Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       Die deutsche Zentralgewalt [72] und die Schweiz
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 153 vom 26. November 1848]
       * Köln,  24. November.  In den Komödien des vorigen Jahrhunderts,
       namentlich den  französischen, fehlt  es nie  an einem Bedienten,
       der das  Publikum dadurch erheitert, daß er jeden Augenblick Prü-
       gel, Püffe  und, in  Szenen von besonderm Effekt, sogar Fußtritte
       bekommt. Die Rolle dieser Bedienten ist gewiß nicht dankbar, aber
       sie ist  noch beneidenswert  gegen eine  Rolle,  die  auf  unserm
       Frankfurter Reichstheater  stehend ist: gegen die des Reichsmini-
       sters der auswärtigen Angelegenheiten. Die Bedienten im Lustspiel
       haben wenigstens  ein Mittel,  sich zu  rächen -  sie haben Witz.
       Aber der Reichsminister!
       Seien wir  gerecht. Das  Jahr 1848 trägt allen Ministern der aus-
       wärtigen Angelegenheiten  keine Rosen.  Palmerston und Nesselrode
       sind bis  jetzt froh  gewesen, daß  man sie  in  Ruhe  ließ.  Der
       schwunghafte Lamartine, der mit seinen Manifesten selbst deutsche
       alte Jungfern und Witwen zu Tränen rührte, hat sich mit zerknick-
       ten und  zerrupften Schwingen  verschämt auf die Seite schleichen
       müssen. Sein  Nachfolger, Bastide,  der noch  vor einem  Jahr  im
       "National" [73] und der obskuren "Revue nationale" [74] als offi-
       zieller Kriegsdrommetenschmetterer  die tugendhafteste Entrüstung
       über die  feige  Politik  Guizots  ausschüttete,  vergießt  jetzt
       allabendlich stille  Tränen über  die Lektüre  seiner ouvres com-
       plètes de la veille 1*) und über den herben Gedanken, daß er tag-
       täglich mehr  zum Guizot  der honetten  Republik herabsinkt. Alle
       diese Minister  haben jedoch  einen Trost: Ist es ihnen im Großen
       schlecht gegangen,  so haben  sie im Kleinen, in dänischen, sizi-
       lianischen, argentinischen,  walachischen und  andern  entlegenen
       Fragen, Revanche  nehmen können. Selbst der preußische auswärtige
       Minister, Herr Arnim, als er den unangenehmen
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       1*) gesammelten Werke vom Vorabend (der Revolution)
       
