Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849


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       Die Taten des Hauses Hohenzollern
       
       ["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 294 vom 10. Mai 1849]
       * Köln,  9. Mai. Die Regierung des Herrn von Hohenzollern scheint
       in den  letzten Tagen ihrer Existenz und der Existenz des preußi-
       schen Staats  den alten Ruf des preußischen und Hohenzollernschen
       Namens noch einmal aufs vollste bewähren zu wollen.
       Wer kennt nicht die Charakteristik aus Heines Gedicht:
       
       Ein Kind mit großem Kürbiskopf,
       Mit langem Schnurrbart, greisem Zopf,
       Mit spinnig langen, doch starken Ärmchen,
       Mit Riesenmagen, doch kurzen Gedärmchen,
       Ein Wechselbalg... [407]
       
       Wer kennt  nicht die Treubrüche, die Perfidien, die Erbschleiche-
       reien, durch  die jene  Familie von Korporalen groß geworden ist,
       die den Namen Hohenzollern trägt?
       Man weiß,  wie  der  sogenannte  "große  Kurfürst"  (als  ob  ein
       "Kurfürst" je "groß" sein könnte!) den ersten Verrat an Polen be-
       ging, indem er, der Alliierte Polens gegen Schweden, plötzlich zu
       den Schweden  überging, um Polen im Frieden von Oliva [408] desto
       besser plündern zu können.
       Man kennt  die abgeschmackte  Figur Friedrichs  I.,  die  brutale
       Roheit Friedrich Wilhelms I.
       Man weiß,  wie Friedrich  II., der Erfinder des patriarchalischen
       Despotismus, der  Freund der Aufklärung vermittelst der Stockprü-
       gel, sein  Land an  französische Entrepreneurs  1*)  meistbietend
       versteigerte; man weiß, wie er sich mit Rußland und Östreich ver-
       band, um  einen Raub  an Polen  [409] zu begehen, der noch jetzt,
       nach der Revolution von 1848, als ein unabgewaschener Schandfleck
       auf der deutschen Geschichte sitzt.
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       1*) Unternehmer
       
       #478# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Man weiß,  wie Friedrich  Wilhelm II. den Raub an Polen vollenden
       half, wie  er die geraubten polnischen National- und Kirchengüter
       an seine Höflinge verschleuderte.
       Man weiß,  wie er 1792 mit Östreich und England die Koalition zur
       Unterdrückung der glorreichen französischen Revolution schloß und
       in Frankreich  einfiel; man  weiß ebenfalls, wie sein "herrliches
       Kriegsheer", mit Schimpf und Schande bedeckt, aus Frankreich her-
       ausgetrieben wurde.
       Man weiß,  wie er  dann seine  Alliierten im Stiche ließ und sich
       beeilte, mit  der französischen  Republik  Friede  zu  schließen.
       [410]
       Man weiß,  wie er, der für den legitimen König von Frankreich und
       Navarra zu  schwärmen vorgab, die Krondiamanten ebendieses Königs
       um ein  billiges der  französischen Republik  abkaufte und so mit
       dem Unglück seines "Herrn Bruders Liebden" Wucher trieb.
       Man weiß,  wie er,  dessen ganzes Leben ein echt hohenzollersches
       Gemisch von Üppigkeit und Mystizismus, von greisenhafter Lüstern-
       heit und kindischem Aberglauben war, die Freiheit der Gedankenäu-
       ßerung in Bischoffwerderschen Edikten [411] mit Füßen trat.
       Man weiß,  wie  sein  Nachfolger,  Friedrich  Wilhelm  III.,  der
       "Gerechte", seine alten Bundesgenossen für das ihm als Köder hin-
       geworfene Hannover an Napoleon verriet.
       Man weiß, wie er gleich darauf Napoleon an ebendieselben ehemali-
       gen Bundesgenossen  verriet, indem er, im Solde Englands und Ruß-
       lands, die in der Person Napoleons verkörperte französische Revo-
       lution angriff.
       Man weiß, welchen Erfolg dieser Angriff hatte: die unerhörte Nie-
       derlage des  "herrlichen Kriegsheeres" bei Jena [359], das plötz-
       liche Ausbrechen der moralischen Läusekrankheit am ganzen preußi-
       schen Staatskörper,  eine Reihe von Verrätereien, Niederträchtig-
       keiten und  Kriechereien preußischer  Beamten, davor Napoleon und
       seine Generale sich mit Ekel abwandten.
       Man weiß,  wie Friedrich  Wilhelm III.  1813 das  preußische Volk
       durch schöne  Worte und  herrliche Verheißungen  wirklich so weit
       brachte,  daß   es  glaubte,   gegen  die   Franzosen  in   einen
       "Befreiungskrieg" zu ziehen, obwohl es sich um weiter nichts han-
       delte als  um die  Unterdrückung der französischen Revolution und
       die Herstellung der alten Wirtschaft von Gottes Gnaden. [412]
       Man weiß,  wie die schönen Versprechungen vergessen waren, sobald
       die Heilige  Allianz [167] am 30. März 1814 ihren Einzug in Paris
       gehalten hatten.
       Man weiß,  wie bei  der Rückkehr Napoleons von Elba die Begeiste-
       rung des  Volkes schon  wieder so weit abgekühlt war, daß der Ho-
       henzoller durch das Versprechen einer Konstitution (Edikt vom 22.
       Mai 1815 [141] - 4 Wochen vor der Schlacht von Waaterloo) den er-
       loschenen Eifer wieder beleben mußte.
       
