Quelle: MEW 6 November 1848 - Juli 1849
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[Elberfeld]
["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 300 vom 17. Mai 1849,
Zweite Ausgabe]
* Köln, 16. Mai. Die "Neue Rheinische Zeitung" war auch auf den
Elberfelder Barrikaden vertreten.
Um verschiedenen falschen Gerüchten entgegenzutreten, sind wir
unsern Lesern einen kurzen Bericht über diese Angelegenheit
schuldig:
Am 10. Mai ging Friedrich Engels, Redakteur der "Neuen Rheini-
schen Zeitung", von Köln nach Elberfeld und nahm von Solingen aus
zwei Kisten Patronen mit, weiche bei dem Sturm des Gräfrather
Zeughauses durch die Solinger Arbeiter erbeutet worden waren. In
Elberfeld angekommen, stattete er dem Sicherheitsausschuß Bericht
ab über die Lage der Dinge in Köln, stellte sich dem Sicherheits-
ausschuß zur Verfügung und wurde von der Militärkommission so-
gleich mit der Leitung der Befestigungsarbeiten durch folgende
Vollmacht betraut:
"Die militärische Kommission des Sicherheitsausschusses beauf-
tragt hiermit den Herrn Friedrich Engels, die sämtlichen Barrika-
den der Stadt zu inspizieren und die Befestigungen zu vervoll-
ständigen. Sämtliche Posten auf den Barrikaden werden hiermit er-
sucht, denselben zu unterstützen, wo es not tut.
Elberfeld, 11. Mai 1849 (gez.) Hühnerbein Troost"
Am folgenden Tage wurde ihm die Artillerie ebenfalls zur Verfü-
gung gestellt:
"Vollmacht für Bürger F. Engels, die Kanonen nach seinem Gutdün-
ken aufzustellen wie auch die dazu nötigen Handwerker zu requi-
rieren, wovon die Kosten der Sicherneitsausschuß trägt.
Elberfeld, 12. Mai 1849
Der Sicherheitsausschuß
Für denselben: (gez.) Pothmann Hühnerbein Troost"
#501# Elberfeld
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Gleich am ersten Tage seiner Anwesenheit organisierte Engels eine
Kompanie Pioniere und vervollständigte die Barrikaden an mehreren
Ausgängen der Stadt. Er wohnte allen Sitzungen der Militärkommis-
sion bei und schlug ihr Herrn Mirbach zum Oberkommandanten vor,
welcher Vorschlag einstimmig angenommen wurde. An den folgenden
Tagen setzte er seine Tätigkeit fort, veränderte mehrere Barrika-
den, gab die Positionen für neue an und verstärkte die Pionier-
kompanien. Von dem Augenblicke der Ankunft Mirbachs an stellte er
sich zu seiner Verfügung und beteiligte sich ebenfalls an den
durch den Oberkommandanten abgehaltenen Kriegsräten.
Während seiner ganzen Anwesenheit genoß Engels das unbedingteste
Vertrauen sowohl der bewaffneten bergischen und märkischen Arbei-
ter wie der Freikorps.
Gleich am ersten Tage seiner Anwesenheit befrug ihn Herr Riotte,
Mitglied des Sicherheitsausschusses, über seine Absichten. Engels
erklärte, er sei hergekommen, erstens weil er von Köln aus dazu
deputiert gewesen, zweitens weil er geglaubt habe, daß er in mi-
litärischer Beziehung vielleicht nützlich verwandt werden könne,
und drittens weil er, selbst aus dem Bergischen gebürtig, es für
eine Ehrensache gehalten habe, bei der ersten bewaffneten Er-
hebung des bergischen Volks auf dem Platze zu sein. Er wünsche,
sich bloß mit militärischen Dingen zu befassen und dem politi-
schen Charakter der Bewegung gänzlich fremd zu bleiben, da es auf
der Hand liege, daß bis jetzt hier nur eine schwarz-rot-goldene
Bewegung möglich sei und daher jedes Auftreten gegen die Reichs-
verfassung vermieden werden müsse.
