Wachstum des produktiven Kapitals, heißt nur: Je rascher die Ar-
beiterklasse die ihr feindliche Macht, den fremden, über sie ge-
bietenden Reichtum vermehrt und vergrößert, unter desto günstigem
Bedingungen wird ihr erlaubt, von neuem an der Vermehrung des
bürgerlichen Reichtums, an der Vergrößerung der Macht des Kapi-
tals zu arbeiten, zufrieden, sich selbst die goldnen Ketten zu
schmieden, woran die Bourgeoisie sie hinter sich herschleift.
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1*) (N. Rh. Z.) Tauschwert - 2*) (N. Rh. Z.) Wachsen - 3*) (N.
Rh. Z.) in umgekehrtem
#417# Lohnarbeit und Kapital
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1*) W a c h s t u m d e s p r o d u k t i v e n K a p i-
t a l s u n d S t e i g e n d e s A r b e i t s l o h n s,
sind sie wirklich so unzertrennlich verbunden, wie die bürger-
lichen Ökonomen behaupten? Wir dürfen ihnen nicht aufs Wort
glauben. Wir dürfen ihnen selbst nicht glauben, daß, je feister
das Kapital, desto besser sein Sklave gemästet wird. Die Bour-
geoisie ist zu aufgeklärt, sie rechnet zu gut, um die Vorurteile
des Feudalen zu teilen, der mit dem Glänze seiner Dienerschaft
prunkt. Die Existenzbedingungen der Bourgeoisie zwingen sie zu
rechnen.
Wir werden also näher untersuchen müssen:
W i e w i r k t d a s W a c h s e n d e s p r o d u k t i-
v e n K a p i t a l s a u f d e n A r b e i t s l o h n?
Wächst das produktive Kapital der bürgerlichen Gesellschaft im
großen und ganzen, so findet eine v i e l s e i t i g e r e
Aufhäufung von Arbeit statt. Die Kapitalien 2*) nehmen an Zahl
und Umfang zu. Die V e r m e h r u n g der Kapitalien vermehrt
die K o n k u r r e n z u n t e r d e n K a p i t a l i-
s t e n. Der s t e i g e n d e U m f a n g der Kapitalien
gibt die Mittel, g e w a l t i g e r e A r b e i t e r a r-
m e e n m i t r i e s e n h a f t e m K r i e g s h a n d-
w e r k z e u g e n 3*) a u f d a s i n d u s t r i e l l e
S c h l a c h t f e l d z u f ü h r e n.
Der eine Kapitalist kann den andern nur aus dem Felde schlagen
und dessen 4*) Kapital erobern, indem er wohlfeiler verkauft. Um
wohlfeiler verkaufen zu können, ohne sich zu ruinieren, muß er
wohlfeiler produzieren, d.h. die Produktionskraft der Arbeit so-
viel wie möglich steigern. Die Produktionskraft der Arbeit wird
aber vor allem gesteigert durch e i n e g r ö ß e r e T e i-
l u n g d e r A r b e i t, durch eine allseitigere Einführung
und beständige Verbesserung 5*) der M a s c h i n e r i e. Je
größer die Arbeiterarmee ist, unter welche die Arbeit geteilt, je
riesenhafter die Stufenleiter ist, auf welcher die Maschinerie
eingeführt wird, um so mehr nehmen verhältnismäßig die Pro-
duktionskosten ab, um so fruchtbarer wird die Arbeit. Es entsteht
daher ein allseitiger Wetteifer unter den Kapitalisten, die
Teilung der Arbeit und die Maschinerie zu vermehren und sie auf
möglichst großer Stufenleiter auszubeuten.