       #47# Die deutsche Zentralgewalt und die Schweiz
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       dänischen Waffenstillstand  schloß, hatte  die Genugtuung,  nicht
       bloß der Geprellte zu sein, sondern auch jemanden zu prellen, und
       dieser Jemand war - der Reichsminister!
       In der  Tat, der  Reichsminister des  Auswärtigen ist der einzige
       von allen, der eine rein passive Rolle gespielt, der Stöße erhal-
       ten, aber  keinen einzigen ausgeteilt hat. Er ist seit den ersten
       Tagen seines  Amtsantritts das auserkorne Sündenlamm gewesen, auf
       den alle Kollegen der Nachbarstaaten ihre Galle ausgössen, an dem
       sie alle  Vergeltung nahmen für die kleinen Leiden des diplomati-
       schen Lebens,  an denen  auch sie ihren Teil zu tragen hatten. Da
       er geschlagen  und gemartert wurde, tat er seinen Mund nicht auf,
       wie ein  Lamm, das  zur Schlachtbank  geführt wird. Wo ist einer,
       der da  sagen kann,  der Reichsminister  habe ihm ein Härlein ge-
       krümmt? Wahrlich,  die deutsche  Nation wird  es Herrn Schmerling
       nie vergessen, daß er mit solcher Entschlossenheit und Konsequenz
       die Traditionen  des  alten  heiligen  römischen  Reichs  wieder-
       aufzunehmen gewagt hat.
       Sollen wir  den Duldermut,  den Herr v. Schmerling entfaltet hat,
       durch ein  Register seiner diplomatischen Erfolge noch konstatie-
       ren? Sollen  wir zurückkommen  auf die Reise des Herrn Max Gagern
       von Frankfurt  nach Schleswig,  jenes würdige Seitenstück zu wei-
       land "Sophiens Reise von Memel nach Sachsen"? [75] Sollen wir die
       ganze erbauliche  Historie vom  dänischen Waffenstillstand wieder
       hervorsuchen? Sollen  wir auf die verunglückte Mediationsanerbie-
       tung in  Piémont und  auf Herrn Heckschers diplomatische Studien-
       reise aus Reichsstipendien eingehen? Es ist nicht nötig. Die Tat-
       sachen sind  zu neu  und zu schlagend, als daß man sie nur zu er-
       wähnen brauchte.
       Aber alles  hat seine Grenzen, und am Ende muß auch der Geduldig-
       ste einmal  zeigen, daß  er Haare  auf den  Zähnen hat,  sagt der
       deutsche Spießbürger.  Getreu dieser Maxime einer Klasse, die un-
       sere Herren  Staatsmänner für die große wohlgesinnte Majorität in
       Deutschland erklären,  hat Herr v. Schmerling endlich auch einmal
       das Bedürfnis  gefühlt, zu  zeigen, daß  er Haare  auf den Zähnen
       hat. Das  Sündenlamm suchte einen Sündenbock und glaubte ihn end-
       lich in  der Schweiz  gefunden zu  haben. Die Schweiz - kaum zwei
       und eine halbe Million Einwohner, Republikaner obendrein, die Zu-
       fluchtstätte, von der aus Hecker und Struve nach Deutschland ein-
       gefallen [76]  und das neue heilige römische Reich schwer beunru-
       higt haben  -, kann man eine bessere und zugleich ungefährlichere
       Gelegenheit finden,  zu beweisen,  daß  das  "große  Deutschland"
       Haare auf den Zähnen hat?
       Sofort wurde eine "energische" Note an den Vorort [77] Bern wegen
       der Umtriebe  der Flüchtlinge  gerichtet. Der  Vorort Bern jedoch
       antwortete dem
       
       #48# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       "großen Deutschland"  im Namen der "kleinen Schweiz" ebenso ener-
       gisch im  Bewußtsein seines  guten Rechts.  Das aber  schüchterte
       Herrn Schmerling  keineswegs ein.  Die Haare wuchsen ihm erstaun-
       lich schnell  auf den Zähnen, und schon am 23. Oktober wurde eine
       neue, noch  "energischere" Note  abgefaßt und  am 2. November dem
       Vorort behändigt.  Hier  drohte  Herr  Schmerling  der  unartigen
       Schweiz schon mit der Rute. Der Vorort, noch rascher bei der Hand
       als der  Reichsminister, antwortete  schon zwei  Tage darauf  mit
       derselben Ruhe  und Entschiedenheit  wie früher, und Herr Schmer-
       ling wird  nun also  seine "Vorkehrungen und Maßregeln" gegen die
       Schweiz in  Kraft treten  lassen. [789  Er ist bereits damit aufs
       eifrigste beschäftigt,  wie er in der Frankfurter Versammlung er-
       klärt hat.
       Wäre diese  Drohung ein  gewöhnliches Reichspossenspiel,  wie wir
       deren schon so viele in diesem Jahr gesehen, wir würden kein Wort
       darüber verlieren.  Da aber unsern Reichs-Don-Quixoten oder viel-
       mehr Reichs-Sanchos  in der Verwaltung des auswärtigen Amts ihrer
       Insel Barataria [79] nie Unverstand genug zuzutrauen ist, so kann
       es leicht  kommen, daß wir durch diese Schweizer Differenz in al-
       lerhand neue  Verwicklungen geraten. Quidquid délirant reges usw.
       [80]
       Sehen wir uns also die Reichsnote an die Schweiz etwas näher an.
       Es ist  bekannt, daß die Schweizer das Deutsche schlecht sprechen
       und nicht viel besser schreiben. Aber die Antwortnote des Vororts
       ist, was  den Stil  angeht, ein  goethisch-gerundetes Meisterwerk
       gegen das schülerhafte, unbeholfene, stets um den Ausdruck verle-
       gene Deutsch  des Reichsministeriums. Der schweizerische Diplomat
       (wie es  heißt, der  Bundeskanzler  Schieß)  scheint  absichtlich
       seine Sprache  besonders rein,  fließend und gebildet gehalten zu
       haben, um  schon in dieser Beziehung einen ironischen Kontrast zu
       bilden gegen  die Note  des Reichs  Verwesers, die  von einem der
       Rotmäntel [81] Jellachichs gewiß nicht schlechter stilisiert wor-
       den wäre.  Es sind Sätze in der Reichsnote, die gar nicht zu ver-
       stehen, und andere, die von vollendeter Holprigkeit sind, wie man
       weiter unten  sehen wird.  Aber sind nicht diese Sätze gerade ge-
       schrieben "in  der  S p r a c h e  d e r  G e r a d h e i t,  die
       die Regierung des Reichsverwesers im Völkerverkehr sich stets zur
       Pflicht machen wird"?
       Nicht besser  geht es  dem Herrn Schmerling, was den Inhalt anbe-
       trifft. Gleich im ersten Absatz erinnert er
       
