Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       Der preußische Fußtritt für die Frankfurter
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 287 vom 2. Mai 1849]
       * Köln,  1. Mai.  Wieder ein  neues Stück  in der  Geschichte der
       preußischen Kontrerevolution. Der König gibt der Frankfurter Ver-
       sammlung einen definitiven Fußtritt und wirft ihr die dargebotene
       goldpapierne Krone eines imaginären Kaisertums mit Verachtung ins
       Gesicht.
       Wenn die  Frankfurter Versammlung sich zur rechten Zeit energisch
       benommen hätte, sie könnte jetzt diesen übermutberauschten Hohen-
       zollern arretieren lassen und wegen "Beleidigung der Nationalver-
       sammlung" (Gesetz  vom September 1848, das auch in Preußen publi-
       ziert ist [392]) vor die Geschwornen stellen. Bis jetzt existiert
       kein "Reichs"-Gesetz,  das die  einzelnen Herren Fürsten auch dem
       "Reich" gegenüber  unverantwortlich erklärt;  und die kaiserliche
       Unverantwortlichkeit stößt der Hohenzollern ja von sich.
       Die neue  preußische "Reichs"-Note vom 28.April [393] mildert den
       "Reichs"-Fußtritt durch  einige wohlwollende Bemerkungen über die
       sogenannte deutsche  Reichsverfassung. Dies  unschuldige Machwerk
       wird hier  als Ausbund aller Schlechtigkeit und als "alle Schran-
       ken niederreißendes"  äußerstes Produkt  der Revolution  und  des
       heimlichen Republikanismus dargestellt.
       Die Paulskirche, eine carbonaristische [394] Räuberhöhle! Welcker
       und Gagern,  heimliche Republikaner,  "Moros, den  Dolch  im  Ge-
       wände"! [395]  Bassermann,  der  Spökenkieker,  selbst  zu  einer
       "Bassermannschen Gestalt"  [396] geworden! Das schmeichelt natür-
       lich den  Frankfurter Biedermännern  nach all  dem Hohn,  den das
       Volk, nach  allen Verwünschungen, die die zertretenen Frankfurter
       und Wiener Barrikadenkämpfer auf sie gehäuft haben, und Leute al-
       ler Couleuren, bis herab zu Herrn Vogt, sind imstande, solche Al-
       bernheiten wirklich zu glauben.
       Die preußische  Note ist  die letzte  Drohung an  die Frankfurter
       Versammlung, noch  ehe zu  ihrer wirklichen Sprengung geschritten
       wird. Noch einmal
       
       #460# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       bietet der  widerspenstige Hohenzollern  die Hand zur "Verständi-
       gung". Und  in der  Tat -  die  Versammlung,  nachdem  sie    s o
       w e i t   gegangen ist,  könnte wahrhaftig  auch noch  den  einen
       kleinen Schritt  weiter gehen  und ganz preußisches Werkzeug wer-
       den.
       Unterdessen aber  klammert sich  ein Teil des Volks und besonders
       die Bauern  und Kleinbürger  der süddeutschen  Raubstaaten an die
       Versammlung und  die sogenannte  Reichsverfassung an. Das Militär
       ist günstig  für die Reichsverfassung gestimmt. Das Volk sieht in
       jedem, wenn  auch noch  so lumpigen  Schritt näher  zur  Einigung
       Deutschlands einen Schritt näher zur Beseitigung der kleinen Für-
       sten und  zur Befreiung  von der  drückenden Steuerlast. Auch der
       Haß gegen  Preußen trägt  sein Teil  dazu bei. Die Schwaben haben
       sogar eine  Revolution für  die sogenannte  Reichsverfassung  ge-
       macht; natürlich ein Sturm in einem Glase Wasser [194], aber doch
       immer etwas.
       Die Sprengung  der Frankfurter  Versammlung würde also nicht ohne
       Gewalt vor  sich gehen  können, wenn die Frankfurter Biedermänner
       die geringste  Courage hätten.  Sie hätten jetzt die letzte Gele-
       genheit, wenigstens  einen kleinen  Teil der  begangenen schweren
       Sünden abzuwaschen.  Frankfurt und Süddeutschland, ostensibel für
       die Reichsverfassung sich erhebend, könnte bei den Siegen der Un-
       garn, bei der Auflösung Östreichs, bei der Wut des Volks in Preu-
       ßen gegen  die Hohenzollern-Radowitz-Manteuffelschen Verrätereien
       ein momentanes  Zentrum für eine neue, auf Ungarn gestützte revo-
       lutionäre Erhebung bilden.
       Dann aber  müßten die  Herren sich  auch nicht  scheuen,    d e n
       B ü r g e r k r i e g   z u   p r o k l a m i e r e n  und im äu-
       ßersten Falle,  wenn es auf Entscheidung ankommt,  d i e  e i n e
       u n d   u n t e i l b a r e    d e u t s c h e    R e p u b l i k
       d e r   R e s t a u r a t i o n  d e s  d e u t s c h e n  B u n-
       d e s t a g s  [397]  v o r z i e h e n.
       Aber wer   d a s   den Frankfurtern zumutet, der irrt sich gewal-
       tig. Die Herren werden etwas poltern, sich etwas sperren, bis we-
       nigstens einigermaßen dem Anstand genügt ist, und dann werden sie
       alles das  beschließen, was der widerspenstige Hohenzollern ihnen
       diktiert. Das  Volk wird  hie und  da vielleicht Barrikaden bauen
       und - verraten werden wie am 18. September. [398]
       Damit würde  die berühmte Reichs-Haupt- und Staatsaktion ihr Ende
       nehmen, wenn  es von den  F r a n k f u r t e r  H e r r e n  ab-
       hinge. Aber  vielleicht sprechen  die ungarischen Husaren und die
       polnischen Lanciers  und die Wiener Proletarier ein Wort mit, und
       dann kann die Sache doch eine andere Wendung nehmen.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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