Hat nun ein Kapitalist durch größere Teilung der Arbeit, durch
Anwendung und Verbesserung neuer Maschinen, durch vorteilhaftere
und massenhaftere Ausbeutung der Naturkräfte das Mittel gefunden,
mit derselben Summe von Arbeit oder von aufgehäufter Arbeit eine
größere Summe von Produkten, von Waren zu schaffen als seine Kon-
kurrenten, kann er z.B. in derselben Arbeitszeit, worin seine
Konkurrenten eine halbe Elle Leinwand weben 6*), eine ganze Elle
Leinwand 7*) produzieren, wie wird dieser Kapitalist operieren?
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1*) (N. Rh. Z.) vorangestellt: * Köln, 10. April. - 2*) (N.
Rh.Z.) irrtümlich: Kapitalisten; korrigiert nach der Berichtigung
in Nr. 270 der "N. Rh. Z.", von Engels (1891) nicht berücksich-
tigt. - 3*) (N. Rh. Z.) Kriegswerkzeugen - 4*) (N. Rh. Z.) sein -
5*) (N. Rh. Z.) Verbesserung in - 6*) (N. Rh. Z.) Baumwolle
spinnen -7*) (N.Rh.Z.) Baumwolle
#418# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Er könnte fortfahren, eine halbe Elle Leinwand *) zu dem bisheri-
gen Marktpreise zu verkaufen, es wäre dies jedoch kein Mittel,
seine Gegner aus dem Felde zu schlagen Aid seinen eignen Absatz
zu vergrößern. Aber in demselben Maße, worin seine Produktion
sich ausgedehnt hat, hat sich das Bedürfnis des Absatzes für ihn
ausgedehnt. Die mächtigern und kostspieligem Produktionsmittel,
die er ins Leben gerufen, b e f ä h i g e n ihn zwar, seine
Ware wohlfeiler zu verkaufen, sie z w i n g e n ihn aber
zugleich, m e h r W a r e n z u v e r k a u f e n, einen un-
gleich g r ö ß e r n Markt für seine Waren zu erobern; unser
Kapitalist wird also die halbe Elle Leinwand 1*) wohlfeiler ver-
kaufen als seine Konkurrenten.
Der Kapitalist wird aber die ganze Elle nicht so wohlfeil verkau-
fen, wie seine Konkurrenten die halbe Elle verkaufen, obgleich
ihm die Produktion der ganzen Elle nicht mehr kostet als den an-
dern die der halben. Er würde sonst nichts extra 2*) gewinnen,
sondern nur die Produktionskosten im Umtausch 3*) zurückerhalten.
Seine etwaige größere Einnahme würde daher rühren, daß er ein hö-
heres Kapital in Bewegung gesetzt, aber nicht daher, daß er sein
Kapital höher verwertet hätte als die andern. Überdem erreicht er
den Zweck, den er erreichen will, wenn er den Preis seiner Ware
nur um einige Prozente niedriger ansetzt als seine Konkurrenten.
Er schlägt sie aus dem Felde, er ringt ihnen wenigstens einen
Teil ihres Absatzes ab, indem er sie u n t e r k a u f t. Und
endlich erinnern wir uns, daß der courante Preis 4*) immer
ü b e r o d e r u n t e r d e n P r o d u k t i o n s k o-
s t e n steht, je nachdem der Verkauf einer Ware in die günstige
oder ungünstige Jahreszeit der Industrie fällt. Je nachdem der
Marktpreis der Elle Leinwand unter oder über ihren bisher
üblichen Produktionskosten steht, werden die Prozente wechseln,
worin der Kapitalist, der neue, fruchtbarere Produktionsmittel
angewandt hat, über seine wirklichen Produktionskosten hinaus
verkauft.
Allein das P r i v i l e g i u m unsres Kapitalisten ist nicht
von langer Dauer; andre wetteifernde Kapitalisten führen diesel-
ben Maschinen, dieselbe Teilung der Arbeit ein, führen sie auf
derselben oder größrer Stufenleiter ein, und diese Einführung
wird so allgemein werden, bis der Preis der Leinwand nicht nur
u n t e r i h r e a l t e n, sondern u n t e r i h r e
n e u e n P r o d u k t i o n s k o s t e n h e r a b g e-
s e t z t i s t.