       "an die  Tatsache, daß über die deutsche Note vom 30.Juni d.J. in
       der Tagsatzung  mehrere Wochen hindurch, bevor irgendeine Antwort
       erfolgte, in  einem Tone  verhandelt wurde, welcher zu jener Zeit
       einem Vertreter Deutschlands den Aufenthalt in der Schweiz unmög-
       lich gemacht haben würde".
       
       (Hier ist gleich eine Stilprobe.)
       
       #49# Die deutsche Zentralgewalt und die Schweiz
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       Der Vorort  ist gutmütig  genug, der  "Regierung des Reichsverwe-
       sers" nach  den Protokollen  der Tagsatzung [30] zu beweisen, daß
       diese "mehrere  Wochen langen"  Debatten sich  auf  eine  einzige
       kurze Verhandlung  an  e i n e m  e i n z i g e n  Tage beschrän-
       ken. Man  sieht, wie  unser Reichsminister, statt die Aktenstücke
       nachzuschlagen, lieber  dem Schatz seines verworrenen Gedächtnis-
       ses vertraut. Wir werden dafür noch mehr Beweise finden.
       Die Regierung  des Reichsverwesers kann übrigens in dieser Gefäl-
       ligkeit des  Vororts, in  der Bereitwilligkeit,  mit der er ihrem
       schwachen Gedächtnis  nachhilft, einen  Beweis  der  "freundnach-
       barlichen Gesinnungen"  der Schweiz finden. Wahrhaftig, hätte sie
       sich beigehen  lassen, in  einer Note  auf ähnliche Weise von den
       englischen Parlamentsdebatten  zu sprechen, die trockene Insolenz
       Palmerstons würde  ihr ganz  anders die  Tür gewiesen  haben! Der
       preußische  und  östreichische  Gesandte  in  London  können  ihr
       erzählen, was  über  ihre  resp.  Staaten  und  Noten  öffentlich
       verhandelt wurde,  ohne daß ein Mensch daran dachte, daß ihr Auf-
       enthalt in  London dadurch unmöglich geworden. Diese Schüler wol-
       len der  Schweiz Völkerrecht  beibringen und wissen nicht einmal,
       daß von den Verhandlungen souveräner Versammlungen sie nur  d a s
       angeht, was  beschlossen, nicht aber das, was geredet wird! Diese
       Logiker behaupten  in derselben  Note, "die Schweiz werde wissen,
       daß Angriffe  auf die Preßfreiheit nicht von Deutschland ausgehen
       könnten" (diese  Zeilen in  der "N[euen] Rhein[ischen] Z[eitung]"
       abzudrucken, reicht  schon hin,  um sie  bitter zu ironisieren) -
       und wollen  sich sogar  in die  Freiheit der  Debatte der  damals
       höchsten schweizerischen Behörden mischen!
       
       "Ein Streit  über Grundsätze  liegt nicht  vor. Es  handelt  sich
       nicht um  das Asylrecht,  noch um  die Preßfreiheit.  Die Schweiz
       wird wissen,  daß Angriffe  gegen diese Rechte nicht von Deutsch-
       land ausgehen  können. Sie  hat wiederholt  erklärt, daß  sie den
       Mißbrauch derselben  nicht dulden  werde, sie  hat anerkannt, daß
       das Asylrecht  nicht zu  einem Gewerbe für die Schweiz" (was soll
       das heißen?), "zu einem Kriegszustand für Deutschland" (das Asyl-
       recht ein Kriegszustand, welches Deutsch!) "werden dürfe, daß ein
       Unterschied sein  müsse zwischen  einem Obdach  für Verfolgte und
       einem Schlupfwinkel für Wegelagerer."
       