Herr Riotte war mit dieser Erklärung vollkommen einverstanden.
Am 14. morgens, als Engels den Oberkommandanten Mirbach zum Gene-
ralappell auf den Engelnberg begleitet hatte, kam Herr Höchster,
ebenfalls vom Sicherheitsausschuß, zu ihm und erklärte: Obwohl
gegen sein Betragen durchaus nichts zu sagen sei, so sei doch die
Elberfelder Bourgeoisie durch seine Anwesenheit im höchsten Grade
alarmiert, sie fürchte jeden Augenblick, er werde die rote Repu-
blik proklamieren, und wünsche allgemein, er möge sich entfernen.
Engels erklärte, er wolle sich weder aufdrängen noch seinen Po-
sten feige verlassen, und verlangte, ohne sich sonst zu irgend
etwas zu verpflichten, man möge ihm diesen Wunsch schwarz auf
weiß, vom gesamten Sicherheitsausschuß unterzeichnet, übergeben.
Herr Höchster brachte die Sache im Sicherheitsausschuß vor, und
noch am selben Tage wurde folgender Beschluß gefaßt:
"Der Bürger Friedrich Engels von Barmen, zuletzt in Köln wohn-
haft, wird u n t e r v o l l e r A n e r k e n n u n g seiner
in hiesiger Stadt bisher bewiesenen Tätigkeit ersucht, das
#502# Karl Marx/Friedrich Engels - "Neue Rheinische Zeitung"
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Weichbild der hiesigen Gemeinde noch heute zu verlassen,
i n d e m s e i n e A n w e s e n h e i t z u M i ß v e r-
s t ä n d n i s s e n ü b e r d e n C h a r a k t e r d e r
B e w e g u n g A n l a ß g e b e n k ö n n t e."
Schon ehe der Beschluß gefaßt, hatte Engels erklärt: Er werde der
Aufforderung des Sicherheitsausschusses nur dann Folge leisten,
wenn Mirbach es ihm befehle. Mirbach sei auf seine Veranlassung
hergekommen, und er dürfe daher nicht eher gehen, bis Mirbach ihn
entlasse.
Am 15. morgens unterzeichnete Mirbach nach vielseitigem Drängen
von Seiten des Sicherheitsausschusses endlich den fraglichen Be-
schluß, der nun auch durch Plakat bekanntgemacht wurde.
Die bewaffneten Arbeiter und Freikorps waren im höchsten Grade
aufgeregt über den Beschluß des Sicherheitsausschusses. Sie ver-
langten, Engels solle dableiben, sie würden ihn "mit ihrem Leben
schützen". Engels ging selbst zu ihnen und beruhigte sie, indem
er sie auf Mirbach verwies und erklärte, er werde nicht der erste
sein, der dem auf seine Veranlassung herbeigerufenen Kommandan-
ten, der übrigens sein unbedingtes Vertrauen besitze, den Gehor-
sam aufkündige.
Engels machte nun noch eine Rekognoszierung in die Umgegend mit
und entfernte sich von Elberfeld, nachdem er sein Kommando an
seinen Adjutanten abgetreten hatte.
Die bergischen und märkischen Arbeiter aber, die unserem Mitre-
dakteur eine so überraschende Zuneigung und Anhänglichkeit bewie-
sen haben, mögen bedenken, daß die gegenwärtige Bewegung nur das
Vorspiel einer andern, tausendmal ernsthafteren Bewegung ist, in
der es sich um ihre, der Arbeiter, eigensten Interessen handeln
wird. Diese neue revolutionäre Bewegung wird das Resultat der ge-
genwärtigen sein, und sobald sie eintritt, wird Engels - darauf
mögen die Arbeiter sich verlassen - ebensogut wie alle andern
Redakteure der "N[euen] Rheinischen] Z[ei]t[un]g" an seinem
Platze sein, und keine Macht der Erde wird ihn dann bewegen, von
diesem Platz zurückzutreten.
Geschrieben von Friedrich Engels.
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