Die Kapitalisten befinden sich also wechselseitig in derselben
Lage, worin sie sich v o r Einführung der neuen Produktionsmit-
tel befanden, und wenn sie mit diesen Mitteln zu demselben Preise
das doppelte Produkt liefern können, so sind sie j e t z t ge-
zwungen, u n t e r dem alten Preis das
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1*) (N. Rh. Z.) Baumwolle - 2*) (N. Rh. Z.) fehlt: extra -3*) (N.
Rh. Z.) Austausch - 4*) Marktpreis
#419# Lohnarbeit und Kapital
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doppelte Produkt zu liefern. Auf dem Standpunkt dieser neuen
Produktionskosten beginnt dasselbe Spiel wieder. Mehr Teilung der
Arbeit, mehr Maschinerie, größere Stufenleiter, worauf Teilung
der Arbeit und Maschinerie ausgebeutet werden. Und die Konkurrenz
bringt wieder dieselbe Gegenwirkung gegen dieses Resultat.
Wir sehn, wie so die Produktionsweise, die Produktionsmittel be-
ständig umgewälzt, revolutioniert werden, w i e d i e T e i-
l u n g d e r A r b e i t g r ö ß r e T e i l u n g d e r
A r b e i t, d i e A n w e n d u n g d e r M a s c h i n e-
r i e g r ö ß r e A n w e n d u n g d e r M a s c h i n e-
r i e, d a s A r b e i t e n a u f g r o ß e r S t u f e n-
l e i t e r A r b e i t e n a u f g r ö ß e r e r S t u-
f e n l e i t e r n o t w e n d i g n a c h s i c h
z i e h t.
Das ist das Gesetz, das die bürgerliche Produktion stets wieder
aus ihrem alten Geleise herauswirft und das Kapital zwingt, die
Produktionskräfte der Arbeit anzuspannen, w e i l e s sie an-
gespannt hat, das Gesetz, das ihm keine Ruhe gönnt und beständig
zuraunt: Marsch! Marsch! 1*)
Es ist dies kein andres Gesetz als das Gesetz, welches innerhalb
der Schwankungen der Handelsepochen den Preis einer Ware notwen-
dig zu ihren P r o d u k t i o n s k o s t e n a u s-
g l e i c h t.
Welche gewaltigen Produktionsmittel ein Kapitalist auch ins Feld
führe, die Konkurrenz wird diese Produktionsmittel verallgemei-
nern, und von dem Augenblick an, wo sie dieselben verallgemeinert
hat, ist der einzige Erfolg der größren Fruchtbarkeit seines Ka-
pitals, daß er nun f ü r d e n s e l b e n P r e i s 10-,
20-, 100mal soviel liefern muß als früher. Da er aber vielleicht
1000mal mehr absetzen muß, um durch die größre Masse des abge-
setzten Produkts den niedrigem Verkaufspreis aufzuwiegen, weil
ein massenhafterer Verkauf jetzt nötig ist, nicht nur um mehr 2*)
zu gewinnen, sondern um die Produktionskosten zu ersetzen - das
Produktionsinstrument selbst wird, wie wir gesehn haben, immer
teurer -, weil dieser massenhafte Verkauf aber nicht nur eine Le-
bensfrage für ihn, sondern auch für seine Nebenbuhler geworden
ist, so beginnt der alte Kampf u m s o h e f t i g e r, j e
f r u c h t b a r e r d i e s c h o n e r f u n d n e n
P r o d u k t i o n s m i t t e l s i n d. D i e T e i l u n g
d e r A r b e i t u n d d i e A n w e n d u n g d e r
M a s c h i n e r i e w i r d a l s o i n u n g l e i c h
g r ö ß r e m M a ß s t a b e v o n n e u e m v o r s i c h
g e h n.