       "Schlupfwinkel für  Wegelagerer!" Sind Rinaldo Rinaldini 1821 und
       sämtliche bei Gottfried Basse in Quedlinburg erschienenen Räuber-
       hauptleute aus  den Abruzzen  mit ihren Banden an den Rhein gezo-
       gen, um  bei gelegener  Zeit das badische Oberland auszuplündern?
       Ist Karl Moor im Anzüge aus den böhmischen Wäldern? Hat Schinder-
       hannes auch einen Bruderssohn hinterlassen, der als "Neffe seines
       Onkels" [83]  die Dynastie  von der  Schweiz aus fortsetzen will?
       Weit entfernt!  Struve, der  im badischen  Gefängnis sitzt,  Frau
       Struve und  die paar  Arbeiter, die   u n b e w a f f n e t  über
       die Grenze zogen, das sind die
       
       #50# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       "Wegelagerer", die  in der  Schweiz ihre  "Schlupfwinkel"  hatten
       oder noch haben sollen. Die Reichsgewalt, nicht zufrieden mit den
       Gefangenen, an  denen sie sich rächen kann, entäußert sich so al-
       les Anstandes,  daß sie  den glücklich  Entronnenen  Schimpfworte
       über den Rhein nachschleudert.
       
       "Die Schweiz  weiß, daß  man ihr  keine Preßverfolgungen zumutet,
       daß nicht  von den  Zeitungs- und Flugblättern, sondern von deren
       Urhebern die  Rede ist,  welche dicht  an der  Grenze bei Tag und
       Nacht durch  massenweise Einschleppung  von Brandschriften  einen
       niedrigen Schmuggelkrieg gegen Deutschland führen."
       
       "Einschleppung!"  "Brandschriften!"  "niedriger  Schmuggelkrieg!"
       Die Ausdrücke  werden immer  gebildeter, immer  diplomatischer  -
       aber hat  sich nicht die Regierung des Reichsverwesers "die Spra-
       che der Geradheit zur Pflicht gemacht"?
       Und in  der Tat,  ihre Sprache  ist von merkwürdiger "Geradheit"!
       Sie mutet  der Schweiz  keine Preßverfolgungen  zu;  sie  spricht
       nicht von  den "Zeitungen  und Flugblättern",  sondern von "deren
       U r h e b e r n".   Diesen soll das Handwerk gelegt werden. Aber,
       ehrliche "Regierung des Reichsverwesers", wenn man in Deutschland
       einem Blatt  den Prozeß  macht, z.B. der "Neuen Rheinischen] Zei-
       tung", handelt  es sich da um das Blatt, das in aller Welt Händen
       ist und  nicht mehr der Zirkulation entzogen werden kann, oder um
       die "Urheber",  die man  einsteckt und  vor Gericht stellt? Diese
       brave Regierung  verlangt keine  Verfolgungen gegen  die  Presse,
       bloß gegen die  U r h e b e r  der Presse. Ehrliche Haut! Wunder-
       bare "Sprache der Geradheit"!
       Diese Urheber  "führen durch massenweise Einschleppung von Brand-
       schriften einen niedrigen Schmuggelkrieg gegen Deutschland". Dies
       Verbrechen der  "Wegelagerer" ist  wirklich unverzeihlich,  um so
       mehr, als  "es bei  Tag und Nacht" geschieht, und daß die Schweiz
       dies duldet, ist ein himmelschreiender Bruch des Völkerrechts.
       Von Gibraltar  aus werden  ganze Schiffsladungen englischer Waren
       nach Spanien  hineingeschmuggelt, und  die spanischen Pfaffen er-
       klären, daß  die Engländer  von dort aus "durch Einschleppung von
       evangelischen Brandschriften",  z.B. spanischen Bibeln der Bibel-
       gesellschaft, einen  niedrigen Schmuggelkrieg  gegen die katholi-
       sche Kirche führen. Die Fabrikanten von Barcelona fluchen ebenso-
       sehr über  den niedrigen  Schmuggelkrieg, der durch Einschleppung
       englischer Kalikos von dort aus gegen die spanische Industrie ge-
       führt wird.  Aber der  spanische Gesandte  sollte sich nur einmal
       darüber beschweren,  und Palmerston  würde  ihm  antworten:  Thou
       blockhead 1*), gerade
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       1*) Du Dummkopf
       