       #479# Die Taten des Hauses Hohenzollern
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       Man erinnert  sich der  Verheißungen der deutschen Bundesakte und
       der Wiener Schlußakte [413]: Preßfreiheit, Verfassung usw.
       Man weiß,  wie der "gerechte" Hohenzoller sein Wort gehalten hat:
       Heilige Allianz  und  Kongresse  zur  Unterdrückung  der  Völker,
       Karlsbader Beschlüsse  [414], Zensur,  Polizeidespotismus, Adels-
       herrschaft, Bürokratenwillkür,  Kabinettsjustiz, Demagogenverfol-
       gungen, Massenverurteilungen,  Finanzverschleuderung und  - keine
       Konstitution.
       Man weiß, wie 1820 dem Volk die Nichterhöhung der Steuern und der
       Staatsschulden garantiert  wurde [142]  und wie  der  Hohenzoller
       sein Wort  hielt: Erweiterung  der Seehandlung [152] zu einer ge-
       heimen Leihanstalt für den Staat.
       Man weiß, wie der Hohenzoller auf den Ruf des französischen Volks
       in der  Julirevolution antwortete:  Truppenmassen an  die Grenze,
       Niederhaltung des  eigenen Volks,  Erdrückung der Bewegung in den
       kleineren deutschen  Staaten, schließliche Knechtung dieser Staa-
       ten unter die Knute der Heiligen Allianz.
       Man weiß,  wie derselbe Hohenzoller im russisch-polnischen Kriege
       [233] die  Neutralität verletzte,  indem er  den Russen erlaubte,
       über sein Gebiet zu passieren und dadurch den Polen in den Rücken
       zu kommen,  indem er  ihnen die preußischen Arsenale und Magazine
       zur Verfügung  stellte, indem  er jedem  geschlagenen  russischen
       Korps eine sichere Zuflucht in Preußen bot.
       Man weiß, wie das ganze Bestreben des Hohenzollerschen Unterknäs,
       im Einklang mit den Zwecken der Heiligen Allianz, dahin ging, den
       Adel, die Bürokratie und das Militär in ihrer Herrschaft zu befe-
       stigen, alle Freiheit der Äußerung, allen Einfluß des "beschränk-
       ten Untertanenverstandes"  [415] auf  die Regierung  mit brutaler
       Gewalt zu  erdrücken, und zwar nicht nur in Preußen, sondern auch
       im übrigen Deutschland.
       Man weiß, daß selten eine Regierungsepoche verflossen ist, in der
       solche löbliche Absichten mit brutaleren Gewaltmaßregeln durchge-
       setzt wurden  als in  der Zeit  Friedrich Wilhelm III., besonders
       von 1815-1840.  Nie und nirgends ist so viel verhaftet und verur-
       teilt worden,  nie waren die Festungen so voll politischer Gefan-
       genen wie  unter diesem "gerechten" Herrscher. Und vollends, wenn
       man bedenkt, welche unschuldige Tölpel diese Demagogen waren.
       Sollen wir  auch noch auf den Hohenzoller zu sprechen kommen, der
       nach dem  Mönch von  Lehnin [416] "der letzte seines Stammes sein
       wird"? Sollen  wir sprechen  von der Wiedergeburt der christlich-
       germanischen Herrlichkeit  und von  der Auferstehung  der blassen
       Finanznot, vom Schwanenorden [417] und vom Oberzensurgericht, vom
       Vereinigten Landtag [137] und von der
       