Welches auch immer die Macht der angewandten Produktionsmittel
sei, die Konkurrenz sucht die goldnen Früchte dieser Macht dem
Kapital zu rauben, indem sie den Preis der Ware auf die Produkti-
onskosten zurückführt, indem sie also in demselben Maße, wie
wohlfeiler produziert, d.h. mit derselben Summe Arbeit mehr pro-
duziert werden kann, die wohlfeilere Produktion, die Lieferung
immer größrer Massen von Produkt für dieselbe
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1*) (N. Rh. Z.) Marche! Marche! - 2*) (N. Rh. Z.) fehlt: mehr
#420# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Preissumme 1*) zu einem gebieterischen Gesetz macht. So hätte der
Kapitalist durch seine eignen Anstrengungen nichts gewonnen als
die Verpflichtung, in derselben Arbeitszeit mehr zu liefern, mit
einem Wort, s c h w i e r i g e r e B e d i n g u n g e n
d e r V e r w e r t u n g s e i n e s K a p i t a l s. Wäh-
rend die Konkurrenz ihn daher beständig verfolgt mit ihrem Gesetz
der Produktionskosten, und jede Waffe, die er gegen seine Rivalen
schmiedet, als Waffe gegen ihn selbst zurückkehrt, sucht der Ka-
pitalist beständig die Konkurrenz zu übertölpeln, indem er rast-
los neue, zwar kostspieligere, aber wohlfeiler produzierende Ma-
schinen und Teilungen der Arbeit an die Stelle der alten einführt
und nicht abwartet, bis die Konkurrenz die neuen veraltet hat.
Stellen wir uns nun diese fieberhafte Agitation auf dem
g a n z e n W e l t m a r k t zugleich vor, und es begreift
sich, wie das Wachstum, die Akkumulation und Konzentration des
Kapitals eine ununterbrochne, sich selbst überstürzende und auf
stets riesenhafterer Stufenleiter ausgeführte Teilung der Arbeit,
Anwendung neuer und Vervollkommnung alter Maschinerie im Gefolge
hat.
W i e a b e r w i r k e n d i e s e U m s t ä n d e, d i e
v o n d e m W a c h s t u m d e s p r o d u k t i v e n
K a p i t a l s u n z e r t r e n n l i c h s i n d, a u f
d i e B e s t i m m u n g d e s A r b e i t s l o h n s
e i n?
Die größere T e i l u n g d e r A r b e i t befähigt e i-
n e n Arbeiter, die Arbeit von 5, 10, 20 zu tun: Sie vermehrt
also die Konkurrenz unter den Arbeitern um das 5-, 10- und
20fache. Die Arbeiter machen sich nicht nur Konkurrenz, indem ei-
ner sich wohlfeiler verkauft als der andre; sie machen sich Kon-
kurrenz, indem e i n e r die Arbeit von 5, 10, 20 verrichtet;
und die vom Kapital eingeführte und stets vergrößerte T e i-
l u n g d e r A r b e i t zwingt die Arbeiter, sich diese Art
von Konkurrenz zu machen.
Ferner: In demselben Maße, wie die T e i l u n g d e r A r-
b e i t zunimmt, v e r e i n f a c h t sich die Arbeit. Die
besondre Geschicklichkeit des Arbeiters wird wertlos. Er wird in
eine einfache, eintönige Produktivkraft verwandelt, die weder
körperliche noch geistige Spannkräfte ins Spiel zu setzen hat.
Seine Arbeit wird allen zugängliche Arbeit. Es drängen daher Kon-
kurrenten von allen Seiten auf ihn ein, und überdem erinnern wir,
daß, je einfacher, je leichter erlernbar die Arbeit ist, je weni-
ger Produktionskosten es bedarf, um sich dieselbe anzueignen, de-
sto tiefer der Arbeitslohn sinkt, denn wie der Preis jeder andern
Ware ist er durch die Produktionskosten bestimmt.