       #51# Die deutsche Zentralgewalt und die Schweiz
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       deswegen haben wir ja Gibraltar genommen! Alle andern Regierungen
       haben bisher  zuviel Takt,  Geschmack und Überlegung besessen, um
       sich in  Noten über  den Schmuggel  zu beschweren. Aber die naive
       Regierung des  Reichsverwesers spricht  so sehr  die "Sprache der
       Geradheit", daß  sie höchst  treuherzig erklärt, die Schweiz habe
       das Völkerrecht  verletzt, wenn die badischen Grenzaufseher nicht
       gehörig aufpassen.
       
       "Die Schweiz  kann endlich  auch darüber  nicht im unklaren sein,
       daß das  Recht des  Auslandes, sich solcher  U n b i l l  zu ver-
       wehren, nicht  davon abhängen kann, ob es den schweizerischen Be-
       hörden an der Macht oder am Willen fehlt, sie zu verhüten."
       
       Die Regierung des Reichsverwesers scheint vollständig "darüber im
       unklaren zu  sein, daß das Recht" der Schweiz, jeden ruhig gewäh-
       ren zu  lassen, der sich den Landesgesetzen unterwirft, sollte er
       auch durch Einschleppung etc. einen niedrigen Schmuggelkrieg etc.
       führen, "nicht  davon abhängen kann, ob es den  d e u t s c h e n
       Behörden an der Macht oder am Willen fehlt", diesen Schmuggel "zu
       verhüten". Die  Regierung des  Reichsverwesers beherzige die Ant-
       wort Heines  an den  Hamburger, der ihm vom großen Brande vorjam-
       merte:
       
       Schafft Euch beßre Gesetze an,
       Und beßre Feuerspritzen - [84]
       
       und sie wird nicht mehr nötig haben, sich fernerhin durch die Ge-
       radheit ihrer Sprache lächerlich zu machen.
       "Nur über  die Tatsachen  ist Streit",  heißt es  weiter, und wir
       werden also endlich außer dem niedrigen Schmuggelkrieg einige an-
       dere, bedeutende Tatsachen hören. Wir sind begierig.
       
       "Der hohe  Vorort verlangt,  unter Berufung auf seine Nichtkennt-
       nis, daß er den bestimmten Nachweis von Vorgängen erhalte, welche
       die gegen  die schweizerischen Behörden erhobenen Anklagen zu er-
       härten vermögen."
       
       Offenbar ein  sehr vernünftiges  Verlangen von  seiten des  hohen
       Vororts. Und  die Regierung  des Reichsverwesers  wird bereitwil-
       ligst diesem billigen Verlangen entsprechen?
       Keineswegs. Man höre nur:
       
       "Aber ein  kontradiktorisches Verfahren zwischen Regierungen über
       weltlkundige Dinge liegt nicht in der Sitte der Völker."
       
       Da habt ihr eine derbe Lektion des Völkerrechts für die arrogante
       kleine Schweiz, die da glaubt, mit der Regierung des Reichsverwe-
       sers des großen Deutschlands ebenso naseweis umspringen zu dürfen
       wie weiland das kleine
       
       #52# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Dänemark. Sie  sollte sich  ein Exempel  nehmen an  dem dänischen
       Waffenstillstand und  bescheidener werden.  Es könnte  ihr  sonst
       ebenso gehen.
       Wenn  die  Auslieferung  eines  gemeinen  Verbrechers  von  einem
       Nachbarstaate verlangt wird, so läßt man sich in ein kontradikto-
       risches Verfahren  ein, mag  das Verbrechen  noch so "weltkundig"
       sein. Aber  das kontradiktorische  Verfahren  oder  vielmehr  der
       bloße Nachweis  der Schuld,  den die  Schweiz verlangt, ehe sie -
       nicht gegen  übergetretene gemeine  Verbrecher, auch  nicht gegen
       Flüchtlinge, nein,  gegen ihre  e i g e n e n  aus demokratischer
       Volkswahl hervorgegangenen   B e a m t e n  einschreitet - dieser
       Nachweis "liegt  nicht in  der Sitte  der Völker"!  Wahrlich, die
       "Sprache der  Geradheit" verleugnet  sich nicht einen Augenblick.
       G e r a d e r   heraus kann man nicht gestehen, daß man keine Be-
       weise zu bringen hat.
       Und jetzt  folgt ein Hagel von Fragen, in dem alle diese weltkun-
       digen Tatsachen aufgezählt werden.
       
