Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       Die kontrerevolutionären Pläne in Berlin
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 286 vom 1. Mai 1849]
       * Köln,  30. April.  Die Pläne unsrer kontrerevolutionären Regie-
       rung treten allmählich hervor.
       Man beabsichtigte,  vom 27.  April [387]  ein neues  Stadium  der
       preußischen Kontrerevolution zu datieren. Man wollte das Berliner
       Volk zu einem Straßenkampf provozieren, vielleicht den Aufstand à
       la Cavaignac  "Dimensionen gewinnen"  lassen, ihn  dann  mit  Ca-
       vaignacschen Mitteln  und Cavaignacscher Übermacht erdrücken, das
       Standrecht proklamieren,  ein paar  Abgeordnete und eine gute An-
       zahl Wühler  [226] zu  Pulver und Blei begnadigen und schließlich
       durch neue Oktroyierungen sich von den lästigen Fesseln befreien,
       welche selbst die Standrechtscharte vom 5. Dezember [123] unserer
       Kontrerevolution noch angelegt.
       Man hatte  an dem  provozierten Aufstande  ja einen hinreichenden
       Vorwand zu  behaupten, daß  das Volk  zu den gnädigst verliehenen
       Freiheiten "noch  nicht reif"  sei, daß mit einem solchen Wahlge-
       setz [235],  mit einer  solchen Verfassung nicht zu regieren sei.
       "Um Blutvergießen  zu vermeiden",  also im  Interesse  des  Volks
       selbst, mußte  man auch den letzten Rest von Freiheit vernichten.
       "Um Blutvergießen  zu vermeiden",  mußte man  das ganze  Land mit
       Ausnahme von  Hinterpommern in  Belagerungszustand erklären!  Das
       alles konnte man behaupten, wenn man erst eine anständige Erneute
       in Berlin  mit obligaten Unruhen in Breslau, Magdeburg, Köln usw.
       durchgemacht und glücklich zusammenkartätscht hatte.
       Daher die  Brutalitäten der Konstabler gegen die in der Konversa-
       tionshalle versammelte  Linke; daher die militärische Umzingelung
       des Dönhoffplatzes  von allen Seiten; daher das rasche Feuern auf
       eine  wehrlose,  ruhige  Volksmasse,  die  sich  nicht  entfernen
       k o n n t e,  weil ihr alle Straßen gesperrt waren. [390]
       
       #453# Die kontrerevolutionären Pläne in Berlin
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       Die ruhige  Haltung des  Volks trotz  aller Provokationen hat den
       Kontrerevolutionären einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie
       haben keinen  Vorwand zum  Oktroyieren, und  oktroyieren   m ü s-
       s e n   sie. Wir werden vielleicht heute abend schon erfahren, zu
       welcher neuen Wendung die Herren sich entschlossen haben.
       Welche gewaltigen  Pläne man hatte, geht aus allen Umständen her-
       vor. Erstens  aus der gleichzeitigen Kammerauflösung in Hannover,
       zweitens und ganz besonders aus der Reise des Herrn Radowitz nach
       Berlin.
       Herr Radowitz  ist die  Seele der  preußischen  Kontrerevolution.
       Herr Radowitz hat den Plan zur Kontrerevolution vom November ent-
       worfen, sich selbst aber noch hinter den Kulissen gehalten und in
       Frankfurt für  das preußische Erbkaisertum intrigiert. Herr Rado-
       witz ist   d i e s m a l   selbst  nach Berlin  gegangen, wie  es
       heißt, um  endlich offen  hervorzutreten und   P r e m i e r m i-
       n i s t e r   zu werden.  Ein Ministerium  Radowitz - das ist des
       Pudels Kern! [121]
       Wir wissen ferner positiv folgende Tatsachen:
       1. Im Laufe  der   v o r i g e n   W o c h e    kam  bereits  ein
       Schreiben der  Oberpräsidenten an   a l l e    C h e f p r ä s i-
       d e n t e n,   worin  denselben  mitgeteilt  wurde,  daß    d i e
       A u f l ö s u n g   d e r  K a m m e r  b e v o r s t e h e,  mit
       der Weisung, alle nötigen Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen.
       2. Ist ein Ministerialreskript an sämtliche Regierungen ergangen,
       worin es heißt:
       1. Daß   s ä m t l i c h e n    B ü r g e r m e i s t e r e i e n
       aufzugeben sei, an die resp. Regierungen  t ä g l i c h  über den
       Eindruck Bericht  zu erstatten,  welchen der Akt der Kammerauflö-
       sung hervorgebracht. Die Regierungen müssen ihrerseits an das Mi-
       nisterium hierüber  K o l l e k t i v b e r i c h t e  geben.
       2.  N e u w a h l e n    w ü r d e n    v o r    d e r    H a n d
       n o c h  nicht    s t a t t f i n d e n,    dagegen  würde  gegen
       v i e l e   M i t g l i e d e r   d e r   "s o g e n a n n t e n"
       L i n k e n  e i n g e s c h r i t t e n  w e r d e n.
       3. Seien   a l l e   V o r s i c h t s m a ß r e g e l n   zu er-
       greifen, um jeden Versuch zur Auflehnung zu unterdrücken.
       Das Reskript ist unterzeichnet: Manteuffel.
       Herr Manteuffel  oder vielmehr  Herr Radowitz, sein Vorgesetzter,
       konnte  der   sich  entwickelnden      u n g a r i s c h - p o l-
       n i s c h - d e u t s c h e n   Revolution keinen  bessern Dienst
       leisten, als gerade jetzt mit seinen Plänen zur Wiederherstellung
       des Absolutismus offen hervorzutreten.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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