I n d e m s e l b e n M a ß e a l s o, w o r i n d i e
A r b e i t u n b e f r i e d i g e n d e r, e k e l h a f-
t e r w i r d, i n d e m s e l b e n M a ß e n i m m t
d i e K o n k u r r e n z z u u n d d e r 2*) A r-
b e i t s l o h n a b. Der Arbeiter sucht die Masse seines
Arbeitslohns zu behaupten, indem er mehr arbeitet, sei es, daß er
mehr Stunden arbeitet, sei es, daß er mehr in derselben
-----
1*) (N. Rh. Z.) die massenhafte Lieferung für den alten Preis -
2*) (N. Rh. Z.) fehlt: der
#421# Lohnarbeit und Kapital
-----
Stunde liefert. Durch die Not getrieben, vermehrt er also noch
die unheilvollen Wirkungen der Teilung der Arbeit. Das Resultat
ist: J e m e h r e r a r b e i t e t, u m s o w e n i-
g e r L o h n e r h ä l t e r, und zwar aus dem einfachen
Grunde, weil er in demselben Maß seinen Mitarbeitern Konkurrenz
macht, sich daher ebensoviel Konkurrenten aus seinen Mitarbeitern
macht, die sich zu ebenso schlechten Bedingungen anbieten wie er
selbst, weil er also in letzter Instanz s i c h s e l b s t
K o n k u r r e n z m a c h t, s i c h s e l b s t a l s
M i t g l i e d d e r A r b e i t e r k l a s s e.
Die M a s c h i n e r i e bringt dieselben Wirkungen auf viel
größrer Stufenleiter hervor, indem sie geschickte Arbeiter durch
ungeschickte, Männer durch Weiber, Erwachsene durch Kinder ver-
drängt, indem die Maschinerie da, wo sie neu eingeführt wird, die
Handarbeiter massenhaft auf das Pflaster wirft, und da, wo sie
ausgebildet, verbessert, durch fruchtbarere Maschinen ersetzt
wird, Arbeiter 1*) in kleinern Haufen abdankt. Wir haben oben in
raschen Zügen den industriellen Krieg der Kapitalisten unterein-
ander geschildert; d i e s e r K r i e g h a t d a s e i-
g e n t ü m l i c h e, d a ß d i e S c h l a c h t e n i n
i h m g e w o n n e n w e r d e n w e n i g e r d u r c h
A n w e r b e n a l s d u r c h A b d a n k e n d e r A r-
b e i t e r a r m e e. D i e F e l d h e r r e n, d i e K a-
p i t a l i s t e n, w e t t e i f e r n u n t e r e i n a n-
d e r, w e r a m m e i s t e n I n d u s t r i e - S o l-
d a t e n e n t l a s s e n k a n n.
Die Ökonomen erzählen uns allerdings, daß die durch Maschinen
überflüssig gewordnen Arbeiter n e u e Beschäftigungszweige
finden.
Sie wagen nicht direkt zu behaupten, daß dieselben Arbeiter, die
entlassen worden sind, in neuen Arbeitszweigen unterkommen. Die
Tatsachen schreien zu laut gegen diese Lüge. Sie behaupten ei-
gentlich nur, daß für a n d r e B e s t a n d t e i l e d e r
A r b e i t e r k l a s s e, z.B. für den Teil der jungen Arbei-
tergeneration, der 2*) schon bereit stand, um in den untergegang-
nen Industriezweig einzutreten, sich neue Beschäftigungsmittel
auftun werden. Es ist das natürlich eine große Genugtuung für die
gefallnen Arbeiter. Es wird den Herren Kapitalisten nicht an fri-
schem exploitablem Fleisch und Blut fehlen, man wird die Toten
ihre Toten begraben lassen. Es ist dies mehr ein Trost, den die
Bourgeois sich selbst, als den sie den Arbeitern geben. Wenn die
ganze Klasse der Lohnarbeiter durch die Maschinerie vernichtet
würde, wie schrecklich für das Kapital, das ohne Lohnarbeit auf-
hört, Kapital zu sein!