       "Zweifelt jemand  an dem  Treiben  der  deutschen  Aufwiegler  in
       d e r  Schweiz?"
       
       Gewiß niemand,  ebensowenig wie  an dem Treiben des Herrn Schmer-
       ling in  Frankfurt. Daß  die deutschen Flüchtlinge in der Schweiz
       meistens irgend  etwas "treiben",  ist klar.  Die Frage  ist nur,
       w a s   sie treiben, und das weiß offenbar Herr Schmerling selbst
       nicht, sonst würde er's sagen.
       
       "Zweifelt jemand an der Flüchtlingspresse?"
       Gewiß niemand.  Aber Herr  Schmerling selbst erklärt ja, Angriffe
       gegen die  Preßfreiheit könnten nicht von Deutschland kommen. Und
       wenn sie  kämen, die  Schweiz würde sie wahrhaftig zurückzuweisen
       wissen. Was  heißt denn  diese Frage?  Übersetzen wir sie aus der
       "Sprache der  Geradheit" ins Deutsche, so heißt sie weiter nichts
       als: Die Schweiz soll für die Flüchtlinge die Preßfreiheit aufhe-
       ben. A un autre, Monsieur de Schmerling! 1*)
       
       "Soll Deutschland  vor Europa die Wallfahrten nach Muttenz bewei-
       sen?"
       
       Gewiß nicht,  schlaue "Regierung  des Reichsverwesers".  Aber daß
       diese Wallfahrten  die Ursache des Struveschen Einfalles oder wo-
       möglich irgendeiner  andern Unternehmung  gewesen sind,  die mehr
       Grund zur  Klage gegen  die Schweiz  gibt, das zu beweisen, würde
       der Regierung  des Reichsverwesers keine Schande, aber desto mehr
       Schwierigkeiten machen.
       Der Vorort  ist abermals  so gefällig,  mehr zu  tun, als "in der
       Sitte der  Völker liegt", und Herrn Schmerling daran zu erinnern,
       daß die Wallfahrten nach
       -----
       1*) Erzählen Sie das einem anderen, Herr von Schmerling!
       
       #53# Die deutsche Zentralgewalt und die Schweiz
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       Muttenz [85]  gerade Hecker  galten, daß  Hecker   g e g e n  den
       zweiten Einfall  war, daß  er sogar,  um allen Zweifel über seine
       Absichten niederzuschlagen,  nach Amerika  ging,  daß  unter  den
       Wallfahrern hervorragende  Mitglieder der  deutschen Nationalver-
       sammlung waren.  Der Vorort ist delikat genug, selbst der undeli-
       katen  Note  des  Herrn  Schmerling  gegenüber  den  letzten  und
       schlagendsten  Grund   nicht  zu   erwähnen:  daß   nämlich   die
       "Wallfahrer" ja wieder nach Deutschland zurückgingen und dort von
       der Regierung des Reichsverwesers jeden Augenblick für irgendwel-
       che strafbare  Handlung, für all ihr "Treiben" in Muttenz zur Re-
       chenschaft gezogen  werden konnten. Daß dies nicht geschehen, be-
       weist am besten, daß die Regierung des Reichsverwesers keine Data
       hat, die die Wallfahrer inkriminieren, daß sie also noch viel we-
       niger den schweizerischen Behörden in dieser Beziehung einen Vor-
       wurf machen kann.
       
       "Oder die Versammlungen auf dem Birsfelde?"
       
       Die "Sprache  der Geradheit"  ist eine schöne Sache. Wer, wie die
       Regierung des Reichsverwesers, sich diese Sprache "zur Pflicht im
       Völkerverkehr gemacht  hat", der  braucht bloß  nachzuweisen, daß
       Versammlungen überhaupt  oder auch Versammlungen von Flüchtlingen
       auf dem  Birsfelde stattgefunden haben, um den Schweizer Behörden
       grobe Verletzung  des Völkerrechts  vorwerfen  zu  können.  Andre
       Sterbliche müßten  freilich erst  nachweisen, was  in diesen Ver-
       sammlungen Völkerrechtwidriges  vorgefallen.  Aber  das  sind  ja
       "weltkundige Tatsachen",  so weltkundig,  daß, ich  wette,  keine
       drei unter  den Lesern  der  "N[euen]  Rheinischen]  Z[ei]t[un]g"
       sind,  die  überhaupt  wissen,  von  welchen  Versammlungen  Herr
       Schmerling spricht.
       