       #480# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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       Generalsynode, vom "Stück Papier "1161 ' und von den vergeblichen
       Versuchen, Geld  zu borgen,  und all den übrigen Errungenschaften
       der glorreichen  Epoche von 1840-1848? Sollen wir aus Hegel nach-
       weisen, warum  es gerade  ein Komiker sein muß, der die Reihe der
       Hohenzollern schließt?
       Es wird  nicht nötig  sein. Die aufgeführten Data reichen hin, um
       den hohenzollerisch-preußischen  Namen vollständig zu charakteri-
       sieren. Es ist wahr, der Glanz dieses Namens war einen Augenblick
       geschwächt; aber seit das Siebengestirn Manteuffel u. Kons[orten]
       [118] die Krone umgibt, ist die alte Herrlichkeit wieder eingezo-
       gen. Wieder  ist Preußen,  wie ehedem,  ein Vizekönigreich  unter
       russischer Hoheit;  wieder ist  der Hohenzoller ein Unterknäs des
       Selbstherrschers aller  Reußen und Oberknäs über alle die kleinen
       Bojaren von Sachsen, Bayern, Hessen-Homburg, Waldeck usw.; wieder
       ist der  beschränkte Untertanenverstand  in sein  altes Recht des
       Ordre-Parierens eingesetzt.  "Mein herrliches  Kriegsheer" [196],
       solange der  Prawoslawny-Zar selbst  es nicht  gebraucht, darf in
       Sachsen, Baden,  Hessen und  der Pfalz die seit 18 Jahren zu War-
       schau herrschende  Ordnung herstellen,  darf im eigenen Lande und
       in Östreich die geborstenen Kronen mit Untertanenblut leimen. Das
       früher in  der Angst und Not des Herzens gegebene Wort schert uns
       ebensowenig als  unsere in Gott ruhenden Ahnen; und sind wir erst
       zu Hause  fertig, so ziehen wir mit klingendem Spiel und wehenden
       Fahnen gen  Frankreich und  erobern das  Land, wo  der Champagner
       wächst, und zerstören das große Babel, das die Mutter aller Sünde
       ist!
       Das sind  die Pläne unsrer hohen Regierenden; das ist der sichere
       Hafen, auf den unser edler Hohenzoller hinsteuert. Daher die sich
       häufenden Oktroyierungen und Gewaltstreiche, daher die wiederhol-
       ten Fußtritte  für die  feige Frankfurter  Versammlung; daher die
       Belagerungszustände, die  Verhaftungen und  Verfolgungen ;  daher
       das Einschreiten  der preußischen  Soldateska in  Dresden und  in
       Süddeutschland.
       Aber es  gibt noch  eine Macht,  die von  den Herren in Sanssouci
       freilich gering  geachtet wird,  die aber  dennoch ein donnerndes
       Wort dazwischen  sprechen wird. Das Volk - das Volk, das in Paris
       wie am  Rhein, in  Schlesien wie  in Österreich wutknirschend auf
       den Moment  der Erhebung wartet und das, wer weiß wie bald, allen
       Hohenzollern und  allen Ober- und Unterknäsen geben wird, was ih-
       nen gebührt.
       
       Geschrieben von Karl Marx.

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