Gesetzt aber, daß die durch Maschinerie direkt aus der Arbeit
Verdrängten und der ganze Teil der neuen Generation, der schon
auf diesen Dienst lauerte, eine n e u e B e s c h ä f t i-
g u n g f i n d e n. Glaubt man, daß dieselbe so
-----
1*) (N. Rh. Z.) sie - 2*) (N. Rh. Z.) die
#422# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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hoch bezahlt werden wird wie die verlorengegangne? E s w i-
d e r s p r ä c h e d i e s a l l e n G e s e t z e n d e r
Ö k o n o m i e. Wir haben gesehn, wie die moderne Industrie es
mit sich bringt, stets eine einfachere, untergeordnetere
Beschäftigung der zusammengesetzten, höheren unterzuschieben.
Wie könnte also eine Arbeitermasse, die durch Maschinerie aus ei-
nem Industriezweig herausgeworfen ist, in einem andern eine Zu-
flucht finden, es sei denn, daß er n i e d r i g e r,
s c h l e c h t e r b e z a h l t i s t?
Man hat als Ausnahme die Arbeiter angeführt, die in der Fabrika-
tion der Maschinerie selbst arbeiten. Sobald mehr Maschinerie in
der Industrie verlangt und verbraucht werde, müßten die Maschinen
notwendig zunehmen, also die Maschinenfabrikation, also die Be-
schäftigung der Arbeiter in der Maschinenfabrikation, und die in
diesem Industriezweig verwandten Arbeiter seien geschickte, ja
selbst gebildete Arbeiter.
Seit dem Jahre 1840 hat diese schon früher nur halbwahre Behaup-
tung allen Schein verloren, indem immer vielseitiger Maschinen
zum Fabrizieren von Maschinen nicht mehr nicht minder angewandt
wurden als zum Fabrizieren von Baumwollengarn 1*), und die in den
Maschinenfabriken beschäftigten Arbeiter, gegenüber von höchst
kunstvollen, nur noch die Stelle von höchst kunstlosen Maschinen
spielen konnten.
Aber statt des durch die Maschine verabschiedeten Mannes beschäf-
tigt die Fabrik vielleicht d r e i Kinder und e i n e Frau!
Und mußte, der Lohn 2*) des Mannes nicht hinreichen für die drei
Kinder und eine Frau? Mußte das Minimum des Arbeitslohnes nicht
hinreichen, um die Rasse zu erhalten und zu vermehren? Was also
beweist diese beliebte Bourgeoisredensart? Weiter nichts, als daß
jetzt viermal soviel Arbeiterleben verbraucht werden wie früher,
um den Lebensunterhalt 2*) e i n e r Arbeiterfamilie zu gewin-
nen.
Resümieren wir: J e m e h r d a s p r o d u k t i v e
K a p i t a l w ä c h s t, d e s t o m e h r d e h n t
s i c h d i e T e i l u n g d e r A r b e i t u n d d i e
A n w e n d u n g d e r M a s c h i n e r i e a u s. J e
m e h r s i c h d i e T e i l u n g d e r A r b e i t u n d
d i e A n w e n d u n g d e r M a s c h i n e r i e a u s-
d e h n t, u m s o m e h r d e h n t s i c h d i e K o n-
k u r r e n z u n t e r d e n A r b e i t e r n a u s, j e
m e h r z i e h t s i c h i h r L o h n 3*) z u s a m-
m e n.
Und zudem rekrutiert sich die Arbeiterklasse noch aus den
h ö h e r n S c h i c h t e n d e r G e s e l l s c h a f t;
es stürzt eine Masse kleiner Industriellen und kleiner Rentiers
in sie herab, die nichts Eiligeres zu tun haben, als ihre Arme zu
erheben neben den Armen der Arbeiter. So wird der Wald der in die
Höhe gestreckten und nach Arbeit verlangenden Arme immer dichter,
und die Arme selbst werden immer magrer.