       "Oder die  Rüstungen der  Unheilstifter, die längs der Grenze, in
       Rheinfelden, Zurzach,  Gottlieben und  Laufen ihr  Wesen  treiben
       dürfen?"
       
       Gottlob! Wir  erfahren endlich  etwas Näheres  über das "Treiben"
       der Flüchtlinge.  Wir haben  Herrn von  Schmerling unrecht getan,
       als wir  meinten, er wisse nicht, was die Flüchtlinge trieben. Er
       weiß nicht  nur,   w a s   sie treiben,  er weiß  auch,  w o  sie
       treiben.   W o   treiben sie? In Rheinfelden, Zurzach, Gottlieben
       und Laufen längs der Grenze.  W a s  treiben sie? "Ihr Wesen!"
       "Sie treiben ihr Wesen!" Kolossale Schändung alles Völkerrechts -
       ihr Wesen! Was treibt denn die Regierung des Reichsverwesers, da-
       mit sie das Völkerrecht nicht verletzt - etwa "ihr Unwesen"?
       Aber Herr  v. Schmerling spricht von Rüstungen". Und da unter den
       Städten, wo  die Flüchtlinge  zum Schrecken des ganzen Reichs ihr
       Wesen treiben,  mehrere sind, die dem Kanton Aargau angehören, so
       nimmt der  Vorort ihn zum Beispiel. Er tut wieder ein übriges, er
       tut abermals mehr, als "in der
       
       #54# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Sitte der  Völker liegt",  und erbietet  sich, durch ein "kontra-
       diktorisches Verfahren" nachzuweisen, daß damals im Kanton Aargau
       nur 25  Flüchtlinge lebten,  daß davon  nur 10  am zweiten  Frei-
       scharenzuge Struves  teilnahmen und  daß  auch  diese    u n b e-
       w a f f n e t   nach Deutschland  hinübergingen.  Das  waren  die
       ganzen "Rüstungen".  Aber was  heißt das?  Die  übrigen  15,  die
       zurückblieben, waren  gerade die  Gefährlichsten. Sie blieben of-
       fenbar nur  zurück,  um  "ihr  Wesen"  ununterbrochen  weiter  zu
       "treiben"!
       Das sind die gewichtigen Anklagen der "Regierung des Reichsverwe-
       sers" gegen  die Schweiz. Weiter weiß sie nichts vorzubringen und
       braucht es  auch nicht,  da es  "nicht in  der Sitte  der  Völker
       liegt" usw.  Ist die Schweiz schamlos genug, durch diese Anklagen
       noch  nicht   niedergeschmettert   zu   sein,   so   werden   die
       "Entschließungen" und "Vorkehrungen" der Regierung des Reichsver-
       wesers die  niederschmetternde Wirkung  nicht verfehlen. Die Welt
       ist begierig  zu erfahren,  wie diese Entschließungen und Vorkeh-
       rungen beschaffen sein werden, um so begieriger, als Herr Schmer-
       ling sie mit dem größten Geheimnis betreibt und selbst der Frank-
       furter Versammlung  nichts Näheres  mitteilen will. Die Schweizer
       Presse hat  indes schon  nachgewiesen, daß alle Repressalien, die
       Herr Schmerling  ergreifen kann, weit schädlicher auf Deutschland
       wirken müssen als auf die Schweiz, und nach allen Berichten sehen
       die Schweizer  den "Vorkehrungen und Entschließungen" der reichs-
       verweserlichen Regierung  mit dem  größten Humor entgegen. Ob die
       Herren Minister  in Frankfurt  denselben Humor  behaupten werden,
       besonders wenn englische und französische Noten dazwischenkommen,
       müssen wir erwarten. Nur eins ist gewiß: Die Sache wird enden wie
       der dänische  Krieg [86]  - mit  einer neuen Blamage, die diesmal
       aber nur das  o f f i z i e l l e  Deutschland treffen wird.
       
       Geschrieben von Friedrich Engels.

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