Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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Die Frankfurter Versammlung [69]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 150 vom 23. November 1848]
* Köln, 22. November. Das Frankfurter Parlament hat den Beschluß
der Berliner Versammlung in betreff der Steuerverweigerung als
gesetzwidrig für null und nichtig erklärt." [70] Es hat sich da-
durch für Brandenburg, für Wrangel, für das spezifische Preußen-
tum erklärt. Frankfurt ist nach Berlin, Berlin ist nach Frankfurt
hinübergesiedelt. Das deutsche Parlament ist in Berlin, das preu-
ßische Parlament in Frankfurt. Das preußische Parlament ist ein
deutsches, das deutsche ein Brandenburg-preußisches geworden.
Preußen sollte in Deutschland aufgehen, und das deutsche Parla-
ment in Frankfurt will nun, daß Deutschland in Preußen aufgehe!
Das deutsche Parlament ! Wer sprach von einem deutschen Parlament
nach den schweren Vorfällen in Berlin und Wien. Nach dem Tode Ro-
bert Blums dachte kein Mensch mehr an das Leben des edlen Gagern.
Nach einem Ministerium Brandenburg-Manteuffel dachte kein Teufel
mehr an einen Schmerling. Die Herren Professoren, welche
"Geschichte machten" zu ihrem Privatvergnügen, mußten geschehen
lassen die Bombardierung Wiens, die Ermordung Robert Blums, die
Barbarei Windischgrätz'! Die Herren, denen die Kulturgeschichte
Deutschlands so sehr, am Herzen lag, überließen die praktische
Handhabung der Kultur einem Jellachich und seinen Kroaten! Wäh-
rend die Professoren die Theorie der Geschichte machten, ging die
Geschichte ihren stürmischen Lauf und kümmerte sich wenig um die
Geschichte der Herren Professoren.
Der Beschluß von vorgestern hat das Frankfurter Parlament ver-
nichtet. Er hat es in die Arme des Hochverräters Brandenburg ge-
worfen. Das Frankfurter Parlament hat sich des Hochverrats schul-
dig gemacht und muß gerichtet werden. Wenn ein ganzes Volk sich
erhebt, um gegen einen Akt königlicher Willkür zu protestieren,
wenn dieser Protest auf ganz gesetzmäßigem Wege,
#44# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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durch die Weigerung der Steuern, geschieht und eine Versammlung
von Professoren - ohne alle Befugnis - diese Weigerung der Steu-
ern, diese Erhebung des ganzen Volkes, für eine gesetzwidrige er-
klärt, so ist diese Versammlung außer allem Gesetz, sie ist eine
hochverräterische.
Es ist die Pflicht aller Mitglieder der Frankfurter Versammlung,
welche gegen den Beschluß gestimmt haben, aus diesem
"verblichenen Bundestag" auszutreten. Es ist die Pflicht aller
Demokraten, diese ausgetretenen "Preußen" für die deutsche Natio-
nalversammlung in Berlin zu wählen, als Stellvertreter der ausge-
schiedenen "Deutschen". Die Nationalversammlung in Berlin ist
kein "Teil", sie ist vollständig, denn sie ist beschlußfähig. Die
brandenburgische Versammlung in Frankfurt wird aber ein "Teil"
werden; denn dem notwendig gewordenen Austritt der 150 werden ge-
wiß noch manche andere nachfolgen, die nicht einen Frankfurter
Bundestag konstituieren wollen. Das Frankfurter Parlament! Es hat
Furcht vor einer roten Republik und dekretiert eine r o t e
M o n a r c h i e! Wir wollen keine r o t e Monarchie, wir
wollen nicht, daß die purpurrot gefärbte Krone Östreichs über
Preußen kömmt, und deshalb erklären wir das deutsche Parlament
des Hochverrats schuldig! Doch nein, wir tun ihm zu viel Ehre an;
wir geben ihm eine politische Wichtigkeit, die es längst verlo-
ren. Das strengste Urteil ist bereits über ihn ergangen - die
Nichtbeachtung seiner Beschlüsse und die - Vergessenheit.
Geschrieben von Karl Marx.
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