-----
1*) (N. Rh. Z.) Baumwollgarn - 2*) (N. Rh. Z.) das Salair -
3*) (N. Rh. Z.) Salair
#423# Lohnarbeit und Kapital
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Daß der kleine Industrielle den Kampf 1*) nicht aushalten kann,
worin es eine der ersten Bedingungen ist, auf stets größerer Stu-
fenleiter zu produzieren, d.h. eben ein großer und kein kleiner
Industrieller zu sein, versteht sich von selbst.
Daß der Zins vom Kapital in demselben Maße abnimmt, wie Masse und
Zahl des Kapitals zunimmt, wie das Kapital anwächst, daß daher
der kleine Rentier nicht mehr von seiner Rente leben kann, also
sich auf die Industrie werfen muß 2*), also die Reihen der klei-
nen Industriellen und damit die 3*) Kandidaten für das Proleta-
riat vermehren hilft, alles das bedarf wohl keiner weitern Aus-
einandersetzung.
In dem Maße endlich, wie die Kapitalisten durch die oben geschil-
derte Bewegung gezwungen werden, schon vorhandne riesenhafte
Produktionsmittel auf größerer Stufenleiter auszubeuten und zu
diesem Zweck alle Springfedern des Kredits in Bewegung zu setzen,
in demselben Maße vermehren sich die industriellen 4*) Erdbeben,
worin die Handelswelt sich nur dadurch erhält, daß sie einen Teil
des Reichtums, der Produkte und selbst der Produktionskräfte den
Göttern der Unterwelt opfert - nehmen mit einem Wort die
K r i s e n zu. Sie werden häufiger und heftiger schon deswegen,
weil in demselben Maße, worin die Produktenmasse, also das Be-
dürfnis nach ausgedehnten Märkten wächst, der Weltmarkt immer
mehr' sich zusammenzieht, immer weniger neue 5*) Märkte zur Ex-
ploitation übrigbleiben, da jede vorhergehende Krise einen bisher
uneroberten oder vom Handel nur oberflächlich ausgebeuteten Markt
dem Welthandel unterworfen hat. Das Kapital l e b t aber nicht
nur von der Arbeit. Ein zugleich vornehmer und barbarischer Herr,
zieht es mit sich in die Gruft die Leichen seiner Sklaven, ganze
Arbeiterhekatomben, die in den Krisen untergehn. Wir sehn also:
W ä c h s t d a s K a p i t a l r a s c h, s o w ä c h s t
u n g l e i c h r a s c h e r d i e K o n k u r r e n z u n-
t e r d e n A r b e i t e r n, d. h. d e s t o m e h r
n e h m e n v e r h ä l t n i s m ä ß i g d i e B e s c h ä f-
t i g u n g s m i t t e l, d i e L e b e n s m i t t e l f ü r
d i e A r b e i t e r k l a s s e a b, u n d n i c h t s-
d e s t o w e n i g e r i s t d a s r a s c h e W a c h s e n
d e s K a p i t a l s d i e g ü n s t i g s t e B e d i n-
g u n g f ü r d i e L o h n a r b e i t. 6*)
Nach: "Lohnarbeit und Kapital" von Karl Marx,
Separat-Abdruck aus der "Neuen Rheinischen Zeitung"
vom Jahre 1849, Berlin 1891.
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1*) (N. Rh. Z.) Krieg - 2*) (N. Rh. Z.) fehlt: muß - 3*) (N. Rh.
Z.) der - 4*) (N. Rh. Z.) fehlt: industriellen - 5*) (N. Rh. Z.)
fehlt: neue - 6*) (N. Rh. Z.) nachgestellt: Fortsetzung folgt
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